Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

18.3.2014

„Wenn nur der Nagel hält, dass die Fahne nicht herunterfällt!“

Filed under: Büchner,Feminismus,Geschichte,Luise Büchner,Texte — peter brunner @ 19:09

Hier wie angekündigt der zweite Teil von Luise Büchners Text über die Revolution von 1848, entnommen ihrem Werk Luise Büchner: „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870” Leipzig, Thomas, 1875. Seiten 360 – 383

Teil 1 (SS: 337 – 360) findet sich hier


Teil III hier  

 

Deputationen aus anderen hessischen Städten fanden sich gleichfalls in Darmstadt ein, aber man zögerte dort, irgendetwas zu bewilligen, stattdessen trat der Prinz Emil, ein Bruder des Großherzogs und entschiedener Freund Österreichs, schnell eine höchst verdächtige Reise nach Wien an. In dieser Zwischenzeit war es, wo in Offenbach ein geflügeltes Wort, welches man nachher unzählige Male auf die März Revolution angewendet hat, laut wurde. Bei Gelegenheit eines Festmahl alles ließ man dort vor einiger Weise eine deutsche Fahne wehen, was die Polizei sehr übel nahm, den Arbeiter, der die Fahne befestigt hatte, vorlud und durchaus von ihm wissen wollte, was er sich dabei gedacht habe, worauf jener die klassische Antwort gab, er habe gedacht: „wenn nur der Nagel hält, dass die Fahne nicht herunterfällt!“ – Der Nagel von 1848 hielt damals nicht, seitdem ist aber ein stärkerer eingeschlagen worden. Als die Bewegung mit jeder Stunde wuchs – in Mainz hatte zieht’s am 4. März in einer Bürgerversammlung erklärt: „unser Wechsel läuft schon 30 Jahre, dennoch wollen wir noch drei Tage gewähren, dann aber ziehen wir nach Darmstadt“, da berief man eiligst den damaligen Erb Großherzog von München zurück, wo dieser bei seinem Schwiegervater weilte, und gerade den letzten Akt der Lola-Komödie mit hatte abspielen sehen. Kaum wussten die Liberalen Kammermitglieder, und ihr damaliger Führer ihnen voran, Heinrich von Gagern, der jetzt dort wieder seinen

 

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Platz innehatte und in welchem das hessische Volk seinen Retter und Befreier erblickte, die Bewegung bis zur Rückkehr des Fürsten niederzuhalten. Gleich nach derselben wurde er zum Mitregenten seines alten Vaters ernannt, und erließ sodann das Edikt vom 6. März, durch welches alles verheißen und versprochen wart, was man forderte.Der Freiherr du Thil wurde entlassen und Gagern,

der des höchsten Ansehens genoss, dem man fast die Pferde aus spannte, als er am 6. März von Heidelberg zurückkehrend, durch die Straßen fuhr, zum Minister ernannt. –

Weniger rasch verliefen die Dinge in Kurhessen; dort war der halsstarrige Sinn des Fürsten wie immer zum äußersten Widerstand entschlossen und für den Fall, dass sein eigenes Militär sich unzuverlässig zeigen sollte – eine Befürchtung, zu der er allen Grund hatte – rechnete er auf preußische Hilfe. Auch dort ging die erste Bewegung nicht von der Residen sondern von Hanau, der zweiten Stadt des Kurfürstentums aus; auf höheren Befehl von Kassel sollte dort schleunigst die Bürgerwehr, welche sich, wie dies aller Orten geschah, rasch gebildet hatte, entwaffnet werden, aber diese widersetzte sich diesem Vorhaben und eine Deputation begab sich nach Kassel um Ihre Wünsche vorzubringen. Doch gelang es derselben nicht, den Widerstand des Fürsten zu brechen. Als nun Tag um Tag verging und die Hanauer Deputation immer nicht zurückkehrte, bereitete man in Hanau wie in der ganzen Umgegend einen großartigen bewaffneten Zug nach der Residenz vor; an der Spitze desselben standen die Hanauer Turner. Diese Turner, denn auch die Neubildung von lange verpönt gewesenen Turngemeinden begleitete die deutsche Erhebung, organisierten den Widerstand ganz militärisch. Sensen und Piken wurden geschmiedet, dreifarbige Fahnen und Schleifen durch die Frauen ausgeteilt, und an dem Jubel, die sich nun in dem Großherzogtum Hessen erhob, entzündete sich der Widerwille gegen das Regiment des Kur-

 

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fürsten noch heftiger.Schon sprach man laut davon, denselben zu verjagen, die beiden Hessen wieder unter einem Fürsten zu vereinigen, und schamrot blickten die begeisterten Kurhessen auf das großartige Fest, welches gerade in diesen Tagen die Mainzer vorbereiteten, um den Sieg der Freiheit zu feiern. Die ganze Stadt wurde glänzend beleuchtet, ein Fackelzug von tausenden bewegte sich durch die Straßen mit dem Bürgermeister und Gemeinderat an der Spitze, vom Balkon des Theaters herab hielt Zitz eine begeisterte Ansprache an die Versammelten, in die er für die errungenen Güter dankte, und dann alle zum feierlichen Schwur aufforderte, mit Glut und Blut an ihnen festzuhalten. 1000 stimmig, mit erhobenen Armen, wurde dieser Schwur ihm nachgerufen zum Sternenhimmel empor, während die bengalischen Flammen, welche den alten, ehrwürdigen Dom beleuchteten, die enthusiastischen Gruppen mit rot glühendem Lichte umhüllten. – Von gleichem Enthusiasmus getragen, riefen jetzt auch die Hanauer, und alle die sich ihnen angeschlossen hatten: „Sieg oder Tod!“ Schon war die Hanauer Deputation nach langen, vergeblichen Bemühungen im Begriff Kassel wieder zu verlassen; dies sollte das Signal zum Angriff auf die Residenz, die sich selbst schon in wildester Gärung befand, geben; schon heulten die Sturmglocken, schon machte sich jedermann bereit, da – in der letzten Minute, kam Befehl von Wilhelmshöhe, die Hanauer zurückzuhalten, man wolle mit Ihnen unterhandeln. So fügte sich denn auch der Kurfürst endlich in das unabänderliche. Sein verachteter Minister Scheffer entfloh, vom Land Volke bis über die Grenze verfolgt, nachdem er sich tagelang versteckt gehalten, alle dessen Kreaturen wurden entlassen, und der Märtyrer Jordan, der so schwer gelitten, im Triumphe wieder in die Kammer geholt und ihm seine Professur zurückgegeben. hier wie überall traten dann in der an die Stelle des Widerstandes Illu-

