Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Büchner (Seite 1 von 43)

Zum Neuen Jahr – was war, was ist, was kommt

Selbstverständlich sind auch wir erheblich von den Einschränkungen durch die Corona Umstände betroffen: es war gerade gelungen, die Besucherzahl im Museum durch die Ausweitung unserer Öffnungszeiten auf etwa 3.000 Personen im Jahr 2019 zu erhöhen, als wir seit März letzten Jahres – wie alle anderen auch – auf Null zurückgeworfen worden.

 

Das hat viele unserer Pläne zunichte gemacht, insbesondere das Vorhaben, 2020 umfangreich an die Einführung der hessischen Verfassung von 1820 zu erinnern. Schließlich war sie einerseits der Text, für den Weidig viele Jahre lang gekämpft hatte und der immerhin formuliert „ … jeder Hesse ist vor dem Gesetz gleich“, unter dem aber gleichzeitig Buechner ins Exil und Weidig in den Tod getrieben wurde. Daher wollten wir die spannende Frage erörtern, in wieweit eine oktroyierte Verfassung von demokratischer oder republikanischer Bedeutung sein kann. Interessanterweise berührten wir damit ein Thema, das ganz unabhängig von unserer hessischen Debatte Fragen zur Demokratie neu und gegen den Strich formulierte.

 

Gad Arnsberg hat uns dabei den Weg gewiesen: mit seiner Arbeit über die württembergische Militärverschwörung stellt er die gleiche Frage und relativiert die schlichte Vorstellung, dass es stets und ausschließlich der geballte Volkswille sei, der Fortschritt ermögliche. Mit einiger öffentlichen Aufmerksamkeit diskutiert das ja inzwischen auch Hedwig Richter mit ihren Thesen zur Demokratiegeschichte. Umso bedauerlicher, dass es zu den geplanten Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen nicht kommen konnten.

 

Seit Herbst 2020 steht im Hof des Büchnerhauses eine große fahrbare Karikatur, die der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jaques Tilly für uns gebaut hat.

Sie ist eine Variation auf eine der Denkmalsoptionen, die in den 1830iger Jahren in Darmstadt als Verfassungsdenkmal erwogen worden waren. Das tatsächlich gebaute Ergebnis ist das allen Darmstadtbesuchenden unübersehbare Monument auf dem Luisenplatz, der so genannte „Lange Ludwig“, der zwar noch die Verfassungsurkunde in der Hand hält, aber so weit vom Volk entfernt, dass sie kaum noch sichtbar ist. Auch die Inschriften auf dem Monument erwähnen die Verfassung nicht und feiern alleine „seine königliche Hoheit Ludewig I von Hessen“. Tilly hat mit seiner brillanten Gabe, auf den Punkt zu gestalten, diesen Ludewig majestätisch lächelnd auf dem Rücken eines geschundenen Bauern dargestellt. Wir wollten mit diesem Wagen unsere „Flashmobs“ begleiten, mit denen wir in Hessen auf Märkten und anderen Veranstaltungen an dieses Ereignis erinnern wollten. Tatsächlich ist es bisher nur zu zwei Einsätzen gekommen: Einmal hat er eine Freiluftausstellung der BüchnerBühne begleitet und kürzlich konnten wir ihn im Reigen der Festwagen auf dem Kerb (=Kirchweih)umzug Goddelaus mitführen. Wir hoffen natürlich, dass es in den nächsten Monaten zu weiteren Einsätzen kommen kann.

Der Wagen konnte finanziert werden, weil wir seit 2019 in den Genuss einer Förderung des hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst kommen, die wir der besonderen Aufmerksamkeit der neuen hessischen Landesregierung verdanken. In deren Regierungsprogramm ist Einsatz für das Gedenken an Georg Büchner ausdrücklich erwähnt. Dies hat uns die Möglichkeit eröffnet, institutionelle Förderung als Ziel für Büchnerhaus und BüchnerBühne anzustreben. Zu diesem Zweck erhalten wir für drei Jahre Projektförderung; 2022 hoffen wir mit dieser Unterstützung einen strategischen Plan vorlegen zu können, der das für uns ermöglicht. Als wichtigen Schritt zu diesem Ziel haben wir uns auf den schwierigen Weg des Zusammenschlusses unserer beiden Vereine begeben: der Förderverein Büchnerhaus e.V. und der Verein BüchnerBühne wurden zum 1. Januar 2021 der neue Verein BüchnerFindetStatt. Aktuell warten wir nur noch auf die letzten formalen Bestätigungen des Amtsgerichtes.

