Nach 21 Folgen im letzten Jahr, die ich hier zum direkten download angeboten habe, stehen die Beiträge inzwischen so zahlreich zur Verfügung, dass ich künftig hier nur noch die Zugänge ankündige, sie aber nicht mehr direkt zum Anhören anbiete. Stattdessen finden sie sich – wie bisher schon – auf den bekannten Portalen:
Für diese wichtige Publikation fehlt bisher eine gemeinsame Erschließung, Recherchen sind auf die Durchsicht der einzelnen Inhaltsverzeichnisse angewiesen, was nicht nur mühselig und fehlerbehaftet ist, sondern auch den Zugriff auf alle Bände voraussetzt.
Den Fortschritt der Technik habe ich genutzt, diesem Desiderat abzuhelfen – mit Hilfe „künstlicher Intelligenz“ habe ich für die Bände 1 – 15, also den Erscheinungszeitraum 1983 – 2023, ein gemeinsames Verzeichnisse für Autorschaft, Titel und Inhalt erstellt.
Mit dem ausdrücklichen Hinweis auf keinerlei Haftung für Präzision und Vollständigkeit stelle ich es hier zum Download zur Verfügung. Aus gutem Grund trägt die Datei u.a. den Namen „Gemini“ – mit dessen (deren?) Hilfe ist sie entstanden.
Ich freue mich sehr über Reaktionen hierauf – insbesondere, wie immer, auf Hinweise zu Fehlern und Ergänzungen. Dank und Lob geht auch.
Ruth Wagner: Eine leidenschaftliche Brückenbauerin zwischen bürgerlicher Freiheit und Büchnerscher Radikalität
Mit dem Tod von Ruth Wagner verliert Hessen eine Politikerin, deren Leben und Wirken auf einzigartige Weise mit der Region Ried und dem Erbe Georg Büchners verknüpft war. Ihr Nachlass ist ebenso beeindruckend wie ihre politische Biographie komplex war – geprägt von Heimatliebe, kultureller Weitsicht und einer Loyalität, die weit über Parteigrenzen hinweg polarisierte.
Die frühen Wurzeln: Ein Weg, der niemals endete
Ruth Wagners Verbundenheit mit Büchner war keine spätere politische Entscheidung, sondern eine biographische Konstante. Als Jugendliche führte sie ihr täglicher Schulweg von Wolfskehlen nach Gernsheim am Geburtshaus Büchners in Goddelau vorbei. Zu einer Zeit, als das Haus noch kein Museum war, festigte sich dort ihr Bewusstsein für die historische Last und Chance ihrer Heimat. Dass sie als Abiturientin einen großen Aufsatz über Büchner verfasste, den sie lebenslang wie einen Schatz hütete und aus dem sie bis ins hohe Alter zitierte, zeugt von einer intellektuellen Durchdringung, die weit über das übliche Maß politischer Sonntagsreden hinausging.
Das Spannungsfeld: FDP-Realpolitik und der „Hessische Landbote“
Für viele Büchner-Freundinnen und -Freunde blieb Ruth Wagners politische Heimat in der FDP ein Paradoxon. In den Augen mancher Bewunderer des „Revolutionärs“ Büchner wirkte ihre liberale, oft als erstaunlich konservativ wahrgenommene Haltung befremdlich. Doch Wagner sah darin keinen Widerspruch: Für sie war Büchner kein Vordenker des Sozialismus, sondern ein radikaler Kämpfer für die Würde des Individuums und die Freiheit des Geistes – Werte, die sie im Kern des Liberalismus verankert sah.
Diese Unbeirrbarkeit zeigte sich auch in ihrer Rolle während der Ära von Ministerpräsident Roland Koch. Ihre unerschütterliche Loyalität in Zeiten politischer Skandale und heftiger öffentlicher Proteste blieb bis zuletzt umstritten. Während ihre Anhänger darin verlässliche „Nibelungentreue“ sahen, empfanden Kritiker dies als belastend für ihre Glaubwürdigkeit als Liberale, besonders als Kulturpolitikerin.
Visionen und verpasste Chancen
Ihr kulturelles Erbe ist geprägt von großen Erfolgen, aber auch von schmerzhaften Kompromissen:
Deutsch-deutsche Brücken: Mit Nachdruck trieb sie die Übertragung der ersten großen Büchner-Ausstellung in die DDR voran.
Das Geschwister-Konzept: Ihr leidenschaftliches Petitium, die zweite große Landesausstellung konsequent auf die gesamte Familie Büchner (u.a. Luise und Ludwig) auszurichten, scheiterte am Widerstand anderer Gremien. Für Ruth Wagner war dies eine vertane Chance, Büchner als Teil eines hessischen „Laboratoriums der Moderne“ dauerhaft und international neu zu verankern.
