Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

1.4.2015

Das erste Mal, dass sich eine literarische Quelle als Geldquelle erweist

Dass das hessische Ried erhebliche Vorräte an Erdöl und Erdgas birgt, ist lange bekannt. Dass Büchner einen Hinweis auf diesen Schatz in seinem Werk versteckte, konnte erst jetzt nachgewiesen werden.

Georg Büchner wurde bekanntlich 1813 in Goddelau geboren. Dass die Familie anschließend 1815/16 bis zum Umzug nach Darmstadt in Stockstadt wohnte, ist dagegen kaum bekannt. Dorthin zurück führen wohl Georg Büchners früheste Kindheitserinnerungen, und auch in späteren Jahren hat es sicher Besuche der Büchners am Rhein gegeben. Der Bau des Rheindurchbruchs am Kühkopf zwischen 1826 und 1828 war sicher Thema bei den Büchners, und wahrscheinlich ist der Vater Ernst Büchner mit den Kindern dort gewesen, um die Arbeiten für den Durchstich, der die Rheinfahrt verkürzte und Stockstadt seinen Hafen verlieren ließ, zu besichtigen.

Im Werk Büchners versteckt sich ein Hinweis, der jetzt durch die intensive Zusammenarbeit von örtlichen Geologen und Literaturwissenschaftlern fruchtbar gemacht werden konnte.

In der „Handschrift 2” von Büchners Fragment Woyzeck findet sich gleich zu Beginn eine Szene, die nach intensivem Quellenstudium einem konkreten Ort, dem Schwarzbach zwischen Goddelau und Stockstadt,  („Freies Feld. Die Stadt in der Ferne”) zugeschrieben werden konnte:

Woyzeck. Ja Andres, das ist er der Platz ist verflucht. Siehst du den leichten Streif, da über das Gras hin, wo die Schwämme so nachwachsen da rollt Abends der Kopf, es h[o]b ihn einmal einer auf, er meint es sey ein Igel, 3 Tage und 2 Nächte nur das Zeichen, und er war todt. (Leise) Das waren die Freimaurer, ich hab’ es haus.

Andres. Es wird finster, fast macht Ihr einem Angst. (er singt)

Woyzeck (Faßt ihn an). Hörst du’s Andres? Hörst du’s es geht! neben uns, unter uns, Fort, die Erde schwankt unter unsern Sohlen. Die Freimaurer! Wie sie wühlen!

(Er reißt ihn mit sich)

Andres. Laßt mich! Seyd Ihr toll! Teufel.

Woyzeck. [B]ist du ein Maulwurf, sind deine Ohren voller Staub? Hörst du das fürchterliche Getös am Himmel, Ueber der Stadt, Alles Gluth! Sieh nicht hinter dich. Wie es herauffliegt, und Alles daunter

Louise. Was hast du Franz, du siehst so verstört?

Woyzeck. pst! still! Ich hab’s aus! Die Freimaurer! Es war ein fürchterliches Getös am Himmel und Alles in Gluth! Ich bin viel auf der Spur! sehr viel!

Der Bezug auf die Freimaurer wurde bisher stets als Symbol für die heimlichen, verschwörerischen Kräfte gedeutet, von denen sich der verwirrte Woyzeck verfolgt sieht. In der Tat aber hat Büchner einen ganz handfesten Hinweis in seinem Werk versteckt, der jetzt entschlüsselt werden konnte.

Büchner bedient sich eines zu seiner Zeit weitverbreiteten Verschlüsselungscodes, bei dem jeder zweite Buchstabe eines Wortes ersetzt wird. Aus den ersten drei Buchstaben von „Freimaurer“ ergibt die Entschlüsselung – E r d ! (erster Buchstabe F -1=E, zweiter Buchstabe unverändert R, dritter Buchstabe E-1=D). Das elektrisierte die Forscher, die auf der Spur nach ausbeutbaren Schätzen jeder Art seit Jahren Handschriften und Bodenfunde analysieren.

