Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Büchner (Seite 1 von 42)

„Am besten wär so’n autoritärer Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und freundlich“

 

 

„Denkt an die Verfassung des Großherzogthums. – Nach den Artikeln derselben ist der Großherzog unverletzlich, heilig und unverantwortlich. Seine Würde ist erblich in seiner Familie, er hat das Recht Krieg zu führen und ausschließliche Verfügung über das Militär. Er beruft die Landstände, vertagt sie oder lößt sie auf. Die Stände dürfen keinen Gesetzes-Vorschlag machen, sondern sie müssen um das Gesetz bitten, und dem Gutdünken des Fürsten bleibt es unbedingt überlassen, es zu geben oder zu verweigern. Er bleibt im Besitz einer fast unumschränkten Gewalt, nur darf er keine neuen Gesetze machen und keine neuen Steuern ausschreiben ohne Zustimmung der Stände. Aber theils kehrt er sich nicht an diese Zustimmung, theils genügen ihm die alten Gesetze, die das Werk der Fürstengewalt sind, und er bedarf darum keiner neuen Gesetze. Eine solche Verfassung ist ein elend jämmerlich Ding. … “ (Georg Büchner, Der Hessische Landbote)

 

Die erste hessische Verfassung von 1820, von der Büchner so wenig hielt, ist nicht zuletzt „seine“ Verfassung, die „unsrer“ Büchners. Der Butzbacher Lehrer Fritz Weidig wird aktenkundig, weil er sie seinen Schülern zum Auswendiglernen aufgibt; sein „Leuchter und Beleuchter für Hessen“ kann trotz des Verfassungsverbotes von Zensur nur illegal erscheinen, ebenso – „natürlich“ – der Hessische Landbote. Wilhelm Schulz hat ihr immerhin bei der Anklage wegen illegaler Veröffentlichung seines „Frag- und Antwortbüchlein …“ einen Freispruch zu verdanken. Die Landboten-Verschwörer werden – trotz oder wegen der Verfassung – Opfer von Verfolgung, Haft, Folter und Exil: Büchner stirbt in Zürich, Weidig im Darmstädter Arresthaus.

Die gleiche Verfassung übersteht nach kurzer Liberalisierung die 48er-Revolution (während der Wilhelm Büchner und August Becker im sogenannten Revolutionslandtag sitzen) und auch die Deutsche Reichsgründung von 1871. Georgs Geschwister bleiben ihr ihr Leben lang untertan – bis auf Alexander, der nach dem Verlust der Anwaltszulassung wegen „Hochverrats“ eben dieser Verfassung schließlich nach Frankreich auswandert. Erst mit dem Niedergang der Monarchie 1918 und dem Inkrafttreten der demokratischen Verfassung des Volksstaates Hessen endet ihre Geltung. Sie begleitet damit Hessens Weg in die Moderne. Uns interessiert an diesem Gesetzeswerk, das durchaus nicht demokratisch entstand, ob, wie und warum es dennoch Fortschritt bedeutete. 

„Jeder Hesse ist vor dem Gesetz gleich“

und „Die Presse und der Buchhandel sind in dem Großherzogthume frey“ –

die Paragraphen formulieren Grundrechte, auf die Berufung im Gerichtsverfahren möglich war. 

Am Anfang unserer Überlegungen zur Bedeutung dieser „oktroyierten“ Verfassung stand ein Zitat. Liselotte Eder, R. W. Fassbinders Mutter, sagt im Episodenfilm „Deutschland im Herbst“

„Am besten wär so’n autoritärer Herrscher,
der ganz gut ist und ganz lieb und freundlich“

Wir fragen uns: 

Was bedeutet es für ein Staatswesen, wenn seine Verfassung nicht von der Gewalt des Volkes her kommt? „Nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten die Körner für sich herausgeklopft haben. … Eine solche Verfassung ist ein elend jämmerlich Ding“ schreibt Büchner im Hessischen Landboten. War sie nicht auch eine Verbesserung gegenüber der vorherigen, gesetzlosen Aristokratenwillkür? 

