Neues aus Buechnerland

Peter Brunners Buechnerblog

Die Veranstaltungen im vierten Quartal 2019

Donnerstag, 17. Oktober, 19:30 Uhr, BüchnerBühne Leeheim, 18 €

BüchnerBühne und Büchnerhaus laden ein zu Georg Büchners Geburtstag am 17. Oktober

O Valerio, ich bin so jung, und die Welt ist so alt

Anlässlich seines 206. Geburtstags ehren wir unseren Namenspatron Georg Büchner mit einer musikalischen Reise durch dessen Lebensstationen und Werk – mit neuen Liedern und Songs im modernen Gewand auf Basis seiner Briefe und poetisch zeitlosen Theatertexten.

Besetzung: Oliver Kai Müller, Mélanie Linzer, Bastian Hahn, Vincent Hoff, Hannah Bröder, Alexander Valerius Conference: Peter Brunner

Leitung: Christian Suhr

Spieldauer: 85 Minuten

Sonntag, 27. Oktober, 18 Uhr, Kunstgalerie am Büchnerhaus, 8 €

Lucia Bornhofen: Mit Mark Twain durch Europa

Benefiz zugunsten des Fördervereins Büchnerhaus

Mark Twain war Mitte Vierzig, als er sich zum zweiten Mal auf die lange Reise zum „alten Kontinent“ begab. Mehr als ein Jahr verbrachte er in Deutschland, der Schweiz, Italien und London und im Jahr darauf, 1880, erschienen seine Reiseeindrücke „A Tramp abroad“ (zu Deutsch „Bummel durch Europa“). Darin schildert er, der die Sitten und Gebräuche sehr genau beobachtet hatte, seine Erlebnisse unvoreingenommen, voller Staunen und zum Teil hochkomisch. Lucia Bornhofen hat die wunderlichsten, unterhaltsamsten Stücke aus diesen Twainschen Reiseeindrücken zusammengestellt und bringt sie in gewohnt gekonnter Art und Weise zu Gehör – und natürlich weiß sie auch wieder viel über Herrn Twain selbst zu berichten.

Lucia Bornhofen ist Buchhändlerin in Gernsheim. Seit vielen Jahren unterstützt sie das Büchnerhaus mit einer Benefizpräsentation ihres literarischen Programms, das sie erfolgreich in der ganzen Bundesrepublik präsentiert.

Donnerstag, 14. November , 19 Uhr, Kunstgalerie am Bücherhaus, 8 €

Andreas Eikenroth: Büchners Woyzeck als Comic

Pedro Hafermann / Esra Schreier: „Bist Du’s, Franz?“

„Eine graphische Inszenierung“ nennt der Gießener Bühnentechniker und Comicautor Andreas Eikenroth seinen Comic. Stilistisch geschult und orientiert an Jeanne Mammen und George Grosz hat er eine sehr eigene Interpretation des berühmten Dramas vorgelegt. Seit dem Erscheinen in der „Edition 52“ hat der Band große Aufmerksamkeit erzielt. In der Galerie wird er Originale seiner Arbeit zeigen, seine besondere Form der Auseinandersetzung mit Büchners „Woyzeck“ schildern und im Gespräch mit dem Museumsleiter Peter Brunner darüber nachdenken, was Comic-Adaptionen für den Umgang mit Literatur bedeuten.

BIST DU’S, FRANZ?“

Dass die Männer ein’n immer so stehe lasse, so ganz allein mit die schlechte Gewissen.”

Dies ist die Geschichte von Marie. Frei nach Büchner und mit seiner Sprache wird die brüchige Liebe zwischen ihr und Franz Woyzeck in kurzen, fast alltäglichen Dialogen neu ausgelotet. Text: Pedro Hafermann. Es lesen Esra Schreier und Pedro Hafermann

Andreas Eikenroth kommt aus Gießen, hat dort in den 1990er Jahren das Comicmagazin „the Kainsmal“ mitbegründet. Darauf folgten einige Veröffentlichungen im Eigenverlag (u.a. „Tage wie Blei“ nach der Kurzgeschichtensammlung „Ohne Amok“ von Paul Hess). 2013 erschien „Die Schönheit des Scheiterns“ bei der Edition 52, wofür es im 2014 den ICOM Preis für das beste Szenario gab, gefolgt von der Graphic Novel „Hummel mit Wodka“. Die „Woyzeck“ Adaption nach dem Dramenfragment von Georg Büchner ist sein neuestes Werk.

