Neues aus Buechnerland

Peter Brunners Buechnerblog

Seite 78 von 96

Musik und Literatur aus Wien zum Kaffee in der Villa Büchner

Die Wetten stehen hoch, ob und in welchen Zusammenhang ich es schaffen werde, eine Verbindung zu den Büchners zu schildern …

Der österreichisches Außenminister soll auf die Nachricht von der russischen Revolution gesagt haben“ „Woas – in Russland revoltiern´s? Am End´ der Herr Bronstein aus `m Cafe Central?” Leo Trotzki, der in Wien unter seinem bürgerlichen Namen lebte, war gerade in St. Petersburg angekommen …

undefined

Die Herren Uljanow (Lenin) und Bronstein (Trotzki) 1917 in St. Petersburg

Auf die Spur dieser Geschichte, der  Unverschämtheiten von Karl Kraus, der Aperçus von  Peter Altenberg, der Lebensweisheit von Anton Kuh und noch ein paar anderer Wiener Kaffehausliteraten machen wir uns Ende Oktober.

Nach der höchst erfolgreichen literarisch-musikalischen Revue aus dem Berlin zwischen 1880 und 1933  bietet der Salon der Villa Büchner die wunderbare Kulisse für Musik und Texte aus Wien.

Christian Wirmer erzählt Lenz als einen neuen Text

Kurt Drawerts Darmstädter Lesebühne hatte gestern Abend zu einem Büchner-Abend eingeladen, und an die fünfzig höchst interessierte und aufmerksame Gäste kamen.

 

Im Vordergrund stand Christian Wirmers Interpretation von Büchners Lenz. Ganz frei, wie erzählt, wie gerade erlebt trug er den großartigen Text vor. Das bewies erneut, wie „aus der Zeit” Büchners Texte, die ja eigentlich inhaltlich ganz konkret angesiedelt und zuordenbar sind, dennoch wirken. In allen Wendungen der „Novelle” verzichtet Wirmer darauf, „dem Affen Zucker zu geben”. Weder er als Interpret noch der Text selbst haben es nötig, dass wir mit der Nase auf die richtige „Stelle” gestoßen werden. Lenz´ Sprung in den Brunnen, die Beschwörung am Bett des toten Kindes, der erste und der letzte Satz, alles bleibt im Duktus der Erzählung, und Wirmer füllt den Begriff Erzählung auf, wie es dem Publikum noch nie begegnet war. Da steht ein Mann und spricht, e r z ä h l t , und wir hören einen altbekannten Text plötzlich wie zum ersten Mal.

 

 (Christian Wirmer)

 

Büchners Lenz ist wirklich zum Erzählen geschrieben (neben dem „Landboten” ist es ja auch sein einziger Prosatext), und das führt Christian Wirmer unpathetisch vor. Es gibt ja in der Büchner-Familie die belegte Tradition des Erzählens, Luise Büchner schildert das im „Dichter”, Georg spielt gerne mit erzählenden Figuren, Luise Büchner selbst hat ihre Märchen zuerst Ludwig Büchners Kindern vorgelesen. Vielleicht müssen wir uns ab jetzt den Lenz als eine (wörtlich) E r z ä h l u n g Georg Büchners denken, als einen Text, von einem Dramatiker als Sprechtext geschrieben.

 

Der Verdienst, diesen wichtigen Gedanken angeregt zu haben, gehört Christian Wirmer. Nach über einer Stunde konzentriertester Aufmerksamkeit lobte das Publikum mit anhaltendem Beifall.

 

 

(Drawert, Breckner, Apelt, Benz)

 

Drawert hatte den ehemaligen Darmstädter OB Peter Benz, den Darmstädter Schauspieldirektor Martin Apelt und den Feuilletonchef des Darmstädter ECHO, Johannes Breckner, gebeten, im zweiten Teil der überlangen Veranstaltung Anmerkungen zur Aktualität Büchners zu machen. Dies geschah in der erwartbaren Art und Weise. Am bemerkenswertesten daraus vielleicht Breckners Bemerkung, vor den bevorstehenden Büchneriana der beiden Jubiläumsjahre müsse man keine Bange haben – „Büchner hält das aus”.

 

 

 

 

Speis und Trank mit Kraft und Stoff für den September

 „ … Indem man mehr und mehr einsieht, wie sehr die Erziehung der Frau, im Gegensatz zu der des Mannes, seit Jahrhunderten vernachlässigt ist, lässt man ihren natürlichen Anlagen mehr Gerechtigkeit widerfahren.

Was uns von frühester Kindheit am meisten mangelt, das ist die Gewöhnung an folgerichtiges Denken und folgerichtiges Handeln. Unter tausend Mädchen lernen neunhundert das, was sie später leisten sollen, nur zufällig, im Absehen, im Hin-und Her-Rennen, unter Gescholten werden, und indem man ihnen gleichzeitig den Sinn durch eine Menge anderer Dinge zerstreut. Aber systematisch, nach Plan und Regeln werden nur wenige Glückskinder unter uns, ebenso wohl im Praktischen wie Geistigen, ausgebildet. Da gibt es gescheite Leute, welche, wenn sie sehen, wie sich ein Mädchen recht skeptisch und linkisch in praktischen Dingen benimmt, voll heißer Ungeduld ausgerufen: wie kann man sich für ein Mädchen so einfältig anstellen! Als ob ein Mädchen als praktisches Genie vom Himmel fiele, als ob es nicht erst durch verständige Anleitung und Übung praktisch gemacht werden müsse.