Auf dem Gelände des Büchnerhauses konnten wir einige bauliche Fortschritte schaffen: die BüchnerScheune ist nun entsprechend ihrer ersten Bauplanung fertig gebaut, zwei Seitenwände sind komplett geschlossen. Allerdings stellt sich mittlerweile heraus, dass wir dieses Gebäude wohl erst wirklich nutzen können, wenn es vollständig geschlossen und damit auch akustisch „eingehaust“ werden wird.

Den Eingangsbereich des Museums, der bisher sehr schlicht nur mit einem kleinen Tisch ausgestattet war, konnten wir mit einer schönen und der Museumsgestaltung angepassten Eingangs- und Arbeitslösung erheblich aufwerten.

Für die lange Zeit, in der das Museum überhaupt nicht zugänglich war, konnten wir unseren Besuchern immerhin eine Innovation bieten, die notgedrungen entwickelt wurde: zwei Wanderausstellungen, an deren Gestaltung wir beteiligt waren („Mehr als Medizin“ über dichtende Ärzte und „Was aber bleibet – Literatur im Land“ der AG literarischer Gedenkstätten) haben wir so umgestalten lassen, dass sie auf „Bauzäunen“ im Freien präsentiert werden können. Zahlreichen Besuchenden, insbesondere solchen, die spontan vorbeikamen, konnten wir so ein Angebot machen.

Das hat sich als so erfolgreich herausgestellt, dass wir das fortsetzen werden. Im Frühjahr planen wir, die für uns modifizierte Präsentation des Mainzer Instituts für Geschichtliche Landeskunde zur Mainzer Republik in dieser Form zu zeigen. Abgesehen von der attraktiven Möglichkeit, so einen Teil unseres Angebotes auch ausserhalb der Museumsöffnungszeiten zugänglich zu zeigen, bieten die Freiluftausstellungen uns erstmals die Möglichkeit, über die räumliche Beschränkung der Dauerausstellung hinaus wechselnde Präsentationen zu zeigen und so auch wiederholten Besuch bei uns interessant zu machen.

Beim hessischen Museumsverband haben wir beantragt, die Digitalisierung unserer Bibliotheksbestände zu finanzieren. Wir beabsichtigen, 2022 neben der Erfassung und Systematisierung der etwa 2.000 Titel, die bisher unvollständig und nur als Bestand in einer excel-Liste erfasst sind, aufnehmen zu lassen. Parallel wollen wir dann auch die Liste der Bestände der Forschungsstelle und den bibliothekarisch erfassten Bestand der Luise Büchner-Bibliothek in einem gemeinsamen System online verfügbar machen.


Die BüchnerBühne hat es als eine von ganz wenigen privaten Bühnen geschafft, immerhin die prekären Zahlungen an die engagierten Schauspieler*innen trotz der Coronaeinschränkungen weiter zu leisten. Dies war nur durch großes ehrenamtliches Engagement und klugen Umgang mit öffentlichen Fördermitteln möglich; solange die Vorschriften den Theaterraum auf keine 20 Zuschauer beschränken, bleibt die Lage hochproblematisch. Auch wenn es im Sommer gelungen ist, dies ein Stück weit durch Aufführungen im Freien abzufedern, hoffen wir dringend auf weitere Erleichterungen.

