Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

15.3.2014

Der Geist des Mittelalters musste sich verflüchtigen vor dem Wehen der scharfen Luft des 19. Jahrhunderts

Filed under: Büchner,Feminismus,Luise Büchner,Texte,Volksbildung — peter brunner @ 14:59

In den nächsten Tagen wird es hoffentlich auch noch an anderer Stelle Informationen, Hinweise und Reminiszenzen zur Revolution von 1848 und ihren Jahrestagen im März geben.

Nicht zuletzt Renate Hupfeld, die sich unermüdlich für das Andenken Theodor Althaus einsetzt, trägt dazu bei, dass in den Weiten des Netzes dieses wichtige Datum unserer Demokratiegeschichte wahrgenommen wird.

Hier habe ich mir vorgenommen, ausnahmsweise einen langen und nicht illustrierten Text einzustellen, der die Lektüre lohnt und gleichzeitig einen guten Einblick in einen weniger bekannten Aspekt eines Büchner-Geschwisters liefert.

luise_oval

Luise Büchner hat in ihren Vorlesungen zur deutschen Geschichte analytisches und literarisches Format gezeigt und sehr deutlich republikanische und antiklerikale Position bezogen.  Wegen der klaren Formulierungen haben Zeitgenossen sie gewarnt, damit gefährde sie ihre Freundschaft zum Darmstädter Hof, besonders zur Erbgroßherzogin Alice, mit der sie in dieser Zeit eng zusammenarbeitete (in Darmstadt nannte man sie polemisch die „die Hof-Demokratin“). Tatsächlich wurde der Band in Preußen verboten; in Hessen-Darmstadt dagegen schadete er Luise Büchner nicht.

Hier also der erste Teil  der 14. Vorlesung (Teil 2 folgt), der im Inhaltsverzeichnis so angekündigt wird:

Allgemeine Bewegung in Europa vor 1848.
Bildung einer republikanischen Parthei in Süd-West-Deutschland.
Die März-Revolution in Süd-Deutschland.
Forderungen des Volkes.
Die Ereignisse in Baden, den beiden Hessen, Württemberg, Bayern u.f.f.

Luise Büchner:

Deutsche Geschichte von 1815 – 1870

20 Vorträge, gehalten in dem Alice-Lyceum zu Darmstadt

Leipzig, Thomas, 1875

hier findet sich der zweite Teil

und

hier Teil III

 

S. 337

 

14. Vorlesung

 

Es gibt wenige Momente in der Geschichte unseres deutschen Vaterlandes von solch hoher Bedeutung, so ungeheurer Tragweite, als jene Märztage des Jahres 1848, da die erste deutsche Revolution siegreich durch unsere Gauen schritt. Sie kam unaufhaltsam, unwiderstehlich, wie ein Naturereignis. Von der ganzen Nation erwartet, aber nicht direkt vorbereitet, überraschte sie niemanden als die Machthaber, die sich in ihrer unbegreiflichen Verblendung gerade damals sicherer wähnten als lange zuvor, die glaubten, dass die wenigen Zugeständnisse, welche sie endlich zu machen sich bereit zeigten, hinreichen würden, das harmlose Volk wieder vollständig zu beruhigen. Aber die Lage war gar sehr verschieden von jener der zwanziger und dreißiger Jahre; unter schwerer Not und Drangsal hatte sich endlich eine Art von politischer Bildung durchgerungen, die gerade hinreichte, die ganze Masse der Nation von oben bis unten in die Bewegung mit hinein zu reißen, und einmal in die Flut gestoßen, hat der noch unbeholfene Schwimmer zwar nach hier viele Misserfolge erlitten, viele vergebliche Anstrengung zu machen gehabt, aber er blieb im Strome drin, er lernte den Gebrauch seiner Glieder nach und nach kennen, und ein stolzer Schwan, der heute seine Kreise, auf jeden Fluten, die das Jahr 1848 zuerst erregte, und in deren Auf-und Niederwogen sich die Geschichte unserer Gegenwart bewegt. –

 

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Aber diese allgemeine deutsche Revolution stand nicht vereinzelt und dies eben verhalf hiermit zum Siege; es hatte sich allgemach in den missvergnügten europäischen Staaten eine dritte revolutionäre Epoche vorbereitet, welche die deutschen Ereignisse beschleunigen half und an den wir nicht ganz teilnahmslos vorübergehen dürfen –
Mit ungeteilter Spannung hatte man schon lange vor 1848 auf den Kampf geblickt, die sich in der Schweiz zwischen den freieren Geist der protestantischen Kantonen und den bigott katholischen Landesteilen entwickelt hatte. Dessen schlimmste Folge bestand darin, dass in jeder Weise die Bestrebungen der Mehrheit, durch eine, auf den Prinzipien der neueren Zeit beruhende Bundesverfassung, die nationale Einheit und Stärke der Schweiz fest zu begründen, verhindert wurden. Wir haben bereits gehört, wie seiner Zeit die protestantische Unduldsamkeit die Berufung von David Strauß nach Zürich unmöglich gemacht hatte; nun zeigte sich durch die Aufhebung der Klöster im Kanton Aargau, um 1843, die streng katholische Partei ganz ebenso erbittert und in ihrem gegenseitigen Interessen sich jederzeit innig verwandt, stärkte der protestantische Zelotismus den Ultramontanismus so lange, bis die Anhänger des Letzteren ihr Haupt stets höher und höher erhoben.

Eine Verpflanzung der Jesuiten nach dem deutschen Teile der Schweiz, in dem ihre Berufung im Kanton Luzern durchgesetzt wurde, erregte die Gemüter aufs heftigste. Während sie in Freiburg schon seit längerer Zeit ein weiteres berühmtes Kollegium besaßen, wohin man aus allen katholischen Teilen Europas und aus den angesehensten Familien, die Zöglinge entsendet, rief dieser weitere Fortschritt die Befürchtung wach, dass die gefährlichen Väter der Gesellschaft Jesu sich nun bald über die ganze katholische Schweiz verbreiten und dort festsetzen würden

 

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Die Führer der Jesuitenpartei in Luzern waren der bekannte Siegwart-Müller, ein Schwarzwälder von Geburt, der hauptsächlich die Städter beeinflusste, Leu von Ebersol, ein Bauer von großem Einfluss, der die Landleute anführte. An der Spitze der freisinnigen Partei des Kantons stand der Arzt Robert Steiger; sie stützten sich auf eine Verbindung mit dem protestantischen Kantonen, allerdings ungesetzlicherweise, Freischarenzüge nach Luzern entsendeten, um im Verein mit den dortigen Radikalen die Festsetzung der Jesuiten gewaltsam zu verhindern. Hellauf loderte der Parteienhass von allen Seiten empor und wurde noch gesteigert, als Bürgermeister Leu, da er zuhause an seinem Tische saß, durch das Fenster meuchelmörderischer Weise erschossen wurde. Lange blieb die Tat ungeklärt, und der Täter, der, wie sich später herausstellte, hauptsächlich persönliche Beweggründe dazu gehabt, unentdeckt. Mit furchtbarer Heftigkeit jedoch schrieb man von Seiten der Ultranontanen diesem Mord den Radikalen zu, was wiederum neues Öl ins Feuer goss.
Das Resultat dieser Kämpfe, die von außen her, namentlich durch Österreich geschürt wurden, war der Sonderbund der sieben katholischen Kantone; es verbanden sich Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Wallis, zu dem Zwecke, sich von der Eidgenossenschaft los zu reißen; zu gleicher Zeit ließen die Regierungen alle Frei gesinnten in ihren Kantonen aufs Grausamste und Rachsüchtigste verfolgen. Die Durchführung des Sonderbundes war naturgemäß der Tod der Eidgenossenschaft und gab die Schweiz ihren mächtigen Nachbarn Preis, denen es schon lange nach ihr gelüstet. Von beiden Seiten bildeten sich jetzt Freischarenzüge, die einander mit höchster Erbitterung bekämpften und das reaktionäre Europa sah mit Freuden, wie die kleine Republik sich selbst zerfleischte. Meister Metternich erwartete

 

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bereits den Augenblick, wo man sich in die zerrissenen Fetzen werde teilen können. Da raffte in der letzten Stunde der alte Unabhängigkeitssinn der Schweizer sich auf; hatten die Konservativen der protestantischen Kantone gerne die Väter Jesu und deren Schützer gewähren lassen – so viel sahen Sie jetzt doch ein – der Sonderbund musste gesprengt werden oder sie waren alle miteinander verloren.

 

Der berühmte General Dufour führte mit rascher Entschlossenheit die Schweizer-Bundesarmee, die man schnell zusammen berufen, gegen die Scharen der Sonderbündler; Freiburg wurde genommen, das Jesuitenkollegium aufgehoben, und alles, was ich in dem kostbaren Gebäude befand, zerstört. In kurzer Frist war der Sonderbund zersprengt und damit zugleich der Sieg des liberalen Regiments erfochten. Die Großmächte wagten es nicht den Sonderbedarf beizustehen, wenn sie es auch gerne gewollt hätte. Die Väter Jesu wurden in der Folge dieses Sieges ganz aus der Schweiz verwiesen, und man schritt nun ernstlich an die Bildung einer Föderativ-Verfassung, auf deren Grundlage die Schweiz gebaut und ihre heutige geachtete und auf einer gemäßigten Demokratie beruhende Stellung gewonnen hat. –
Noch ängstlicher aber wurde den Anhängern des alten Systems zu Mute bei den Neuerungen, welche der Graf Mastai-Ferretti, seit 1846 unter dem Namen Pius IX, Papst geworden, ins Werk zu setzen begann. Auch sein Ziel ging dahin, der appeninischen Halbinsel ihre nationale Unabhängigkeit zurückzugeben, freilich unter der Bedingung, dass sein eigenes geistliches Regiment den Mittelpunkt dieses erneuten Italien bilden werde. Mazzini und dessen Anhänger wirkten unablässig, wie uns schon bekannt, für ähnliche Ideen, nur mit dem Unterschiede, dass sie Italien nicht als einen vergrößerten Kirchenstaat, sondern als eine einheitliche Republik wieder geboren sehen wollten, jedenfalls aber hatten

 

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sie Pio Nono gewaltig vorgearbeitet. Das Feuer, welches einst die Carbonari entzündet, war noch nicht wieder erloschen, und Pius, als er die Funken wieder zur Flamme an blies, dachte nicht, dass dieselbe dereinst sein weltlich Regiment mit verzehren würden. Die Zustände und der Geist des Mittelalters ließen sich eben nicht wiederherstellen, sie mussten sich verflüchtigen vor dem Wehen der scharfen Luft des 19. Jahrhunderts. – Wir haben die früheren Verhältnisse Italiens genügend kennen gelernt, um die sich jetzt rasch folgenden Umwälzungen ohne weiteren Kommentar zu verstehen. Sizilien, dass man gewaltsam zu Neapel gezwungen, riss sich los und kämpfte todesmutig für seine Unabhängigkeit. Der Herzog von Toskana sah sich genötigt, eine Verfassung zu bewilligen, und Piemont zwang seinen Fürsten diesem Beispiel zu folgen. Die alten Geister schliefen nicht, und schien es auch, als hätte Karl Albert von Sardinien es vergessen, dass er einst in den zwanziger Jahren, da er noch Prinz von Carignan war, zu den Liberalen gehörte, so kam es doch bald zu Tage, die auch ihr seine Pläne nährte und dieselben nur für spätere Zeit hinausgeschoben hatte.
Die Lombardei Konto unter diesen Verhältnissen und bei der Aufregung, welche die italienische Halbinsel beherrschte, unmöglich ruhig bleiben; bald erfuhr es Österreich mit tödlichem Entsetzen, wie wenig ihm dort seine fortgesetzte Schreckensregierung genutzt hat, jetzt schon wieder ein ganzes Volk gegen seine Herrschaft in Waffen stand und wie es seine Abneigung auf jede nur erdenkliche Weise kundzugeben trachtete. Überall wo nur Österreicher sich zeigten, wurden sie als Tedeschi verhöhnt und verfolgt, und trotz der äußersten Polizeieinschüchterungen war man wahrhaft erfinderisch, die verfemten Landesfarben zur Schau zu stellen und an sich zu tragen. Besonders die Frauen zeichneten sich durch ihren Eifer darin aus. Verbot man ihnen die dreifarbige Bänder,

 

