Neues aus Buechnerland

Peter Brunners Buechnerblog

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„ … und wenn sie nur eine Diele aufgehoben hätte, so hätten sie die Presse gefunden“.

Ich gestehe: der Fund ist ein Fake – mein Beitrag zum 1. April 2019. Aber alle Umstände darum herum sind so genau wie möglich geschildert, und: es hätte so sein können! Insofern ist es auch nicht ausgeschlossen, dass sich eines Tages wirklich noch Reste des illegalen Drucks finden.

Am heikelsten bei der Rekonstruktion war übrigens die Frage, warum sich der Strick, mit dem der Druckstock zusammengebunden war, nicht längst aufgelöst und das Puzzle in tausend einzelne Teile zerlegt hat. Daher der Stahldraht …

Die Reingelegten bitte ich um Verzeihung, den Besserwissenden gratuliere ich. Und jetzt folgen wieder 12 Monate garantiert wahre Originalberichte aus dem Büchnerland – bleiben Sie verbunden!

Mario Derra, Freund, Künstler, Lithograph, Typograph … aus Gernsheim, ohne dessen Kompetenz und Hilfe das hier nicht möglich gewesen wäre
Das „Vinyl“, eine fototechnisch hergestellte Druckplatte von einem Original des „Landboten”, die wir mit Farbe und Photoshop zum Originaldruckstock gemacht haben

Ein Anruf aus Fechenheim hat mich kürzlich ans Mainufer geführt. Ob ich mich mit Büchner, dem hessischen Landboten und Offenbach auskenne, hier liege ein merkwürdiger Fund, den ich mir ansehen solle.

Kurz darauf stand ich dort am Ende der Starkenburger Straße mit Blick aufs gegenüber liegende Offenbacher Ufer. Dort steht seit dem späten 16. Jahrhundert das Isenburger Schloss .

Im 19. Jahrhundert, genau von 1819 – 1887, überquerte an dieser Stelle eine Schiffbrücke den Main und verband das Großherzogtum Hessen mit Kurhessen, der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

Das Isenburger Schloss am Offenbacher Mainufer mit der Schiffbrücke. Postkarte von 1887.

Auf kurhessischer Seite, also am nördlichen Mainufer, nahe bei der Schiffsanlegestelle und dem Restaurant „Schloßblick“, hat eine aufmerksame Spaziergängerin, die (noch?) unbekannt bleiben möchte, einen außergewöhnlichen Fund gemacht. Am Rande der dort eingerichteten Baustelle, im aufgewühlten Boden, lag ein Objekt, das ihr Interesse erregte.

Blick vom Mainufer nach Norden Richtung Fechenheim. Die Starkenburger Straße, die früher schnurstracks zur Schiffsbrücke führte
Blick nach Süden von Fechenheim nach Offenbach. Gegenüber das Isenburger Schloss.

Leider hat sie es nicht nur freigelegt, sondern auch nach Hause getragen und dort gründlich abgeduscht und abgebürstet. Nun lässt sich daraus schwerlich im Nachhinein ein Vorwurf machen – an Fundsachen steht halt selten ein Hinweis über ihre außerordentliche Bedeutung …

Die Verlängerung der Starkenburger Straße nach Süden auf den Main zu
Bauarbeiten am Rande des „Fechenheimer Leinpfades”, die möglicherweise den Boden aufgewühlt und so den Fund zugänglich gemacht haben

Das Fundstück, und deshalb gehört die Nachricht hierher, ist ein „Büchnerianum“ erster Güte:

es ist der erhaltene Druckstock der ersten Seite des hessischen Landboten von 1834.

Der Druckstock zur Seite 1 des Hessischen Landboten von 1834

Zur Erläuterung bedarf es drucktechnischer und historischer Erläuterungen:

Die hessischen republikanischen Verschwörer um den Butzbacher Friedrich Weidig entschieden am 3. Juli 1834 bei einem Treffen auf der Badenburg bei Gießen, Georg Büchners aufrührerisches Flugblatt „Der Hessische Landbote“ drucken und verteilen zu lassen. Am 5. Juli hat Büchner das Manuskript zusammen mit dem Mitverschworenen Jakob Friedrich Schütz nach Offenbach zu Karl Preller getragen. Preller war auch der Drucker der bis dahin von den Demokraten herausgegebenen illegalen Flugschrift „Leuchter und Beleuchter für Hessen“.