 

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minationen, Fackelzüge, Feuerwerke, und die lautesten Ausbrüche der Freude. –

 

Gleichzeitig mit Kurhessen hatte auch Nassau seine Revolution, seine Ministerwechsel, wie die Bewilligung seiner Forderungen und unaufhaltsam in die Bewegung auf Norddeutschland über. In der Regel machte eine bedeutende Nachbarstadt der Residenz den Anfang, wie wir es schon einige Male gesehen, bis dann die Letzteren mit ergriffen worden. In Sachsen gegen Leipzig mit Biedermann, Robert Blum und Arnold Ruge an der Spitze voran. Auch dort versuchte man zuerst von Dresden aus Widerstand, dann folgte Ministerwechsel und Nachgeben. In Hannover, wo ein nicht minder halsstarriger Fürst als in Kurhessen regierte, wehrte man sich gleichfalls ein Weilchen, da zogen am 17. März die Göttinger Studenten gegen Hannover aus, am 18. wurde Bürgermeister Stüve von Osnabrück zu Minister ernannt, und am 19. war wie überall alles voll Jubel und Freude, das siegende Volk ahnte freilich nicht, mit welch arger Tücke man gerade in Hannover sich notgedrungen, nur für den Augenblick liberal und national gesinnt gebärdete.

 

Das in den kleineren Staaten die Revolutionen nun auch einander Schlag um Schlag folgten, dass sie wie reife Birnen vom Baum fielen, konnte nicht fehlen; man stand des Morgens mit einer Revolution auf und legte sich mit einer andern nieder, und nur Toren, so meinte man, konnten noch zweifeln, dass nun Deutschland vollständig und für immer den Absolutismus und den Partikularismus besiegt habe. Am entschiedensten mussten natürlich die Umwälzungen in den drei größten deutschen Staaten werden, in Bayern, Preußen und Österreich. – Trotz der schönen Erfolge war alles verloren, wenn es dort ruhig blieb; aber

 

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Von dem ersten Staate hatte man dies nicht zu fürchten, denn schon im Februar waren ja dort, infolge des Lola-Regimente, neue Unruhen ausgebrochen. – Seit einem Jahre nun beherrschte die schöne Gräfin Landsfeld den König und mit ihm das ganze Land ihr Haus war der Sammelplatz junger Männer, meist Studenten, welche eine neue Verbindung, die Alemannia, gegründet hatten, und sich für volks- und freisinnig, wie auch jesuitenfeindlich aus Sie durchschwärmten und durchtranken die Nächte mit der schönen und originellen Dame, die sich nebenbei ganz ernstlich in die Regierungsgeschäfte einmischte, Bittschriften, Anstellungsgesuche und dergleichen entgegennahm, und nach Lust und Laune Gnaden und Ämter austeilt Daraufhin erklärten die übrigen Studenten die Alemannia, Lolas Garde,. in Verruf, wofür sich die Regierung durch Bedrückung der übrigen Chors rächte und es ihnen verbot am Grabe des alten Görres, der den Tag von Deutschlands Wiedergeburt nicht mehr erleben sollte, sondern am 29. Januar 1848 gestorben war, zu singen. – Darüber entrüstet kam es nun auf offener Straße zu Reibereien und Tätlichkeiten zwischen den verschiedenen Studierenden, die endlich einen Volksauflauf nach sich zogen. Die Gräfin mischte sich in den Tumult und verließ, mit einer Pistole bewaffnet, ihren Wagen, der sie in die Mitte der Streitenden gebracht hatte, aber kaum wurde sie von der Menge erkannt, als sie sich schon umringt und verfolgt sah; die Pistole, mit der sie dagegen drohte, konnte ihr nicht viel nützen und mit knapper Not flüchtete sie sich in eine nahe Kirche. Nur durch eine starke Gendarmeriemacht konnte sie von da nach der Residenz, dem Königsschlosse, gebracht werden während ihr Haus, welches man niederzureißen Anstalten machte, umstellt wurde. Erzürnt über diese Dinge und von seiner schönen Freundin aufgeheizt, ergriff der König die verhängnisvolle Maßregel, die Univer-

 

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sität – man befand sich erst im Februar – bis zum Oktober zu schließen. Alles geriet außer sich darüber, die Bürgerschaft sah sich ihres Broterwerbs beraubt, die Studenten waren in höchster Aufregung, aber jede verständige Bemühung den Sinn des Königs zu brechen, blieb vergeblich und als nun die Studenten sich in einem großen Zuge vor das Haus des Fürsten Wallerstein begraben, um, er war Vorstand des Unterrichtswesens und hatte sich in den letzten Tagen gütig und liberal gegen die jungen Leute gezeigt, Abschied von ihm zu nehmen – wurden sie ohne weiteres durch die Gendarmen auseinander gesprengt. Nun beschloss der Stadtrat noch einmal den König persönlich Vorstellungen zu machen; sie verlangten die Wiederherstellung der Universität und – dies bildete freilich den Schwerpunkt ihres Verlangens – die Ausweisung der Gräfin Landsfeld. Hinter ihnen standen der Adel und das Militär, welche Letzteren Lola Montez gleichfalls bitter hassten. Der König war in Verzweiflung; er wollte es lieber aufs äußerste ankommen lassen, als sich von seiner Freundin trennen, aber bald musste er sich überzeugen, dass im Falle eines Kampfes sich auf die Truppen nicht verlassen konnte. Als ihnen Lola, während sie in den Straßen aufgestellt wurden, Erfrischungen heruntersandte, schlugen sie dieselben aus, und nahmen nur das an, was ihnen von den Bürgern gebracht wurde. Schon fing man an Barrikaden zu bauen, Sturm zu läuten; und die Kunde kam, dass in Augsburg sich die Bürger breitmachten, nach München zu ziehen, um den dortigen Bürgern zu helfen – da endlich gab König Ludwig nach. Aber Lola war so leicht nicht zu überwinden; sie machte, ehe sie ihre Sache aufgab, erst noch einen Versuch in das Schloss zu dringen, doch die Tore desselben waren fest geschlossen, und unter dem Wutgeheul der Menge, verfolgt von Steinwürfen und Schimpfreden entkam sie mit knapper Not, nur durch die Geschick-