Das Universalmittel, welches für das Kochen, das Scheuern, das Waschen ebenso notwendig ist, wie für das Dichten, Französisch-Sprechen und Klavier-Spielen, ganz unerlässlich aber diejenige, welche den kleinen, höchst komplizierten Start, genannt Haushaltung, regieren soll – heißt: denken! Wer nicht denkt, macht alles verkehrt, und wenn man’s auch nicht besonders gelernt hat, so kann man es sich doch mit gutem Willen immer noch aneignen, sobald man einmal die Kinderschule ausgetreten hat. …”

 

Luise Büchner: die Frau.

Hinterlassenen Aufsätze, Abhandlungen und Berichte zur Frauenfrage

Halle. Hermann Gesenius. 1878.

Eine häusliche Betrachtung (S. 353 – 357, Auszug)

 

 

 

Hier wie versprochen (und nicht nur für die Frau….) aus Charlotte Böttchers

„Kraft und Stoff. Deutsches Universalkochbuch … ” von 1882

die Einkaufsempfehlungen und Rezeptvorschläge

 

Monat September

 

Kraut-und grüne Gemüse.

 

Spinat. Schnittbohnen. Rosenkohl (noch teuer). Blumenkohl. Savoyer Kohl. Roter Kohl. Magdeburger Sauerkohl. Kopfsalat.

 

 

Wurzelarten.

 

Neue Kartoffeln. Mairüben. Steckrüben. Junge Wurzeln. Karotten. Petersilienwurzeln. Sellerie. Rote Beete. Frische Gurken. Radieschen. Rettig. Junge Zwiebeln (noch teuer). Perlzwiebeln. Champignons.

 

 

Hülsenfrüchte.

 

Pahl-Erbsen. Junge Erbsen.

 

 

Fruchtsorten.

 

Johannisbeeren. Himbeeren. Bickbeeren. Kronsbeeren. Weintrauben. Pfirsiche (teuer). Aprikosen. Frische Pflaumen. Zwetschgen. Kochäpfel. Kochbirnen. Melonen (sehr teuer). Zitronen (teuer). Senf-, Pfeffer-und Salzgurken.

 

 

Zahmes Geflügel.

 

Küken. Suppen-Hühner. Tauben. Junge Gänze. Junge Kalkuten. Junge Poularden.

 

 

Wild-Geflügel.

 

Krammetsvögel. Junge Rebhühner. Alte Rebhühner. Küken. Junge Krick-Enten. Junge wilde Enten.

 

 

Wild.

 

Hasen. Rehkeule. Rehrücken.

 

 

Süßwasser-und See-Fische.

 

Schleie. Karpfen. Hechte. Lachsforellen. Frische Aale. Geräucherte Aale. Frischer Rheinlachs (teuer). Südschollen. Elbbutt. Schellfisch. Krebse. Hummer.

 

 

 

Speisezettel für alle Tage im Jahre.

 

Monat September.

 

 

  1. Suppe mit gerösteten Schwarzbrot. Leipziger Allerlei von jungem Huhn, Blumenkohl, Erbsen, Klösschen und Krebsschwänzen.

  2. Reissuppe. Weiße Rüben mit Bratwurst.

  3. Graupensuppe. Grüne Bohnen mit Schöpsenfleisch.

  4. Suppe mit Sago und Blumenkohl. Gedämpfte Ente mit Pastetchen. Rebhühnerbraten mit Krautsalat.

  5. Eiernudelsuppe. Möhren mit Bratwurst.

  6. Semmelsuppe mit abgequirltem Ei. Rindfleisch mit Senf und Kohlrabi.

  7. Hirsensuppe. Ragout von Enten und Rebhühner mit Salzkartoffeln.

  8. Suppe mit Sagogries und Morcheln. Grüne Bohnen mit Schöpsenkarbonade. Kalbsnierenbraten mit Gurkensalat.

  9. Braune Suppe. Gefülltes Weißkraut.

  10. Grimpelsuppe. Gänseklein mit Kartoffelklößen.Suppe mit Nudeln. Hühnermagen und Leber.

  11. Blumenkohl mit gebackenen Hühnern. Gänsebraten mit Birnen-Kompott.

  12. Grießsuppe mit klein geschnittenem Sellerie. Wirsing mit Bratwurst.

  13. Durchgerührte grüne Suppe mit geröstetem Weißbrot. Rindfleisch mit Morcheln und Klösschen.

  14. Gebrannte Mehlsuppe. Weiße Rüben mit Rindspökelfleisch.

  15. Reissuppe. Taubenfricassee. Schöpsenbraten mit Bohnensalat.

  16. Grimpoelsuppe. Möhren mit kaltem Rindspökelfleisch.

  17. Hasensuppe. Hasenklein mit Schmorkraut.

  18. Suppe mit Sago und Kräutern. Gefüllter Wirsing mit Schinken. Hasenbraten mit Krautsalat.

  19. Eiernudelsuppe. Rindfleisch mit Kartoffeln und Sellerie.

  20. Suppe mit ausgestochenem Ei und Petersilie. Rebhuhnfricassee mit Schmorkraut.

  21. Graupen Suppe. Ragout von Schöpsenbraten mit Salzkartoffeln.

  22. Suppe mit geschnittenem Eierkuchen und Kräutern. Frischer Hecht mit Weinsauce. Rinds-Schmorbraten mit geschmorten Heidelberen.

  23. Hirsensuppe. Fricassee von Huhn.

  24. Gebrannte Mehlsuppe. Weiße Rüben mit Schöpsenfleisch.

  25. Braune Fleischbrühesuppe mit Sago und Hühnermagen und Lebern. Blumenkohl mit geräucherter Rindzunge. Gänsebraten mit Kompott.

  26. Graupensuppe mit Zitrone. Möhren mit frischem oder gesalzenem Schweinefleisch.

  27. Eiergraupensuppe. Rindfleisch mit Senf und Kapernsauce.

  28. Biersuppe mit geröstetem Brot. Gänse lein mit Ragoutsauce und Kartoffelklößen.

  29. Reissuppe mit klein geschnittenem Sellerie. Wirsing mit Schöpsenkoteletts. Gebratene Rebhühner mit Krautsalat.

  30. Hasensuppe. Kalbfleischfricassee.

„Redet mit uns” – Ein „Politischer Salon” in Darmstadt

 

undefined

 

 

 

Die Darmstädter „theatermacher e.V.” 

laden zum Auftakt ihres Projektes 

„12 Danton 13” :

 

„Ganz im Sinne Büchners öffnen wir das Theater für die vielfältigen Geschichten der Menschen vor Ort und tragen es hinaus auf die Straßen und Plätze der Stadt.

Im Mai/Juni und im August/September 2012 werden die Arbeitsergebnisse im öffentlichen Raum aufgeführt. 

theatermacher e.V. lädt Jugendliche und Erwachsene aus allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, Musikschulen und Vereinen ein, sich mit Dantons Tod zu beschäftigen. Die Teilnehmer entwickeln ihre eigene inhaltliche und künstlerische Perspektive zu den Themen des Stücks: theatral, tänzerisch, musikalisch, grafisch etc.. In diesem Prozess werden sie durch professionelle Künstler begleitet.”

Illustration von Paul Hübner aus der obigen Ausgabe

 

Zum Auftakt und zur Diskussion über das Projekt sollen regelmässige „politische Salons” stattfinden, die so angekündigt werden: 

Der Politische Salon

Reden. Zuhören. Streiten. Diskutieren.

Philosophieren. Phantasieren. Visionieren.

Versteht Ihr die Welt?

Was passiert gerade mit uns ?

Sind wir Gestalter unserer Welt, oder machen das andere für uns?

Was können wir tun?

Wo können wir uns einmischen?

Wie können wir unsere Gedanken sortieren und unsere Ideen bündeln?

Wir wollen wissen wie ihr denkt, was Euch bewegt und wohin uns unsere Gedanken tragen …

Redet mit uns
einmal im Monat, jeweils Freitags um drei nach neun,
26. August
23. September
28. Oktober
25. November

Wo?
Bei Menschenskinder e.V.
Landwehrstr. 31  64293 Darmstadt 
im Hinterhof 

 

Villa Büchner vorübergehend Berliner Kaffeehaus

Zwischenbericht:

Freitag Abend ausverkauft – Restkarten für Sonntag Nachmittag  (21.8.) gibts ab 15:30 an der Tageskasse

(Beginn 16 Uhr; Kuchen ist gebacken, Berliner Weiße kalt gestellt)

undefined

Die Wetten standen etwa 50:50, ob es mir gelingen würde, ohne allzu große Klimmzüge beim Thema „Berliner Kaffeehaus” einen Büchnerbezug hinzukriegen. Das war gar kein Problem – Kurt Tucholsky hat 1920 Max Reinhardts Woyzeck-Inszenierung gesehen und kommentiert:  

Dantons Tod

 

Bei Reinhardt wogte der dritte Akt.

Es rasten sechshundert Statisten.

Sieh an – wie das die Berliner packt!

Es jubeln die Journalisten,

Mir aber erschien das Ganze

wie eine kleine Allegorie.

 

Es tost ein Volk: »Die Revolution!

Wir wollen die Freiheit gewinnen!«

Wir wollten es seit Jahrhunderten schon –

laßt Herzblut strömen und rinnen!

Es dröhnt die Szene, Es dröhnt das Haus.

Um neune ist alles aus.

 

Und ernüchtert seh ich den grauen Tag.

Wo ist der November geblieben?

Wo ist das Volk, das einst unten lag,

von Sehnsucht nach oben getrieben?

Stille. Vorbei. Es war nicht viel.

Ein Spiel. Ein Spiel.

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne (Nr. 10, 4.03.1920, S. 311.)


« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »