Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

7.12.2016

Der Gipfel des Ruhms

Filed under: Büchner,Publizistik — Schlagwörter: , , , — peter brunner @ 12:27

In Hessen wurde beschlossen, nicht das historische Ereignis der Proklamation Groß-Hessens durch die amerikanische Militärregierung am 19. September 1945, die Historiker bisher stets für den Gründungsakt des neuen Landes hielten, zu feiern, sondern den 1. Dezember 1946, an dem die neue Verfassung durch Volksabstimmung angenommen wurde. Kritische Stimmene behaupten, das sei einfach der Tatsache geschuldet, dass 2015 niemand früh genug an das Jubiläum erinnert habe …

Für die historische Perspektive allerdings, und das rechtfertigt den Termin, hat die vom Volk beschlossene Verfassung tatsächlich die größere Bedeutung behalten.

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Beuschergruppe im historischen Saal des IG-Farben-Hauses in Frankfurt, wo 1945 Eisenhower die Gründung von „Groß-Hessen” proklamierte

Jetzt wird jedenfalls gefeiert, was das Zeug hält:

„Laut und lustig geht es dann wieder beim Elvis-Auftritt zu, inklusive hysterischer Mädchen. Elvis Presley (1935-1977) war von 1958 bis 1960 als Soldat in Friedberg stationiert. Etwas zu lachen gab es auch, als der Schauspieler und Kabarettist Michael Quast rund 20 Jahre hessische Geschichte in viereinhalb Minuten steckte. Mit einem Ausschnitt aus dem Theaterstück „Woyzeck” wurde dem (sic – pb) Schriftsteller Georg Büchner (1813 – 1837) gedacht, dessen Geburtshaus in Riedstadt bei Darmstadt steht. Auch die Erinnerung an den Parade-Hessen und „Blauen Bock”-Moderator, Heinz Schenk, wurde wieder lebendig, als eine Aufzeichnung von „Es ist alles nur geliehen” über die große Leinwand flimmerte.” (Offenbach-Post am 1.12.16 über die Feierlichkeiten am 30. 11. im Wiesbadener Kurhaus)

Der Erwähnung Büchners war es noch nicht genug. Im Artikel über das eigens zum Jubiläum geschaffene Sammelbilderalbum erwähnt ihn Viola Bolduan im Darmstädter Echo am 7. Dezember mitsamt seiner Familie ausführlich – in einem Parforceritt durch hessische Prominenz von den Grimms zu Paul Kuhn. Das „Medienbüro juststickit” hat das Album auf Anregung der hessischen Staatskanzlei und unterstützt durch Mitarbeiter der Verlagsgruppe Rhein-Main unter Schirmherrschaft des hessischen Ministerpräsidenten herausgebracht. Da kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Pustekuchen.

Dankenswerterweise hat das ECHO den Bericht von Frau Bolduan mit einer Auswahl der Bildchen illustriert, die da in Tütchen á 5 Stück unter die sammelwütigen Hessen gebracht werden – und dankenswerterweise auch das, unter dem „Georg Büchner” steht.

 

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Ausriss aus dem Darmstädter Echo vom 7. 12. 2016

 

Das kennen wir nun leider gut, und wir müssen selbstkritisch akzeptieren, dass dieses Blog bestenfalls Brechts Formulierung „hat Vorschläge gemacht” entsprechen kann. Hier wurde ja mehrfach und ausführlich (am gründlichsten von Jan-Christoph Hauschild) darauf hingewiesen, wie unwahrscheinlich es ist, dass wir dort Georg Büchner vor uns haben.  Im „Büchner-Portal” von Burghard Dedner wird das Bild heute (als Illustration der Zeittafel „Darmstadt und Giessen 1833 – 1835″ mit der Bemerkung präsentiert: „Vermutlich im Dezember 1833 fertigt der spätere Frankfurter Theatermaler August Hoffmann die Zeichnung “Junger Mann mit Notenblatt”. Der darauf Dargestellte ähnelt dem unter dem Namen “Büchner im ‘Polenrock'” bekannt gewordenen Porträt, das ebenfalls von Hoffmann stammt. Wahrscheinlich entstanden beide Zeichnungen etwa gleichzeitig. August Hoffmann war ein Schwager von Büchners Onkel Georg Reuß.”. So viel Platz ist halt beim besten Willen auf keinem Sammelbildchen.

Die Redaktion von juststickit schreibt mir:

Hallo Herr Brunner,

das Büchner-Bild stammt ja von August Hoffmann, der Büchner mit Bleistift gezeichnet hat.
Dass das Bild nicht ganz zweifelsfrei Büchner zeigt, steht ja auch im Wiki-Eintrag. 
Wir fanden das Bild, das wir letztlich verwendet haben, sehr schön. Beim Vergleich dieses Bildes, mit jenem, das Büchner zweifellos zeigt, fanden wir außerdem: Die Ähnlichkeit ist verblüffend.
Insofern haben wir beschlossen, den Sammlern ein Bild zuzumuten, das Büchner nur mit hoher Wahrscheinlichkeit zeigt. Wir glauben: So oder so ähnlich wird er ausgesehen haben – und hoffen, wir liegen damit nicht ganz falsch!
Herzliche Grüße, bleiben Sie uns (hoffentlich) gewogen
Alexander Böker
Juststickit GbR
Medienproduktion

 

Wir hätten da einen anderen Vorschag:

 

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von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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30.11.2016

DER BÜCHNERPREIS DER DEUTSCHEN AKADEMIE FÜR MÄNNERSPRACHE UND MÄNNERDICHTUNG

Filed under: Uncategorized — peter brunner @ 12:16

Am 27. 11. 2016 erhielt Luise F. Pusch in Darmstadt den Luise Büchner-Preis für Publizistik.