Preller druckte bis zum 31. Juli, am 1. August holten die Gießener Studenten Minnigerode, Schütz und Zeuner die Exemplare ab. Hier wird die Überlieferung ungenau, sicher scheint, dass sie in Offenbach zunächst abgewiesen wurden, vielleicht, weil unliebsame Zeugen anwesend waren, und sich auf den Mönchshof, nördlich von Offenbach, zwischen den kurhessischen Orten Enkheim und Bergen, begaben, wo sie übernachteten. Am nächsten Morgen, so Hauschild, wurden die gedruckten Exemplare, die „ … wahrscheinlich als Lederpacken deklariert bzw. in solchen versteckt, aus Offenbach herausgeschmuggelt“ waren (Hauschild, aaO, S. 364), auf die beiden Kuriere verteilt. Der Schmuggel aus der Stadt und damit aus Hessen-Darmstadt heraus war also offenbar schon geschehen.

A: der Fundort auf damals kurhessischem Gebiet, am nördlichen Ende der damaligen Schiffbrücke
B: Das Isenburger Schloss
C: Prellers Werkstatt in der Frankfurter Straße 17 (heute Nr. 40)
(„Karte der Umgegend von Frankfurt. Originaltitel:
Karte der Umgegend von Frankfurt / in das trigonometrische Netz der allgemeinen Landesvermessung von dem Grossherz. Hessischen Generalquartiermeisterstab aufgenommen  …“ Darmstadt 1865. Ausschnitt)

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Minnigerode wird am 1. 8. gegen 18:30 am Stadttor von Gießen verhaftet, er ist verraten worden. Büchner, ebenfalls verdächtigt (in seiner Abwesenheit wird seine Wohnung aufgebrochen und durchsucht), macht sich Hals über Kopf (und zu Fuß …) auf den Weg, den Drucker in Offenbach zu warnen. (Für die gut 60 km lange Strecke gibt übrigens Google Maps heute 12:30 Stunden „Fußweg” an.) Gegen Mittag des 2. Augusts trifft er ein, Preller lässt Beweismaterial verschwinden. Die unmittelbar folgenden Durchsuchungen am Nachmittag des gleichen Tages in der Offenbacher Druckerei und in Prellers Wohnung außerhalb auf dem Weg nach Frankfurt bleiben erfolglos.

Wo und mit welcher Technik Preller druckte, ist bis heute ungeklärt. Hauschild, der die Umstände von Auftrag, Druck und Verteilung der „1.500 – 2.000“ gedruckten Exemplare des Landboten in seiner Büchner-Biographie ausführlich schildert (Hauschild, Georg Büchner. Biographie. Stuttgart. Metzler. 1993, SS 361 ff), erwähnt das nur in einem Nebensatz, in dem es um die erfolgreiche Vertuschung des Drucks vor der Durchsuchung geht. Danach habe Weidig später berichtet, „ .. .sie sind auf dem Versteck herumgegangen, in dem sie sich befand, und wenn sie nur eine Diele aufgehoben hätte, so hätten sie die Presse gefunden“.

Ralf Beil hat in der Darmstädter Büchner-Ausstellung von 2013 eine Druckerpresse (Modell Stanhope) aufstellen lassen, die zwar ziemlich sicher das falsche Modell war, aber immerhin anschaulich machen konnte, dass sich ein solches Trumm jedenfalls nicht unter Dielen hätte verstecken lassen.

Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung „Georg Büchner – Revolutionär mit Feder und Skalpell“ in Darmstadt am 9. Oktober 2013. Kurator Ralf Beil vor der nicht authentischen Druckpresse.

Das gilt sicher für jede denkbare Drucktechnik der Zeit, mit der sich 2.000 Exemplare des Flugblattes in vier Wochen herstellen ließen (auch wenn dieser wichtige Hinweis in der Ausstellung unterblieb).

Clark’sche Presse. Abb. und Erläuterung aus „Der Hessische Landbote. Die Entstehung und die Folgen“. Offenbach. Grafische Werkstätten für Technik & Kunst. Hg. von Klaus Kroner. Die Jahreszahl in der letzten Zeile muss natürlich „1826“ heissen.

