Für diese wichtige Publikation fehlt bisher eine gemeinsame Erschließung, Recherchen sind auf die Durchsicht der einzelnen Inhaltsverzeichnisse angewiesen, was nicht nur mühselig und fehlerbehaftet ist, sondern auch den Zugriff auf alle Bände voraussetzt.
Den Fortschritt der Technik habe ich genutzt, diesem Desiderat abzuhelfen – mit Hilfe „künstlicher Intelligenz“ habe ich für die Bände 1 – 15, also den Erscheinungszeitraum 1983 – 2023, jeweils gemeinsame Verzeichnisse für Autorschaft, Titel und Inhalt erstellt.
Mit dem ausdrücklichen Hinweis auf keinerlei Haftung für Präzision und Vollständigkeit stelle ich sie hier zum Download zur Verfügung. Aus gutem Grund tragen die Dateien u.a. den Namen „Gemini“ – mit dessen (deren?) Hilfe sind sie entstanden.
Ich freue mich sehr über Reaktionen hierauf – insbesondere, wie immer, auf Hinweise zu Fehlern und Ergänzungen. Dank und Lob geht auch.
Ruth Wagner: Eine leidenschaftliche Brückenbauerin zwischen bürgerlicher Freiheit und Büchnerscher Radikalität
Mit dem Tod von Ruth Wagner verliert Hessen eine Politikerin, deren Leben und Wirken auf einzigartige Weise mit der Region Ried und dem Erbe Georg Büchners verknüpft war. Ihr Nachlass ist ebenso beeindruckend wie ihre politische Biographie komplex war – geprägt von Heimatliebe, kultureller Weitsicht und einer Loyalität, die weit über Parteigrenzen hinweg polarisierte.
Die frühen Wurzeln: Ein Weg, der niemals endete
Ruth Wagners Verbundenheit mit Büchner war keine spätere politische Entscheidung, sondern eine biographische Konstante. Als Jugendliche führte sie ihr täglicher Schulweg von Wolfskehlen nach Gernsheim am Geburtshaus Büchners in Goddelau vorbei. Zu einer Zeit, als das Haus noch kein Museum war, festigte sich dort ihr Bewusstsein für die historische Last und Chance ihrer Heimat. Dass sie als Abiturientin einen großen Aufsatz über Büchner verfasste, den sie lebenslang wie einen Schatz hütete und aus dem sie bis ins hohe Alter zitierte, zeugt von einer intellektuellen Durchdringung, die weit über das übliche Maß politischer Sonntagsreden hinausging.
Das Spannungsfeld: FDP-Realpolitik und der „Hessische Landbote“
Für viele Büchner-Freundinnen und -Freunde blieb Ruth Wagners politische Heimat in der FDP ein Paradoxon. In den Augen mancher Bewunderer des „Revolutionärs“ Büchner wirkte ihre liberale, oft als erstaunlich konservativ wahrgenommene Haltung befremdlich. Doch Wagner sah darin keinen Widerspruch: Für sie war Büchner kein Vordenker des Sozialismus, sondern ein radikaler Kämpfer für die Würde des Individuums und die Freiheit des Geistes – Werte, die sie im Kern des Liberalismus verankert sah.
Diese Unbeirrbarkeit zeigte sich auch in ihrer Rolle während der Ära von Ministerpräsident Roland Koch. Ihre unerschütterliche Loyalität in Zeiten politischer Skandale und heftiger öffentlicher Proteste blieb bis zuletzt umstritten. Während ihre Anhänger darin verlässliche „Nibelungentreue“ sahen, empfanden Kritiker dies als belastend für ihre Glaubwürdigkeit als Liberale, besonders als Kulturpolitikerin.
Visionen und verpasste Chancen
Ihr kulturelles Erbe ist geprägt von großen Erfolgen, aber auch von schmerzhaften Kompromissen:
Deutsch-deutsche Brücken: Mit Nachdruck trieb sie die Übertragung der ersten großen Büchner-Ausstellung in die DDR voran.
Das Geschwister-Konzept: Ihr leidenschaftliches Petitium, die zweite große Landesausstellung konsequent auf die gesamte Familie Büchner (u.a. Luise und Ludwig) auszurichten, scheiterte am Widerstand anderer Gremien. Für Ruth Wagner war dies eine vertane Chance, Büchner als Teil eines hessischen „Laboratoriums der Moderne“ dauerhaft und international neu zu verankern.
Verleihung der Urkunde „Büchnerstadt“ an die Stadt Riedstadt am 13.8.2019
Weltkulturerbe: Mit der Ernennung Riedstadts zur „Büchnerstadt“ (2007) war sie noch nicht am Ziel. Ihr Satz: „Nach diesem schon lange fälligen Schritt ist der nächste, das Büchnerhaus zum Weltkulturerbe zu machen“, bleibt ihr politisches Vermächtnis und Auftrag an die Nachwelt.
Bleibende Zeichen: Kunst und Aufklärung
Im Museum Büchnerhaus hängen heute die „Büchner-Metamorphosen“ – vier Original-Ölgemälde von Ariel Ausländer, die sie dem Haus schenkte. Sie sind ein Sinnbild für ihr Verständnis von Kultur: Ein ständiger Prozess der Wandlung und Auseinandersetzung.
Areil Auslender: Büchner-Metamorphosen. 2013. Öl auf Papier.
Ruth Wagner war eine Frau der klaren Kante und der tiefen Verwurzelung. Sie hat Büchner nicht nur verwaltet, sie hat ihn gelebt – in all seinen Widersprüchen. Man kann ihre Politik kritisieren, doch ihr Verdienst um die Sichtbarkeit der Familie Büchner in Hessen bleibt ein monumentaler Beitrag zur Identität unserer Region.
„Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“
Hat Karl Marx dabei an Georg Büchners Bruder Wilhelm gedacht? Auf dem Gelände der alten Frankensteiner Mühle, erst Getreidemühle, dann Krappmühle für rote Farbe, später Zuckerfabrik, entsteht 1845 eine Blaufabrik. Schornsteine und Dampfmaschinen prägen das Bild, Pfungstadt wird zum „südhessischen Manchester“, und erstmals exportiert ein hessen-darmstädtisches Unternehmen Industrieprodukte ins Ausland. Wir besprechen, wie aus dem Bauerndorf Pfungstadt eine Industriestadt geworden ist. Und wie verhielt sich eigentlich der kleine Bruder des revolutionären Georgs als Industrieller?
„Ihr werdet überrascht sein, wenn ihr mich besucht …“
schrieb Georg Büchner am 20. November 1836 an seine Familie. Im Februar 1837 ist er gestorben – erst 1875, 39 Jahre später, sind seine Geschwister zusammen nach Zürich gereist.
Der Krautgartenfriedhof in Zürich
Wir nutzen die Gelegenheit, erstmals vor Publikum im Darmstädter Literaturhaus, einen Blick auf drei von ihnen zu werfen, die bis dahin einflussreiche Prominente geworden waren. Bei Georgs Tod waren sie gerade mal 21, 16 und 13 Jahre alt, aber der große Bruder war ihnen ein Leben lang betrauertes und bewundertes Vorbild.
Eingeladen hatte uns die Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde, deren Geschäftsführer, unser Freund Johannes Breckner, leider stimmlich indisponiert (Alles Gute, Johannes!), uns höchst liebenswürdig vorstellte.
Heiner Müller hat in seine Büchnerpreisrede 1985 „Die Wunde Woyzeck“ genannt, die Büchner gerissen hat: „Die Wunde Heine beginnt zu vernarben, schief; Woyzeck ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt.“
Wir befragen die am Grab des Bruders Versammelten, den Unternehmer und Politiker Wilhelm, die Frauenrechtlerin Luise und den „Welterklärer“ Ludwig: schmerzte die Wunde Georg? Wo findet sich das Erbe des viel zu früh verstorbenen großen Bruders in ihrem Leben? Welche Hoffnung auf Auferstehung, auf Verwirklichung seiner Ideale haben sie sich bewahrt?
Und wir lüften ein Geheimnis, das bisher ungelöst blieb: was hat es mit dem Grabstein-Rest auf sich, der heute im Museum steht, aber angeblich von der Stadt Pfungstadt sträflich mißachtet wurde?
Hedwig Richter im Büchnerhaus vor dem Relikt des GrabsteinsDes Rätsels Lösung
Die Aufzeichnung der öffentlichen Veranstaltung vom 5. Dezember 2025 sendet Radio Darmstadt am Donnerstag, dem 11.12., um 17 Uhr live auf 103,4 Mhz, auf DAB und live im Internet.
Wie immer findet sich die Sendung anschließend in den podcastportalen und hier.
„Sich anvertrauen“ – Affidamento, die feministische Parole der italienischen Philosophinnengruppe Diotima, brachte die promovierte Politikwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin und Übersetzerin Antje Schrupp zum Feminismus. Für sie ist nicht die Gleichheit von Frauen und Frausein entscheidend, sondern gerade ihre Verschiedenheit. Antje Schrupps Überzeugung „Dem eigenen Begehren folgen“ verlangt, das eigene Frausein in Auseinandersetzung mit anderen Frauen neu zu bestimmen. So stehen die (authentischen) Beziehungen und Netzwerke von Frauen im Mittelpunkt ihrer Politik und ihrer Freiheit; der Parteienpolitik und dem Parlamentarismus obliegt hingegen die Aufgabe, die Voraussetzungen für freie Entscheidungen zu schaffen. Die Luise Büchner-Gesellschaft zeichnet mit dem Luise-Büchner-Preis 2025 eine engagierte Publizistin aus, die sich für das Begehren der Frauen einsetzt, historische Bezüge erläutert und zu aktuellen Themen klar Stellung bezieht. Antje Schrupp nimmt auf der Basis „der Liebe der Frauen zur Freiheit und zur Welt“ teil am öffentlichen Diskurs, ist produktiv mit Podcast, Blog und Postings, wissenschaftlichen Artikeln und Buchveröffentlichungen. Mit Luise Büchner verbindet sie die Offenheit gegenüber Veränderungen, die Bereitschaft, Überkommenes in Frage zu stellen und Neues zu versuchen.“
Aus der Dankesrede:
“ … als wir in den 80er-Jahren Politikwissenschaft studiert haben, haben wir Männerpolitikwissenschaft studiert plus Hannah Arendt. Hannah Arendt gab es damals schon, aber das war die einzige Frau, die vorkam. Und ich fand diese Frauenliteratur, diese Frauenbuchlinien, für mich war das eine Erleuchtung zu sehen, wow, es gibt so viele Frauen, die Bücher geschrieben haben, auf die ich mich beziehen kann, die manchmal auch völligen Quatsch erzählt haben.
Aber allein, dass es diese Auswahl gab, auf die ich mich beziehen konnte, hat mich elektrifiziert, aber meine männlichen Kommilitonen nicht. Und ich glaube, das liegt nicht daran, dass sie uninteressiert sind, sondern ich glaube, es liegt daran, dass sie nicht vermuten, dass Frauen etwas zu sagen haben, was sie nicht auch selber sagen können. Ich glaube, wenn sie sagen, es ist doch egal, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde, dann glauben die das wirklich, es ist egal. …
Und tatsächlich versuche ich die ganze Zeit zu vermitteln, dass es nicht egal ist, aber es ist nicht so leicht, wenn wir jetzt nicht zu so banalen Sachen kommen wollen, wie Frauen sind besser als Männer und so weiter, was ja alles nicht stimmt. Aber diese andere Qualität, die es hat, wenn man aus verschiedenen Perspektiven denkt, die müssten wir irgendwie in die Welt bringen, aber ehrlich gesagt, ich habe es auch keine Lust mehr, es den Männern hinterherzutragen. Das habe ich auch gelernt bei meinen Vorträgen. …“
Grußworte sprachen
die Vorsitzende de Luise Büchner-Gesellschaft, Bettina Bergstadt (links)
“ … Wie die Zweier-WG, wie wir es heute sagen würden, der Büchner-Schwestern, ist die Luise-Büchner-Gesellschaft auch nach 15 Jahren ein Raum, ein kleiner, aber feiner Raum, in dem unterschiedliche Frauen aus ihren Büchern lesen, Vorträge halten, in dem wir alle ins Gespräch kommen, uns anvertrauen. In einer Zeit, in der es um die Frauen- und Menschenrechte noch nicht zum Besten steht. … „
der Darmstädter Oberbürgermeister Hanno Benz (Mitte)
“ … Sehr geehrte Frau Bergstedt, sehr geehrte Frau Förster, ich will Ihnen auch nochmal danken, dass Sie auch in diesem Jahr wieder die Verleihung des Preises ermöglicht haben, sich mit Ihrer Arbeit und Ihrem Engagement an Luise Büchner erinnern und das auch hier in die heutige Zeit übertragen und übersetzen. Und wir tun als Wissenschaftsstadt es gerne, Sie dabei zu unterstützen. Im gemeinsamen Kampf gegen Demokratiefeinde, autoritäre Strömungen und extremistische Positionen sind alle gesellschaftlichen Kräfte gefragt. Und ich kann Ihnen versichern, Sie haben hierbei auch die Wissenschaftsstadt Darmstadt an Ihrer Seite. …“
und die Vorsitzende des Lions Club Louise (!) Büchner, Darmstadt, Marie-Christine Förster (rechts)
“ … Wenn wir heute Ihren Namen, Antje Schrupp, neben den von Luise Büchner stellen, dann ehren wir zwei Stimmen, die denselben Grundgedanken teilen. Freiheit ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine Verantwortung. Für uns Lions ist dieses Verständnis von Verantwortung zentral. Es prägt unser gemeinschaftliches Wirken. Freiheit ist kein Zustand, sondern ein Weg. Ein Weg, der von Haltung, Mut und Menschlichkeit getragen wird. …“
Die Laudatio hielt Dorothee Markert:
“ … Sie reist herum, obwohl die Bahn es ihr in letzter Zeit immer mehr erschwert, hält Vorträge, führt Diskussionen und meldet sich auf viele andere Weisen und an ganz unterschiedlichen Orten öffentlich zu Wort. Ich habe immer wieder Antjes Geduld und Ausdauer bewundert, mit der sie sich bemühte, anderen Menschen dieses andere feministische Denken, das Denken der Geschlechterdifferenz zu vermitteln. Und dabei lernte sie überall Menschen kennen, in ganz unterschiedlichen Kontexten. So entstanden an vielen Orten neue politische Freundschaften, die die Bereitschaft, sich für Neues zu öffnen, erleichterten. Und das galt natürlich für beide Seiten, denn auch Antjes Schrupp war und ist ja bereit, anderen zuzuhören und immer auch damit zu rechnen, dass diese sie mit einem Gedanken oder einer Position, die ihr zunächst fremd waren, überzeugen könnten. … Antje Schrupp schreibt dagegen am Ende ihres zuletzt erschienenen Buches unter allen Umständen frei, wir könnten aus dem Beispiel der drei Aktivistinnen, von denen das Buch handelt, auch Hoffnung schöpfen. Zitat, Gesetze und Institutionen, die sich geschlechtlicher und sexueller Freiheit verschrieben haben, können leicht wieder abgeschafft werden. Was sich aber nicht so leicht ändern lässt, ist das Bewusstsein über die Würde und die Freiheit von Frauen, das eine unermüdliche feministische Kulturarbeit im Wissen der Gesellschaft verankert hat. Diese tiefe Überzeugung lässt sich nicht mit einem autoritären Federstrich ausradieren. Sie lässt sich nicht ausmerzen, indem man ihr staatliche Finanzierung entzieht. Sie ist das, worauf sich die Freiheit der Frauen und letztlich die Freiheit aller Menschen gründet. …“
In Büchners Welt senden wir am Donnerstag, dem 27. November 2025, um 17 Uhr, den neuen podcast auf RadioDarmstadt– diesmal mit einem ausführlichen Bericht von der Preisverleihung. Kurz danach findet sich die Sendung als podcast hierund in allen gängigen podcast-Portalen.