Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Büchner (Seite 43 von 45)

Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller gesichert wird und die aus dem Wohl aller hervorgehen sollen.*

Es hat lange gedauert, bis wir vom Bundesfinanzministerium erfuhren, dass es 2013 eine Briefmarke zum Andenken an Georg Büchners 200 Todestag geben wird; offenbar erscheint am 10. Oktober 2013 auch eine 10 €-Gedenkmünze, wie wir den einschlägigen websites

 Muenzen.Eu

und

Muenzen-News.De  

entnehmen konnten.

DDR-Buechner 1963

Die 20-Pfennig-Briefmarke der DDR von 1963

Wir sind gespannt, ob man mutig genug ist, Alexis Mustons schöne Skizze zur Grundlage der Gestaltung zu nehmen!

Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Pikanterie, dass ausgerechnet so offenbar auf den Staat bezogene Stücke wie Briefmarken und Münzen Georg Büchner als Motiv tragen werden.

Es liegt an der Autorschaft, der Publizistik und den Veranstaltern, dafür zu sorgen, dass das als Anerkennung der revolutionären Qualität  von Georg Büchners Literatur und Politik wirkt und nicht als öffentliche Demonstration von erloschenen Wirkkraft und eingetretener Harmlosigkeit!

*aus dem Hessischen Landboten, hier im Zusammenhang:  

 Dies Geld ist der Blutzehnte, der vom Leib des Volkes genommen wird. An 700.000 Menschen schwitzen, stöhnen und hungern dafür. Im Namen des Staates wird es erpreßt, die Presser berufen sich auf die Regierung, und die Regierung sagt, das sei nötig, die Ordnung im Staat zu erhalten. Was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller gesichert wird und die aus dem Wohl aller hervorgehen sollen. – Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht, was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700.000 Menschen bezahlen dafür 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden.

„Christ und Bürger, deine Pflicht, heißt dich suchen Recht und Licht!“*

Im Rahmen der Bildungsarbeit hat das evangelische Dekanat Darmstadt-Land zu einer Exkursion auf den Spuren von Friedrich Ludwig Weidig nach Butzbach und Umgebung eingeladen.

 

Eine Stadtführung durch die schöne Fachwerkinnenstadt (mit den üblichen Problemen Sanierungsstau und Konflikt mit Eigentümerinteressen), eine Führung durch das außergewöhnlich gut ausgestattete Museum und schließlich noch die Besichtigung zweier Stätten außerhalb der Stadt waren auf dem Programm.

 

In Butzbach ist die Scheune verschwunden, in der Weidig das Manuskript und später die gedruckten Exemplare des Hessischen Landboten versteckte; die Kirche, sein Elternhaus, das Haus des Konrektors und auch die damalige Lateinschule sind erhalten.

Butzbach: rechts das Haus, in dem Weidig als Konrektor lebte, links die ehemalige Lateinschule, wo er unterrichtete 

 

Im Museum gibt es einen Gedächtnisraum an Weidig und die Zeit von 1800 – 1850; dabei Hinweise auf die Sammlung des Weidig-Forschungsarchives, besonders auch die dort untergebrachte bedeutende Sammlung Heil.

 

Am Stadtrand liegt der „Schrenzer“, die Gegend an der historischen „Schranke“, dem Limes, der dort verlief (das Kastell war größer als die Saalburg!). Dort errichtete Weidig den ersten hessischen Turnplatz, an den ausgerechnet die Nazis mit einem Gedenkstein erinnerten. Schon 1848 haben die Butzbacher dort einen „Weidig-Hain“ angepflanzt, dessen Bäume den Schriftzug seines Namens bildeten. Zwei der großen Eichen aus dieser Zeit stehen noch vor Ort. Auch eine großer Gedenkstein, den kurz nach Weidigs 175. Todestag noch der Gedenkkranz der Stadt schmückte, ist dort aufgestellt.

 Weidig Gedenkstein

 

 Der Weidig-Gedenkstein  und der historische Turnplatz auf dem „Schrenzer“ oberhalb von Butzbach

 

Schließlich führte die Fahrt noch nach Wölfersheim, wo der Ort des „Blutbads von Södel“, wo die enthemmten Truppen des Darmstädter Prinzen Emil am 1. Oktober 1830 eine wehrlose Bauerngruppe zusammenschossen, aufgesucht werden sollte. Leider gibt es vor Ort kaum Erinnerung an diese Schandtat, die Büchner und Weidig im „Hessischen Landboten“ erwähnen, und auch den Gedenkstein, den man aufsuchen wollte, gibt es nicht.

