Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Georg Büchner (Seite 1 von 45)

Ganz gelesen ist halb gespielt

Häufig kommt in Gesprächen mit Schülergruppen im Büchnerhaus die Frage auf, wie es denn eigentlich sein könne, dass Georg Büchner mit 19 Jahren über eine so aussergewöhnliche Kenntnis von Literatur verfügen konnte, insbesondere, woher denn seine Kenntnis der Dramen der Weltliteratur komme.

Tatsächlich darf davon ausgegangen werden, dass Büchners Theatererfahrung überschaubar war; verschiedene Inszenierungen des gleichen Stücks hat er wahrscheinlich nie gesehen. 

Wir dürfen aber sicher annehmen, dass er sich mit Freunden häufig zum Lesen mit verteilten Rollen traf und so seine Kenntnis – und Haltung – bildete. Aus zahlreichen Berichten wissen wir, wie selbstverständlich in Freundeskreisen und Salons gemeinsam laut gelesen wurde. Ich rate jungen Leuten gerne, das selbst einmal auszuprobieren. (Leider müssen sie oft genug erst einmal Distanz zur bis dahin unglücklichen Präsentation von Büchners Dramen im Unterricht finden.) So oft dieser Vorschlag zunächst auf abschätziges Lachen stößt, weiß ich doch inzwischen, dass es einige wirklich und mit echtem Vergnügen gewagt haben. Ich freue mich sehr, wenn diese im neunzehnten Jahrhundert so verbreitete Form der Literaturaneignung nicht gänzlich verloren geht. Mit Leonce und Lena kann so eine heitere Runde zusammenkommen (und dem selten erkannten abgründigen, überbordenden Humor des Stückes gerecht werden); dem Danton mit seinen fast filmscripthaften Szenenwechseln wird die Vorlesetechnik gerade da gerecht, wo moderne Bühnen heute auf Szenenbilder ganz verzichten. Unser Kopf ist allemal schneller als eine Drehbühne für den Weg Salon Gasse Club Gasse Zimmer … *  

Dem Darmstädter Staatstheater muss dieser Vorschlag untergekommen sein – nicht zwangsläufig von mir, ich verzichte da gerne auf jede Verantwortung. In der Inszenierung für sechs Personen nach der Fassung von Christoph Mehler und Christina Zintl fehlen für ein gemütliches Leseszenario eigentlich nur bequeme Stühle, das Manuskript in der Hand der Agierenden und der größere Teil der eigentlich 28 von Büchner Vorgesehenen Personen sowie einige „Männer und Weiber aus dem Volk, Grisetten, Deputirte, Henker ect“. (Die ausufernde Unsitte, auch an großen Häusern die Personnage von Stücken zusammenzustreichen, ist übrigens nicht nur mangelnder Respekt vor dem Werk, sondern darüber hinaus auch Sparen am falschen Ende. In diesem Falle um so mehr, als ja noch nicht einmal „stattdessen“ Abertausende für das Bühnenbild aufgebracht wurden.) 

Was bleibt: sechs Personen in weißen Strumpfhosen, darüber schwarzen Culottes (! – die SANS-Culottes trugen nicht etwa keine, sondern im Gegenteil gerade lange Hosen, im Unterschied zu den adligen Knickerbockers), stehen vor dem Bühnenvorhang und – tragen Reste von Büchners Text vor. 

Das geschieht im Wesentlichen emotions- und bewegungsarm; das gelegentliche Übereinanderfallen und dramatische Lichtwechsel ändern nichts an diesem Eindruck. Und wenn schließlich Mathias Znidarec zu Saint-Justs großer Rede ansetzt („Es scheint in dießer Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das Wort Blut nicht wohl vertragen können….“) und er dann plötzlich doch in Wort und Gestus zugleich beweglich wird, da verzichtet die Inszenierung gerade dort auf die fürchterliche Nüchternheit, die große Interpret*innen diesem Text kalt und ruhig verleihen können.

Valerie Bolzano hat das für die Büchnerbühne mit unbewegter Mine und schneidender Sprache um Längen eindrücklicher präsentiert. 


