Nach dem Ende der breit gefeierten Georg-Büchner-Jubiläen taucht eine kleine Neuerscheinung auf, die sich mit einem immer wieder diskutierten Aspekt seines überschaubaren Werkes beschäftigt. In dem rührigen Berliner Anthea-Verlag erschien soeben „Das verschwundene Manuskript“, eine Erzählung von Heidi von Plato, die die Frage, ob es das imaginierte Werk, ein Aretino-Drama, überhaupt gegeben hat, nicht stellt.

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Es ist mir eine nicht zu unterschätzende Mühe gewesen, in den zahlreichen Neuerscheinungen der vergangenen Jahre, die sich mit literarischem Anspruch mit Georg Büchners Leben beschäftigen, die unterstellten, vermuteten oder imaginierten Geschlechtsverkehre des armen Jünglings zu ertragen. Bei der Lektüre einiger davon hatte ich begonnen, Strichlisten darüber zu führen, bis ich das Spiel im unsäglichsten von allen, „Das Herz so rot“ von Udo Weinbörner (für den alle mir bekannten Mäntel christlicher Nächstenliebe zum erbarmungsvollen Darüberlegen nicht groß genug sind), bei einer deutlich zweistelligen Zahl beendete.

Auch im „Verschwundenen Manuskript” geht es früh zur Sache, auf Seite 13 zieht Minna ihm „sein langes Unterhemd, dass (sic) einen freien Schritt besaß, aus“ und endet „solche Innigkeit zeigte sie sonst nur beim Gebet“. Glücklicherweise bleibt es im Text bei diesem einen Mal, und die kleine Geschichte, die bereits im Strassburger Exil 1833 einsetzt, liest sich danach schnell und unterhaltsam.

Für von Plato steht es ausser Frage, dass Büchner in Straßburg an einem Aretino-Stoff gearbeitet hat. Sorgfältig zählt sie die bekannten Arbeiten auf, die ja bekanntlich schon gereicht hätten, um andere Autoren für Jahrzehnte zu beschäftigen (wobei die beiden Hugo-Übersetzungen unerwähnt bleiben); den Gedanken, wann um Himmels Willen denn noch mehr überhaupt hätte entstehen können, erspart sie uns. Es geht, so berichtet Georg der Verlobten, im Stück um Aretino im Freudenhaus, wo er „mit den Huren so richtig über die Kirche her” zieht. Natürlich ist Minna gegen diese Arbeit, erklärt sich das schließlich aber so: „vielleicht strengst du dich so an, um deinem Vater zu beweisen, dass mit dir alles gut ausgeht?“. Nun wissen wir allerdings genug, um sehr viel sicherer zu sein, dass ein Aretino-Stück Ernst Büchners Mißfallen erregt hätte, als wir Minna Jaeglé unterstellen dürften, sie sei damit nicht einverstanden gewesen. Dem Vater zuliebe hat Georg Büchner ganz sicher nicht an einem Aretino-Stoff gearbeitet, bei allen Unsicherheiten und Möglichkeiten dieses kleinen Literaturkrimis kann das keine Erklärung sein.

Eine schöne Erzählvariante hat die Autorin für das eigentliche Rätsel gefunden – im Text tauchen drei Möglichkeiten dafür auf, wie und vom wem der Text beseitigt wurde. Darüber soll hier mehr nicht verraten werden. Immerhin erscheint schließlich in Zürich die historisch verbürgte Person Thomas Lovell Beddoes, ein Brite mit außerordentlichem Lebenslauf, der Büchner in Zürich wohl wirklich gekannt hat. Möglicherweise ist Beddoes in Büchners letzten Stunden als Arzt an seinem Totenbett gewesen; und – das darf hier verraten werden und wird auch nicht erstmals erörtert – das macht ihn auch für von Plato zum potentiellen Manuskript-Entwender.

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Thomas Lovell Beddoes

(gemeinfrei, via http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Lovell_Beddoes)

Leider wird Beddoes noch im letzten Satz der Erzählung arges Untrecht getan. Er habe, so heißt es da, „unglücklich verliebt in einen Bäckerjungen” 1849 Selbstmord begangen. Die wahre Geschichte ist spannender: Beddoes war 1848 mitten im Getümmel der deutschen Revolution, stürzte dort vom Pferd, erlitt schwerste Verletzungen, die zu Amputation beider Beine führten, und beging am 26. Januar 1849 im Krankenhaus in Basel Selbstmord. Auch die Geschichte seines Nachlasses, der immerhin den gesuchten Text hätte beinhalten können, ist eine Kriminalgeschichte: auf der sehr sorgfältig gepflegte Web-Site www.phantomwooer.org wird das Schicksal von Beddoes Nachlass, schließlich in einer Kiste verschlossen, mit diesem Ende berichtet: „no more was ever heard of the tin box.“

Heidi von Plato hat eine Erzählung über einen spannenden Aspekt in Georg Büchners Biographie geschrieben, die uns mit dem Besten zurücklässt, das sich Büchner-Enthusiasten wünschen können: dem Wunsch, mehr von und über Georg Büchner zu lesen und zu wissen.

 Heidi von Plato: Das verschwundene Manuskript.
Ein Georg-Büchner-Roman.

ISBN: 978-3-943583-30-4
Hardcover, 14 x 21 cm, 8 Illustrationen, 196 S., 12,90 €

 

Die Autorin stellt das Buch am 28. April in der Freien Volksbühne Berlin vor 

 

von Peter Brunner