Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

28.3.2015

Zu Ludwig Büchners 191. Geburtstag am 29. März

Filed under: Darmstadt,Ludwig Büchner — Schlagwörter: — peter brunner @ 18:53

Friedrich Karl Christian Ludwig Büchner wurde am 29. 3. 1824, also vor jetzt 191 Jahren, in Darmstadt geboren.

 

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Die Familie lebte damals im Haus „Obere Baustraße” , der heutigen Elisabethenstraße, von dem leider kein Stein und auch nur wenige Ansichten erhalten blieben. Zu dem Haus konnte ich vor einiger Zeit neue und bis dahin unbekannte Details ermitteln, weil mich eine Nachfahrin des Vermieters der Büchners, Ernst Emil Hoffmann, auf einige Hinterlassenschaften ihrer Familie aufmerksam machte. Dort sind zwei von Georgs Geschwistern, Luise (1821) und Ludwig (1824), geboren, Georg Büchner war zu der Zeit also zwischen sieben und zehn Jahre alt. Zu den mir überlassenen Materialien gehört ein lithographiertes Familienbild der Hoffmanns und eine mehrbändige genealogische Ausarbeitung, auf deren allerletzter Seite ich das lang gesuchte Hoffmann’sche Haus abgebildet fand:

 

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Blick durch die Ludwigstraße auf das Hoffmann’sche Haus. Photographie (Postkarte) von ca. 1900

 

 

Ludwigsplatz, Haus Böttinger um 1935

Das gleiche Haus auf einer Photographie aus den 1930er Jahren als „Haus Böttiger”. (Zur Orientierung: das Haus stand dort, wo sich heute das „C&A”-Kaufhaus befindet) Mit freundlicher Erlaubnis des Stadtarchiv Darmstadt

 

Seit 1825 lebte die Familie dann in der Grafenstraße, im ebenfalls nicht erhaltenen Haus Nr. 39

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Das Haus der Büchners, Darmstadt, Grafenstraße 39. Aufnahme ca. 1920.

 

wo Ludwig die Praxis des Vaters übernahm, bis er schließlich in der Hölgesstraße das Haus kaufte, in dem seine Nachfahren bis zur Zerstörung 1944 lebten.

Ich selbst habe ihn in den vergangenen Jahre je nach Alter des Publikums mit den Protagonisten der Wissenschaftspopularisierung unserer Zeit, Heinz Haber, Hoimar von Ditfurth und Rangar Yogeshwar, verglichen – er war ein Welterklärer par excellence.

Neben dem schönen Vorwort zur 21. Ausgabe seines Hauptwerkes „Kraft und Stoff”, in dem sein Bruder Alexander auf sein Leben zurückschaut, gibt es zwei weitere Texte, die aus interessanter Perspektive und mit überraschenden Ergebnissen über Ludwig Büchners Leben berichten.

Rudolf Steiner hat am 13. Mai 1899 einen Nachruf auf ihn im „Magazin für Literatur“ verfasst, der für Materialisten wohl ebenso verblüffend zu lesen ist für Anthroposophen.  Der Text findet sich hier im „Steiner Online Archiv” .

Steiner schreibt u.a.:

 

„Wenn heute die Rede auf Ludwig Büchner kommt, wird man nur selten einem anderen Urteile als dem begegnen, dass sein «populäres Gerede» längst abgetan ist und dass er «in seiner Oberflächlichkeit allen Halbwissern und Dilettanten naturwissenschaftlich interessante Tatsachen und eine damit vermischte, kindlich rohe Metaphysik in leichtfasslicher Form darbot». … Es wird immer viel zu wenig darauf hingewiesen, woher eigentlich das Gefasel über den «rohen Materialismus» stammt. Es hat seinen Grund gar nicht in der Vernunft, sondern in der Empfindungs- und Gefühlswelt. Eine jahrtausendalte Erziehung des Menschengeschlechtes, zu der das Christentum ein Ungeheures beigetragen hat, war imstande, uns die Empfindung einzupflanzen, dass der Geist etwas Hohes, die Materie etwas Gemeines, Rohes sei. Und wie soll das Hohe aus dem Gemeinen stammen?… Tief steckt unseren Zeitgenossen noch die Sucht im Leibe, das Wissen zu beschränken, um für den Glauben Platz zu bekommen. Und Geister, welche dem Wissen die Macht zuerkennen, den Glauben allmählich zu verdrängen, werden als unbequem empfunden. Ja, «es ist zum Entzücken gar», wenn man irgendwelche Fehler m ihren Gedankengängen nachweisen kann. Als ob es nicht eine alte Erkenntnis wäre, dass im Anfange alle Dinge in unvollkommener Gestalt auftauchen! …”