Insgesamt ist Suhrs Danton ein Theaterstück mit handelnden Personen, das das Original aus nachvollziehbaren Überlegungen strafft und konzentriert, während das Staatstheater in den besten Szenen gerade noch auf den unverwüstlichen Text setzt.

Suhr strafft das Stück und fragt:

… interessiert uns vor allem das Verhältnis von freiheitlichen Ideen zu deren kulturellen Voraussetzungen. Denn aus diesem resultiert die Wahl der politischen Mittel. Wenn beispielsweise Robespierre vom TERROR (hier vom Staat ausgehend) als einzigem Mittel zur Verteidigung der TUGEND spricht, erreicht der Text  bis heute eine erschreckende Aktualität, die eine direkte Verbindungslinie von der französischen Revolution – der Geburtsstunde des europäischen Freiheitsgedankens – bis hin zum Schrecken beispielsweise des IS deutlich macht … Danton: „Ihr wollt Brot – und sie geben Euch Köpfe!“

Büchnerbühne

Unübersehbar stellt er damit seine Frage an den möglichst alles regulierenden Staat und zeigt die Aktualität des Büchnerschen Textes. Das lässt sich getrost nach Hause tragen. 

Darmstadt will wissen

„Wieviel Demut oder Gemeinsinn braucht ein gutes Regieren? Wie viel Gestaltungsmöglichkeit hat jede*r einzelne bei sich und bei der Veränderung der Gesellschaft? Wie können sich Menschen wahrhaftig begegnen, zuhören, lieben? Wie die Einsamkeit angesichts des Todes überwinden? An etwas glauben, das größer ist als sie?“

Staatstheater Darmstadt


Mag sein, dass hinter dem verschlossenen Vorhang Antworten warteten, zum Vorschein kamen sie nicht.

Beide südhessische Inszenierungen verzichten auf den epikuräischen Danton. Ob sie es damit dem Herausgeber Gutzkow gleichtun, darf zu Bedenken gegeben werden. Zu Büchners größtem Ärger kürzte der die Erstausgabe, aber immerhin wusste er

„Als ich nun, um dem Censor nicht die Lust des Streichens zu gönnen, selbst den Rothstift ergriff, und die wuchernde Demokratie der Dichtung mit der Scheere der Vorcensur beschnitt, fühlt’ ich wohl, wie grade der Abfall des Buches, der unsern Sitten und unsern Verhältnissen geopfert werden mußte, der beste, nämlich der individuellste, der eigenthümlichste Theil des Ganzen war.“ 


Auf die Ambivalenz, die uns Büchner mit dem saufenden, hurenden Danton gegenüber dem jakobinisch, ja pietistisch strengem Robespierre zeigt, haben beide verzichtet. Es bleibt uns überlassen, zu entscheiden, ob das den Stoff konzentriert oder simplifiziert.

Jedenfalls dann, wenn wir den ganzen Text kennengelernt haben – und sei es in konzentrierter Runde und mit verteilten Rollen. 

Von Peter Brunner

  • * Glaube keiner, das hier lese niemand. An dieser Stelle hatte ich eine beliebige Folge phantasiert und wurde harsch zur Ordnung gerufen. Jetzt ists die echte Folge der ersten Szenen … Danke, Dr. W. 

Das Büchnerhaus – ein Ort der Demokratiegeschichte

 

Das Geburtshaus von Georg Büchner liegt geographisch zwischen Hambach und Frankfurt, zwischen dem Ort des republikanischen Aufbruchs und dem Ort der ersten gewählten Volksversammlung in Deutschland. Tatsächlich beschreibt der geographische Ort auch historisch ziemlich genau die historische „Verortung“ der Republikaner um den Hessischen Landboten.   

Am Montag, dem 12. Juli, stellten 
Bürgermeister Marcus Kretschmann, der Vorsitzende des Neuen Vereins „BüchnerFindetStatt“, Werner Schmidt, und der Leiter des Museums Büchnerhaus, Peter Brunner (v.r.n.l.), die neue Plakette „Ort der Demokratiegeschichte“ am Büchnerhaus vor.