 

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lichkeit ihres Kutscher noch glücklich aus der Stadt. Der König suchte zu scherzen, er sagte: „hätte sie nicht Lola Montez, sogar Loyola Montez geheißen, sie wäre noch ruhig in München“, aber im Herzen war er tief betrübt und verletzt. In solcher Stimmung trafen ihn dann die März Tage, die von dem ohnehin noch tief erregten Volke umso stürmischer in Szene gesetzt wurde. Dem verhassten Minister Berks, einer Kreatur der Lola, wurden alle Fenster eingeschlagen, und als der König den uns schon bekannten Forderungen Widerstand, und Fürst Wrede – jetzt bedurfte man ja des Volkes nicht mehr gegen die Lola – sich ernstlich anschickte, bewaffneten Widerstand zu leisten, wurde das Zeughaus gestürmt, die Münchner bewaffneten sich und zum zweiten Male sah sich Bayerns König genötigt, sich der Volkssouveränität zu beugen, wenn er es nicht bis zum Äußersten wollte kommen lassen. Er fügte sich, aber während ihn jetzt anstatt der Drohungen lauter Jubel umbrauste, das Militär den Eid auf die Verfassung leistete, und sein ganzes Land in Wonne schwamm, zehrte ihm der Gram am Herzen. Am 20. März drang plötzlich die Nachricht in das Publikum, König Ludwig I habe zu Gunsten seines Sohnes Max II, abgedankt. Niemand wollte daran glauben und doch war es wirklich so. Der König ließ öffentlich erklären, er habe seit 23 Jahren nach Grundsätzen regiert, die er für die richtigen gehalten; nun sei er gezwungen geworden, Versprechungen zu machen, die er nicht zu halten im Stande sein werde, er sehe sich darum genötigt, seine Krone niederzulegen. Dies war ehrlich gesprochen und jedenfalls, mögen auch die Beweggründe gewesen sein, welche Sie wollen, hat Ludwig von allen deutschen Fürsten am meisten seine Ehre gewahrt, indem er sich nicht in den Fall brachte, das wieder verleugnen zu müssen, was er in der Stunde der Gefahr zugesagt und beschworen hatte. Er konnte nun wieder frei

 

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der Kunst wie der Poesie leben, und die Bayern betrauerten in aufrichtig, trotz der großen Mängel und Schwächen seiner Regierung. Lange erhielt sich im Volkje die Vorstellung, man habe ihm von Seiten der Pfaffen zur Entsagung gezwungen, weil er ihnen nicht mehr gehorcht habe, aber von den Münchner Ereignissen hinweg, richtete sich jetzt das Hauptinteresse Deutschlands auf die beiden wichtigsten Revolutionen, auf die von Wien und Berlin. –

 

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15. Vorlesung

 

Welcher Art die Schwierigkeiten waren, die dem österreichischen Kaiserstaate schon vor dem Jahre 1848, durch die Aufregung in Ungarn, Galizien und der Lombardei bereitet wurden, habe ich bereits angedeutet; der Ausbruch der Pariser Februarrevolution traf mit schwerer Wucht das bereits zusammenbrechende Ministerium und bedrohte die Monarchie mit noch anderweitigen Verwicklungen in Deutschland. Man hatte überhaupt seit dem preußischen Thronwechsel um 1840 mit stets wachsendem Unbehagen dahin geblickt und sich bemüht, die schwachen Bemühungen Preußens um eine Bundesreform stets möglichst zu verschleppen, aber unverkennbar blieb es darum doch, dass die deutsch-österreichische Bevölkerung mehr und mehr nach dem erwachenden Geiste im Reiche hinzuhorchen, und dort einen Halt, eine Anlehnung zu suchen begann. Mit glücklichem Erfolge hatte man gegen solche Regungen, seinerzeit, den bekannten Trinkspruch des Erzherzog Johann improvisiert, den derselbe niemals so gedacht, noch gesprochen, dessen Verbreitung jedoch einen enthusiastischen Widerhall in ganz Deutschland fand und der lautete: „kein Österreich und kein Preußen, sondern ein einiges freies Deutschland, fest wie seine Berge!“

 

Jahrelang schlug Österreich Kapital aus diesem Worte, dass ihm, im Gegensatz zu Preußen, die Popularität des

 

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übrigen Deutschland eintrug, was sich namentlich fühlbar machte, als der Augenblick kam, der diese Popularität auf die Probe stellen sollte. – Noch früher jedoch, als das Verhältnis Österreichs zu einem verjüngten Deutschland infrage kommen konnte, ereilte dessen langjährige Regierung dasselbe Verhängnis, dass jene Staaten betroffen, die im Vertrauen auf Metternichs Staatskunst, sich seiner Führung so blindlings überlassen hatten. Den ersten Anstoß zur Unruhe gaben die großen finanziellen Schwierigkeiten, in denen die österreichische Regierung sich fortwährend befand und die sich zu Anfang des Jahres 1848 besonders kritisch gestaltet hatten. War doch dem Staatsbürger seit Jahren jeder Einblick in das Budget versagt gewesen; eine Rechenschaftsablage gab es nicht, dagegen wurde immer nur Geld, immer nur neue Steuern verlangt, bis der Staats-Kredit sich aufs tiefste erschüttert zeigte, und die beängstigende Bevölkerung nun immer lauter die Einberufung der alten Stände, wie dies 1810 wo man sich in einer ähnlichen Krise befand auch geschehen war, forderten. Man hoffte in ihnen doch wenigstens eine Garantie der Regierung gegenüber zu haben, da sie entschlusslos hin und her schwankte und jetzt, als sie Revolution in Frankreich ausbrach, nichts besseres zu tun wusste, als das Schreckgespenst des Kommunismus heraufzubeschwören. Aber vergebens – die Angst, dass der Staatsbankrott, den man schon so lange gefürchtet, nun wirklich ausbrechen werde, überwältigte alle Gemüter; man drängte sich an die Staatskassen, um seine Papiernoten in klingende Münze umzusetzen, in Ungarn aber, wo die politische Reife die größte, die Behandlung öffentlicher Angelegenheiten die leichtere war, da man ja dort seine Ständetafeln von alters her besaß, knüpfte sich unmittelbar an die eben geschilderte Aufregung die offene Revolution an. Am 3. März, nachdem im Pressburger Reichstage die Not des Landes, der Druck der auf Handel und Wandel