„Erscheint gemäß der Hessischen Verfassung ohne Zensur“ schreibt Friedrich Weidig über seine (illegale) Flugschrift, die in Wirklichkeit von der Staatsgewalt unerbittlich verfolgt wird, indem sie die „Karlsbader Beschlüsse“ der reaktionären Fürsten über die eigene Verfassung stellt. Hatte nicht alleine die Erwähnung von Zensurfreiheit eine verpflichtende Bedeutung, auf die sich Beschuldigte berufen konnten? 

Wären die ungebildeten Tagelöhner und Bauern denn überhaupt imstande gewesen, republikanisch-demokratisch zu agieren und sich selbst zu verwalten? 

Musste nicht vor der Wahl erst die Ermächtigung zur Wahl, Bildung, politisches Bewusstsein, geschaffen werden? 

„Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie. Ein Huhn im Topf jedes Bauern macht den gallischen Hahn verenden.“ schreibt Büchner. Wohlstand für alle scheint allemal wichtiger als Büchners Gleichheitsträume. Was wäre von einem Volk von Illiteraten und Hungerleidern an Perspektive zu erwarten gewesen?

„Dem Fürsten sein dankbares Volk“ (Inschrift auf dem verwirklichten Denkmal, dem „Langen Ludwig“ in Darmstadt). Die Bilder zeigen Ausschnitte aus der Denkmal-Karikatur von Jaques Tilly

 

 

Zu diesen Fragen fanden wir aktuell überraschende, ja beängstigende Parallelen:

Was sind Wähler*innen bereit, für ein Huhn im Topf dranzugeben? Dass das Fressen vor der Moral kommt, weiß Bertolt Brecht, und Büchners Woyzeck sagt „Wer kein Geld hat. Da setz einmal einer seinsgleichen auf die Moral in die Welt[.] Man hat auch sein Fleisch und Blut.“

In Polen kauft sich die Regierung Stimmen mit Wahlgeschenken, in Ungarn ist die Pressefreiheit ernsthaft bedroht und die Kapriolen des gewesenen amerikanischen Präsidenten lassen an Büchners König Peter vom Königreich Popo denken. Weltweit lässt sich undemokratisches Regieren hemmungslos „demokratisch“ legitimieren. 

Die Volksrepublik China erscheint heute manchen in Westeuropa als Prototyp einer anderen Moderne. Was nach unserer Auffassung sorgsamer Abwägung und schwieriger Abstimmungsprozesse bedarf, wie große Bauvorhaben oder weitreichende politische Strategien, wird dort scheinbar mit einem Federstrich der autokratisch herrschenden Politbürokratie entschieden. Nicht zuletzt wegen der außergewöhnlichen wirtschaftlichen Dynamik, die scheinbar so ermöglicht wird, werden durchaus sympathisierende Stimmen dafür laut. Hat nicht die chinesische Parteiautokratie in den achtziger Jahren nach Mao Tse Tungs Tod jahrzehntelangen Bürgerkrieg und den Zerfall des riesigen Reiches in „warlordships“ verhindert? War das die gebrachten Opfer an Demokratie und Freiheit nicht wert? Wie einfach wäre doch bei uns die Stromtrassenplanung, der Autobahnbau oder die Veränderung der Reise- oder Ernährungsgewohnheiten unter solchermaßen vereinfachten „chinesischen“ Verhältnissen! Auch das entwicklungspolitische Engagement der VR China, insbesondere in Afrika, das sich nicht um demokratische Legitimation, geschweige denn Demokratiebildung, schert, wird durchaus als nachahmenswert oder vorbildlich beschrieben. 

Fassbinders Mutter bringt es auf den Punkt: ein „guter König“ wäre billiger und effektiver als unsere aktuellen Regierungsformen. 

Warum dennoch diskutieren statt durchregieren, warum dennoch Konsens statt Dominanz, warum dennoch Kompromiss statt Befehl?