Und einige Jahre nach der deutschen „Wende” veröffentlichte die Leibniz Societät hier einen Aufsatz ihres Mitglieds Dieter Wittich, in dem dieser auf eine geradezu honorige Art und Weise eine Ehrenrettung des von vielen Marxisten als „Vulgärmaterialist” und „Reiseprediger” abgetanen Büchner unternimmt:

 

„Warum haben Marx und Engels diesen Mut so wenig honoriert, sich einzig auf offensichtliche Schwächen von Büchners philosophischem Denken konzentriert und diese mit Hohn und Spott bedacht? … Ein Grund hierfür ist sicher in der Arbeiterbewegung selbst zu suchen. Nicht nur dass Büchners Schriften in dieser verbreitet waren und dort philosophisch
andere Akzente setzten, als dies Marx und Engels lieb sein konnten. Büchner widersetzte sich auch bald nach der Revolution von 1848/49 dem Bemühen, eigenständige Arbeiterparteien zu bilden und erst recht der Forderung nach einem gewaltsamen Umsturz der bestehenden sozialen Verhältnisse. In der Frage der Machterlangung entfernte er sich vom zweiten Teil der berühmten Losung seines Bruders Georg, dem „Krieg den Palästen!“, um so mehr je älter er wurde. Freilich, die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse hielt auch er auf Dauer nicht für haltbar. Viele der auch heute noch ins Auge springenden Widersprüche hat er wieder und wieder angeprangert. Eine gerechtere Gesellschaft, die er sozialistische nannte, schien auch ihm nicht nur begehrenswert, sondern auch unausweichlich. Aber sein Allheilmittel waren nicht die „Diktatur des Proletariats“, nicht die politische Revolution, nicht die Herrschaft einer sozialen Klasse (einer relativ ungebildeten zudem, von deren Macht er nur ein politisches und kulturelles Desaster erwartete, einer Klasse, die noch lange Zeit der Fürsorge sozial engagierter Bürger und besonders von Intellektuellen bedürfe). Der Weg zur Macht könne allein durch Einsicht, Vernunft, Überzeugung und vor allem eine weit höhere Volksbildung geebnet werden. Für eine solche friedliche Überwindung des Kapitalismus lebte und wirkte er. Auch ein staatliches Eigentum an Produktionsmitteln im Unterschied zu einem gesellschaftlichen wollte er nicht, denn das, meinte Büchner schon 1863 gegenüber Ferdinand Lassalle, würde die Eigeninitiative hemmen, die staatliche Bürokratie und Bevormundung grandios vermehren.
Ja, eine solche Nationalproduktion müsse an der Schwerfälligkeit ihrer Bürokratie ersticken. Das waren Einwände, über die auch ich mich in früheren Publikationen geringschätzig hinweggesetzt habe, die aber nach dem in den letzten Jahrzehnten Erlebten weit ernsthafter zu betrachten sind.”

 

 

 

SPeterBrunner

von Peter Brunner

11.9.2012

LUDWIG BÜCHNER UND DIE FRAUENFRAGE

 

Die Luise Büchner-Gesellschaft e. V.  lädt herzlich ein: 

 

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Die enge Verbindung der Büchner-Geschwister ist durch ihre Schriften belegt. Dass Luise Büchner (1821-1877) ähnliche Gedanken zu Religion, Politik und Kunst vertrat wie ihre jüngeren Brüder, war in einer patriarchalischen Gesellschaft normal. Erstaunlich jedoch, dass auch sie das Werk ihrer Brüder beeinflusste. Ludwig Büchners Schriften zur so genannten Frauenfrage zeugen davon. Ziemlich bekannt ist Ludwig Büchners Bemerkung in seinem aufschlussreichen Bericht über seine Kontakte zu Ferdinand Lassalle:

 

