Peter Brunners Buechnerblog

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Ach

 

Leitmotivisch stand dieser Laut über der Jahrestagung der Georg Büchner Gesellschaft vom 6.-8- November in der Goethe Universität Frankfurt. Schon einer kleinen Tradition folgend haben Esther Köhring, Denise Reimann und Roland Borgards beim call for papers festgelegt, welches Moment aus Büchners Werk oder Leben Gegenstand der Tagung wurde, und nach „Elemente“, „Bühnen“, „Pflanzen“ und „Dinge“ waren 2025 „Klänge“ dran.

Im Detail findet sich das Programm hier, die Texte werden auf Dauer im nächsten Büchnerjahrbuch abgedruckt.

Daher hier nur mein bescheidenes Resümee (ohne Berücksichtigung des letzten Tagungstages, den ich verpassen musste) zu Inhalt und Ablauf:

 

Nora Eckert: Lenz als Chiffre der Verstörung. Wolfgang Rihm macht aus Büchners
Lenz-Erzählung eine Kammeroper als extreme „Seelenraummusik“

 

 

Alfons Glück: Gegenklänge. Herrschende Sprache – Sprache der Unterdrückten;
Naturklänge und Stille

 

Norbert Abels: Alles hohl und niemals still. Büchners Klangdramaturgie im
Musiktheater

 

Ariane Martin: Leise Töne. Lautstärkeregelungen bei Georg Büchner

 

 

 

Auffällig, dass der kleine Laut „Ach“ fast in jedem Beitrag auftauchte, frappierend, wie er bei Büchner von Erstaunen bis Ersterben aufscheint. Naheliegend, wie viel „laut“ und „leise“ sich findet: vom Keine Regung in der Luft als ein leises Wehen, als das Rauschen eines Vogels, der die Flocken leicht vom Schwanze stäubte. Alles so still,“ (Lenz) zu „Heftige Bewegung unter den Zuhörern, Geschrei des Beyfalls, viele Stimmen:“ (Danton). Bedenken muss ich noch, dass gelegentlich nicht zwischen Büchners Lauten und Lauten zu Büchner unterschieden wurde – da wird das Nachlesen hoffentlich differenzieren helfen.

Mit Gerhard Stäblers Capricci für Violine solo von 2002, kongenial präsentiert von der grandiosen Virtuosin Annette Reisinger, gewann die Tagung akustisch „Klänge“ auf Weltniveau. Roland Borgards berichtete von Reisingers bereits vor Jahren gemachtem Angebot, die Komposition zu präsentieren, und von dem großen Glück, das diesmal möglich zu machen. In der Einführung erwies er sich als auch in diesem Genre kompetent: bei der Einführung in Stäblers Werk verband er das Bekenntnis zum Berufswunsch Saxophonspieler mit dem Hinweis, das Stück vorab zwar nicht gehört, aber die Partitur gelesen zu haben – Respekt!

 

Annette Reisinger (Violine): CAPRICCI für Violine solo 2022 (Gerhard Stäbler (* 1949),

Bei all meiner Laienhaftigkeit: Annette Reisingers furioses Spiel, ihre souveräne Beherrschung des Instrumentes, die elegante Präsentation von Strichen, Lauten und Pizzicati machte das kleine Konzert zu einem wirklich unvergesslichen Ereignis, für das ihr und der Tagungsorganisation kaum genug zu danken ist.

Auf die unkompliziert verlaufene Vereins-Hauptversammlung fogte die Präsentation der digitalen Büchner-Ausgabe, deren launch erfolgte.

Ab sofort steht der interessierten Öffentlichkeit der vollständige Text der großen Marburger Ausgabe mit allen verweisen, Erläuterungen, Quellen, digitalisierten Originalen und den „emendierten Texten“ (nach Maßgabe der Herausgebenden der vom Autor „gewünschte“ Text) frei zur Verfügung.

Burghard Dedner, der Doyen dieses Jahrhundertwerks, führte in einer durchaus bewegten und bewegenden Schilderung durch die Entstehungsgeschichte der Edition. Unbestreitbarer Verdienst, „dieses Gebirge bestiegen zu haben“, gehöre ohne Zweifel Thomas Michael Mayer. Der habe mit dem Vorsatz, „Büchner zu befreien von Fehlern und Unrat, die ihm angetan wurden“ erstmals die verstreuten Verhörprotokolle, Lebenszeugnisse und Quellen zum Werk zusammengetragen. Er gründete die Büchner-Gesellschaft und gewann schließlich den Marburger Germanisten Dedner, „der von Büchner keine Ahnung hatte, aber über das gegenüber Mayer unabdingbare ausgeglichene Wesen“ verfügt habe, für das Projekt einer Historisch-Kritischen Büchner-Ausgabe.