Den Ort „wo die Schwämme so nachwachsen”, gibt es zwischen Riedstadt und Goddelau, und da kam Ortskenntnis der detektivischen Suche zu Hilfe. „Am Schwarzbach haben wir immer die besten Steinpilze gefunden” kommentiert Margarete M., erfahrene Kräutersammlerin und die beste Kennerin der sumpfigen Umgebung ihres Heimatortes Stockstadt. Dass „Am Schwarzbach” auch als mittelalterlicher Hinrichtungsort bekannt ist, konnte Markus Zwittmaier, ortskundiger Forscher aus Trebur und verdienstvoller Blogger von „Tribur. Geschichte und so Zeugs”, sicher bestätigen: „da rollt abends der Kopf” heißt es bei Büchner, und die Treburer Ortschronik berichtet für die Jahre 1214, 1338 und 1467 von Urteilsvollstreckungen mittels Handbeil „an dem swarzen Bace uff Stochstett”. Damit war die Indiziensuche vollständig, und „wir wagen es” entschied Dr. Michael Suana, Geschäftsführer der Rhein Petroleum GmbH (Heidelberg) „wir sind ja geradezu verpflichtet, dem Hinweis des berühmtesten Bürgers der Gegend zu folgen”. Traditionsbewusst wurde die erste Bohrung an Büchners Geburtstag, dem 17. Oktober 2014, am Riedstädter Schwarzbach niedergebracht. Und tatsächlich stießen die mutigen Probebohrungen der Prospektoren jetzt auf einen reichen Vorrat hochwertigen Erdöls, über den nicht nur die lokale Presse, sonder auch überregionale Medien berichten. „Nach einem Namen für de Quelle mussten wir nicht mehr suchen” so Suana weiter, ”die wird natürlich Georg Büchner heißen”. Burghard Dedner, Doyen der Büchnerforschung, kommentierte „dies ist das erste Mal, dass sich eine literarische Quelle auch als Geldquelle erweist“. 

Eine Arbeitsgruppe, zu der jetzt auch die Mitglieder der Georg Büchner-Gesellschaft hinzugezogen werden soll, wird sich unter diesem ganz neuem Aspekt noch einmal gründlich des Werkes des großen Goddelauers annehmen „Mit diesen Kennern, die in der Vergangenheit ja schon mutig genug waren, bei einer Bildzuschreibung herkömmliche Methoden der Wissenschaft über Bord zu werfen und frei zu spekulieren, erhoffen wir uns noch weitere geldwerte Hinweise aus dem Werk unseres Landsmannes Büchner, der uns bisher ja immer nur Geld gekostet hat”, so Werner Amendt, der Bürgermeister Riedstadts. „Auch den nächsten Fund erhoffe ich mir auf unserer Gemarkung; vielleicht kannte Büchner ja den Ort, wo Hagen den Nibelungenschatz versenkte”. Seit den Stockstädter Funden ist jedenfalls unwiderlegbar, wie wertvoll eine historisch-kritische Werkausgabe für praktische Anwendungen werden kann.

13.3.2015

Georg Büchner und Anna Seghers

Im November 2012 konnte ich zusammen mit dem Vorsitzenden der Anna Seghers-Gesellschaft, Hans-Willi Ohl, eine „Büchner-Marginalie” veröffentlichen: Anna Seghers hat sich möglicherweise 1947 bei der sowjetischen Administration für die Freilassung eines Urgroßneffen von Georg Büchner eingesetzt, jedenfalls durch Korrespondenz mit Anton Büchner von der Büchnerschen Nachfahrenschaft erfahren. Inzwischen hat Ohl über Büchner im Werk Anna Seghers geforscht und trägt seine Ergebnisse nun bei einer Benefizveranstaltung im Büchnerhaus vor, zu der ich mit der Veröffentlichung seiner Pressemitteilung hier gerne einlade:

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Hans-Willi Ohl spürt der „literarischen Wahlverwandtschaft” der beiden Dichter nach –
Benefizvortrag am Freitag, 20. März am Büchnerhaus

 

Hans Willi Ohl ist seit Jahren als Sänger der Folkband „Le Cairde“ in der Region unterwegs und mit den jährlichen Konzerten am Büchnerhaus auch ein treuer Sponsor der Goddelauer Kultureinrichtung. Jetzt kommt der im „Hauptleben“ als Studienleiter des Abendgymnasiums Darmstadt tätige Pädagoge mit einem interessanten Vortrag an das Büchnerhaus: Am Freitag, 20. März um 19:00 Uhr geht es in der Kunstgalerie (Weidstraße 9, Riedstadt-Goddelau) um die literarischen Verbindungen zwischen Georg Büchner und Anna Seghers.

