Nachdem in der Georg Büchner-Gesellschaft textkritische Fragen nicht mehr erörtert werden, weil nach Abschluß der Marburger Büchner-Ausgabe dieses Vereinsziel erreicht ist (oder sei – pb) und man sich nun ganz dem Inhalt der Schriften widmet, fehlt ein Forum des Austauschs für diejenigen, die nicht alles für abschließend geklärt halten. Daß bislang einige wichtige Fragen, der Überlieferung wie der Textkonstitution, offen geblieben sind, ist meine These seit dem Erscheinen des ersten MBA-Bandes (vgl. Wender 2001). Das Angebot von Peter Brunner, im Blog einmal allgemeinverständlich darzulegen, was hinter dem oft beklagten Hickhack der Textkritiker in der Zeit zwischen 1980 und 2015 steckt, habe ich deshalb gerne angenommen. Als Paradebeispiel wähle ich den sogenannten Fatalismusbrief. Diesen Text, der 1850 vom jüngeren Bruder Ludwig Büchner auf der Grundlage eines Hefts mit undatierten Briefauszügen,(Abschreiberin: die Adressatin Wilhelmine Jaeglé) als Teil der „Nachgelassenen Schriften“ erstmals gedruckt wurde, muß jede/r berücksichtigen, der bzw. die sich über Georg Büchner als politisch handelnden Menschen eine Meinung bilden will.
Eine zentrale Frage: Wann wurde der Text geschrieben?
„Ich studirte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. […] Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser.“
Diese Kernpassage hat zu den heftigsten Auseinandersetzungen darüber geführt, wann genau sie geschrieben wurde:
Frühjahr 1834 (Fritz Bergeman 1922),
November 1833 (ders. ab 1940),
März 1834 (Werner R. Lehmann 1967),
März 1834. (Thomas Michael Mayer 1979),
Januar 1834. (Jan-Christoph Hauschild 1989),
Januar 1834 (Th. M. Mayer/Reinhard Pabst 1994),
Januar 1834 (Henri Poschmann 1999),
Mitte Jan. 1834 (Burghard Dedner im Briefwechsel-Band der MBA 20..) oder
teils Ende Nov., (meine These)? teils Anf. Dez.1833
Den Grund für die bisweilen äußerst scharf geführten Debatten hat Dedner im >buechnerportal< bündig zusammengefaßt:
„Wilhelmine Jaeglé hatte zu keinem der Briefe das Datum mitgeteilt. Deshalb ist die Antwort auf die Datierungsfrage dem Scharfsinn der Herausgeber überlassen. Immerhin ist das Datum nicht unwichtig, denn zur Debatte steht häufig das zeitliche Verhältnis dieses Briefes zur Niederschrift des Hessischen Landboten.“
Ist der fragliche „Brief“ ein editorisches Konstrukt?
Schon in den frühen 1990er Jahren hatte ich in einem unveröffentlichten Arbeitspapier die Vermutung geäußert, daß es sich bei dem vieldiskutierten „Brief“ um ein editorisches Konstrukt, eine Kontamination von Auszügen aus verschiedenen Briefen handelt und daß folglich mehr als nur ein Darum zu bestimmen ist. Unter dieser Hypothese ist der erste Absatz getrennt zu betrachten. Er beginnt mit einer Beschreibung von Gießen und Umgebung, wo sich Büchner, nach vier Auslandssemestern, zur Fortsetzung des Studiums (Wintersemester 1833/34) seit Ende Oktober 1833 aufhielt, und zwar erst einmal nur bis Ende November, weil er krankheitsbedingt vorübergehend zur Familie nach Darmstadt zurückkehren mußte. Nach meiner These gilt für diesen Absatz die Datierung, die von Ludwig Büchner für das ganze Textstück nahegelegt hattee: Gießen, zu Beginn des Wintersemesters 1833/34:
„Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei sei. Hügel hinter Hügel und breite Thäler, eine hohle Mittelmäßigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich. Bei uns ist Frühling, ich kann deinen Veilchenstrauß immer ersetzen, er ist unsterblich wie der Lama. […] Je bai[s]e les petites mains, en goûtant les souvenirs doux de Strasbourg.“
Aber “ Frühling“ ? „Veilchenstrauß“ ? Zu Beginn des Wintersemesters?