Donnerstag, 21. November, 19 Uhr, Kunstgalerie am Büchnerhaus, 8 €

Andel Müller: Die Adepten. Aus der Reihe „Zeitgenossen“

Mit freundlicher Unterstützung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung

Vielleicht ist die Wirkung auf aktuelle Literatur die wichtigste Form von „literarischem Erbe“ überhaupt, und Georg Büchner, dessen Zeitgenossen die Veranstaltungsreihe vorstellt, wurde für viele noch lange nach seinem Tod „Zeitgenosse“ in dem Sinn, dass er als aktueller Autor verstanden wurde.

Georg Büchners großer Einfluss auf die deutsche Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist unbestritten und offensichtlich: die Autor*innen der Jahrhundertwende von Frank Wederkind über Franz Werfel bis zu Stadler, Trakl und Toller haben ihren Blick auf den „gemeinen Mann“ an Büchner geschult. In der Gegenwart bietet das zeitlose Werk Büchners Anknüpfungs- und Reibungspunkte. Bert Brecht und Heiner Müller, Hans-Magnus Enzensberger und Alexander Kluge haben sich an Büchner abgearbeitet, einige Büchnerpreisträger*innen haben großartige Beiträge in ihrer Dankesrede geliefert.

In Darmstadt sind es die Autoren der „Dachstube“, für die Büchner prägend wird: Theo Haubach und Carlo Mierendorff, Kasimir Edschmid, Hans Schiebelhuth und Fritz Usinger verstanden sich als Büchners Enkel – Büchners Großneffe Anton ging mit ihnen zur Schule.

Andel Müller war mehr als dreißig Jahre lang Deutschlehrer am Max-Planck-Gymnasium in Gross-Umstadt, über 15 Jahre lang Leiter des Darmstädter Literaturhauses. 2018 erschien sein autobiographischer Roman „Rockin‘ Rausch“.

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

Eine Stadt für Georg Büchner

Zum „Büchnerfrühstück” am 13. August sind viele Freundinnen und Freunde von BüchnerBühne und BüchnerHaus gekommen, um mit uns zu feiern, dass das Land Hessen unsere Arbeit anerkennt und schätzt.

Die Stadt hatte eingeladen und ließ sich nicht lumpen – schon vor den feierlichen Reden gabs Essen und Trinken satt, zwar weder Melonen noch Feigen wie zum Schluß von Leonce und Lena, aber es ging ja auch nicht ums Happy End.

1997 erschien im Jonas-Verlag „Ein Haus für Georg Büchner“, herausgegeben von zwei unersetzlichen Freunden und Unterstützern des Büchnerhauses, Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz. Das schöne Bändchen ist auch eine Art Festschrift zur Eröffnung des Museums in Georg Büchners Geburtshaus. Nicht zuletzt ihrer Freundschaft und Unterstützung ist es zu verdanken, dass Riedstadt mittlerweile auf der literarischen Landkarte unübersehbar geworden ist. Die Verleihung der Bezeichnung „Büchnerstadt“ durch den hessischen Innenminister ist ein weiterer Schritt dahin, den unsterblichen Georg Büchner dort jederzeit auffindbar zu machen, wo Museum und Bühne stets auf seine Aktualität und Bedeutung weisen.

Unter den Gästen der Büchnerstadt-Verleihungsfeier war auch die frühere hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Ruth Wagner. Wagner, geboren in einfachen Verhältnissen im heutigen Riedstadt-Ortsteil Wolfskehlen, erhielt als Mädchen die außergewöhnliche Gelegenheit, das Gymnasium im nahegelegenen Gernshein zu besuchen. Ihr Schulweg, sie erzählt das oft und gerne, führte am Goddelauer Büchnerhaus vorbei. Als Siebzehnjährige schrieb sie über Büchner – „sehr gut, was den Inhalt betrifft, aber stilistisch nicht ganz gelungen” urteilte der Lehrer. Ein Urteil, das nicht nur Politiker*innen allemal besser ansteht als Lob für blendende Pointen.

