Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Georg Büchner (Seite 1 von 48)

Teil 2: Der sogenannte Fatalismusbrief Georg Büchners und die Büchnerforschung – mehr als ein Jahrhundert Fake-News

Der erste Teil meines Gastbeitrags zur Datierungsgeschichte des sogenannten Fatalismusbriefs endete mit Fritz Bergemanns Abkehr von seiner früheren hypothetischen Datierung ins Frühjahr 1834. Daß die dritte. erweiterte und revidierte Bergemann-Ausgabe den Brief wieder — wie zuvor Ludwig Büchner und Karl Emil Franzos — in den Spätherbst 1833 datierte, konstatiert Burghard Dedner im Aufsatz „7.2 Der »Fatalismusbrief« vom Januar 1834“ (buechnerportal.de) irritierend schnörkellos:
 
„Fritz Bergemann […] datierte den Brief […] 1922 auf »Frühjahr 34?«, in einer späteren Ausgabe von 1940 auf »November 1833«. Die erste Datierung erschloss er aus dem im Brief genannten Indiz »Veilchenstrauß«, die zweite aus der Annahme, dass der Briefschreiber sich deshalb so ausführlich und abfällig über die Stadt Gießen äußere, weil er gerade dort eingetroffen sei.“ 
 
Was hier wie Willkür erscheint, halte ich für eine Reaktion auf eine bemerkenswerte Veränderung der biographischen Informationslage einige Jahre zuvor.

September 2026, Dr. Herbert Wender 
 
 
 
An die Braut: „Geschichte der Revolution“ –
an August Stoeber: „Hanf“ und „Laternen“
 
1935 veröffentlichte der Büchnerforscher Jean Strohl, der selbst Naturwissenschaftler war und wissenschaftshistorisch Georg Büchners naturwissenschaftliche Arbeiten erforschte, in der vom Autographensammler Martin Bodmer mitbegründeten Literaturzeitschrift „Corona“ einen unbekannten Büchnerbrief. Am 9. Dezember 1833 schrieb Büchner aus Darmstadt an den Straßburger Studienfreund August Stoeber:
 
„Manchmal fühle ich ein wahres Heimweh nach Euren Bergen. Hier ist Alles so eng und klein. Natur und Menschen, die kleinlichsten Umgebungen, denen ich auch keinen Augenblick Interesse abgewinnen kann. Zu Ende Octobers ging ich von hier nach Gießen. 5 Wochen brachte ich daselbst halb im Dreck und halb im Bett zu. Ich bekam einen Anfall von Hirnhautentzündung; die Krankheit wurde im Entstehen unterdrückt, ich wurde aber gleichwohl gezwungen nach Darmstadt zurückzukehren um mich daselbst völlig zu erholen. […]
Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. […] Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu d. Laternen.“
 
Daß Büchner bereits wenige Wochen nach Beginn des Wintersemesters krankheitsbedingt ins Elternhaus zurückkehrte, wurde erst durch die Veröffentlichung dieses Briefes aus dem „Fond littéraire Stoeber“ bekannt.
 
Neben diesen Brief stellte Strohl den seit 1850 bekannten „Brief an die Braut“, der ja hinsichtlich der beklagten hessischen „Mittelmäßigkeiten“ und der Erinnerungen an Straßburg und das Elsaß, aber auch hinsichtlich der Zuwendung zur Revolutionsgeschichte einige thematische Ähnlichkeiten, aufweist. Auf der Grundlage irriger biographischer Annahmen datierte Strohl den Brief an die Braut ins Frühjahr 1834, was Bergemanns Vermutung von 1922 entsprach:
 
„Da Büchner erst nach dem 10. März wieder in Gießen war, so müssen wir den Brief in die Tage nach dieser Rückkehr verlegen, was auch mit der Erwähnung der Veilchen gut übereinstimmt.“
 