„ … Am 15. früh (Mai 1863 – pb) erhielt ich ein Telegramm aus Frankfurt, welches Lassalles Ankunft bei mir auf elf Uhr ankündigte. Er kam mit dem riesigen Selbstvertrauen, welches ihn auszeichnete und welches auch aus seinen Briefen hervorleuchtet, in der Hoffnung des Veni vidi vici und in der Überzeugung, dass es ihm ein Leichtes sein würde, mich für seine Sache zu gewinnen und damit auf der Frankfurter Versammlung durch Herüberziehung der gesammten Arbeiterverbindung des Maingaues eine starken Trumpf auszuspielen. Diese Hoffnung mußte, nachdem ich mich auf der Rödelheimer Versammlung in der geschilderten Weise ausgesprochen hatte, selbstverständlich getäuscht werden, und sehr mißmutig darüber verließ mich nach langen Diskussionen der Agitator am Abend desselben Tages, ohne indessen die Hoffnung eines schließlichen Umschlages für den 17. Mai ganz aufgegeben zu haben. Obgleich vollkommener Weltmann, ließ er sich doch durch diesen Mißmut hinreißen, die Regeln der Höflichkeit gegen Damen außeracht zu setzen, indem er meiner Schwester Luise (Verfasserin von „Die Frauen und ihr Beruf“ usw.), welch sich einmal in die Diskussion gemischt hatte, zurief: „davon verstehen Frauenzimmer nichts – ” und die vollständig eingeschüchterte Rednerin damit für den übrigen Teil des Tages mundtot machte. …“

Ludwig Büchner: Meine Begegnung mit Ferdinand Lasssalle. Ein Beitrag zur Geschichte der sozialdemokatischen Bewegung in Deutschland. Nebst fünf Briefen Lassalles. Von Prof. Dr. Ludwig Büchner in Darmstadt. Berlin. Hertz und Süßenguth. 1894. S. 28/29

 

Es gibt zahlreiche weitere Stellen in Ludwig Büchners Werk, die seine ungewöhnlich moderne und aufgeschlossene Haltung gegenüber Frauen dokumentieren.

 

Agnes Schmidt und Peter Brunner,

Vorstandsmitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft,

stellen einige dieser Schriften vor:

 

Literaturhaus Darmstadt 

18. 9. 2012, 19.30 Uhr

Kasinostr. 3, Darmstadt 

Eintritt 5 €

 

Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft frei

 

 

 

 

12.6.2011

„ … wer bei Gesundheit und Kraft nicht arbeiten wollte, würde das volle Recht erwerben, ohne Bemitleidung oder Hülfe von Seiten der Gesellschaft zu verhungern oder zu Grunde zu gehen.” (Ludwig Büchner)

Filed under: Geschichte,Ludwig Büchner,Texte — peter brunner @ 20:25

Unter der Signatur LA A 7416 liegt im Coburger Staatsarchiv ein Konvolut von Akten mit Korrespondenz zwischen dem hier bereits erwähnten Coburger Fürsten Ernst II. und Ludwig Büchner.

Das Coburger Staatsarchiv

 

Darin findet sich der Entwurf eines Schreibens von Ernst II. an Bismarck vom 13. November 1880, in dem er dem Reichskanzler eine „kleine Abhandlung“ Ludwig Büchners empfiehlt. Am 28. Dezember 1880 bedankt sich in einem dort ebenfalls vorliegenden Schreiben Büchner für die Übermittlung an Bismarck und übersendet ein Manuskript mit dem Titel „Übernahme des Lebens-Versicherungs-Wesens durch den Staat“. Diesem Schreiben liegt ein zweiunddreißigseitiges handschriftliches Manuskript in drei Bögen mit diesem Titel bei. Im zweiten Band von Ludwig Büchners „Aus Natur und Wissenschaft“ von 1884 ist ein Text mit diesem Titel auf neun Seiten abgedruckt. Ich habe diesen bisher nur im Frakturdruck vorliegenden Text transkribiert (übrigens indem ich den Text meinem Computer und der Software Dragon Naturally Speaking mit überraschend gutem Ergebnis vorgelesen habe) und stelle ihn hier im Rahmen der gelegentlichen Veröffentlichung von Originaltexten der Büchners gerne zum allgemeinen Gebrauch zur Verfügung.

 Leider haben die unsäglichen Nutzungs- und Kopiervorschriften der bayerischen Archive unmöglich gemacht, dass ich das Manuskript mit meiner eigenen Kamera, selbstverständlich berührungslos und ohne Blitz, kopieren konnte. Auch die durchaus interessanten weiteren Briefe im Konvolut konnte ich nur oberflächlich lesen. Auf den erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand, mir von den Fachkräften des Archivs die Kopiearbeit als Dienstleistung zu erbitten und zu bezahlen, habe ich zunächst verzichtet.

