Ruth Wagner: Eine leidenschaftliche Brückenbauerin zwischen bürgerlicher Freiheit und Büchnerscher Radikalität
Mit dem Tod von Ruth Wagner verliert Hessen eine Politikerin, deren Leben und Wirken auf einzigartige Weise mit der Region Ried und dem Erbe Georg Büchners verknüpft war. Ihr Nachlass ist ebenso beeindruckend wie ihre politische Biographie komplex war – geprägt von Heimatliebe, kultureller Weitsicht und einer Loyalität, die weit über Parteigrenzen hinweg polarisierte.
Die frühen Wurzeln: Ein Weg, der niemals endete
Ruth Wagners Verbundenheit mit Büchner war keine spätere politische Entscheidung, sondern eine biographische Konstante. Als Jugendliche führte sie ihr täglicher Schulweg von Wolfskehlen nach Gernsheim am Geburtshaus Büchners in Goddelau vorbei. Zu einer Zeit, als das Haus noch kein Museum war, festigte sich dort ihr Bewusstsein für die historische Last und Chance ihrer Heimat. Dass sie als Abiturientin einen großen Aufsatz über Büchner verfasste, den sie lebenslang wie einen Schatz hütete und aus dem sie bis ins hohe Alter zitierte, zeugt von einer intellektuellen Durchdringung, die weit über das übliche Maß politischer Sonntagsreden hinausging.
Das Spannungsfeld: FDP-Realpolitik und der „Hessische Landbote“
Für viele Büchner-Freundinnen und -Freunde blieb Ruth Wagners politische Heimat in der FDP ein Paradoxon. In den Augen mancher Bewunderer des „Revolutionärs“ Büchner wirkte ihre liberale, oft als erstaunlich konservativ wahrgenommene Haltung befremdlich. Doch Wagner sah darin keinen Widerspruch: Für sie war Büchner kein Vordenker des Sozialismus, sondern ein radikaler Kämpfer für die Würde des Individuums und die Freiheit des Geistes – Werte, die sie im Kern des Liberalismus verankert sah.
Diese Unbeirrbarkeit zeigte sich auch in ihrer Rolle während der Ära von Ministerpräsident Roland Koch. Ihre unerschütterliche Loyalität in Zeiten politischer Skandale und heftiger öffentlicher Proteste blieb bis zuletzt umstritten. Während ihre Anhänger darin verlässliche „Nibelungentreue“ sahen, empfanden Kritiker dies als belastend für ihre Glaubwürdigkeit als Liberale, besonders als Kulturpolitikerin.
Visionen und verpasste Chancen
Ihr kulturelles Erbe ist geprägt von großen Erfolgen, aber auch von schmerzhaften Kompromissen:
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Deutsch-deutsche Brücken: Mit Nachdruck trieb sie die Übertragung der ersten großen Büchner-Ausstellung in die DDR voran.
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Das Geschwister-Konzept: Ihr leidenschaftliches Petitium, die zweite große Landesausstellung konsequent auf die gesamte Familie Büchner (u.a. Luise und Ludwig) auszurichten, scheiterte am Widerstand anderer Gremien. Für Ruth Wagner war dies eine vertane Chance, Büchner als Teil eines hessischen „Laboratoriums der Moderne“ dauerhaft und international neu zu verankern.
Verleihung der Urkunde „Büchnerstadt“ an die Stadt Riedstadt am 13.8.2019
vlnr: Bgm. Marcus Kretschmann, Museumsleiter Peter Brunner, FDP-Ehrenvorsitzende Ex-HMWK Ruth Wagner, Büchner-Enkel Christian Steinmetz, Innenminister Peter Beuth, CDU_Fraktionsvorsitzende Ines Claus © Peter Brunner
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Weltkulturerbe: Mit der Ernennung Riedstadts zur „Büchnerstadt“ (2007) war sie noch nicht am Ziel. Ihr Satz: „Nach diesem schon lange fälligen Schritt ist der nächste, das Büchnerhaus zum Weltkulturerbe zu machen“, bleibt ihr politisches Vermächtnis und Auftrag an die Nachwelt.
Bleibende Zeichen: Kunst und Aufklärung
Im Museum Büchnerhaus hängen heute die „Büchner-Metamorphosen“ – vier Original-Ölgemälde von Ariel Ausländer, die sie dem Haus schenkte. Sie sind ein Sinnbild für ihr Verständnis von Kultur: Ein ständiger Prozess der Wandlung und Auseinandersetzung.
Areil Auslender: Büchner-Metamorphosen. 2013. Öl auf Papier.
Ruth Wagner war eine Frau der klaren Kante und der tiefen Verwurzelung. Sie hat Büchner nicht nur verwaltet, sie hat ihn gelebt – in all seinen Widersprüchen. Man kann ihre Politik kritisieren, doch ihr Verdienst um die Sichtbarkeit der Familie Büchner in Hessen bleibt ein monumentaler Beitrag zur Identität unserer Region.





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