Thomas Michael Mayer

 

Das entstehende Editionsprojekt einer Ausgabe, die die übliche Form bei weitem übertreffen sollte, war von Anfang mit Attributen wie Hybris oder undurchführbar beschrieben, aber beharrlich weiterverfolgt worden, bis schließlich 1993 die DfG als „geduldiger Förderpartner“ gefunden wurde. Im gleichen Jahr erschien Jan Hauschilds Büchner-Biographie, und Dedner berichtete, dies habe Mayer veranlasst, den fälligen Editionsbericht nicht zu erstellen; schließlich habe er das übernehmen müssen. Endlich landete die Edition bei der Mainzer Akademie und im Jahr 2000 erschien die vierbändige Danton-Edition, die der Spiegel „monströs und skuril“ nannte. Dedner belächelt das heute und amüsiert sich über die Kritik „wer das alles lesen“ solle – tatsächlich sei die Edition dafür so wenig gedacht wie eine Enzyklopädie. Dass es auf diesem Wege zur Würdigung des sicher höchst komplizierten und kaprizierten Mayer kam, mit dem Dedner in Marburg gebrochen hatte, war so honorig wie angemessen und mag auch die anwesenden „Zeitzeug*innen“ (unter ihnen Ariane Martin, Susanne Lehmann und Alfons Glück) bewegt haben.

 

Claudia Bamberger (in Vertretung von Thomas Burch) und Felix Thielen vom „Trier Center for Digital Humanities“ machten mit der Arbeit vertraut, die Edition digital komfortabel zur Verfügung zu stellen: Die Marburger Ausgabe digital.  Entstanden ist ein System, das analog zur gedruckten Edition die „Schichten“ von Büchners Texten erschließt. Vom Manuskript bzw. den frühesten überlieferten Texten über komplette Transkription zu Lesefassung zu „emdendiertem Text“ lässt sich künftig jede Textstelle finden und begutachten. (Zur Kritik an der Verbindung von Text und Kommentar hatte Dedner darauf hingewiesen, dass jedenfalls ab jetzt tagesaktuell neue Erkenntnis ein- und Fehler ausgearbeitet werden könnten). Dass sich aktuell etwa 130.000 Verlinkungen in der Edition finden, die auf Knopfdruck aufgerufen und durch das Werk verfolgt werden können, lässt die Dimension des Werkes ahnen – tatsächlich bieten sich ungeahnte Recherchemöglichkeiten und unerwartete Erkenntnisse allein durch die neue technische Aufarbeitung.

Zurück ins Analoge zeigte Roland Borgards schließlich noch zwei besondere Zimelien der Sammlung der Forschungsstelle, die inzwischen vollständig in Frankfurt angekommen ist: das Lebenswerk des verstorbenen Thomas Michael Mayer, 31 Folianten mit Kopien von tausenden von Protokollen, Untersuchunsgberichten und anderne Justizakten „zum Prozeß gegen die oberhessische Demokratie“. Es sei ein bedeutendes Desiderat der Forschung, dieses Material zu transkribieren und digital zur Verfügung zu stellen. Dem ist mehr als zuzustimmen, allerdings muss die erforderliche Arbeit wohl mit Attributen wie Augias und Sisyphus beschrieben werden – „wer das lesen könnte“ …

Roland Borgards mit einem der Bände

 

Titelei eines Bandes

 

Ebenfalls der Systematisierung (und dazu der Pflege und Fortschreibung) bedarf die bemerkenswerte Sammlung von Unterlagen zu Büchner-Inszenierungen, die in zahlreichen Aktenkisten lose gesammelt wurden. Auch das bedarf gründlicher Archivarbeit, scheint mir aber, gerade im Vergleich zur ersten Aufgabe, eher bewältigbar. Einmal auf Stand gebracht müsste eine solche Sammmlung tagesaktuell weitergeführt und damit eine weitere dringend benötigte Quelle zur Büchnerrezeption werden.

 

Borgards mit einer der Sammlungskisten

Georg Büchner zum 212. am 17.10.2025

 
 
 
Am 17. 10. war Georg Büchners Geburtstag (*1813). Mit unserem Freund Stefan Howald, dem Zürcher Linksbüchnerianer und einigen freundlichen Gästen haben wir ein Glas rheinhessischen Sekt auf ihn getrunken und einen Blumengruß von aufs Grab gelegt.



„Ich bin so jung und die Welt ist so alt“ – er wurde keine 24 Jahre alt, aber buchstäblich jeder hinterlassene Satz macht ihn unsterblich.
 
Abends durfte ich im  Zürcher Bücherraum f das Familienalbum der Büchners aufblättern: das geduldige Publikum hörte mir fast zweieinhalb Stunden lang zu, um mir schließlich darin zuzustimmen, dass noch fast unendlich viel mehr zu berichten bleibt. 
 
 
Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder! 

