Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

18.4.2014

Erster „Hessischer Literaturlöwe” an Rotraud Pöllmann im Büchnerhaus verliehen

Filed under: Ausstellungen,Büchner,Georg Büchner,Veranstaltung — peter brunner @ 11:03

Der „Verein der Freunde und Förderer des Literaturland Hessen” hat Rotraud Pöllmann, die langjährige verdiente Leiterin des Goddelauer Büchner-Hauses, mit seiner neuen Auszeichnung „Hessischer Literaturlöwe” ausgezeichnet.

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Vor der Benefizveranstaltung für den Goddelauer Verein, bei der Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz ihre neuesten Veröffentlichung, die fiktiven “Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris”  präsentierten, überreichte Heiner Boehncke als Vorsitzender der völlig überraschten Rotraud Pöllmann die Verleihungsurkunde.

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Er nannte Rotraud Pöllmann „eigentlich den guten Geist, wenn er denn nicht leibhaftig anwesend wäre” und betonte ihre unersetzlichen und hoffentlich noch lange fortgesetzten Verdienste.
In der Tat können Frau Pöllmanns Verdienste um das Andenken an Georg Büchner kaum hoch genug geschätzt werden. Hier ist ja schon mehrfach darauf hingewiesen worden, wie viel „nachhaltiger” im eigentlichen Sinn dieses missbrauchten Begriffes die „Graswurzelarbeit” der verdienstvollen Ehrenamtler zur Bewahrung, Präsentation und Aktualisierung unseres historischen Erbes ist. Besonders verglichen mit medienwirksamen, aber folgenlos verglühenden Hypes, wie wir sie in Sachen Büchner gerade in den vergangenen Jahren auch erleben durften. Dies übrigens um so mehr, als diese „Hypes” in der Regel auch noch viel Geld verpulvern, während die beständigen Arbeiten oft genug schlecht oder gar nicht bezahlt erledigt werden.

Frau Pöllmanns Arbeit in Goddelau ist für bescheidenes, kompetentes, nachhaltiges und hartnäckiges Tun ein leuchtendes Vorbild. Sie hat das Museum im Geburtshaus Georg Büchners Ende der 90er Jahre mit aufgebaut und betreut es seitdem als ehrenamtliche Leiterin. In Zusammenarbeit mit dem Förderverein Büchnerhaus und der Stadt Riedstadt hat sie unzählige Schulklassen und interessierte Personen aus ganz Deutschland durch das Museum geführt.

 

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Der Text der Urkunde lautet:

Den Hessischen Literaturlöwen verleiht der Verein der Freunde und Förderer des Literaturland Hessen e. V. im Jahr 2014

Rotraud Pöllmann

für ihre engagierte und kenntnisreiche ehrenamtliche Arbeit als Leiterin des Büchnerhauses in Riedstadt Goddelau. Ihr geduldiges und ideenreiches Engagement  macht das Geburtshaus von Georg Büchner zu einer einmaligen Erinnerungsstätte für Leben und Werk des Dichters und Revolutionärs.

Dem ist nichts hinzuzufügen – außer vielleicht, dass sich 2014 auch eine etwas weniger demonstrativ maskuline Wappenfigur hätte finden lassen.

11.4.2014

„… davon verstehen Frauenzimmer nichts!”

Am 11. April 1825 wurde Ferdinand Lassalle in Breslau geboren.

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Lassalle 1860. Foto von Philipp Graff (wikipedia)

 

Im Programm der „Fabelhaften Büchnerbande” zitieren wir:

Ludwig Büchner spielte eine wichtige Rolle bei der Auseinandersetzung um die Ausrichtung der deutschen Arbeiterbewegung. Er wollte mit einem breiten Volksbündnis die Gesellschaft verändern, die Sozialdemokraten wollten alleine die Arbeiter organisieren. In seiner Broschüre „Meine Begegnung mit Ferdinand Lasssalle” schreibt Ludwig 1894 im Rückblick:

„Nichts könne der Reaktion erwünschter sein und uns mehr schaden, als eine Entzweiung von Bürgertum und Arbeiterstand im gegenwärtigen Augenblick. … Auch solle man sich nicht durch die Schlagworte „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ ins Bockshorn jagen lassen, da diese Worte an und für sich gar keinen gefährlichen Sinn haben. Jeder Staat oder jede staatliche Gemeinschaft sei mehr oder weniger sozialistisch und kommunistisch, und es komme dabei nur auf das mehr oder weniger an. … In meinem Tagebuch vom fünfzehnten Mai 1863 finde ich folgende Aufzeichnung: „ … In der Unterhaltung selbst fiel es auf, dass Lassalle, der doch ein Apostel des „Volks“ sein wollte, sich sehr verächtlich über den „Mob“ äußerte und seinem Widerwillen darüber, dass er auf seinen Agitationsreisen mit jedem Arbeiter die schmutzige oder Schweißhand drücken müsse, sehr energischen Ausdruck gab. … Obgleich vollkommener Weltmann, ließ er sich doch hinreißen, die Regeln der Höflichkeit gegen Damen außer acht zu setzen, indem er meiner Schwester Luise, der Verfasserin von „Die Frauen und ihr Beruf“ , welche sich einmal in die Diskussion gemischt hatte, zurief: „davon verstehen Frauenzimmer nichts – ” und die vollständig eingeschüchterte Rednerin damit für den übrigen Teil des Tages mundtot machte. … ”