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Agnes Schmidt und Luise F. Pusch

Die Begründung der Jury lautete:

Als Wissenschaftlerin hat sie der Frauenbewegung mit der feministischen Linguistik grundlegende Erkenntnisse und unersetzliche Anregungen gegeben. Als Hüterin und Vermehrerin des Schatzes weiblicher Biografien ist sie zu einer Institution weiblichen Selbstverständnisses geworden. Als Publizistin trägt sie zu einer Welt bei, in der Vernunft und Gleichberechtigung die Grundlage menschlichen Zusammenlebens werden sollen. Damit steht sie in der Tradition Luise Büchners,  für die die weltbewegende Kraft von historischer Kompetenz und kritischer Publizistik Werkzeug des Fortschritts war.

In ihrem Dank hat sie die folgende Glosse vorgetragen.

Freundlicherweise hat sie mir einen Text überlassen, der mit Hyperlinks zu den Quellen versehen ist; diese habe ich auf Funktion, aber nicht auf Inhalt überprüft. Der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft ist übrigens nicht von dem Größenwahn befallen, den kleinen, jungen Preis in eine Reihe mit dem traditionsreichen und durchaus auch verdienstvollen Büchnerpreis der Akademie für Sprache und Dichtung zu stellen. Die Preisträgerinnen allerdings schon. Und die Satzung des Luise Büchner-Preises für Publizistik lässt sehr wohl auch die Prämierung eines Mannes zu. Bisher waren Frauen besser.

2016 waren die Jurymitglieder für den Büchnerpreis: Präsident Heinrich Detering, Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner – 3:7.

Für den Luise Büchner-Preis für Publizistik entschieden neben den 6 Vorstandsmitgliedern – 4:2 – Vertreterinnen des Lions-Club Louise Büchner, des Magistrats der Stadt, des Darmstädter Echo und ein weiterer Publizist – 2:2, also insgesamt 6:4

 

 

Schreiben Männer hierzulande wirklich neunmal besser als Frauen? In England samt ehemaligen Kolonien schreiben sie anscheinend nur doppelt so gut wie Frauen: Sie bekamen seit 1969 “nur” doppelt so häufig den Man Booker Preis (15:30). In den USA schreiben Männer seit Bestehen des Pulitzerpreises für Fiction (1948) nur knapp zweieinhalbmal besser als Frauen (17:41). In Frankreich seit Bestehen des Prix Goncourt (1903) dafür sogar elfmal besser (9:99). Ob das an der Gleichsetzung von “égalité” mit “fraternité” liegt?20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_081

Dieser Tage  [Mai 2011] lasen wir in der Presse, dass der Büchnerpreis – wichtigster Preis für deutschsprachige Literatur – an F. C. Delius geht. Freut mich für ihn – aber eigentlich war ja Ilse Aichinger endlich mal dran, schließlich wird sie im November 90, allzu viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ihr Mann, Günter Eich, bekam den Preis schon vor 52 Jahren, 1959, mit 52 Jahren. Also nun mal los, meine Herren, worauf warten Sie denn noch? Delius ist erst 68, er schätzt Aichingers Werk und hätte ihr bestimmt gern den Vortritt gelassen.  [Aichinger starb am 10. November 2016; die Akademie hat ihre Chance ungenutzt verstreichen lassen.]

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die den Preis jährlich vergibt, lässt in den Jurys kaum mal eine Frau zu und hat infolgedessen in den vergangenen 60 Jahren kaum mal eine Frau ausgezeichnet. Nur sieben an der Zahl fand sie des Büchnerpreises würdig:

1955 Marie Luise Kaschnitz mit 54

folgen 9 Jahre Männerpreise

1964 Ingeborg Bachmann mit 38

folgen 16 Jahre Männerpreise

1980 Christa Wolf mit 51

folgen abermals 16 Jahre Männerpreise

Mitte der neunziger Jahre scheint die Frauenbewegung auch in der Darmstadter Akademie angekommen zu sein (ähnlich wie seit 1991 in der Stockholmer Nobel-Akademie, die zwischen 1991 und 2009 genau so viele Frauen auszeichnete wie in den 90 Jahren davor, nämlich sechs, macht zusammen zwölf). 1996 erhält Sarah Kirsch den Büchnerpreis mit 61 Jahren, und von da an werden die Pausen kürzer:

1998 Elfriede Jelinek mit 52
2001 Friederike Mayröcker mit 77; ihr Gefährte Ernst Jandl bekam den Preis schon 17 Jahre vor ihr mit 59 Jahren.
2005 Brigitte Kronauer mit 65

Folgen 7 Jahre Männerpreise

Nachtrag:
2012 Felicitas Hoppe mit 51,
2013 Sibylle Lewitscharoff mit 59.

Nach dem kurzen Frauenfrühling wurde es also gleich wieder männlich-herbstlich. Zwischen 2005 und 2012 kein einziger Büchnerpreis mehr für eine Frau, nichtmal an Nobelpreisträgerin Herta Müller! Böswillig verpasst hat die Akademie auch Hilde Domin; sie starb 2006 mit 96 Jahren, da wäre vorher ja wohl genug Zeit gewesen.