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts regten sich erste Zweifel (Zobel von Zabeltitz), so daß sich der erste wissenschaftliche Heraussgeber, der junge Fritz Bergemann, zu einer Konjektur veranlaßt sah (s. oben in der Aufzählung). Es dauerte indessen keine zwei Jahrzehnte, bis er davon abrückte; das >buechnerportal< stellt lapidar fest:
„Fritz Bergemann, der erste wissenschaftliche Herausgeber des Briefes, datierte den Brief in seiner Ausgabe von 1922 auf »Frühjahr 34?«, in einer späteren Ausgabe von 1940 auf »November 1833«.“
Über Bergemans Gründe kann man wohl nur spekulieren, doch hat es für mich den Anschein, daß er scharfsinniger war als die spätere Forschung. Diese Auffassung werde ich in der nächsten Folge meines Gastbeitrags zu erläutern versuchen.
Nachbemerkung
Es wäre mir sehr lieb, wenn Nachfragen zu oder Kritik an diesem ersten Teil ‚zeitnah‘ hier als Kommentar(oben unter „Kommentar“) eingegeben würde, damit ich darauf in einer der nächsten Folgen anwenden kann. Wenn das jemand nicht-öffentlich tun will, kann sie bzw. er mich über folgende Email-Adresse erreichen: drwender@aol.com
Manchmal beginnt historische Detektivarbeit an ganz unerwarteter Stelle. Diesmal war es ein digitaler Streifzug durch die Bildarchive der Revolutionszeit.
Bernard Umbrecht hatte im Januar 2022 bemerkenswerte Grafiken aus der Collection de Vinck der Bibliothèque nationale de France aufgespürt. Im Zentrum stand der revolutionäre Held Jean-Baptiste Poupart de Beaubourg. Auf seinem Trikolore-Gürtel prangte die Parole:
„Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“ – Friede den Hütten, Krieg den Palästen.
Für mich war das wie ein Funke im Heuhaufen. Denn auf dem Bild stand zugleich unübersehbar das Datum „14 juillet 1789“. Wenn die Parole tatsächlich schon auf einer mit dem Bastillesturm verbundenen Darstellung auftauchte, dann musste man sich fragen, ob sie womöglich deutlich älter war als die bisher in der Büchner-Forschung herangezogenen Nachweise aus dem Jahr 1792.
Doch: eine interessante Spur ist noch kein Beweis. Und ohne den kritischen Blick vorzugsweise besserer Kenner kommt man meist nicht weit.
Einspruch
Mit Bernard Umbrecht und Herbert Wender verbindet mich nicht nur eine jahrzehntelange Bekanntschaft, sondern auch ein regelmäßiger und bisweilen streitbarer Austausch .
Es dauerte deshalb nicht lange, bis Herbert Wenders E-Mails in meinem Posteingang landeten – und kurz danach gleich im Dutzend. Akribisch recherchiert, mit immer neuen Quellen und einer erstaunlichen Funddichte.
Wenders Kritik traf meine schöne Juli-1789-Hypothese an einer empfindlichen Stelle.
In seiner ersten Nachricht vom 10. August verwies er auf M.-J. Dusaulxs De l’insurrection parisienne, et de la prise de la Bastille von 1790. Auf den Seiten 258–261 wird dort ein Dekret vom 19. Juni 1790 dokumentiert. Es regelte anlässlich des ersten Jahrestags des Bastillesturms die offizielle Ehrung der Vainqueurs de la Bastille. Sie sollten unter anderem Waffen und Bekleidung auf Kosten des Staatsschatzes erhalten, ein brevet honorable bekommen und das Recht führen, sich „Vainqueur de la Bastille“ zu nennen.