 Völlig zu Recht verweist der verdiente Klaus Graf auf archivalia immer wieder auf diese unzeitgemäßen, alleine durch Selbstherrlichkeit und Ignoranz zu begründende Nutzungseinschränkungen hin. Archivalien müssen selbstverständlich auf das sorgfältigste vor jeder Beschädigung bewahrt werden, schränkt man ihre Nutzung aber über diese Bedingungen hinaus ein, so wird damit der Zweck des Archivierens ad absurdum geführt: auch das besterhaltendste Archivgut dient ja immer nur dem Sinn, genutzt zu werden und möglicherweise neue Erkenntnisse zu verschaffen.

 

 

23.5.2011

Ludwig Büchner forscht über geheimnisvolles Leuchten

Filed under: Ludwig Büchner,Texte — peter brunner @ 10:23

Anlässlich des heutigen Geburtstages von Franz Anton Mesmer einmal ein etwas ausführlicherer Text zu einem verwandten Thema.

 

Ich freue mich übrigens über Kommentare hier, die mich wissen lassen, ob das Veröffentlichen historischer Texte hier von den Lesern für sinnvoll und informativ gehalten wird.

 

 

Ludwig Büchners erste eigenständige Buchveröffentlichung (nach der Veröffentlichung seiner Dissertation – dazu gelegentlich mehr – und der Herausgabe von Georgs gesammelten Werken 1850) war eine Schrift mit dem Titel „Das Od“, die er 1854 bei dem Darmstädter Buchhändler Diehl verlegte. Er setzte sich darin mit der Theorie Karl von Reichenbachs auseinander, der behauptete, eine dem Magnetismus verwandte biologische Kraft gefunden zu haben, die er „Od“ (nach dem germanischen Gott Odin) nannte.

 

 

Karl von Reichenbach

Der Text biete eine schöne Einführung in Ludwigs Methode, mit Fragestellungen und Theorien umzugehen, und ist eine Erläuterung seines Anspruches, den Dingen mit naturwissenschaftlichen Methoden auf den Grund zu gehen. Die Spiritisten kriegen gleich zu Anfang ihr Fett weg, und im Verlauf de Textes entsteht der Eindruck, dass sich Ludwig Büchner ungern, aber unerbittlich, von der Od-Theorie distanziert. Ich habe in seinen späteren Werken bisher auch noch keine weitere Erwähnung davon gefunden.

 

Ludwig schreibt:

 

„ … Abgesehen von dem wissenschaftlichen Interesse des Gegenstandes an sich, glaubte der Verfasser auch in seiner Achtung gegen das größere Publikum, welches sich bekanntlich in den letzten Jahren in großen und weiten Kreisen ungemein für die Sache interessiert hat, einen Antrieb zur Anstellung von Nachversuchen finden zu dürfen. Für sich allein freilich dürfte diese letztere Umstand, so oft er auch bei Gelegenheit des Tischrückens gegen wissenschaftliche Kreise geltend gemacht wurde, nicht das nöthige Gewicht in die Wagschale werfen, und das Publikum möge verzeihen, wenn ihm nicht jedesmal in allen seinen Neigungen der Wille gethan wird. Die außerordentliche und nie gesehene Theilnahme, welche das Publikum aller Stände und aller Länder für das Tischrücken an den Tag legte, war dennoch nicht im Stande, dem Gegenstand ein wirklich wissenschaftliches Interesse und Aufmerksamkeit von Seiten der Naturforscher zuzuwenden. Gewiß mit Recht ließen die Letzteren die enragierten Laien vergebens über die Theilnahmslosigkeit der Wissenschaft schreien und schelten. Daß ein Tisch tanzen und sprechen könne, diese widersprach so sehr allen Begriffen, welche aus einer venünftigen Naturbetrachtung erwachsen sind und stand von Vornherein, auch ohne Experimente, so sehr in Widerspruch mit den Erfahrungen, welche seit Jahrtausenden über die Unwandelbarkeit gewisser Naturgesetze gemacht worden sind, daß man wohl in stiller Nichtachtung schweigen und abwarten konnte, bis die Zeit die Närrischen von selbst zur Vernunft gebracht haben würde. … Als die Reichenbachschen Briefe in der Allgemeinen Zeitung erschienen und in wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Kreisen eine lebhafte Besprechung und Discussion fanden, theilten sich sehr rasch und entschieden die Meinungen, die Einen für, die Andern gegen die Sache. Solche rasche Partheinahme ohne nähere Prüfung konnte natürlich nur von solchen geschehen, denen die Begriffe naturwissenschaftlicher Forschung nicht geläufig waren. Keine noch so hitzige Debattierung mit theoretischen Gründen konnte sie an´s Ziel führen. Eine Sache, welche sich vor Allem auf Versuche, auf Thatsachen beruft und nicht den Stempel wissenschaftlicher Unmöglichkeit an de Stirn trägt, kann nur wieder durch Versuche, durch eine experimentelle Nachprüfung endgültig entschieden werden, so sehr vielleicht auch theoretische Gründe dagegen zu sprechen scheinen. Das Experiment ist es ja, was die Naturwissenschaften in den letzten Jahren so groß gemacht hat, daß sie gegenwärtig Leben und Wissenschaft beherrschen, das Experiment ist es, was ihnen eine noch größere Zukunft als Gegenwart sichert, das Experiment endlich ist es, welches beginnt, seinen Einfluß auch in den übrigen Gebieten des menschlichen Wissen ´s und Denken´s geltend zu machen. Was gelten jetzt noch metaphysiche Systeme? Was helfen uns jetzt die dickleibigen Bände der Staats- und Völkerrechtslehrer, was die künstlichen Gebäude der Gesellschafts-Verbesserer, nachdem die Experimente der vergangenen Jahre alle diese Theoretiker so gründlich beschämt haben?. Man glaubte die Wahrheit verbrieft und ausgemacht in der Tasche zu haben, aber beim ersten Windstoße der That flog die papieren Weisheit davon. …“