Die beiden neben Kafka berühmtesten deutschsprachigen Schriftsteller, Thomas Mann und Bert Brecht, bekamen den Büchnerpreis nicht. Sie starben vielleicht zu früh; die „geistige Führungsschicht“ Deutschlands schmollte in den fünfziger Jahren noch gegen die Emigranten. Aber die drei männlichen deutschsprachigen Nachkriegs-Nobelpreisträger für Literatur, Böll, Canetti und Grass, sind selbstverständlich auch Büchnerpreisträger. Von den drei NobelpreisträgerinnenNelly Sachs, Elfriede Jelinek und Herta Müller, bekam nur Jelinek den Büchnerpreis.

Drewitz und (unverzeihlich!) Haushofer haben sie verpasst, desgleichen Fleißer und Reinig, Wohmann – und nun auch noch Aichinger. Gabriele Wohmann, gebürtige Darmstädterin, Mitglied der Akademie und wohnhaft in Darmstadt, musste Jahr um Jahr erdulden, dass der Preis vor ihren Augen an andere verliehen wurde.

Der Büchnerpreis ist die Eintrittskarte für ein besseres Schriftstellerleben: Weitere lukrative Preise, höhere Auflagen, mehr Einladungen zu Lesungen mit höheren Honoraren, Gastprofessuren, Auslandsstipendien, undsoweiter. Schriftstellerinnen gebührt auch ein Stück von diesem Kuchen, und zwar genau jene Hälfte, die die Männer bisher brüderlich unter sich aufteilten. Leserinnen und Leser würden auch profitieren von einer weniger männerlastigen Literaturlandschaft.

Da unser angesehenster und höchstdotierter Literaturpreis ein Männerpreis ist, obwohl er zur Hälfte von weiblichen Steuergeldern finanziert wird, sollten wir nicht nur eine geschlechtergerechte Besetzung der Jury, sondern überdies die Preisvergabe nach dem Reißverschlussprinzip fordern. Rückwirkend! Bei insgesamt bisher 65 verliehenen Preisen hätten 33 an Frauen gehen müssen, es waren aber nur 9, die restlichen 56 gingen an Männer. Fehlen also noch 47 Frauen, bevor wieder ein Mann dran ist. Zunächst mal kommen Herta Müller, Monika Maron, Ulla Hahn, Marlene Streeruwitz, Julia Franck, Waltraud Anna Mitgutsch, Kathrin Schmidt, Terézia Mora, Katja Lange-Müller, Birgit Vanderbeke, Sigrid Damm. Postume Preise sollten gehen an die ErbInnen von Ilse Aichinger, Ruth Rehmann, Angelika Schrobsdorff, Gabriele Wohmann, Nelly SachsIrmgard KeunMarieluise Fleißer, Ingeborg DrewitzBrigitte ReimannMaxie Wander, Irmtraud MorgnerAnja LundholmCaroline MuhrChrista Reinig, Marlen Haushofer, Christine LavantChristine BustaAngelika MechtelLibuse Monikova. Undsoweiter, wir kriegen die Liste im Handumdrehen voll.

 

29.11.2016

„Dass wir die Geschlechterhierarchie bestärken, wenn wir die Herrschaftssprache unkritisch reproduzieren“

Am 27. November erhielt Prof. Dr. Luise F. Pusch im voll besetzten Vortragssaal des Darmstädter Literaturhauses den 5. Luise Büchner-Preis für Publizistik. Die Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Eva Rieger hielt ihr die Laudatio. Das fast unverändert vorgetragene Manuskript darf ich hier mit ihrer freundlichen Genehmigung wiedergeben.

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Preisträgerin Luise Pusch, Laudatorin Eva Rieger und der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft am 27.11. 2016

 

Eva Rieger: Laudatio für Luise Pusch    (Stand 21.11)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ich gebeten wurde, eine Laudatio für Luise Pusch zu entwerfen, habe ich zuerst überlegt, ob und wo es Überschneidungen zwischen Luise Büchner und der heutigen Preisträgerin gibt. Zum einen haben sie denselben Vornamen. Zum anderen sind beide Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, und beide haben mit ihren Schriften viel bewegt. Zum dritten liebten beide die Musik – Luise Puschs Sammlung an Radiomitschnitten ist mehr als riesig und die technisch ausgefeilte Medienecke in ihrer Küche berühmt-berüchtigt; Luise Büchner befasste sich einmal intensiv mit Richard Wagners Ring des Nibelungen. Hier kommt die vierte Gemeinsamkeit zum Tragen, nämlich der Humor. Ich zitiere aus Luise Büchners Kritik der Götterdämmerung:

„Um Siegfried nur einigermaßen moralisch zu erretten, greift Herr Wagner abermals nach seinem geliebten, aber allgemach sehr langweilig werdenden Zaubertrank, welcher ihm Vergessenheit Brunhildens und Liebe zu Gutrun gibt. Nun, ein Mann, der seine Frau verlässt, um gleich danach eine Andere zu heiraten, ist gewiss ein recht schlechter, erbärmlicher Wicht, aber auf der Bühne denn doch immer zehnmal erträglicher, als solch eine Marionette, die nur das Geschöpf eines Frühtrunks ist, und die dann, da es dem grimmen Hagen gutdünkt die Flaschen zu wechseln, gleich20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_063 danach durch ein zweites Gläschen die Erinnerung wieder zurückerhält.“[1]

Hier offenbart sich eine Lust an schwarzem Humor – was auch ein elementarer Bestandteil von Luise Puschs Arbeit ist. Wir sehen also, es gibt mehrere Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Frauen.

Nichts aus ihrer Kindheit weist auf diese Fähigkeit, die Dinge zu ironisieren, hin. In Gütersloh geboren, kannte Luise Pusch ihren Vater, der Gemeindepfarrer gewesen war, kaum, denn ihre Mutter ließ sich von Luises Vater scheiden, als Luise 3 Jahre alt war. Die Lebenssituation der Mutter im Nachkriegsdeutschland, die mit einem bescheiden bezahlten Sekretärinnenjob drei Kinder durchbringen musste, prägte Luises Kindheit. Die Sorgen ums Überleben beherrschten den Alltag, die Mutter war gezwungen, die Kinder weitgehend sich selbst zu überlassen. Luise umgibt sich schon im frühen Alter mit technischen Geräten. Zunächst sitzt sie vor dem Radio, um während der Heimarbeit Musik- und Literatursendungen zu hören, dann vor dem Plattenspieler, schließlich vor dem Tonbandgerät. Musik sowie geistige Interessen sind für sie Strategien zur Bewältigung des Alltags. Als Kind ungewöhnlich schüchtern, kompensiert sie mit hohen intellektuellen Leistungen und verschafft sich so Anerkennung bei MitschülerInnen und LehrerInnen.

Um der Mutter zu imponieren, erbringt Luise beste Zensuren und Leistungen in den sprachlichen Fächern. Nach dem Abitur studiert sie Anglistik, Latinistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Hamburg. Von 1966 bis 1972 ist sie Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Sie schließt ihre Studien mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Ihre Dissertation ist dem Thema Die Substantivierung von Verben mit Satzkomplementen im Englischen und im Deutschen gewidmet (Prädikat: sehr gut). Nach einer vierjährigen Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bekommt sie 1976 ein Habilstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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Alles deutet auf eine vielversprechende akademische Laufbahn hin, als sie 1979 – nach ihrer Habilitation zum Thema Kontrastive Untersuchungen zum italienischen gerundio für das Fach Sprachwissenschaft – für fünf Jahre das in universitären Kreisen hochgeachtete Heisenberg-Stipendium erhält. 1985 ernennt die Universität Konstanz sie zur außerplanmäßigen Professorin. So schienen die Türen für eine glänzende Universitätskarriere als Hochschullehrerin weit geöffnet, mit einem Lehrstuhl an einer traditionsreichen Universität, mit AssistentInnen, Drittmitteleinwerbung, Gremienarbeit, der Ausbildung von DoktorandInnen, der Organisation von Fachtagungen und freier Forschung. Luise hätte sich dann vielleicht in die Sprachpartikeln des Russischen vertieft oder sich zum Stand der Sondersprachen in der friesischen Lexikographie auf linguistischen Tagungen Ruhm erworben. Doch es kam anders.

Aus der Beschäftigung mit der Frauenbewegung, die sich in den siebziger Jahren aus den USA kommend rasch in Deutschland ausbreitete, wurde ihr deutlich, dass die Sprachwissenschaft große Defizite aufwies. Wie in anderen geisteswissenschaftlichen Fächern auch, war es bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nicht üblich, das soziale, historische und kulturelle Umfeld in die Forschung mit einzubeziehen. Wer Sprache als ein soziales Zeichensystem sah und eine sozialwissenschaftliche Position einnahm, galt schon als AussenseiterIn. Die ersten Forschungen von Luise Pusch waren noch den traditionellen Themen ihres Faches gewidmet, nun aber entwickelte sie Ideen, wie man Sprache ändern könne. 1979 schrieb sie ihren ersten feministisch-linguistischen Aufsatz. Wohlmeinende Kollegen rieten ihr, diesen als einen kleinen „Ausrutscher“ anzusehen und zur „richtigen“ Linguistik zurückzukehren. Ihr war die Brisanz ihrer Aussagen wohl bewusst, aber sie hatte nach ihrer bis dato so steilen Karriere nicht voraussehen können, wie kaltschnäuzig man sie ausgrenzen würde. Die Versuche, gemeinsam mit Senta Trömel-Plötz in der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft eine Sektion für feministische Linguistik zu gründen scheiterten ebenso, wie zahlreiche Bewerbungen auf eine Professur an einer deutschen Universität.

Außerhalb der Universität wird Luise zunächst erst in der Frauenbewegung, später auch in anderen Institutionen des öffentlichen Lebens zur profiliertesten und gefragtesten feministischen Linguistin. In zahllosen deutschsprachigen Städten des In- und Auslandes wird sie zu Lesungen und Workshops eingeladen, und die Säle sind überfüllt. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, in der Gesellschaft ein sensibilierteres Sprachbewusstsein durchzusetzen, und zwar nicht nur durch scharfsinnige Analysen und direkte Kritik, sondern auch durch das Mittel der intelligenten Ironie. Mit ihrer unerschöpflichen Phantasie, gekoppelt mit einem zum Teil schwarzen Humor, der sich in beißende Ironie verwandeln kann, fordern ihre Glossen zum Lachen auf – aber der Subtext spricht von der Einsicht in eine Machtstruktur, die die Sprache prägt und die Frau als zweitrangig abstempelt.  Viel hat sie damit erreicht. Zwar wird statt des generischen Maskulinums die Doppelform weitgehend benutzt, nicht, wie Luise es wollte, das umfassende (generische) Femininum. Doch erreichte sie einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch, der sich weiterhin verfeinert.