Damit wurde die Sache komplizierter.
Denn wenn eine Darstellung den offiziell anerkannten Ehrentitel Vainqueur de la Bastille verwendet, kann man sie nicht ohne Weiteres als Bildzeugnis vom 14. Juli 1789 behandeln.
Das Datum „14 juillet 1789“ auf einem Bild ist eben nicht automatisch das Herstellungsdatum des Bildes.
Ein Datum auf einem Bild ist noch keine Datierung.
Ein Bild und seine Verwandlungen
Bei genauerem Hinsehen wird die Sache noch interessanter. In der von François-Louis Bruel bearbeiteten Collection de Vinck finden sich mehrere einschlägige Blätter.
Die Darstellungen De Vinck 1653/1654 zeigen Poupart de Beaubourg in Verbindung mit dem 14. Juli 1789. Auf dem Trikolore-Gürtel steht:
„Paix aux chaumières / Guerre aux Châteaux“.
Auf einer Lanze finden sich außerdem die Worte „Les tyrans sont Murs“ und das Datum „14 juillet 1789“.
Ein weiteres Blatt, De Vinck 1655, trägt die Bezeichnung Vainqueur de la Bastille. Hier kommt auf dem Helm die Devise „Vaincre ou mourir“ hinzu. Dieses Blatt wird von Rolf Reichardt als kolorierter Bonneville-Druck von 1792 beschrieben.
Die Blätter gehören damit offenbar zu einer kleinen ikonographischen Entwicklung. Das 1792 datierte Bonneville-Blatt kann nicht als Beleg dafür dienen, dass die Parole bereits 1789 entstanden ist. Zugleich zeigt die Poupart-Darstellung, dass die Formel in einer Bildwelt erscheint, die ausdrücklich mit dem 14. Juli 1789 verbunden wurde.
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Das Bildmaterial beweist also nicht, dass „Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“ am 14. Juli 1789 entstanden ist. Es zeigt aber, dass die Formel früh in der revolutionären Bildwelt präsent war und mit der Erinnerung an den Bastillesturm verbunden wurde.
Und damit war meine ursprüngliche Frage keineswegs erledigt. Sie hatte sich nur verändert.
Vom Bild zur Sprache
Wenders Spurensuche führte nämlich weiter aus dem Bilderbestand hinaus in die revolutionäre Publizistik.
Dabei tauchen unterschiedliche, offenbar miteinander verwandte Formulierungen auf: „Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“, aber auch „paix aux cabanes“ und „Guerre aux châteaux, paix aux chaumières“.
Allerdings: eine verwandte politische Metapher ist noch nicht dieselbe Formel. Und eine spätere Rückschau auf die Revolution ist noch kein Beleg dafür, dass die entsprechende Formulierung bereits 1789 verwendet wurde.
Klar ist jetzt: Die Formel selbst gehört tatsächlich in die revolutionäre Sprachwelt der 1790er Jahre. Ein besonders deutlicher Beleg findet sich 1794 in einem Text der Sektion Maison Commune: Dort lautet die Devise ausdrücklich „Mort aux tyrans, guerre aux châteaux, paix aux chaumières.“ Auch in einer Adresse aus Bayonne vom März 1794 erscheint die Formel „guerre aux châteaux, paix aux chaumières“. (Persée)
Damit verschiebt sich die Frage erneut.
Nicht mehr: Ist die Formel erst 1792 entstanden?
Sondern: Wie weit lässt sich ihre Vorgeschichte zurückverfolgen – und wann wird aus einem politischen Motiv eine feste, zirkulierende Formel?
Paläste und Hütten – ein älteres revolutionäres Bildfeld?
Auch Thomas Paine gehört in dieses Umfeld – allerdings nicht als Beleg für die konkrete Parole.
