Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Georg Büchner (Seite 11 von 48)

„Jetzt hab’ ich’s. Wir feiern die Hochzeit in effigie.”*

Es ist längst bewiesen und steht außer jeder Frage: die Namensgleichheit von Mary Shelleys Menschenschöpfer mit der Burg über der Bergstraße ist zufällig und ohne jede Bedeutung. Die Frage danach allerdings, was aus der Anhäufung von Zellen menschliches Leben macht, wie sich das organisch Entstandene vom künstlich Geschaffenen unterscheidet und welche Grenzen technischer und ethischer Natur auf dem Weg zur künstlichen Zeugung zu überwinden sind, ist auch im Schatten von Burg Frankenstein immer wieder bedacht worden.

Fritz Buechner: Der Frankenstein. Aquarell. Ca. 1925.
(Fritz Büchner war ein Großneffe Georg Büchners, Enkel seines Bruders Wilhelm)

Aus zwei unterschiedlichen Perspektiven richten Büchnerhaus und Luise-Büchner-Gesellschaft in den nächsten Wochen den Blick daher nicht auf den Berg, sondern auf Frankenstein, den modernen Prometheus:

Im Büchnerhaus spricht Professor Dr. Rudolf Drux am 1. März unter dem Titel

„Im Labor des Lebens oder Frankenstein als der moderne Prometheus“

Georg Büchner hat das Thema des künstlichen Menschen in Leonce und Lena aufgegriffen; so weit, das schließlich Automaten sogar „in effigie“, stellvertretend, die Ehe schließen.

Die Gestalt des künstlichen Menschen ist längst aus den Phantasien schreibender und bildender Künstler herausgetreten. Shelleys Frankenstein und Goethes Homunculus entstehen im Labor, aber das heute Machbare übertrifft ihre wildesten Phantasien.

Nicht in der Werkstatt des Künstlers oder in den Werkshallen der Industriebetriebe ist Prometheus anzutreffen, sondern er dürfte heute wohl am ehesten in den Labors der Biotechnologen und Reproduktionsmediziner zu finden sein. Dort werden spezifische menschliche Fähigkeiten technisch nachgebildet und menschliches Leben manipuliert. Diese Entwicklung haben Mary Shelley im Frankenstein (1818) und übrigens auch Goethe in der Homunculus-Szene aus Faust II (1832) literarisch vorweggenommen.

 

Professor Drux war von 1992 bis 1996 Professor für Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der TH Darmstadt, heute ist er C4-Professor für deutsche Literaturgeschichte an der Universität zu Köln. Das Mitglied der Georg-Büchner-Gesellschaft forscht zu Deutscher Dichtung von der Frühen Neuzeit bis zum Vormärz, Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Motiv- und Stoffgeschichte, historischer Metaphorik (bes. literatur- und technikgeschichtliche Interferenzen), Gattungspoetik (Kasualpoesie, Satire, Nachtstücke, experimentelle Lyrik) und Intermedialität (Wechselbeziehungen zwischen Literatur, Musik und Film).

 

 

Der Benefizvortrag zugunsten des Fördervereins Büchnerhaus findet am

Donnerstag. 1. März um 19 Uhr in Riedstadt-Goddelau, Weidstraße 9 statt. Eintritt 7 €

Seit dem 10. Dezember fährt die Buslinie 40 als „Büchnerlinie“; sie verbindet komfortabel den Hauptbahnhof Darmstadt mit dem Büchnerhaus (Station Goddelau-Rathaus). Hier der link zum aktuellen Fahrplan.

 

 

Am Donnerstag, dem 24. Mai, widmet sich die Luise-Büchner-Preisträgerin Barbara Sichtermann der Biografie der Autorin des „Frankenstein“:

Mary Shelley – Leben und Leidenschaften der Schöpferin des Frankenstein

 

 

Barbara Sichtermann, Autorin zahlreicher Bücher über Frauen, erzählt in ihrer Romanbiografie die spannende Geschichte einer inspirierenden, emanzipierten und starken Frau, die für die Liebe große Risiken eingeht und selbstbewusst ihren Traum vom Schreiben verfolgt.

 

 

 

 

Darmstadt, 24.5., 19 Uhr,  Literaturhaus, Kasinostraße 3
Eintritt: 6 Euro, für Mitglieder der Luise-Büchner-Gesellschaft frei.