 

Die „Ar­beitsgemeinschaft Orte der Demokratiegeschichte“

hat zum Ziel, „… die Wahrnehmung der deutschen Demokratie- und Freiheitsgeschichte lokal, regional und deutschlandweit zu fördern und darüber demokratische Teilhabe und Zivilcourage an­zuregen“. Das Büchnerhaus ist ebenso wie die Paulskirche und das Hambacher Schloss Mitglied der Arbeitsgemeinschaft und erweitert damit sein Netzwerk bundesweit. Georg Büchner gehört „als einer der wirkmächtigsten politischen Schriftsteller des Vormärzzu den „Hundert Köpfen der Demokratie“, die die Arbeitsgemeinschaft zusammengestellt hat.

Bundespräsident Steinmeier hat in seinem Beitrag „Deutsch und Frei“ vom 14.3. 2019 in der ZEIT die Pflege „der Stätten, von denen Demokratie ausging“ gefordert. Das Büchnerhaus erwähnt er

In Berlin und Bonn leisten großartige Museen und der Bundestag wichtige Beiträge zur Erinnerungsarbeit. Aber es gibt weitere herausragende Orte der deutschen Frei­heits- und Demokratiegeschichte: Das Hambacher Schloss, der Friedhof der März­gefallenen und die Festung Rastatt, das Weimarer Nationaltheater, Herrenchiem­see und die Nikolaikirche in Leipzig zählen dazu. Sie alle sollten nicht nur Ereignis­orte sein, sondern wir sollten gemein­sam dafür sorgen, dass sie Lernorte der De­mokratie werden. Darüber hinaus gibt es unzäh­lige weitere Orte der Demokratiege­schichte, kleine und große, bekannte und weniger be­kannte. Ich denke etwa an das Geburtshaus von Georg Büchner in Riedstadt und das von Matthias Erzberger in Buttenhausen, das Teehaus in Trebbow, wo sich Widerständler des 20. Juli trafen, an Denkmäler wie jenes für die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung in Schwarzburg oder für die frühen Großdemonstrationen im Herbst 1989 in Plauen.“

Der Deutsche Bundestag hat in der Folge dieser Überlegungen am 9. Juni 2021 die Er­richtung einer „Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ beschlossen.

Mit dem Gesetz soll eine öffentlich-rechtliche Bundesstiftung zur Förderung natio­nal be­deutsamer Orte geschaffen werden, die symbolhaft für die wechselvolle Ge­schichte der De­mokratie in Deutschland stehen. Ziel ist es, mit Projektförderungen, eigenen Veranstaltun­gen oder Kooperationen bundesweit das Bewusstsein für den Wert der freiheitlichen demo­kratischen Grundordnung zu schärfen.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Die deutsche Geschichte zeigt, wie fragil demo­kratische Gesellschaften sein können. Die Botschaft daraus ist: Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern müssen täglich gelebt, ge­staltet und auch er­kämpft werden. An den Orten der Demokratiegeschichte lässt sich konkret veranschauli­chen, wie hart errungen unsere demokratischen Freiheits­rechte sind und was es zu verteidi­gen gilt. Die neue Bundesstiftung wird durch die Auseinandersetzung mit unserer Vergan­genheit das Bewusstsein für de­mokratische Werte schärfen und die Zivilgesellschaft stärken. Die breite Unterstüt­zung des Parlaments für den Gesetzesentwurf ist daher auch ein klares Bekenntnis zu unserer Demokratie.“
Der … Gesetzentwurf ist Teil der im Koalitionsvertrag vereinbarten Konzeption zur Förderung der Orte der deutschen Demokratiegeschichte. Die neu zu errichtende Stiftung mit Sitz in Frankfurt am Main soll das Enga­gement des Bundes koordinieren und bündeln.“ (Pressemitteilung der Bundesre­gierung vom 10. Juni 2021)

Als Grundlage seiner Arbeit hat der Vorstand des Fördervereins Büchnerhaus formuliert:

Die Wahrung der Erinnerung an Georg Büchner ist hohl und unergiebig, wenn sie nicht aktuelle Bezüge hat. Kenntnis und Verständnis der Geschichte des 19. Jahr­hunderts, des Jahrhunderts der Büchners, ist eine elementare Voraussetzung für das Verständnis deut­scher, ja europäischer Geschichte bis heute, und ohne Kennt­nis der Geschichte lässt sich die Gegenwart nicht erfolgreich gestalten.