Damit war nicht nur die Behauptung: „nach dem 10. März“ 1834 etabliert, sondern es zeichnete sich auch die mögliche ‚Verlagerung‘ des Texts in der Reihe der von Ludwig Büchner überlieferten Briefauszüge ab:

„Der Büchner-Herausgeber Werner R. Lehmann folgte 1971 ebenfalls dem Indiz »Veilchenstrauß«. Er datierte den Brief auf »nach dem 10. März 1834«. Dieser wäre damit nicht mehr der erste, sondern der vierte in der Reihe der fünf Briefe an Jaeglé. Vor allem: Er wäre fast gleichzeitig mit dem Hessischen Landboten entstanden.“ 

(Dedner im buechnerportal)
 
Fritz Bergemann dagegen zog offenbar aus den neuen Informationen zum Beginn des Studiums in Gießen und der vorübergehenden Rückkehr ins Elternhaus eine ganz andere Schlußfolgerung, nämlich  daß das Bild vom Veilchenstrauß als unsterblichem Lama nicht wörtlich zu nehmen wäre und daß die beiden synonym zu verstehenden Äußerungen über das Studium der Revolutionsgeschichte dichter beieinander lagen als von Strohl angenommen.
 
Anlaß für Bergemanns Rückgang zu der im 19. Jahrhundert etablierten Datierung ins Jahr 1833 waren jedenfalls Strohls Veröffentlichungen, was schon daraus zu erschließen ist, daß 1940, als die revidierte Ausgabe im Insel-Verlag erschien, der Brief vom 9. Dezember 1833 auch im „Inselschiff“ vorgestellt wurde (Untertitel: „Aus dem Zuwachs zur dritten Auflage der Büchner-Ausgabe“).
 
Obwohl in akademischen Diskussionen zur Biographie Georg Büchners nach dem 2. Weltkrieg schon bald Strohls März-Datierung die Oberhand gewann, war die November-Datierung in den erschwinglichen Publikumsausgaben wie in biographischen Darstellungen bis weit in die 1970er Jahre präsent.
Fatalismus und Absurdismus
Ich habe für die hier vorgestellte Erinnerungsarbeit noch einmal das dtv-Taschenbuch Nr. 70 aufgeschlagen,das uns Unterprimanern im Jahr 1968 als Grundlage der obligatorischen Beschäftigung mit Büchners Revolutionsdrama diente. Natürlich finden sich zahlreiche Unterstreichungen von der Hand des auch auf S. 162:
 
„Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. Der einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.“
 
Der „Fatalismus“-Brief war in dieser Ausgabe noch auf den 1. November 1833 datiert, es folgte der Brief an August Stoeber vom 9. Dezember. Nicht unterstrichen sind die für meine späteren Beschäftigungen mit Büchners Werk und Haltung so wichtigen Sätze (S. 164):
 
„.Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu den Latern.“
 
Wir lasen diese Briefe noch nicht politisch. Da wir in der Freizeit in einer Theaterbaracke, die nach dem 2. Weltkrieg als Notkirche gedient hatte, Ionesco und Tardieu, Beckett und Arrabal inszenierten, lasen wir auch Büchners Stück absurdistisch:
 
„Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“
 
 
Und doch ging ich 1968 zum ersten Mal zum Ostermarsch, weil am Gründonnerstag auf Rudi Dutschke geschossen worden war, und im Mai gingen dann die Schüler mit den Studenten gegen die Notstandsgeetze auf die Straße.
 
Ob reaktionär, ob fortschrittlich,

„1833“ war erledigt

 
Die akademische Beschäftigung mit Büchners Texten war schon seit Mitte der 1960er Jahre durch eine scharfe ideologische Auseinandersetzung geprägt. 1963 hatte Werner R. Lehmann, in der Festschrift für den Hamburger Verleger Christian Wegner, seine „Prolegomena zu einer historisch-kritischen Büchner-Ausgabe“ veröffentlicht. Er war überzeugt, daß in Ludwig Büchners Edition der „Briefe an die Breut, aus Gießen 1833 und 1834“ nicht nur die Jahreszahl 1833, sondern auch die Anordnung der Brieftexte auf falschen Annahmen beruhten und folglich zu korrigieren waren. 
 
