Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

18.8.2017

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast, und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“*

 

Fast 200 Jahre nach dem Erscheinen des Hessischen Landboten 1834 unter seiner berühmten Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ bietet das Motto des Denkmalstages 2017 Gelegenheit, über Macht und Pracht, also über Herrschaft und ihre Repräsentation, nachzudenken.

Ist es wirklich so einfach, dass die Paläste für Unterdrückung und Beharrung und die Mietwohnungen im Hinterhof für Freiheit und Aufbruch stehen?

Wolfgang Koeppen hat schon 1962 zu bedenken gegeben, dass es eine gefährliche Vereinfachung ist, Freiheit und Recht stets auf der Seite der Armen, Ausbeutung und Terror stets auf der der „Vornehmen“ zu verorten.

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast,
und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“
(W. Koeppen in seiner Büchnerpreisrede 1962)

 

Das Büchnerhaus hat persönliche und politische Nachfahren der Protagonisten von 1834 eingeladen.

Britta Flinner, Magda Pillawa, Peter Soeder und Ludwig Steinmetz sind Ur- bzw. Ur-Ur-Enkel Ludwig Büchners, Friedgard Wyporek und Manfred Büchner Ur-Ur-Enkel Wilhelm Büchners, alle sind Großnichten und -neffen Georg Büchners. Diese Verwandtschaft hat sie alle begleitet und geprägt.

Reiner Christoph Friedrich von Hessen ist ein Cousin des 2013 verstorbenen Moritz Landgraf von Hessen aus dem Hause Hessen-Kassel, der 1960 durch Adoption auch Erbe des Darmstädter Fürstenhauses wurde. Durch seine Mutter ist Rainer von Hessen zudem ein Nachkomme Großherzog Ludwigs II., unter dessen Regentschaft Georg Büchner seine revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“ verfasste und verbreiten ließ.

Reiner von Hessen beim Besuch im Büchnerhaus mit einem Faksimile des Hessischen Landboten

Thomas Will, Landrat des Landkreises Groß-Gerau und Aufsichtsratsvorsitzender der „KulturRegion FrankfurtRheinMain“ vertritt die die politische Verantwortung, die „Macht“ von heute.

Wir wollen mit ihnen über ihre Erfahrungen sprechen:

–          Steckt in ihnen noch der alte Widerspruch zwischen Palast und Hütte?

–          Spielt in ihrem Leben die Herkunft eine Rolle – und war das Fluch oder Segen?

–          Auf welcher Seite hätten sie 1834 gestanden?

–          Ist der Kampf um die Meinungsfreiheit gewonnen?Braucht sie heute Verteidigung oder Beschränkung?

Tatsächlich waren schon die Aktivisten des Hessischen Landboten um Friedrich Weidig keine „arme Leut“. Die Gegnerschaft zu den „Reichen“ strichen sie Georg Büchner aus dem Manuskript und ersetzten das Wort durch „die Vornehmen“. Über die Gegnerschaft zur herrschenden Aristokratie bestand Einigkeit, nicht aber über Georg Büchners Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Der Hessische Landbote gehört in das Programm der Kämpfe für Presse- und Meinungsfreiheit: das Treffen auf der Badenburg, wo der Druck beschlossen wurde, diente der Koordination des „Oberhessischen Pressvereins“.

Das Museum ist am Tag des offenen Denkmals 2017, Sonntag, dem 10. September 2017, ab 11 Uhr vormittags bei freiem Eintritt geöffnet.

Das Gespräch findet nach Schließung des Museums um 18 Uhr in der Galerie am Büchnerhaus statt.

Falls Sie teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte
per E-Mail (buechnerhaus@riedstadt.de) oder telefonisch (06158/4621) an!

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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5.8.2017

„Er habe sich daher auch geärgert, wenn die Leute von ihm gesagt hätten, daß er ein guter Mensch sey, weil er gefühlt habe, daß er es nicht sey”*

Filed under: Büchner,Georg Büchner,Theater,Veranstaltung — Schlagwörter: — peter brunner @ 12:31

Am 27. August 1824 wird in Leipzig eine öffentliche Hinrichtung veranstaltet. Der Perückenmacher Johann Christian Woyzeck hatte am 21. Juni 1821 Johanna Christiane Woos ermordet.