 

Der Dorfplatz von Södel, heute einem Stadtteil von Wölfersheim, Schauplatz des „Blutbades“ 

 

Allerdings hat eine örtliche Laienspielgruppe vor einiger Zeit am historischen Ort ein Theaterstück zu diesem wichtigen Teil der Ortsgeschichte aufgeführt.

 

* Aus Weidigs Predigt „Vom gemeinen Nutzen“, gehalten um 1819 in Butzbach.

Zit. nach „Weickhardt, Ludwig. Dr. Friedrich Ludwig Weidig. Das Lebensbild eines aufrechten deutschen Mannes“. Butzbach. luwei. 1969

Einladung zum Ausstellungsbesuch in Mainz

Die Luise Büchner-Gesellschaft e.V. Darmstadt  und der Heimatverein Pfungstadt 1948 e. V. laden zu einer außergewöhnlichen Präsentation in Mainz ein:

Nach einer Apothekerlehre und dem Chemiestudium in Heidelberg und Gießen ließ sich Georg Büchners Bruder in Darmstadt als Unternehmer nieder. Wilhelm Büchners frühe unternehmerische Tätigkeit in Darmstadt ist verbunden mit Schellack, einem Naturharz aus Indien, für das er ein besonderes Bleich-Verfahren entwickelte: Schon 1842 auf der „Ersten Allgemeinen Deutschen Industrieausstellung“ des Gewerbevereins für das Großherzogtum Hessen im Mainzer „Deutschhaus“ präsentierte er erfolgreich seinen „gebleichten Schellack“. Der Mainzer Manfred Penning hat das ausführlich recheriert und dokumentiert, und hier im „Geschwisterblog“   gab es dazu bereits einiges zu lesen. Das Bleichen von Schellack wurde, wie Manfred Penning erläutert, zur Grundlage der höchst erfolgreichen Mainzer Lack- und Farbenindustrie, und auch als Rohstoff für die frühen Schallplatten spielte Mainzer Schellack eine wichtige Rolle.

Jetzt gibt es kurz vor Abschluss der erfolgreichen Sonderausstellung „Schellack in Mainz“ für alle „Büchner-Interessierten“ die Gelegenheit, an einer persönlichen Führung mit Herrn Penning in Mainz teilzunehmen, und zwar

am Freitag, dem 30. März,

nachmittags um 15 Uhr auf der Mainzer Zitadelle

im dortigen Stadthistorischen Museum 

(der Eintritt kostet 2 €)

Die Vereine verzichten auf die Organisation einer Busfahrt und empfehlen private Anreise. Hier findet sich eine gute Anfahrtbeschreibung.  Am Ziel stehen Parkplätze zur Verfügung. Im Navigationsprogramm ist das richtige Ziel Eisgrubweg 15; dort ist die Auffahrt zur Zitadelle.

Es wird dringend Anmeldung via E-Mail (Post@EntwicklungUndKultur.De) oder telefonisch (06157 / 9111595) bei Peter Brunner erbeten, damit Herr  Penning sich auf die zu erwartende Besucherzahl vorbereiten kann. Auf Wunsch ist Peter Brunner bereit, Fahrgemeinschaften zu organisieren; dazu muss er erfahren, ob selbst mit einem Auto (und mit wie vielen freien Sitzplätzen) ab wann und wo gefahren werden bzw. von wo aus Mitnahme erbeten wird.

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmittteln. Unter diesem 

link kann die gewünschte Verbindung 

gesucht werden, vom „Römischen Theater“ in Mainz führt ein kurzer Fußweg auf die Zitadelle.

Welturaufführung von „Wenn es Rosen sind werden sie blühen“

Am Freitagabend hat Christian Suhrs wunderbare Büchnerbühne sein neues Stück über Georg Büchner nach Kasimir Edschmids Roman uraufgeführt.

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v.l.n.r.: Beate Krist (Minna Jaeglé), Ursula Stampfli (Caroline Schulz), Daniel Krasusky (August Becker), Harald Preis (Georg Büchner), Finn Hansen (Friedrich Ludwig Weidig), Autor und Regisseur Christian Suhr,  Melanie Linzer (Tante Jules), Erich Schaffner (Großherzog Ludwig I. , Richter Georgi).