 

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lastete, war lebhaft geschildert worden, beschloss man, von der Regierung in Wien Aufklärung über die Finanzlage Ungarns zu verlangen. Während dieser Debatten erhob sich Ludwig Kossuth, der Agitator Ungarns, und hielt jene berühmte Re welche man später als die Taufrede der ungarischen und Wiener Revolution bezeichnet hat, er verlangte vollständige Beseitigung der absolutistischen Regierungsweise, er schilderte die Hohleit und den leeren Mechanismus ihres Wesens mit drastischen Worten, „aus den beiden Kammern des Wiener Systems“, so rief er aus, „weht eine verpestete Luft uns an, die unsere Nerven lähmt, unseren Geistesflug bannt“ der Schluss seiner Rede lautete: „wir bitten daher den kaiserlichen Thron mit konstitutionellen Einrichtungen umgeben, allen Ländern Österreichs eine Verfassung verleihen zu wollen!“ Unter allgemeinem Jubel den seine folgenden Angriffe auf Anführungszeichen den alten Mann Metternich Anführungszeichen, zum stürmischen Beifall gestalteten, trat die Ständetafel Kossuths Antrag bei, und die Tafel der Magnaten wurde zu dem selben Entschluss mit fortgerissen. Wie man nun jetzt dort in Pressburg ein neues Ungarn verlangte, so erhob sich auch Prag, und forderte ein neues Böhmen; wenige Tage später rief man in Wien einem neuen Österreich.

 

Die Nachrichten, die nun Schlag auf Schlag aus Deutschland eintrafen, wirkten so überwältigend in der Kaiserstadt, dass Zensur und Polizei sich wie gelähmt fühlten; die Bevölkerung fing an sich zu Adressen und Petitionen zusammen zu tun; allen anderen voran gingen die Buchhändler, welche Rücknahme der neuen Zensurvorlage verlangten. Die Spitze der Regierung, die „Staatskonferenz“, welche schon seit längerer Zeit die Stelle des unzurechnungsfähigen Monarchen vertrat, war völlig ratlos und sah zitternd und bebend die Bewegung wachsen und steigen. Der wieder Gewerbeverein traten gleichfalls hervor und forderte in eine Adresse ein

 

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festes Anschließen der Regierung an die gerade versammelten Stände, denn es hatte sich zufällig so gefügt, dass die Regierung nun doch die niederösterreichischen Stände auf den 13. März einberufen hatte. Die Führer der Liberalen Partei entwarfen ihre Forderungen, und gleichzeitig sprach der juridisch-politische Leseverein, unter Anführung des Advokaten und späteren Ministers Alexander Bach, in einer Petition unverhohlen seine Ansicht über die Notwendigkeit einer österreichischen Gesamtverfassung aus. Dieser Kundgebung folgte dann eine Adresse der Wiener Studentenschaft, die am tapfersten zu Werke ging und frische Wege Press-, Rede-, Lern-, Lehr-Freiheit verlangte, außer der Volksvertretung und einer Bundesreform.

 

Angesichts dieser sich mit größter Schnelligkeit folgenden Schritte erschrak die Regierung doch ernstlich; die Professoren wurden aufgeboten, um die Überreichung der Studentenadresse zu verhindern, sie erreichten aber gar nichts, als das Zugeständnis der jungen Leute, Ihre Adresse nicht persönlich in die Hofburg bringen zu wollen, sondern dies Geschäft zwei einflussreichen Lehren, den Professoren Hye und Endlicher zu überlassen. Diese beiden wurden dann auch von den Kaiser empfangen, und mit freundlichen aber leeren Worten abgespeist; als am Morgen des 13. März die im dichten Scharen harrende studentische Jugend dies als Antwort erhielt, steigerte es nur die Aufregung, anstatt sie zu dämpfen. bald gruppierte sich, ohne besonderes Zutun die ganze Aktion um die Aula und um die Studentenschaft; auf und nieder wogte es in den Straßen, die Stände traten zusammen, und rufe wurden laut, welche Metternich und Seldnitzky, den verhassten Polizeiminister, als Diebe und Verräter bezeichneten, und deren Verjagen verlangten. Man verlas unter lautem Enthusiasmus Kossuths Rede, die er in Pressburg gehalten, und eine Deputation von sechs Studenten und

 

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sechs Bürgern verlangte, in die Ständeversammlung eingeführt zu werden, um dort die Wünsche des Volkes vorzutragen. Als diese Deputation sobald nicht wieder erschien, fürchtete man draußen Verrat, das Volk drang in der Ständehaus ein, und so sahen sich die versammelten genötigt, sich der Bewegung anzuschließen, und den Versuch zu machen, bis zu dem Monarchen vorzudringen.

