Kürzlich habe ich hier über Elisabeth Büchner, Wilhelm Büchners Frau, berichtet. Dort veröffentlichte ich auch ein Foto, das sich in der Hinterlassenschaft der Familie erhalten hat und von Ernst Büchner, ihrem Sohn, beschriftet wurde mit: „Mamas Geburtshaus in Gouda”.
Büchner-Wohnhaus in Gouda. Auf der Rückseite von Ernst Büchner hschr. beschriftet: „Mamas Geburtshaus in Gouda”
„Wie kan ons vertellen waar dit huis in Gouda staat? De Duitse familie van Wilhelm Büchner (1816* – 1893†, arts) is op zoek naar zijn voormalig woonhuis (rond 1845).” („Wer weiß, wo diese Haus in Gouda steht? Die deusche Familie von Wilhelm Büchner ist auf der Suche nach seinem früheren Wohnhaus”)
Schon Minuten später kam die Antwort „Turfmarkt”, kurz danach die Hausnummer (54/56). Jetzt konnte ich selbst bei Google nachsehen und fand die aktuelle Ansicht des Hauses, die bei ausreichender Vergrößerung sogar die Aufschrift „W. F. Büchner Huis” zeigt (beim Klick auf das Foto öffnet sich Googles Streetview):
Gouda, Turfmarkt 56. Google Streetview-Ansicht vom 11. 12. 2015
Gouda, Turfmarkt 56. Google Streetview-Ansicht vom 11. 12. 2015 (w.o.). Vergrößerte Ansicht
Später wurde auch noch ein Aufnahme veröffentlicht, die einen Zwischenstand des Hauszustandes zeigt:
Ein nicht besonders bedeutendes Detail der Büchnerschen Familiengeschichte, das sich natürlich auch mit einer Archivsuche in Gouda hätte machen lassen (die hierdurch auch nicht zu ersetzen ist), aber sich auf diesem Wege die „Weisheit der Cloud” zu nutze machte und mir ein paar informelle Kontakte nach Gouda verschafft hat.
Beitragsvorschläge vor allem zum Themenkomplex „Georg Büchner und die Revolution“. Auch andere das Werk Georg Büchners berührende Themenvorschläge sind herzlich willkommen.
zur Jahrestagung der Georg Büchner Gesellschaft (30./31. 10. in Marburg) eingereicht werden, teilt diese hier und hier (bei H-Net) mit.
Da wird sich ja wohl ‚was finden lassen. Google findet zu den beiden Stichworten z.B. 169.000 Einträge. Ob und wie das Motto
„Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen (…)“. Georg Büchner und die Revolution”
(aus der Saint Just Rede im Danton) Weichen stellen soll, wird sich wohl erst am Ende der Tagung erweisen.
Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dazu Informationen hier vom UNHCR und hier von der UNO-Flüchtlingshilfe. Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.
Der löbliche und angemessene Hinweis ist an dieser Stelle noch um Informationen auf weitere Büchner-Flüchtlingsschicksale zu ergänzen.
Weniger dramatisch und nur kurzfristig war Alexander Büchners Flucht vor Verfolgung ins Versteck bei seinem Pfungstädter Bruder Wilhelm. Ich schrieb dazu 2009:
„Komischerweise hat noch nie jemand darauf hingewiesen, wie aberwitzig dieser Ausflug am Pfingstmontag, dem 28. Mai 1849, tatsächlich war. Alexander hatte sich nämlich in Pfungstadt in den weitläufigen Örtlichkeiten der Blaufabrik vor Verfolgung versteckt, und ausgerechnet in den durchaus absehbaren Geplänkeln der Revolutions-Niederschlagung spazierenzugehen, darf man schon waghalsig nennen. Das Gefecht bei Heppenheim zwischen den badischen Revolutionstruppen und den Soldaten der hessischen Konterrevolution fand nur zwei Tage später, am 30. Mai, statt. Alexander riskierte im wörtlichen Sinn sein Leben, und vielleicht sollten wir ihm zugestehen, dass er sich vom Stand der Bedrohung überzeugen wollte und den Spaziergang in Zukunft besser Erkundung nennen.”