Wenn nun also nicht die Druckerpresse unter den Dielen steckte, was war es dann? Tatsächlich ist es unter den Gesellen der schwarzen Kunst gar nicht unüblich, „Presse“ als Synonym für mindestens dreierlei zu benutzen: so kann eine Presse natürlich die Druckmaschine sein, wie das Zitat bisher immer verstanden wurde, aber ebenso kann auch das Zeitungswesen oder eine Zeitung gemeint sein; und schließlich kann Presse auch der Druckstock sein, von dem gedruckt wird. Ein solcher Druckstock besteht aus den von Hand gesetzten bleiernen Lettern, zu Zeilen und Absätzen angeordnet, mit Füllmaterial auf Seitengröße gebracht und mit einem festen Band so stabil umschlossen, dass das bis dahin ganz filigrane Objekt aus tausenden von Einzelteilen dann wie eine einzige Metalltafel wirkt. Dieser Druckstock, das erhabene Spiegelbild des späteren Drucks, wurde zu Prellers wie zu Gutenbergs Zeiten in der Druckerpresse eingespannt und mit Farbe versehen. Unter Druck (daher der Name) wird dann ein Bogen Papier darübergelegt und – abgedruckt. Ist der Druck beendet, wird der Druckstock gereinigt, das Band gelöst und das Setzmaterial – Buchstaben und Füllmaterial – zurück in den Setzkasten sortiert. Ist allerdings absehbar, dass bald der gleiche Text erneut gedruckt wird, und steht dem Drucker eine ausreichende Menge an Bleibuchstaben zur Verfügung, so wird der ganze Druckstock, der „Stehsatz“ aufbewahrt. Das macht natürlich weitere Auflagen erheblich schneller und billiger möglich. Die Tatsache, dass der gefundene Druckstock ungewöhnlicher Weise mit einem Stahldraht statt mit einem gewöhnlichen Strick umbunden war (und so überhaupt erst ermöglichte, dass das Stück in Ganzen erhalten und geborgen werden konnte!), lässt vermuten, dass an eine Wiederverwendung gedacht wart. Solche „Tafeln“ könnten in der Tat unter Fußbodendielen versteckt worden sein.

Der Fechenheimer Fund erklärt sich also so, dass Preller tatsächlich den Stehsatz des Landboten noch zur Hand hatte, sei es, weil er weiter drucken wollte, sei es, weil er keine Zeit gefunden hatte, die Druckstöcke aufzulösen. Büchners Besuch muss ihn aufs höchste alarmiert haben. Es ging um Minuten – und ums Leben. Die Druckstöcke mussten schleunigst verschwinden, und der Main bot sich als verschwiegenes Grab dafür an. Für alle Seiten des Landbotendrucks zusammen brachten die Druckstöcke an die 100 kg auf die Waage, ein Gewicht, das sich so einfach und von einer Person alleine nicht transportieren lässt. So wurden vielleicht einige wirklich unter die Dielen gesteckt, andere außer Haus geschafft.

Büchner übernachtete anschließend, vom 2. auf den 3. August, bei einem Cousin seines Vaters, bei Carl Christian Becker in der Frankfurter Döngesgasse. Er reiste über das großherzoglich-hessische Offenbach nach Frankfurt ein. Am 3. 8. schreibt er an die Eltern „ … weil es von dieser Seite leichter ist, in die Stadt zu kommen, ohne angehalten zu werden. Die Zeit erlaubte mir nicht, mich mit den nötigen Papieren zu versehen”. Offen ließ er dabei, wie er die „Anreise” ohne Papiere bewerkstelligt hatte; es war unmöglich, von Gießen nach Offenbach, beide Hessen-Darmstädtisch – zu kommen, ohne Landesgrenzen zu überschreiten. Ob nun die Druckplatten bis dahin noch in Prellers Druckerei in der Frankfurter Straße in Offenbach oder – was jetzt wahrscheinlicher erscheint – im Fechenheimer Mönchshof lagen, ist heute nicht sicher zu sagen. Offenbar ist jedenfalls „unsere“ Druckplatte für die erste Seite genau in diesem Zusammenhang im Main gelandet. Möglich erscheint, dass das wertvolle Material von Fechenheim zurück gebracht werden sollte, um zurück in Offenbach aufgelöst zu werden, und dass die Grenze an der Schiffbrücke wider Erwarten stark bewacht war. Dann musste die Konterbande schnell verschwinden. Vielleicht waren aber auch mehrere Druckplatten erfolgreich aus Offenbach „ins Ausland“ geschafft worden, aber die Träger waren zu erschöpft, um alle weiter zu tragen, und ließen stattdessen eine oder mehrere unterwegs im Fluss verschwinden.

Ausschnitt aus der Karte w.o.