Lassalles Werke sind online hier zugänglich, sein „ehernes Lohngesetz” ist längst wiederlegt. Und mindestens ein Fußnote ist es wert, dass es ein „Netzwerk der Korporierten in der SPD”  unter seinem Namen gibt, das sich u.a. so äußert: „Lassalles Herkunft ist bürgerliches Milieu, ein klares Bekenntnis dazu täte unserer Partei gut.”  Gemessen an Ludwig Büchners Erfahrungen bei der Bemühung um die Einheit der Opposition gegen Lassalle eine späte Einsicht.

1.4.2014

Von der Realität eingeholt – früheste Handschrift Georg Büchners aufgefunden

Filed under: Ausstellungen,Büchner,Georg Büchner,Geschichte,Zeitgen — peter brunner @ 01:26

EDIT 2.4.2014:

Ich gestehe: das Tapetenrelikt gibt es nicht. Der Fund muss ein Aprilscherz bleiben und Gedanken über Tapetenschmierereien Büchners eine Imagination – wenn auch nicht die unwahrscheinlichste unter denen, die wir inzwischen zu ertragen hatten …

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Giovanni Francesco Caroto: Knabe mit Zeichnung 
1. Hälfte 16. Jhd., Museum Castelvecchio, Verona
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In der in Darmstadt kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung aus Anlass von Georg Büchners 200. Geburtstag war von Ausstellungsmacher Ralf Beil eine Anmutung des Familienzimmers der Büchners installiert worden, in dem zwar nicht die Familie vorkam, aber als Memento eine eigens angefertigte Tapete angebracht war. Beil hatte sie mit zwei ganz unterschiedlichen Motiven, dem „Blutschwamm” aus einer frühen medizinischen Veröffentlichung des Vaters Ernst Büchner, und der Reproduktion der Locke Georg Büchners, die auch im Original gezeigt wurde, bedrucken lassen.

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Die imaginierte Tapete aus der Ausstellung 

Tatsächlich hat Georg Büchner in der Darmstädter Grafenstrasse, die das Ausstellungszimmer imaginieren sollte, gelebt. 

Das es allerdings eine Original-Tapete, und sei es auch nur ein unscheinbarer Rest, aus Büchner’schen Häusern geben könnte, hatte niemand zu träumen gewagt. Schon lange ist bekannt, dass die Büchners in Darmstadt aus der bescheidenen Dienstwohnung im Hospital schon recht bald an den Marktplatz, von dort in die obere Baustraße (heute Elisabethenstraße), und erst dann ins eigene Haus in der Grafenstraße gezogen sind. Zu dem Haus in der Oberen Baustraße konnte ich vor einiger Zeit neue und bis dahin unbekannte Details ermitteln, weil mich eine Nachfahrin des Vermieters der Büchners, Ernst Emil Hoffmann, auf einige Hinterlassenschaften ihrer Familie aufmerksam machte. Dort sind zwei von Georgs Geschwistern, Luise (1821) und Ludwig (1824), geboren, Georg Büchner war zu der Zeit also zwischen sieben und zehn Jahre alt. Zu den mir überlassenen Materialien gehört ein lithographiertes Familienbild der Hoffmanns und eine mehrbändige genealogische Ausarbeitung, auf deren allerletzter Seite ich das lang gesuchte Hoffmann’sche Haus abgebildet fand:

 

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Ludwigsplatz, Haus Böttinger um 1935

Das gleiche Haus auf einer Photographie aus den 1930er Jahren
als „Haus Böttiger”. (Zur Orientierung: das Haus stand dort,
wo sich heute das „C&A”-Kaufhaus befindet) 
mit freundlicher Erlaubnis des Stadtarchiv Darmstadt 

Bei eben diesen Unterlagen fand sich auch ein unscheinbarer Abriss einer beigefarbenen  Papiertapete, dünn mit ungelenker Hand beschriftet. Bei einem weiteren Besuch bei den Hoffmann’schen Nachfahren bin ich auf dieses Blatt, das ich kaum beachtet hatte, mit der Frage angesprochen worden, warum ich denn den Namenszug Georg Büchners nicht in die Ausstellung gegeben hätte. Die Familie ist nämlich steif und fest davon überzeugt, dass das unscheinbare Stück Papier von der Familie von der Zimmerwand abgelöst und aufbewahrt wurde. In ihrer Überlieferung heißt das Blatt „der Georg-Krakel” und soll nichts weniger sein als die allererste schriftliche Hinterlassenschaft des Dichters, eine ungelenke Schreibübung, unerlaubt auf die Tapete gekritzelt. Ich darf das Blatt mit freundlicher Genehmigung hier erstmals zeigen:

 

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Vielleicht die früheste schriftliche Hinterlassenschaft Georg Büchners?