 

„Freiluft“ fand auch ein erstes Büchnerfestival im Sommer statt, bei dem wir Christian Suhrs Neuinszenierung von „Dantons Tod“ zeigten und den Studierenden der „Angewandten Theaterwissenschaften“ in Gießen unter Leitung von Professor Gerald Siegmund ein Forum für ihre Auseinandersetzung mit Büchner bieten konnten. 2022 soll das Festival in größerem Rahmen vom 15. – 24. Juli stattfinden.

Anlässlich Georg Büchners Geburtstag 2021 hat die BüchnerBühne ihr „Programmstück“ „Wenn es Rosen sind werden sie blühen“ neu inszeniert auf die Bühne gebracht, auch Jan Hauschilds „Büchners Aretino“ steht wieder auf dem Programm.

Wie in den vergangenen Jahren haben wir auch 2021 an Büchners Geburtstag einen Gruß aus der Büchnerstadt auf sein Grab  in Zürich gelegt. Erstmals hat den Kranz unsere Nachbarin Regina Röhrig von Florales angefertigt.

Das Büchnerhaus hat sich dem Netzwerk „Orte der Demokratiegeschichte“ angeschlossen und konnte sich so sowohl historisch wie räumlich „zwischen Hambacher Schloß und Paulskirche“ positionieren. In diesem Zusammenhang werden wir uns an den Aktivitäten zum 175. Jubiläum der 1848er-Revolution im Jahr 2023 beteiligen.

Wir setzen darauf, dass 2022 in jeder Beziehung ein offeneres Jahr wird als das vergangene – allemal finden Sie hier, unter dem youtubekanal und natürlich auf der Büchnerland-Startsite unser Neuigkeiten, Öffnungszeiten und Spielpläne.  

 

Auf bald!

 

Von Peter Brunner

Festival in den Zeiten von Corona

Die Neuinszenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“ der BüchnerBühne feiert am

 

Samstag, 26. Juni, um 19:00 Uhr Premiere

„Unter den Linden Leeheim“ in der Kirchstraße 1.

 

Die Premiere ist der Auftakt zum 1. BüchnerLand Festival, das ursprünglich in viel größerem Maßstab geplant war und wie so viele Kulturveranstaltungen der Corona-Pandemie zum Opfer fiel. Erstmals sollten bei dem großen Festival zu Ehren Georg Büchners unter Federführung von BüchnerHaus, -Bühne und –Stadt in genreübergreifenden Veranstaltungen die verschiedenen Büchner-Orte im Land miteinander verbunden werden. Doch so ganz wollen wir nicht lassen von der Idee eines BüchnerLand Festivals und so wird es vom 26. Juni bis 15. Juli im „Corona-Exil“ der BüchnerBühne, dem idyllischen evangelischen Kirchengelände mit seiner beeindruckenden Lindenallee, verschiedene Aufführungen geben.

Zwischen „Dantons Tod“ und dem

Festival-Abschluss am Donnerstag, 15. Juli, um 19:00 Uhr mit Thomas Freitag

wird es an den Wochenenden verschiedenste Veranstaltungen geben. So werden aus Gießen, wo Georg Büchner studiert hatte, Studierende des Instituts für angewandte Theaterwissenschaft erwartet, die verschiedene Projekte ihrer Beschäftigung mit Büchner vorstellen. Das genaue Programm wird jeweils am Montag bekannt gegeben.

 

 

Zum Auftakt also die Neuinszenierung von „Dantons Tod“, die auf dem vielfach beachteten Europa-Projekt der BüchnerBühne „Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!“ aus den Jahren 2013 bis 2015 basiert. Büchner Geschichtsdrama zeichnet einen zweiwöchigen Ausschnitt aus der entfremdeten Spätphase der Französischen Revolution nach. Die politischen Ziele sind erreicht, im Mittelpunkt steht nun die Verwirklichung der sozialen Revolution. Neben dem auch in späteren Folgerevolutionen gescheiterten Spagat, die Errungenschaften der Emanzipation zu bewahren und in eine demokratische Ordnung zu integrieren, interessiert sich die Inszenierung von Christian Suhr vor allem für den machtpolitisch motivierten Einsatz von Angst. Das einfache Volk wird systematisch in Angst gehalten, um seine hilflose Wut gegen innenpolitische Gegner steuern zu können.

Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Das Gelände öffnet bereits für maximal 100 Personen eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn, um Schlangen am Eingang zu verhindern. Beim Eintritt werden die Kontaktdaten der Besucher erfasst. Bei schlechtem Wetter gibt es die Möglichkeit für bis zu 50 Personen, in die evangelische Kirche umzuziehen. Sie müssen allerdings nachweisen können, dass sie vollständig geimpft, genesen oder aktuell getestet wurden. Die entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln müssen eingehalten werden.

 

Von Christian Suhr

Bist du todt? Todt! Todt! (es kommen Leute[,] läuft weg)

Am 21. Juni 1821, heute vor 200 Jahren, hat der Leipziger Perückenmacher und Ex-Soldat Johann Christian Woyzeck seine Geliebte Johanna Christiane Woost erstochen. 

 

Christian Suhr in seiner Ein-Personen-Interpretation des Woyzeck für die BüchnerBühne

2019 hat Anja Schiemann eine Arbeit vorgelegt, die sich dem Fall, der Büchner zu seinem Drama inspirierte, kriminalhistorisch nähert.  Sie kommt zu dem Schluß, dass das Verbrechen bereits am 2. Juni begangen wurde – auch dann bleibt es immerhin dabei, dass es inzwischen 200 Jahre her ist.

Soeben erschien der Roman „W.“ von Steve Sem-Sandberg.  Den Versuch, sich der Figur literarisch zu nähern, hat Rainer Moritz für den Deutschlandfunk besprochen. Er schließt:

„Hofrat Clarus kann, allein schon aus Berufsgründen, mit derartiger Komplexität wenig anfangen. Er will „klaren Bescheid“, er will die „Ereignisse in eindeutig überschaubarer Reihenfolge dargelegt bekommen“. So kommt sein Gutachten zu einem Ergebnis, das Woyzecks Schuldfähigkeit bejaht – eine Eindeutigkeit, mit der gelungene Romane in der Regel nichts anzufangen wissen. Steve Sem-Sandberg hat einen solchen geschrieben und das letztlich Unergründliche des Menschen umkreist. Mit einer Offenheit, die bemerkenswert ist.“

Mit jugendlicher Unbefangenheit nähern sich „Angelina & Lea“ in ihrem Podcast „Bibliomanie“ aus Anlass des Jahrestages dem Thema. „Ich glaube, ich les jetzt mal Woyzeck“ ist allemal ein guter Vorsatz!

 

 

 

Peter Soeder verstorben

Am 3. Juni 2021 verstarb Karl Ludwig Wolfgang Peter Soeder im Alter von 92 Jahren in Darmstadt. 

Peter Soeder war ein Ur-Enkel Ludwig Büchners, und er war sich dieser Verbindung sehr bewusst. Sein Großvater Gustav Buss war 1858 in Neubraunfels/USA als Sohn des deutschen Republikaners Karl Buss („Don Carlos“) geboren und hatte 1888 Ludwig Büchners Tochter Mathilde geheiratet. 

Bei unserem letzten Treffen anlässlich der Diskussionsveranstaltung um Last und Auftrag von Nachfahrenschaft hat er mir auf die Frage, wie denn ein Oberkirchenrat  mit der Religionskritik seines Vorfahren umgehe, geantwortet: „jedes ernsthafte Studium der Religion muss mit Religionskritik beginnen.“ Im Übrigen sei Ludwigs Kritik häufig Kritik an Erscheinungsformen gewesen, die er teile: wo Kirche nicht auf Seiten der Armen und Schwachen stehe, tauge sie nichts. 

Ich habe ihn als klugen und erfahrenen Ratgeber geschätzt, sein Verlust schmerzt.