Immerhin verfügt die Büchnerforschung jetzt über einen bedeutenden Schatz: das Original der Seite eins des Landboten, anhand dessen nun unter anderem die von Klaus Kroner aufgeworfene Frage geklärt werden kann, ob das Satzmaterial, die Bleilettern der „Lutherfraktur“, mit den Typen beim Verleger Sauerländer identisch sind, mit denen später Büchners „Danton“ gedruckt wurde. Das hätte dann also zur Voraussetzung, dass andere (Seiten-)Druckstöcke des Landboten auf irgend einem Weg nach Frankfurt und dort in Sauerländers Drckerei geraten und dort dann fachmännisch zur Wiederverwendung aufgelöst worden wären.

Nachdem die naheliegenden drucktechnischen Untersuchungen zur Typographie der beiden Schriften, des Landboten und des Danton, immer noch nicht erfolgt sind, obwohl Kroner mit seinem Nachweis der Druckvariante des Landboten mit einem Fragezeichen hinter der Parole „Krieg den Palästen“ dafür wahrlich schon Anlass genug gegeben hat, wird das jetzt hoffentlich endlich und gründlich erfolgen.

Das Landesdenkmalamt im Wiesbaden, das ich selbstverständlich bereits über den sensationellen Fund unterrichtet habe und das den Druckstock zunächst in Verwahrung nehmen wird, wird sich mit weiteren Untersuchungen des Fundortes beschäftigen, der inzwischen abgesperrt ist und polizeilich überwacht wird. Großartig wäre natürlich, wenn sich dort noch mehr fände.

Inzwischen erreicht uns die Nachricht, dass sich im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut die wohl früheste Handschrift Heinrich Heines gefunden habe – solche Überraschungen sind stets willkommen!

Peter Brunner

von Peter Brunner

Es ist ganz im Sinne Georg Büchners und seines Einsatzes für Gleichheit, alles dafür zu tun, dass nicht knappes Geld den Zugang ausgerechnet zu seinem Museum einschränkt.


Satzungsgemäß tagte die Jahreshauptversammlung des Fördervereins Büchnerhaus am 21. März.

Neben den vereinsrechtlichen Formalia wie der ohne Gegenstimmen erfolgten Entlastung des weiter amtierenden Vorstandes waren es insbesondere der Ausblick und zukunftsweisende Festlegungen, die das Programm des Abends dominierten.

In den vergangenen Monaten ist es endlich gelungen, den Bau der Scheune gemäß dem eingereichten Bauantrag fertigzustellen, Rück – und linke Seitenwand wurden geschlossen. Nach einer Begehung durch die zuständige Kreisbehörde ist zu erwarten, dass nun wenigstens die vorgesehene bescheidene und gelegentliche Nutzung für Veranstaltungen im Freien möglich wird. Wir hoffen, dass das mit dem Auftritt unserer Freunde von Le Cairde aus Darmstadt im Sommer losgeht.

Die „Büchnerscheune” hat nun zwei geschlossene Aussenwände

Zahlreiche Kontakte zu Presse und Politik hatten nicht nur wirtschaftliche, sondern auch publizistische Folgen. Es ist ein großer Erfolg, dass die hessische Regierungskoalition die Unterstützung für die Riedstädter „Büchnerarbeit“ ausdrücklich in den Koalitionsvertrag aufgenommen hat, und dass der Bundespräsident das Büchnerhaus in seinem Beitrag zum Jubiläum der Märzaufstände 1848 in Berlin erwähnt, ist eine wohltuende Anerkennung für die hier seit Jahrzehnten geleistete Arbeit.

In diesem Zusammenhang wird Bürgermeister Marcus Kretschmann, der gleichzeitig Vorsitzender des Fördervereins Büchnerhaus ist, den Stadtverordneten einen Beschluss darüber vorlegen, die offizielle Benennung Riedstadts als „Büchnerstadt“ durch das hessische Innenministerium zu beantragen.

Die heute schon geführte „informelle” Benennung der Stadt

Dem Förderverein ist in den letzten Monaten neben einer großzügigen Einzelspende und verschiedenen Landesfördermitteln auch, zusammen mit der BüchnerBühne, vom Kreistag des Landkreises Gross-Gerau Unterstützung zugesagt worden. Noch im Dezember 2018 haben die Parlamentarier insgesamt 60.000 € genehmigt.