Ruth Wagner (rechts) neben Innenminister Beuth und Bürgermeister Kretschmann

Ruth Wagner hat einen wichtigen Anteil an der öffentlichen Wahrnehmung des Büchnerhauses als bedeutender Erinnerungsort, und dass sie heute „einen ,Out-standing Universal Value‘ …, also einen außergewöhnlichen universellen Wert im Sinne der Unseco-Welterbekonvention” sieht und schließt „Die Bewerbung als Weltkulturerbe muss daher der nächste Schritt sein!“ nehmen wir gerne als Ansporn, auch wenn uns der gute alte Tucholsky-Satz „Ham’ses nich ne Nummer kleiner?” in solchen Fragen Motto bleibt …

Dass sich das auch in Cent und Euro darstellt, ist immerhin im Koalitionsvertrag der hessischen Landesregierung angekündigt. Der Gross-Gerauer Landrat Will konnte in der Rolle des Onkels auftreten, der was mitgebracht hat: der Kreisaussschuss hat bereits in diesem Jahr 60.000 € überwiesen – damit kann zum Beispiel das Bücherhaus seitdem statt an zwei an vier Wochentagen regelmäßig öffnen.

Landrat Thomas Will beim Grußwort
Landrat Thomas Will, Bürgermeister und Büchnerhaus-Fördervereinsvorsitzender Marcus Kretschmann, Museumsleiter Peter Brunner, Innenminister Peter Beuth, Theaterleiter Christian Suhr, MdL Ines Claus

„Büchner hält das aus“ hat schon 2013, als die Phantasien, wie Büchners Jubiläen zu gedenken wäre, Kobolz schlugen, der kluge Echo-Journalist, unser Freund Johannes Breckner, gesagt.

Büchners Hinterlassenschaft und unsere Auseinandersetzung damit ist und bleibt Garant und Nagelprobe dafür, im Museum Büchnerhaus und auf der BüchnerBühne Inhalt stets über Stil zu stellen.

Peter Brunner

von Peter Brunner

Büchnerstadt Riedstadt statt Riedstadt die Büchnerstadt

„Und das ist der Grund, warum Sie heute hier sind“

oft enden die Einführungsworte für Besucher in Georg Büchners Geburtshaus mit diesen Worten. In dem Fachwerkhaus in der Weidstraße wurde der Republikaner, Dichter und Naturforscher am 17. Oktober 1813 geboren.

Das Geburtszimmer Georg Büchners

Die Gäste haben dann schon ein erstes Rätsel gelöst und Goddelau in Riedstadt gefunden – das ehemals kleine Bauerndorf im hessischen Ried ist Teil der Stadt Riedstadt, einer aufstrebenden Gemeinde im dynamischen Rhein-Main-Neckar-Gebiet.

Heute ist Büchners Geburtshaus in Riedstadt-Goddelau mit der weltweit ersten und bisher einzigen Dauerausstellung zu seinem Leben und Wirken und den Veranstaltungsmöglichkeiten in Galerie und Büchnerscheune zentraler Veranstaltungsort und kultureller Mittelpunkt für Riedstadt, die Region und darüber hinaus.

Die BüchnerBühne als professionelles Autorentheater mit eigenem Ensemble in Riedstadt-Leeheim hat sich mit ihrem Konzept Leben, Werk und Menschenbild ihres Namensgebers verpflichtet.

Reisegruppen und Schulklassen, Büchnerforschende und Republikaner*innen, Theaterenthusiast*innen, Autor*innen und Leser*innen besuchen Riedstadt, die Büchnerstadt.

Das „Büchnergedenken“ ist durchaus nicht unproblematisch oder eindeutig. In § 4.2 der Satzung der Georg Büchner Gesellschaft heißt es z.B.: „Die Georg Büchner Gesellschaft e. V. enthält sich dagegen jeglichen weihevollen Vereinslebens sowie aller Fest- und Feierveranstaltungen zu ihrem Gegenstand ebenso wie zu ihren eigenen Aktivitäten oder verdienten Mitgliedern.“.