 

In diesem Augenblicke mochte man in Wien, wenn man alles genau gewusst, mit Wallenstein sprechen: „in seiner Hofburg zitterte der Kaiser!“ Metternich wollte Gewalt anwenden, die anderen stimmten ihm jedoch nicht bei, doch ließ man unklugerweise Soldaten ausrücken und schickte sie nach dem Ständehause. Sie wurden vom Volke verhöhnt, hin und her geschoben und geneckt, bis sich der Tumulte so weit steigerte, dass ein Volkshaufe das Ständehaus zu zerstören begann. Daraufhin gaben die Soldaten eine Salve,die mehrere der Tumultuanten zu Boden streck Nun legte sich, um weiteres Unheil zu verhüten, das Bürgertum ins Mittel; man uniformierte sich als Nationalgarde, und die angesehensten Männern stürmten die „Staatskonferenz“ zur Nachgiebigkeit. Als Metternich sich unbeugsam zeigte, fort und fort von einem „verführten Pöbel“ sprach, wurden ihm die Worte entgegen geworfen: „das ist kein Krawall, das ist eine Revolution!“ Während man verhandelte, erschien auch noch der greise Jenull, der Rektor der Universität, in dem Schlosse und verlangte die Bewaffnung der Studenten, weil dieselben gedroht, sie würden sonst das Zeughaus stürmen. Da, in der höchsten Bestürzung, erinnerte man sich dass der Rektor das Recht hatte jederzeit unangemeldet vor dem Kaiser zu erscheinen. Er schickte sich an, davon Gebrauch zu machen, aber an Ferdinands Stelle empfingen ihn seine Brüder, die Erzherzöge, und als der alte Mann nun aus der Unterredung mit Ihnen heraus hörte, wie wenig Sie noch die

 

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ganze Sachlage begriffen, da warf er sich in seiner Angst auf die Knie nieder und schilderte flehend die schrecklichen Folgen, welche entstehen müssten, wenn man sich nicht rasch zu Zugeständnissen entschließen würde. Das Resultat seiner Darstellung war, dass man nun doch zu dem Entschluss kam, die Zensur aufzuheben; über solch geringe Zugeständnisse war man aber draußen nun schon längst hinaus. Als jetzt die Deputationen zu nochmaliger Beratung vor der „Staatskonferenz“ empfangen wurden, erhoben sich bereits Stimmen, die ohne Scheu vor dem allmächtigen Minister, Metternichs Entfernung verlangten, und er besaß Würde genug, dieselbe in diesem kritischen Augenblicke freiwillig anzubieten. Niemand widersprach, ein tiefes Schweigen ringsum verurteilte ihn zur Abdankung, bis ein alter Bürgeroffizier das Wort ergriff und ehrlich heraus sagte: „Durchlaucht, wir haben nichts gegen Ihre Person, aber alles gegen ihr System; und darum müssen wir wiederholen, nur durch ihre Abdankung retten Sie Thron und Monarchie!“ – So stürzte der Mann mit einem schlage, der Europa so lange in Ketten und Banden gehalten hatte; nur ging leider so schnell nicht mit ihm auch das alte System zu Grabe, dazu war es zu tief eingewurzelt, und die Welt konnte nicht plötzlich über Nacht eine andere werden. Nur der vornehmste Träger des Systems war mit Metternich gestürzt, und dennoch, als diese Kunde die Welt durchflog, da glaubte jeder sich wie von einem Alb befreit, der in tödlicher Erstarrung auf ihm geleistet, und nicht minder groß war die Freude, dass sich noch eine Vergeltung innerhalb der gegenwärtigen Geschichte vollzog, dass der Mann, der soviel Großes und Gutes zu Grunde gerichtet, aufbewahrt geblieben, um den totalen Sturz dessen mit anzusehen, was er so fest begründet wähnte. –

Nun folgte rasch, während alles vom Glück strahlte, die Bewaffnung der Studenten und des Volkes, die Bildung

 

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einer Nationalgarde, und ganz zuletzt konnte sich die Regierung dann auch der Gewährung einer Konstitution nicht länger entziehen, wie mühsam sie sich auch dazu entschloss. Die Wiener Studenten waren die Helden des Tages, man erdrückte sie fast mit Enthusiasmus und Anerkennung, und das österreichische Volk, dem so plötzlich die goldene Frucht der Freiheit zugefallen, erwartete sich nun eine herrliche Zeit, aber es sollte im Gegenteil sich schon nach wenigen Wochen in ein Gewirre, in eine Anarchie gestürzt sehen, wie sie bei den sich widerstrebenden und widersprechenden Elementen dieses Staates ganz unausbleiblich war. Das alte Österreich war durch die Wiener Revolution vollständig und mit Recht von Grund aus zerstört, aber schwere Zeiten folgten dem Umsturz, bis sich das neue entwickelte und gestaltete. Bei uns im Reiche jubelte und jauchzte man natürlich den Wiener Ereignissen enthusiastisch zu, und träumte ganz ebenso leichtgläubig wie dort, von einem neuen deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg, der das schwarz-rot-goldene Banner wieder zu Ehren brächte.

 

Unmöglich wäre diese Erfüllung dieser Vorstellungen auch nicht gewesen, wenn Österreich, dass damals alle Sympathien für sich hatte, in jenen Tagen einen großen Staatsmann besessen, der mit weit schauenden Blicke die einzelnen Teile des Kaiserstaates sich hätte zerbröckeln und losringen lassen, die kaum noch durch die äußerste Gewalt konnten zusammengehalten werden, und die mehr und mehr in fieberhaft revolutionärer Stimmung an ihrer gegenseitigen Trennung arbeiteten. Zuerst war es Ungarn, das jetzt stürmisch seine Selbstständigkeit verlangte und höchstens noch eine Personalunion mit Österreich dulden wollte; die Lombardei und Galizien verlangten eine vollständige Losreißung. Österreich konnte jetzt ein rein deutscher Staat werden, und an die Spitze

 

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Deutschlands treten – aber keiner hatte die Einsicht dies zu wollen, obwohl selbst die zähesten Staatsmänner daran verzweifelten, die widerwilligen Provinzen wieder in einen engen Zusammenhang mit dem Erzherzogtum zu bringen, die pragmatische Sanktion, die sie seit mehr als 100 Jahren aneinander fesselte, aufrechtzuerhalten. Dazu gesellte sich noch die Begeisterung der Liberalen in Österreich selbst, die für den Aufstand in Mailand, die für das Selbstbestimmungsrecht der Lombarden und Venezianer schwärmten. Kaum weniger lebhaft sprach sich eine Menge konservativer Stimmen für Freigeben der Lombardei, „durch ein friedliches Scheiden, gegen Übernahme eines Teils der Staatsschuld und anderer Bedingungen“ aus. In ähnlichem Sinne äußerte man sich auch bezüglich der anderen Provinzen: „Österreich wird auch ohne Italiens, ohne Polens Besitz kräftiger, blühender, glücklicher sein, als durch die Knechtung dieser Länder“, so ließ sich damals namentlich die Augsburger Zeitung vernehmen und dann wieder hieß es an einer anderen Stelle: „man lasse sich loslösen, was nicht zusammen bleiben kann! Man lasse frei, was nicht mit uns zusammenhängen will! Man scheide die Nationen und lasse sie gewähren, da es vergeblich ist, sie in der gegenwärtigen Vereinigung zu lassen!“ –