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Zum Vergleich
Georg Büchner: eigenhändige Unterschrift des Schülers
hier in „französischer” Schreibschrift, der Text in Deutscher Schrift 

Klassik-Stiftung Weimar 

 

In der Tat ist dem geübten Leser alter deutscher Handschriften möglich, die Auf- und Abs der Deutschen Schrift zum Namen Georg in den gut sichtbaren Zeichen zu erkennen. Die Tapete kann gut beim Auszug der Büchners beseitigt worden sein, Hoffmann, der mit Georg Büchners Stief-Großmutter, der dritten Frau des Vaters von Ernst Büchner, verwandt war und den Kindern gegenüber vielleicht wie ein Onkel auftrat, mag sie aus Sentimentalität aufbewahrt haben.

In den nächsten Wochen werde ich versuchen, das Alter und womöglich die Handschriftzuordnung verifizieren zu lassen. Natürlich berichte ich hier.

29.3.2014

„God’s word on horse’s back”- vor 143 Jahren starb August Becker

Am 26. März 1871, vor 143 Jahren, starb in Cincinnati, Ohio, der deutsche Revolutionär August Becker.

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Der Markierungsstein des Friedhofsbereiches zu Beckers Grab
(Foto: M. Breidenbaugh)

Beckers unglaubliches Leben steht im Schatten Georg Büchners, dessen Freund und Mitverschworener er 1833 in Gießen war. Von 1835 bis 1839 saß er für die Mitarbeit am „Hessischen Landboten” im Gefängnis. Seine Aussagen im Umfeld der Demagogenverfolgung zeigen ihn als klug. umsichtig und loyal. Erst nach deren Tod sagt er über die Genossen Weidig und Büchner aus, und die Aufzeichnungen dazu lesen sich wie Solidaritätserklärungen. Es ist Becker, auf dessen Aussagen sich bis heute die meisten Analysen über die Urheberschaft des Landboten beziehen; von ihm wissen wir, dass Weidig Büchners Begriff „die Reichen” durch „die Vornehmen” ersetzen ließ.

1839 wandert er nach Zürich aus, gründet einen deutschen Handwerkerbildungsverein und kommt in Verbindung mit einem „Propheten” des Arbeiterkommunismus, Wilhelm Weitling.Der Glockenklang der Revolution ruft ihn zurück nach Deutschland, am Tag der Aufhebung der Pressezensur, am 6. März 1848, erscheint in Gießen sein „Jüngster Tag” – Georgs Brüder Alexander und Ludwig sind eifrige Textlieferanten.

Nach dem Scheitern der Revolution ist er von 1849 bis 1853 gewählter Angeordneter im Darmstädter Landtag – im 50. und 51. Landtag 1849/50 sitzt er neben dem nächsten Büchner – Wilhelm Büchner ist ebenfalls Abgeordneter in den „Revolutionslandtagen”.

 

1853 droht ihm eine Anklage wegen Gotteslästerung; er soll gesagt haben, eine weitere Haft in Hessen könne er nicht ertragen. Er wandert in die USA aus, ist von 1861 – 65  unter Steuben Feldprediger (!) mit dem schönen Beinamen „God’s word on horses back”. Bis zu seinem Tod arbeitet er als Zeitungsmann; in Baltimore, New York, Washington und schließlich Cincinnati ist er Herausgeber deutschsprachiger Zeitschriften.

Nach langen Bemühungen ist es mir gelungen, Bilder von seinem Grab zu beschaffen, und ich bin Margaret Breidenbaugh aus Cincinnati sehr dankbar für ihre großartige Unterstützung dabei.

 

 

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Grabstein August Beckers (17. August 1812 – 26. März 1871)
(Foto: M. Breidenbaugh)

August Becker wird im neuen Programm der Büchnerbande eine Rolle spielen. Gerade eben las ich einen Brief von Fritz Hecker, einer anderen deutschen Revolutionsikone, an ihn, in dem die Gründung des Deutschen Reiches in Versailles am 18. Januar 1871 sehr viel kritischer beschrieben wird als in den meisten zeitgenössischen Quellen.

Eduard Leyh, selbst Amerika-Auswanderer und Publizist, nennt Becker in der Gartenlaube (12/1875) seinen „alten Freund und Mentor” und zitiert ihn mit einer spannenden These zur amerikanischen Nationalhymne:

„ … er meinte, eine so herrliche Melodie könne gar kein Amerikaner erfinden, dieselbe sei entschieden deutsch. Als Beweis führte er den Endreim eines hessischen Soldatenliedes an, welcher lautet:

 

„Unser Landgraf, der soll leben, und die Landgräfin daneben!
Hesse-Darmstädter sein mir, ja Hesse-Darmstädter sein mir.“

Becker argumentirte nun, daß die damals von ihren sauberen Fürsten an die Engländer verschacherten Hessen dieses Lied auf amerikanischem Boden häufig gesungen hätten und die Melodie hier von den Amerikanern aufgegriffen worden sei. Thatsächlich herrscht zwischen dem Liede der Darmstädter Patrioten und dem Endreime unserer Nationalhymne große Aehnlichkeit und ich war immer geneigt, Herrn Becker in diesem Punkte Recht zu geben;

 

 