 „Die Mittel sind nach gemeinsamer Absprache für Maßnahmen der Demokratiebildung im Sinne Georg Büchners und den Zielen der beiden Institutionen für die Informations- und Bildungsarbeit mit jungen Menschen einzusetzen“


lautet der Beschluss. Nach interner Absprache und einem Treffen mit Landrat Thomas Will wird das Geld 2019 den beiden Vereinen zu gleichen Teilen zukommen. Das Büchnerhaus kann damit ab dem 1. Mai 2019 ein Jahr lang seine Öffnungszeiten um zwei weitere Tage verdoppeln und auf das Erheben von Eintritt für Einzel –und Gruppenbesuche verzichten. Der Vorstand begründet seinen Beschluss so:

„Erfahrungen anderer Museen belegen eindeutig, das selbst geringe Eintrittsgebühren prohibitiv wirken: insbesondere bildungs- oder sozial benachteiligte Personen scheuen kostenpflichtige Angebote. Die Unterstützung des Landkreises macht es möglich, auf die bisherigen Einnahmen von ca. 3 T€ im Jahr zu verzichten und die zusätzliche Arbeitszeit zu honorieren. Es ist ganz im Sinne Georg Büchners und seines Einsatzes für Gleichheit, alles dafür zu tun, dass nicht knappes Geld den Zugang ausgerechnet zu seinem Museum einschränkt. Dem war schon bisher durch Erlass des Eintritts für Minderjährige entsprochen worden, mit den zusätzlichen Mittel wird es möglich, dies auf alle Besucher*innen auszudehnen.

Die Ausdehnung der Öffnungszeiten soll es leichter machen, das Museum aufzusuchen. Insbesondere die künftige Möglichkeit, vor annähernd jeder Aufführung der BüchnerBühne das Goddelauer Museum zu besuchen, kann so angeboten werden.“

In den nächsten Monaten soll nun an der engen Kooperation von Büchnerhaus und BüchnerBühne gearbeitet werden; öffentlich werden nächste Ergebnisse wahrscheinlich am Tag der Literatur in Hessen, dem 26. Mai, wenn es heißt „Stadt, Land, Fluss – mit dem Bus durchs BüchnerLand“

Peter Brunner

von Peter Brunner

„Wir haben unsere Freiheits- und Demokratiegeschichte in unserem Denken über Zukunft zu lange vernachlässigt”

Als ich vor zwei Jahren begann, die Veranstaltungsreihe „Republikanische Jubiläen“ für das Büchnerhaus zu planen, bin ich nicht auf die Idee gekommen, um ein Grußwort aus der Politik nachzufragen (allerdings hat die Hessische Landeszentrale für Politische Bildung das Projekt freundlich und großzügig unterstützt, und das war ja noch viel wichtiger!).

Der Beitrag von Bundespräsident Steinmeier in der ZEIT vom 14.3. liest sich aber ein bisschen so:

„Ein demokratischer Patriotismus in Deutschland weiß: 1789, 1848, 1918, 1949 und 1989 sind allesamt auch hoffnungsvolle Wendemarken der europäischen Geschichte. Sie führen uns in Europa nicht auseinander, sondern zusammen.“

„Ihr werdet vergeblich eine Gattin unter uns suchen, wenn ihr nicht … die Freiheit behauptet“. In der Bergzaberner Republik wurde zum ersten Mal auf deutschem Boden von allen Männern frei und gleich gewählt.

Darüber hinaus ist es eine schöne Ermutigung, wenn er schreibt:

„In Berlin und Bonn leisten großartige Museen und der Bundestag wichtige Beiträge zur Erinnerungsarbeit. Aber es gibt weitere herausragende Orte der deutschen Freiheits- und Demokratiegeschichte: Das Hambacher Schloss, der Friedhof der Märzgefallenen und die Festung Rastatt, das Weimarer Nationaltheater, Herrenchiemsee und die Nikolaikirche in Leipzig zählen dazu. Sie alle sollten nicht nur Ereignisorte sein, sondern wir sollten gemeinsam dafür sorgen, dass sie Lernorte der Demokratie werden. Darüber hinaus gibt es unzählige weitere Orte der Demokratiegeschichte, kleine und große, bekannte und weniger bekannte. Ich denke etwa an das Geburtshaus von Georg Büchner in Riedstadt und das von Matthias Erzberger in Buttenhausen, das Teehaus in Trebbow, wo sich Widerständler des 20. Juli trafen, an Denkmäler wie jenes für die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung in Schwarzburg oder für die frühen Großdemonstrationen im Herbst 1989 in Plauen.