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Anna Seghers, 1966 (Bundesarchiv-Bild 183-F0114-0204-003) – retouched by Carschten

 

Die in Mainz geborene Schriftstellerin Anna Seghers („Das siebte Kreuz“) hat immer den Einfluss der Schriften ihres südhessischen Landsmanns Georg Büchner auf ihr eigenes Werk betont. Ihre frühen Erzählungen aus den Jahren 1925 bis 1932 sind im vergangenen Jahr im Rahmen der Werkausgabe im Berliner Aufbau-Verlag neu erschienen. Bei der Lektüre ist Hans-Willi Ohl, Vorsitzender der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz, aufgefallen, dass es verblüffende Parallelen zwischen Büchner und Seghers gibt. In seinem Vortrag wird er mit Hilfe von Beispielen die thematischen und sprachlichen Berührungspunkte vorstellen, die bisher in dieser Form noch nicht dargestellt wurden. Anna Seghers (1900 – 1983) erhielt im Jahre 1947 den Georg-Büchner-Preis.

 

Der Eintrittspreis beträgt sieben Euro und kommt in voller Höhe dem Büchnerhaus zugute. Kartenreservierungen nimmt das Kulturbüro unter der Telefonnummer 06158 930841/2, per Fax: 930843 oder per E-Mailkultur@riedstadt.de entgegen.

 

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von Peter Brunner

14.9.2014

Das Museum der Büchners ist wieder da!

Das Hessische Landesmuseum in Darmstadt hat gestern nach jahrelanger Umbauzeit endlich wieder geöffnet.

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Und der wunderbare Bau mit seiner aussergewöhnlichen Präsentation als Universalmuseum bestätigt in jedem Raum, in jedem Ausstellungsstück die Nähe zum Kanon der Geschwister Büchner: die Welt verstehen, indem sie angeschaut wird.

Die Ursprünge des Museums, die großherzogliche Sammlung in Darmstadt, die seit 1820 öffentliches Museum war, hat Georg Büchner 1833 zusammen mit seinem französischen Freund Georges Muston besucht. Auf der seiner website hat das Museum die eigene Frühgeschichte so zusammengefasst:

 

Ende des 18. Jahrhunderts vererbte Landgräfin Karoline ihrem Sohn Ludwig X. (1753–1830, ab 1806 Großherzog Ludewig I.) ihre Sammlung von Naturalien und physikalischen Instrumenten, die den Grundstock für die naturwissenschaftlichen Sammlungen des heutigen HLMD bildete. Während seiner Regierungszeit (1790–1830) fügte Ludewig I. wichtige Bestände hinzu: Glasgemälde, altdeutsche Altäre, niederländische Gemälde des 17. Jahrhunderts, Kupferstiche und naturgeschichtliche Objekte wie den Nachlass Johann Heinrich Mercks, der viele Säugetierfossilien beinhaltet. 1802 erwarb Ludewig I. das gesamte druckgraphische Werk Albrecht Dürers und Rembrandts. 1805 vererbte ihm der Kölner Sammler Baron von Hüpsch seine hochbedeutende Kunst- und Naturaliensammlung, darunter Elfenbeinarbeiten und Gemälde des Mittelalters sowie wertvolle Mineralien und Fossilien. 52 Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts wurden im Jahr 1808 von dem Baseler Kaufmann Nikolaus Reber angekauft, etwas später kam die 81 Gemälde umfassende Sammlung des Grafen Truchseß von Waldburg hinzu sowie 1450 Handzeichnungen aller bedeutenden europäischen Schulen aus der Sammlung E. F. J. von Dalberg.

Im Jahr 1820 übergab Ludewig I. seine Kunst- und Naturaliensammlung in Form einer Stiftung in das Eigentum des Staates. Damit machte er die Sammlung, die seit dem 17. Jahrhundert von den Landgrafen Hessen-Darmstadts kontinuierlich aufgebaut worden war, der Öffentlichkeit zugänglich. … 1817 wurde die Sammlung vom alten Residenzschloss in das neue Schloss verlegt. …

 

Und noch heute sind sie da – der „Christus in Emmaus“ von Carl von Savoy, der Dinotherium-Kinnbacken und auch die protzigen Kirchenschätze.