Mit der Datierung „nach dem 10. März“ rückt der „Fatalismus“-Brief in den Kontext von Mißstimmungen im Frühjahr 1834 und nahe heran an Büchners Arbeit am Entwurf für die revolutionäre Flugschrift. In Lehmanns Edition sollte der „Fatalismus“-Brief  also in einem anderen biographischen Kontext erscheinen. Vorausgegangen wäre die seelische Krise, die in einem anderen Brief an Wilhelmine Jaeglé zum Ausdruck kommt:
 
„Der erste helle Augenblick seit acht Tagen. Unaufhörliches Kopfweh und Fieber, die Nacht kaum einige Stunden dürftiger Ruhe. Vor zwei Uhr komme ich in kein Bett, und dann ein beständiges Auffahren aus dem Schlaf und ein Meer von Gedanken, in denen mir die Sinne vergehen. Mein Schweigen quält dich wie mich, doch vermochte ich nichts über mich. Liebe, liebe Seele, vergibst du? […]
Die Ferien fangen morgen in vierzehn Tagen an; verweigert man die Erlaubniß, so gehe ich heimlich, ich bin mir selbst schuldig, einem unerträglichen Zustande ein Ende zu machen. Meine geistigen Kräfte sind gänzlich zerrüttet. Arbeiten ist mir unmöglich, ein dumpfes Brüten hat sich meiner bemeistert, in dem mir kaum ein Gedanke noch hell wird. Alles verzehrt sich in mir selbst; hätte ich einen Weg für mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei für den Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für die Seligkeit. Dies Stummsein ist meine Verdammniß. Ich habe dir’s schon tausendmal gesagt: Lies meine Briefe nicht, – kalte, träge Worte! Könnte ich nur über dich einen vollen Ton ausgießen; – so schleppe ich dich in meine wüsten Irrgänge. Du sitzest jetzt im dunkeln Zimmer in deinen Thränen allein, bald trete ich zu dir. Seit vierzehn Tagen steht dein Bild beständig vor mir, ich sehe dich in jedem Traum. […]“
 
Lehmann benutzte die angeblich zwingende philologische Operation, die Neuordnung der Briefauszüge nach Maßgabe der Stichwörter „Frühling“ und „Veilchenstrauß“, um die These zu etablieren, der etwa zeitgleich niedergeschriebene Landboten-Entwurf hätte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr Büchners ernüchterter Beurteilung revolutionären Handelns entsprochen.
 
Dieser These vom ‚gebrochenen Bewußtsein‘, von einem revolutionären Experiment trotz besseren Wissens widersprach wenig später Hans Magnus Enzensberger mit großer Entschiedenheit. In seiner Ausgabe des „Hessischen Landboten“ (1965) wurde auch die hessische Verschwörung des Jahres 1834 ausführlich dokumentiert. Besonders hervorgehoben wurde dabei die Aktualität von Büchners revolutionärer Haltung im Kontext der lateinamerikanische, afrikanischen und asiatischen Befreiungsbewegungen, womit bereits die ‚linksradiakle‘ Büchner-Rezeption in den Jahren nach 1968 vorgezeichnet war.
 