Nicht jede Unwahrscheinlichkeit ist ein Aprilscherz

 

Ich gebe es zu: das klang bei diesem Veröffentlichungsdatum schon sehr nach dem inzwischen hier üblich gewordenen Aprilscherz – aber diesmal war der Scherz, dass er keiner war

Robert Lochner ist wahrhaftig ein Ur-Ur-Groß-Cousin Georg Büchners, ein direkter Nachfahre des Gießener Friedrich Georg Büchner, Ernst Büchners Bruder. Dessen Sohn Friedrich (1826 – 1902) war hier auch schon Thema, ebenso wie die „Märchenmuhme“ Martha Frohwein-Büchner aus derselben Familie. Es steht ausser Zweifel, dass Georg Büchner in seiner Gießener Zeit Kontakt zu diesem Onkel und dessen Familie hatte.

Vater und Sohn Lochner, Louis P. und Robert, waren beide bedeutende Journalisten von einigem Einfluß auf die US-Berichterstattung über Deutschland. Louis Lochners Erinnerungen „Stets das Unerwartete“ sind ein sehr lesenswerter Bericht über die Jahre 1921 – 1952. Er ist der erste Herausgeber von Auszügen aus den Tagebüchern Joseph Goebbels (1948) und konnte erreichen, dass die NS-Mitgliederkartei in München der Vernichtung als Altpapier entging. Mit „Die Mächtigen und der Tyrann“ (1955) hat er ein umstrittenes Werk voller Relativierungen und Rechtfertigungen zur Verwicklung der Deutschen Industrie in den Nationalsozialismus vorgelegt.     

Sein Sohn Robert wurde ebenfalls Korrespondent der US-Presse in Deutschland. Seine Rolle in der Mediengeschichte Deutschlands zwischen 1945 und 1960 ist kaum zu überschätzen. So war er an der Gründung des Hessischen Rundfunks beteiligt, Sprecher der US-Militärregierung und Chefredakteur der Neuen Zeitung, Frankfurt.

Elizabeth Sailer beim Besuch im BüchnerHaus



Bei den US-amerikanischen Nachfahren der Familie hat sich Erinnerung an eine Verbindung zu Georg Büchner erhalten, verbunden mit der Überlieferungsgeschichte eines historischen Aquarells. Dieses Bild wurde im Sommer 2024 dem Büchnerhaus geschenkt, wir habe es mittlerweile einigen Vergleichen und Untersuchungen unterzogen und restauratorisch gesichert. Mehr dazu später.

Büchners Welt jetzt als podcast

Die gerade angekündigte Radioserie ist ab sofort auch bei den einschlägigen „hosts“ als podcast abruf- und abonnierbar. 

 

Damit stehen die Beiträge jederzeit und fast überall auf Abruf zur Verfügung. Falls Sie Nutzer eines Anbieters sind, bei dem sie Büchners Welt nicht finden, informieren Sie uns – wir versuchen dann, auch dort „zu landen“. 

 
 

Hören wir uns?

 

 

Schnupperangebote zum Büchnerhaus im Netz

Über die Vermittlung von Jan Eisenhauer, Deutschlehrers an der Darmstädter Bertolt-Brecht-Schule, kam ich nach Jahrzehnten wieder mit Rainer Lind zusammen. Mit ihm verbindet mich, was wir beide vergessen hatten, ein Stück Darmstädter Schüler- und Jugendbewegung. Hier berichtet Jürgen Barth, der da schon Student und verglichen mit uns erwachsen war, aus dieser Zeit. 

Rainer Lind

Rainer Lind


Ich habe mich breitschlagen lassen, Rainer in Rahmen seiner großen Arbeit „Videoprojekte“ ein Interview zu geben, das sich zu einem langen Gespräch über Georg Büchners Leben und Werk entwickelte. Es ist damit praktisch ein Mitschnitt einer ausführlichen Führung im Büchnerhaus geworden. Wir haben uns darauf geeinigt, einen Teil davon öffentlich zu machen; er hat ihn hier online gestellt und so steht er nun mit allen Schwächen und inhaltlich ganz von mir zu verantworten im Netz. 

Peter Brunner

Peter Brunner



Fast gleichzeitig entstand

eine vollständige Führung von Jugendlichen für Jugendliche,

die wir mit Hilfe von hr2 realisieren konnten. 

Eine Schulklasse aus der Büchnerstadt, die 9. Klasse der Martin-Niemöller-Schule mit ihrer Lehrerin Nina Drexler,  hat sich intensiv mit dem Büchnerhaus und der Ausstellung „Von Goddelau zur Weltbühne“ beschäftigt.

Schüler*innen bei der Arbeit: das Konzept entsteht

Schüler*innen bei der Arbeit: das Konzept entsteht

 

Das Ergebnis ist eine online-Führung für Jugendliche, die ab sofort sowohl bei Besuchen wie zur Vorbereitung genutzt werden kann und für alle frei zugänglich ist. Sie findet sich hier im Netz, alternativ kann auf Mobiltelefonen auch die App genutzt werden. Details dazu hier.   

 

Die schöne hr2-Aktion  „Museumslauscher“ wird von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen Thüringen, in unserem Falle auch von der Sparkassenstiftung Groß Gerau, ermöglicht. 

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