Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Geschichte (Seite 3 von 28)

Vater Büchner und der Weltgeist zu Pferde

Peter Brunner

von Peter Brunner

Im Videochannel der BüchnerBühne auf Youtube steht hier der zweite Teil meiner kleinen Videobeiträge aus dem BüchnerHaus online .

Weitere Beiträge (und ich habe eine Vormerkliste für ca 55 ….) werde ich hier nicht mehr einzeln ankündigen; sehen Sie gerne regelmäßig bei YouTube vorbei oder, besser, abonnieren Sie den Channel. In der Blogroll hier rechts steht jetzt auch ein dauerhafter Link dorthin. 

Wie immer freue ich mich über Kritik, Anregungen, Fragen usw hier, beim Video oder per Mail

Büchner findet statt!

Das Museum in Georg Büchners Geburtshaus im Riedstädter Stadtteil Goddelau muss vorläufig geschlossen bleiben – die Enge in den Ausstellungsräumen des historischen Fachwerkhauses lässt Besuche unter den vorgegebenen Sicherheitsabständen einfach nicht zu.

 

Museumsleiter Peter Brunner hat sich daher vorgenommen, in Videobeiträgen aus der Vielfalt des Museumsangebotes zu berichten. Er beginnt mit der Biographie von Georg Büchners Vater. Die Reihe soll fortgesetzt werden (und er wird dabei gerne auf Fragen und Hinweise reagieren).

Hier geht es zum ersten Beitrag – über Georg Büchners Vater Ernst Büchner.

Peter Brunner

von Peter Brunner

„ … es ist nicht so arg, als es die Leute machen, es sind zwar schon viele Menschen daran gestorben.”

„Wenn Du hörst daß hier das Nervenfieber grasierte, so ängstige Dich nicht, es ist nicht so arg, als es die Leute machen, es sind zwar schon viele Menschen daran gestorben. Kürzlich starben aus einer Familie drei jungen Leute. Zwei Söhne und eine Tochter, sie wurden an einem Tage begraben, und gestern soll auch die Mutter gestorben sein.“ (Caroline Büchner an ihren Sohn Georg, Darmstadt, 30. Oktober 1836)


Es ist der erste April, und ich bin bereits mehrfach darauf angesprochen worden, wo denn, nach meinen stets freundlich aufgenommenen Aprilscherzen der vergangenen Jahre, zuletzt zum angeblichen Fund des Druckstocks des Hesssichen Landboten, der diesjährige Beitrag bleibe.

Er bleibt einer besseren Zeit vorbehalten – geplant war, dies sei angekündigt, der Fund des „Dolchmessers“, das Alexander Büchner Pfingsten 1849 bei sich trug und das seine „stets besonnene” Schwester Mathilde „ins tiefe Gestrüpp” geschleudert hat.

Stattdessen heute nur ein Bild von den wunderschönen Kopfweiden, die in der Büchnerstadt erhalten und gepflegt werden. Sie stehen auf der Halbinsel Kühkopf, zu Georg Büchners Goddelauer Zeit noch auf der linken Rheinseite, heute, nach der Rheinbegradigung von 1829, Teil der Gemarkung des Riedstädter Stadtteils Erfelden.


Walter Renneisen hat einmal darauf hingewiesen, dass genau so der Ort „Freies Feld. Die Stadt in der Ferne“ aussieht, an dem Andres und Woyzeck Stöcke im Gebüsch schneiden. Jetzt, im frühlingshaften Licht und mit frischem grünen Laub eine wahre Idylle, aber in einem feuchten, nebligen und kalten Herbst kann der gleiche Blick Erschreckendes offenbaren. Dann ist es „Still, Alles still, als wär die Welt todt.”

Peter Brunner

von Peter Brunner

Die nächsten Veranstaltungen im Büchnerhaus

„Kleidung, Freiheit, Identität“ heißt die Überschrift zu Veranstaltungen des Zusammenschlusses „Geist der Freiheit“ in der Kulturregion Frankfurt[BP1] , bei dem das Büchnerhaus mitarbeitet.

Zum Thema spricht am

Donnerstag, dem 5. März 2020 um 19 Uhr in der Kunstgalerie am Büchnerhaus

Elsbeth Wallnöfer (Wien):

Elsbeth Wallnöfer
(c) privat

„Geziert mit rother Jakobiner-Mütze, Im Polen-Rock, schritt stolz er durch die Strassen“

Kleidung als Programm – von Georg Büchner bis Carola Rackete

Kleidung ist viel mehr als nur den klimatischen Gegebenheiten angepasste Körperbedeckung. Vom Hermelin des Herrschers bis zur Parka der „68er“, vom „Polenrock“ als Ausdruck der Sympathie mit den polnischen Aufständischen von 1833 bis zum „Pali-Tuch“ der rebellischen europäischen Jugend hat sie stets Haltung vermittelt. Elsbeth Wallnöfer begibt sich auf die Spuren unserer Kostümierung und bietet Orientierung im Kleiderschrank der Widerspenstigen.