Luise Pusch blieb bei ihrer Überzeugung, dass Sprache und Kultur in Beziehung stehen und sich wechselseitig bedingen. Ein Lexikon bringt es auf den Punkt: „Pusch hat aufgrund ihres kontinuierlichen sprachkritischen Engagements die allgemeine Wahrnehmung männlich orientierter Sprachnormen spürbar differenziert.“[2] Indem sie sich bewusst von dem herrschenden Diskurs absetzte und neue Wege ging, war es fast zwangsläufig, dass sie keine dauerhafte Aufnahme an den traditionsverhafteten linguistischen Fakultäten deutscher Universitäten fand. Ihre Radikalität, die so viele feministisch gesinnte Frauen begeisterte und für volle Säle sorgte, war manchem Akademiker ein Dorn im Auge

Ich lernte Luise Pusch Anfang der 1980er Jahre kennen. Ihr autobiographischer Roman Sonja war gerade erschienen, in dem sie ihre persönlichen Erfahrungen aus den Hamburger Studienjahren verarbeitet. Er erlebte mehrere Auflagen und wurde 20 Jahre später noch einmal aufgelegt, diesmal mit einem bewegenden Foto der „echten“ Sonja auf dem Titelblatt. Es ist die Geschichte des Zusammenlebens zweier Frauen, von denen die eine im Rollstuhl und suizidgefährdet ist, und frau erlebt eine ganz andere Seite der Autorin: die schonungslose Offenlegung einer schwierigen Liebesbeziehung mit allen Einzelheiten bis hin zum Tod. Sie veröffentlichte ihn zunächst unter dem Pseudonym „Judith Offenbach Ich fragte sie damals nach Judith Offenbach, die ich gerne kennengelernt hätte, und erfuhr, dass es sich um Luise selbst handelte.“. Später entschied sie sich, ihr Pseudonym zu lüften und half damit vielen lesbischen Frauen, sich ebenfalls nicht mehr zu verstecken.

Für mich war es ein aufregendes Ereignis, als Pusch 1983 den Band „Feminismus – Inspektion der Herrenkultur“ herausgab. In diesem Buch kritisierten verschiedene Fachvertreterinnen die Defizite ihres jeweiligen Faches aus weiblicher Sicht. Dass der renommierte Suhrkamp Verlag den Band herausbrachte, werteten wir als Hinweis, dass der Feminismus bei den klassischen Verlagen angekommen war. In ihrer Aufsatzsammlung Deutsch als Männersprache ein Jahr später analysierte Luise Pusch die genderbezogenen Asymmetrien unseres Sprachsystems. Dieses Buch ist heute mit 140 000 verkauften Exemplaren das bestverkaufte sprachwissenschaftliche Werk der Nachkriegsgeschichte.

Inzwischen wurden Empfehlungen oder Richtlinien von staatlichen Behörden, Berufsorganisationen, Gewerkschaftsverbänden, Universitäten und anderen Institutionen zu einem beide Geschlechter adäquat umfassenden Sprachgebrauch erlassen. Dieses ist ein Erfolg der feministischen Sprachwissenschaft und damit in hohem Maße auch derjenigen Person, der diese Veranstaltung gewidmet ist.

1987, als die Herausgabe des Kalenders Berühmte Frauen begann, gab es noch kaum Straßen oder Plätze, die nach einer Frau benannt worden waren. Statt dessen erinnerten die Namen von Gebäuden, Männerköpfe auf Geldscheinen und Männer-Denkmäler flächendeckend an die Leistungen von Männern. Dazu wollte Luise Pusch ein Gegengewicht, ebenfalls in der Alltagskultur, schaffen. Anstelle eines Lexikons über bedeutende Frauen wählte sie einen Kalender. Mit ihm sollen beim täglichen Gebrauch fortwährend Gesichter und Taten von Frauen vor Augen geführt werden, damit sich das weibliche Selbstwertgefühl erholt. Es galt, das bisher verborgene Wissen über Frauen präsent zu machen, und das jährliche Erscheinen zeugt bis heute von dem Erfolg eines unerschütterlichen Beharrungsvermögens, das Luises Arbeitsweise kennzeichnet. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang ihre Herausgabe biographischer Aufsatzsammlungen, die eine feministische Sichtweise vertraten und sie zu einer Pionierin auf diesem Gebiet  machten: Schwestern berühmter Männer, Töchter berühmter Männer und  Mütter berühmter Männer.  Damit lenkte sie den Blick auf solche Frauen, die meist unbeachtet und ohne Anerkennung im Hintergrund agierten, während ihre Brüder, Ehemänner, Liebhaber oder Söhne für ihr Schaffen das Lob der Allgemeinheit einheimsten. Diese Perspektive einzunehmen war für eine feministisch orientierte Forschung ein wichtiger Schritt, denn es zeigt sich, dass trotz der in den achtziger Jahren postulierten Kritik an großen Traditionen jede Gesellschaft solche benötigt – und Frauen benötigen sie mehr denn je.