In Common Sense von 1776 findet sich die bemerkenswerte Formulierung:
„the palaces of kings are built upon the ruins of the bowers of paradise.“
Paine stellt hier die Paläste der Könige einer ursprünglichen, paradiesischen Lebenswelt gegenüber. Von „Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“ ist das sprachlich scheinbar weit entfernt. Semantisch berührt sich beides allerdings in der politischen Vorstellung, dass Herrschaft und Luxus auf Kosten einer einfachen und ursprünglichen Lebenswelt bestehen.
Die Frage wäre also nicht: Hat Paine die spätere Parole „erfunden“?
Dafür gibt es keinen Beleg.
Viel interessanter ist die Frage, ob solche Vorstellungen Teil eines größeren politischen Sprach- und Bildfeldes waren, aus dem sich später konkrete revolutionäre Formeln herausbildeten.
Vielleicht ist gerade diese Unterscheidung wichtig: Nicht jede frühe verwandte Formulierung ist ein Vorläufer der konkreten Parole – aber die konkrete Parole fällt auch nicht aus einem sprachlichen Nichts vom Himmel.
Eine Parole wird zur Chiffre
Noch aufschlussreicher wird die Spur, wenn man in die spätere Revolutionsgeschichtsschreibung blickt.
Walter Scotts Leben Napoleon Bonapartes, Kaiser der Franzosen von 1828 formuliert rückblickend:
„Die französische Revolution hatte Krieg den Palästen, Friede den Hütten verkündet.“
Scott belässt es nicht bei dieser Formel. Unmittelbar anschließend beschreibt er die politischen Folgen der Revolution als Kampf gegen die „bevorrechteten Stände“, die als „Tyrannen und Unterdrücker der Armen“ dargestellt werden. Die Formel erscheint damit bereits als zusammenfassende Chiffre für das politische Programm, das Scott der Französischen Revolution zuschreibt.
Für unsere Büchner-Frage ist dieser Nachweis besonders interessant, weil es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Scotts Werk im Umfeld der Familie Büchner zugänglich gewesen sein könnte. Ob Georg Büchner oder ein anderes Familienmitglied den betreffenden Band tatsächlich gelesen hat, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Das ist also kein Nachweis einer Büchner-Lektüre. Aber es ist ein möglicher Baustein in der Frage nach dem kulturellen und sprachlichen Umfeld, in dem die Formel vor Büchners eigener Verwendung zirkulierte. Wir müssen auch nicht darüber schweigen, dass Büchners Großmutter aus dem damals noch hessen-darmstädtischen Pirmasens floh – vor der französischen Revolutionsarmee unter eben dieser Parole!
Noch bemerkenswerter ist die französische Revolutionsgeschichte von Jules Ferrand und J. de Lamarque aus dem Jahr 1853.
Im Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 1789 heißt es dort:
„Guerre aux châteaux, paix aux chaumières !“
Die Formel steht unmittelbar im Zusammenhang mit den Unruhen auf dem Land, den Forderungen nach der Abschaffung der Privilegien und der Diskussion über die Beschlüsse der Nacht des 4. August.
Aber auch hier ist die quellenkritische Unterscheidung wichtig: Ferrand liefert keinen Beleg dafür, dass dieser Wortlaut 1789 tatsächlich gerufen wurde. Er zeigt vielmehr, wie ein Autor des Jahres 1853 die Ereignisse von 1789 rückblickend mit dieser Formel zusammenfasst.
Auch die Eclectic Review von 1833 verwendet „paix aux cabanes“ als inzwischen verständliche revolutionäre Chiffre.
Damit lässt sich zumindest eine Entwicklung beobachten:
Aus einem revolutionären politischen Gegensatz wird eine Formel; aus der Formel wird eine Chiffre; und diese Chiffre kann schließlich rückblickend ganze Phasen der Revolution charakterisieren.
Und was bedeutet das für Büchner?
Damit kommen wir wieder zum Hessischen Landboten.
Die Marburger Büchner-Ausgabe verweist in ihrer Kommentierung auf eine französische Zeitschrift vom Januar 1792 und auf die Minerva vom Februar 1792. Diese Nachweise bleiben wichtig. Sie markieren den bislang herangezogenen textlichen Befund.
Die neuen Bild- und Rezeptionsspuren widerlegen diesen Befund nicht. Sie erweitern ihn.
Denn inzwischen stellt sich eine andere Frage: Geht es bei der Parole überhaupt nur um ihren ersten nachweisbaren Abdruck?
Oder hat sie schon vorher einen Weg durch die revolutionäre Öffentlichkeit genommen – durch Bilder, Zeitungen, politische Reden, Revolutionsgeschichten und später durch die Erinnerung an die Revolution?
Die inzwischen nachgewiesene Verwendung der Formel in der revolutionären Publizistik der 1790er Jahre macht jedenfalls deutlich, dass wir es nicht lediglich mit einer späteren Erfindung der Büchnerzeit zu tun haben. Zugleich bleibt die Frage nach der frühesten konkreten Verwendung der Formel offen.
Und genau diese offene Stelle ist interessant.
Denn wenn Georg Büchner die Formel im Hessischen Landboten verwendet, könnte es zu kurz greifen, nur nach einer einzigen und französischen Vorlage zu suchen.
Vielleicht greift Büchner auf einen politischen Sprachbestand zurück, der bereits verschiedene historische Stationen, Varianten und Bedeutungsverschiebungen durchlaufen hat.
Nicht zu vergessen das Schicksal seiner Großeltern, die ja unmittelbar „vor dieser Parole“ als hessische Staatsbeamte aus Pirmasens vor den Truppen Custines nach Darmstadt flohen. Kaum zu glauben, dass Frau Hofrätin Reuß, die „Rokkoko-Großmutter“, sich daran nicht erinnert hätte.
Vom Forschungsstreit zur neuen Frage
Was bleibt?
Zunächst einmal eine spannende Recherchegeschichte: Bernard Umbrecht entdeckt die Bilder. Ich sehe darin zunächst einen möglichen Beleg für eine ältere Datierung. Herbert Wender beginnt nachzufragen – und bringt eine Quelle nach der anderen auf den Tisch. Aus einer scheinbar einfachen Entdeckung wird ein ganzer kleiner Quellenkosmos.
Die ursprüngliche Hypothese ist dadurch nicht einfach bestätigt worden. Aber vielleicht hat sie sich wenigstens als produktiv erwiesen.
Liegt der interessanteste Punkt inzwischen gar nicht mehr bei der Suche nach einem einzigen „Ursprung“ der Formel?
Peter Rühmkorff hat für überlieferte, von Generation zu Generation verfügbare sprachliche Bestände den schönen Begriff des „Volksvermögens“ geprägt.
Mir scheint, „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ ist in diesem Sinne ein Stück politisches Volksvermögen.
Eine Formel, die nicht mehr einem einzelnen Autor gehört, sondern in unterschiedlichen historischen Situationen aufgegriffen, verändert, übersetzt und neu aufgeladen werden kann?
Dann wäre die Frage nach dem „Ursprung“ vielleicht nur ein Teil der Geschichte. Ebenso interessant wäre die Frage nach dem Gebrauch: Wer nimmt die Formel wann auf? Welche Bedeutung gibt man ihr? Wird aus einem revolutionären Ruf eine historische Chiffre – und schließlich ein Teil des politischen Sprachbesitzes?
Und wenn das so ist: Was macht Georg Büchner mit diesem Volksvermögen?
Das wäre dann die nächste Spur, der wir nachgehen sollten.
Die Recherche ist also noch lange nicht abgeschlossen. Aber vielleicht ist genau das ihr schönstes Ergebnis: Du findest einen Beleg – und bekommst dafür eine bessere Frage.