Aber unabhängig davon, wie in der Folge Büchners Haltung in den politischen Kämpfen seiner Zeit bestimmt wurde: Übereinstimmend hielt man „Frühling“ und „Veilchenstrauß“ für die maßgeblichen „Indizien“ im Kontext historisch-kritischer Berichtigung von Ludwig Büchners Editionsfehlern. 
 Lehmanns März-Datierung wurde erst wieder diskutiert, als 
Auch Thomas Michael Mayer, der für seine Doktorarbeit die reiche aktenmäßige Überlieferung zur Verschwörung von 1834 aufgearbeitet hatte und im übrigen durch akribische Nachforschungen den Abbruch von Lehmanns Projekt einer historisch-kritischen Ausgabe verursachte, blieb beim ‚Fatalismusbrief‘ nahe an der von Strohl etablierten März-Datierung. Mit einem Blick auf Mayers Projekt einer ‚wirklich‘ historisch-kritischen Ausgabe, seinem neuen Büchnerbild und der damit einhergehenden Lektüre des sogenannten Fatalismusbriefs als Liebesbrief will ich den nächsten Teil meines Gastbeitrags im Geschwister-Büchner-Blog beginnen.
 
September 2026, Dr. Herbert Wender 
 
 

Der sogenannte Fatalismusbrief Georg Büchners und die Büchnerforschung – mehr als ein Jahrhundert Fake-News

Gastbeitrag von Herbert Wender

 

Vorbemerkung

Nachdem in der Georg Büchner-Gesellschaft textkritische Fragen nicht mehr erörtert werden, weil nach Abschluß der Marburger Büchner-Ausgabe dieses Vereinsziel erreicht ist (oder sei – pb) und man sich nun ganz dem Inhalt der Schriften widmet, fehlt ein Forum des Austauschs für diejenigen, die nicht alles für abschließend geklärt halten. Daß bislang einige wichtige Fragen, der Überlieferung wie der Textkonstitution, offen geblieben sind, ist meine These seit dem Erscheinen des ersten MBA-Bandes (vgl. Wender 2001). Das Angebot von Peter Brunner, im Blog einmal allgemeinverständlich darzulegen, was hinter dem oft beklagten Hickhack der Textkritiker in der Zeit zwischen 1980 und 2015 steckt, habe ich deshalb gerne angenommen. Als Paradebeispiel wähle ich den sogenannten Fatalismusbrief. Diesen Text, der 1850 vom jüngeren Bruder Ludwig Büchner auf der Grundlage eines Hefts mit undatierten Briefauszügen,(Abschreiberin: die Adressatin Wilhelmine Jaeglé) als Teil der „Nachgelassenen Schriften“ erstmals gedruckt wurde, muß jede/r berücksichtigen, der bzw. die sich über Georg Büchner als politisch handelnden Menschen eine Meinung bilden will.

Eine zentrale Frage:
Wann wurde der Text geschrieben?
 

„Ich studirte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. […] Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser.“

Diese Kernpassage hat zu den heftigsten Auseinandersetzungen darüber geführt, wann genau sie geschrieben wurde: 

 

aus Gießen 1833

Ludwig Büchner 1850

November 1833  

Karl Emil Franzos 1879

Frühjahr 1834 ?

Fritz Bergeman 1922

November 1833

ders. ab 1940

1. November 1833

ders. ab 1949

nach dem 10. März 1834

Werner R. Lehmann 1967

mglw. zwischen 9. – 12. März 1834

Thomas Michael Mayer 1979

zwischen 10. und 20. Januar 1834

Jan-Christoph Hauschild 1989

gegen Ende Januar 1834

Thomas Michael Mayer/Reinhard Pabst 1994

Mitte/Ende Januar 1834

Henri Poschmann 1999

nach Mitte Jan. 1834

Burghard Dedner (im Briefwechsel-Band der MBA 10)

teils Ende Nov., teils Anf. Dez.1833

Herbert Wender

(in die Tabelle hatten sich Übermittlungsfehler eingeschlichen, korrigiert am 7.9.26 -pb)

Den Grund für die bisweilen äußerst scharf geführten Debatten hat Dedner im >buechnerportal< bündig zusammengefaßt:

„Wilhelmine Jaeglé hatte zu keinem der Briefe das Datum mitgeteilt. Deshalb ist die Antwort auf die Datierungsfrage dem Scharfsinn der Herausgeber überlassen. Immerhin ist das Datum nicht unwichtig, denn zur Debatte steht häufig das zeitliche Verhältnis dieses Briefes zur Niederschrift des Hessischen Landboten.“

Ist der fragliche „Brief“ ein editorisches Konstrukt?