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So zeigten sie ihr geliebtes weiß, grün und rot in riesigen Bouquets, an ihren Fächern oder in der Zusammenstellung der Toilette. Nicht minder konsequent enthielten sich die Männer des Tabakrauchens und des Lottospiels, weil die österreichische Regierung das Monopol auf beide hatte; indem man keinen Gebrauch davon machte, entgegen ihr dadurch bedeutende Einnahmequellen. Von Italien aus verpflanzte sich die Bewegung gegen Österreich, nach Ungarn; auch dort machte man das Nationalitätsprinzip zur Fahne, um welche alle unzufriedenen sich enger und enger Schaden. Auf die alten und nie vergessenen Forderungen des ungarischen Volkes zurückgehend, verlangten die Stände aufs Neue ihre selbstständige Nationalregierung; außerdem Verfassungsreformen, Steuerverminderung und dergleichen. Ihr großer Sprecher und Agitator war Ludwig Kossuth ein Advokat von hoher Beredsamkeit, der ganz ebenso von einem selbstständigen, ungarischen Staat, ohne Österreichs Oberhoheit träumte, wie die Italiener von einem nationalen Einheitsstaat. Genährt wurden noch Ihre Wünsche und Kundgebungen durch die stets gärende Unruhe in den polnischen Provinzen, welche Russland für den Augenblick ganz im Schach hielten, denn schon hatten verschiedene Aufstände es klar an den Tag gelegt, wie die Polen wieder mehr denn je auf eine Wiederherstellung ihrer Nationalität hofften und pochten. – So grollte anderwärts der Donner und verkündete den herannahenden Sturm, der zündende Blitz jedoch, der sollte wieder von dort her kommen, wo er schon so oft geleuchtet, und von wo man ihn gerade jetzt am wenigsten erwartet. Frankreich sollte seine driite, die Februarrevolution durchmachen, und schneller noch als er sich auferbaut, stürzte der Thron der Juli-Dynastie wieder in sich zusammen.
Noch einmal am Ende seiner Tage, musste Ludwig Philipp das bittere Brot der Verbannung kosten. – Man hat seitdem und na-

 

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mentlich im Hinblick auf die folgende Geschichte Frankreichs oft behauptet, niemals sei eine Revolution leichtsinniger unternommen worden und unnötiger gewesen, als die vom Februar 1848, und die Franzosen hätten wie Toren gehandelt, als sie ihren „guten, alten Bürgerkönig“ fortgejagt. Dennoch wird man kaum daran zweifeln können, dass das Schicksal, welches ihn betraf, ein unvermeidliches war, wenn man bedenkt, in welchem Grade Ludwig Philipp nach und nach alle Sympathien der Nation eingebüßt hatte. Niemals hatten die Zentralisation, dass bürokratische Kanzleiwesen, das ganze Land so schwer bedrückt, als unter seinem nüchternen, schläfrigen Regiment. Es konnte sich niemand befriedigt dabei fühlen, als die Bourgeois, die kleinen Rentiers, die Börsenmänner, denen er das Beispiel des unköniglichsten Geistes und der unersättlichen Spekulationssucht darbot. Musterhaft wie sein Familienleben sich zeigte, war es auch zugleich das langweiligste und einförmigste, welches man sich nur denken konnte, und so war keine Parteien mehr mit ihm zufrieden. Kein glänzender Hof amüsierte die Pariser und den Adel, kein großmüthiger Impuls, der den Sohn der Revolution verraten und ihn angetrieben hätte, irgendwo der unterdrückten Freiheit zu Hilfe zu eilen, befriedigte die zahlreichen Republikaner, keine Versuche den arbeitenden Klassen beizustehen, beschwichtigte die Sozialisten, und war man auch in den Tuilerien selbst von der prüdesten Tugend, so drückte man doch beide Augen zu, wo es sich um Sittenlosigkeit des hohen Adels, um Bestechungen, Fälschungen und Käuflichkeit der höchsten Richter handelte, und beleidigte dergestalt zuletzt auch noch das Gefühl der honetten Leute. Dieses Königtums voller Heuchelei, Langeweile und ohne jeglichen Ruhm nach außen oder innen, wurden die Franzosen umso überdrüssiger, als der einzige populärer Mann der Orleannistischen Familie, der künftige Thronerbe, Herzog von Orleans durch einen unglücklichen Sturz aus

 

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dem Wagen im Jahre 1846 gestorben war. Als nun wird der König und sein doktrinärer Minister Guizot so unklug waren, eine Wahlreform, welche das ganze Land wünschte, wofür es sich lebhaft ausgesprochen, abzulehnen, sowie auch Bankette, die man veranstaltet, um sich bei Gelegenheit derselben über die gewünschten Reformen zu beraten, auf ein veraltetes Gesetz hin, verbieten ließ, brach das ganze Königsgebäude wie ein Kartenhaus zusammen und war auch dann nicht mehr zu halten, als nachträglich alles verwilligt wurde, was das Volk wünschte. Der Sirenengesang der Franzosen: die „Marseillaise“ ertönte und gleichzeitig mit Ihr der Ruf Republik! Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! Der König, altersschwach, ohne Mut und Entschlossenheit, machte kaum einen Versuch, seine Macht zu behaupten; er entsagte der Krone zu Gunsten seines Enkels, des Grafen von Paris, aber schon hatte die republikanische Partei die Oberhand gewonnen. Als die Herzogin Helene v. Orleans mit ihren kleinen Söhnen, während der König und seine Gemahlin entflohen, in die Deputiertenkammer eingeführt wurden, um die Regentschaft für Ihr Kind in Empfang zu nehmen, war es auch damit schon zu spät. Der Königstuhl wurde aus den Tuilerien herausgeholt und zum Symbol, dass es damit auf immer vorbei sei, öffentlich verbrannt; die Herrschaft der Bourbonen wurde ein drittes Mal für erloschen erklärt und wenn nicht alle Anzeigen trügen, so wird die Geschichte auch tatsächlich über diese alte französische Königsfamilie hinweggegangen sein!
Der revolutionäre Geist aber, der in Frankreich wiederum lebendig geworden war, sollte sich nun unmittelbar auf ganz Deutschland übertragen.
Alles in allem genommen, war man in den 2-3 Jahren, die dem allgemeinen Ausbruche in Deutschland vorangingen, sich wohl bewusst, auf dem Wege ruhiger Re-

 

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formen angekommen zu sein, die man durchzuführen entschlossen war. Man sprach von einer Revolution des Geistes, deren siegreichem Vorwärts Drängen nicht mehr zu widerstehen sein werde, und man mochte sich bei dieser Annahme auf mancherlei Tatsachen stützen, namentlich auf die wachsenden Fortschritte der deutsch-katholischen und frei-christlichen Bewegung, die sich nicht mehr hemmen ließ. Auch eine Reihe protestantischer Theologen hatten sich derselben angeschlossen; Wislicenius in Halle, Uhlich in Magdeburg, suchten den wachsenden Einflüssen des Pietismus durch die Bildung von frei-religiösen Gemeinden und der Verbreitung von Blättern, die theologische Dinge im Sinne der Aufklärung besprachen, entgegenzuwirken. Von großem Einfluss auf die unteren Volksklassen waren auch die bildenden Vorträge, welcher außer dem sonntäglichen Gottesdienst, von den Leitern der deutsch-katholischen Gemeinden veranstaltet wurden; dorthin, sowie in die Sonntagsandacht drängte sich bald alles, vornehm wie gering, Protestanten wie aufgeklärte Katholiken, die, wenn sie auch nicht übertraten, mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten der Redner und Prediger lauschten, in deren Vorträgen sich Religiöses, Politisches und Nationales in oft hinreißender Weise mischte. Als Hauptredner gefeiert waren Ronge, Dowiat, Kerbler, Duller, Hieronimy, Weigelt, Kampe, Scholl und wie sie alle heißen, die sich damals als Apostel der neuen Lehren auftaten. Dass verschiedene protestantische Theologen zu dem Deutsch-Katholizismus übertraten, gab ihm eine größere Vertiefung, einen größeren geistigen Gehalt, mehrte aber auch die Gefahren die ihn bald von allen Seiten umdrohten.
So war die neue Religion trotz mancher Schwächen, die er anhafteten, in jenen Tagen ein mächtiges Ferment, ein Hebel für voran strebende Geister; dass sich bald das Politische weit mehr hineinmischte, als für eine religiöse Genossenschaft

 

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Zweckdienlich sein konnte, lag zu sehr in der Natur der Sache, als dass man einzelne Persönlichkeiten dafür verantwortlich machen dürfte und wenn auch heute der Deutsch-Katholizismus wenig mehr bedeutet, so wird er doch als eine Phase unserer Fortentwicklung immer von großer historischer Wichtigkeit bleiben.

 

In Süddeutschland, wo man ihn überhaupt am längsten geduldet, wurden Rongeund sein Mitgenoos Dowiat, als sie im Sommer und Herbst 1846 eine Reise durch Süd- und West-Deutschland machten, mit der großartigsten Begeisterung empfangen. Der Zielpunkt ihrer Reise war damals das streng-katholische Mainz, und je näher sie dahin kamen, je höher steigerte sich der Enthusiasmus. Über alle von den angesehensten Bürgern der verschiedenen Städte, die sie berührten, eingeholt und wieder fort geleitet, so zogen sie vom Neckar herunter durch die Bergstraße nach dem Rhein. Ovationen jeder Art wurde ihnen bereitet, Fackelzüge, Serenaden, festlicher Empfang und Ronge sah sich förmlich erdrückt durch die kostbarsten Ehrengeschenke, silberne Pokale, Lorbeerkränze, Schreibzeuge, goldene Federn und was dergleichen mehr ist, die ihm von allen Seiten zu flossen. Als die Reformatoren, wie man sie nannte, Darmstadt verließen, nachdem sie mehrere Tage dort verweilt und gepredigt hatten, folgte ihnen wieder ein langes Ehrengeleite von Wagen bis hinaus vor die Stadt. Die Aufregung war so groß, dass ein förmlicher Abschied war polizeilich verboten worden, wer aber konnte die Bevölkerung daran hindern, sich nach dem nahen Fichtenwalde zu begeben, um hier die Gefeierten zu erwarten. Dort sammelte sich Alles auf einem großen freien von hohen Tannen umringten Platze, Jung und Alt, Vornehm und Gering – und als der Wagen mit den zwei jungen Männern erschien, die bis an die Schultern in Blumen saßen, welche man ihnen während der Fahrt durch

 

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die Stadt zugeworfen hatte, brach ein tausendstimmiger Jubel aus, und ein begeisterter Gesang trug die Töne des alten Lutherliedes hinauf zum wolkenlosen Himmel und in das Grün der Tannen. Unter Lebehochs und Tücherschwenken setzten dann die Reformatoren, auf die man die begeistertsten Hoffnungen baute, ihre Reise weiter fort. Dies eine Beispiel möge für hundert ähnliche genügen. Der gleiche Drang zu öffentlichen Demonstrationen zeigte sich allerorten; dass die Männer, welche man so übermäßig feierte, weil man sich eben nicht anders Luft machen konnte, dadurch vielfach dem tragischen Schicksal der Selbstüberschätzung verfiel, ist natürlich. Noch schlimmer war es für sie, dass sie schließlich als Menschen erfunden werden mussten, nachdem man sie in übertriebener Weise die Halbgötter verehrt hatte.
Nichtsdestoweniger wird Ronges Name immer der Brennpunkt einer Bewegung bleiben, innerhalb welcher sich das beleidigte Gefühl der Nation zuerst wieder einmal energisch ausgesprochen, auch dürfen wir uns hier nicht die Wahrnehmung entgehen lassen wie nun, infolge der religiösen Erregung, auch die Frauen vielfach anfingen sich an dem öffentlichen Leben zu beteiligen, und ein erhöhtes Interesse dafür zu betätigen. Rogge hat das Verdienst, zuerst ein tief bedeutsames Wort darüber ausgesprochen zu haben, indem er öfter betonte, die eine Umwandlung der Zeiten sich nicht vollziehen werde, ohne die Mithilfe Wirkung der Frau und des Arbeite durch ihn angeregt, bildeten sich an vielen Orten Frauen-Vereine, die zunächst nur den Zweck hatten, die nötigen Mittel aufzubringen, um die jungen Gemeinden lebensfähig zu machen, durch selbst besoldete Prediger. Der junge Deutsch-Katholizismus hatte es in seinem Beginne versäumt, mit Nachdruck den ihm gebührenden Anteil an dem katholischen Kirchenvermögen zu fordern. Er musste dergestalt früher oder später an seiner finanziellen Misere zu Grunde

 

 

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Gehen und ein gleiches Schicksal wird unfehlbar die heutigen altkatholischen Gemeinden treffen, wenn sie nicht praktischer zugreifen und in ihrem Verlangen von den Regierungen kräftig unterstützt werden. – Blicken wir aber zurück auf jenen vorhergehenden Kampf gegen Rom und die Hierarchie, so entrollt sich uns eine glänzende Kette von gegenseitiger Opfer Freudigkeit von uneigennütziger Hingebung und von apostolischen Eifer seitens der jungen Männer, die die Kalk besoldeten, unsicheren Predigerstellen bei den neuen Gemeinden annahmen und dagegen auf glänzende Karriere verzichteten, die ihnen bei ihren besonderen Geistes gaben gewiss waren, wenn sie sich der herrschenden Strömung gefügt hätten. Waren die Gemeinden mit Predigern versorgt, so sammelt man weiter für Kirchenbauten, oder, und, dies wurde bald die Hauptaufgabe der deutschen Frauen-Vereine, welche unter sich in enger Verbindung stand, sie nahmen sich der Erziehung der Kinder, der Pflege und Sorge für Arme und Kranke der Gemeinden an. Es war ein erstes allgemeines Hervortreten eines gemeinnützigen Sinnes in Deutschland, wie man ihn unter dem Druck der Verhältnisse und der unausstehliche Polizeiüberwachung kaum jemals geübt hatte, welche sich hier kundgab.
Eine weitere tiefe Kluft trennte damals noch Deutschland von England in allem was Gemeinsinn und Selbsthülfe betraf; man war bei uns, weil der Staat alles bevormundet, auch gewöhnt, alles vom Staate zu erwarten. Man legte träge die Hände in den Schoß und beklagte sich oder schalt, aber man handelte nicht. Ein erstes Zeichen erwachen daselbst Tätigkeit boten nun diese Frauen-Vereine dar, und was haben wir nicht seitdem in dieser Beziehung alles gelernt und überwunden, wenn auch die Philisterhaftigkeit und das Vorurteil gegen ein uneigennütziges Wirken für das Allgemeine, namentlich wo es von Frauen ausgeht, stellenweise auch jetzt noch groß genug bei uns ist.

 

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Wohl am großartigsten entfaltete sich die Tätigkeit dieser Frauen-Vereine, deren Mitglieder durchaus nicht alle dem Deutsch-Katholizismus angehörten, in Breslau, Schweinfurt, Hanau und zumeist in Hamburg, wo eine Reihe von bedeutenden und zu jedem Opfer bereiten Frauen, denen es auch an den notwendigen Mitteln dazu nicht fehlte, mit vereinter Kraft nicht allein materiell, sondern auch ideell arbeiteten. Alle strebten nach einem lichtvollen, durch den Geist der Humanität gereinigten Christentum, und diesem Programm entsprechend, hat, während alle übrigen Frauen-Vereine aus jener Zeit sich wieder auflösten, dieser Hamburger Kreis fortgewirkt, selbst dann noch, als überall später nach der Reaktion von 1850, der Deutschkatholizismus verpönt und verboten wurde. War auch seine Tätigkeit zuweilen momentan unterbrochen, so trat er immer wieder neu zusammen, um später einzig und allein sich neben der Armenpflege, der Erziehung, vornehmlich der der Frauen, anzunehmen, und er hat auf diesen Gebieten nach einer mehr als fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit, unter der Leitung der ausgezeichneten Frau Emilie Wüstenfeld, in der Armenpflege sowohl, als für die geistige, wie gewerbliche Ausbildung der Mädchen, die vornehmsten und außerordentlichen Resultate erzielt, ein Vorbild für alle Frauen Vereine die sich für ähnliche Zwecke seit 1865 neu gebildet haben.

Wenn wir jetzt nach diesem Umwege, die wir nicht wohl vermeiden konnten, um zu zeigen wie die Gemüter schon vor 1848 in allen Ständen und bei beiden Geschlechtern erregt und auf Neues gefasst waren, zu den maßgebenden Kreisen, die sich bemühten, immer mehr eine kompakte politische Organisation zu Stande zu bringen, zurückkehren, so begegnen uns als besonders einflussreich die immer häufiger wiederkehrenden Zusammenkünfte und Verabredungen der Kammermitglieder

 

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aus den verschiedenen deutschen Staaten. Ihren Hauptsammelpunkt fanden sie am Rheine, bei den ehrwürdigen Itzstein, auf dessen Gute Hallgarten, während oft zur selben Zeit, nur wenige Stunden davon entfernt, sich auf den Johannisberg die Feinde des Vaterlandes um ihren Meister Metternich scharten. Aber wie schlau er auch seine Kreise zog, so sehen wir doch, wie auch Preußen zu Ende des Jahres 1847, es nicht mehr ganz zu ignorieren vermochte, dass zwingende Pflichten gegen Deutschland und gegen das eigene Volk vor ihm lagen. Ein Freund des Königs, der später so bekannt gewordene General von Radowitz, bekam den Auftrag, eine Denkschrift über eine vorzunehmende Bundesreform zu entwerfen. Mit der Schärfe, die jenen Mann charakterisierte, unterwarf er die Leistungen des Bundes einer Prüfung und gab auf die Frage, was der Bund seit den zweiunddreißig Jahren seines Bestehens getan, die vernichtende Antwort „das aus seiner Mitte auch nicht ein einziges Lebenszeichen erschienen wäre, aus welchem die Nation entnehmen könnte, dass Ihre dringendsten Bedürfnisse, ihre wohl begründeten Ansprüche und Wünsche, im Rate des Deutschen Bundes irgendeine Beachtung fänden“. – Den Vorschlägen zu einer zweckentsprechenden Änderung der Bundesverfassung, die man nötigenfalls auch ohne Österreich Zustimmung, wenn dieselben nicht zu erlangen sein würde, durchsetzen wollte, kam die Volkspartei entgegen, indem der Abgeordnete Bassermann in der Badischen Kammer, am 12. Februar 1848, einen Antrag stellte, welche die politische Schwäche Deutschlands eindringlich schilderte, und die Regierung geradezu aufforderte, sie möge dahin wirken, dass eine Vertretung der Ständekammer bei dem Bunde nun endlich erreicht werde. Dann sollten Beide vereint, eine gemeinsame Gesetzgebung, sowie auch einheitliche nationale Einrichtungen zu Stande bringen. Mit allen Stimmen gegen fünf wurde der Antrag unter dem allge-

 