Im Büchner-Jahrbuch 4 (1984) zitieren N. Dorsch und J.-C. Hauschild den Zeitgenossen Ernst Anschütz (dem wir außerdem „Oh Tannenbaum” verdanken…):

„Freitag, den 27. August (1824). Heiter und sehr warm. Hinrichtung des Delinquenten Woyzeck. Das Schafott war mitten auf dem Markt gebaut. 54 Cürassiere von Borna hielten Ordnung um das Schafott; das Halsgericht wurde auf dem Rathause gehalten. Kurz vor halb 11 Uhr war der Stab gebrochen, dann kam gleich der Delinquent aus dem Rathause, Goldhorn und Hänsel gingen zur Seite und die Rathsdiener in Harnisch, Sturmhaube und Piken voran, rechts und links; die Geistlichen blieben unten am Schafott; der Delinquent ging mit viel Ruhe allein auf das Schafott, kniete nieder und betete laut mit viel Umstand, band sich das Halstuch selbst ab, setzte sich auf den Stuhl und rückte ihn zurecht, und schnell mit großer Geschicklichkeit hieb ihm der Scharfrichter den Kopf ab, so daß er noch auf dem breiten Schwerdte saß, bis der Scharfrichter das Schwerdt wendete und er herabfiel. Das Blut strömte nicht hoch empor; sogleich öffnete sich eine Fallthür, wo der Körper, der noch ohne eine Bewegung gemacht zu haben auf dem Stuhl saß, hinabgestürzt wurde; sogleich war er unten in einen Sarg gelegt und mit Wache auf die Anatomie getragen. Alsbald wurde auch schnell das Schafott abgebrochen, und als dies geschehen war, ritten die Cürassiere fort. Die Gewölbe, die vorher alle geschlossen waren, wurden geöffnet und alles ging an seine Arbeit. Daß Vormittags keine Schule war, versteht sich.“

1807 war Woyzeck als Soldat napoleonisch-mecklenburgischer Truppen „vor Stralsund” – nebenan stand ein niederländisches Regiment, in dem der Odenwälder Arztsohn Ernst Büchner als „chirurgischer Gehilfe” diente. Ernst Büchners Sohn Georg sollte Woyzeck unsterblich machen.

Als sich Georg Büchner 1836 daran macht, aus mindestens zwei Kriminalfällen, die er aus der Bibliothek des Vaters kennt, ein Drama zu verfassen, entstehen die Fragmente eines Dramas, das bis heute Furore auf der Bühne machen kann. In seiner Einleitung zum Text schreibt Tilman Fischer (zit. nach dem Buechnerportal): „Im Woyzeck werden erstmals in der internationalen Theatergeschichte Personen der Unterschicht im ernsthaften Drama dargestellt.”

Zum Jahrestag der Hinrichtung präsentiert die Leipziger Schaubühne Lindenfels die Inszenierung dieser Hinrichtung am historischen Ort.

Hier der Pressetext:

„Spektakuläre Stadtraum-Aktion: Schaubühne Lindenfels errichtet temporäres Monument auf Leipziger Marktplatz

Unter dem Titel „Woyzeck – letzte Szene, ein öffentlicher Platz“ startet die Schaubühne Lindenfels am 27. August ihren „Büchner-Zyklus“, ein internationales Kooperationsprojekt zum Gesamtwerk Georg Büchners, mit der Installation eines temporären Monuments auf dem Leipziger Marktplatz. Der 6x7x4 Meter große Holzkubus dient bis zum 10. Oktober – dem Internationalen Tag gegen die Todesstrafe – als Ausstellungsort und wird mit einer Rekonstruktion der letzten öffentlichen Leipziger Hinrichtung eröffnet.

Rekonstruktion einer Hinrichtung: So, 27.08. | 18 Uhr | Marktplatz Leipzig | Eintritt frei

Ausstellung im Kubus: 29.08. – 10.10. | täglich 10 – 18 Uhr | Marktplatz Leipzig | Eintritt frei

Öffentliche Führungen: 30.08. und 05.09. | 16 Uhr | Eintritt frei

Am 27. August 1824 wurde Johann Christian Woyzeck auf dem Leipziger Marktplatz vor 5000 Zuschauern enthauptet. Der Fall diente Georg Büchner als Vorlage für sein weltberühmt gewordenes Drama „Woyzeck“. Am Beispiel dieser letzten öffentlichen Hinrichtung in Leipzig thematisiert die Schaubühne Lindenfels 193 Jahre später an gleicher Stelle Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte einer Stadtgesellschaft. Ein Holzkubus, in Größe und Gestalt dem Schafott Woyzecks entsprechend, wird dazu auf dem Leipziger Marktplatz errichtet.