Schon in den frühen 1990er Jahren hatte ich in einem unveröffentlichten Arbeitspapier die Vermutung geäußert, daß es sich bei dem vieldiskutierten „Brief“ um ein editorisches Konstrukt, eine Kontamination von Auszügen aus verschiedenen Briefen handelt und daß folglich mehr als nur ein Darum zu bestimmen ist. Unter dieser Hypothese ist der erste Absatz getrennt zu betrachten. Er beginnt mit einer Beschreibung von Gießen und Umgebung, wo sich Büchner, nach vier Auslandssemestern, zur Fortsetzung des Studiums (Wintersemester 1833/34) seit Ende Oktober 1833 aufhielt, und zwar erst einmal nur bis Ende November, weil er krankheitsbedingt vorübergehend zur Familie nach Darmstadt zurückkehren mußte. Nach meiner These gilt für diesen Absatz die Datierung, die von Ludwig Büchner für das ganze Textstück nahegelegt hattee: Gießen, zu Beginn des Wintersemesters 1833/34:

„Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei sei. Hügel hinter Hügel und breite Thäler, eine hohle Mittelmäßigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich. Bei uns ist Frühling, ich kann deinen Veilchenstrauß immer ersetzen, er ist unsterblich wie der Lama. […] Je bai[s]e les petites mains, en goûtant les souvenirs doux de Strasbourg.“

Aber “ Frühling“ ? „Veilchenstrauß“ ? Zu Beginn des Wintersemesters?

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts regten sich erste Zweifel (Zobel von Zabeltitz), so daß sich der erste wissenschaftliche Heraussgeber, der junge Fritz Bergemann, zu einer Konjektur veranlaßt sah (s. oben in der Aufzählung). Es dauerte indessen keine zwei Jahrzehnte, bis er davon abrückte; das >buechnerportal< stellt lapidar fest:

„Fritz Bergemann, der erste wissenschaftliche Herausgeber des Briefes, datierte den Brief in seiner Ausgabe von 1922 auf »Frühjahr 34?«, in einer späteren Ausgabe von 1940 auf »November 1833«.“

Über Bergemans Gründe kann man wohl nur spekulieren, doch hat es für mich den Anschein, daß er scharfsinniger war als die spätere Forschung. Diese Auffassung werde ich in der nächsten Folge meines Gastbeitrags zu erläutern versuchen.

Nachbemerkung

Es wäre mir sehr lieb, wenn Nachfragen zu oder Kritik an diesem ersten Teil ‚zeitnah‘ hier als Kommentar (oben unter „Kommentar“) eingegeben würde, damit ich darauf in einer der nächsten Folgen anwenden kann. Wenn das jemand nicht-öffentlich tun will, kann sie bzw. er mich über folgende Email-Adresse erreichen: drwender@aol.com

 

 

Neue Forschungsnotiz: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ bereits 1789/1790 nachgewiesen

Neue Forschungsnotiz: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ bereits 1789/1790 nachgewiesen

In der Büchner-Philologie gilt die Losung des Hessischen Landboten von 1834 bislang als Produkt der Revolutionspublizistik von 1792 (u. a. zugeschrieben Nicolas Chamfort). Ein bildgeschichtlicher Fund aus der Bibliothèque nationale de France (BnF) stellt diese Datierung auf die Probe: Eine anonyme Druckgrafik zeigt die Parole bereits auf der Schärpe eines Vainqueur de la Bastille aus den Jahren 1789/1790.

Das neue Working Paper von Peter Brunner dokumentiert den Befund, differenziert quellenkritisch zwischen gesicherten Fakten und Forschungshypothesen und ordnet die Konsequenzen für die Büchner-Forschung neu ein (entstanden unter freundlicher Mitwirkung von Dr. Herbert Wender).

📄 Zum vollständigen Working Paper auf Academia.edu:

https://www.academia.edu/171571630/Hat_die_Landboten_Parole_a_ltere_Urspru_nge

Ruth Wagner ist gestorben

Ruth Wagner: Eine leidenschaftliche Brückenbauerin zwischen bürgerlicher Freiheit und Büchnerscher Radikalität

Mit dem Tod von Ruth Wagner verliert Hessen eine Politikerin, deren Leben und Wirken auf einzigartige Weise mit der Region Ried und dem Erbe Georg Büchners verknüpft war. Ihr Nachlass ist ebenso beeindruckend wie ihre politische Biographie komplex war – geprägt von Heimatliebe, kultureller Weitsicht und einer Loyalität, die weit über Parteigrenzen hinweg polarisierte.

Die frühen Wurzeln: Ein Weg, der niemals endete

Ruth Wagners Verbundenheit mit Büchner war keine spätere politische Entscheidung, sondern eine biographische Konstante. Als Jugendliche führte sie ihr täglicher Schulweg von Wolfskehlen nach Gernsheim am Geburtshaus Büchners in Goddelau vorbei. Zu einer Zeit, als das Haus noch kein Museum war, festigte sich dort ihr Bewusstsein für die historische Last und Chance ihrer Heimat. Dass sie als Abiturientin einen großen Aufsatz über Büchner verfasste, den sie lebenslang wie einen Schatz hütete und aus dem sie bis ins hohe Alter zitierte, zeugt von einer intellektuellen Durchdringung, die weit über das übliche Maß politischer Sonntagsreden hinausging.

Das Spannungsfeld: FDP-Realpolitik und der „Hessische Landbote“

Für viele Büchner-Freundinnen und -Freunde blieb Ruth Wagners politische Heimat in der FDP ein Paradoxon. In den Augen mancher Bewunderer des „Revolutionärs“ Büchner wirkte ihre liberale, oft als erstaunlich konservativ wahrgenommene Haltung befremdlich. Doch Wagner sah darin keinen Widerspruch: Für sie war Büchner kein Vordenker des Sozialismus, sondern ein radikaler Kämpfer für die Würde des Individuums und die Freiheit des Geistes – Werte, die sie im Kern des Liberalismus verankert sah.

Diese Unbeirrbarkeit zeigte sich auch in ihrer Rolle während der Ära von Ministerpräsident Roland Koch. Ihre unerschütterliche Loyalität in Zeiten politischer Skandale und heftiger öffentlicher Proteste blieb bis zuletzt umstritten. Während ihre Anhänger darin verlässliche „Nibelungentreue“ sahen, empfanden Kritiker dies als belastend für ihre Glaubwürdigkeit als Liberale, besonders als Kulturpolitikerin.

Visionen und verpasste Chancen

Ihr kulturelles Erbe ist geprägt von großen Erfolgen, aber auch von schmerzhaften Kompromissen:

  • Deutsch-deutsche Brücken: Mit Nachdruck trieb sie die Übertragung der ersten großen Büchner-Ausstellung in die DDR voran.

  • Das Geschwister-Konzept: Ihr leidenschaftliches Petitium, die zweite große Landesausstellung konsequent auf die gesamte Familie Büchner (u.a. Luise und Ludwig) auszurichten, scheiterte am Widerstand anderer Gremien. Für Ruth Wagner war dies eine vertane Chance, Büchner als Teil eines hessischen „Laboratoriums der Moderne“ dauerhaft und international neu zu verankern.

