Alle drei waren bemerkenswerte Interpreten der Büchner-Texte, die sie vortrugen, und erhielten verdient rauschenden Beifall. Max von Pufendorf hat sich später in Gespräch für die Chance bedankt, endlich“ mit Büchner-Texten auftreten zu dürfen. Mit dem eindringlichen Vortrag der Texte von Georg Büchner, die er mit seiner Jugendlichkeit und Emphase glaubwürdig verkörperte, hat er den Saal damals regelrecht in den Bann gezogen.
Zur Büchner-Biennale“ gibt es jetzt die Gelegenheit, ihn wieder zu hören und zu sehen:
Der Hessische Rundfunk lädt in Kooperation mit dem Literaturhaus Darmstadt unter dem Titel „ICH HALTE ÜBRIGENS MEIN WERK KEINESWEGS FÜR VOLLKOMMEN…“, Georg Büchners kritischer Selbstbetrachtung, die der Büchner-Forschung heute gelegentlich aus den Augen gerät, zu einem Gespräch von Burkhard Dedner mit Ruthard Stäblein vom hr nach Darmstadt ein, und Max von Pufendorf wird die Originaltexte vortragen:
Ich habe es im letzten Blogbeitrag über die unbedingt nachhörenswerte Veranstaltung zu Büchner als Naturforscher (am 3.10. um 18:05) bereits erwähnt – der Hessische Rundfunk widmet den Tag der Deutschen Einheit (ausgerechnet!) mit einem Radiotag“ Georg Büchner.
Hier das vollständige Programm, Hinweise für Menschen, die nicht einen ganzen Tag am Stück Radio hören wollen, folgen unten!
Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang
Mittwoch, 3. Oktober 2012, 9:05 Uhr
Der große Schriftsteller Georg Büchner
Am Tag der Deutschen Einheit sprechen wir über Büchners Radikalität und Aktualität unter anderem mit dem Büchnerforscher Burghard Dedner, und wir stellen Ihnen Büchner als Hirnforscher vor. Erleben Sie eine Hörspielfassung von Leonce und Lena, Alban Bergs Oper Wozzeck, das große Büchner-Rätsel und das Beste aus sechs Jahrzehnten Büchnerpreis-Reden.
Das Programm
9:05 Uhr Von Goddelau zur Weltbühne
Gespräche, Reportagen und Musik zu Georg Büchner / Büchner-Rätsel Folge 1 3 / Moderation: Ruth Fühner
11:30 Uhr Georg Büchner, der Naturforscher
Ein Feature von Regina Oehler
12:05 Uhr Doppel-Kopf
Am Tisch mit Burghard Dedner, Büchner-Begeisterter
Gastgeber: Hans Sarkowicz / (Wdh. 23.05 Uhr)
13:05 Uhr Rondo Klassik am Mittag
Musik aus der Büchner-Zeit
14:05 Uhr Leonce und Lena
Hörspiel nach Georg Büchner / Mit Gerd Martienzen,
Gespräche, Reportagen und Musik zu Georg Büchner / Büchner-Rätsel Folge 4 5 / Moderation: Alf Mentzer
18:05 Uhr Ich sitze am Tag mit dem Scalpell und die Nacht mit den Büchern
Der Hirnforscher Georg Büchner / Mit Durs Grünbein, Michael Hagner und Wolf Singer / Moderation: Regina Oehler / Aufzeichnung einer öffentlichen Veranstaltung
vom 28.09.2012 im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt
19:05 Uhr Notenschlüssel
Alban Bergs Wozzeck / Aufgeschlüsselt von
Paul Bartholomäi (Wdh. vom 24.11.2010)
20:05 Uhr Wozzeck
Von Alban Berg / Oper nach Georg Büchner / Mit Franz Grundheber, Waltraud Meier u.a. / Staatskapelle Berlin, Ltg. Daniel Barenboim
22:00 Uhr Dank an Büchner Sechs Jahrzehnte Büchnerpreis-Reden
Moderation: Ulrich Sonnenschein
Wer das alles gerne hören möchte, aber am 3.10. auch noch was anderes vor hat, dem bieten sich verschiedene Zugänge über einen Life-Mitschnitt oder den späteren Download“ von Podcasts“, also vom Rundfunk zur Verfügung gestellten Dateien mit den Beiträgen.
Am einfachsten kann man hr2-Beiträge mit dem hier vom Sender selbst zur Verfügung gestellten Programm mitschneiden.
Ich nutze meist den Phonostar-Player, der mich auch mich einmal wöchentlich per E-Mail über besonders attraktive Hörfunk-Ereignissse informiert, und zwar mit der Möglichkeit, diese mit einem Klick aufzuzeichnen.
Schließlich finden sich hier die Podcast-Angebote von hr2.
Drei hochkompetente Gesprächspartner diskutierten am 28. 9. unter der Leitung von Regina Oehler die Bedeutung der wissenschaftlichen Schriften Georg Büchners, der Doktorarbeit über das Nervensystem der Barbe und die Antrittsvorlesung über Schädelnerven.
Der Autor Durs Grünbein ist Büchnerpreisträger von 1995, seine Rede hieß Den Körper zerbrechen“; die Akademie stellt Sie hier zur Verfügung. Michael Hagner ist Professor für Wirtschaftsforschung in Zürich, Wolf Singer ist Neurophysiologe und heute Leiter des Singer-Emeritus-Department“ am MPI in Frankfurt.