Die Geschichte von Büchners Geburtshaus, höchst kontroverse Beiträge zum Büchnerpreis, die versuchte Kanonisierung ausgerechnet durch den Abdruck seines Steckbriefs auf der Gedenkbriefmarke durch die Bundesregierung, die Auseinandersetzungen um Gedenkausstellungen und Werkausgaben belegen, dass es dabei immer um kritische und strittige Aktualität geht.

Büchnerstadt Riedstadt – Georg Büchners Geburtshaus mit Museum, Kunstgalerie und „Büchnerscheune”

2006 war seitens der Stadt Riedstadt erstmals der Versuch unternommen worden, vom hessischen Innenministerium die Erlaubnis zu erhalten, „Büchnerstadt“ als offiziellen Bestandteil des Namens führen zu dürfen. Geregelt ist dieses Verfahren im § 13.2 der Hessischen Gemeindeordnung: „Die Gemeinden können auch andere Bezeichnungen, die auf der geschichtlichen Vergangenheit, der Eigenart oder der Bedeutung der Gemeinde beruhen, weiterführen. Der Minister des Innern kann nach Anhörung der Gemeinde derartige Bezeichnungen verleihen oder ändern.“ Schon damals geschah das mit der berechtigten Begründung, dass die Präsenz Georg Büchners in der Stadt und das ehrenamtliche und politische Engagement dies mehr als rechtfertigten. Das wurde mit der spaßigen Antwort abgelehnt, Riedstadt sei ja nicht Georg Büchners Geburtsort. Mit anderen Worten: „Hessen“ könnte eigentlich weder das Stammland Goethes noch der Grimms sein – die lebten ja in der freien Stadt Frankfurt bzw. in Hessen-Kassel …

Im Rahmen der Positionierung von Büchnerhaus und Büchnerbühne in Riedstadt wurden in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Besuche aus Politik und Kulturwesen organisiert. Ein Ergebnis der Bemühungen, das außergewöhnliche Engagement der Stadt zu würdigen und langfristig zu unterstützen, ist die jetzt erfolgte Namensgebung. Dabei gibt es Anlass zur Hoffnung, dass hiermit kein Grabstein gesetzt wird, unter dem ein für alle Mal alles Strittige zugunsten gelangweilter oder „weihevoller” Gedenkroutine versinkt, sondern

ein Wegweiser zu Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalischen Kehlen, klassischen Leibern und einer kommoden Religion

für all die, die wissen, dass dieses Ziel in der Unendlichkeit liegt und wir gerade deshalb stets danach streben müssen.

Am

Dienstag, dem 13. August 2019, ab 9 Uhr

veranstaltet die Stadt Riedstadt auf dem Gelände des Bücherhauses in Kooperation mit den beiden Büchervereinen Haus und Bühne ein

„Büchnerfrühstück“,

zu dem alle herzlich eingeladen sind.

Museum und Bühne werden dabei (und in Zukunft) dafür sorgen, dass Georg Büchners Geschichte und seiner Aktualität in Riedstadt ohne jedes Weihevolle gedacht wird.

Gegen 10:30 Uhr erfolgt dabei die offizielle Übergabe der Landesurkunde an den Bürgermeister und Vorsitzenden des Fördervereins Büchnerhaus, Marcus Kretschmann, durch den hessischen Innenminister Peter Beuth.