Doch ehe wir solchen und ähnlichen Erwägungen weiter Raum geben, die Ereignisse erzählen, die sich ferner daran knüpften, wenden wir uns zurück zu den rein deutschen Verhältnis Nachdem die glorreiche Revolution in Wien vom 13. März die Trunkenheit bei uns noch gesteigert hatte, blickte alles jetzt gespannt auf Berlin, wo es unbegreiflich ruhig blieb. Man schmähte, man höhnte darüber, man begriff es nicht, wie auch jetzt wieder das preußische Volk, mit Ausnahme Rheinpreußens, das letzte bleiben konnte, um sich an einer Bewegung zu beteiligen, welche die ganze übrige Nation mit

 

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sich fortgerissen: „diese preußische Politik“, hieß es in der damaligen Presse, „fröstelt uns an, wie ein russischer Nachwinter, gegenüber dem Vorfrühling Süddeutschlands!“ In der Tat standen in Berlin Regierung und Volk eine Weile, wie zuwartend einander gegenüber. Wohl kamen an den König Adressen von auswärtigen preußischen Städten, Breslau meldete man Ruhestörungen, dazu gesellten sich die Nachrichten vom Rheine, und am 7. März sah sich der König bewogen Zensurfreiheit, wie er es nannte, zu bewilligen. Am selben Tage zeigten sich in Berlin die ersten Spuren einer Volksbewegung, veranlasst durch einige junge Schriftsteller. Die Doktoren Oppenheim und Löwenberg Juden zu einer Volksversammlung „unter den Zelten“einem Vergnügungspark in Tiergarten, ein. Etwa 600 junge Männer aus allen Ständen der Gesellschaft kamen zur Besprechung zusammen, und obgleich militärische Vorrichtungen gegen die Versammlung getroffen worden waren, blieb doch alles ruhig. Man beschränkte sich darauf eine Adresse der Berliner Jugend an den König zu beraten und zu unterzeichnen. Sie enthielt die Mannheimer Forderungen, welche auch hier als das Programm der Freiheit adoptiert wurden. Von diesem Tage an entwickelte es sich nun langsam weiter; die Stadtverordneten beschlossen gleichfalls eine Adresse, während man von anderer Seite her, zum Gegensatz, eine Loyalitätsadresse an den König vorbereitet. Dies gab Veranlassung zu Katzenmusiken für die Unterzeichner, und ganz gemütlich entwickelten sich alle die kleinen Reibereien, welche größeren Ereignissen voranzugehen pflegen, bis der 13. März die Situation zu klären begann. Die Volksversammlungen wurden jetzt verboten, das Militär bereitgehalten und einer Breslauer Deputation, die inzwischen angekommen war, erklärte der König, die Zeit sei nicht danach angetan, besondere Zugeständnisse zu machen. Das goss Öl ins

 

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Feuer, aber noch blieb man ruhig; bei einer zweiten großen Versammlung unter den Zelten, bestiegen Arbeiter die Stühle und riefen: „wir wollen Freiheit, aber ohne Exzesse!“ –

Man trieb darauf die Leute auseinander; dies ärgerte, man fing hie und da an Steine auszureisen und versuchte Barrikaden zu bauen; nun wurde mit ernsteren Maßregeln gedroht und der König erließ ein Reskript, dass den vereinigten Landtag auf den 25. April wieder einberief: „kühn und bedächtig!“ war das Lösungswort der Regierungspartei, die unter der Hand auf Kassel, Karlsruhe und die anderen Höfe einzuwirken und zu veranlassen suchte, dass man dort wieder die Zügel schärfer anzog.

 

In dem königlichen Patent, das den Landtag einberief, war auch die Rede von einem „Kongresse“ der verbündeten Mächte, welche die neuen Geschicke Deutschlands beraten möge – nun konnte aber kein Wort übler gewählt sein, als dieses, denn die traurigsten politischen Erinnerungen knüpften sich gerade an diese „Fürstenkongresse“ an, und nicht weniger erbitterte eine andere Stelle, durch welche an den „besseren Geist“ der Nation appelliert wurde. Als ob nicht eben jetzt ihr guter, ihr besserer Genius endlich erwacht wäre. Die Zeit für solche fürstliche Phrasen war vorüber, und die aufgepflanzten Kanonen, die Kartätschen, die man gelegentlich hie und da unter die Volkshaufen schleuderte, waren schlechte Mittel, Ihnen einen neuen Glauben zu erwecken. Die schon vorhandene Aufregung steigerte sich durch die Nachrichten aus Wien; wie schämte man sich da auf einmal der trägen Haltung Berlins und lawinenartig wuchs die Bewegung jetzt heran. Die Studenten und die jungen Leute schmückten sich ungescheut mit den deutschen Farben, man verlangte Volksbewaffnung, verhöhnte das Militär, wogegen dieses seiner –

 

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seits es an Übermut gegen die Kanaille nicht fehlen ließ. Je feindlicher das große Publikum dem Militär wurde, je mehr betrachtete man den Prinzen von Preußen, den Bruder des Königs, der vorzugsweise Militär war, als dessen Hauptstützpunkt bei seinem Widerstand gegen die Volkswünsche. Man mag sich auch darin nicht geirrt haben, denn der Prinz besaß Entschlossenheit und Energie, und diese Eigenschaften waren im Augenblicke jedenfalls eher am Platze, als die Schwäche und Entschlusslosigkeit der Regierung, die während der drei nun folgenden Tage ein grausames Spiel zwischen sich und der stets steigenden Volksaufregung – selbst Kinder fingen an sich zu bewaffnen – veranlassteEntweder musste man nachgeben, oder die Gewalt im ersten Moment nachdrücklich gebrauchen..