In der Büchnerstadt werden wir uns dem stellen – nach, trotz, mit oder ohne Corona – , und wir wollen die gefundenen Antworten öffentlich machen. Wir wollen es nicht dabei belassen, auf dem Elfenbeinturm akademische Debatten zu führen, wir wollen Diskurs führen und weitergeben. Daher werden wir Forschende zur Materie als „Inputgebende“ und künstlerisch Gestaltende als „Output-Gebende“ einladen. Sie sollen sich mit uns auf diese Fragen akademisch und künstlerisch einlassen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, aktuelle Vermittlungsformen für ihren Befund finden und öffentlich präsentieren. 

 

Ganz gemäß Büchners Haltung: „ …der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtschreiber, steht aber über Letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockne Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt.“ 

Von Peter Brunner

200 Jahre Hessische Verfassung

Am 22. Dezember 1820, vor exakt 200 Jahren, wurde in Darmstadt, der Hauptstadt des Großherzogtums Hessen, die erste Verfassung des Landes verkündet. Wikipedia schildert hier gut und ausführlich die historischen Umstände, die dazu führten. Craig Weiser arbeitet an einer Promotion zum Thema und dokumentiert seine Recherchen im Blog „Verfassung Hessen-Darmstadt“.

Nach dem Tod des ersten Großherzogs, der sich als einziger der Darmstädter Fürsten ein vornehmes „e“ im Namen leistete – LudEwig“ -, formierte sich eine Bewegung zur Errichtung eines Denkmals zur Feier des Verfassungserlasses. Auch für die schließlich realisierte Variante gibt es einen guten wikipedia-Eintrag. Hier soll nur angemerkt werden, dass der dort als Mitentwerfer des „Langen Ludwig“ genannte Balthasar Harres später der Architekt von Wilhelm Büchners Villa in Pfungstadt wurde. 

Zunächst war allerdings ein anderes Denkmal geplant; im Darmstädter Stadtarchiv hat sich eine Zeichnung davon erhalten:

Der nicht verwirklichte Entwurf für ein Verfassungsdenkmal in Darmstadt.
Original im Stadtarchiv Darmstadt

Dass der „Lange Ludwig“ heute kaum als Verfassungsdenkmal wahrgenommen wird, ist schon bei der Errichtung beabsichtigt gewesen. Der nächste Großherzog, Ludwig II, lässt seinen Vater wie Napoleon auf der Pariser Place Vendome präsentieren, die Verfassung fast unsichtbar in der Hand und ohne dass auch nur eine einzige Inschrift auf sie hinweist. 

Als hätte er es geahnt, lässt Büchner seinen Danton sagen:

„Zwischen Thür und Angel will ich euch prophezeien: die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen glüht, wir Alle können uns noch die Finger dabey verbrennen.“

200 Jahre später wollten darauf aufmerksam machen, warum der lange Ludwig kein Verfassungsdenkmal ist, und haben eine Lösung gesucht, das nicht verwirklichte Denkmal doch noch zu realisieren. Christian Steinmetz ist der Gestalter unseres neuen corporate design, und dass er der Ur-Ur-Enkel Ludwig Büchners ist, hat uns sehr eng miteinander verbunden. 

Jaques Tilly mit Modell im BüchnerHaus

Durch seine Vermittlung lernten wir den Düsseldorfer “Großplastik-Gestalter“ Jaques Tilly kennen. Tilly hat sich unserer Überlegungen mit großem Engagement angenommen und seine außergewöhnliche Erfahrung bei Planung und Realisierung eingesetzt. Er konnte uns davon überzeugen, dass eine schlichte Rekonstruktion des verworfenen Entwurfes nicht wirken würde. Mit ihm zusammen haben wir stattdessen eine „3-D-Karikatur“ entworfen, in der Plan und Kritik zugleich erscheinen. Mit „Friede den Palästen“ machen wir deutlich, dass die Aristokratie das Bestehende sichern konnte, der scheinbar joviale Fürst macht es sich auf dem Rücken des zum Schweigen gebrachten und verarmten Volkes gemütlich. 

Das gelungene Modell konnten wir aus den Mitteln finanzieren, die uns das Land Hessen als Projektmittel für unsere Kooperation zur Verfügung gestellt hat.