 

 

* Büchner, Leonce und Lena, III,3

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

„ …ich mit dir über dein ferneres Gedeihen der Zukunft beruhigt entgegen sehen darf”*

Für die Kreisvolkshochschule Gross-Gerau biete ich in den nächsten Monaten, beginnend am 5. Februar,  eine Reihe von Abendveranstatungen an, bei denen sich Interessierte in kommunikativer Runde mit Leben und Werk von Georg Büchner und seinen Geschwistern – der „fabelhaften Büchnerbande” … – vertraut machen können.

 

Im Büchnerhaus

„Gemeinsam an einem Tisch” heißt die Installation im ersten Raum des Goddelauer Büchnerhauses, wo sinnbildlich auf den ungewöhnlich engen Zusammenhalt der Büchner-Geschwister hingewiesen wird. Der oft als streng beschriebene Vater Ernst Büchner war in Wahrheit ein ungewöhnlich interessierter und seinen Kindern zugewandter Vater, von dem überliefert ist, dass er den täglichen Austausch mit ihnen suchte und forderte.

Mit jedem einzelen der Kinder hatte er Sorgen und Mühen, die andere schon bei einem Kind weit überfordert hätten: nach Georgs dramatischer Verwicklung in die Landbotenverschwörung, Flucht, Exil und frühem Tod scheiterte der nächste Sohn, Wilhelm, am Gymnasium und wurde später auch noch der Gießener Universität verwiesen. Die beiden Töchter Mathilde und Luise blieben, eine Katastrophe für einen bürgerlichen Vater des 19. Jahrhunderts, unverheiratet. Ob Luises Einsatz für Frauenrechte und Mädchenbildung, ihre Pubikationen und Vorträge ihn später dafür entschädigt haben, wissen wir nicht. Die jüngeren Söhne trieben 1848 Revolution in Gießen (der Vater erklärt öffentlich, entsprechende Gerüchte seien falsch und er werde Verleumder zum Duell fordern!), in die Auseinandersetzungen um das Ende der Paulskirchendemokratie an der Bergstraße machte Alexander 1849 mit der Schwester Mathilde einen „Pfingstausflug”, bei dem er verhaftet wird, Ludwig wurde für sein erstes Buch in Tübingen die Lehrerlaubnis entzogen, Alexander verlor als Verschwörer den „Access” als Jurist, er erhielt Berufsverbot. Ob und wie der Vater die spätere Prominenz seiner anstrengenden Kinder geschätzt hat, ob er stolz auf sie war – wir wissen es nicht. Häufig gedeutet und meist als Zeichen von kühler Distanz (miß)verstanden ist der einzige * Brief an eines seiner Kinder, den wir kennen: der vom 18.12.1836 an Georg in Zürich. 

Ein neues Licht auf Leben und Persönlichkeit der Mutter Caroline (geb. Reuss) wirft ein Fund, über den hier bei Gelegenheit (und natürlich bei den angekündigten Treffen) ausführlicher zu berichten sein wird: der Sohn ihres Cousins Johann Bechtold, Carl, hat ein bisher völlig unbekanntes, ausführliches Tagebuch hinterlassen, das eine Nachfahrin sorgfältig transkribiert und ediert hat. Carl war offenbar heilfroh, dass er, was wohl überlegt worden war, die von ihm als hypochondrisch beschriebene Verwandte an Ernst Büchner los wurde …

 

Die Galerie am Büchnerhaus, der frühere Kuhstall des Anwesens. Heute Veranstaltungsraum. Im ersten Stock Museums- und städtisches Kulturbüro.

 

Ohne Frage sind die Büchners im 19. Jahrhundert ebenso außergewöhnlich wie exemplarisch gewesen: außergewöhnlich als berühmte Geschwister, exemplarisch für die Themen, mit denen sie sich beschäftigten. Kommunismus, Sozialismus und Materialismus, Frauenrechte und Industrie, soziales Engagement und liberale Politik, Literatur und Geschichte, Kommunal-, Landes- und Staatspolitik haben sie betrieben und beeinflusst. Karl Gutzkow nennt sie „ … von demselben göttlichen Feuer ergriffen”. Bei den Treffen bietet sich daher neben der Bekanntschaft mit außergewöhnlichen Hessen und ihrer persönlichen Geschichte auch ein besonderer Blick auf die Geschichte von Land und Leuten im 19. Jahrhundert.

Die Treffen finden in der Galerie am Büchnerhaus statt und bieten neben Information und Austausch auf Wunsch stets auch den Besuch des Museums als Ergänzung. Die Volkshochschule bittet um Anmeldung, am einfachsten hier via Internet.

Im „Flyer” finden sich alle erforderlichen Informationen:

 

 

 

 

 

 

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

„Ich saß auch im Gefängnis …“*

Kürzlich habe ich hier  über den Büchner-Zyklus der Schaubühne Lichtenfels berichtet.

Zusammen mit Christian Suhr von der BüchnerBühne habe ich für ein event in der ehemaligen Hinrichtungsstätte der DDR ein Video aufgenommen,  das sich mit Verfolgung, Flucht, Gefängnis und Exil beschäftigt.

Nachdem das dort „wunderbar in den Abend passte” steht es jetzt auch hier – wie immer mit der ausdrücklichen Aufforderung zu kritischer Rezeption – zur Verfügung:

 

*Georg Büchner an Gutzkow. Ca. 1.6.1836 

 

 

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

Was Du in bits und bytes besitzt, kannst Du getrost auch morgen hören

Freundlicherweise hat der Hessische Rundfunk die Veranstaltung mit „Erben der Geschichte” (eine beeindruckte Besucherin), die ich für das Museum Büchnerhaus organisieren und moderieren durfte, aufgezeichnet, von meinen Hustern und Sprechfehlern weitestgehend befreit und letzte Woche ausgestrahlt.

Darüber hinaus steht die Sendung „Das aktuelle Kulturgespräch” der „Kulturszene Hessen” online zum Anhören bereit. Und wer das lieber auf dem eigenen Rechner speichern und jederzeit wieder hören möchte, kann die Datei dort (über den kleinen Abwärtspfeil rechts unter dem Bild) auch downloaden.

Wer also nachhören möchte, ob sich Rebellion oder absoluter Herrschaftsanspruch vererbt, ob Familienbande stärken oder belasten und ob hinter „Krieg den Pallästen” ein Ausrufe- oder doch eher ein Fragezeichen gehört, findet dort Anregungen zum Vertiefen gewonnener Erkenntnis.

 

Rainer von Hessen (links), Nachfahre von Ludwig II. von Hessen, der die Landboten-Verschwörer verfolgen ließ, mit Peter Soeder, Nachfahre von Georg Büchners Bruder Ludwig, der 1848 in Gießen „Revolution machte” und bis zu seinem Tod 1899 republikanisch dachte und schrieb.

 

 

„ … habe es nicht leicht, vom Gedicht als Genre her mich in Beziehung zu dem zu setzen, was uns von Georg Büchner überkam”*

Am 28.10. überreichte der gerade geschiedene Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, dem Lyriker Jan Wagner den Büchnerpreis 2017.

An anderer Stelle war ich gebeten worden, eine paar Sätze zum Büchnerpreis zu schreiben (der Titel ist nicht von mir …), und dort endete mein Text „Selten haben die Reden beim Büchnerpreis kalt gelassen, und das ist ja vielleicht das Beste, was sich von einer Rede sagen lässt: dass sie nämlich Feuer macht unter dem Kessel der Gedanken. Hoffen wir, dass 2017 der Preisträger Jan Wagner, ein junger Lyriker, mit seinem Beitrag Funken schlägt. Der Georg-Büchner-Preis wird am 28. Oktober verliehen.”

 

Jan Wagner hat mich mit seiner Rede überrascht: abgesehen davon, dass er meint, Georg Büchner habe bis auf die erhaltenen Schülerversuche keine Gedichte geschrieben (wo doch „Rosettas Lied” in Leonce und Lena ganz sicher eines, und kein schlechtes, ist), hat er seinen Büchner gründlich, und, wie er mir in einem kurzen Gespräch nach der Verleihung versicherte, noch einmal ganz und neu, gelesen. Tatsächlich beginnt ja der oft zitierte Eintrag im Stammbuch für den Freund August Stöber „Verse kann ich keine machen”. Wagner ergänzte, einen Reim habe er sich sehr wohl machen können. Und er trug mit Emphase vor, dass Büchner heute gelesen werden muss, dass die Texte dieses Frühvollendeten über zweihundert Jahre frisch und aktuell geblieben sind. In Kürze wird auf der Website der Akademie hier Laudatio und Dankrede verfügbar sein.

Leider hat Jan Wagner wohl niemand auf die schöne Rede aufmerksam gemacht, die Kart Krolow, einer der wenigen Lyriker, die vor ihm Büchnerpreisträger wurden, 1956 hielt.

„Wer Gedichte schreibt, muß zur rechten Zeit Blicke in Zauberspiegel tun von der Art »Leonce und Lena«, auch wer heute moderne Gedichte zu schreiben versucht.”  sagte er da, und schildert Büchners „Komödie”, als wäre sie ein einziges, langes Gedicht.

Krolows beginnt: „Nun bin ich Lyriker und habe es nicht leicht, vom Gedicht als Genre her mich in Beziehung zu dem zu setzen, was uns von Georg Büchner überkam. Aber es scheint mir, daß es auch weniger darauf ankomme, sich auf etwas Bestimmtes im Werke des Dichters Büchner einzulassen als vielmehr dem »Phänomen« sich zu nähern, wie es heute sichtbar ist. Ich möchte Ihnen darum nicht zu ausführlich von meinen persönlichen Erfahrungen mit der Dichtung dieses Mannes, nicht von meinen Büchner-Lektüren erzählen. Allerdings kann ich mich nicht entschließen, über den Eindruck zu schweigen, den mir eine Büchnersche Arbeit gemacht hat, ein Eindruck, der sich mir im Laufe der Zeit immer nachhaltiger verfeinerte. Ich meine »Leonce und Lena«, jenes Stück, das man – wenn man sich rasch verständigen möchte – ein Lustspiel zu nennen gewohnt geworden ist. Ich werde diesen Ausdruck vermeiden, weil er mir zu heikel, zu ungenau, zu wenig individuell zutreffend ist.”

und fährt, als wolle er Wagner damals schon gegen die heute erhobenen Vorwürfe verteidigen:

„ … Wer Gedichte schreibt, muß zur rechten Zeit Blicke in Zauberspiegel tun von der Art »Leonce und Lena«, auch wer heute moderne Gedichte zu schreiben versucht. Er muß sich der Verwandlung durch die leicht gewordene Phantasie überlassen, die ihn unmerklich zu weiteren, heiteren Metamorphosen führen wird. Und er mag sich dabei ohne Scheu mit Leonce fragen: »Bin ich ein Müßiggänger?« Er wird in den Stand versetzt sein müssen, der ihn wie Büchners so zärtlich, so spielerisch erfundenen Prinzen wünschen läßt: »Wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte«.”

Wagner kokettiert mit dem Verhältnis von Büchners Werk zu seinem eigenen. Es ist ein schönes Bild dieses Dichters der kleinen Dinge, dass sich in der Botanisiertrommel, die Büchner als Behältnis und Tarnung des Landbotenmanuskriptes nutzte, als er es zum Drucker Preller nach Offenbach trug, vielleicht auch ein Zweig von Aegopodium podagraria, des gemeinen Giersch, den Wagner in seinem bekanntesten Gedicht würdigt, und vielleicht ein Borkenkäfer, den er der Bedichtung wohl ebenfalls würdig findet, gefunden hätte. Büchner, der beides sicher hätte erkennen und bestimmen können, wird so dem aufmerksamen modernen Dichter nah, und dass der meist lästige, wenn auch durchaus wohlschmeckende, wuchernde Giersch dem unerreichten, zum Klassiker gewordenen und doch Aktualität behaltenen Landbotentext zur Seite gestellt wird, ist sein trotziges Manifest.

Schön, dass mein Wunsch, „dass die Reflektionen über Georg Büchners Leben und Werk in einer guten Büchnerpreisrede neu zur Auseinandersetzung mit ihm führen können” von Jan Wagner eingelöst wurde.

Ich habe ihn eingeladen, ebenso wie seine Büchnerpreis-Vorgänger*innen in den nächste Monaten zu einer Lesung ins Büchnerhaus zu kommen, und er hat zugesagt. Darüber freue ich mich sehr.

* Karl Krolow 1956 in seiner Dankesrede zum Büchnerpreis

 

Nachtrag am 31.10.: Der Deutschlandfunk bietet den Mitschnitt der Rede hier zum live anhören und zum download als Podcast.

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

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