Das Büchnerhaus regt dazu an, sich Büchners Werk und Leben zu nähern. Dazu stellt es neue Erkenntnisse vor, fördert die Debatte, regt zu kritischer Auseinander­setzung an, macht auf parallele Werke und Entwicklungen anderer Länder und Kul­turen aufmerksam und stellt sich stets der Frage nach der Aktualität Büchners in Li­teratur und Politik.“

Unser neuer Verein „BüchnerFindetStatt“ – entstanden aus der Fusion von BüchnerBühne & BüchnerHaus – wird auch in Zukunft nach dieser Maxime arbeiten.

In Büchners Leben und Werk sind der Autor, der Republikaner und der Naturwissenschaft­ler nicht voneinander zu trennen. Das Büchnerhaus weist sich mit der Plakette als „Ort der Demokratiege­schichte“ aus, es ist und bleibt darüber hinaus auch und mit gleicher Bedeu­tung der Ort des Autors und des Forschers. Schon bislang war das durch die Plakette „Li­teraturland Hessen“ ausgewiesen, die das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der Hessische Literaturrat und der Hes­sische Rundfunk dem Büchnerhaus verlie­hen haben.

Von Peter Brunner

Bist du todt? Todt! Todt! (es kommen Leute[,] läuft weg)

Am 21. Juni 1821, heute vor 200 Jahren, hat der Leipziger Perückenmacher und Ex-Soldat Johann Christian Woyzeck seine Geliebte Johanna Christiane Woost erstochen. 

 

Christian Suhr in seiner Ein-Personen-Interpretation des Woyzeck für die BüchnerBühne

2019 hat Anja Schiemann eine Arbeit vorgelegt, die sich dem Fall, der Büchner zu seinem Drama inspirierte, kriminalhistorisch nähert.  Sie kommt zu dem Schluß, dass das Verbrechen bereits am 2. Juni begangen wurde – auch dann bleibt es immerhin dabei, dass es inzwischen 200 Jahre her ist.

Soeben erschien der Roman „W.“ von Steve Sem-Sandberg.  Den Versuch, sich der Figur literarisch zu nähern, hat Rainer Moritz für den Deutschlandfunk besprochen. Er schließt:

„Hofrat Clarus kann, allein schon aus Berufsgründen, mit derartiger Komplexität wenig anfangen. Er will „klaren Bescheid“, er will die „Ereignisse in eindeutig überschaubarer Reihenfolge dargelegt bekommen“. So kommt sein Gutachten zu einem Ergebnis, das Woyzecks Schuldfähigkeit bejaht – eine Eindeutigkeit, mit der gelungene Romane in der Regel nichts anzufangen wissen. Steve Sem-Sandberg hat einen solchen geschrieben und das letztlich Unergründliche des Menschen umkreist. Mit einer Offenheit, die bemerkenswert ist.“

Mit jugendlicher Unbefangenheit nähern sich „Angelina & Lea“ in ihrem Podcast „Bibliomanie“ aus Anlass des Jahrestages dem Thema. „Ich glaube, ich les jetzt mal Woyzeck“ ist allemal ein guter Vorsatz!

 

 

 

„Für Büchners Werk gilt: es ist absolut zeitlos“

Es ist nicht (nur … ) Eitelkeit, dass ich hier auf ein Rundfunkgespräch hinweise, das Thomas Plaul vom Hessischen Rundfunk für die Reihe „Doppelkopf“ mit mir geführt hat.

Ich hatte die Gelegenheit, Büchnerhaus und BüchnerBühne mit ihrer Arbeit und Ambition vorzustellen. Die Reihe wird nach Ausstrahlung als podcast weiter zugänglich, der Büchner-Beitrag findet sich hier – to whom it may concern 

 

 

Im Beitrag zu Literaturland Hessen am Sonntag, dem 30. Mai, spricht auch der Impresario der BüchnerBühne, mein Freund Christian Suhr.