Der Kubus wird am 27. August eröffnet mit einer Rekonstruktion dieses von der Justiz legitimierten Mordes, der 1824 als erzieherisches Spektakel und zur Abschreckung mitten in der „aufgeklärten“ Stadtgesellschaft Leipzigs vor großem Publikum stattfand. In der Rekonstruktion mischt sich eine fiktionale Live-Übertragung der damaligen Ereignisse mit szenischen Tonfragmenten aus Büchners Werk. Für die Sound-Regie zeichnet David Fischbach verantwortlich, Co-Leiter des BUCHFUNK Verlags, der unter anderem 2013 mit dem elektroakustischen Hörbuch „Der heilige Pillendreher“ den Deutschen Hörbuchpreis gewann.

Im Inneren des Kubus ist bis zum 10. Oktober eine Ausstellung zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig entsteht und das historische Geschehen Büchners Dramenfragment gegenüberstellt. Ein weiterer Bestandteil der Ausstellung wird von Amnesty International konzipiert und untersucht den Fall Woyzeck hinsichtlich völkerrechtlicher und juristischer Fragen in Hinblick auf die Todesstrafe. Am 10. Oktober jeden Jahres wird der „Internationale Tag gegen die Todesstrafe“ begangen. Im Rahmen des Projektes soll auf diesen Aktionstag hingewiesen werden.

Im Rahmen des „Büchner-Zyklus“ wird der Kubus samt Ausstellung auch in Strasbourg und Zürich zu sehen sein. Im April 2018 bringt das Ensemble der Schaubühne Lindenfels seine Inszenierung „Fragment Woyzeck“ zur Premiere.

Gesamtkonzeption: René Reinhardt
Gestaltung Kubus: Elisabeth Schiller-Witzmann
Produktion Hörstück: David Fischbach
Sprecher: Laila Nielsen, Thomas Dehler, Johannes Gabriel, Wolfgang Gerber, David Jeker, Andreas Keller, Alexander Pensel, Mario Rothe-Frese, Christopher Schleiff
Technische Leitung Kubus: Robert Schiller

Ein Projekt der Schaubühne Lindenfels in Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, Amnesty International / Hochschulgruppe Leipzig, Buchfunk Verlag, Universität Leipzig – Institut für Theaterwissenschaft. Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Stadt Leipzig, LEIPZIGSTIFTUNG, Sparkasse Leipzig. Mit Unterstützung von Cine Impuls.”

 

Zum anschließenden „Büchner-Zyklus” verschiedener Veranstalter an verschiedenen Orten heißt es:

 

BÜCHNER ZYKLUS Ein Projekt der Schaubühne Lindenfels Leipzig in Kooperation mit Theater Winkelwiese, Zürich, und Dinoponera / Howl Factory, Strasbourg.