Sie ahnen sicherlich schon, wohin die Reise ging, denn diese vielen Frauenbiographien hat Luise Pusch in ihre Datenbank eingefüttert, die sie 1982 begründete. Während Literaturwissenschaftlerinnen nach marginalisierten Autorinnen und Kunsthistorikerinnen nach Künstlerinnen suchten, lag ihr daran, fächerübergreifend bedeutende Frauen aller Sparten und Fachrichtungen der Vergessenheit zu entreißen und in das gesellschaftliche Bewusstsein zu verankern. Luise sammelte zunächst aus dem fünfundzwanzigbändigen Meyer-Lexikon in dreißig Ringbüchern die Daten von 2000 bedeutenden Frauen, denen „der Meyer“ an der Seite der 100.000 Männer ein Plätzchen gegönnt hatte. Diese übertrug sie ein Jahr später auf ihren ersten Computer, wo sie als FemBio-Datenbank mit inzwischen über 32.000 biographischen Einträgen nach 250  verschiedenen Parametern (z.B. Geburtstag, Berufszugehörigkeit, Ortsname) abgefragt werden können. Suchen Journalistinnen nach spezifischen Informationen zu einzelnen Frauen und vor allem Frauengruppen, wollen LehrerInnen mehr über bedeutende Frauen im Mittelalter aus ihrer Region erfahren oder Frauenbeauftragte einen Stadtrundgang organisieren, ist die Datenbank ein unverzichtbares Hilfsmittel. Luise Pusch ist mit dieser systematischen Betrachtungsweise, die sie aus der Linguistik mitbrachte,  die Begründerin der systematischen Frauenbiographieforschung. Die besten Beispiele für ihre Kunst der analytischen Zusammenschau sind ihre Nachworte in ihren frauenbiographischen Sammelbänden. Forschungsreisende, Schriftstellerinnen, Frauenrechtlerinnen, Physikerinnen, Varietékünstlerinnen – entscheidend ist, dass sich die Erinnerung an sie lohnt. Die Leben und  Taten dieser Frauen bilden einen großartigen Kanon weiblicher Leistungen.

Gemeinsam mit Sibylle Duda gab Luise Pusch 1992 den ersten der insgesamt dreibändigen Ausgabe der WahnsinnsFrauen heraus. Wahnsinn wird darin einleitend weniger als ein psychiatrisches oder individuelles Problem denn vielmehr als ein gesellschaftliches gedeutet, nämlich als Protest gegen die Zumutungen der weiblichen Rolle. Trotz des guten Verkaufserfolges waren kritische Untertöne von feministischer Seite zu hören[3], auf die einzugehen sich lohnt, weil sich darin Argumente einer jüngeren feministischen Generation niederschlagen. So wurde bemängelt, dass die Frau im binär organisierten westlichen Denken die Rolle des Irrationalen zugesprochen bekommt, so dass „der Wahnsinn zu einer Essenz des Weiblichen“ wird. Hierbei wird jedoch die bewusste Polemik in Puschs These übersehen, nämlich dass „der Wahnsinn der Frauen … verschwinden wird, wenn das patriarchale Wahnsystem verschwindet“ und ebenso ihren siebenzeiligen „Minimalkatalog für einen Neuanfang“. Die bittere Ironie entging der Kritikerin ebenso wie die Tatsache, dass Pusch  einen Text zu verfassen hatte, der eine Anzahl von Biographien thematisierte und inhaltlich bündeln sollte. Pusch verweist in ihrer Replik[4] auf die Naivität eines Glaubens, demzufolge Wissenschaft sich chronologisch entwickele und immer genauer oder besser werde.

Im Lauf der Jahre hatte sich die Frauenbewegung von der Kritik am Mann verabschiedet und begriffen, dass die Geschlechterungleichheit ein Herrschaftsverhältnis ist, das auf allen Bühnen des sozialen, kulturellen und politischen Lebens bedient werden kann – in der Wirtschaft, im Internet, durch die Kultur, und eben durch die Sprache. Luise Pusch nimmt hier einen wichtigen Platz ein, denn sie schafft eine Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis. Macht- und Herrschaftsverhältnisse können durch die Sprache hergestellt werden, und genauso kann die Zerstörung dieser Verhältnisse durch einen kritischen oder ironischen Sprachgebrauch angepeilt werden.

In diesem Zusammenhang ist eine Stellungnahme von Gudrun-Axeli Knapp nützlich,[5] die anregende Gedanken zu der immer wieder aufgegriffenen Behauptung entwickelt, wonach man Frauen nicht mehr unter dem Begriff „Frau“ subsumieren könne und es heute nur noch wichtig sei, „Vielfalt und Widersprüchlichkeit zuzulassen“. Knapp lehnt die postmoderne Annahme ab, wonach man nicht über Gruppen sprechen könne, da das ihrer Ansicht zufolge darauf hinauslaufen würde, die sozialen Strukturzusammenhänge von Frauenunterdrückung aus dem Blick zu verlieren. Sie hält an einer doppelten Aufgabe der feministischen Theoriebildung fest und fordert, dass man „die Unterdrückung von Frauen in ihrer endlosen Varietät und monotonen Ähnlichkeit” analysieren solle. Also: zum einen die Frau als Einzelperson mit ihren eigenen Erfahrungen, und zum anderen die Frau innerhalb einer Gruppe innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftszusammenhänge.

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Erste Reihe v.l.n.r.: J. Breckner, E. Rieger, L. Pusch, A. Schmidt, J. Partsch, D. Wagner, B. Akdeniz

Eine solche janusköpfige erkenntnistheoretische Position scheint mir für die künftige Geschlechterforschung und –publizistik sinnvoll, und Luise Pusch nimmt darin ihren wichtigen Platz ein. Würde man das binäre Denken abschaffen, hätte das die Ignorierung der noch immer binär gespaltenen gesellschaftlichen Machtverhältnisse zur Folge. Man sollte angesichts der noch immer erschreckenden Benachteiligung von Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch Frauen als Gruppe nicht aus dem Blickfeld verlieren. Es kann sonst passieren, dass die „neue“ Richtung von der nachfolgenden Generation ebenso der Einseitigkeit geziehen wird, wie es die „alte“ Generation heute erlebt. Das heißt nicht, dass feministisches Gedankengut sich nicht selbst hinterfragen darf. Jede lebendige Wissenschaft muss sich weiter entwickeln, und es bleibt den jungen nachfolgenden Wissenschaftlerinnen unbenommen, sich von „traditioneller feministischer Argumentation“ abzusetzen und die feministischen „Mütter“ abzustrafen. Das ist der Gang der Geschichte. Zugleich muss aber die Leistung Luise Puschs gesehen werden, die darin bestand und besteht, feministisches Gedankengut mit beißender Ironie und schwarzem Humor sprachlich so treffend „an die Frau“ zu bringen, dass Veränderungen auf breiter gesellschaftlicher Ebene stattfanden. Ist das ein unhinterfragter Zirkelschluss? Nein, es ist ein Stück historischer Wirklichkeit.

In der Musikwissenschaft, die ich vertrete, sind neuerdings Versuche zu finden, Identitätsentwürfe und Konstruktionen des Geschlechterverhältnisses nicht nur ideengeschichtlich festzumachen, sondern auch die Materialitäten und Auswirkungen auf Körper und Gefühlsweisen zu erfassen. Hier wird klar, wie wichtig Luise Puschs Auseinandersetzung mit der Sprache ist. Man hat endlich gemerkt, dass die Geschlechterhierarchie nicht allein durch Quotenregelungen, Frauenbeauftragte oder Gesetzestexte angegangen werden kann, sondern dass sie unserer Kultur inhärent ist und wir sie unbewusst bestärken, wenn wir die Herrschaftssprache, die Frauen ausblendet oder unterordnet, unkritisch reproduzieren..

Es ist doch erstaunlich, wie der gute alte Feminismus durch die Grapschereien des designierten  US-Präsidenten Trump medial aufgewertet wurde und Tausende von Frauen begannen,  sich Demütigungen, die ihnen durch zynische Bemerkungen oder sprachliche Diffamierung von männlicher Seite zugefügt wurden, öffentlich bekannt zu machen. Gleichzeitig müssen wir mit der Tatsache umgehen, dass, um aus einem Blog von Luise Pusch zu zitieren, 42% von den weißen Frauen für Trump stimmten, von den weißen Frauen ohne Collegeausbildung waren es sogar 53%. Das zeigt uns wiederum, wie modern und wichtig der Ansatz von Luise Pusch ist, und wie viel noch zu leisten ist. Es geht hier nicht um einen Kampf Mann gegen Frau, da auch Frauen sexistische Grundsätze vertreten können. Es geht darum, sich bewusst zu machen, wie viele Millionen Frauen auf unserem Erdball noch an ihrer gesellschaftlichen Zweitrangigkeit zu leiden haben. Mehr als 100.000 Frauen erleben Gewalt in Partnerschaften in Deutschland, so war Anfang der Woche in der Presse zu lesen, und das sind nur diejenigen, die sich bei der Polizei melden. Ich denke an Millionen genitalverstümmelte Mädchen, an verheiratete Minderjährige und an Zwangsprostituierte. Jede einzelne erleidet einen psychischen Mord und kann kein normales Leben mehr führen.  Der Abbau des Sexismus ist genau wie der Abbau von Rassismus einzuüben, und da sind die Glossen unserer heutigen Preisträgerin ein ideales Fundament, da sie auf leichtem Wege zu Verhaltensänderungen führen.

Dafür und für ihre jahrzehntelange Hartnäckigkeit gebührt ihr Dank.

 

 

 

[1] Luise Büchner: Weibliche Betrachtungen über den Ring des Nibelungen, in: Die Frau. Hinterlassene Aufsätze, Abhandlungen und Berichte zur Frauenfrage. Halle 1878, 358-369. Nachgedruckt in: Frau und Musik, hg. von Eva Rieger, Frankfurt/M. 1980, 218.

[2] Stichwort Pusch, Luise F., in: Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung, hg. von Renate Kroll, Stuttgart/Weimar 2002, S. 327.

[3] Annette Schlichter: „Frauen Wahnsinn WahnsinnsFrauen: Überlegungen zur Re/Produktion einer Analogie“, in: Freiburger FrauenStudien 1.(1). 1995, S. 7-22.

[4] Luise Pusch: „Streng, aber ungerecht. Antwort auf Annette Schlichter“, in: Freiburger FrauenStudien 1.1. (1995), S. 23-24.

[5] „Macht und Geschlecht. Neuere Entwicklungen in der feministischen Macht- und Herrschaftsdiskussion“, in: Gudrun-Axeli Knapp, /Angelika Wetterer (Hg.): Traditionen Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie, Freiburg 1995, S. 287-321.

17.11.2016

Bald steht das Denkmal für Luise Büchner!

Filed under: Darmstadt,Feminismus,Luise Büchner,Veranstaltung — peter brunner @ 13:37

Gute Nachrichten zum Projekt eines Denkmals für Luise Büchner!

Die beauftragte Künstlerin, Barbara Dieckmann aus Berlin, hat die Vorbereitungen für den Guss abgeschlossen und uns ein Foto ihrer bisherigen Arbeit übermittelt. In Kürze wird die kleine Büste gegossen werden und dann nach Darmstadt kommen.

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Mit Ruth Andres, die schon den Grabstein für Mathilde Büchner gestaltet hat, haben wir ein erstes Gespräch über die Ausgestaltung des Sockels geführt und sind sehr zuversichtlich, dass sie eine gute Lösung finden wird.

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Die „Kunstkommission” der Stadt Darmstadt hat bei einer Ortsbegehung unseren Vorschlag angenommen, das Denkmal vor das Pädagog zu platzieren – vor dem Treppenaufgang  in  der Döngesborngasse. Das DARMSTÄDTER ECHO meldete aus der Stadtverordnetenversammlung: „In der Sitzung teilte Stadträtin Iris Bachmann zudem mit, dass die Kunstkommission einen Standort für die Luise-Büchner-Büste gefunden habe: gegenüber vom Pädagog am Abgang zum Liebighaus.”

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Und der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft hat sich vorgenommen, das Denkmal am 1. Juni 2017 der Öffentlichkeit zu übergeben.

Bis dahin soll nicht nur der Kopf auf dem Sockel montiert sein, sondern auch ein Text auf dem Säulchen angebracht werde, die dahinter liegende Wand saniert werden und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Zitat versehen sein. Wir denken, dann werden wir dorthin einladen und an dieser dafür bestens geeigneten Stelle daran erinnern, dass noch vor 150 Jahren Mädchen keine Chance hatte, das – damals einzige – Darmstädter Gymnasium zu besuchen. Und natürlich feiern wir da mit den Schülerinnen der Alice-Eleonoren-Schule und allen anderen, die kommen wollen, zur Erinnerung an die Begründerin der Mädchenbildung in Darmstadt. Papa Legbas Blues Lounge hat den Termin schon mal vorgemerkt …

Dieses schöne Projekt, das inzwischen viele freundliche Stifterinnen und Helferinnen bei Benefiz-Aktionen gefunden hat, verdient weitere Unterstützung – hier findet sich der Prospekt mit dem Aufruf zu Aktionen und Spenden 

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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8.11.2016

„Ich bin der Hund, dem Woyzeck auf den Hut geholfen hat”

Filed under: Darmstadt,Georg Büchner — Schlagwörter: — peter brunner @ 18:23

Die Dankrede Marcel Beyers zum Büchnerpreis von 2016 steht auf der website der Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung.

Zum Einstieg nutzt Beyer, der Büchner und sein Umfeld offenbar gründlich studiert hat, den Bericht von Ernst Büchner über einen Fall von Tollwut, der ihm 1808 in Holland begegnet war und über den er 1826 berichtete: „Ein decidirter Fall von Wasserscheu als Folge des Bisses eines tollen Hundes, nebst beigefügtem Fall einer zweifelhaft gebliebenen Rabies ohne darauffolgende Wasserscheu“* (. Dass bei Dr. Büchner dabei aus dem holländischen Örtchen Honselersdijk**  in Büchners Erinnerung Hondshollerdyk wird, hält Beyer nicht für Zufall:

Ein Arzt erinnert sich an einen Hundevorfall im holländischen Hondshollerdyk. Eine krude, alle Vorstellungskraft sprengende Mischbildung aus Hund und Holunder und ausgehöhltem Deich, nach der man auf der Landkarte vergeblich suchen würde. Tatsächlich existiert sie, ein Schreib-, ein Hör-, ein Erinnerungsfehler, allein in Büchners Bericht.

Für Beyer gibt es einen direkten Weg von den Erfahrungen des Vaters zum Schreiben des Sohnes: den vielleicht ersten literarisch zu nennende Versuch des jungen Georg Büchner, die Verhohnepiepelung von Schillers in hohem Ton gedichteten „Graf Eberhard der Greiner” in Darmstädter Gassenton (den auf meine Anregung hin der Walter Renneisen einst in Pfungstadt „uraufführte”***), nennt er – Pathologie.

Die Rede lohnt das gründliche Lesen, auch die Büchnerforschung mit ihren Disputen ist Beyer präsent:

Noch in den achtziger Jahren streiten sich Büchnerforscher, aus der sexuellen Revolution gestählt hervorgegangen, was da genau passiert sein soll, wenn Woyzeck erzählt, er habe einem Hund auf einen Hut geholfen. Mit stoischem Ernst zieht man Auskünfte über die maximale Größe zeitgenössischer Zylinderhüte heran. Am Ende lautet der bündigste Vorschlag: Selbst wenn im Manuskript ohne jeden Zweifel das Wort »Hut« zu entziffern sei, habe der Autor ohne jeden Zweifel das Wort »Hund« hinschreiben wollen. Woyzeck könne nur einem sehr kleinen Hund auf einen sehr großen Hund geholfen haben. … Vielleicht wird sich eines Tages ein in Ferkeldeutsch beschlagener Philologe über die gestrichenen Woyzecksätze beugen und im Manuskript statt einem »Hundele« doch noch ein »Hunderl« entdecken – die im Rotwelschen geläufige, liebevolle Bezeichnung für das weibliche Geschlecht.” 

In Marcel Beyer hat nicht nur der Büchnerpreis einen würdigen Träger, sondern auch der Büchner-Diskurs einen klugen Beiträger gefunden.

* in: Jahrb. der teutsch. Medic. und Chir. oder Rheinisch. Jahrb., 1826

** der link führt zum niederländischen Eintrag in wikipedia, einen deutschen Eintrag dazu gibt es nicht. Den Hinweis darauf verdanke ich Jan Gielkens 

*** den einzigen verbliebenen Belag dafür fand ich bei Henry Poschmanns “Mitteilungen” vom September 2005

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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