Ich hatte ja die Gelegenheit, schon die öffentliche Probe zu besuchen (daher stammt auch das Foto), und meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt: dies ist das erste Ereignis der Büchnerjubiläen, das wirklich einen neuen Aspekt präsentiert. Das wunderbare Ensemble agiert mit größtem Engagement, so dass die Betonung einer einzelnen Leistung den anderen nicht gerecht würde. Nur wegen der brillant beherrschten Doppelrolle von Großherzog und Richter Georgi will ich Erich Schaffner  gesondert loben; das absolut authentische Großbürger-Hessisch, das er dem sadistischen Richter verpasst, ist  die Sahnehaube für die Verkörperung der vielleicht schwierigsten Rolle im Stück. Und Daniel Krasusky spielt einen August Becker, dem man von Pferde stehlen bis Fürsten aufhängen alles zutrauen und alles verzeihen muss.

Christian Suhr hat aus dem verstaubten Büchnerroman ein Werk geschaffen, das mich fast milde werden lässt: man kann das Leben Georg Büchners auf der Bühne zeigen, ohne sich wie Gaston Salvatore in „Büchners Tod“ in Spekulationen über Beweggründe und Verrat zu verlieren. Auch auf kurzlebiges Zeitkolorit kann man verzichten.

Johannes Breckner, der Feuilletonchef des Darmstädter Echo, hat kürzlich über die drohende Büchner-Inflation gesagt: „Büchner hält das aus”.  Bei Suhr muss nichts ausgehalten werden, Suhr hat ein Stück geschaffen, dem man Bestand und Verbreitung herzlich wünschen kann.

Mehr Informationen zum Stück und die nächsten Termine finden sich hier.

EDIT am 27.2.2012:

Hier ist jetzt auch die Besprechung von Stefan Benz im DARMSTÄDTER ECHO online.

Die Büchnerbühne und die Luise Büchner-Gesellschaft an Georg Büchners Todestag

Neben dem feierlichen Auftakt zu den Jubiläen in Hessen im Darmstädter Staatstheater mit der Vorstellung der Wanderausstellung zu Georg Büchners Leben gab es an Georgs Todestag weitere Veranstaltungen:

In Riedstadt-Leeheim hat Christian Suhrs Büchnerbühne bei einer öffentlichen Probe das neue Stück „Wenn es Rosen sind, werden sie blühen“ nach  Motiven von Kasimir Edschmid vorgestellt.

Das Stück hat die Chance, weit stärker als das sehr in seiner Entstehungszeit, den 68er Jahren des letzten Jahrhunderts, verhafteten „Büchners Tod“ von Gaston Salvatore (zur Zeit in einer szenischen Präsentation am Darmstädter Staatstheater, hier mein Bericht und links zu Presseberichten) als moderne Präsentation über Büchners letzte Lebensjahre vom Landboten bis zum Tod in Zürich angenommen zu werden. Auch hier ist eine der Kernfragen, ob Georg sich zu Lasten seiner Genossen „in Sicherheit gebracht” hat, aber die Antwort mir scheint differenzierter und daher bedenkenswerter als bei Salvatore. Nach der Premiere am Freitag wird man das genauer wissen.

Die gezeigten Szenen machen neugierig auf das ganze Stück. Weidig (Finn Hanssen)  im Gespräch mit dem Großherzog (Erich Schaffner, auch sehr gut in einer zweiten Rolle als Richter Georgi), Minna (Beate Krist) und Georg (Harald Preis) im Gespräch mit „Tante Jules“ (Mélanie Linzer) und Wilhelm Schulz (Oliver Kai Müller) mit seiner Frau Caroline (Ursula Stampfli) holen mit von Suhr sicher geführtem Spiel  das ganze Panorama von Georg Büchners gehetztem Leben auf die kleine Riedstädter Bühne.

                                            

Autor und Regisseur Christian Suhr                                                                     Weidig vor dem Großherzog

Georg Büchner und  Wilhelm Schulz

Nachmittags fand im Darmstädter Literaturhaus eine musikalisch-literarische Reminiszenz der Luise Büchner-Gesellschaft an Georgs Leben und Sterben statt.

Vor gut besuchtem Haus (bisher waren alle Büchner-Veranstaltungen, von denen wir hörten, überdurchschnittlich besucht; auch die Woyzeck-Vorstellungen im Darmstädter Staatstheater sind zu mehreren Terminen fast ausverkauft) erinnerte die Luise Büchner-Gesellschaft an Georgs Todestag. Die dem Verein eng verbundene Darmstädter Schauspielerin Sigrid Schütrumpf und der Kasseler Schauspieler Michael Kaiser trugen Caroline Schulz´ Erinnerungen an Georgs Todesstunde, den Brief der Mutter an Georg in Zürich und eine Auswahl von Briefen Georgs an die Familie vor. Eindrücklich auch die musikalischen Intermezzi von Cello und Klavier.

Am Violoncello: Raffi Geliboluoglu, am Klavier: Lynn Steiner

 

Sigrid Schütrumpf und Michael Kaiser

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