Elsbeth Wallnöfer (Jahrgang 1963) ist Volkskundlerin und Philosophin. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Heimat und forscht zum Phänomen der Tracht. Daraus ergaben sich zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt erschien „Heimat – Ein Vorschlag zur Güte“ (Haymon-Verlag).

Karten gibt’s im Vorverkauf über unseren Partner Reservix

Und auch 2020 kommt der vorjährige Büchnerpreisträger ins Büchnerhaus –

Lukas Bärfuss liest

vorerst nicht

auf der BüchnerBühne in Riedstadt-Leeheim –

wegen der Virusprophylxe mussten wir alle Veranstaltungen und die Museumsöffnung bis vorerst zum 30. April einstellen.

Lukas Bärfuss
(c) Stefano di Marchi

Es ist zur guten Übung geworden, dass die Büchnerpreisträger*innen des Vorjahres auf Einladung der Büchnerstadt Riedstadt Georg Büchners Geburtshaus besuchen und dort eine Lesung abhalten.

2020 gibt es gleich zwei gute Gründe dafür, dass die Lesung nicht in der Kunstgalerie am Büchnerhaus, sondern auf der BüchnerBühne stattfindet: Haus und Bühne kooperieren künftig eng miteinander und koordinieren daher ihre Veranstaltungen systematisch. Daher wird Lukas Bärfuss am Nachmittag vor der Lesung das Büchnerhaus zu besuchen und die spätere Lesung dann in Leeheim zu halten. Darüber hinaus ist Lukas Bärfuss ein wichtiger Theaterautor, und wo sollte der auftreten, wenn nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten?

In seiner Rede zum Büchnerpreis hat Bärfuss Büchner an einem zentralen Punkt getroffen und abgeholt. Er sagte: „Und es ist diese Frage, die mich mit Georg Büchner verbindet. Was das denn sei, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet, fragt der Revolutionär Georges Danton, …Aber nein, so weit sollten wir seither gekommen sein seit Büchner, dieses »das« in jener Frage, es ist nicht in uns, es ist zwischen uns, vor uns, es ist da, man kann es lesen, man kann es hören, es ist in den Beschlüssen, den Anordnungen, den Dienstvorschriften, den Funktionszusammenhängen, den Einreiseformalitäten, den Fahrplänen, den Beförderungsbestimmungen.“

Kaum eine Stelle in Büchners Werk drückt so sicher auch seine eigene Haltung aus und führt uns so nahe in seine Werkstatt: bevor Danton die Frage stellt, stellt sie Büchner selbst, seine Lebensfrage, im Brief an die Geliebte. Er zitiert sich selbst, wenn er Danton das fragen lässt, und die Frage hat weder den Dichter noch den Naturwissenschaftler je losgelassen.

Lukas Bärfuss, 1971 in Thun in der Schweiz geboren, ist Autor von 25 Stücken, drei Romanen und einigen Essays und Erzählungen. Der Büchner-Preis-Juror Ernst Osterkamp sagte über ihn: „Er ist jemand, der mit äußerster Sensibilität insbesondere die politischen Entwicklungen und das sind vor allen Dingen auch mediale Entwicklungen in seinem Heimatland, in der Schweiz, beobachtet und sie mit einer gewissen Fähigkeit zur stilistischen Rücksichtslosigkeit zu kommentieren in der Lage ist.“

Hier gibt’s (noch) Eintrittskarten


 [BP1]

Peter Brunner

von Peter Brunner

Büchner findet statt!

Nach all den Weihnachtswünschen und Rückblicken auf das vergangene Jahr hier stattdessen zum Jahresbeginn ein kleiner Ausblick von mir in Sachen Büchner – unvermeidlich beeinflusst vom Vergangenen.

Zum ersten Januar 2020 liegt ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm von BüchnerHaus und BüchnerBühne vor – dieser scheinbar kleine Schritt für die Gestaltung ist in Wirklichkeit ein großer Schritt vorwärts zu intensiver Kooperation. Tatsächlich listet das Leporello auf, wann wo welche Veranstaltungen von uns angeboten werden, Kooperation im wörtlichen Sinn ist (noch) kaum wahrzunehmen. Immerhin ist „Die Welt so alt“ (am 23.2. und am 14.3. auf der BüchnerBühne) in Zusammenarbeit von Christian Suhr mit mir entstanden, und wenn es die Termine zulassen, werde ich da auch wieder die Texte zur Biographie Georg Büchners als Moderation sprechen wie zur Erstaufführung an Georg Büchners Geburtstag im Oktober.

Auf Einladung der Büchnerstadt Riedstadt liest der Büchnerpreisträger von 2019, Lukas Bärfuß, am Samstag, dem 21. März, aus seinem Werk. Wir haben ihn eingeladen, am Nachmittag das Büchnerhaus zu besichtigen und dabei unsere Vereinsmitglieder zu treffen, bevor wir dann gemeinsam zur BücherBühne fahren, wo die Lesung stattfinden wird. Das soll auch den Dramatiker Bärfuß würdigen – wo, wenn nicht auf der Bühne …

Ins Büchnerhaus kommt zum ersten Vortrag am 23. Januar 2020 der Frankfurter Germanistikprofessor Roland Borgards, der zugleich designierter Leiter der Forschungsstelle Georg Büchner und der neue Vorsitzende der Georg Büchner Gesellschaft ist. Er wird über einen seiner Forschungsschwerpukte sprechen: „Von Fledermäusen, Grasmücken und Nachtigallen. Büchners Bestiarium und die Tiere der Romantik“, und natürlich wird er vorher das BücherHaus besuchen. Wir setzen darauf, dass das die von Anfang an bestehende enge Verbindung der Büchnerstadt mit den beiden akademischen Einrichtungen weiter festigt und verstärkt.