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C. v. Savoy, Christis in Emmaus (Ausschnitt)

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Die Sammlung von Kirchenschätzen

 

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Die Funde aus den rheinhessischen „Dinotheriumssanden“

 

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Die Sammlung historischer Korkmodelle antiker Stätten

 

Susanne Lehmann hat in „Georg Büchners Schulzeit. Ausgewählte Schülerschriften und ihre Quellen”, ausführlich aufgezählt, dass Georg Büchner sicher bereits als Schüler in den Sammlungen war und wie viele der Stücke bis heute dort gezeigt werden.

 

Die wunderschön gestaltete naturkundliche Sammlung ist eine Darstellung der Evolution, wie sie sich Ludwig Büchner in kühnsten Träumen nicht erhofft hätte,

 

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Skelettparade

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Heckels „Stammbaum des Menschen“

 

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Ein kleiner Teil der Funde aus dem Messeler Urschiefer

 

Luise Büchner wäre über den Anschauuungsunterricht der bildenden Kunst von Rembrandt bis Beuys begeistert gewesen

 

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Andy Warhol: Joseph Beuys

 

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Kleiner Einblick in die Mittelalter-Sammlung

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Die Holländer

und Alexander kann ich mir sehr gut in van de Veldes Büro vorstellen:

 

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 H. van de Velde: Büro für die Chefredaktion der „Revue Blanche”

 

Kurz: Für künftige Darmstadt-Besucher, seien sie auf den Spuren der Geschwister Büchner oder „einfach nur so da”, ist jedenfalls der Besuch des Landesmuseums in Zukunft Pflicht!

 

 

11.4.2014

„… davon verstehen Frauenzimmer nichts!”

Am 11. April 1825 wurde Ferdinand Lassalle in Breslau geboren.

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Lassalle 1860. Foto von Philipp Graff (wikipedia)

 

Im Programm der „Fabelhaften Büchnerbande“ zitieren wir:

Ludwig Büchner spielte eine wichtige Rolle bei der Auseinandersetzung um die Ausrichtung der deutschen Arbeiterbewegung. Er wollte mit einem breiten Volksbündnis die Gesellschaft verändern, die Sozialdemokraten wollten alleine die Arbeiter organisieren. In seiner Broschüre „Meine Begegnung mit Ferdinand Lasssalle” schreibt Ludwig 1894 im Rückblick:

„Nichts könne der Reaktion erwünschter sein und uns mehr schaden, als eine Entzweiung von Bürgertum und Arbeiterstand im gegenwärtigen Augenblick. … Auch solle man sich nicht durch die Schlagworte „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ ins Bockshorn jagen lassen, da diese Worte an und für sich gar keinen gefährlichen Sinn haben. Jeder Staat oder jede staatliche Gemeinschaft sei mehr oder weniger sozialistisch und kommunistisch, und es komme dabei nur auf das mehr oder weniger an. … In meinem Tagebuch vom fünfzehnten Mai 1863 finde ich folgende Aufzeichnung: „ … In der Unterhaltung selbst fiel es auf, dass Lassalle, der doch ein Apostel des „Volks“ sein wollte, sich sehr verächtlich über den „Mob“ äußerte und seinem Widerwillen darüber, dass er auf seinen Agitationsreisen mit jedem Arbeiter die schmutzige oder Schweißhand drücken müsse, sehr energischen Ausdruck gab. … Obgleich vollkommener Weltmann, ließ er sich doch hinreißen, die Regeln der Höflichkeit gegen Damen außer acht zu setzen, indem er meiner Schwester Luise, der Verfasserin von „Die Frauen und ihr Beruf“ , welche sich einmal in die Diskussion gemischt hatte, zurief: „davon verstehen Frauenzimmer nichts – ” und die vollständig eingeschüchterte Rednerin damit für den übrigen Teil des Tages mundtot machte. … ”

Lassalles Werke sind online hier zugänglich, sein „ehernes Lohngesetz“ ist längst wiederlegt. Und mindestens ein Fußnote ist es wert, dass es ein „Netzwerk der Korporierten in der SPD“  unter seinem Namen gibt, das sich u.a. so äußert: „Lassalles Herkunft ist bürgerliches Milieu, ein klares Bekenntnis dazu täte unserer Partei gut.“  Gemessen an Ludwig Büchners Erfahrungen bei der Bemühung um die Einheit der Opposition gegen Lassalle eine späte Einsicht.