Später blieb ihm nichts anderes übrig, als Deutschland zu verlassen. Nachdem ihm der „Access ”, die Zulassung als Anwalt vor Gericht, entzogen worden war, hat er ein weiteres Studium absolviert. Auch als Sprachwissenschaftler gelang es ihm aber nicht, in Deutschland (und auch nicht in der Schweiz) angestellt zu werden. Seine bescheidene Karriere in Frankreich zum Professor für Deutsch an der Universätät von Caen entsprach durchaus nicht dem, was in einem liberalen Deutschland aus ihm hätte werden können. Er selbst schreibt in seinem Lebensbericht „Das tolle Jahr“
„Nun waren meine Aussichten als deutscher Schriftsteller zwar recht gut, andererseits aber reizte mich die Gelegenheit, das Französische grundmäßig kennen zu lernen sowie Land und Leute in nächster Nähe zu studieren, so daß ich mich schnell entschloss, das Angebotene zu ergreifen.” (a.a.O., S. 212)
Dies ist nun in mehr als einer Beziehung ein Alexander’scher Euphemismus: tatsächlich stand er trotz zweier Studien, doppelter Promotion und nachdem er ein durchaus vorzeigbares Werk vorgelegt hatte („Geschichte der englischen Poesie“, Darmstadt 1855), dem er 1858 „Französische Literaturbilder” (Frankfurt a.M., Herrmmann’scher Vlg.) folgen ließ, vor dem beruflichen Nichts. Seine Auswanderung nach Frankreich darf sehr wohl als Exil verstanden werden.
Viele Freunde der Büchners mussten Deutschland zwischen 1837 und 1860 verlassen: zum Beispiel der arme Minnigerode, als Bote mit Exemplaren des Hessischen Landboten in Gießen verhaftet und im Gefängnis fast verückt geworden, und nur entlassen wurde, weil seine Familie zusagte, dass er nach Amerika auswandern werde (wo er ein neues Leben als Prediger begann); oder August Becker, der treueste Freund Georg Büchners, der nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt in die Schweiz gegangen war, von wo er zurück in die 48er Revolution kam und danach Landtagsabgeordneter wurde, bis ihm wegen angeblicher Gotteslästerung erneut Gefängnis drohte. Er könne nie wieder in ein deutsches Gefängnis gehen ohne zu sterben, soll er gesagt haben, bevor er 1853 in die USA floh. Oder Gustav Buß, der ebenfalls als 48er mit seiner Frau aus Karlsruhe in die USA floh und in den siebziger Jahren mit seinen Kindern zurück kam. Er hatte in Texas erleben müssen, dass die Südstaatler die Deutschen Exilanten mit Gewalt in die Armee pressen wollten und hatte sich dem, wie viele weitere Deutsche, widersetzt. Es kam zu Menschenjagden und Erschiessungen; Buss entkam nach Mexiko. In Darmstadt heiratete sein Sohn Karl („Don Carlos”) 1888 Ludwig Büchners Tochter Mathilde.
Luise Büchner schreibt über die Folgen der Niederlage von 1849:
„Strenge musste man sich hüten, das, was man dachte, nicht über die Lippen treten zu lassen, denn strafte das Gesetz schon jeden, den es erreichen durfte und konnte, mit voller Härte, so suchte man auch die bloße Gesinnung zu bestrafen, wo es im Bereiche der Möglichkeit lag. Diese Mißliebigen wurden dann zu keinem Amte mehr zugelassen, von den Staatsprüfungen zurückgewiesen, nicht befördert und sonst noch auf jede Weise bedrückt. So sahen sich auch noch in den folgenden Jahren viel strebsame, junge Männer genötigt, den Staatsdienst zu quittieren oder das Vaterland zu verlassen um ihre Kenntnisse um Auslande zu verwerten. Ein neuer Aufschwung der Literatur, welcher einigermaßen zu trösten vermocht hätte, war unter diesen Verhältnissen ebenso wenig zu erwarten: wer wollte noch Freiheitslieder singen und an die Herzen seiner Nation anpochen, wo die Gegenwart nichts empfinden ließ als die hoffnungslose Erinnerung an eine große Enttäuschung. Wo das Große nicht gedeihen konnte und nicht nehr ausgesprochen werden durfte, da kam das Kleine und Süßliche an die Reihe.” (Luise Büchner. Deutsche Geschichte, Lpzg. 1875, S. 570)
Es ist bitter, das bis heute Menschen die schreckliche Erfahrung machen müssen zu fliehen. Und es ist unerträglich, das ausgerechnet in Deutschland, das so lange, so oft und so viele zu Flucht gezwungen hat, das Recht auf Asyl mit Worten und Taten in Frage gestellt wird.
* (Georg Büchner im Brief an die Eltern, Straßburg 2.11. 1835) – ich weiß, dass ich das schon mal zitiert habe. Selbst Georg Büchner hat sich gelegentlich wiederholt, besonders, wenn die Pointe passte …
Parallel zur Georg-Büchner-Ausstellung im Darmstadtium finden diese und nächste Woche zwei Tagungen statt, auf die ich gebeten wurde, hier aufmerksam mache – die Anmelde- und Teilnahme-Modalitäten werden erwähnt oder sind verlinkt.