Und für Freitag, den 11. 6, einen Tag vor Luise Büchners 200. Geburtstag, ist ein „Doppelkopf“ mit der Vorsitzenden der Luise Büchner-Gesellschaft, meiner Freundin Agnes Schmidt, angekündigt,

 

 

Von Peter Brunner

小屋和平!- Xiǎowū hépíng!*

Nachtrag vom 3.4.21:

Also: das war mein Aprilscherz 2021, das mit der Büchnerhauskopie wird nix, und das ist auch gut so.

Mir ist zweierlei aufgefallen: ziemlich viele haben’s wohl geglaubt, und niemand davon hat’s irgendwie antichinesisch kommentiert. Gut so.
 
Immerhin war nicht alles erfunden – mein kleines rotes Buch ist eine ganz frühe Ausgabe mit dem Vorwort von Lin Biao, und damit sollte ich eh nicht in die Volksrepublik einreisen …
 
 
So. Ab heute wieder alles echt im Geschwisterblog!
 
 
 

In den letzten Wochen ist es rund um das coronabedingt geschlossene Büchnerhaus erstaunlich lebendig geworden: von früh bis spät gingen geschäftige Menschen ein und aus. Von außen und innen wurde das historische Bauernhaus begangen und vermessen, fotografiert und skizziert. Große Kameras auf Stativgerüsten rotierten im Hof, Fotodrohnen überflogen das Gelände und aus den Giebelfenstern im Dachgeschoss blickten aufmerksame Gesichter. In der Kunstgalerie lagen Bau- und Bestandspläne auf Tischen ausgebreitet, und das gerade erste eingerichtete öffentliche W-LAN kam regelmäßig an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit.

Auch das Innere des Museums mit der hochgelobten Dauerausstellung zu Georg Büchners Leben und Werk „Von Goddelau zur Weltbühne“ war belebt wie lange nicht. Jetzt endlich konnte Museumsleiter Brunner die Neugierde der Anwohner befriedigen: die Arbeiten stehen nicht im Zusammenhang mit der noch immer bestehenden Veranstaltungsbeschränkung wegen angeblicher Lärmbelästigung. „Das ist eine andere Baustelle“ lächelt Brunner.

„Gemeinsam an einem Tisch“ Installation im Büchnerhaus

Genauen Beobachter*innen hätte auffallen können, dass es sich bei den geschäftig aktiven unter verdeckenden Atemmasken nicht um örtliche Handwerker handelte: statt „Weck und Worscht“ gabs schon zum Frühstück Nudelsuppe, und das benachbarte Restaurant erhielt den Auftrag, „authentisch“ zu kochen und heiß zu liefern. Die Gäste kommen aus der Volksrepublik China, einige von ihnen sind international anerkannte Kapazitäten auf dem Gebiet von Gebäudeschutz und Rekonstruktion, andere sind Dozent*innen am germanistischen Institut. Trotz der Beschränkungen durch die Pandemie konnten die chinesischen Gäste vergleichsweise unproblematisch nach Deutschland und auch wieder zurück kommen: sie alle sind bereits seit Monaten geimpft, einige haben auch eine Corona-Infektion überstanden, in Goddelau konnten sie in einer leerstehenden Asylbewerberunterkunft völlig abgeschottet von der Außenwelt leben und arbeiten, und zurückgekehrt werden sie sich in China trotz all der Vorsichtsmaßnahmen noch einmal 10 Tage lang absondern. Dort können sie dann verwirklichen, was in der Büchnerstadt vorbereitet wurde: Sie planen nichts weniger als eine hundertprozentige Kopie des Goddelauer Büchnerhauses!