 

 

 

Es folgt jetzt eine länger Schilderung des angeblichen Ods, einer Kraft, welche ähnlich dem Magnetismus zahlreichen organischen und anorganischen Gegenständen und Lebewesen innewohne und von „sensitiven“ Menschen wahrgenommen werden könne. Dann folgt die Beschreibung von in Tübingen angestellten Experimenten sowie ein kritisch-distanzierter Schluss:

 

„ … In der Dunkelkammer hielten wir mit verschiedenen Personen beiderlei Geschlechts 11 Sitzungen von je 1- 3 Stunden Dauer. … Die Mehrzahl der Versuchs-Personen sah Nichts, bei einer Minderzahl fehlte es nicht an mitunter sehr intensiven Lichterscheinungen verschiedener Art, … Es schien uns allerdings einigemal, als ob diejenigen Personen, welche für odische Eindrücke am empfänglichsten waren, auch der Einwirkung des thierischen Magnetismus am meisten zugänglich seien. … Was nun unsere eigenen Versuche anlangt, so sind dieselben unvollständig, gering an Zahl, eigentlich nur Präliminarien zu einer genaueren und in größerem Maaßstab ausgeführten Untersuchungen, und können deßwegen auch, wie ich schon angedeutet, keinen endgültigen kritischen Ausspruch über die Sache begründen. … Ich glaube voraussetzen zu dürfen, daß Reichenbachs Versuchs-Resultate nicht minder mit solchen Fehlern und Unvollkommenheiten behaftet waren, wie die unsrigen, daß aber der Entdecker des Od, wie jeder Begründer einer neuen Theorie, nur das aus ihnen herauszog, was einer Ansicht zur Stütze dienen konnte, und das Widersprechende verschwieg. … Sollte sich auch bei solchen Prüfungen die Reichenbach´sche Theorie nicht bestätigen, so kann es immerhin nur von Nutzen und wissenschaftlichem Interesse sein, gerade in diesem als Schatten- oder Nachtseite der menschlichen Natur bezeichneten Gebiete durch eine auf Thatsachen fußende Forschung einiges Licht verbreitet zu sehen. An solchen Dingen bloß nichtachtend vorüberzuschreiten, dürfte nach meiner Ansicht nicht mehr zeitgemäß, auch nicht einmal des Gelehrten würdig sein. … “

 

Ludwig Büchner: Das Od. Eine wissenschaftliche Scizze. Darmstadt. Diehl. 1854. 48 S.

 

 

 

24.7.2009

Ludwig Büchner

Filed under: — peter brunner @ 15:34

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Friedrich Karl Christian Ludwig Büchner (* 29. März 1824 in Darmstadt; † 1. Mai 1899 ebenda), war Arzt, Naturwissenschaftler und Philosoph. Er gilt als ein der Wegbereiter des „Vulgärmaterialismus” oder „Monismus”.