Verleihung der Urkunde „Büchnerstadt“ an die Stadt Riedstadt am 13.8.2019

vlnr: Bgm. Marcus Kretschmann, Museumsleiter Peter Brunner, FDP-Ehrenvorsitzende Ex-HMWK Ruth Wagner, Büchner-Enkel Christian Steinmetz, Innenminister Peter Beuth, CDU_Fraktionsvorsitzende Ines Claus 

© Peter Brunner 

 

  • Weltkulturerbe: Mit der Ernennung Riedstadts zur „Büchnerstadt“ (2007) war sie noch nicht am Ziel. Ihr Satz: „Nach diesem schon lange fälligen Schritt ist der nächste, das Büchnerhaus zum Weltkulturerbe zu machen“, bleibt ihr politisches Vermächtnis und Auftrag an die Nachwelt.

Bleibende Zeichen: Kunst und Aufklärung

Im Museum Büchnerhaus hängen heute die „Büchner-Metamorphosen“ – vier Original-Ölgemälde von Ariel Ausländer, die sie dem Haus schenkte. Sie sind ein Sinnbild für ihr Verständnis von Kultur: Ein ständiger Prozess der Wandlung und Auseinandersetzung.

Areil Auslender: Büchner-Metamorphosen. 2013. Öl auf Papier. 

 

Ruth Wagner war eine Frau der klaren Kante und der tiefen Verwurzelung. Sie hat Büchner nicht nur verwaltet, sie hat ihn gelebt – in all seinen Widersprüchen. Man kann ihre Politik kritisieren, doch ihr Verdienst um die Sichtbarkeit der Familie Büchner in Hessen bleibt ein monumentaler Beitrag zur Identität unserer Region.

Podcast BüchnersWelt erstmals live

„Ihr werdet überrascht sein, wenn ihr mich besucht …“

schrieb Georg Büchner am 20. November 1836 an seine Familie. Im Februar 1837 ist er gestorben – erst 1875, 39 Jahre später, sind seine Geschwister zusammen nach Zürich gereist. 

Der Krautgartenfriedhof in Zürich

Wir nutzen die Gelegenheit, erstmals vor Publikum im Darmstädter Literaturhaus, einen Blick auf drei von ihnen zu werfen, die bis dahin einflussreiche Prominente geworden waren. Bei Georgs Tod waren sie gerade mal 21, 16 und 13 Jahre alt, aber der große Bruder war ihnen ein Leben lang betrauertes und bewundertes Vorbild. 

Eingeladen hatte uns die Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde, deren Geschäftsführer, unser Freund Johannes Breckner, leider stimmlich indisponiert (Alles Gute, Johannes!), uns höchst liebenswürdig vorstellte.

Heiner Müller hat in seine Büchnerpreisrede 1985  „Die Wunde Woyzeck“ genannt, die Büchner gerissen hat: „Die Wunde Heine beginnt zu vernarben, schief; Woyzeck ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt.“ 

Wir befragen die am Grab des Bruders Versammelten, den Unternehmer und Politiker Wilhelm, die Frauenrechtlerin Luise und den „Welterklärer“ Ludwig: schmerzte die Wunde Georg? Wo findet sich das Erbe des viel zu früh verstorbenen großen Bruders in ihrem Leben? Welche Hoffnung auf Auferstehung, auf Verwirklichung seiner Ideale haben sie sich bewahrt?

Und wir lüften ein Geheimnis, das bisher ungelöst blieb: was hat es mit dem Grabstein-Rest auf sich, der heute im Museum steht, aber angeblich von der Stadt Pfungstadt sträflich mißachtet wurde? 

Hedwig Richter im Büchnerhaus vor dem Relikt des Grabsteins
Des Rätsels Lösung

 

Die Aufzeichnung der öffentlichen Veranstaltung vom 5. Dezember 2025 sendet Radio Darmstadt am Donnerstag, dem 11.12., um 17 Uhr live auf 103,4 Mhz, auf DAB und live im Internet. 

Wie immer findet sich die Sendung anschließend in den podcastportalen und hier.

« Ältere Beiträge