Peter Brunners Buechnerblog

Autor: peter brunner (Seite 2 von 87)

„Für Büchners Werk gilt: es ist absolut zeitlos“

Es ist nicht (nur … ) Eitelkeit, dass ich hier auf ein Rundfunkgespräch hinweise, das Thomas Plaul vom Hessischen Rundfunk für die Reihe „Doppelkopf“ mit mir geführt hat.

Ich hatte die Gelegenheit, Büchnerhaus und BüchnerBühne mit ihrer Arbeit und Ambition vorzustellen. Die Reihe wird nach Ausstrahlung als podcast weiter zugänglich, der Büchner-Beitrag findet sich hier – to whom it may concern 

 

 

Im Beitrag zu Literaturland Hessen am Sonntag, dem 30. Mai, spricht auch der Impresario der BüchnerBühne, mein Freund Christian Suhr.

Und für Freitag, den 11. 6, einen Tag vor Luise Büchners 200. Geburtstag, ist ein „Doppelkopf“ mit der Vorsitzenden der Luise Büchner-Gesellschaft, meiner Freundin Agnes Schmidt, angekündigt,

 

 

Von Peter Brunner

„Er sieht so drein, wie er meistens dreinsieht und auch mit Vornamen heißt: Ernst.“

 

Ella Thiess verwickelt die Familie Büchner in einen historischen Kriminalfall

Georg Büchners Vater Ernst begegnet uns bei jeder Lebensschilderung des bedeutenden Sohnes. Je nach Haltung der/des Biograph*in werden dabei je bestimmte Züge als prägend beschrieben. Das kann die strikte Nüchternheit sein, der bedingungslose Realismus, der unterstellte Atheismus und die abweisende Strenge, denen meist zugleich jeweils die dagegen als positiv geschilderten Haltungen der liebevollen, weichen, religiösen Mutter Caroline gegenübergestellt werden.

So schreibt Dieter Zissler[1]: „Wenn man den biographischen Überlieferungen durch Karl Emil Franzos folgt und hört, die Mutter Georgs sei musisch, großzügig und einfühlsam gewesen, habe die Selbständigkeit und Urteilsfähigkeit ihrer Kinder gefördert; der Vater dagegen naturwissenschaftlich-exakt, illiberal-streng und auf das zielstrebige und praxisbezogene Fortkommen seiner Kinder bedacht, dann denkt man unwillkürlich an Goethes ‚Vom Vater die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren‘.“ (S. 143) und weiter „Wie bedenklich realistisch der Vater seine Kinder erzog, zeigt auch die Tatsache, daß er mit Georgs damals gerade zwölf Jahre altem Bruder Ludwig, dem späteren Autor von „Kraft und Stoff“, der — so die Vorstellung des Vaters — ja einmal Arzt werden sollte, zu einer öffentlichen Hinrichtung gegangen ist.“ (S. 144)

Ernst Büchner war mit seinem damals 12-jährigen Sohn Augenzeuge der Hinrichtung des angeblichen Mörders Jacob Trumpfheller am 16. Oktober 1836 „auf der Bessunger Viehweide“ „in Gegenwart vieler tausende von Zuschauern“ (Großherzoglich-Hessische Zeitung, Juli-Dec. 1836,. S. 1584). Ähnlich wie seine „kalten und empathielosen“ Berichte über „medizinische Phänomene“ wird ihm auch dieser Besuch regelmäßig als Zeichen von erschreckender, scheinbar unmenschlicher Nüchternheit angelastet. Tatsächlich war die Erkenntnis von der Widerwärtigkeit der Todesstrafe und insbesondere ihrer öffentlichen Ausführung nicht besonders verbreitet, wir kennen ja ganz ähnliche Berichte auch von der Hinrichtung des Leipziger Soldaten Woyzeck 1824 in Leipzig. Immerhin gehören diese beiden Tötungen zu den jeweils letzten vor Ort, die in solcher Öffentlichkeit stattfanden[2].