Täglich gab es Tote bei den verschiedenen Aufläufen, schon lagen 80 Verwundete in der Charité, da ermannte sich endlich die Stadtverordneten-Versammlung und Nauwerk, der schon so manchmal für sein Volk gesprochen, drang darauf, dass man nochmals volle Pressfreiheit von der Regierung verlange, damit der König die Stimme seines Landes in Wahrheit zu hören be Die Versammlung beschloss denn auch diesen Schritt zu tun,komme. Und fast gleichzeitig lief die Nachricht durch die immer mehr aufgeregte Stadt, dass die Kölner Deputation mit dem gefeierten Franz Raveaux an der Spitze am nächsten Tag, dem 16. nach Berlin kommen werde, um die Wünsche der Rheinlande auszusprechen.

„Sie kommen,“ so hieß es überall, „mit bestimmten Forderungen; werden diese nicht erfüllt, so drohen sie mit Abfall!“ Jetzt verlangte Nauwerk nochmals entschieden in der Stadtverordnetenversammlung die Bildung einer Bürgergarde, denn mit den weißen Binden und Stäben, mit denen bewaffnet sich ein Bürgerausschuss mühte, den Frieden zu erhalten, war die Unordnung nicht länger zu bezwingen, und

 

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immer blutiger wurden die Zusammenstöße zwischen Militär und Volk. Aber die Versammlung lehnte mit Stimmenmehrheit Naufwerks Antrag ab, und auch das Anerbieten der Studenten, man möge sie bewaffnen, sie verpflichteten sich alsdann keinen Exzess zu dulden, wurde verworfen. Aber im Königsschlosse begann jetzt eine gewisse Beunruhigung Platz zu greifen. Man hatte aus Wien die sichere Kunde vom Sturz Metternichs empfangen, und wenige Stunden später langte die Fürstin Metternich selbst, flüchtigen Fußes und von allem entblößt, in Berlin an. –

Unter diesen Eindrücken wurde endlich am 17. März die Beseitigung der Zensur bewilligt, und nun kam auch in die Berliner Bürgerschaft etwas von politischem Geist; 6000 Bürger beschlossen am nächsten Tage vor das Schloss zu ziehen, um die Freigebung der Presse, Berufung des Landtages und Volksbewaffnung zu fordern. Aus den Rheinlanden kamen Nachrichten, die den Verlust der Provinzen befürchten ließen, wenn der König nicht nachgab und auch die übrigen Landesteile befanden sich in der höchsten Aufregung. Da vernahm man endlich der König habe der rheinischen Deputation in einer zweiten Audienz ihre Wünsche gewährleistet und am nächsten Morgen, am 18. März, erschien eine Proklamation des Königs, welche sich in deutschnationalen Sinne aussprach. Er versprach dahin zu wirken, dass die Bundesverfassung revidiert und ihr eine Volksvertretung beigegeben werden; desgleichen wurde eine deutsche Wehrverfassung, ein Bundesgericht, Freizügigkeit, eine deutsche Flotte und Bundesflagge in Aussicht gestellt. Am Schluss er versprach die Proklamation die alsbaldige Einberufung des vereinigten Landtags. – Ehe diese frohe Nachrichten sich jedoch allgemein verbreiten konnten, hatte sich schon, da die Stadtverordneten auf mittags zwei Uhr eine Bürgerversammlung auf dem Schlossplatz anberaumt hatten, eine ungeheure Volksmenge vor dem Schlosse angesammelt, die,

 

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als man ihr das eben erwähnte mitteilte, in so stürmische Hochrufe für den König ausbrach, dass derselbe sich auf dem Balkon zeigte und wiederum laut begrüßt wurde. –

Dieser verfrühte Jubel bewies die geringe, politische Bildung der Menge; für Preußen selbst weiter in der Proklamation sehr wenig gesagt. Man musste jetzt die Entfernung des Ministeriums und augenblickliche Volksbewaffnung verlangen, denn immer größere Militärmassen waren in die Stadt gezogen worden, alle Schlosshöfe sah man mit Kanonen und Soldaten gespickt, und doch hätte eine kluge Regierung jetzt jeden Zusammenstoß zwischen jenen und der erregten Bevölkerung zu vermeiden suchen sollen; die tiefer blickenden waren sich wohl bewusst, dass diese Sache noch nicht zu Ende sei, am Hofe selbst aber war man fest überzeugt, der Sturm, dem man sich momentan beugte, werde schnell vorüberziehen.Man wünschte sehnlich,dass die Menge sich nun entfernen möge, aber als jetzt der verhassten Minister Bodelschwingh auf den Balkon trat und die Leute aufforderte, wieder ruhig nach Hause zu gehen, als Offiziere des am Schlosse aufgestellten Regimenter die Forderungen dringender wiederholten, in oft roher und grober Weise, da schlug die Stimmung plötzlich wieder um und es brach sich mit einem Male in der Menge der Gedanke Bahn: der Minister muss entfernt werden, und mit ihm das Militär! Man rief laut, der König solle die Truppen wegschicken und sich seinen Bürgern anvertrauen, sie würden dies als das Pfand seiner Versprechungen betrachten. Während Graf Arnim im Namen der Bürger darüber mit dem Könige verhandelt, fielen die zwei bekannten und verhängnisvollen Schüsse aus dem Inneren des Schlosshofs, die später von keiner Seite aus wollten gefallen sein. Unter dem Ruf: wir sind verraten! stob die Menge auseinander, doch gelang es noch umsichtigen Leuten sie wieder zu beruhigen und die Sache als ein Missverständ-

 