Viele dieser Orte werden von Ehrenamtlichen mit großem Einsatz gepflegt. Ihr Engagement ist wichtig. Wenn die Demokratie eine Staatsform für alle ist, dann gilt das für die Pflege ihrer Geschichte ganz genauso. Denjenigen, die sich dafür schon heute engagieren, will ich ausdrücklich danken. Aber die Existenz dieser Erinnerungsorte ist oft prekär, ihre Möglichkeiten sind begrenzt, die Öffnungszeiten eingeschränkt. Viele Orte bekommen nicht die Gestaltung und die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. …. Die Demokratie ist uns Deutschen wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Wir müssen, immer aufs Neue, für sie arbeiten, für sie streiten. Deshalb verdient unsere Demokratiegeschichte mehr als freundliches Desinteresse. Sie braucht Neugier, Herzblut und, ja, auch finanzielle Mittel.“

Dabei kann es nicht darum gehen, einen unabhängigen und widerständigen Geist wie den Georg Büchners in irgendeiner Form oder unter irgendeiner Fahne zu vereinnahmen. Es steht aber außer Frage, dass er, die Mitverschwörer des Hessischen Landboten und weitere seiner Zeitgenoss*innen zu den Riesen gehören, auf deren Schultern wir in eine gerechtere, gleichere, weiblichere und freiere Zukunft schauen dürfen.

Das Büchnerhaus arbeitet schon lange im Arbeitskreis „Geist der Freiheit” der Kulturregion Frankfurt mit; jetzt haben wir auch Kontakt mit der Arbeitsgemeinschaft Orte der Demokratiegeschichte aufgenommen.

Peter Brunner

von Peter Brunner

„Doch was mir dort geschehen, Wirkt mutig in mir fort!”*

Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 in Zürich in den Armen der geliebten Minna Jaeglé stirbt, ist kein Familienmitglied anwesend.

Am Tag nach der Beerdigung am 21.2.  veröffentlichen die Eltern in Darmstadt eine knappe Anzeige:

 

Unser innigst geliebter Sohn Georg, Dr. philos. und Privatdocent an der Universität Zürich, ist uns durch den Tod entrissen worden. Er starb am 19. d. Mts. an dem Orte seiner Bestimmung, nach kaum zurückgelegtem 23. Jahre seines Alters, an einem bosartigen Fieber.

Ihren lieben Verwandten und Bekannten, sowie den Freunden des Verewigten widmen diese Anzeige, mit der Bitte um stille Theilnahme, die tiefgebeugten Eltern.

Darmstadt, den 22. Februar 1837.

Dr. Büchner, Gr. Med. Rath.

Caroline Büchner, geb. Reuß.

(Großherzoglich Hessische Zeitung, Nr. 56, 25. Februar 1837)

Es gibt keine Äusserung darüber, ob und wie es ihnen möglich gewesen wäre, rechtzeitig nach Zürich zu reisen; theoretisch war allerdings auch eine Überführung des Leichnams und eine Bestattung in Darmstadt nicht ausgeschlossen.

Das unwürdige Verhalten der Darmstädter Behörden, die wenig später verhinderten, dass auf Weidigs Grab die Inschrift

„Vaterland, Dein sei mein Leben,

Dein mein Fürchten, Hoffen, Streben,

und zum Lohne gieb dafür

Grab in freier Erde mir”

gezeigt werden durfte, mag als Hinweis dafür genügen, dass es gute Gründe gab, den gesuchten Staatsverbrecher Georg Büchner jedenfalls zunächst in tatsächlich freier, schweizerischer, Erde ruhen zu lassen. Auch der Satz „an dem Orte seiner Bestimmung“ mag ein Hinweis darauf sein, dass die Eltern  in dem Eindruck lebten, Georg habe mit der Dozentenstelle in der Schweizer Republik einen besseren Ort gefunden als es Darmstadt für ihn sein konnte.

Auf den „Rigiblick” umgebettet liegt er dort noch heute, und immer wieder erreichen mich Nachrichten von Büchnerfreund*innen, die seine letzte Ruhestätte dort besucht haben.

Im Juni 2019 wird die Luise Büchner-Gesellschaft eine Reise veranstalten, deren Teilnehmer*innen bereits einen Ortstermin dort vereinbart haben.