Der jüngere Bruder Georg Büchners und erste, anonyme Herausgeber seiner „Nachgelassenen Schriften“, studierte in Gießen Medizin, praktizierte als Arzt in Tübingen und veröffentlichte zahlreiche naturwissenschaftlich-philosophische Schriften. Noch während seiner Promotionszeit engagierte er sich in der 1848er-Revolution. Büchner war neben Carl Vogt und Jakob Moleschott einer der fruchtbarsten und erfolgreichsten Vertreter der „Heiligen Familie”, der (so Franz Mehring) „in der nach 1848 sich formierenden Reaktion einen frischen Windstoߔ darstellte. 1881 gründete Büchner den Deutschen Freidenkerbund und war Mitinitiator des noch heute bestehenden Freien deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main.

Büchner betätigte sich als Vermittler naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse, er propagierte die Evolutionstheorie von Darwin in Deutschland und stellte eine mechanistische Vererbungslehre auf. Zugleich versuchte er sich immer wieder an systematischen Darstellungen seiner Theorie einer ‚natürlichen’, d.h. mechanistisch-materialistischen Weltordnung, deren philosophischer Gehalt seit dem Erstlingswerk „Kraft und Stoff“ von 1854 – das als „Hausschatz des Kleinbürgertums“ erst durch Ernst Haeckels „Welträtsel“ ersetzt wurde. „Kraft und Stoff“ war mit 21 deutschen Auflagen innerhalb von nur fünfzig Jahren und zahlreichen Übersetzungen in andere Sprachen ein für seine Zeit ungewöhnlich erfolgreiches Buch, dessen Autor daraufhin allerdings schon 1855 die Lehrbefugnis entzogen wurde; er musste als praktischer Arzt nach Darmstadt zurückkehren.

Für Büchner sind „Denken und Sein ebenso unzertrennlich wie Kraft und Stoff oder Geist und Materie“; deshalb sei „nichts klarer, als dass, so hoch differenziert und eigentümlich auch die Charaktere des Lebens sein mögen, dieselben doch nichts mehr und nichts weniger sind, als Bewegungen der unter eigentümliche und hochspezialisierte Bedingungen gebrachten gewöhnlichen Materie“. Das ‚große Welträtsel’ zu lösen, ist Büchner zufolge der eigene Materialismus außerstande: „Auch wird dieses Welträtsel von dem menschlichen Verstande niemals gelöst werden, da dieser die ihm von Natur und Erfahrung gesteckten Grenzen von Zeit, Raum und Kausalität, die das Weltall als solches nicht kennt, nicht zu überspringen vermag.“ Von Büchners späteren Schriften, in denen als Kern seines Materialismus ein „vulgärer”, moralisch pointierter Idealismus sich erweist, sind denn auch mehrere dem Verhältnis der Naturwissenschaften zu religiösen Fragen gewidmet. Folgerichtig hat man auf seinen Grabstein (auf dem Alten Friedhof in Darmstadt) geschrieben:

Das „Warum” wird offenbar, wenn die Toten auferstehn,
doch das „Wie” ist sonnenklar, wenn die Welt wir recht verstehn.

Werke

•          Kraft und Stoff, 1854

•         Physiologische Bilder, 2 Bde., 1861/75

•         Die Darwinsche Theorie von der Verwandlung der Arten und die erste Entstehung der Organismenwelt, 1868

•        Die Macht der Vererbung und ihr Einfluß auf den moralischen und geistigen Fortschritt der Menschheit, 1882

•          Die Stellung des Menschen in der Natur, 1868

•          Über religiöse und wissenschaftliche Weltanschauung, 1887

•        Der neue Hamlet. Poesie und Prosa aus den Papieren eines verstorbenen Pessimisten, 1885 (pseudonym), 2. Aufl. 1901

•          Das Buch vom langen Leben oder die Lehre von der Dauer und Erhaltung des Lebens. (Makrobiotik), 1892

•          Darwinismus und Sozialismus, 1894

•         Im Dienste der Wahrheit, 1900

Sekundärliteratur

o          J. Frauenstädt, Der Materialismus. Eine Erwiderung auf Ludwig Büchners „Kraft und Stoff“, 1856

o          P. Janet, Der Materialismus unserer Zeit in Deutschland. Prüfung des Büchnerschen Systems, 1866

o          F.A. Lange, Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung für die Gegenwart, hrsg. von Alfred Schmidt, 1974, Bd. 2, passim

o          D. Wittich, Zur Geschichte und Deutung des Materialismus von Vogt, Moleschott und Ludwig Büchner, in: Wiss. Zschr. Der Humboldt-Universität Berlin, Gesellsch.-sprachwiss. Reihe Bd. 12, 1963, S. 389 ff.

•          P. Berglar, Der neue Hamlet. Ludwig Büchner in seiner Zeit, 1978

 

 

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