Peter Soeder (rechts) mit Rainer von Hessen

„Er sieht so drein, wie er meistens dreinsieht und auch mit Vornamen heißt: Ernst.“

 

Ella Thiess verwickelt die Familie Büchner in einen historischen Kriminalfall

Georg Büchners Vater Ernst begegnet uns bei jeder Lebensschilderung des bedeutenden Sohnes. Je nach Haltung der/des Biograph*in werden dabei je bestimmte Züge als prägend beschrieben. Das kann die strikte Nüchternheit sein, der bedingungslose Realismus, der unterstellte Atheismus und die abweisende Strenge, denen meist zugleich jeweils die dagegen als positiv geschilderten Haltungen der liebevollen, weichen, religiösen Mutter Caroline gegenübergestellt werden.

So schreibt Dieter Zissler[1]: „Wenn man den biographischen Überlieferungen durch Karl Emil Franzos folgt und hört, die Mutter Georgs sei musisch, großzügig und einfühlsam gewesen, habe die Selbständigkeit und Urteilsfähigkeit ihrer Kinder gefördert; der Vater dagegen naturwissenschaftlich-exakt, illiberal-streng und auf das zielstrebige und praxisbezogene Fortkommen seiner Kinder bedacht, dann denkt man unwillkürlich an Goethes ‚Vom Vater die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren‘.“ (S. 143) und weiter „Wie bedenklich realistisch der Vater seine Kinder erzog, zeigt auch die Tatsache, daß er mit Georgs damals gerade zwölf Jahre altem Bruder Ludwig, dem späteren Autor von „Kraft und Stoff“, der — so die Vorstellung des Vaters — ja einmal Arzt werden sollte, zu einer öffentlichen Hinrichtung gegangen ist.“ (S. 144)

Ernst Büchner war mit seinem damals 12-jährigen Sohn Augenzeuge der Hinrichtung des angeblichen Mörders Jacob Trumpfheller am 16. Oktober 1836 „auf der Bessunger Viehweide“ „in Gegenwart vieler tausende von Zuschauern“ (Großherzoglich-Hessische Zeitung, Juli-Dec. 1836,. S. 1584). Ähnlich wie seine „kalten und empathielosen“ Berichte über „medizinische Phänomene“ wird ihm auch dieser Besuch regelmäßig als Zeichen von erschreckender, scheinbar unmenschlicher Nüchternheit angelastet. Tatsächlich war die Erkenntnis von der Widerwärtigkeit der Todesstrafe und insbesondere ihrer öffentlichen Ausführung nicht besonders verbreitet, wir kennen ja ganz ähnliche Berichte auch von der Hinrichtung des Leipziger Soldaten Woyzeck 1824 in Leipzig. Immerhin gehören diese beiden Tötungen zu den jeweils letzten vor Ort, die in solcher Öffentlichkeit stattfanden[2].

Dass Ernst Büchner ein außergewöhnlich langmütiger, offenbar liebender und zugeneigter Familienvater war, der für buchstäblich jedes seiner Kinder um Zukunft und Auskommen bangen musste, weil alle sechs durchaus nicht regelkonform erwachsen werden wollten, wird dabei ebenso übersehen wie seine politische Sympathie für die griechische Befreiungsbewegung und seine Napoleonverehrung in Zeiten des um sich greifenden Nationalismus. Bis heute kaum gewürdigt wird auch, dass er jahrelang Mieter im Haus des Darmstädter Republikaners Ernst Emil Hoffmann war, einem der führenden Darmstädter Oppositionellen.

Elke Achtner-Theiss hat unter ihrem Pseudonym Ella Theiss einen Roman aus dem Darmstadt des 19. Jahrhunderts geschrieben, in dem die     Familie des Obermedizinalrats Büchner eine wichtige Rolle spielt. Ihr flott lesbarer Text stellt sich dem Anspruch, Geschichte zu erzählen, ohne sie zu verfälschen und darf mit Fug und Recht ein „historischer Roman“ genannt werden. Wer die Literatur über Georg Büchners Leben und Werk kennt, wird an diesem Punkt allerdings kurz den Atem anhalten: wo und mit welchem Recht wird wohl diesmal „imaginiert“ und mehr die Haltung der Schreibenden als des Beschriebenen berichtet? Wir können beruhigen: Ella Theiss meistert die Aufgabe souverän.