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nis darzustellen. Als aber nun die entschiedene Weigerung des Königs, die Truppen weg zu schicken, bekannt, als gleich darauf von den Dragonern scharf eingehauen wurde, auch eine gleichzeitige Salve, ohne jegliche vorherige Aufforderung in die dichten Volkshaufen einschlug und mehrere Leute zu Boden streckte, da brach jener blutige, entsetzliche Straßenkampf aus, welcher der deutschen Freiheitsgöttin, die bis dahin ihr Gewand fleckenlos getragen, den Saum desselben in blutiges Rot tauchte. Im Nu waren eine Menge von Barrikaden errichtet, man stürzte Droschken und Wagen um, versperrte damit die Ausgänge der Straßen, stürmte Waffenläden und griff zu jedem Verteidigungsmittel, welches sich darbot. Der Kampf war ungleich schrecklicher, als jener der Pariser Julirevolution; hier donnerten Kanonen und Kartellchen in ein fast wertloses Volk, welches zu Anfang oft nur Dachziegel, Pflastersteine und Handwerksgeräte zu kämpfen hatte. Erst nach und nach konnten die Kämpfe sich notdürftig bewaffnen, und vielfach schossen sie nur mit gehacktem Blei, Marmorkügelchen, Knüöfen und dergleichen Dingen. Ihr Schutz waren die Barrikaden, deren zuletzt an 400 errichtet waren, und die namentlich die Anstrengungen der Reiterei nutzlos machten. –

Die ganze Nacht vom 18. auf den 19. März hindurch dauerte dieses entsetzliche Kämpfen; die Studenten, verbunden mit den Arbeitern der Borsig’schen Fabrik, bildeten einen besonderen Trupp und kämpften wie die Löwen auf und hinter den BarrikadenHäufige wurden die einzelnen Abteilungen von früheren polnischen Offizieren dirigiert,.

 

 

Und über dem kann dem Volke seine militärische Zucht zugute – Knaben trugen die Kugeln herbei, Frauen und Mädchen halfen beide Barrikadenbau, auf die man über all die deutschen Reichsfarben aufpflanzte und aus den Häusern wurde den Kämpfenden fortwährend Speisen und Erfrischungen gereicht.

 

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Noch am Abend entschlossen sich mutige Männer, unter ihnen der bekannte Doktor Löwe, der heutige Reichstagsabgeordnete, der Stadtrat Rainer und Andere, – auf dem Wege schloss sich ihnen noch der Bischof Neander im vollem Ornate an, – sich nach dem Schlosse zu begeben.In feierlicher Haltung, das Haupt entblößt, so schritten sie durch die Truppen und das aufgeregte Volk, das ihnen zurief: „brav, ihr Friedensstifter, bringt uns den Frieden!“ Sie brachten ihn nicht, der König wollte das Militär nicht zurückziehen, er blieb dabei: „nur der Bitte, nicht der Gewalt weiche ich!“ und so nahm das Verhängnis weiter seinen Gang!

Eine mond-und sternenhelle Nacht sah nieder auf die Hunderte von Wachtfeuern, auf die beleuchtete Stadt, die eine Feuersbrunst, welche in der königlichen Eisengießerei ausgebrochen war, bald mit noch grellerem Lichte überstrahlte; an die stille Himmelsdecke schlug das Knattern der Gewehre, das Geschrei der Kämpfenden, das Donnern der Kanonen, das Geheul der Sturmglocken, die das Wimmern der Sterbenden übertönten. Erbarmungs – und schonungslos wütete das Militär gegen alle, die ihm in die Hände fielen, sowie auch gegen die Einwohner der Häuser, die es in wilden Kampfe er stürmte. Am schrecklichsten tobt er in der Breitenstraße, deren Verteidigung Bürger, Studenten und Schriftsteller übernommen hatten, und welche eine mächtige Barrikade schloss, die vom Schlossportale aus 4 Stunden lang beschossen wurde. An den Schlossfenstern standen unterdessen der König und seine Generale, hinausschauend in die Schrecken dieser Nacht, aber sie blieben taub für jede Warnung und Vorstellung, die dem Schlosse von den verschiedensten Seiten hinzukamen. Mitten in der Nacht erschien im Schlosse eine zweite Deputation von Stadträten, und diese sprachen ungescheut das Wort aus:

 

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„Es ist keine Emeute, es ist eine Revolution!“ Der König und seine Umgebung blieben immer noch unbeweglich, sie wusste nicht, dass die Truppen überall zu weichen begannen; gegen Morgen nahmen die Volkskämpfer das Landwehr-Zeughaus, gewannen damit einen ungeheuren Waffenvorrat und General Möllendorf, der die Truppen führte, wurde von ihnen gefangen genommen. Jetzt ging eine neue Mahnung in das Schloss: „das Militär binnen einer Stunde zurück, oder der General wird erschossen!“ –

 

Unterdessen hatte in diesen entsetzliche Stunden der König die bekannte Proklamation: „an meine lieben Berliner!“ verfasst. Deren Inhalt bewies klar die Verblendung des unglücklichen Monarchen, der in diesem Schriftstück die Wahrheit ganz ebenso entstellte, wie sie ihm selbst durch seine reaktionäre Umgebung entstellt gezeigt wurde, und mit lautem Hohne wurden die Versicherungen väterlicher Liebe aufgenommen, sowie auch die Versprechungen, welche die Proklamation enthielt, am Schlusse gab der Fürst sein königliches Wort, das Militär alsobald zu entlassen, wenn das Volk sich entwaffnen werde. – Am Abend des Kampfes war den Truppen der Befehl erteilt worden, bis 5:00 Uhr morgens müssten Sie Herren der Stadt sein, und man hatte ihren Mut durch den reichlichen Genuss geistiger Getränke aufrechtzuerhalten gesucht, aber als jetzt der Morgen graut, lagen sie kampfunfähig, Tod, verwundet und berauscht auf ihren Standorten, während das Volk die Leichen seiner Gefallenen sammelte und sich zu neuem Kampfe vorbereitete.

 

von Peter Brunner

2 Comments »

  1. […] Hier geht es zu Teil II des Revolutionsberichtes  […]

    Pingback by Der Geist des Mittelalters musste sich verflüchtigen vor dem Wehen der scharfen Luft des 19. Jahrhunderts « Neues aus Buechnerland — 19.3.2014 @ 09:58

  2. […] Teil 1 (SS: 337 – 360) findet sich hier Teil II (SS 360 – 383) hier  […]

    Pingback by Es war als ob wirklich mit einem Zauberschlage ein goldenes Zeitalter der Menschheit angebrochen wäre « Neues aus Buechnerland — 20.3.2014 @ 13:59

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