 Die ungewöhnliche Kooperation der beiden sonst weit voneinander getrennt operierenden Fachbereiche der renommierten Universität von Nanchang hat ein befreundeter Wanderer zwischen den Welten eingefädelt. Kurz nach dem Erscheinen seines neuen Buchs „Der kleine Herr Tod“ war Christian Y Schmidt Anfang 2020 nach Reinheim gekommen. Brunner konnte ihn überreden, nach der Lesung zu einem Gespräch mit ihm einzukehren, allerdings fand sich in erreichbarer Nähe nur ein höchst bescheidener Asia-Imbiss.

 

 

Dieser allerdings steht direkt gegenüber des Reinheimer Doktorhauses, dort, wo Georg Büchners Vater geboren wurde und wo vor ihm mehrere Generationen von Büchnerärzten praktizierten, was Brunner beredt schilderte.

Das Reinheimer „Doktorhaus“, wo Ernst Büchners Großvater praktizierte und sein Vater geboren wurde

Die Fahrradtour hat die Pandemie mittlerweile ebenso zunichte gemacht wie Schmidts Heimreise zu seiner Frau nach China, aber online fanden mit dem mittlerweile vorübergehend in Berlin untergekommenen Autor ständig Kontakt und Austausch statt.

 

 

Von Map of the Long March 1934-1935-en.svg: Rowanwindwhistlerderivative: Furfur – Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet:  Map of the Long March 1934-1935-en.svg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63200022

Schmidt erfuhr aus der chinesischen Presse von dem Plan der Bauingenieure aus Nanchang, ein deutsches Fachwerkhaus originalgetreu zu kopieren und dabei historische Bautechniken zu studieren. Brunners Schilderung von Büchners Geburtshaus, größer und originalgetreuer erhalten als das mehrfach umgebaute und kürzlich komplett sanierte Reinheimer Haus, regten Schmidt dann zu der zunächst abenteurlichen Idee an, Baukunst und Literatur zu einer ungewöhnlichen Kooperation zu bewegen.

Er sprach Professorin Wang Xin, ebenfalls Dozentin an der Nanchang-Universität, auf Büchners Geburtshaus an – die chinesische Wissenschaftlerin hat über Literatur im deutschen Vormärz promoviert – und fand in ihr eine engagierte Streiterin für das Projekt. Mit chinesischer Präzision und auf für deutsche Verhältnisse unglaublich kurzen Entscheidungswegen fiel im fernen Osten dann die Entscheidung: das Haus wird kopiert und neu errichtet. Geplant ist zunächst die baufachliche Analyse und der eigentliche Bau der Rekonstruktion. Dieser architektonische Teil des Projektes soll 2022 abgeschlossen sein, ab dann steht im hügeligen Wanli Distrikt von Nanchang eine hundertprozentige Kopie des Goddelauer Büchnerhauses.

Danach soll Brunner bei einem Studienaufenthalt den Aufbau der biografischen Ausstellung begleiten und überwachen. Der Plan steht und fällt natürlich auch mit der weiteren Entwicklung der Pandemie, die heute eine solche Reise noch ganz unmöglich macht. In enger Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Germanistik wird die Präsentation vor Ort behutsam modernisiert und dem chinesischen Vorverständnis angepasst. Brunner erwartet von diesem Arbeitsschritt auch wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung der Präsentation im Originalhaus. „Ich hoffe sehr darauf, dass Christian Y Schmidt mir auch dort so verbunden bleibt wie das bisher der Fall ist“ schildert Brunner den geplanten Verlauf. „Ich habe zwar mein Originalexemplar des ´kleinen roten Buches` wieder einmal hervorgeholt, aber alleine auf das Befolgen der Mao-Tse-Tung-Gedanken wird sich die Kooperation nicht beschränken lassen, und da muss mich Schmidt sozusagen in die chinesische Moderne begleiten“. Sollte sich das Projekt so erfolgreich entwickeln wie es alle Beteiligten aktuell erwarten, wird nicht ausgeschlossen, dass in Goddelau eines Tages eine originalgetreue Kopie der Lu Xun Memorial Hall in Shanghai errichtet wird – zur Erinnerung an den großen chinesischen Dichter, der mit Büchner neben dem bedeutenden Anteil an der Literatur auch sein soziales Engagement und den Arztberuf teilt.

* Friede den Hütten!

Von Peter Brunner

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