Dass Ernst Büchner ein außergewöhnlich langmütiger, offenbar liebender und zugeneigter Familienvater war, der für buchstäblich jedes seiner Kinder um Zukunft und Auskommen bangen musste, weil alle sechs durchaus nicht regelkonform erwachsen werden wollten, wird dabei ebenso übersehen wie seine politische Sympathie für die griechische Befreiungsbewegung und seine Napoleonverehrung in Zeiten des um sich greifenden Nationalismus. Bis heute kaum gewürdigt wird auch, dass er jahrelang Mieter im Haus des Darmstädter Republikaners Ernst Emil Hoffmann war, einem der führenden Darmstädter Oppositionellen.

Elke Achtner-Theiss hat unter ihrem Pseudonym Ella Theiss einen Roman aus dem Darmstadt des 19. Jahrhunderts geschrieben, in dem die     Familie des Obermedizinalrats Büchner eine wichtige Rolle spielt. Ihr flott lesbarer Text stellt sich dem Anspruch, Geschichte zu erzählen, ohne sie zu verfälschen und darf mit Fug und Recht ein „historischer Roman“ genannt werden. Wer die Literatur über Georg Büchners Leben und Werk kennt, wird an diesem Punkt allerdings kurz den Atem anhalten: wo und mit welchem Recht wird wohl diesmal „imaginiert“ und mehr die Haltung der Schreibenden als des Beschriebenen berichtet? Wir können beruhigen: Ella Theiss meistert die Aufgabe souverän.

Detailreich und tadellos erzählt sie, wie Anna, das von ihr erfundene Dienstmädchen der Büchners, einen wichtigen Abschnitt im Leben der Darmstädter Geniefamilie miterlebt. Neben Georg mit einem Packen seines Landboten-Flugblatts haben auch die „Rokoko-Großmutter“ und die Geschwister ihren Auftritt, wobei die Vorliebe der Autorin, ganz passend zum bevorstehenden 200. Geburtstag, unzweifelhaft der kleinen Luise gilt. Anna steht zwischen zwei Männern – dem Taugenichts Rodrich und dem angehenden Journalisten Oscar Weiß, der sich weigert, Spitzeldienste zu leisten und darüber seinen Beruf verlieren wird. Sie alle sind verwickelt in den Fall des Jacob Trumpfheller, den Theiss zum Anlass ihrer Geschichte nennt und mit historischen Zitaten schildert und belegt: „Er wurde für den Mord an dem Waldförster Philipp Lust verurteilt, der am 17. Dezember 1833 verschwand und zwei Tage später tot aufgefunden wurde. Trumpfheller wurde als Täter überführt, nachdem bei ihm blutbefleckte Handschuhe gefunden worden waren und sich das Alibi, das ihm seine Mutter und seine Geliebte gegeben hatten, durch die widersprüchliche Aussagen aller Beteiligten als haltlos erwies. Im darauf folgenden Jahr, das Trumpfheller in Haft verbrachte, legte er ein Geständnis ab. Lust hatte ihn mit einer illegal geschlagenen Buche im Wald erwischt. Um einer Strafe zu entgehen, begann Trumpfheller einen Kampf, der mit dem Tod des Opfers Philipp Lust endete. Im April 1836 fiel das Urteil des Großherzoglichen Hofgerichts, das am 16. Oktober 1836 öffentlich durch den Scharfrichter Rettich aus Ettlingen vollstreckt wurde.“ (Rebekka Friedrich im Blog des Stadtarchiv Darmstadt)

Indem Theiss den Holzdieb Trumpfheller – wohl zu Recht – als fälschlich beschuldigt und seine Hinrichtung als Justizmord schildert, entwickelt sie um die handelnden Figuren einen stimmigen historischen Kriminalroman, der treffendes Zeit- und Lokalkolorit bietet und mit gekonnt geführtem Spannungsbogen zu überzeugen weiß. Wer einen Eindruck vom Darmstadt der 1830er Jahre gewinnen will, ohne sich gleich in Geschichtsstudien zu vertiefen, ist mit diesem Buch gut bedient – es steht als „True Crime-Roman“ für sich und kann gleichzeitig einen hervorragenden Einstieg in weitere Lektüre bieten.