Die Kunstgalerie am Büchnerhaus, unser Vortragsraum im ehemaligen Kuhstall des Anwesens, zeigt in den nächsten Monaten zwei ganz unterschiedliche Werke: ab dem 19. Januar Skizzen, Vorzeichnungen und Originale des Gießener Künstlers Andreas Eikenroth zu dessen Woyzeck-Comic, der ganz zu Recht mit besten Kritiken besprochen wurde und den er bei einer sehr schönen Veranstaltung am 14.11. präsentiert hat. Er hat mir kürzlich mitgeteilt, dass er an einem weiteren Büchner-Werk arbeitet; mit einigem Glück dürfen wir auf einen Lenz-Comic von ihm hoffen!

Zu Ende März hat dann unser Freund Mario Derra, der Graphiker, Typograph und Bewahrer der Lithographie, zugesagt, seine neuen Lithographien zu Leonce und Lena zusammen mit neuen Bronzearbeiten zu präsentieren. Das wird unter anderem für diejenigen spannend, denen die wunderbaren Holzschnitte von Leo Leonhardt zu Leonce und Lena noch präsent sind, die wir bis zum Winter gezeigt haben.

Das Büchnerhaus ist schon lange in enger Kooperation mit „Geist der Freiheit“ , dem Zusammenschluss von Orten unserer Demokratiegeschichte in der „Kulturregion Frankfurt“. Es war leicht, zum diesjährigen Thema „Kleidung“ einen Anknüpfungspunkt zu finden: weil es immerhin ein paar Hinweise über Georg Büchners gelegentlich provokante Kleidung gibt, und weil wir schon lange gut mit einer Forscherin bekannt sind, die zu diesem Thema arbeitet: Elsbeth Wallnöfer aus Wien hat vor einiger Zeit vor der Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft über ihre Forschung zum „Dirndl“ gesprochen und kommt nun zum Thema „Kleidung als Programm“ am 5. März ins Büchnerhaus: „Geziert mit rother Jakobiner-Mütze im Polen-Rock, schritt stolz er durch die Strassen“ heißt ihr Vortrag, den sie so ankündigt: „Kleidung ist vielmehr als nur den klimatischen Gegebenheiten angepasste Körperbedeckung. Vom Hermelin des Herrschers bis zur Parka der „68er“, vom„Polenrock“ als Ausdruck der Sympathie mit den polnischen Aufständischen von 1833 bis zum „Pali-Tuch“ der rebellischen europäischen Jugend hat sie stets Haltung vermittelt.“ Wir warten gespannt auf den Vortrag (und hätten nichts dagegen, wenn an dem Abend unsere Gäste „programmatisch gekleidet“ kämen … ).

Elsbeth Wallnöfer wird auf unsere Vermittlung hin bereits am Vortag für die Volkshochschule ihr neuestes Buch „Heimat. Ein Vorschlag zur Güte“ vorstellen.

Für die kommenden Monate arbeiten wir intensiv an einer Veranstaltungsreihe zu einem Ereignis, das als Jubiläum bisher kaum Wellen schlug: 2020 jährt sich die Inkraftsetzung der ersten hessischen Verfassung zum zweihundertsten Male. Die Ambivalenz dieses Gesetzes wollen wir beleuchten. Es wurde einerseits vom Fürsten oktroyiert, bot aber andererseits so bemerkenswerte Garantien wie „Jeder Hesse ist vor dem Gesetz gleich“, es war sowohl die Verfassung, die Friedrich Weidig seinen Schülern zum Auswendiglernen aufgab, andererseits aber auch die, unter der er im Gefängnis ums Leben kam und die Büchner ins Exil zwang. Das wird überraschend aktuell, wenn Parallelen zu heutigen Volksbeglückern hergestellt werden. In China und in den USA, in Polen und in Ungarn stellt sich plötzlich wieder die Frage, ob nicht „ein guter König“ viel besser und effektiver Glück und Wohlstand fürs Volk schaffen kann als mühselige republikanische Anstrengungen um Konsens und Mehrheit. Wir wollen diese Frage Historiker*innen und Verfassungsrechtler*innen stellen und den Versuch unternehmen, ihre Erkenntnisse mit Schauspieler*innen, Autor*innen und bildenden Künstler*innen in künstlerische Ausdrucksformen zu vermitteln. Ganz getreu Georg Büchners Anspruch:
“  … der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtschreiber, steht aber über Letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockne Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen.“ (Brief an die Eltern vom 28. 7. 1835)

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

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