Die BüchnerBühne hat ein wunderbares Programm entwickelt, das zusammen mit dem Wagen unser Motto „Büchner findet statt“ ins Land gebracht hätte.  Bis vor wenigen Tagen hofften wir noch, als „Lebenszeichen“ in der Corona-Krise wenigstens den Motivwagen in Darmstadt präsentieren zu können – die Freunde von der Centralstation und die Darmstädter Stadtverwaltung waren uns da sehr liebenswürdig behilflich. Auch das ist schließlich gescheitert. Der Wagen steht jetzt im Hof des BüchnerHauses und wartet mit uns auf bessere Zeiten. 

Jaques Tillys Realisierung der „Rekonstruktion“

Für BüchnerHaus und BüchnerBühne sollten die Umstände dieser Verfassung der Schwerpunkt der Aktivitäten 2020 sein; Stück für Stück sind unsere hochfliegenden Pläne in diesem Pandemie-Jahr auf dem Bauch gelandet. 

In Kürze mehr darüber, wie das Thema „oktroyierte Verfassung“ BüchnerBühne und BüchnerHaus 2021 beschäftigen werden.

Das Stadtarchiv Darmstadt hat einen zweiteiligen Beitrag zur Geschichte der Ludwigssäule veröffentlicht, und von Büchnerhaus und Büchnerbühne ist inzwischen ein erster Videobeitrag zum Thema online.

Von Peter Brunner

Georg Büchners Geburtstag – „… warum schreibe ich noch, wenn andere solche Sätze schreiben?“

Der 17. Oktober 1813 ist einer der Tage, „die die Welt erschütterten“. Napoleons Truppen unterliegen in der „Schlacht bei Leipzig“, wie die „Völkerschlacht“ zunächst beschrieben wird, den vereinigten Truppen von Russen, Preußen, Österreich und Schweden. Die Geschichte dieses Frontwechsels der anderen deutschen Länder in den folgenden Monaten füllt Bände; das Großherzogtum Hessen von Napoleons Gnaden trat am 23. November aus dem Bündnis aus, nachdem sich am 30. Oktober die Bayern in der Schlacht bei Hanau noch eine blutige Nase geholt hatten – in der letzten Schlacht, die Napoleons Truppen auf deutschem Boden gewannen.

Im hessischen Ried wird es zwei, drei Tage gedauert haben, bis die weltgeschichtlichen  Nachrichten die Provinz erreichten, als im Haus des späteren Schultheissen in der Goddelauer Weidstraße dem Kreisschirurgus Ernst Büchner und seiner Frau Caroline das erste Kind geboren wird. Dr. Büchner wird die Nachrichten mit größtem Interesse verfolgt haben – war er doch bis 1810 napoleonischer Soldat und „chirurgien sous aide major“ der holländischen Armee; später Ober-Chirurgus am Spital der kaiserlichen alten Garde (das Jean Larray leitete, Napoleons Leibarzt). Seine Hochachtung des Empereurs, der ihn immerhin einst persönlich ansprach, ist gut dokumentiert; es ist wahrscheinlich, dass er den Ausgang der Leipziger Schlacht für eine Niederlage hielt.

 

 

Taufschale Georg Büchners in der evangelischen Kirchengemeinde Goddelau.

Bei der Taufe seines ersten Sohnes am 26. Oktober, der die Vornamen der beiden Großväter, Carl und Georg, erhielt, wurde als Pate auch ein Bruder der Mutter eingetragen, der abwesende Leutnant Georg Reuß. Spätestens an diesem Tag ist der Krieg für alle Beteiligten präsent gewesen; die folgende Einquartierung von „Kosaken“ während des französischen Rückzuges hat in Südhessen zahlreiche Berichte und Erinnerungen hinterlassen. Als dann Blücher in der Neujahrsnacht 1813/14 bei Kaub den Rhein überquerte, wird das manchen Südhessen an den legendären Übergang Gustav Adolfs im Dezember 1631 am „Hahnensand“ bei Erfelden erinnert haben.

