Peter Brunners Buechnerblog

Schlagwort: Dantons Tod

Festival in den Zeiten von Corona

Die Neuinszenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“ der BüchnerBühne feiert am

 

Samstag, 26. Juni, um 19:00 Uhr Premiere

„Unter den Linden Leeheim“ in der Kirchstraße 1.

 

Die Premiere ist der Auftakt zum 1. BüchnerLand Festival, das ursprünglich in viel größerem Maßstab geplant war und wie so viele Kulturveranstaltungen der Corona-Pandemie zum Opfer fiel. Erstmals sollten bei dem großen Festival zu Ehren Georg Büchners unter Federführung von BüchnerHaus, -Bühne und –Stadt in genreübergreifenden Veranstaltungen die verschiedenen Büchner-Orte im Land miteinander verbunden werden. Doch so ganz wollen wir nicht lassen von der Idee eines BüchnerLand Festivals und so wird es vom 26. Juni bis 15. Juli im „Corona-Exil“ der BüchnerBühne, dem idyllischen evangelischen Kirchengelände mit seiner beeindruckenden Lindenallee, verschiedene Aufführungen geben.

Zwischen „Dantons Tod“ und dem

Festival-Abschluss am Donnerstag, 15. Juli, um 19:00 Uhr mit Thomas Freitag

wird es an den Wochenenden verschiedenste Veranstaltungen geben. So werden aus Gießen, wo Georg Büchner studiert hatte, Studierende des Instituts für angewandte Theaterwissenschaft erwartet, die verschiedene Projekte ihrer Beschäftigung mit Büchner vorstellen. Das genaue Programm wird jeweils am Montag bekannt gegeben.

 

 

Zum Auftakt also die Neuinszenierung von „Dantons Tod“, die auf dem vielfach beachteten Europa-Projekt der BüchnerBühne „Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!“ aus den Jahren 2013 bis 2015 basiert. Büchner Geschichtsdrama zeichnet einen zweiwöchigen Ausschnitt aus der entfremdeten Spätphase der Französischen Revolution nach. Die politischen Ziele sind erreicht, im Mittelpunkt steht nun die Verwirklichung der sozialen Revolution. Neben dem auch in späteren Folgerevolutionen gescheiterten Spagat, die Errungenschaften der Emanzipation zu bewahren und in eine demokratische Ordnung zu integrieren, interessiert sich die Inszenierung von Christian Suhr vor allem für den machtpolitisch motivierten Einsatz von Angst. Das einfache Volk wird systematisch in Angst gehalten, um seine hilflose Wut gegen innenpolitische Gegner steuern zu können.

Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Das Gelände öffnet bereits für maximal 100 Personen eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn, um Schlangen am Eingang zu verhindern. Beim Eintritt werden die Kontaktdaten der Besucher erfasst. Bei schlechtem Wetter gibt es die Möglichkeit für bis zu 50 Personen, in die evangelische Kirche umzuziehen. Sie müssen allerdings nachweisen können, dass sie vollständig geimpft, genesen oder aktuell getestet wurden. Die entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln müssen eingehalten werden.

 

Von Christian Suhr

Schauspiel Frankfurt: Büchners Danton als unaufführbar aufgeführt

Ausverkauft sind die Karten für die heutige, letzte Vorstellung des „Danton” im Schauspiel Frankfurt – und ich bin sehr froh, dass ich am 9. 7.wenigstens in der vorletzten Vorstellung noch drin gewesen bin.
Es gab ein ganze Reihe hochkarätiger Besprechungen. u.a.:

Die Damen haben deutlich unterschiedliche Perspektiven – Judith von Sternburg erwähnt zum Beispiel die Musik von Ari Benjamin Meyers überhaupt nicht, die dagegen Christine Dössel (zu Recht) so charakterisiert: „Musikalisch angetrieben, suggestiv untermalt und gefühlsbombastisch verstärkt wird der theatrale Dauerlauf von zwei Cellisten links und zwei Gitarristen rechts am Rand. Dazu gibt es auf der hinteren Walze drei dunkel gewandete Sänger, die genauso vorwärts marschieren wie die Schauspieler, während sie in höchsten Tenortönen summen, singen oder Ha-Ha-Ha-Choräle anstimmen.Den Soundteppich hat der amerikanische Komponist Ari Benjamin Meyers gewoben, der in der Kunstszene gerade sehr gefragt ist, weil er mit Raum, Dauer, Wiederholungen experimentiert und Musik als performatives Medium begreift. Seine Dauermusikschleifen erinnern an die minimalistischen Kompositionen von Philip Glass und Michael Nyman. Sie wiegen einen in Trance, hypnotisieren, elektrisieren, und sie sind auch penetrant.”

 

Ich habe noch nie zuvor eine Inszenierung von Ulrich Rasche gesehen, der für chorische Aufführungen bekannt ist. Dem Danton hat er eine Form gegeben, die mich sehr an ein Gespräch mit dem Büchner-Biografen Jan-Christoph Hauschild erinnert hat. Hauschild nannte Büchners Dramen „eigentlich nicht aufführbar” und begründete das mit der geringen Erfahrung, die der jugendliche Dichter mit der Umsetzung von Geschriebenem auf die Bühne hatte.
Rasche hat das – ob aus diesen oder aus anderen Überlegungen heraus – großartig interpretiert. Die ganze Aufführung ist eine einzige Deklamation, und noch nie wurde mir so klar vor Augen geführt, wie der junge, verfolgte und verzweifelte Revolutionär Büchner im Darmstädter Elternhaus jeden seiner Sätze als Aufschrei formulierte. Ein großer Teil des Werkes ist ja Satz für Satz als Zitat zu verwenden; einerseits, weil Büchner selbst ständig zitiert, aber andererseits eben auch wegen der ungeheuer ausdrucksstarken Aussagen, die da jedes Wort mitbringt. Vergegenwärtigt man sich, dass Büchner ganz sicher eine Vielzahl von Stücken selbst gelesen, wohl auch mit verteilten Rollen gelesen, aber eben nicht auf der Bühne aufgeführt gesehen hat, so macht diese Aufführung einen Zugang zum Stück möglich, den eine szenische Inszenierung niemals bieten könnte.
Schon vor Jahren schrieb ich über Christian Wirmer ’s “Lenz”: „Da steht ein Mann und spricht, e r z ä h l t , und wir hören einen altbekannten Text plötzlich wie zum ersten Mal. …- Büchners Lenz ist wirklich zum Erzählen geschrieben (neben dem Landboten ist es ja auch sein einziger Prosatext), und das führt Christian Wirmer unpathetisch vor. Es gibt ja in der Büchner-Familie die belegte Tradition des Erzählens, Luise Büchner schildert das im Dichter, Georg spielt gerne mit erzählenden Figuren, Luise Büchner selbst hat ihre Märchen zuerst Ludwig Büchners Kindern vorgelesen. Vielleicht müssen wir uns ab jetzt den Lenz als eine (wörtlich) E r z ä h l u n g Georg Büchners denken, als einen Text, von einem Dramatiker als Sprechtext geschrieben. Der Verdienst, diesen wichtigen Gedanken angeregt zu haben, gehört Christian Wirmer.”

Peter Brunner

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von Peter Brunner

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