Verleihung der Urkunde „Büchnerstadt“ an die Stadt Riedstadt am 13.8.2019
Weltkulturerbe: Mit der Ernennung Riedstadts zur „Büchnerstadt“ (2007) war sie noch nicht am Ziel. Ihr Satz: „Nach diesem schon lange fälligen Schritt ist der nächste, das Büchnerhaus zum Weltkulturerbe zu machen“, bleibt ihr politisches Vermächtnis und Auftrag an die Nachwelt.
Bleibende Zeichen: Kunst und Aufklärung
Im Museum Büchnerhaus hängen heute die „Büchner-Metamorphosen“ – vier Original-Ölgemälde von Ariel Ausländer, die sie dem Haus schenkte. Sie sind ein Sinnbild für ihr Verständnis von Kultur: Ein ständiger Prozess der Wandlung und Auseinandersetzung.
Areil Auslender: Büchner-Metamorphosen. 2013. Öl auf Papier.
Ruth Wagner war eine Frau der klaren Kante und der tiefen Verwurzelung. Sie hat Büchner nicht nur verwaltet, sie hat ihn gelebt – in all seinen Widersprüchen. Man kann ihre Politik kritisieren, doch ihr Verdienst um die Sichtbarkeit der Familie Büchner in Hessen bleibt ein monumentaler Beitrag zur Identität unserer Region.
„Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“
Hat Karl Marx dabei an Georg Büchners Bruder Wilhelm gedacht? Auf dem Gelände der alten Frankensteiner Mühle, erst Getreidemühle, dann Krappmühle für rote Farbe, später Zuckerfabrik, entsteht 1845 eine Blaufabrik. Schornsteine und Dampfmaschinen prägen das Bild, Pfungstadt wird zum „südhessischen Manchester“, und erstmals exportiert ein hessen-darmstädtisches Unternehmen Industrieprodukte ins Ausland. Wir besprechen, wie aus dem Bauerndorf Pfungstadt eine Industriestadt geworden ist. Und wie verhielt sich eigentlich der kleine Bruder des revolutionären Georgs als Industrieller?
„Ihr werdet überrascht sein, wenn ihr mich besucht …“
schrieb Georg Büchner am 20. November 1836 an seine Familie. Im Februar 1837 ist er gestorben – erst 1875, 39 Jahre später, sind seine Geschwister zusammen nach Zürich gereist.
Der Krautgartenfriedhof in Zürich
Wir nutzen die Gelegenheit, erstmals vor Publikum im Darmstädter Literaturhaus, einen Blick auf drei von ihnen zu werfen, die bis dahin einflussreiche Prominente geworden waren. Bei Georgs Tod waren sie gerade mal 21, 16 und 13 Jahre alt, aber der große Bruder war ihnen ein Leben lang betrauertes und bewundertes Vorbild.
Eingeladen hatte uns die Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde, deren Geschäftsführer, unser Freund Johannes Breckner, leider stimmlich indisponiert (Alles Gute, Johannes!), uns höchst liebenswürdig vorstellte.
Heiner Müller hat in seine Büchnerpreisrede 1985 „Die Wunde Woyzeck“ genannt, die Büchner gerissen hat: „Die Wunde Heine beginnt zu vernarben, schief; Woyzeck ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt.“
Wir befragen die am Grab des Bruders Versammelten, den Unternehmer und Politiker Wilhelm, die Frauenrechtlerin Luise und den „Welterklärer“ Ludwig: schmerzte die Wunde Georg? Wo findet sich das Erbe des viel zu früh verstorbenen großen Bruders in ihrem Leben? Welche Hoffnung auf Auferstehung, auf Verwirklichung seiner Ideale haben sie sich bewahrt?
Und wir lüften ein Geheimnis, das bisher ungelöst blieb: was hat es mit dem Grabstein-Rest auf sich, der heute im Museum steht, aber angeblich von der Stadt Pfungstadt sträflich mißachtet wurde?
Hedwig Richter im Büchnerhaus vor dem Relikt des GrabsteinsDes Rätsels Lösung
Die Aufzeichnung der öffentlichen Veranstaltung vom 5. Dezember 2025 sendet Radio Darmstadt am Donnerstag, dem 11.12., um 17 Uhr live auf 103,4 Mhz, auf DAB und live im Internet.
Wie immer findet sich die Sendung anschließend in den podcastportalen und hier.