In einem informativen und offenen Nachwort (disclaimer: der Autor dieses wird dort über Gebühr freundlich behandelt) schildert sie ihre Methode, Realität und Fiktion zu verweben, mit sympathischer Offenheit.

 

Ella Theiss: Darmstädter Nachtgesänge,

Historischer Roman, Edition Oberkassel 2021
Covergestaltung: Tilla Theiss
Paperback: 13 €, ISBN 978-3958132320, E-Book: 8,99 €

 

[1] „Von ‚Danton’s Tod‘ bis zum Nervensystem der Barben Naturforscher: Georg Büchner (1813-1837). Berichte der Naturforschenden Gesellschaft Freiburg i.Br., 79, Freiburg 1991 (

[2] Ella Theiss hat dazu übrigens ein bezeichnendes Zitat von Ludwig Büchner gefunden (Vorort zu Fried,H.: Tagebuch eines zum Tode Verurteilten. Berlin 1898): „Ich halte die Todesstrafe für einen Barbarismus früherer Zeiten…“

 

Dieser Text ist gekürzt am 30. April im Darmstädter Echo erschienen

Von Peter Brunner

小屋和平!- Xiǎowū hépíng!*

Nachtrag vom 3.4.21:

Also: das war mein Aprilscherz 2021, das mit der Büchnerhauskopie wird nix, und das ist auch gut so.

Mir ist zweierlei aufgefallen: ziemlich viele haben’s wohl geglaubt, und niemand davon hat’s irgendwie antichinesisch kommentiert. Gut so.
 
Immerhin war nicht alles erfunden – mein kleines rotes Buch ist eine ganz frühe Ausgabe mit dem Vorwort von Lin Biao, und damit sollte ich eh nicht in die Volksrepublik einreisen …
 
 
So. Ab heute wieder alles echt im Geschwisterblog!
 
 
 

In den letzten Wochen ist es rund um das coronabedingt geschlossene Büchnerhaus erstaunlich lebendig geworden: von früh bis spät gingen geschäftige Menschen ein und aus. Von außen und innen wurde das historische Bauernhaus begangen und vermessen, fotografiert und skizziert. Große Kameras auf Stativgerüsten rotierten im Hof, Fotodrohnen überflogen das Gelände und aus den Giebelfenstern im Dachgeschoss blickten aufmerksame Gesichter. In der Kunstgalerie lagen Bau- und Bestandspläne auf Tischen ausgebreitet, und das gerade erste eingerichtete öffentliche W-LAN kam regelmäßig an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit.

Auch das Innere des Museums mit der hochgelobten Dauerausstellung zu Georg Büchners Leben und Werk „Von Goddelau zur Weltbühne“ war belebt wie lange nicht. Jetzt endlich konnte Museumsleiter Brunner die Neugierde der Anwohner befriedigen: die Arbeiten stehen nicht im Zusammenhang mit der noch immer bestehenden Veranstaltungsbeschränkung wegen angeblicher Lärmbelästigung. „Das ist eine andere Baustelle“ lächelt Brunner.

„Gemeinsam an einem Tisch“ Installation im Büchnerhaus

Genauen Beobachter*innen hätte auffallen können, dass es sich bei den geschäftig aktiven unter verdeckenden Atemmasken nicht um örtliche Handwerker handelte: statt „Weck und Worscht“ gabs schon zum Frühstück Nudelsuppe, und das benachbarte Restaurant erhielt den Auftrag, „authentisch“ zu kochen und heiß zu liefern. Die Gäste kommen aus der Volksrepublik China, einige von ihnen sind international anerkannte Kapazitäten auf dem Gebiet von Gebäudeschutz und Rekonstruktion, andere sind Dozent*innen am germanistischen Institut. Trotz der Beschränkungen durch die Pandemie konnten die chinesischen Gäste vergleichsweise unproblematisch nach Deutschland und auch wieder zurück kommen: sie alle sind bereits seit Monaten geimpft, einige haben auch eine Corona-Infektion überstanden, in Goddelau konnten sie in einer leerstehenden Asylbewerberunterkunft völlig abgeschottet von der Außenwelt leben und arbeiten, und zurückgekehrt werden sie sich in China trotz all der Vorsichtsmaßnahmen noch einmal 10 Tage lang absondern. Dort können sie dann verwirklichen, was in der Büchnerstadt vorbereitet wurde: Sie planen nichts weniger als eine hundertprozentige Kopie des Goddelauer Büchnerhauses!

 Die ungewöhnliche Kooperation der beiden sonst weit voneinander getrennt operierenden Fachbereiche der renommierten Universität von Nanchang hat ein befreundeter Wanderer zwischen den Welten eingefädelt. Kurz nach dem Erscheinen seines neuen Buchs „Der kleine Herr Tod“ war Christian Y Schmidt Anfang 2020 nach Reinheim gekommen. Brunner konnte ihn überreden, nach der Lesung zu einem Gespräch mit ihm einzukehren, allerdings fand sich in erreichbarer Nähe nur ein höchst bescheidener Asia-Imbiss.

 

 

Dieser allerdings steht direkt gegenüber des Reinheimer Doktorhauses, dort, wo Georg Büchners Vater geboren wurde und wo vor ihm mehrere Generationen von Büchnerärzten praktizierten, was Brunner beredt schilderte.

Das Reinheimer „Doktorhaus“, wo Ernst Büchners Großvater praktizierte und sein Vater geboren wurde

Die Fahrradtour hat die Pandemie mittlerweile ebenso zunichte gemacht wie Schmidts Heimreise zu seiner Frau nach China, aber online fanden mit dem mittlerweile vorübergehend in Berlin untergekommenen Autor ständig Kontakt und Austausch statt.

 

 

Von Map of the Long March 1934-1935-en.svg: Rowanwindwhistlerderivative: Furfur – Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet:  Map of the Long March 1934-1935-en.svg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63200022

Schmidt erfuhr aus der chinesischen Presse von dem Plan der Bauingenieure aus Nanchang, ein deutsches Fachwerkhaus originalgetreu zu kopieren und dabei historische Bautechniken zu studieren. Brunners Schilderung von Büchners Geburtshaus, größer und originalgetreuer erhalten als das mehrfach umgebaute und kürzlich komplett sanierte Reinheimer Haus, regten Schmidt dann zu der zunächst abenteurlichen Idee an, Baukunst und Literatur zu einer ungewöhnlichen Kooperation zu bewegen.

Er sprach Professorin Wang Xin, ebenfalls Dozentin an der Nanchang-Universität, auf Büchners Geburtshaus an – die chinesische Wissenschaftlerin hat über Literatur im deutschen Vormärz promoviert – und fand in ihr eine engagierte Streiterin für das Projekt. Mit chinesischer Präzision und auf für deutsche Verhältnisse unglaublich kurzen Entscheidungswegen fiel im fernen Osten dann die Entscheidung: das Haus wird kopiert und neu errichtet. Geplant ist zunächst die baufachliche Analyse und der eigentliche Bau der Rekonstruktion. Dieser architektonische Teil des Projektes soll 2022 abgeschlossen sein, ab dann steht im hügeligen Wanli Distrikt von Nanchang eine hundertprozentige Kopie des Goddelauer Büchnerhauses.