20.3.2014

Es war als ob wirklich mit einem Zauberschlage ein goldenes Zeitalter der Menschheit angebrochen wäre

Filed under: Büchner,Feminismus,Geschichte,Luise Büchner,Texte,Volksbildung — peter brunner @ 12:33

Dies ist der dritte Teil von Luise Büchners Schilderung der Deutschen Revolution von 1848, entnommen ihrem Werk

Luise Büchner: „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870” Leipzig, Thomas, 1875. Seiten 383 – 395

Teil 1 (SS: 337 – 360) findet sich hier
Teil II (SS 360 – 383) hier 

 

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Der „Friedhof der Märzgefallenen” in Berlin. März 2013

 

Im fahlen Morgenlicht gingen die Offiziere, die Proklamation des Königs in der Hand, von Barrikaden zu Barrikade und forderten die Kämpfer auf, die Waffen niederzulegen, aber sie hielten bald wieder inne, als sie die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen sahen. Mit lautem Hohn wurden die Versicherungen väterlicher Liebe, sowie auch die Versprechungen,

 

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welche die Proklamation enthielt, die von den Aufständischen, als von einer „Rotte von Fremden und Bösewichtern“ sprach, aufgenommen. Anstatt sich zu entwaffnen, bereitete man sich zu neuem äußersten Widerstande vor; die Färber setzten ihre wie Vitriolflaschen zurecht, sie auf die Soldaten aus zugießen, man drohte das Schloss in Brand zu stecken und Stimmen wurden laut, mit dem Rufe: Nieder mit Friedrich Wilhelm! – Im Schlosse war inzwischen doch die Stimmung umgeschlagen; den Berichten die Möllendorf’s Adjutant brachte, konnte man das Ohr nicht länger verschließen, man musste ihn glauben, dass 40.000 Mann der besten Truppen von dem Volke besiegt waren. Als nun am Morgen des 19. März wieder eine Deputation von Stadtverordneten erschien, gab der König ihren Bitten und denen der angesehensten Einwohnern der Stadt nach; er erlaubte ihnen in seinem Namen, dem Volke Frieden zu bringen. Das Ministerium dankte ab, Männer die das öffentliche Vertrauen besaßen, von Vink aus Westfalen, Beckerath aus Elberfeld, Auerswald und Schwerin wurden zu Ministern ernannt. Das Militär bekam den Befehl die Stadt zu verlassen, die vielen Gefangenen, die man in den letzten Tagen gemacht, sollten freigegeben werden.

 

Es war ein schrecklicher Moment für die Truppen als sie ihren Abmarsch begannen; am erbitterten war der Kampf gegen die Garde gewesen, deren adeliger Offiziere sich vielfach aufreizende Reden hatten zu Schulden kommen lassen, als sie jetzt mit klingendem Spiel abziehen wollten, zwang man Sie die Trommeln zu dämpfen und den Choleramarsch zu spielen. –

Vom Balkon des Schlosses herab versprachen der König noch einmal die Freilassung der Gefangenen, die wohl 200 an Zahl zum Teil schon nach Spandau waren gebracht worden, dann bat er, man möge ihm 1 Stunde ruhen können, aber sie sollte ihm nicht werden, denn die Menge,

 

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welche vor dem Schlosse wie ein Meer hin und her wogte, durchbrach jetzt ein langer, langer Trauerzug. Eine Anzahl von Männern trugen auf ihren Schultern sieben Bahren heran, darauf lagen unbedeckt die Leichen derer, die auf der Seite des Volkes gefallen waren, mit Kränzen von Immortellen und Immergrün geschmückt.

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Auf dem „Friedhof der Märzgefallenen” in Berlin. März 2013

 

Tausende folgten entblößten Hauptes dem Zuge, und wo er an Militärabteilungen vorüberkam, mussten Sie Halt machen und das Gewehr präsentieren. So zog man unter den Klängen des Chorals: Jesus meine Zuversicht! durch den Schlosshof, auf den Schlossplatz, und stellten die Bahren dicht unter dem Balkon des Königs auf. Jetzt verstummte der Choral, Mann an Mann stand barhaupt und nun erscholl der tausendstimmige Ruf: „König heraus! Er muss die Leichen sehen!“ Es war eine markerschütternde, herzzerreißende Szene, ein Trauerspiel, wie kein Dichter es ergreifender erdenken kann, das sich jetzt hier abspielte. Zuerst zeigte sich Graf Schwerin auf den Balkon, nach ihm Fürst Lichnowsky, beide wollten sprechen, aber man hörte sie nicht oder wollte sie nicht hören; wie ein tosendes Meer brauste es fort und fort: „Der König soll kommen!“ Endlich erschien er, die Königin, tief in Trauerkleider gehüllt, an seiner Seite. Nun hoben sich, von starken Armen getragen, die Bahren empor, man riss die Kränze hinweg, dass die klaffende Wunden sichtbar wurden und die gebrochenen Augen dem Fürsten entgegen starten! – Furchtbar schön hat Freiligrah diesem Moment geschildert in seinem Gedicht: Die Toten an die lebendigen! Mit einer Wildheit und plastischen Kraft des Ausdrucks, wie es selten einen Dichter gelingt.

 

Die Kugel mitten in der Brust,

die Stirne breit gespalten,

so habt ihr uns auf blutgem Brett,

hoch in die Luft gehalten,

 

 

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Hoch in die Luft mit wildem Schrei,

dass unsere Schmerzgebärde,

dem, der zu töten uns befahl

ein Fluch auf ewig werde! Usw.

 

4, 5 mal versuchte der König zu sprechen, die Königin rang verzweiflungsvoll und bittend die Hände, in diesem Augenblicke wankte der Thron unter ihren Füßen! Gebieterisch verlangte jetzt die Menge, dass der König herabsteige in den Schlosshof und den gefallenen Söhnen des Vaterlandes seine Achtung bezeuge. Es war eine furchtbare Rache, die das Volk an seinem Königshaus nahm, welches es einst so heiß geliebt, das im aber so lange ausgewichen war, und ihm statt des Brotes einen Stein gegeben hat! Der König schwankte die Treppe herab, er entblößte sein Haupt vor den Leichen, er neigte sich vor ihnen, und die Königin, die dem Gemahl gefolgt war, die ihn in dieser schweren Stunde nicht verlassen wollte, sank ohnmächtig zusammen. –

Nachdem man so die Herrscher genugsam gedemütigt, wurden die Leichen bis zu ihrer Bestattung in die Werder’sche Kirche gebracht. Diese Szene hinterließ einen mächtigen Eindruck, die Minister verkündeten jetzt laut, es werde alles geschehen, was das Volk wünsche, und der König erklärte bald danach einer in den Lustgarten zusammen berufen Bürgerversammlung feierlich: „ich lege die Bewachung und die Sicherheit Berlins in die Hände der Bürger; ebenso mein Leben und meine Sicherheit, wollen Sie sich bewaffnen, so sollen Ihnen die Militär-Waffenvorräte ausgeliefert werden!“

Im Nu war nun eine bewaffnete Bürgerwehr gebildet; am Abend desselben Tages illuminierte man die Stadt und die Bürgerwehrmänner, jetzt wieder ganz loyal gesinnt, riefen: „Wer nun unserm König ein Haar krümmen will, dem schlagen wir die Knochen entzwei!“

 

Aber dies alles konnte den Eindruck nicht verwischen,

 

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das der Bogen überspannt gewesen; Friedrich Wilhelm konnte nach solchen Vorgängen nicht gut mehr König bleiben. Entweder musste die Volkspartei weiter gehen und ihn zur Abdankung nötigen, oder er musste es aus freier Entschließung tun, wie König Ludwig von Bayern. Nichts von beidem geschah; auch in Berlin blieb die Bevölkerung trotz ihres Triumphes vor deThrone stehen, man bildete sich ein, der gedemütigte Monarch sei jetzt ein anderer geworden und er selbst teilte vielleicht diese Vorstellung. Im innersten Herzen aber konnte er nun und nimmermehr vergessen, wie tief er einen Augenblick von seiner gottbegnadeten Höhe herabgesunken war. Friedrich Wilhelm war kein Engel, sondern ein Mensch und niemand kann es ihm verargen, wenn er von da an die Revolution, die Volkssouveränität und alles, was damit zusammenhängt, noch tödlicher hasste als zuvor – dies war ein großes Unglück, für Preußen nicht allein, sondern für die ganze deutsche Nation. – Des Königs Bruder, der Prinz von Preußen, der jetzige Kaiser, der wunderbarerweise die Früchte jener furchtbaren Tage ernten sollte, war vor dem Unwillen des Volkes nach England geflohen, von wo aus er, wie verbürgte Quellen melden, die Situation Preußens und dessen Mission im rechten Lichte zu sehen begann, umso mehr, als seinem entschlossenen Wesen schon früher der Gedanke nahe lag, Preußen könne im nationalen Sinne wirken. Schon gleich nach dem Sturze Louis Philipps hatte er gewollt, sein Bruder solle sich an die Spitze der deutschen Ereignisse stellen. Am 20. März erschien die Erklärung einer allgemein erwarteten Amnestie für alle politischen Gefangenen und Verbannte; sie kam namentlich den Polen zugute, deren, von Unruhen in Posen her, über 90 verhaftet waren. Sie wurden jetzt im Triumph in der Stadt herumgeführt und getragen, Lebehochs ertönten auf die deutsche und die polnische Freiheit, und man begab sich wieder vor das

 

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Schloss, auch dem König ein Lebehoch zu bringen, wobei der polnische General Miroslawsky auf einem Wagen stehend, eine deutsche Fahne schwang. So träumte man man auch in Berlin im ersten Freudenrausche von einer totalen Umkehr der Zeit, einer Tilgung jeder staatsmännischen Ungerechtigkeit. –

Selbst der König sollte, trotz des Grässlichen, was er erlebt, den allgemeinen Überschwang der Gefühle teilen, hatte er auch kaum Zeit, um ruhig wieder zu sich selbst zu kommen. Auch scheint es, als ob das drängende Gefühl, seine Würde einigermaßen zu retten, ihn nun veranlasste, auch irgendetwas selbständig zu tun, wozu ihn niemand zwang, und was als sein eigenster Entschluss gelten konnte. –