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meinen Beifall Deutschlands angenommen, wie sehr auch der Minister Dusch sich während der Verhandlungen bemühte, die Vorteile des Partikularismus hervorzuheben und Baden durch die Vorstellung zu schrecken, dass dasselbe bei solchen Einrichtungen von einem blühenden Staate, zu einer verkümmerten Grenzprovinz herab sinken werde.
Mit diesem Popanz hat man seitdem ja noch oft genug ängstliche Gemüter zu bannen versucht und auch wirklich gebannt, während die Gegenwart uns genügend darüber belehrt, wie die Glieder des Reiches sich im Gegenteil nur umso wohler und besser dabei befinden, wenn das Ganze gesund und lebenskräftig ist. – Man muss dabei nun wohl bemerken, wie sie schon seit dem Jahr 1847 in Baden eine Partei gebildet hatte, welche die Opposition der Kammern heraus in das Volk zu tragen wusste; es hatte sich dergestalt einer Volksopposition gegenüber der liberalen Partei, die sich damit begnügte, Ihre Vertretung innerhalb des Ständesaales zu suchen, organisiert. Auf einer großartigen Volksversammlung zu Offenburg im Herbst 1847 hatte sich zuerst dieses Verhältnis herausgestellt; dieselbe wurde geleitet von dem Liebling des deutschen und namentlich des badischen Volkes, von Friedrich Hecker und von dem bekannten Gustav Struve. Der Letztere war ein Mann, den man bald infolge seiner Exzentrizitäten als den blutdürstigen Revolutionär betrachten musste, und dabei doch so sanftmütig, dass er keinen Bissen Fleisch essen mochte, weil er dies für roh und tierisch hielt. Das Programm, welches diese beiden Männern aufstellten, unterschied sich wesentlich kaum von demjenigen der liberalen Abgeordneten, welches wir sogleich werden kennen lernen, nur mischte leider Struve, der Sozialist geworden, die volle Unklarheit der damaligen sozialen und kommunistischen Theorien und Vorstellungen mit hinein. Abgesehen von diesen Abklärungen war man im Großen und Ganzen einig über das,

 

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was man wollte und erstrebte, dagegen sehr uneinig über das wie, über die Art und Weise, das gewünschte zu erlangen und festzuhalten.
Hecker und seine Anhänger verlangten die Mitwirkung des Volkes, wenn es nicht anders angehe; die Liberalen dagegen wollten nur auf gesetzlichem Wege zu ihrem Ziele gelangen, sie wollten vor den Thronen stehen bleiben, überzeugt, dass ein Ministerwechsel, eine Vereidigung des Militärs auf die reformierten Verfassungen, ein Versprechen der Fürsten, dieselben zu respektieren, völlig ausreichend sein würden, die neue Freiheit und Einheit zu begründen. Die anderen beanspruchten dagegen stärkere Garantien, und indem sie erwogen, wie die freiwillige Einheit von sechsunddreissig Fürsten, die bis dahin vollständig souverän gewesen, ein Ding der Unmöglichkeit sein werde, gelangten sie zu der Überzeugung, dass nur ein Wegräumen der Throne, eine Begründung der Republik, den deutschen Einheitsstaat erschaffen könne, selbst angenommen, diese Republik werde nur der notwendige Durchgangspunkt für eine wirklich konstitutionelle Monarchie sein. So erwuchs wie mit einem Schlage eine starke republikanische Partei in dem bis dahin so zahmen Deutschland, und die große Menge fühlte sich davon angestarrt, wie von dem Haupte der Medusa; man vermochte es eben noch nicht, Republik und Terrorismus voneinander zu trennen. Ganz gewiss befanden sich unter den Republikanern viele, die an und für sich für diese Staatsform schwärmten, – das Gros der Partei, so darf man wohl kühn behaupten, ging nicht einmal so weit, sie sahen darin nur den einzigen praktischen Weg aus der Zerrissenheit und Vielfältigkeit zur Einheit zu gelangen, und wie recht sie damit hatten, bewiesen uns die Ereignisse des Jahres 1866, wo die Revolution von oben in ähnlichem Sinne aufräumte, wie es damals von unten her geschehen sollte.

 

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Es ist zu bedauern, dass ein Teil der damaligen Republikaner die veränderte Sachlage mit dem Starrsinn von solchen, die eine Sache nur dann anerkennen, wenn sie dieselbe eigenhändig zu Stande gebracht haben, fort und fort befeinden. Wer die Einheit tatsächlich liebte und erstrebte, musste zufrieden sein, wenn sie überhaupt erlangt wurde und nicht die alte Zerrissenheit in der Form von Föderativ-Republiken, wofür man nach dem Vorbild der Schweiz schwärmte, verewigt sehen wollen. – Sie sehen aus dieser Darlegung, wie also bereits im Keim zwei große Parteischattierungen in Deutschland existierten, ehe noch der glorreiche März 1848 über uns angebrochen war. Hätte Preußen nur ein Jahr früher das Wehen seiner Zeit verstanden und berücksichtigt, es wären uns und ihm und vor allem seinem Könige selbst, schwere Jahre der Prüfung erspart geblieben; jetzt, da es eben im Begriffe war, das Bessere zu wollen, sich aufzuraffen zu einer Tat, welche die ersehnte Einheit bringen sollte, da schmetterte ihm die Weltgeschichte ihr: zu spät! entgegen. –

Die ersten unmittelbaren Wirkungen der französischen Revolution hatten sich in der preußischen Rheinprovinz geltend gemacht, wo man nicht übel Lust zeigte, sich mit dem republikanischen Nachbar aufs Neue zu vereinigen, um das zu retten, was dem Rheinländer arg bedroht schien, seine französische Gesetzgebung. Während sich in Köln eine Deputation nach Berlin vorbereitete und in den anderen rheinischen Städten überall Volksversammlungen zusammenströmten, gab sich schon am 27. Februar 1848 eine großartige Manifestation in Mannheim kund. Unter dem Jubel von tausenden wurde eine Adresse an die Kammer entworfen, welche die Forderungen des Volkes enthielt, und in der besonders auf die Gefahren hingedeutet war, welche Deutschland von Frankreich wie von Russland aus bedrohten, insofern es sich

 

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jetzt nicht endlich aus seiner Ohnmacht aufraffe und seine Fürsten nicht versuchten, sich auf ihr Volk zu stützen, indem sie unverzüglich dessen gerechte Forderungen erfüllten! –
Diesem Sturme vermochten die badischen Minister nicht zu widerstehen, sie fügten sich in das unvermeidliche, wurden über Nacht auch liberal und antworteten mit freisinnigen Vorlagen in der Kammer, die einen Teil des Gewünschten enthielten, auch wurden Männer der Opposition, welche das Vertrauen des Landesgenossen, wie Welcker, in den Staatsrat und zu höheren Ämtern berufen. Aber so leichten Kaufes kann man dieses Mal nicht davon; die Bürger Mannheims und die der benachbarten Orte hielten es für notwendig, durch Ihr persönliches Erscheinen in Karlsruhe der Sache mehr Nachdruck zu geben. Man sagte sich folgendes: „wir sind 1830 und 40 auch mit schönen Versprechungen hingehalten und dann bitter getäuscht worden; die Früchte der Julirevolution hat man uns ganz ebenso hinweg gestohlen, wie den Franzosen; jetzt ist es Zeit mit Nachdruck zu verlangen, was uns gebührt!“ – So zogen denn wirklich am 1. März von allen Seiten die Badener nach Karlsruhe heran und wo man von ihrem Erscheinen wusste, empfing man sie im Bahnhofe mit jubelnder Begeisterung, während Frauenhände die angekommenen mit schwarz-rot-goldenen Schleifen schmückten. Ein Zug von etwa 20.000 Menschen begab sich von da vor das Ständehaus, wo sie durch Hecker, Itzstein, Brentano und anderen empfangen wurden. Während die größere Menge draußen blieb, wurden von Ihnen gewählte Deputierte, geleitet von den Volksvertretern, herein geführt und hinauf in den Ständesaal gebracht, wo sie ein gleicher Jubel wie am Bahnhof begrüßte. Aber ehe nun noch die Vorstellungen, die sie mitbrachten, verlesen werden konnten, verkündete bereits der Minister Beck, dass das freiere Pressgesetz von 1831, welches man auf Anfängen Österreichs aufgehoben

 

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Hatte, wieder in Kraft treten solle. Der Enthusiasmus, der nun losbrach, verbreitete sich nach außen, setzte sich auf der Straße fort und im Ständesaal selber rief der Präsident Mittermaier, mit Tränen im Auge, aus: „in solch heiligem Augenblick dürfe man dem Ausbruch des Gefühls nicht wehren!“ Als man sich wieder beruhigt, verlas Hecker die Petitionen, welche die Deputierte überbracht hatte. Die Forderungen, die sie enthielten, wurden, mit geringen Unterscheidungen, dass Freiheitsprogramm für das ganze übrige Deutschland, und indem ich dieselben an dieser Stelle mitteile, mögen sie zugleich den Stand-und Zielpunkt aller Aufstände und Revolutionen bezeichnen, die von jenem Tage an ihre Runde durch alle 36 deutsche Staaten machten. Eine Forderung von höchster Wichtigkeit war vorerst diejenige, welche dem Militär, dem Stützpunkt des absolutistischen Regiments, seine Ausnahmestellung zu nehmen, den Soldaten zum Bürger zu machen versuchte. Man hoffte dies durch die Beeidigung des Heeres auf die Verfassung wirksam zu erreichen. Weiter verlangte man ein Gesetz über Ministerverantwortlichkeit und Schwurgericht, eine gerechtere Steuerverteilung nach Maßgabe des Eigentums (Vermögensteuer), Abschaffung des bevorrechtigten Gerichtsstandes für Militär und Adel, Vertretung des deutschen Volkes durch ein Parlament, Unabhängigkeit des Richterstandes, und endlich, was sich eigentlich von selbst verstand, ein neues Ministerium, dem das Vertrauen des Volkes und der Kammer entgegenzukommen vermöge. Während nun im Ständesaal beschlossen wurde diese Forderungen augenblicklich zu beraten, tagte auf den Straßen ein Volksparlament unter Leitung von Hecker und Struve, dieses fügte dann dem Genannten noch seine weitergehenden Forderungen hinzu, die sogleich gedruckt und in tausenden von Exemplaren verbreitet wurden.Diees

 

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zweite, viel weitergehende Programm verlangte überdies, das Volk solle das Parlament selbst erwählen, und zwar nach dem denkbar freisinnigen Wahlgesetz; jeder Deutsche von 21 Jahren würde demnach wahlberechtigt, jeder von 25 Jahren zur Wahl befähigt gewesen sein. Ferner forderte man vollständige Lehrfreiheit allgemeines deutsches Staatsbürgerrecht, folglich: Freizügigkeit, Abschaffung aller Vorrechte, Zünfte, Feudallasten usw. und endlich eine gerechte Ausgleichung des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit, womit die soziale Frage schon vollständig in die Bewegung mit hineingezogen war. – Wir sehen, dass es an Klarheit über das Gewollte nicht fehlte, wäre man sich nur auch ebenso klar darüber gewesen, wie das Geforderte dauernd zu erringen sei!
Vom den eben erzählten Ereignissen in Baden an, war nun der Strom der Revolution nicht mehr zurückzuhalten und schon nach fünf bis sechs Tagen hatte er im ganzen Südwesten Deutschlands alles weggeschwemmt, was man jahrelang so künstlich dagegen aufgebaut hatte, und wie einst die Franzosen die Trikolore, so pflanzte man allerorten die schwarz-rot-goldene Fahne auf, um sich unter dem alten Reichsbanner zu einem freiheitlichen Leben zu einigen. Von Baden verpflanzte sich die Bewegung zuerst nach auch dort wurde das Ministerium gewechselt und Volksmänner wie P. Pfister, Duvernoy und der Liebling der Schwaben, Römer, traten an die Spitze der Regierung. In das Entzücken und die Freude mischten sich indessen jetzt schon Befürchtungen; unruhig bewegt erhoben sich die Bauern und Fabrikarbeiter des badischen und württembergischen Schwarzwaldes, und vom ersten Beginn an zeigte es sich, wie dicht hinter der politischen, das Schreckgespenst der sozialen Umwälzung sich erhob, welche die Gemüter der großen Masse in ganz anderer Weise bewegte, als alles was man jetzt in

 

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den Kammern zu erringen strebte. Sehr richtig hob es ein Sprecher der Menge, der Fabrikant Rau von Gaildorf hervor, wie ein deutsches Parlament, so wünschenswert er es auch erachte, dem Volke kein Brot geben, eine noch so gute Gesetzgebung nicht den Hunger zu stillen vermöge. Was hatte man nicht alles zu tun versäumt, während der langen Ruhe-und Friedenszeit; wie drückten den Bauern noch an vielen Orten die Feudallasten, wie lagen Ackerbau und Gewerbe hilflos darniede Nun aber lief die allgemeine Aufregung auch diese unzufriedenen Elemente mit auf den Kampfplatz, und alles arbeitsscheue Gesindel hing sich daran. Ganz ähnlich wie in den dreißiger Jahren, nur in weit ausgedehnterem Maße, wurden auch jetzt wieder die Grundbücher zerstört, die Amtshäuser und die Standesherrschaften mit dem kleinen Krieg bedroht, und die Juden auf dem Land, leider nur zu oft die Aussage des Bauern, verfolgt. Gestohlen wurde nur selten bei diesen Exzessen, umso mehr aber zerstört. In den Gegenden, wo einst der Bauernkrieg gewütet, der Bundschuh war aufgepflanzt worden, brachte der Aufruhr zuerst los, um sich von da über ganz Deutschland zu verbreiten; oft war es nur sehr geringes, was die Leute verlangten, weil eben ihre politische Unbildung sie nur das allernächster als drückend empfinden ließ. So waren an vielen Orten: Laub und Streusel! die Signatur und das Losungswort der ländlichen Revolutionen, weil es nach dem Notjahr von 1847 an Stroh für das Vieh fehlte, welches man durch Moos und dürre Blätter ersetzen wollte, ohne die Erlaubnis der Behörden dafür erlangen zu können. Charakteristisch genug für den politischen Bildungsstandpunkt des Volkes war dieses Begehren, und doch wieder einen tiefen Einblick in dessen Notstand gewährend, dass man sich mit so wenigen schon zufrieden gab. Einige Monate später, da hieß es freilich schon: es wird geteilt! und vor den Augen der Gebil-

 

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deten und besitzenden erhob sich das Schreckgespenst des Kommunismus und schreckte sie zurück in die Reihen der Reaktion, die ihr nur zu gerne mit diesem Schreckbild drohte. Man wurde dann im Handumdrehen ebenso kleinmütig und zaghaft, wie man zuvor großmäulig gewesen und vergeblich blieben die Bemühungen einer kleinen Minorität, den Erschrockenen begreiflich zu machen, dass man die törichten Ausschreitungen nicht überwältige, indem man sie gewaltsam niederschlage und ihren Ursprung ignoriere, sondern nur, wenn man sich bemühe, das Übel zu untersuchen und womöglich zu heilen Heute fehlt es uns freilich nicht an Ärzten aller Art dafür, und hoffen wir, dass sie den rechten Ausweg finden,. Nur wird es immer zu beklagen sein, dass man sich viel zu spät mit den Wünschen und Bedürfnissen des vierten Standes beschäftigte, und es namentlich versäumt hat, dem Volke jene Einsicht und Bildung zu geben, welche es befähigt, zwischen falschen und wahren Lehren zu unterscheiden. –
Doch wenden wir uns von dieser Aufzählung der Schattenseite unserer großen Bewegung, zurück zu der leuchtenden Freiheit somit jeder herrlichen Märztag jedem unvergesslich sein werden, die sie mit vollem Bewusstsein erlebt und durchgemacht hat. Wie im Badischen die Stadt Mannheim, so gab in Hessen Mainz den ersten Anstoß zu einer Bewegung des Großherzogtums. Dort schloss die Generalversammlung des Narrenvereins mit dem Rufe ab: „kein Karneval, sondern Pressfreiheit und Volksbewaffnung!“ Die Gesellschaft wandelte sich in eine großartige Bürgerversammlung um, welche beschloss, in einem Zuge nach Darmstadt zu ziehen und der Kammer eine Adresse zu überreichen, die sich zunächst an einen der Vertreter von Mainz, den Advokaten Zitz richtete, und es dürfte sich wohl hier am besten verlohnen, eine kleine Probe von der Sprechweise der Adressen aus jenen Tagen zu geben, da ge-

 

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rade diese Mainzer Adresse eine der charakteristischsten, durch die Entschiedenheit ihres Ausdrucks ist. Sie begann folgendermaßen:
„Der mächtige Atem der Zeit hat den Dunst verweht, welchen Hofdiener und kurzsichtige Regierungsbeamte dem geistigen Auge der Fürsten vorzumachen bemüht waren. Überall ist die Stimme des Volkes laut geworden, und wo sie missachtet wurde, hat der bewaffnete Arm die Rechte des Menschen zu fassen gewusst, die ihm eine verabscheuenswerte Politik nur zu lange vorenthalten hat. Auch in Hessen ist mit den Zugeständnissen gegeizt worden und eine verblendete Regierung hat die Liebe des Volkes zu Ihrem Fürsten in hohem Grade beeinträchtigt. In solchen Zeiten aber bewährt sie sich, und Rheinhessens Bürger werden die Treue bewahren, wovon sie schon so oft Zeugnis abgelegt. Aber sie verlangen dagegen mit allem Nachdruck alles, was ihnen die Verfassungsurkunde zugestellt. Sie verlangen die Lösung der Presse von allen ihren Fesseln; sie verlangen, dass ihre Gesetzgebung, die Bürgschaft ihrer bürgerlichen Freiheit unangetastet bleibe. Sie verlangen, dass das stehende Heer, dieser fressende Krebs am Staatseinkommen, aufgehoben und Volksbewaffnung an dessen Stelle gesetzt werde, sie verlangen volle Freiheit des Gemeinde-und Volkslebens, ohne Polizeigewalt und Beamtenbevormundung; sie verlangen das Recht ihren Ständen die Wünsche und Bedürfnisse ihres Landes offen auszusprechen und sich zu diesem Zwecke zu versammeln. Sie verlangen endlich eine Verfassungsurkunde in zeitgemäßem Geist, ein besseres Wahlgesetz, Gleichstellung und Freiheit des religiösen Kultus, eine wahrhafte Vertretung des deutschen Volkes durch ein Parlament. – Die Zeit drängt. Soll den Ereignissen vorgebeugt werden, so müssen Taten an die Stelle des leeren Wortschwalls treten. Die Kammer hat eine hohe Ver-

 

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antwortlichkeit gegen Fürst und Vaterland: möge sie sich ihres Berufs würdig erweisen!“ –
Das war klar und bündig gesprochen; die Spitze richtete sich nicht gegen den Fürsten sondern gegen den Minister du Thil, einen echten Metternichdiener, und so wie hier, geschah es überall, dass man die obersten Beamten der Fürsten, nicht aber den Monarchen selber, anklagte. –

 

Hier geht es zu Teil II des Revolutionsberichtes 

 

von Peter Brunner

2 Comments »

  1. […] „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870” Leipzig, Thomas, 1875. Seiten 360 – 383 Teil 1 (SS: 337 – 360) findet sich hier (Schluß […]

    Pingback by „Wenn nur der Nagel hält, dass die Fahne nicht herunterfällt!“ « Neues aus Buechnerland — 19.3.2014 @ 09:56

  2. […] Teil 1 (SS: 337 – 360) findet sich hier Teil II (SS 360 – 383) hier  […]

    Pingback by Es war als ob wirklich mit einem Zauberschlage ein goldenes Zeitalter der Menschheit angebrochen wäre « Neues aus Buechnerland — 20.3.2014 @ 12:33

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