Danach soll Brunner bei einem Studienaufenthalt den Aufbau der biografischen Ausstellung begleiten und überwachen. Der Plan steht und fällt natürlich auch mit der weiteren Entwicklung der Pandemie, die heute eine solche Reise noch ganz unmöglich macht. In enger Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Germanistik wird die Präsentation vor Ort behutsam modernisiert und dem chinesischen Vorverständnis angepasst. Brunner erwartet von diesem Arbeitsschritt auch wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung der Präsentation im Originalhaus. „Ich hoffe sehr darauf, dass Christian Y Schmidt mir auch dort so verbunden bleibt wie das bisher der Fall ist“ schildert Brunner den geplanten Verlauf. „Ich habe zwar mein Originalexemplar des ´kleinen roten Buches` wieder einmal hervorgeholt, aber alleine auf das Befolgen der Mao-Tse-Tung-Gedanken wird sich die Kooperation nicht beschränken lassen, und da muss mich Schmidt sozusagen in die chinesische Moderne begleiten“. Sollte sich das Projekt so erfolgreich entwickeln wie es alle Beteiligten aktuell erwarten, wird nicht ausgeschlossen, dass in Goddelau eines Tages eine originalgetreue Kopie der Lu Xun Memorial Hall in Shanghai errichtet wird – zur Erinnerung an den großen chinesischen Dichter, der mit Büchner neben dem bedeutenden Anteil an der Literatur auch sein soziales Engagement und den Arztberuf teilt.

* Friede den Hütten!

Von Peter Brunner

TU Darmstadt würdigt Freiheitskämpfer Friedrich Ludwig Weidig

Der Kanzler der TU Darmstadt, Dr. Manfred Efinger, hat am 230. Geburtstag Friedrich Weidigs, dem 15. Februar 2021, einen Raum der Universität nach ihm benannt.

 

„… die Wahl des Raumes fiel nicht schwer: Er liegt in der Rundeturmstraße 10, dieser Ort ist eng mit Friedrich Ludwig Weidigs Geschichte verknüpft.

Weidig war im frühen 19. Jahrhundert ein Kämpfer für mehr Bürger- und Freiheitsrechte und für mehr Liberalität im damals sehr rückständigen Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Zusammen mit Georg Büchner (1813-1837) verfasste, druckte und verbreitete er den „Hessischen Landboten“ im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Für seinen Kampf wurde Weidig verhaftet und im Juni 1835 ins Arresthaus nach Darmstadt verlegt. Während der Haft wurde er vom Untersuchungsrichter Konrad Georgi schwer misshandelt. Am 23. Februar 1837 nahm Weidig – vermutlich auch durch die Nachricht über den Tod seines Freundes Georg Büchner ausgelöst – sich das Leben.

Das zwischen 1832 und 1834 von Franz Heger beim „Runden Turm“ (das war das historisch ältere Gefängnis der Stadt) neu erbaute Arresthaus in Darmstadt befand sich auf dem Gelände, wo heute die Gebäude Rundeturmstraße 10 und 12 sowie das Fraunhofer IGD stehen. Teile des später erbauten Frauengefängnisses befanden sich an der Stelle, wo heute das Gebäude Rundeturmstrasse 10 steht. Direkt nebenan finden sich noch heute Reste der Gefängnismauer, welche die TU Darmstadt derzeit saniert und im Anschluss auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen möchte.

Eine Würdigung Friedrich Ludwig Weidigs an dieser Stelle ist übrigens nicht neu: Ein Teilabschnitt der heutigen Erich-Ollenhauer-Promenade hieß in den frühen 1960iger Jahren kurzzeitig Weidigweg.“ 

heißt es in der Pressemeldung. 

In einer E-Mail hat sich das Büchnerhaus bedankt und die Hoffnung geäussert, „vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit eines Besuchs bei uns, wenn die Umstände das wieder zulassen; vielleicht kommt es ja auch einmal zu einer „Büchner-Weidig-Republik“-Veranstaltung in dem neu benannten Saal.“ 


Von Peter Brunner

Am 19.2. 1837 starb Georg Büchner im Zürcher Exil



„Es hieß für den Kranken könne mein Anblick nicht schädlich wirken, denn er würde mich ja doch nicht erkennen – aber mir dürfe man nicht gestatten das entstellte Antlitz zu schauen. Sie können denken daß sobald nur mein Ich in Betracht kam, man mir den Eingang ins Krankenzimmer nicht mehr wehren durfte. Dr Zehnder führte mich hinein, noch vor der Thüre sagte er mir: fassen Sie sich, er wird Sie nicht kennen. Nein, er wird mich kennen, war meine Antwort. Und er hat mich erkannt, er fühlte meine Nähe und ich habe Ruhe über ihn gebracht. 

Er ist sanft eingeschlummert, ich habe ihm die Augen zugeküßt, Sontag d 19 Feb. um halb 4. 

Der Jammer der Eltern ist gränzenlos. Über meine übrigen Lebenstage ist ein schwarzer Schleier geworfen. Der Himmel möge sich meiner erbarmen und mich nur noch so lange leben lassen, als meinen alten Vater. Leben Sie wohl, Sein Freund ist auch der Meinige.“

Das ist der authentischste und unmittelbarste Bericht über Georg Büchners Tod, den wir kennen – die Geliebte Minna schreibt an den gemeinsamen Freund Eugen Boeckel am 5. März. 

Der Blumengruß der Wissenschaftsstadt Darmstadt zum Todestag auf Büchners Grab im Zürich



Das Leben des gebürtigen Goddelauers war in den Jahren von 1833 bis 1837, seinem zwanzigsten bis vierundzwanzigstem Lebensjahr, so unglaublich angefüllt mit Ereignissen und Erlebnissen, Erfahrungen und Leistungen, dass es leicht für zwei Jahrzehnte hätte reichen können.

Was ihn bis heute bedeutend und unvergessen macht, ist in diesen wenigen Jahren geschehen – er hat die bedeutendste Flugschrift deutscher Sprache seit Jahrhunderten verfasst, drei Jahrhundert-Dramen und eine bedeutende Novelle geschrieben, eine naturwissenschaftliche Promotion von höchster Qualität vorgelegt und, nicht zuletzt, hunderte von Briefen geschrieben.

Die bedauerlich wenigen davon, die uns erhalten oder wenigstens in Auszügen oder Abschriften erhalten sind, bestimmen unser Bild von dem Weltgenie, das mit Empathie und Liebe auf die Welt blickt, für die er uns allen „ … Makkaroni, Melonen und Feigen, … musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine komm[o]de Religion.“ wünscht. 

Wie der lieben konnte, leiden, fühlen, wünschen – es bricht heute noch jedes fühlende Herz, wenn er uns vom Weihnachtsmarkt in Straßburg schreibt oder sich dagegen verwehrt, die einfachen Leute zu verachten: „Die Lächerlichkeit des Herablassens werdet Ihr mir doch wohl nicht zutrauen. Ich hoffe noch immer, daß ich leidenden, gedrückten Gestalten mehr mitleidige Blicke zugeworfen, als kalten, vornehmen Herzen bittere Worte gesagt habe.“ 

Die BüchnerBühne hat in diesen Zeiten der Beschränktheit ein Video erarbeitet, das sich mit Motiven der Lenz-Novelle auf Büchners Spur macht. 

„Am 20. Jänner ging Lenz ins Gebirge … „ – so beginnt Büchners Erzählung über die einsame Wanderung des an der Welt verzweifelten Dichters.

Also sind auch wir im Januar losgelaufen – mit einer Videokamera – zunächst ohne weiteren Plan – und wollten uns – selbst zweifelnd an der Zeit und in der Hoffnung auf ein Stückchen Theaterzukunft  – auf seine Spur begeben: Mitten im Ried, in einer benachbarten Kirche, im Odenwald …

Entstanden ist die Idee einer kleinen Lenz-Serie mit einfachen Mitteln. Sehen Sie hier die erste Station: „Die alten Dichter“ …

mit BASTIAN HAHN als Lenz
JOHANNA BRONKALLA als Mutter Oberlin
AYLIN KEKEC als Mädchen

Regie: Christian Suhr
@ 2021 BüchnerFindetStatt

Von Peter Brunner

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