Und dann setzen Haus und Bühne in der Büchnerstadt Riedstadt fort, was Büchner angemessen ist: Vermitteln und Recherchieren, Suchen und Finden, Fragen und Antworten, Lachen und Weinen, Hoffen und Fürchten –

„Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr giebt und die uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestilliren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken.“

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

Luise-Büchner-Preis für Publizistik geht 2019 an Margarete Stokowski

Der diesjährige Luise-Büchner-Preis für Publizistik geht an die Journalistin Margarete Stokowski. Der Preis wird von der Luise Büchner-Gesellschaft jährlich vergeben. Die Preisträgerin wird durch eine Jury ausgewählt, der neben dem Vorstand des Vereins die Darmstädter Stadträtin Iris Bachmann, die jeweilige Präsidentin des Lions-Clubs Louise Büchner, der das Preisgeld stiftet, sowie die beiden Journalisten Johannes Breckner (Darmstädter Echo) und Hans Sarkowicz (HR2Kultur) gehören. Bisherige Preisträgerinnen sind die Journalistinnen und Autorinnen Bascha Mika, Julia Voss, Lisa Ortgies, Barbara Sichtermann, Luise Pusch, Barbara Beuys und Julia Korbik.

Der Preis ist verbunden mit einem Preisgeld von 2.500 € sowie der Gelegenheit, einen ganzseitigen Text im DARMSTÄDTER ECHO zu gestalten.

Die Begründung der Jury:

Die in Polen geborene, in Deutschland aufgewachsene Journalistin Margarete Stokowski veröffentlicht seit 2009 Artikel, Essays und Bücher. Schwerpunktthema ihrer Arbeit ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Mit scharfem Blick analysiert sie in ihren Texten Widersprüche in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern, die in unserer vermeintlich egalitären Gesellschaft immer noch vorhanden sind. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch gründliche Recherchen aus, sie sind oft frech und ironisch, aber nie verletzend.

Margarete Stokowski hat alles im Blick: Sowohl die ungleiche Macht-, Geld- und Karriereverteilung als auch den Umgang mit Sex und die Körper der Geschlechter. Das sind Themen, über die zu Luise Büchners Zeiten selten gesprochen und erst recht nicht geschrieben wurde.

Bei allem Gegenwartsbezug ihrer Artikel weiß Margarete Stokowski genau, dass „unsere heutige Freiheit den Kämpfen derer zu verdanken ist, die darauf bestanden haben, dass noch nicht alles gut ist, und die sich nicht einschüchtern ließen von Leuten, die ihnen erzählten, sie seien zu verbittert, zu naiv oder komplett verrückt“.

Mit diesem Gedanken trifft sie die Haltung Luise Büchners, die in einer längst vergangenen Welt den Mut bewiesen hat, vorsichtig aber energisch auf Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern hinzuweisen.

Der Preis wird im November 2019 in Darmstadt übergeben.

Peter Brunner

von Peter Brunner

Es war eine rauschende Busfahrt

Zum Tag der Literatur am 26. Mai hatten drei Büchnervereine ein gemeinsames Programm geplant und Gäste eingeladen,

mit dem Bus durchs Büchnerland


zu fahren.
Stadt Land Fluss

war als Motto ausgegeben worden, und so nahm sich die städtische Luise-Büchner-Gesellschaft das Leben in der Stadt um 1830 zum Thema, die „ländliche” BüchnerBühne in Riedstadt-Leeheim Büchner und das Land. Für das Büchnerhaus in Goddelau blieb dann, durchaus passend, der Fluss – hier sollte es um die ständige Präsenz des Rheins und des Wassers in Bächen, Pfützen und Sümpfen gehen.

Sonntag früh um 10 waren an die 50 Gäste in der Klause am Darmstädter Hauptbahnhof. Adrian Jost begrüßte als Gastgeber für die Initiative Essbares Darmstadt, Heiner Dieckmann als zweiter Vorsitzender der Luise Büchner-Gesellschaft.

Papa Legbas Blues Lounge vertrieben die letzte Morgenmüdigkeit, bevor sich zwei Peters einem dritten widmeten: Peter Engels vom Stadtarchiv sprach mit Peter Brunner vom Büchnerhaus über König Peter von Poponien und seine Gefolgschaft.

Peter Engels legt Wert darauf, dass die Ähnlichkeiten zwischen Büchners Königreich Popo und dem Darmstadt der 1830er Jahre nur gering sind: Hessen-Darmstadt war kein Zwergstaat, sondern das sechstgrößte Land im Deutschen Bund und in der Hauptstadt Darmstadt wehte ein durchaus kritischer Geist. Auch der Terrorstaat, den der Hessische Landbote bekämpfe, sei Hessen-Darmstadt nicht gewesen. Das Darmstadt um 1820 war jedenfalls auch das Darmstadt, das der Architekt Moller in einer Dimension vergrößerte und erweiterte, die den Vergleich mit dem neuen Frankfurt einhundert Jahre später durchaus zulässt.

Brunner machte darauf aufmerksam, dass die Lage in Oberhessen, auf die sich der Landbote bezieht, sehr wohl dramatisch und unterdrückerisch war: Hungeraufstände wurden militärisch niedergeschlagen.

Tatsächlich parodiert Büchners Komödie die Lage zur Karikatur. So treffend immerhin, dass die erste Aufführung von 1923 (!) in Darmstadt noch zu einem veritablen Theaterskandal führte, der schließlich sogar den Landtag befasste.

Pünktlich auf die Minute stand der Bus vor der Tür, und die fröhliche Gesellschaft machte sich auf den Weg zur nächsten Station, der Büchnerbühne.

Party im Bus: Die Papas spielen in jeder Lebenslage
Nur vorübergehend schläfrig: der Autor bei einer kreativen Pause

Der Weg vom Darmstädter Hauptbahnhof ins hessische Ried heißt ganz zu recht „Büchnerlinie“, der Bus fährt von Büchnerort zu Büchnerort. Wie gut sich ein Linienbus zum Musikmachen eignet, konnten die Papas auf dem Weg zur Stadtgrenze beweisen – der Bus schwebte förmlich auf einer Woge von Blues …

Brunner fasste dann kurz die vielen Darmstädter Bezüge der Familie zusammen, bevor der Bus die Pfungstädter Gemarkung bei Eschollbrücken erreichte.
Das war Anlass, Wilhelm Büchners Biografie zu rekapitulieren: der Mann, der zwischen 1845 und 1892 aus dem Bauerndorf Pfungstadt eine moderne Stadt machte, hat mit seinem Ultramarinblau das erste Industrieprodukt geschaffen, das erfolgreich aus Hessen-Darmstadt exportiert wurde. Als politisch und sozial engagierter Unternehmer hat er eine ganze Gegend geprägt (und politisch in Land- und Reichstag als Liberaler vertreten). Vom Darmstädter Architekten Balthasar Harres ließ er 1863 die Villa Büchner bauen („nach außen bescheiden wirkend, im Innern an Mitteln nicht sparend“ hieß Büchners Auftrag). Als er 1892 an Cholera stirbt, ist Pfungstadt, das eine zeitlang „das südhessische Manchester“ hieß, nicht mehr wiederzuerkennen. Aus dem Dorf ist eine Stadt, aus Bauern sind Arbeiter und aus Landidylle ist städtische Geschäftigkeit geworden.

Wilhelm Büchners „Blaufabrik“

Von Pfungstadt ging es weiter zum Hospital, dem „Irrenhaus“, dessen Verwalter Georg Büchners Großvater wurde. Ernst Büchner heiratete in der Hospitalkirche Caroline Reuß und holte sie zu sich in sein Untermietzimmer in der Goddelauer Weidstraße. Das Hospital wurde 1813 nicht ärztlich, sondern administrativ geleitet; erst 1821 wurde mit Carl C. G. Amelung ein Mediziner Hospitalleiter. Am Ort des großherzoglichen Hospitals betreibt heute das Unternehmen Vitos eine moderne psychiatrische Klinik; das Psychiatriemuseum dokumentiert seine Geschichte.
Die Buslinie würde ab hier direkt nach Goddelau weiterfahren und dort an den beiden Büchnerhäusern Hospital- und Weidstraße vorbeikommen. Wegen einer langwierigen Baustelle ist dieser Weg aktuell verbaut; die Büchnertour fuhr daher direkt über Land nach Leeheim, einen anderen der fünf Stadtteile Riedstadts.

Leeheim ist der Standort der BüchnerBühne und bildet eigentlich den Endpunkt der Büchnerlinie.

Zum Thema Land hatte sich Theaterleiter Suhr mehr ausgedacht als einfach nur platte Landschaftszitate – er führte den Gästen Büchners Gedanken zur Provinz in den Köpfen vor.