Inzwischen halte ich es für die stärkere Variante, diese Ursprungsfrage als offen zu behandeln, statt eine unsichere Zuschreibung als geklärt auszugeben – gerade für das weitere Nachdenken über das politische ‚Volksvermögen‘.
Quellen- und Literaturverzeichnis
1. Archivalische Quellen & Bildzeugnisse:
Bibliothèque nationale de France, Cabinet des estampes: Collection de Vinck. Un siècle d’histoire de France par l’estampe (1770-1827). Inventaire analytique par François-Louis Bruel, Paris 1914 (Nachdruck Paris 1970), darin speziell Nrn. 1653–1656 (Darstellungen des J. B. Poupart de Beaubourg sowie der kolorierte Kupferstich von François Bonneville, Paris 1792).
Rolf Reichardt: L’imagerie révolutionnaire de la Bastille: collections du Musée Carnavalet, Paris 2009, S. 27.
M.-J. Dusaulx: De l’insurrection parisienne, et de la prise de la Bastille; discours historique, prononcé par extrait dans l’assemblée nationale, Paris 1790, S. 258–261 (Dokumentation des Dekrets vom 19. Juni 1790 zur Verleihung des Ehrentitels und der Ausrüstung für die Vainqueurs de la Bastille).
Thomas Paine: Rights of Mansowie französische Gesetzessammlungen und Schriften (1816–1852) zur sozioökonomischen Kritik an Palästen und Luxus.
The Eclectic Review, Bd. 9/57, hg. von Samuel Greatheed u. a., London 1833, S. 57 (zeitgenössische/rückblickende Erwähnung des Motivs „paix aux cabanes“).
Anonymes Revolutionsgeschichtswerk (Paris 1828), S. 209f. (Nachweis der Formulierung „Die französische Revolution hatte Krieg den Palästen, Friede den Hütten verkündet“ unter Verwendung von „paix aux cabanes“).
Illustrierte Revolutionsgeschichte (Paris 1853), Einordnung der Parole im Kontext der Aufhebung der Feudalrechte in der Nacht des 4. August 1789.
3. Moderne Forschungsliteratur & Arbeitsmanuskripte:
Peter Brunner: Hat die Landboten-Parole ältere Ursprünge?, Work in Progress auf Academia.edu, August 2026.
Historisch-Kritische Werkausgabe (MBA): Kommentierung zum Hessischen Landboten(mit Verweisen auf die französische Zeitschrift vom Januar 1792 sowie die Minervavom Februar 1792).
Brieflicher und E-Mail-Diskurs zwischen Dr. Herbert Wender, Bernard Umbrecht und Peter Brunner
Neue Forschungsnotiz: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ bereits 1789/1790 nachgewiesen
In der Büchner-Philologie gilt die Losung des Hessischen Landboten von 1834 bislang als Produkt der Revolutionspublizistik von 1792 (u. a. zugeschrieben Nicolas Chamfort). Ein bildgeschichtlicher Fund aus der Bibliothèque nationale de France (BnF) stellt diese Datierung auf die Probe: Eine anonyme Druckgrafik zeigt die Parole bereits auf der Schärpe eines Vainqueur de la Bastille aus den Jahren 1789/1790.
Das neue Working Paper von Peter Brunner dokumentiert den Befund, differenziert quellenkritisch zwischen gesicherten Fakten und Forschungshypothesen und ordnet die Konsequenzen für die Büchner-Forschung neu ein (entstanden unter freundlicher Mitwirkung von Dr. Herbert Wender).