Die Stadt Darmstadt legt zum Todestag regelmäßig einen Kranz auf sein Grab, und unser Freund DW aus Riedstadt hat ihm bei jedem seiner regelmäßigen Besuche eine Erinnerung auf’s Grab gelegt.

 

Hier eines seiner neuesten Fotos (danke dafür!), schon unter der neu gepflanzten, jungen Linde

Büchners Grab auf dem Rigiblick in Zürich, Januar 2019 (C) DW

von Peter Brunner

Peter Brunner

* aus Luise Büchners Gedicht „Am Grab des Bruders”

Der Darmstädter Blumengruß von 2019. Das Foto von Herrn K. aus Zürich hat mir freundlicherweise Herr F. aus Darmstadt überlassen, vielen Dank dafür!

„Causa Menasse“ – Inwiefern kann, was die fiktionalen Texte betrifft, Menasse mit Büchner verglichen werden?

Zur Causa Menasse hat die Autorin Petra Morsbach in der FAZ in einem Leserbrief Stellung bezogen. „Können die Inbegriffe des historischen Wissens und des öffentlichen moralischen Bewusstseins für die literarische Fiktion verbindlich sein?“ fragt sie und bezieht das auf die „herrlich erfundenen Reden“ bei Shakespeare, Brecht und – Büchner.

Ich habe eine Reihe von Freund*innen gefragt, ob sie das hier kommentieren wollen, und neben Schweigen und spöttischer Ablehnung („net amol ignoriert“, „Vollmeise, alle beide“) die folgende Antwort von Herbert Wender erhalten.

Es hat ja immer wieder literarische Debatten gegeben, bei denen Büchner auf die eine oder andere Art als Zeuge herhalten musste, ich erinnere mich an die große Auseinandersetzung um Peter Schneiders „Vati“. Auch wenn Frau Morsbach unglücklich mit einem indirekten Zitat Büchners endet („Der geniale Büchner, auf den wir alle stolz sind, empfahl, Paläste anzuzünden“) meint Wender, es lohne sich, ihrer Überlegung nachzugehen. Er schreibt:

Lieber Herr Brunner,

ich danke Ihnen für den Hinweis auf die Büchner-Erwähnung(en) in einem Leserbrief der Schriftstellerin Petra Morsbach, der in der FAZ erschienen ist. Sie sucht den Kollegen Robert Menasse gegen die Kritik des Feuilletons in Schutz zu nehmen, indem sie Shakespeare, Büchner und Brecht als Parallelfälle nennt. In der öffentlichen Diskussion (soweit ich sie im Internet übersehe) wird dagegen die Causa Menasse eher mit den Fällen Relotius und Würger, zuweilen auch mit der älteren ‚Causa zu Guttenberg‘ verglichen. Offenkundig wollte Frau Morsbach den Leumund des Buchpreis-gekrönten Autors retten, indem sie Menasse den großen Text-Entleihern an die Seite stellt.

Die Befindlichkeiten der Leserbrief-Autorin interessieren mich nicht, ebensowenig ihr vielleicht doch etwas schlichtes Bild von Georg Büchner. (Es wäre allemal besser gewesen, die in den Quellen dokumentierten Gewalt-Vorstellungen Büchners zu zitieren als im Menasse-Stil ein Zitat zu phantasieren, das auf die Parole „Krieg den Palästen!“ anspielt.) Auch interessiert mich im folgenden nicht das eigentliche Skandalon, das insofern ein doppeltes ist, als es nicht nur Menasse, sondern auch das Feuilleton bloßstellt: Bereits 2013, also weit vor der Veröffentlichung seines Romans „Die Hauptstadt“, hat Menasse in einem nicht-fiktionalen Text (seinerzeit abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) in Form einer Tatsachenbehauptung aus einer angeblich historischen europapolitischen Rede des CDU-Politikers Walter Hallstein zitiert, die dieser Ende der 1950er Jahre, mitten im Kalten Krieg, in Auschwitz gehalten hätte. Wer die Geschichte der Hallstein-Doktrin kennt (man vergleiche etwa die einschlägigen außenpolitischen Meldungen der 1960er Jahre im Internet-Archiv der ehemaligen SED-Zeitung „Neues Deutschland“), müßte Menasse schon für tollkühn halten, wollte er ihm eine bewußte Fälschungsabsicht unterstellen. Ich vermute, daß es ihm ging wie einst dem Herrn zu Guttenberg: Wie dieser fest daran glaubte, daß die entlehnten Sätze seinem eigenen Hirn entsprungen wären, so erlag auch Menasse der selbstverliebten Vorstellung, die starken Sätze, die er geschrieben hatte, wären tatsächlich von Hallstein in Polen gesagt worden.

Nach diesen Klarstellungen komme ich nun endlich zum eigentlichen Thema: Inwiefern kann man, was die fiktionalen Texte betrifft, Menasse mit Büchner vergleichen?

Shakespeare, Büchner, Brecht

Im Unterschied zu Martin Mosebachs schnurgerader Überblendung „Saint-Just, Büchner, Himmler“ (FAZ-Titel der Büchnerpreis-Rede von 2007), die auf ideologische Engführung historischer und fiktiver Reden zielt, scheint Petra Morsbachs Zusammenstellung dreier großer Namen nur den poetologischen Aspekt in den Blick nehmen zu wollen. Die mittlerweile zusammengebrochene Autosuggestion Menasses, der für historisch wahr hielt, was er erfunden hatte, wird im Leserbrief gar nicht angesprochen, argumentiert wird offenkundig rein handwerklich. Daß die Grenzen zwischen dem historisch Überlieferten und dem vom Autor Hinzugedichteten bei der literarischen Gestaltung historischer Stoffe fließend sind, ist in der Tat nichts Besonderes.

Wer sich in solchem Zusammenhang auf Georg Büchner beruft, hat recht: In den drei Büchner-Texten, die einen historischen Stoff verarbeiten, also im Revolutionsdrama, in der Künstlernovelle und im Sozialdrama, fingiert Büchner Reden von Figuren, die historische Namen tragen, und verzichtet gleichzeitig nicht darauf, auch historisch bezeugten Wortlaut in seine Texte zu integrieren. Im „Woyzeck“ zum Beispiel sind die tragenden Säulen einer Argumentation, die den Täter als Opfer sehen, frei erfunden; der historische Woyzeck hatte zum Zeitpunkt der Tat weder eine militärische Beschäftigung noch den Nebenjob im medizinischen Experiment. Und der historische Täter war von der ermordeten Witwe ausgehalten worden, während die literarische Figur rührend bemüht ist, für Frau und Kind zu sorgen. Man müßte Büchner für tollkühn halten, wollte man ihm unterstellen, er hätte mit offensichtlichen Fakes zu einem realen Geschichtsverfahren kritisch Stellung nehmen wollen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem, wenn wir die literarischen Handwerker vergleichen wollen, nämlich daß wir das Verhältnis der Dichter zu den ermittelten Quellen in der Regel nur indirekt erschließen können, aus dem Ergebnis ihrer Arbeit, aus dem Werk. Man kann sich durchaus fragen, warum Büchner die Titelfigur des Revolutionsdramas und zwei weitere Dantonisten im Bordell auftreten läßt. Glaubte er einfach entsprechenden historischen Quellen oder wollte er uns die ‚Liederlichkeit‘ dieser historischen Akteure nur glauben machen, um den dramatischen Konflikt zu steigern?

Ich verweise an dieser Stelle auf meine Dissertation (Wender 1988, insbesondere das Kapitel “ ‚Huren‘ oder ‚Hoden‘ ?“). Ohnehin würde es zu weit führen, die verschiedenen Techniken der Quellenverarbeitung in Büchner-Texten näher zu erläutern. Ich schließe also etwas abrupt, will aber nicht ausschließen, die Diskussion fortzusetzen. Anregungen dazu sind immer willkommen!

Herzliche Grüße,
Ihr Herbert Wender

Ich stelle das hier zur Diskussion und freue mich zusammen mit Herbert Wender über jeden Kommentar.

Peter Brunner

Peter Brunner

Wie so oft wird die Debatte lieber in privaten Mails als hier geführt; ich darf das aber mit „anonym” zitieren:


„Die Causa Menasse ist – für mich – aus einem anderen Grunde bemerkenswert: Was man so hört und liest, ist es ein Roman von eher mittelmäßiger Qualität. Gleichwohl hat er gegen bessere Werke den Buchpreis bekommen. Also merke: Du mußt mit dem „Narrativ“  der Mächtigen denken, um zu reüssieren. Da schaden auch Fakes nicht. Und schon  das macht M. mit Büchner unvergleichbar. Ihn  mit Shakespeare und Büchner in einem Atemzug zu nennen, heißt alle im eigentlichen Sinne literarischen Maßstäbe hintanstellen.”

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