In der Nacht des 20. März bemächtigte sich seiner Seele die Vorstellung, durch seine Hand ein vereinigtes Deutschland zu schaffen, ein Gedanke, der in der Tat, wenn er ihn auszuführen mutig genug war, ihn die ganze Nation wieder versöhnen, im selbst das Gefühl seiner Würde zurückgeben konnte. Höchst überraschend erschien am 21. März morgens 9 Uhr eine nicht unterzeichnete Kundgebung an die deutsche Nation. Sie lautete: „Eine neue glorreiche Geschichte hebt mit dem heutigen Tage für euch an. Ihr seid fortan wieder eine einzige große Nation, stark, frei und mächtig im Herzen von Europa! Preußens Friedrich Wilhelm IV. hat sich im Vertrauen auf euren heldentigen Beistand und eure geistige Wiedergeburt zur Rettung Deutschlands an die Spitze des Gesamtvaterlandes gestellt. Ihr werdet ihn mit den alten ehrwürdigen Farben deutscher Nation noch heute zu Pferde in eurer Mitte erblicken. Heil und Segen dem konstitutionellen Fürsten, dem Führer des gesamten deutschen Volkes, dem neuen Könige der freien wiedergeborenen deutschen Nation!“

Während man mit Staunen dies las, und die Studierenden

 

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durch den Minister, Grafen Schwerin, und den Rektor der Universität die Mitteilung erhielten, der König werde ein deutsches Parlament berufen und sich alsbald mit den deutschen Farben geschmückt in den Straßen zeigen, er erwarte, dass sich die akademische Jugend um ihn scharen werde, erschien eine königliche Kundgebung, von Friedrich Wilhelm und seinen Ministern unterzeichnet, die sich ganz im Sinne der ersten Mitteilung aussprach. Es hieß darin, dass Deutschland, welches überall in Gärung begriffen sei, den ihm drohenden Gefahren nur durch die innigste Vereinigung seiner Fürsten entgehen könne, unter einer Leitung, dann fuhr das Schriftstück weiter fort: „ich übernehme heute diese Leitung für die Tage der Gefahr. Mein Volk wird mich nicht verlassen, und Deutschland wird sich mir mit Vertrauen anschließen. Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen, und mich und mein Volk unter das ehrwürdige Banner des Deutschen Reiches gestellt. Preußen geht fortan in Deutschland auf!“ Im weiteren Verlauf enthielt die Proklamation die Zusage aller Wünsche, die man schon lange für ein einheitliches Zusammengehen ausgesprochen.

 

Der König bereitete sich nun auch wirklich zu dem versprochenen Umritte durch die Stadt vor; er erschien zuerst auf einem Balkon in voller Uniform, ein schwarz-rot-goldenes Band um den Arm geschlungen, und verlangte eine deutsche Fahne, die schon bereitstand, und die man ihm hinaufreichte; damit kann er hinunter in den Schlosshof, bestieg sein Pferd und erbat sich die Begleitung einiger Männer aus der Stadt, denn er wolle, die er sagte: „mit seinem Volke reden“.

So bildete sich rasch ein kleiner Zug, hinter ihm her ritten die Prinzen – alles mit den deutschen Farben geschmückt. Noch im inneren Schlosshof sagte er zu den Umstehenden, dass er sich zur Rettung der deutschen Freiheit be-

 

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rufen fühle: „ich schwöre zu Gott, dass ich keine Fürsten vom Thron stoßen will, aber Deutschlands Einheit und Freiheit schützen. Sie muss geschirmt werden durch deutsche Treue. Soll Deutschland nicht in diesem Augenblick verloren gehen, so muss ich mich als sein mächtigster Fürst an die Spitze der ganzen Bewegung setzen. Ich hoffe, alle Deutschen werden sich um mich scharen. Ich schwöre es, ich will nichts, als das vereinigte Deutschland, auf den Grundlagen einer aufrichtigen konstitutionellen deutschen Verfassung!“ –

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Auf dem „Friedhof der Märzgefallenen” in Berlin. März 2013

 

So sprach der Mann, der gerade jetzt, unter dem Eindruck der Berliner Ereignisse, der unpopulärste Fürst Deutschlands geworden war, an dessen Versicherung niemand glaubte und seine Preußen am wenigsten. Zwei Wochen früher, so gesprochen, hätte ihn, trotz der Unklarheit seiner Anschauungen, der unermessliche Jubel der deutschen Nation zum deutschen Kaiser ausgerufen! Nun hielt er seinen Königsritt durch die Berliner Straßen und stand öfter stille, um längere Anreden an die Umstehenden zu halten; am längsten hielt er an der Universität, wo ihm die Studenten das Reichsbanner vortrugen; ihnen sagte er unter anderem: „ich trage Farben, die nicht mein sind, aber ich will damit nicht usurpieren, merken Sie sich das, meine Herren, schreiben Sie es auf, dass ich nichts will, als deutsche Freiheit und Einheit!“ Unter dem Jubel der Bevölkerung endete dann dieses Schauspiel, denn mehr war es nicht, und Berlin bereitete sich jetzt vor, einer ernsten Pflicht Genüge zu leisten, und seine Toten zu bestatten.