Der „Büchner Zyklus“ folgt innerhalb von zwölf Monaten den Lebensstationen Georg Büchners und denen seiner Protagonisten in drei europäischen Ländern und trägt sein politisches Denken und seine Diskurse mitten in die jeweiligen Stadtgesellschaften von Leipzig, Zürich, Straßburg sowie in die Gemeinde Waldersbach (F) hinein. Damit verbindet der Zyklus zwei Stationen des Autoren und politischen Flüchtlings Georg Büchner (Strasbourg, Zürich) mit zwei weiteren Orten, die als Schauplätze realer historischer Ereignisse eine wesentliche Rolle für das Werk Büchners gespielt haben (Leipzig, Waldersbach).
Georg Büchner war studentischer Aktivist im Kampf für Gleichheit und für eine demokratische Vision von Deutschland und Europa. Er war ein genialer Dichter und ehrgeiziger Wissenschaftler. Er wurde zum politischen Flüchtling und zum Schriftsteller im Exil. Gleichzeitig war er ein junger Mensch mit selbstverständlichen Sehnsüchten nach einem erfüllten Leben, nach Liebe und Geborgenheit in einer eigenen Familie. Seine Figuren sind geprägt von diesen Erfahrungen und ihren An- bzw. Abwesenheiten. Seine Diskurse bewegen sich im Konfliktfeld zwischen „großer Politik“ – einschließlich des seiner Erfahrung nach vorläufig aussichtslosen Hoffens auf gesellschaftlichen Ausgleich oder radikalen Wandel – und andererseits den Bedürfnissen, Ansprüchen und Sehnsüchten des Einzelnen, die beständig im Widerstand zu ersterem stehen.
Der BÜCHNER ZYKLUS nimmt im August 2017 mit der Installation eines temporären Monuments auf dem Leipziger Marktplatz unter dem Titel „Woyzeck, letzte Szene, ein öffentlicher Platz“ seinen Anfang. Unter dem Titel „Anatomie Woyzeck“ wird zwischen Herbst 2017 und Frühjahr 2018 eine Lecture Performance Reihe an ungewöhnlichen Orten konzipiert, die sich dem Komplex Woyzeck mithilfe von Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen nähert. Im Frühjahr 2018 feiern dann die Leipziger Inszenierung „Fragment Woyzeck“ in der Schaubühne Lindenfels Premiere, die Stücke „Lenz“ (Theater Winkelwiese, Zürich) und „Purge (nach Dantons Tod)“ (Dinoponera / Howl Factory, Strasbourg) werden ebenso im Frühjahr 2018 entwickelt und im Rahmen einer Büchner-Woche in Strasbourg und Waldersbach im März/April 2018 gezeigt und in Verbindung mit den gemeinsam entwickelten und durchgeführten theatralen Stadtbegehungen der Öffentlichkeit präsentiert. Das Monument aus Leipzig, ein Kubus, der dem Schafott, auf dem Johann Christian Woyzeck 1924 in Leipzig hingerichtet wurde, entspricht, soll ebenfalls in Strasbourg zu sehen sein.
Der Zyklus endet im Frühsommer 2018 mit dem internationalen Fragment Festival: Georg Büchner, im Rahmen dessen u.a. die drei entstandenen Inszenierungen gezeigt werden und gemeinsam mit allen drei Partnern der letzte Stadtspaziergang des Zyklus entsteht, der sich aus den jeweiligen Erfahrungen der vorangegangenen Wanderungen in Frankreich und der Schweiz zusammensetzt. Das Programm der Büchner-Woche wird in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig durch ein Studierendenpanel und ein wissenschaftliches Symposium ergänzt.

Ich will versuchen, am 27.8. in Leipzig zu sein und anschließend hier zu berichten; auch die weiteren Aktivitäten werde ich aufmerksam verfolgen.

* Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Gutachten von Johann Christian August Clarus: Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Johann Christian Woyzeck, Erlangen 1825, hier zitiert nach dem Buechnerportal.

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

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13.7.2017

Call for papers: Georg Büchner und die Religion

Zur Abwechslung ist Georg Büchner für die GBG in diesem Jahr einmal „der angehende Philosophieprofessor Georg Büchner”. Zur Jahrestagung am 27. und 28. Oktober heißt es:

 

„Büchners Verhältnis zur Religion ist schon oft und stets kontrovers und vielleicht nicht nuanciert genug diskutiert worden. Die Georg Büchner Gesellschaft nimmt das Lutherjahr 2017 zum Anlass, diese Diskussion wieder aufzugreifen.”

Strasbourg, Saint.-Guillaume. Hier war Johann Jakob Jaeglé, der Vater von Georg Büchners Verlobter Minna, Pfarrer

Strasbourg, Saint Guillaume. Detail der Kanzel: Ein Pelikan, der Wappenvogel der Büchners

Um Vorschläge für Beiträge wird gebeten:

„Bitte schicken Sie uns baldmöglichst, spätestens jedoch bis zum 10. September, eine Skizze von etwa einer Seite und einige Angaben zu Ihrer Person. Siehe auch: www.uni-marburg.de/hosting/gbg

 

von Peter Brunner

 

 

 

 

 

Peter Brunner

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2.7.2017

Das Herbst-Veranstaltungsprogramm der Luise Büchner-Gesellschaft

Filed under: Büchner,Darmstadt,Feminismus,Lesung,Luise Büchner,Veranstaltung — peter brunner @ 13:41

Freitag, 8. September ab 17 Uhr

Literaturhaus, Kasinostraße 3, 64293 Darmstadt

Kulturfest der Vereine in und vor dem Haus

Die Luise Büchner-Bibliothek ist an diesem Tag von 17 bis 18 Uhr geöffnet.

Infomaterial und Buchgeschenk für Besucherinnen und Besucher

Anschließend wird vor dem Haus mit Musik gefeiert.

Eintritt frei

 

 

 

Donnerstag, 21. September um 18 Uhr

Luise Büchner-Bibliothek im Literaturhaus,

(2. Stock: Bitte an der Tür des Osteinganges klingeln!)

„Ich war glücklich in Gemeinschaft mit dieser liebenswürdigen und geistvollen Frau …“

Luise Büchner und Alice von Hessen und bei Rhein.

Vortrag von Agnes Schmidt, Leiterin der Luise-Büchner-Bibliothek.

Luise Büchners Zusammenarbeit mit Prinzessin Alice (ab 1877 Großherzogin) war ein Glücksfall für Darmstadts Frauenwelt: Vor 150 Jahren gründeten sie zusammen mehrere Frauenbildungsvereine, die für Mädchen und Frauen eine qualifizierte Ausbildung und den Zugang zur Berufstätigkeit ermöglichten. Auf ihre Initiative hin fand im Herbst 1872 die erste Generalversammlung der deutschen Frauenbildungs- und Erwerbsvereine in Darmstadt statt, die weit über Darmstadts Grenzen hinaus Aufsehen erregt hat.

Eintritt frei

 

 

 

Dienstag, 24. Oktober um 19 Uhr

Literaturhaus, Vortragssaal (Kasinostr. 3)

Die Freiheit der Emma Herwegh

Dirk Kurbjuweit liest aus seinem biographischen Roman.

Emma Herwegh (1817 – 1904) war eine Zeitgenossin von Luise Büchner. An der Seite ihres Mannes Georg Herwegh kämpfte sie 1848 in der Badischen Revolution und ging mit ihm ins Exil nach Zürich. Dort schrieb er das Gedicht „Zum Andenken an Georg Büchner, den Verfasser von Dantons Tod“, das mit den Zeilen beginnt:

Die Guten sterben jung,

Und deren Herzen trocken, wie der Staub

Des Sommers, brennen bis zum letzten Stumpf.

Eintritt: 6 Euro, für die Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft frei.

Gemeinsame Veranstaltung mit der Programmleitung des Literaturhauses im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Kulturregion FrankfurtRheinMain „Geist der Freiheit – Freiheit des Geistes“

 

 

 

Montag, 30. Oktober um 18 Uhr

Haus der Geschichte – Vortragssaal (Karolinenplatz 3, 64289 Darmstadt)

Vorstellung der Jubiläumsschrift zur Gründung der Alice-Vereine vor 150 Jahren

Gemeinsame Veranstaltung mit dem Historischen Verein für Hessen

Alice-Frauenvereine für Krankenpflege und Alice- Schulen gab es nicht nur in Darmstadt, sondern auch in anderen Städten des Großherzogtums Hessen-Darmstadt. Frauen aus Gießen, Mainz, Offenbach und Worms haben die Geschichte der Zweigvereine erforscht und stellen ihre Ergebnisse vor.

 

 

 

Freitag, 17. November um 19 Uhr

Literaturhaus, Vortragssaal (Kasinostr. 3)

Britta Böhler (Amsterdam) liest aus ihrem Roman

Der Brief des Zauberers

Die in Freiburg geborene Autorin dieses Thomas-Mann-Romans lebt seit 1991 in Amsterdam, wo sie als Rechtsanwältin und Politikerin tätig ist. Sie war Strafverteidigerin in vielen spektakulären Prozessen. Seit 2012 ist sie Professorin an der Universität von Amsterdam. Der Brief des Zauberers ist ihr erster Roman. Sie schildert darin mit großem Einfühlungsvermögen drei dramatische Tage im Leben von Thomas Mann im Züricher Exil.

Eintritt: 6 Euro,

für die Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft frei.

 

 

 

Samstag, 25. November um 16 Uhr

Vortragssaal der Universitätsbibliothek (Magdalenenstr. 8, 64289 Darmstadt)

Rollenbilder – Rollenwandel

Perspektiven für Frauen in den Medien

Symposium mit den Trägerinnen des Luise Büchner-Preises für Publizistik:

Bascha Mika (FR), Julia Voss (FAZ), Lisa Ortgies (WDR), Barbara Sichtermann und Barbara Beuys (freie Autorinnen).

Moderation: HR2 Kultur

Medien produzieren und reproduzieren stereotype Bilder und diskriminierende Darstellungen von Frauen – und Männern: von Familienfrauen und Karrierefrauen, Gewaltopfern und Politikerinnen, Migrantinnen und Deutschen, von dicken, dünnen, alten, jungen, lesbischen, intersexuellen, behinderten oder nicht-behinderten Frauen oder Männern. Die Wirklichkeit ist den Mediendarstellungen oft voraus. Doch warum spiegeln sich neue Lebenssituationen, Machtverschiebungen bei den Geschlechtern, ein anderes Rollenverständnis so wenig in den Medien? Kann sich in den Sozialen Medien durch die Vervielfältigung medialer Möglichkeiten auch eine Vervielfältigung von diskriminierenden Frauenbildern verstecken?Über diese Fragen diskutieren Trägerinnen des Luise Büchner-Preises für Publizistik.

Anmeldung: info@luise-buechner-gesellschaft.de oder per Post: Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt 3

 

 

 

Sonntag, 26. November um 11 Uhr

Literaturhaus, Vortragssaal

Verleihung des Luise Büchner-Preises an die Schriftstellerin und Journalistin Barbara Beuys.

Auf ihrer Sitzung am 29. März 2017 hat die Jury des Luise Büchner-Preises für Publizistik Frau Dr. Barbara Beuys zur Preisträgerin des Jahres 2017 gewählt.

Auszug aus der Begründung der Preisvergabe an Frau Dr. Barbara Beuys durch die Jury:

Mit ihren fundierten historischen Arbeiten in journalistisch lebendiger Darstellung leistet Barbara Beuys einen wichtigen Beitrag zur Frauengeschichtsschreibung. Damit steht sie in der Tradition Luise Büchners, für die Schreiben und Reden über Geschichte ein wichtiger Teil ihrer publizistischen Arbeit war. Dies dient weiblicher Selbstvergewisserung ebenso wie dem Wissen darüber, dass Frauen einen unersetzlichen Anteil daran haben, Türen zum besseren Verständnis der Welt zu öffnen.

An die Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft werden Ende Oktober gesonderte Einladungen für das Symposium und die Preisverleihung verschickt.

 

 

 

Sonntag, 10. Dezember (2. Advent) ab 15 Uhr

Morgen kommt die Weihnachtsfrau

16 – 17 Uhr: Lesung mit Musik

Die Berliner Verlegerin Brigitte Ebersbach hat zusammen mit ihrer Kollegin Sascha N. Simon „etwas andere“ Weihnachtsgeschichten gesammelt als gewohnt. Die durchweg lustigen Texte von Vicki Baum, Lily Brett, Doris Dörrie u.a. werden von Jutta Schütz gelesen.

Die Lesung wird von Susanne Hardick musikalisch begleitet. Als Solistin begeistert die deutsch-niederländische Pianistin Susanne Hardick seit Jahren auch das Darmstädter Publikum. Als Gründerin und Leiterin der Musikakademie Darmstadt bietet sie zusammen mit ihrem dynamischen jungen Team einen hochgradigen Unterricht in allen Musikrichtungen an.

Vor und nach der Lesung werden Textilarbeiten von Schülerinnen und Schülern der Alice-Eleonoren-Schule gezeigt und verkauft.

Eintritt frei

Info: LUISE BÜCHNER-GESELLSCHAFT e. V. ● KASINOSTR. 3 ● 64293 DARMSTADT ●

Tel.: 06151/599 788 (AB) • Internet: www.luise-buechner-gesellschaft.de

Email: info@luise-buechner-gesellschaft.de4

 

 

von Peter Brunner

 

 

 

 

 

Peter Brunner

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21.6.2017

Die Gouda-Exkursion der Luise Büchner-Gesellschaft

Im Frühjahr war unter Anderem hier zur Sommerexkursion 2017 eingeladen worden, und am 14. 6. starteten 21 Teilnehmerinnen im komfortablen Bus, der planmäßig gegen 21 Uhr in Gouda eintraf.

Gouda erwies sich als ausnehmend hübsches, fast pittoreskes Städtchen, und die Lage des Hotels am Rand der Altstadt machte den Weg entlang von Grachten zum quirligen Marktplatz mit seinen Kneipen und Restaurants komfortabel kurz.

Gouda

Am nächsten Morgen trafen wir Paul Abels und besichtigten unter seiner fachkundigen Führung die Goudaer Hauptkirche Sint Jan, die im Wettbewerb der niederländischen Städte wegen des feuchten Baugrundes nicht die höchste des Landes werden konnte, dafür wurde sie aber die längste …

Bedeutend ist sie besonders wegen ihres wunderbaren, vollständig erhaltenen Fensterzyklus.

Sint Jan, Gouda. Jonas im Wal

Gouda, Sint Jan. Eingang zur ehemaligen Bibliothek

Nachmittags trafen wir Jan Gielkens, dessen kompetente und liebenswürdige Unterstützung bereits im Vorfeld ein Großteil des Programms angeregt und möglich gemacht hat. Gielkens ist Autor, Publizist, Übersetzer und Verleger, nebenbei betreibt er auch einen Buchversand. Auch den Kontakt zum Erasmus-Kenner Hans Trapman hat er hergestellt, der im Goudaer Museum eine großartige Einführung im Leben und Werk von Erasmus von Rotterdam gab. Beeindruckend schon deshalb, weil sein Vortrag vor der Bücherwand seiner eigenen „Handbibliothek“ mit hunderten von Titeln von und über Erasmus stattfand. Anhand der Einteilung der großen Werkausgabe erläuterte er Erasmus‘ universale Kenntnis und bedeutende Korrespondenz. (Zufällig fand ich gerade einen spannenden Beitrag zu Erasmus, der zwar mit unserer Reise nichts zu tun hat, aber sicher im Sinne von Hans Trapman auf den großen Humanisten – und sein Verhältnis zu Martin Luther – neugierig macht).

Hans Trapman, Jan Gielkens vor dem Erasmus-Portrait im Museum Gouda

Eigentlicher Anlass für Gouda als Reiseziel war ja Leben und Werk von Luise (und Georg) Büchners Verwandtschaft, besonders das dort sehr geschätzte Wirken von Wilhelm Büchner, dem Onkel der Geschwister Büchner (geb. in Reinheim 1780, gest. Gouda 1855).

Die Chirurgy Camer im Goudaer Museum

Büste für Wilhelm Büchner, „von seinen dankbaren Kindern und Freunden“

 

Unbek Künstler: Wilhelm Büchner. Museum Gouda

Büchner hat sich in Gouda mit Beiträgen zur Seuchenprävention und Stadthygiene bedeutende Verdienste erworben, wahrscheinlich ist es seiner Vorsorge zu verdanken, dass eine Cholera-Epidemie glimpflich verlief. Er hat tausende von Goudaer Kindern gegen die Pocken geimpft und das regelmäßige Spülen der Grachten veranlasst. Tatsächlich ist sein Andenken auch außerhalb des Museums präsent: unsere Stadtführerin, die erst beim Treffen von unseren besonderen Interessen erfuhr, beschrieb sich selbst als ehemalige Krankenschwester als glühende Verehrerin Wilhelm Büchners. Er hatte auch eine andere Büchnersche Eigenschaft, nämlich eine konsequente, gelegentlich starrsinnig wirkende Haltung in Fragen, die er für bedeutend hielt. So verließ er im Streit um seine Nachfolge den Goudaer Stadtrat.

Stadtführung in Gouda

Höhepunkt der Reise war der Besuch des Goudaer Büchnerhauses, tatsächlich an der Stelle des ehemaligen Wohnhauses von Wilhelm Büchner. Meine erfolgreiche Suche nach dem Haus habe ich hier im Blog ja ausführlich beschrieben. Durch die Vermittlung von Paul Abels wurden wir zu Vorträgen zur Familiengeschichte von ihm und Jan Gielkens sowie zur Enthüllung einer Erinnerungstafel eingeladen. Der großzügige, liebenswürdige und beeindruckend polyglotte Besitzer, Khalid Boutachekourt, hat uns mit überwältigender Gastfreundschaft als Freunde in seinem wunderschönen Haus begrüßt. Dies ist auch der Geburts- und Lebensort der beiden Pfungstädter Büchner-Frauen, Wilhelm Büchners Ehefrau Elisabeth Wilhelmine Friedrika Büchner (geb. in Gouda 1821, gest. in Pfungstadt 1908) und Mathilda Büchner (geb. 1852, allerdings in Amsterdam, gestorben ebenfalls 1908 in Darmstadt), verheiratet mit Wilhelms Sohn Ernst zwischen 1876 und 1884. Die Ehe wurde geschieden.

Alexander Büchner berichtet von den opulenten holländischen Frühstücken, die Elisabeth in Pfungstadt servierte, und auch wenn unser Hotelfrühstück eher mitteleuropäischer Standard war, zweifeln wir doch nicht daran, dass niederländische Gastfreundschaft überbordend sein kann.

Das Goudaer Büchnerhaus heute

Die neue Plakette am Büchnerhaus in Gouda. Foto von Paul Abels

Khalid Boutachekourt, der Eigentümer

Khalid Boutachekourt mit seiner Frau Linda Emmelkamp vor der neuen Plakette

Paul Abels, der in unmittelbarer Nähe des Büchnerhauses lebt, hatte die – offenbar sehr niederländische – Liebenswürdigkeit, uns in sein eigenes Wohnhaus einzuladen, wo wir vor Begeisterung für seine Bibliothek kaum wieder heraus zu bringen waren …

 

Gouda. Privatbibliothek von Paul Abels

Donnerstags besichtigten wir Rotterdam, die beeindruckend lebendige, dynamische Hafen- und Handelsstadt.

Markthalle Rotterdam

Niederländische Kolonialreminiszenz: ein paar Sambals in der Markthalle …

Erasmus von Rotterdam in Rotterdam

Rem Kohlhaas‘ Museum Rotterdam

Im Museum Boymans van Beuningen hatten wir eine sehr kompetente Führung zu den Hauptwerken dieses hervorragenden Kunstmuseums.

Jan van Eyck, Die drei Marien am Grab. Rotterdam, Museum Boymans van Beuningen

Zum Abend hatten wir auf Empfehlung von Jan Gielkens Britta Böhler eingeladen, die eigentlich ihr Buch über Thomas Manns Entscheidung vorstellen sollte, in dem es um die wenigen Tage geht, in denen Thomas Mann 1936 seinen berühmten Brief gegen den Nationalsozialismus schrieb. Widrige Umstände um den Versammlungsraum machten aber leider die nötige Intimität für eine Lesung unmöglich, und so bot sie souverän und als offensichtlich erfahrene Politikerin stattdessen eine höchst lebendige, anschauliche und illustrierende Einführung in Politik und Leben in den Niederlanden. Jan Gielkens moderierte und begleitete den Vortrag. Alle Beteiligten hoffen sehr, dass es gelingt, Britta Böhler jetzt auch zur Buchpräsentation nach Darmstadt und Jan Gielkens zu seinen Büchnerforschungen und Übersetzungen nach Goddelau einzuladen.

 

Britta Böhler

Samstags sahen wir mit Den Haag die dritte Variante einer niederländischen Stadt für uns, den Regierungssitz. Neben dem beschaulich-hübschen Gouda und dem brausend-schnellen Rotterdam hat mich Den Haag ein bisschen an Darmstadt erinnert, auch wenn es unvergleichlich mehr und besser erhaltene Bausubstanz gibt. Als Verwaltungszentrale hat es etwas von der Ruhe und Selbstsicherheit einer traditionsreichen Beamtenstadt.

Den Haag, Schloss

Und natürlich waren wir im Mauritshuis:

Mauritshuis, Den Haag: Vermeer mit Bewunderern

Für die Rückreise waren wir als Besuchergruppe in Haus Doorn, dem Exilort von Wilhelm II,  angemeldet, was die ausgewiesenen Republikanerinnen bereits im Vorfeld kritisch die Stirn runzeln ließ. Glücklicherweise war auch hier ein hochkompetenter Führer mit ausreichender Distanz zur Aristokratie eingesetzt, und wir waren uns einig darüber, dass die Niederlandes die Immobilie mit allem, was dazu gehörte, 1945 zu Recht als Reparation enteignet und in Staatsbesitz überführt haben. Allerdings darf die Überführung von 29 Waggons (!) mit „Privatbesitz“ des Ex-Kaisers unter der Ägide der Weimarer Republik durchaus kritisch gesehen werden.

Entgegen aller Überlegungen und „Theorien“ sogenannter „Reichsbürger“ ist der Kaiser übrigens nicht nur tot,

 

Doorn. Mausoleum Wilhelm II.

Haus Doorn. Sterbezimmer von Wilhelm II

er hat auch abgedankt

Abdankungsurkunde von Wilhelm II. Amerongen, 28.11.1918

 

Paul Abels hat in seinem Blog einen Bericht über unseren Besuch veröffentlicht, der findet sich hier.

Voraussichtlich wird die Luise Büchner-Gesellschaft auch 2018 eine Exkursion anbieten – Büchnerstätten gibt es noch zu Hauf, und wir waren gemeinsam bisher weder in Zürich noch in der Normandie …

 

von Peter Brunner

 

 

 

 

 

Peter Brunner

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