Dies bot Gelegenheit zu einer Parforcetour durch Büchners Leben und das Repertoire der kleinen Bühne. Das blendend aufgelegte Ensemble zeigte Ausschnitte aus der Edschmid-Dramatisierung „Wenn es Rosen sind …“, dem Danton, aus Lenz, Leonce und Lena und dem Woyzeck.

Alexander Valerius, Oliver Kai Müller,
Melanie Linzer, Christian Suhr

Quer durchs hessische Ried fuhr die bestens aufgelegte Reisegesellschaft schließlich nach Goddelau, in Georgs Geburtshaus, zur letzten Station der Reise – Fluss.

Das wunderbare Ehrenamtsteam des Fördervereins Büchnerhaus hatte Kaffe gekocht und Kuchen besorgt, bereits Stunden vorher erste Gäste im Museum begrüßt und eine sommerliche Bewirtung eingerichtet, und so konnte bei bestem Wetter zunächst im gastlichen Hof des Anwesens Rast gemacht werden.

Aber es stand ja noch „Fluss“ auf dem Programm, und Peter Brunner schilderte anschaulich, wie viel feuchter und „fließender” die ganze Geged vor 200 Jahren war. Mit Wolfgang Roth aus Eschollbrücken, der kurz vorher einen Vortrag über die Modau im hessischen Ried für seinen Heimatverein gehalten hatte, und Markus Zwittmeier aus Trebur, der sein Wissen zum Thema inzwischen wunderbarerweise auch noch im eigenen Blog aufgeschrieben hat, waren zwei Ko-Referenten anwesend, die Gegend und Geschichte bestens kennen und hervorragend präsentieren können.


Den Schluß machte Brunner mit einem Zitat des Büchner-Herausgebers Wilhelm Hausenstein, der in seiner Einleitung zur Werkausgabe (Leipzig, 1916) schrieb:

„An der Bahnlinie zwischen Mannheim und Frankfurt liegt nicht weit von Darmstadt – das hessische Dorf Goddelau. Der Ort ist kahl, und die umliegende Ebene ist dürftig. – Nur die Erhebungen des hessischen Odenwaldes im Osten und Südosten drüben geben diesem kümmerlichen Stück Welt einige Anziehung.

So muß es schon vor hundert Jahren gewesen sein. Es ist das seltsamste Gefühl, sich die Heimat eines Genies so vorstellen zu müssen. So viel unbestimmte Bedrücktheit, so wenig Profil, so wenig Horizont, so wenig Schwung: Das ist die Geburtsstätte des Dichters, der das Drama der Weltgeschichte umfaßte und im wonnigen Luxus des Märchens dionysisch umherging wie ein idealer Fürstensohn in einem morgenländischen Garten.“

Dem anwesenden Publikum konnte erfreulicherweise das Goddelau der Gegenwart durchaus dionysische Züge zeigen …

Versprochen musste versprochen bleiben: die BüchnerBande war angekündigt und die Büchnerbande trat auf. Das noch immer nicht erschöpfte Publikum freute sich über Wilhelm Büchners Bedenken, einen Orden anzunehmen, ebenso wie über Luise Büchners Spott über die Verehrung des „heiligen“ Rocks und schließlich über Ludwig Büchners Haschischexpertise.

Die fabelafte Büchnerbande –
Reiner Lenz, Peter Brunner, Heiner Dieckmann,
Petra Bassus, Jürgen Queißner, Thomas Heldmann

Durch den höchst komfortablen Service der Lokalen Nahverkehrsgesellschaft Gross-Gerau und ihren hervorragenden Fahrer endete der Tag mit einer kurzweiligen Heimfahrt wie geplant am Darmstädter Hauptbahnhof.

Zweierlei steht fest: das Büchnerland hat viel zu bieten, und die südhessischen Büchnerstätten liegen nah beieinander und sind bestens verbunden durch die Büchnerlinie Büchnerhaus und Büchnerbühne liegen nah der Stadt im Land am Fluss, aber da sind sie leicht zu finden und schnell zu erreichen!

Peter Brunner

von Peter Brunner

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