 

Die meisten der Verwundeten hatte die Königin in das Schloss bringen lassen, wo sie in prächtigen Zimmern gebettet lagen und unter der Oberleitung der Königin aufs Trefflichste verpflegt wurden Am Abend des 22. sollten die Leichen der auf der Seite des Volkes Gefallenen feierlich und

 

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gemeinsam bestattet werden. Die Leichen der Soldaten waren heimlich und bei Nachtzeit die Spree hinab auf Kähnen fortgeführt worden; es sollte nicht bekannt werden, wie groß die Zahl der Toten war. Für die anderen war im Friedrichshain eine ungeheure Grabstätte vorbereitet worden; 42 Gefallene hatte man bereits einzeln beerdigt, die übrigen befanden sich alle in der Hedwigskirche, wo zuvor eine großartige Totenfeier stattfand. Um einen riesigen Katafalk standen 183 Särge gereiht, unter den Leichen befanden sich fünf Frauen und zwei Knaben von zwölf Jahren. Die ganze Stadt war mit Reichsfahnen geschmückt welche Trauerflor umhüllten; sie schmückten das Schloss, wie auch das niedrigste Häuschen, und die Monumente der toten Patrioten, Blücher‘s, Scharnhorst‘s, Bülow’s usw. Wundervoll waren die Särge geziert, selbst der Ärmste hatte sein Blümchen oder seine Schleife dargebracht, während die Angehörigen ja nur dadurch noch ihren Schmerz bekunden konnten. Besonders pracht- und liebevoll sah man die Sarkophage des Referendar Lansky, des Studenten von Holztendorf, und des Studenten Weiß dekoriert.

 

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Der „Friedhof der Märzgefallenen” in Berlin. März 2013

Als jetzt die Feier begann, erklang zuerst wieder der Choral: Jesus meine Zuversicht, untermischt von Tränen und Schluchzen, die aus jedem Auge, aus jeder Brust sich stürmisch hervordrängten. Dann sprachen nacheinander der katholischen, der protestantische und der jüdische Geistliche und segneten die Leichen ein. Der Zug, der sich dann bildete war eine Meile lang und er brauchte vier volle Stunden, um bis zum Friedrichshaine zu gelangen; über ½ Million Menschen waren bei dieser Feier versammelt.

 

Borsig, der große Maschinenfabrikant, führte selbst seine Arbeiter an, die Schriftsteller kamen als Corporation, unter einer gemeinsamen Fahne und bei der Universität ging der greise Alexander von Humboldt. Nur drei Uniformen

 

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befanden sich in dem Zuge und kein Ordensband wurde sichtbar, als das des eisernen Kreuzes.

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Auf dem  „Friedhof der Märzgefallenen” in Berlin. März 2013

 

Auch die in Berlin befindlichen Polen und Italiener hatten sich mit ihren Nationalfahnen angeschlossen, und hinter den einzelnen Särgen gingen die Angehörigen der Gebliebenen, die Witwen, Waisen und näheren Anverwandten. Sie alle trugen Blumensträuße, die man ihnen aus den Hofgarten zugeschickt hatte, und eine Menge Deputationen, die aus preußischen Städten zu der Leichenfeier gekommen waren, hatten sich mit ihren Emblemen und Fahnen dem Zuge angeschlossen. Unter den Geläute aller Glocken bewegte er sich langsam durch die Straßen und wo er hinkam, blieb kein Auge trocken; auf dem Balkon des Schlosses stand wiederum der König und ließ entblößten Hauptes die Opfer, welche er seinen Glauben an das Gottgnadentum gebracht, an sich vorüber tragen. Auf dem Friedhofe war wieder ein Altar errichtet und aus der Mitte des ungeheuren Grabes, welches die Mitstreiter der Gefallenen selbst gehöhlt hatten, ragte ein Mast mit einem verschleierten deutschen Adler an der Spitze. Am Altar hielt Prediger Sydow die Gedächtnisrede und hob hervor, dass, die hier gefallen, nun mit ihrem Blut besiegelt hätten, was ihre Väter um 1813 begonnen. Aus dem Grabe herauf töne der Ruf: Friede, Eintracht, Liebe! Nachdem noch ein Volksmann gesprochen, segnete der Bischof Leander die Särge, die jetzt eingesetzt waren, noch einmal ein, und die Schützengilde gab ihnen drei Salven mit ins Grab. – Für 150 Witwen übernahm der Staat die Sorge, alle Bewohner der Hauptstadt trugen noch 14 Tage lang Trauerkleider, und die Stadtverordneten, wie der Magistrat erklärten in verschiedenen Ansprachen, dass sich die gefallenen Kämpfer um das Vaterland wohl verdient gemacht. Während aber die Glocken Berlins die ganze Feier mit ihren

 

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Klängen begleiteten, tönten sie zur selben Stunde von allen Türmen der preußischen Städte, überall waren Trauerfeierlichkeiten zu Ehren der Berliner Gefallenen veranstaltet, am großartigsten beging man dieselben in Köln im altehrwürdigen Dome.