Die TU Darmstadt beteiligt sich mit Blick aus ihrer interdisziplinären Forschungsperspektive mit eigenen Veranstaltungen zum Thema.
Workshop „Büchner und die Naturwissenschaften“
25.-26.10.2013
Kleiner Saal im Georg Christoph Lichtenberg Haus
„Die Natur handelt nicht nach Zwecken, sie reibt sich nicht in einer unendlichen Reihe von Zwecken auf, von denen der eine den anderen bedingt; sondern sie ist in allen ihren Äußerungen sich unmittelbar selbst genug.“ Georg Büchner, Probevorlesung über Schädelnerven
Der Gedanke, dass Büchners naturwissenschaftliche Ausbildung und insbesondere seine anatomischen Studien sein gesamtes Denken und Schreiben geprägt haben, ist in der Büchnerforschung immer wieder in unterschiedlichen Varianten diskutiert worden. Ziel der Veranstaltung ist es, einen Einblick in Büchners naturwissenschaftliche Arbeiten zu geben und ihre Auswirkungen auf seine politischen, philosophischen und literarischen Schriften zu erkunden.
Der Workshop versammelt renommierte Wissenschaftler, um das Thema auf dem neusten Stand der Büchnerforschung zu diskutieren. Mit Beiträgen von Roland Borgards (Würzburg), Burghard Dedner (Marburg), Johannes F. Lehmann (Essen), Anja Lemke (Köln), Ethel Matala de Mazza (Berlin), Nicolas Pethes (Bochum), Udo Roth (München), Hubert Thüring (Basel) u.a.
Verantwortlich: Forum interdisziplinäre Forschung (FiF) der TU Darmstadt
Teilnahme: Anmeldung per Mail
Veranstaltungsort: Darmstadt, Georg Christoph Lichtenberg Haus, Dieburger Straße 241
Veranstaltungszeitraum: 25.-26.10.2013
Freitag, den 25.10.2013 10:00 Uhr Führung im Darmstadtium / 12:00 bis 13:00 Mittagspause / 13:00 bis 19:00 Uhr Vorträge und Diskussionen im Lichtenberg Haus
Samstag, den 26.10.2013 10:00 bis 14:00 Uhr Vorträge und Diskussionen im Lichtenberg Haus
Programmheft
und
Georg Büchner Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Staatsarchiv, Darmstadt
Revolution und Freiheit − Georg Büchner und seine Geschwister
Jahrestagung der Georg Büchner Gesellschaft e. V. Darmstadt, 31.10.−01.11.2013 Donnerstag, 31.10.2013
14.00−14.40 Matthias Gröbel: „Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da.“ Selbstzweck und Teleologie
bei Georg und Ludwig Büchner
14.40−15.20 Manfred Köhler: Das Gesellschaftsverständnis bei Georg und Wilhelm Büchner
15.20−16.00 Wolther von Kieseritzky: „… Widerstand gegen die triumphierende Reaction“. Das
politische Wirken von Wilhelm und Ludwig Büchner
16.00−16.20 Pause
16.20−17.00 Alfons Glück: Büchners dichterische Phantasie und Blick auf die Geringsten
17.00−17.40 Klaus Kroner: „Der Hessische Landbote“ und die ‚Schwarze Kunst‘
17.40−18.20 Thomas Lange: „… in Shakespeare finden wir es“ − Der Literaturwissenschaftler Alexander
Büchner und das Werk seines Bruders Georg in Frankreich
Freitag, 01.11.2013
09.00−09.40 Reinhard Pabst: Georg Büchner und die Seinen
09.40−10.20 Hans Sarkowicz: Von versuchten Selbstmorden, gelungenen Selbstentmannungen und
gescheiterten Selbstdarstellungen. Ernst Büchner als experimenteller Mediziner
10.20−10.40 Pause
10.40−11.20 Birte Förster: Beruf und Bildung ‚der Frauen‘. Geschlechterkonfigurationen und
Erziehungsentwürfe im Werk Luise Büchners
11.20−12.00 Nora Eckert: Dem Menschen beim Denken zuschauen. Philosophisches in Büchners Theater
11.20−12.00 Ralf Beil: Das Wort ausstellen. Oder: Der Schreibstratege am Seziertisch
Ort: Haus der Geschichte (Staatsarchiv), Vortragssaal, Karolinenplatz 3, 64289 Darmstadt
Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung wird gebeten unter info@buechnergesellschaft.de.