 Kaum eine Biographie Georg Büchners verzichtet auf den Hinweis auf diese weltgeschichtlichen Ereignisse. Im hessischen Landboten kommt der Empereur eher schlecht weg: „Aber die Franzosen verkauften selbst ihre junge Freiheit für den Ruhm, den ihnen Napoleon darbot, und erhoben ihn auf den Kaiserthron.“

Büchner wird kaum einen Geburtstag haben feiern können, ohne dass irgendwer an die historischen Umstände während seiner Geburt erinnerte. Später schreibt seine Schwester Luise in­ ihrer ziemlich national besoffenen, dennoch  äußerst lesenswerten „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870“ (Leipzig 1875):  

 

„Der Großherzog von Hessen blieb noch hartnäckiger; er hatte sich bei dem Heranrücken der Verbündeten nach Mannheim geflüchtet, fast unter den Schutz der Franzosen, während sein Minister du Thil doch klugerweise bereits mit dem bayerischen General Wrede darüber unterhandelte, auf welche Weise sich der Herzog mit den Verbündeten werde vergleichen können. Die erste Bedingung war natürlich der Austritt aus dem Rheinbunde, aber der Großherzog zögerte solange, dass nun unter dem Drang der Verhältnisse du Thil dem General Wrede auf das Schlachtfeld von Hanau nach reisen musste, wo man eiligst auf einer Trommel eine Militärkonvention zwischen Hessen und den Verbündeten unterzeichnete, die den Bestand des Großherzogtums rettete.“ (S. 16) und weiter „So sah sich nun der größte Teil Deutschlands von der französischen Herrschaft befreit; die Centralverwaltung konnte endlich ihre Tätigkeit beginnen, aber mit der Sprengung des Königreichs Westphalen kehrten jetzt die alten Regierungen, aus deren Landesteile dieses „lustike royaume“ war zusammengewürfelt worden, zurück. Und wie kehrten sie zurück, diese Hannoveraner, Braunschweiger und Hessen-Kassler –  einzig und allein von dem Gedanken erfüllt, das Alte, das Ungerechte und Gestürzte, wieder neu aufzurichten, ganz ebenso wie es gleich nach ihnen die Bourbonen auf dem Boden Frankreichs versuchten. … (Napoleon) sollte den Kelch, den er selbst sich zubereitet, bis zur Neige leeren, sollte nun an sich selbst erfahren was es heißt, Treubruch üben und den Freund verraten. Alles fiel von ihm ab und wendete sich den neuen Sternen zu, während Marmont, der Herzog von Ragusa schon lange mit dem Feinde unterhandelt hatte. Ein Regiment nach dem anderen zug von Fontainebleau ab, nur seine Garden umringten noch den gefallenen Mann, und auch von diesen musste er einen letzten, ergreifenden Abschied nehmen, nachdem er am 12. April, durch die eiserne Notwendigkeit dazu gezwungen, seine Abdankung unterzeichnet und mit einem Federzug alles vernichtet hatte, was er in unersättlichen Ehrgeiz, mit Blut und Leichen und Menschenelend zusammen gekittet. Napoleon konnte der Wohltäter der ganzen zivilisierten Menschheit werden und er ward ihre Geissel, er kam im Namen eines neuen Geistes, einer neuen Weltanschauung und er benutzte seine Macht zur Wiederherstellung und Stütze des alten, des Verrotteten und Abgelegten. Darum wurde jetzt auch dem Gewaltigen, der die Fürsten Europeen`s zwar unter seine Füße getreten, sie aber zugleich, damit sie ihm wirksamer dienten, zu Satrapen und Despoten gemacht, ein verhältnismäßig mildes Los zuteil, bei dessen Bestimmungen die Klugheit nicht den Vorsitz führte. … Deutschland aber hatte damit die Aufgabe seiner Befreiung von der Fremdherrschaft gelöst, wieder stand es auf eigenen Füßen, nun galt es darum, sich auch innerlich frei zu machen, die geschlagenen Wunden zu heilen und neue Bahnen des Fortschritts aufzusuchen.“

 

Einer guten Tradition folgend hat der Förderverein Büchnerhaus auch 2020 an Georg Büchners Geburtstag einen Kranz niederlegen lassen. Unser Freund Daniel Rohr vom nebenan gelegenen, wunderbaren „Theater Rigiblick“ hat Bernhard Schlink gewonnen, ihn dieses Jahr zum Grab zu begleiten. Schlink, der am Abend eine Lesung im Theater hatte, beschrieb seine Verbindung laut dem Zürcher Tagesspiegel so: „Das erste Stück, das er sah, war Dantons Tod … Ich war zwölf und von dieser Sprache total begeistert … und dass er vor einem Jahr Büchners Lenz wiedergelesen habe – dort stehen Sätze, die sind zum Niederknien … warum schreibe ich noch, wenn andere solche Sätze schreiben?“

 

Bernhard Schlink am Büchnergrab
Foto: Theater Rigiblick
Gruß aus der Büchnerstadt
Foto: U.K., Zürich

… mit den schlagendsten Gründen behauptete, dass die persönliche Hudelei nie aufhöre

Ein Zufall brachte mich auf eine Neuerscheinung in den USA: David Dixon veröffentlichte soeben „Radical Warrior. August Willich’s Journey from German Revolutionary to Union General”

Ich schrieb ihn mit der Frage an, ob der Deutsch-Amerikaner in Cincinnati Kontakt mit August Becker gehabt habe, und binnen kürzester Zeit tat sich mir ein neuer Horizont der Recherche über Georgs Freund und Vertrauten auf.

Ich habe noch nicht die geringste Ahnung, ob und wie weit diese Recherchen führen werden, aber schon eine allererste „advanced search“ in „chronicling america“ , auf die ich hingewiesen wurde, hat einen Aufsatz Beckers zu Tage gefördert, der seine Verbundenheit mit Georg Büchner und seine inhaltliche Auseinandersetzung mit dessen Haltung noch 30 Jahre nach seinem Tod belegt:

 

August Becker: „1848 in Kanne-Gießen“.

… Ehe ich indes dieselbe (eine ihm von Karl Vogt vermittelte Übersetzungsarbeit – pb) noch angefangen, hatte ich andere interessante Bekanntschaft in Gießen gemacht und erneuert. Da kamen zuerst die Brüder Louis und Alexander Büchner. Ich hatte die beiden als kleine Jungens in Darmstadt gesehen, wo sie mir ihr älterer, in Zürich verstorbener Bruder Georg, an jeder Hand einen, zugeführt und vorgestellt hatte. Jetzt waren sie groß und Studenten geworden, und kamen zu mir, mich nach ihrem Bruder auszufragen, dessen bester und einziger vertrauter Freund ich in Gießen gewesen war. Sie waren in der Politik Revolutionärs wie jener, aber mit ihrer Philosophie war es anders beschaffen. Während Georg´s großes Leidwesen darin bestand, dass er kein Materialist werden, dass er nicht glauben konnte an die Vernichtung des Individuums, während er den sterbenden Danton um sein Wort: „Ich kehre ins Nichts zurück!“ beneidet und sich über die verbohrten Schwachköpfe mokiert, welche ihn glauben machen wollten, das Ding was in ihm denke und fühle, sich freue und gräme, sei eine Combination von Phosphor, Kalk, Eiweiß, Gallerte, Sauerstoff und dergl., während er steif und fest glaubte und mit den schlagendsten Gründen behauptete, dass die persönliche Hudelei nie aufhören und dass wir nie und nimmer zu der ersehnten Ruhe und Vernichtung unseres Ichs gelangen könnten – lachte der Louis Buechner schon damals über alle diese Schrullen und Alexander vertheidigte sie wenigstens nicht.

 

(August Becker: „1848 in Kanne-Gießen“. Sonntagsblatt des Cincinnati Volksblatt. 23.6.1867. )

 

Ich habe die Hoffnung, dass die Verbindung zu David Dixon und weiteren, mit ihm verbundenen Forschern zu den „US-48ers“ zu weiteren Erkenntnissen über die US-Jahre Beckers und seine publizistische Tätigkeit führt. Alleine Beckers Verbundenheit zu Georg Büchner in Deutschland rechtfertigt jedes Interesse an seinem weiteren Ergehen; fänden sich noch weitere derart aufschlussreiche Hinweise auf seine Erinnerung an Büchners philosophische oder politische Haltung, wären echte Schätze zu heben.