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Auf dem „Friedhof der Märzgefallenen” in Berlin. März 2013

 

So bildete der Berliner Straßenkampf den furchtbar ernsten Schluss einer Revolution, die so urgewaltig und unwiderstehliche im Süden Deutschlands begonnen, und erst im Norden, in dem Staate auf den es zumeist ankam, durch blutige Opfer erkauft werden musste. Nun erst hielt sich Deutschland für völlig befreit von den finsteren System, das seit 30 Jahren auf ihm gelastet, und diese Empfindung rief eine Stimmung hervor, wie sie kaum wieder einmal so allgemein, so rein und ideal, so begeistert, einer Nation, einem Teile der Menschheit, möglich sein wird. Wer diese Zeit nicht selbst mit vollem Bewusstsein durch empfunden, kann sich nicht leicht eine Vorstellung davon machen, welche Seligkeit auf eine kurze Minute jede Brust durchbebte. – Wir haben ähnliches bei den Siegen von 70 und 71 erliegt, aber es reicht doch nicht an das heran, was damals auf einen unvergesslichen Augenblick das deutsche Herz durchzuckte. Es war als ob wirklich mit einem Zauberschlage ein goldenes Zeitalter der Menschheit angebrochen wäre, als ob ein ewiges Band der Liebe, des Friedens, des Einverständnisses alle Geister vereinigen werde, als ob Schillers Wort: Seid umschlungen Millionen! eine Wahrheit geworden! Jeder Groll, jeder Hader waren vergessen, Freund und Feind umarmten einander, ja, es gab eine Sekunde lang keinen Raum für das Böse und das Schlechte. Von den Kerkern fielen die Schlösser und Riegel, aus den entferntesten Gegenden kehrten die seit langen Jahren Verbannten freudestrahlend zurück zu der geliebten Heimaterde! – Man musste eben zuvor den ganzen Schmerz, die ganze Schmach und

 

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Schande der vorhergehenden Jahre in sich aufgenommen und durch gekostet haben, um jetzt die heiligste Freude zu empfinden, über diesen plötzlichen Sieg des Wahren, Guten und Gerechten über Tyrannei, Lüge, Heuchelei und Gemeinheit. – Hätte man nur über diesen idealen Schwung, der uns ja aber alle erfasst hatte, die Wirklichkeit nicht zu sehr aus dem Auge gelassen, oder hätte ein Gott die Welt eine Stunde lang können stille stehen machen, um sie zuerst wieder neu einzurichten! Wie sollte die neuen Ideen Gestalt und Leben annehmen, während überall die alten Formen noch aufrecht standen, die alten verknöcherten Kräfte wirksam und tätig geblieben, der alte Geist nur einen Augenblick gebannt, doch noch lange nicht verstorben war, und nach dem Gesetze der Trägheit und Gewohnheit bald wieder seinen früheren Platz einnahm. Es erging fast jedem einzelnen in der Nation, wie dem Könige von Preußen. Er wollte sich an die Spitze Deutschlands stellen, aber keinem Fürsten ein Haar krümmen, so wollten auch alle das bessere, aber Niemand sollte irgendetwas dabei verlieren. Um dieses Chaos zu lichten, zu ordnen, der jungen Freiheits-Pflanze nun erst Luft und Licht zur Weiterentwicklung zu schaffen, dazu bedurfte es fast übermenschlicher Kräfte, jedenfalls gehörten die genialsten, die umsichtigsten, die entschlossensten Staatsmänner dazu. Wo aber sollte man sie in Deutschland, das seit Jahren keine großen Männer aufkommen ließ, finden? Leider nirgends! Auch sie mussten erst erwachsen und erzogen, mussten stark und unbeugsam werden durch die nun erst recht beginnenden, neuen und langwierigen Kämpfe, denn unter geistigem Druck verkümmert ein Volk, erst die Bewegung, der Streitmacht seine Bürger kräftig und klar. Wir mögen es so recht an diesem Beispiel erkennen, wie die Menschheit, selbst bei ihrem höchsten Aufschwung, noch unter der Gewalt und Notwendigkeit des Naturgesetzes steht, welches niemals mit

 

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einem Zauberschlage neue, vollendete Bildungen hervorruft, sondern diese erst aus den kleinsten Anfängen sich allmählich heraus entwickeln lässt. Wir dürfen darum diese ganze glorreiche Revolution von 1848 heute nicht anders betrachten, als wie die erste Keimzelle unserer endlichen Einheit und Freiheit, aber in dieser ersten Zelle, in diesem ersten organischen Keime war schon alles und alles enthalten; er wuchs und entfaltete sich, er grünte und knospte, bis er unter Regen und Sonnenschein zum jungen Baum wurde, der seine Zweige jetzt über uns breitet, und den zu hüten und zu pflegen, damit er die noch fehlenden Blüten treibe, die höchste Aufgabe der Nation für Ihre Gegenwart und Zukunft ist. Von diesem Standpunkte aus werden wir denn nun auch die folgenden Ereignisse betrachten, weniger die einzelnen Menschen und Träger der Politik, als die Verhältnisse anklagend, denen jene oft nicht gewachsen waren und es auch häufig nicht sein konnten. –

 

 

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