Der Hessische Rundfunk hat den vielleicht bestmöglichen Platz für dieses Gespräch ausgewählt: den Sauriersaal des Senckenbergmuseums in Frankfurt.
Das Panel im Senckenbergmuseum
Das kluge und anregende Gespräch soll hier nicht im Detail referiert werden, der Hessische Rundfunk sendet es an seinem Radiotag für Georg Büchner“ am 3. Oktober vom 18:05 – 19:05 Uhr auf hr2, der insgesamt höchste Beachtung verdient!
Verblüffend immerhin, mit welcher Selbstverständlichkeit (und ohne jedes Murren aus dem Publikum) sich alle sicher waren, dass Büchners weiteres Leben das eines Naturwissenschaftlers geworden wäre.
Unbestritten ist bisher, dass Büchners revolutionärer Ansatz scheiterte. Die Wissenschaftler ließen keinen Zweifel daran, dass auch die Nerventheorie falsch war. Professor Hagner erläuterte, wie unglaublich dennoch die gewonnenen Erkenntnisse des jungen Studenten tatsächlich waren: mit nicht mehr als einer Lupe, ohne akademische Unterstützung, tatsächlich alleine im Studierzimmer, am Tisch, von dem das Frühstück weggeräumt wurde“, hat er in Straßburg Präparate angefertigt, zu denen heute kein Student in der Lage wäre“. Büchner glaubte, die Vermutung, das Gehirn und der Schädel seien die unmittelbare Fortsetzung“ der Rückenwirbel und des Rückenmarkes, bewiesen zu haben. Allerdings einigten sie sich die drei sehr schnell darauf, dass das seine wissenschaftliche Leistung nicht im geringsten schmälert: Irren sei ohnehin eine weit unterschätzte Qualität von Forschung, und die besten Erkenntnisse verdanke die Wissenschaft dem Irrtum.
Die drei großen Themen in Georg Büchners atemberaubendem und viel zu kurzem Leben sind Revolution, Literatur und Naturwissenschaft. Nicht erst die Büchnerbiennale“ brachte an den Tag, dass die Spekulationen über den weiteren Lebensweg des jung verstorbenen Rückschlüsse auf die Haltung der jeweiligen Interpreten zulassen, und dies war sicher nicht die letzte Veranstaltung, die diese Erkenntnis bestätigt.
Offensichtlich ist, dass das, was bleibt, die atemberaubenden Texte sind, die Georg Büchner hinterließ.
So gesehen behält Herwegh recht, der in seinem Gedicht auf den frühen Tod den Satz schrieb, der heute Georg Büchners Grabstein schmückt:
Die Luise Büchner-Gesellschaft e. V. lädt herzlich ein:
Die enge Verbindung der Büchner-Geschwister ist durch ihre Schriften belegt. Dass Luise Büchner (1821-1877) ähnliche Gedanken zu Religion, Politik und Kunst vertrat wie ihre jüngeren Brüder, war in einer patriarchalischen Gesellschaft normal. Erstaunlich jedoch, dass auch sie das Werk ihrer Brüder beeinflusste. Ludwig Büchners Schriften zur so genannten Frauenfrage zeugen davon. Ziemlich bekannt ist Ludwig Büchners Bemerkung in seinem aufschlussreichen Bericht über seine Kontakte zu Ferdinand Lassalle:
Am 15. früh (Mai 1863 pb) erhielt ich ein Telegramm aus Frankfurt, welches Lassalles Ankunft bei mir auf elf Uhr ankündigte. Er kam mit dem riesigen Selbstvertrauen, welches ihn auszeichnete und welches auch aus seinen Briefen hervorleuchtet, in der Hoffnung des Veni vidi vici und in der Überzeugung, dass es ihm ein Leichtes sein würde, mich für seine Sache zu gewinnen und damit auf der Frankfurter Versammlung durch Herüberziehung der gesammten Arbeiterverbindung des Maingaues eine starken Trumpf auszuspielen. Diese Hoffnung mußte, nachdem ich mich auf der Rödelheimer Versammlung in der geschilderten Weise ausgesprochen hatte, selbstverständlich getäuscht werden, und sehr mißmutig darüber verließ mich nach langen Diskussionen der Agitator am Abend desselben Tages, ohne indessen die Hoffnung eines schließlichen Umschlages für den 17. Mai ganz aufgegeben zu haben. Obgleich vollkommener Weltmann, ließ er sich doch durch diesen Mißmut hinreißen, die Regeln der Höflichkeit gegen Damen außeracht zu setzen, indem er meiner Schwester Luise (Verfasserin von Die Frauen und ihr Beruf usw.), welch sich einmal in die Diskussion gemischt hatte, zurief: davon verstehen Frauenzimmer nichts – und die vollständig eingeschüchterte Rednerin damit für den übrigen Teil des Tages mundtot machte. “
Ludwig Büchner: Meine Begegnung mit Ferdinand Lasssalle. Ein Beitrag zur Geschichte der sozialdemokatischen Bewegung in Deutschland. Nebst fünf Briefen Lassalles. Von Prof. Dr. Ludwig Büchner in Darmstadt. Berlin. Hertz und Süßenguth. 1894. S. 28/29
Es gibt zahlreiche weitere Stellen in Ludwig Büchners Werk, die seine ungewöhnlich moderne und aufgeschlossene Haltung gegenüber Frauen dokumentieren.
Agnes Schmidt und Peter Brunner,
Vorstandsmitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft,