Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Geschichte (Seite 1 von 26)

… mit den schlagendsten Gründen behauptete, dass die persönliche Hudelei nie aufhöre

Ein Zufall brachte mich auf eine Neuerscheinung in den USA: David Dixon veröffentlichte soeben „Radical Warrior. August Willich’s Journey from German Revolutionary to Union General”

Ich schrieb ihn mit der Frage an, ob der Deutsch-Amerikaner in Cincinnati Kontakt mit August Becker gehabt habe, und binnen kürzester Zeit tat sich mir ein neuer Horizont der Recherche über Georgs Freund und Vertrauten auf.

Ich habe noch nicht die geringste Ahnung, ob und wie weit diese Recherchen führen werden, aber schon eine allererste „advanced search“ in „chronicling america“ , auf die ich hingewiesen wurde, hat einen Aufsatz Beckers zu Tage gefördert, der seine Verbundenheit mit Georg Büchner und seine inhaltliche Auseinandersetzung mit dessen Haltung noch 30 Jahre nach seinem Tod belegt:

 

August Becker: „1848 in Kanne-Gießen“.

… Ehe ich indes dieselbe (eine ihm von Karl Vogt vermittelte Übersetzungsarbeit – pb) noch angefangen, hatte ich andere interessante Bekanntschaft in Gießen gemacht und erneuert. Da kamen zuerst die Brüder Louis und Alexander Büchner. Ich hatte die beiden als kleine Jungens in Darmstadt gesehen, wo sie mir ihr älterer, in Zürich verstorbener Bruder Georg, an jeder Hand einen, zugeführt und vorgestellt hatte. Jetzt waren sie groß und Studenten geworden, und kamen zu mir, mich nach ihrem Bruder auszufragen, dessen bester und einziger vertrauter Freund ich in Gießen gewesen war. Sie waren in der Politik Revolutionärs wie jener, aber mit ihrer Philosophie war es anders beschaffen. Während Georg´s großes Leidwesen darin bestand, dass er kein Materialist werden, dass er nicht glauben konnte an die Vernichtung des Individuums, während er den sterbenden Danton um sein Wort: „Ich kehre ins Nichts zurück!“ beneidet und sich über die verbohrten Schwachköpfe mokiert, welche ihn glauben machen wollten, das Ding was in ihm denke und fühle, sich freue und gräme, sei eine Combination von Phosphor, Kalk, Eiweiß, Gallerte, Sauerstoff und dergl., während er steif und fest glaubte und mit den schlagendsten Gründen behauptete, dass die persönliche Hudelei nie aufhören und dass wir nie und nimmer zu der ersehnten Ruhe und Vernichtung unseres Ichs gelangen könnten – lachte der Louis Buechner schon damals über alle diese Schrullen und Alexander vertheidigte sie wenigstens nicht.

 

(August Becker: „1848 in Kanne-Gießen“. Sonntagsblatt des Cincinnati Volksblatt. 23.6.1867. )

 

Ich habe die Hoffnung, dass die Verbindung zu David Dixon und weiteren, mit ihm verbundenen Forschern zu den „US-48ers“ zu weiteren Erkenntnissen über die US-Jahre Beckers und seine publizistische Tätigkeit führt. Alleine Beckers Verbundenheit zu Georg Büchner in Deutschland rechtfertigt jedes Interesse an seinem weiteren Ergehen; fänden sich noch weitere derart aufschlussreiche Hinweise auf seine Erinnerung an Büchners philosophische oder politische Haltung, wären echte Schätze zu heben.

 

 

Peter Brunner

von Peter Brunner

Verbindung der Kunst mit dem republikanischen Volksstaat

Im neuesten „Gelurt“, Odenwälder Jahrbuch , hat Ludwig Fertig einen Aufsatz zum ersten Büchnerpreisträger Adam Karillon veröffentlicht.

Es ist fast in Vergessenheit geraten, dass der Büchnerpreis bereits seit 1923 vergeben wird, nicht zuletzt, weil er nach dem Faschismus eine andere Form und Trägerschaft bekam. Bis vor einigen Jahren hat die heute federführende Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung auf jeden Hinweis darauf verzichtet, heute schreibt sie immerhin „Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.“

Fertig schildert in „Politisierung der Erzählprosa“ die Geschichte der Einsetzung des Preises und des ersten Preisträgers als Kompromiss – war Karillon selbst zunächst sogar als Namensgeber des Preises vorgeschlagen, wurde er schließlich als eher konservativer Autor ein Preisträger, dem selbst der stramme Antisemit Ferdinand Werner, der für die Deutschnationalen im Hessischen Landtag saß, zustimmte.

Was die Familie Büchner angeht, so erwähnt Fertig, dass Ludwig Büchner einigen Anteil am literarische Erfolg Karillons hatte – er veröffentlichte 1897 eine Besprechung von Karillons Erstling „Eine moderne Kreuzfahrt“ und „verhalf ihm zum Durchbruch auf dem Literaturmarkt“ (Fertig).

Auch Anton Büchners Auftritt vor der ersten Aufführung des Woyzeck in Darmstadt am 24.9.1919 erwähnt er.

Ein dritter Büchnerverwandter, Sohn Ludwig Büchners und Cousin von Anton, hieß Georg wie sein bedeutender Onkel. Ihn erwähnt Fertig nicht, obwohl er zum Zeitpunkt der Einsetzung des Preises nicht nur „geschäftsführender Direktor“ in der Darmstädter Maschinenbaufabrik seines Schwiegervaters Schenk und „Vorsitzender des Verbandes der Metallindustriellen und des Bundes der Arbeitgeberverbände in Hessen und Hessen-Nassau. Auf Reichsebene war er Vorstandsmitglied des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller und des Deutschen Fördermittel- und Großwaagenverbandes“ war, sondern auch Abgeordneter der DDP im Hessischen Landtag, also der Partei, die den Antrag auf Einsetzung des Büchnerpreises stellte.

Grabstein Georg Büchners, seiner Frau und Tochter auf dem Grab seines Vaters Ludwig.
Die drei starben bei der Zerstörung Darmstadts

Die Rede im Landtag zur Einsetzung des Preises hielt am 8. August 1922 der DDP-Abgeordnete Julius Reiber. Er schloß „Die Bezeichnung des Preises als Georg-Büchner-Preis bedarf keiner weiteren Begründung“. Für Reiber ging es um „eine Verbindung der Kunst mit dem republikanischen Volksstaat“ .

Karillons Kunst und Bedeutung sind von den Zeiten überholt – dass ihn der Nazi Werner zum achtzigsten Geburtstag ehrte und Gratulationen einiger weiterer NS-Größen eingingen, stellt Fertig zu Recht in den Zusammenhang seiner geschwundenen literarischen Anerkennung: „Das Lesepublikum war andere Literatur als Heimatkunst gewohnt: … 1929 erschien z. B. Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und Döblins Berlin Alexanderplatz. Karillon war Geschichte“. Karillon starb 1938 in Wiesbaden.

Bedeutendere als er erhielten den hessischen Kulturpreis – so 1929 Carl Zuckmayer oder, nach der Befreiung noch einmal als Landespreis, 1947 Anna Seghers und 1950 Elisabeth Langgässer.

In Kürze wird die Bekanntgabe der diesjährigen Preisträgerin des Büchnerpreises erfolgen – die Verbindung der Kunst mit dem Republikanischen ist auch dem neuen Büchnerpreis nach 1950 mit einigen Verleihungen gelungen. Ich wünsche mir das auch für 2020.

Peter Brunner

von Peter Brunner

Vater Büchner und der Weltgeist zu Pferde

Peter Brunner

von Peter Brunner

Im Videochannel der BüchnerBühne auf Youtube steht hier der zweite Teil meiner kleinen Videobeiträge aus dem BüchnerHaus online .

Weitere Beiträge (und ich habe eine Vormerkliste für ca 55 ….) werde ich hier nicht mehr einzeln ankündigen; sehen Sie gerne regelmäßig bei YouTube vorbei oder, besser, abonnieren Sie den Channel. In der Blogroll hier rechts steht jetzt auch ein dauerhafter Link dorthin. 

Wie immer freue ich mich über Kritik, Anregungen, Fragen usw hier, beim Video oder per Mail

Büchner findet statt!

Das Museum in Georg Büchners Geburtshaus im Riedstädter Stadtteil Goddelau muss vorläufig geschlossen bleiben – die Enge in den Ausstellungsräumen des historischen Fachwerkhauses lässt Besuche unter den vorgegebenen Sicherheitsabständen einfach nicht zu.

 

Museumsleiter Peter Brunner hat sich daher vorgenommen, in Videobeiträgen aus der Vielfalt des Museumsangebotes zu berichten. Er beginnt mit der Biographie von Georg Büchners Vater. Die Reihe soll fortgesetzt werden (und er wird dabei gerne auf Fragen und Hinweise reagieren).

Hier geht es zum ersten Beitrag – über Georg Büchners Vater Ernst Büchner.

Peter Brunner

von Peter Brunner

„ … es ist nicht so arg, als es die Leute machen, es sind zwar schon viele Menschen daran gestorben.”

„Wenn Du hörst daß hier das Nervenfieber grasierte, so ängstige Dich nicht, es ist nicht so arg, als es die Leute machen, es sind zwar schon viele Menschen daran gestorben. Kürzlich starben aus einer Familie drei jungen Leute. Zwei Söhne und eine Tochter, sie wurden an einem Tage begraben, und gestern soll auch die Mutter gestorben sein.“ (Caroline Büchner an ihren Sohn Georg, Darmstadt, 30. Oktober 1836)


Es ist der erste April, und ich bin bereits mehrfach darauf angesprochen worden, wo denn, nach meinen stets freundlich aufgenommenen Aprilscherzen der vergangenen Jahre, zuletzt zum angeblichen Fund des Druckstocks des Hesssichen Landboten, der diesjährige Beitrag bleibe.

Er bleibt einer besseren Zeit vorbehalten – geplant war, dies sei angekündigt, der Fund des „Dolchmessers“, das Alexander Büchner Pfingsten 1849 bei sich trug und das seine „stets besonnene” Schwester Mathilde „ins tiefe Gestrüpp” geschleudert hat.

Stattdessen heute nur ein Bild von den wunderschönen Kopfweiden, die in der Büchnerstadt erhalten und gepflegt werden. Sie stehen auf der Halbinsel Kühkopf, zu Georg Büchners Goddelauer Zeit noch auf der linken Rheinseite, heute, nach der Rheinbegradigung von 1829, Teil der Gemarkung des Riedstädter Stadtteils Erfelden.


Walter Renneisen hat einmal darauf hingewiesen, dass genau so der Ort „Freies Feld. Die Stadt in der Ferne“ aussieht, an dem Andres und Woyzeck Stöcke im Gebüsch schneiden. Jetzt, im frühlingshaften Licht und mit frischem grünen Laub eine wahre Idylle, aber in einem feuchten, nebligen und kalten Herbst kann der gleiche Blick Erschreckendes offenbaren. Dann ist es „Still, Alles still, als wär die Welt todt.”

Peter Brunner

von Peter Brunner

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