📄 Zum vollständigen Working Paper auf Academia.edu:
Die Luise Büchner-Gesellschaft vergibt den diesjährigen Luise-Büchner-Preis für Publizistik an die Schweizer Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach . Mit ihren Büchern Die Erschöpfung der Frauen (2021) und zuletzt Revolution der Verbundenheit (2024) zählt sie zu den meistbeachteten feministischen Stimmen im deutschsprachigen Raum. Neben der weiblichen Perspektive richtet sie ihren Blick auch auf die männliche Seite: Schutzbach forscht zu Antifeminismus, Misogynie und den Kommunikationsstrategien rechtspopulistischer Bewegungen, etwa dazu, wie sich Männlichkeitsbilder radikalisieren und zum Einfallstor für rechtsnationales Denken werden.
Franziska Schutzbach, geboren 1978, promovierte an der Universität Basel und lehrt und forscht dort am Zentrum Gender Studies.
Der Preis ist mit vom Lions Club Louise Büchner bereitgestellten 3.000 Euro dotiert und erinnert seit 2012 an die Darmstädter Frauenrechtlerin und Publizistin Luise Büchner (1821–1877).
Die Preisverleihung findet am 29. November in Darmstadt statt.
Es ist zwar April, aber ich möchte heute an August erinnern – August Becker …
Hören Sie mal:
Auch wenn Ihnen die Interpretation durch Jimmy Hendrix näher ist – Sie glauben, Sie kennen den Text?
Weit gefehlt. Hier ist der originale Text des Refrains:
Unser Landgraf, der soll leben, und die Landgräfin daneben! Hesse-Darmstädter sein mir, ja, Hesse-Darmstädter sein mir!
Das hat schon 1875 Eduard Leyh in der Gartenlaube (12/1875) mitgeteilt:
„ … Mein alter Freund und Mentor, der 1871 in Cincinnati verstorbene Journalist August Becker, … meinte, eine so herrliche Melodie könne gar kein Amerikaner erfinden, dieselbe sei entschieden deutsch. Als Beweis führte er den Endreim eines hessischen Soldatenliedes an, welcher lautet:
„Unser Landgraf, der soll leben, und die Landgräfin daneben! Hesse-Darmstädter sein mir, ja Hesse-Darmstädter sein mir.“
Becker argumentirte nun, daß die damals von ihren sauberen Fürsten an die Engländer verschacherten Hessen dieses Lied auf amerikanischem Boden häufig gesungen hätten und die Melodie hier von den Amerikanern aufgegriffen worden sei. Thatsächlich herrscht zwischen dem Liede der Darmstädter Patrioten und dem Endreime unserer Nationalhymne große Aehnlichkeit und ich war immer geneigt, Herrn Becker in diesem Punkte Recht zu geben … “
Der engste Freund und Vertraute Georg Büchners war bekanntlich nach Haft, Exil, 48er-Aktivitäten und Abgeordnetentätigkeit in die Vereinigten Staaten ausgewandert. August Beckers publizistische Tätigkeit in den USA ist noch längst nicht vollständig erfasst, geschweige denn ausgewertet, aber ich kann sicher sagen, dass seine oft amüsant-polemisch geschriebenen Berichte voller wertvoller Informationen stecken. Warum sollte das bei diesem Gespräch mit jemandem, der ihn seinen Mentor nannte, anders sein?
Becker war im Bürgerkrieg unter deutschen Freiwilligen, die allerdings wahrscheinlich nicht mehr einem Landgrafen huldigten. Dass zu später Stunde in rührseliger Heimatsehnsucht trotzdem alte deutsche Soldatenlieder gesungen wurden ist allerdings trotzdem so unwahrscheinlich nicht. Und wer sich ein Bild des „roten Becker“ macht,
(nach einer historischen Abbildung mit KI – Gemini – erstellt)
wird keine Sekunde lang daran zweifeln, dass zu seinen vielen Qualitäten ganz bestimmt auch der Vortrag zahlreicher deutscher Lieder gehörte.
Und so freuen wir uns in Zukunft beim Hören der US-Hymne, dass wir den richtigen Text darauf kennen, auch wenn der auch nicht besser ist als „O! say does that star-spangled banner yet wave, O’er the land of the free and the home of the brave?“.