 

 

Von Peter Brunner
Peter Brunner

 

 

 

 

Verbindung der Kunst mit dem republikanischen Volksstaat

Im neuesten „Gelurt“, Odenwälder Jahrbuch , hat Ludwig Fertig einen Aufsatz zum ersten Büchnerpreisträger Adam Karillon veröffentlicht.

Es ist fast in Vergessenheit geraten, dass der Büchnerpreis bereits seit 1923 vergeben wird, nicht zuletzt, weil er nach dem Faschismus eine andere Form und Trägerschaft bekam. Bis vor einigen Jahren hat die heute federführende Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung auf jeden Hinweis darauf verzichtet, heute schreibt sie immerhin „Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.“

Fertig schildert in „Politisierung der Erzählprosa“ die Geschichte der Einsetzung des Preises und des ersten Preisträgers als Kompromiss – war Karillon selbst zunächst sogar als Namensgeber des Preises vorgeschlagen, wurde er schließlich als eher konservativer Autor ein Preisträger, dem selbst der stramme Antisemit Ferdinand Werner, der für die Deutschnationalen im Hessischen Landtag saß, zustimmte.

Was die Familie Büchner angeht, so erwähnt Fertig, dass Ludwig Büchner einigen Anteil am literarische Erfolg Karillons hatte – er veröffentlichte 1897 eine Besprechung von Karillons Erstling „Eine moderne Kreuzfahrt“ und „verhalf ihm zum Durchbruch auf dem Literaturmarkt“ (Fertig).

Auch Anton Büchners Auftritt vor der ersten Aufführung des Woyzeck in Darmstadt am 24.9.1919 erwähnt er.

Ein dritter Büchnerverwandter, Sohn Ludwig Büchners und Cousin von Anton, hieß Georg wie sein bedeutender Onkel. Ihn erwähnt Fertig nicht, obwohl er zum Zeitpunkt der Einsetzung des Preises nicht nur „geschäftsführender Direktor“ in der Darmstädter Maschinenbaufabrik seines Schwiegervaters Schenk und „Vorsitzender des Verbandes der Metallindustriellen und des Bundes der Arbeitgeberverbände in Hessen und Hessen-Nassau. Auf Reichsebene war er Vorstandsmitglied des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller und des Deutschen Fördermittel- und Großwaagenverbandes“ war, sondern auch Abgeordneter der DDP im Hessischen Landtag, also der Partei, die den Antrag auf Einsetzung des Büchnerpreises stellte.

Grabstein Georg Büchners, seiner Frau und Tochter auf dem Grab seines Vaters Ludwig.
Die drei starben bei der Zerstörung Darmstadts

Die Rede im Landtag zur Einsetzung des Preises hielt am 8. August 1922 der DDP-Abgeordnete Julius Reiber. Er schloß „Die Bezeichnung des Preises als Georg-Büchner-Preis bedarf keiner weiteren Begründung“. Für Reiber ging es um „eine Verbindung der Kunst mit dem republikanischen Volksstaat“ .

Karillons Kunst und Bedeutung sind von den Zeiten überholt – dass ihn der Nazi Werner zum achtzigsten Geburtstag ehrte und Gratulationen einiger weiterer NS-Größen eingingen, stellt Fertig zu Recht in den Zusammenhang seiner geschwundenen literarischen Anerkennung: „Das Lesepublikum war andere Literatur als Heimatkunst gewohnt: … 1929 erschien z. B. Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und Döblins Berlin Alexanderplatz. Karillon war Geschichte“. Karillon starb 1938 in Wiesbaden.

Bedeutendere als er erhielten den hessischen Kulturpreis – so 1929 Carl Zuckmayer oder, nach der Befreiung noch einmal als Landespreis, 1947 Anna Seghers und 1950 Elisabeth Langgässer.

In Kürze wird die Bekanntgabe der diesjährigen Preisträgerin des Büchnerpreises erfolgen – die Verbindung der Kunst mit dem Republikanischen ist auch dem neuen Büchnerpreis nach 1950 mit einigen Verleihungen gelungen. Ich wünsche mir das auch für 2020.

Peter Brunner

von Peter Brunner

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