Gastbeitrag von Herbert Wender
Vorbemerkung
Nachdem in der Georg Büchner-Gesellschaft textkritische Fragen nicht mehr erörtert werden, weil nach Abschluß der Marburger Büchner-Ausgabe dieses Vereinsziel erreicht ist (oder sei – pb) und man sich nun ganz dem Inhalt der Schriften widmet, fehlt ein Forum des Austauschs für diejenigen, die nicht alles für abschließend geklärt halten. Daß bislang einige wichtige Fragen, der Überlieferung wie der Textkonstitution, offen geblieben sind, ist meine These seit dem Erscheinen des ersten MBA-Bandes (vgl. Wender 2001). Das Angebot von Peter Brunner, im Blog einmal allgemeinverständlich darzulegen, was hinter dem oft beklagten Hickhack der Textkritiker in der Zeit zwischen 1980 und 2015 steckt, habe ich deshalb gerne angenommen. Als Paradebeispiel wähle ich den sogenannten Fatalismusbrief. Diesen Text, der 1850 vom jüngeren Bruder Ludwig Büchner auf der Grundlage eines Hefts mit undatierten Briefauszügen,(Abschreiberin: die Adressatin Wilhelmine Jaeglé) als Teil der „Nachgelassenen Schriften“ erstmals gedruckt wurde, muß jede/r berücksichtigen, der bzw. die sich über Georg Büchner als politisch handelnden Menschen eine Meinung bilden will.
Eine zentrale Frage:
Wann wurde der Text geschrieben?
„Ich studirte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. […] Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser.“
Diese Kernpassage hat zu den heftigsten Auseinandersetzungen darüber geführt, wann genau sie geschrieben wurde:
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Frühjahr 1834 (Fritz Bergeman 1922),
- November 1833 (ders. ab 1940),
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März 1834 (Werner R. Lehmann 1967),
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März 1834. (Thomas Michael Mayer 1979),
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Januar 1834. (Jan-Christoph Hauschild 1989),
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Januar 1834 (Th. M. Mayer/Reinhard Pabst 1994),
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Januar 1834 (Henri Poschmann 1999),
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Mitte Jan. 1834 (Burghard Dedner im Briefwechsel-Band der MBA 20..) oder
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teils Ende Nov., (meine These)?
teils Anf. Dez.1833
Den Grund für die bisweilen äußerst scharf geführten Debatten hat Dedner im >buechnerportal< bündig zusammengefaßt:
„Wilhelmine Jaeglé hatte zu keinem der Briefe das Datum mitgeteilt. Deshalb ist die Antwort auf die Datierungsfrage dem Scharfsinn der Herausgeber überlassen. Immerhin ist das Datum nicht unwichtig, denn zur Debatte steht häufig das zeitliche Verhältnis dieses Briefes zur Niederschrift des Hessischen Landboten.“
Ist der fragliche „Brief“ ein editorisches Konstrukt?
Schon in den frühen 1990er Jahren hatte ich in einem unveröffentlichten Arbeitspapier die Vermutung geäußert, daß es sich bei dem vieldiskutierten „Brief“ um ein editorisches Konstrukt, eine Kontamination von Auszügen aus verschiedenen Briefen handelt und daß folglich mehr als nur ein Darum zu bestimmen ist. Unter dieser Hypothese ist der erste Absatz getrennt zu betrachten. Er beginnt mit einer Beschreibung von Gießen und Umgebung, wo sich Büchner, nach vier Auslandssemestern, zur Fortsetzung des Studiums (Wintersemester 1833/34) seit Ende Oktober 1833 aufhielt, und zwar erst einmal nur bis Ende November, weil er krankheitsbedingt vorübergehend zur Familie nach Darmstadt zurückkehren mußte. Nach meiner These gilt für diesen Absatz die Datierung, die von Ludwig Büchner für das ganze Textstück nahegelegt hattee: Gießen, zu Beginn des Wintersemesters 1833/34:
„Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei sei. Hügel hinter Hügel und breite Thäler, eine hohle Mittelmäßigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich. Bei uns ist Frühling, ich kann deinen Veilchenstrauß immer ersetzen, er ist unsterblich wie der Lama. […] Je bai[s]e les petites mains, en goûtant les souvenirs doux de Strasbourg.“
Aber “ Frühling“ ? „Veilchenstrauß“ ? Zu Beginn des Wintersemesters?
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts regten sich erste Zweifel (Zobel von Zabeltitz), so daß sich der erste wissenschaftliche Heraussgeber, der junge Fritz Bergemann, zu einer Konjektur veranlaßt sah (s. oben in der Aufzählung). Es dauerte indessen keine zwei Jahrzehnte, bis er davon abrückte; das >buechnerportal< stellt lapidar fest:
„Fritz Bergemann, der erste wissenschaftliche Herausgeber des Briefes, datierte den Brief in seiner Ausgabe von 1922 auf »Frühjahr 34?«, in einer späteren Ausgabe von 1940 auf »November 1833«.“
Über Bergemans Gründe kann man wohl nur spekulieren, doch hat es für mich den Anschein, daß er scharfsinniger war als die spätere Forschung. Diese Auffassung werde ich in der nächsten Folge meines Gastbeitrags zu erläutern versuchen.
Nachbemerkung
Es wäre mir sehr lieb, wenn Nachfragen zu oder Kritik an diesem ersten Teil ‚zeitnah‘ hier als Kommentar (oben unter „Kommentar“) eingegeben würde, damit ich darauf in einer der nächsten Folgen anwenden kann. Wenn das jemand nicht-öffentlich tun will, kann sie bzw. er mich über folgende Email-Adresse erreichen: drwender@aol.com

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