Detailreich und tadellos erzählt sie, wie Anna, das von ihr erfundene Dienstmädchen der Büchners, einen wichtigen Abschnitt im Leben der Darmstädter Geniefamilie miterlebt. Neben Georg mit einem Packen seines Landboten-Flugblatts haben auch die „Rokoko-Großmutter“ und die Geschwister ihren Auftritt, wobei die Vorliebe der Autorin, ganz passend zum bevorstehenden 200. Geburtstag, unzweifelhaft der kleinen Luise gilt. Anna steht zwischen zwei Männern – dem Taugenichts Rodrich und dem angehenden Journalisten Oscar Weiß, der sich weigert, Spitzeldienste zu leisten und darüber seinen Beruf verlieren wird. Sie alle sind verwickelt in den Fall des Jacob Trumpfheller, den Theiss zum Anlass ihrer Geschichte nennt und mit historischen Zitaten schildert und belegt: „Er wurde für den Mord an dem Waldförster Philipp Lust verurteilt, der am 17. Dezember 1833 verschwand und zwei Tage später tot aufgefunden wurde. Trumpfheller wurde als Täter überführt, nachdem bei ihm blutbefleckte Handschuhe gefunden worden waren und sich das Alibi, das ihm seine Mutter und seine Geliebte gegeben hatten, durch die widersprüchliche Aussagen aller Beteiligten als haltlos erwies. Im darauf folgenden Jahr, das Trumpfheller in Haft verbrachte, legte er ein Geständnis ab. Lust hatte ihn mit einer illegal geschlagenen Buche im Wald erwischt. Um einer Strafe zu entgehen, begann Trumpfheller einen Kampf, der mit dem Tod des Opfers Philipp Lust endete. Im April 1836 fiel das Urteil des Großherzoglichen Hofgerichts, das am 16. Oktober 1836 öffentlich durch den Scharfrichter Rettich aus Ettlingen vollstreckt wurde.“ (Rebekka Friedrich im Blog des Stadtarchiv Darmstadt)

Indem Theiss den Holzdieb Trumpfheller – wohl zu Recht – als fälschlich beschuldigt und seine Hinrichtung als Justizmord schildert, entwickelt sie um die handelnden Figuren einen stimmigen historischen Kriminalroman, der treffendes Zeit- und Lokalkolorit bietet und mit gekonnt geführtem Spannungsbogen zu überzeugen weiß. Wer einen Eindruck vom Darmstadt der 1830er Jahre gewinnen will, ohne sich gleich in Geschichtsstudien zu vertiefen, ist mit diesem Buch gut bedient – es steht als „True Crime-Roman“ für sich und kann gleichzeitig einen hervorragenden Einstieg in weitere Lektüre bieten.

In einem informativen und offenen Nachwort (disclaimer: der Autor dieses wird dort über Gebühr freundlich behandelt) schildert sie ihre Methode, Realität und Fiktion zu verweben, mit sympathischer Offenheit.

 

Ella Theiss: Darmstädter Nachtgesänge,

Historischer Roman, Edition Oberkassel 2021
Covergestaltung: Tilla Theiss
Paperback: 13 €, ISBN 978-3958132320, E-Book: 8,99 €

 

[1] „Von ‚Danton’s Tod‘ bis zum Nervensystem der Barben Naturforscher: Georg Büchner (1813-1837). Berichte der Naturforschenden Gesellschaft Freiburg i.Br., 79, Freiburg 1991 (

[2] Ella Theiss hat dazu übrigens ein bezeichnendes Zitat von Ludwig Büchner gefunden (Vorort zu Fried,H.: Tagebuch eines zum Tode Verurteilten. Berlin 1898): „Ich halte die Todesstrafe für einen Barbarismus früherer Zeiten…“

 

Dieser Text ist gekürzt am 30. April im Darmstädter Echo erschienen

Von Peter Brunner

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