 

von Peter Brunner

29.3.2014

„God’s word on horse’s back“- vor 143 Jahren starb August Becker

Am 26. März 1871, vor 143 Jahren, starb in Cincinnati, Ohio, der deutsche Revolutionär August Becker.

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Der Markierungsstein des Friedhofsbereiches zu Beckers Grab
(Foto: M. Breidenbaugh)

Beckers unglaubliches Leben steht im Schatten Georg Büchners, dessen Freund und Mitverschworener er 1833 in Gießen war. Von 1835 bis 1839 saß er für die Mitarbeit am „Hessischen Landboten“ im Gefängnis. Seine Aussagen im Umfeld der Demagogenverfolgung zeigen ihn als klug. umsichtig und loyal. Erst nach deren Tod sagt er über die Genossen Weidig und Büchner aus, und die Aufzeichnungen dazu lesen sich wie Solidaritätserklärungen. Es ist Becker, auf dessen Aussagen sich bis heute die meisten Analysen über die Urheberschaft des Landboten beziehen; von ihm wissen wir, dass Weidig Büchners Begriff „die Reichen“ durch „die Vornehmen“ ersetzen ließ.

1839 wandert er nach Zürich aus, gründet einen deutschen Handwerkerbildungsverein und kommt in Verbindung mit einem „Propheten“ des Arbeiterkommunismus, Wilhelm Weitling.Der Glockenklang der Revolution ruft ihn zurück nach Deutschland, am Tag der Aufhebung der Pressezensur, am 6. März 1848, erscheint in Gießen sein „Jüngster Tag“ – Georgs Brüder Alexander und Ludwig sind eifrige Textlieferanten.

Nach dem Scheitern der Revolution ist er von 1849 bis 1853 gewählter Angeordneter im Darmstädter Landtag – im 50. und 51. Landtag 1849/50 sitzt er neben dem nächsten Büchner – Wilhelm Büchner ist ebenfalls Abgeordneter in den „Revolutionslandtagen“.

 

1853 droht ihm eine Anklage wegen Gotteslästerung; er soll gesagt haben, eine weitere Haft in Hessen könne er nicht ertragen. Er wandert in die USA aus, ist von 1861 – 65  unter Steuben Feldprediger (!) mit dem schönen Beinamen „God’s word on horses back“. Bis zu seinem Tod arbeitet er als Zeitungsmann; in Baltimore, New York, Washington und schließlich Cincinnati ist er Herausgeber deutschsprachiger Zeitschriften.

Nach langen Bemühungen ist es mir gelungen, Bilder von seinem Grab zu beschaffen, und ich bin Margaret Breidenbaugh aus Cincinnati sehr dankbar für ihre großartige Unterstützung dabei.

 

 

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Grabstein August Beckers (17. August 1812 – 26. März 1871)
(Foto: M. Breidenbaugh)

August Becker wird im neuen Programm der Büchnerbande eine Rolle spielen. Gerade eben las ich einen Brief von Fritz Hecker, einer anderen deutschen Revolutionsikone, an ihn, in dem die Gründung des Deutschen Reiches in Versailles am 18. Januar 1871 sehr viel kritischer beschrieben wird als in den meisten zeitgenössischen Quellen.

Eduard Leyh, selbst Amerika-Auswanderer und Publizist, nennt Becker in der Gartenlaube (12/1875) seinen „alten Freund und Mentor“ und zitiert ihn mit einer spannenden These zur amerikanischen Nationalhymne:

„ … er meinte, eine so herrliche Melodie könne gar kein Amerikaner erfinden, dieselbe sei entschieden deutsch. Als Beweis führte er den Endreim eines hessischen Soldatenliedes an, welcher lautet:

 

„Unser Landgraf, der soll leben, und die Landgräfin daneben!
Hesse-Darmstädter sein mir, ja Hesse-Darmstädter sein mir.“

Becker argumentirte nun, daß die damals von ihren sauberen Fürsten an die Engländer verschacherten Hessen dieses Lied auf amerikanischem Boden häufig gesungen hätten und die Melodie hier von den Amerikanern aufgegriffen worden sei. Thatsächlich herrscht zwischen dem Liede der Darmstädter Patrioten und dem Endreime unserer Nationalhymne große Aehnlichkeit und ich war immer geneigt, Herrn Becker in diesem Punkte Recht zu geben;

 

 

von Peter Brunner

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