{"id":3821,"date":"2019-02-11T17:55:17","date_gmt":"2019-02-11T15:55:17","guid":{"rendered":"http:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=3821"},"modified":"2019-02-14T13:32:41","modified_gmt":"2019-02-14T11:32:41","slug":"cause-menasse-inwiefern-kann-was-die-fiktionalen-texte-betrifft-menasse-mit-buechner-verglichen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=3821","title":{"rendered":"&#8222;Causa Menasse&#8220; &#8211; Inwiefern kann, was die fiktionalen Texte betrifft, Menasse mit B\u00fcchner verglichen werden?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Causa Menasse hat die Autorin <a href=\"http:\/\/www.petra-morsbach.de\/\">Petra Morsbach<\/a> in der <a href=\"https:\/\/twitter.com\/PBahners\/status\/1087253245771370496\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"FAZ in einem Leserbrief Stellung bezogen (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">FAZ in einem Leserbrief Stellung bezogen<\/a>. \u201eK\u00f6nnen die Inbegriffe des historischen Wissens und des \u00f6ffentlichen moralischen Bewusstseins f\u00fcr die literarische Fiktion verbindlich sein?\u201c fragt sie und bezieht das auf die \u201eherrlich erfundenen Reden\u201c bei Shakespeare, Brecht und &#8211; B\u00fcchner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe eine Reihe von Freund*innen gefragt, ob sie das hier kommentieren wollen, und neben Schweigen und sp\u00f6ttischer Ablehnung (\u201enet amol ignoriert\u201c, \u201eVollmeise, alle beide\u201c) die folgende Antwort von <a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Autor\/Herbert-Wender\/p46132.rhd\">Herbert Wender <\/a>erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hat ja immer wieder literarische Debatten gegeben, bei denen B\u00fcchner auf die eine oder andere Art als Zeuge herhalten musste, ich erinnere mich an die gro\u00dfe Auseinandersetzung um Peter Schneiders \u201eVati\u201c. Auch wenn Frau Morsbach ungl\u00fccklich mit einem indirekten Zitat B\u00fcchners endet (\u201eDer geniale B\u00fcchner, auf den wir alle stolz sind, empfahl, Pal\u00e4ste anzuz\u00fcnden\u201c) meint Wender, es lohne sich, ihrer \u00dcberlegung nachzugehen. Er schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieber Herr Brunner,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ich danke Ihnen f\u00fcr den Hinweis auf die B\u00fcchner-Erw\u00e4hnung(en) in einem Leserbrief der Schriftstellerin Petra Morsbach, der in der FAZ erschienen ist. Sie sucht den Kollegen Robert Menasse gegen die Kritik des Feuilletons in Schutz zu nehmen, indem sie Shakespeare, B\u00fcchner und Brecht als Parallelf\u00e4lle nennt. In der \u00f6ffentlichen Diskussion (soweit ich sie im Internet \u00fcbersehe) wird dagegen die Causa Menasse eher mit den F\u00e4llen Relotius und W\u00fcrger, zuweilen auch mit der \u00e4lteren &#8218;Causa zu Guttenberg&#8216; verglichen. Offenkundig wollte Frau Morsbach den Leumund des Buchpreis-gekr\u00f6nten Autors retten, indem sie Menasse den gro\u00dfen Text-Entleihern an die Seite stellt.<br \/><br \/>Die Befindlichkeiten der Leserbrief-Autorin interessieren mich nicht, ebensowenig ihr vielleicht doch etwas schlichtes Bild von Georg B\u00fcchner. (Es w\u00e4re allemal besser gewesen, die in den Quellen dokumentierten Gewalt-Vorstellungen B\u00fcchners zu zitieren als im Menasse-Stil ein Zitat zu phantasieren, das auf die Parole &#8222;Krieg den Pal\u00e4sten!&#8220; anspielt.) Auch interessiert mich im folgenden nicht das eigentliche Skandalon, das insofern ein doppeltes ist, als es nicht nur Menasse, sondern auch das Feuilleton blo\u00dfstellt: Bereits 2013, also weit vor der Ver\u00f6ffentlichung seines Romans \u201eDie Hauptstadt\u201c, hat Menasse in einem nicht-fiktionalen Text (seinerzeit abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) in Form einer Tatsachenbehauptung aus einer angeblich historischen europapolitischen Rede des CDU-Politikers Walter Hallstein zitiert, die dieser Ende der 1950er Jahre, mitten im Kalten Krieg, in Auschwitz gehalten h\u00e4tte. Wer die Geschichte der Hallstein-Doktrin kennt (man vergleiche etwa die einschl\u00e4gigen au\u00dfenpolitischen Meldungen der 1960er Jahre im Internet-Archiv der ehemaligen SED-Zeitung \u201eNeues Deutschland\u201c), m\u00fc\u00dfte Menasse schon f\u00fcr tollk\u00fchn halten, wollte er ihm eine bewu\u00dfte F\u00e4lschungsabsicht unterstellen. Ich vermute, da\u00df es ihm ging wie einst dem Herrn zu Guttenberg: Wie dieser fest daran glaubte, da\u00df die entlehnten S\u00e4tze seinem eigenen Hirn entsprungen w\u00e4ren, so erlag auch Menasse der selbstverliebten Vorstellung, die starken S\u00e4tze, die er geschrieben hatte, w\u00e4ren tats\u00e4chlich von Hallstein in Polen gesagt worden.<br \/><br \/>Nach diesen Klarstellungen komme ich nun endlich zum eigentlichen Thema: Inwiefern kann man, was die fiktionalen Texte betrifft, Menasse mit B\u00fcchner vergleichen?<br \/><br \/>Shakespeare, B\u00fcchner, Brecht<br \/><br \/>Im Unterschied zu Martin Mosebachs schnurgerader \u00dcberblendung \u201eSaint-Just, B\u00fcchner, Himmler\u201c (FAZ-Titel der B\u00fcchnerpreis-Rede von 2007), die auf ideologische Engf\u00fchrung historischer und fiktiver Reden zielt, scheint Petra Morsbachs Zusammenstellung dreier gro\u00dfer Namen nur den poetologischen Aspekt in den Blick nehmen zu wollen. Die mittlerweile zusammengebrochene Autosuggestion Menasses, der f\u00fcr historisch wahr hielt, was er erfunden hatte, wird im Leserbrief gar nicht angesprochen, argumentiert wird offenkundig rein handwerklich. Da\u00df die Grenzen zwischen dem historisch \u00dcberlieferten und dem vom Autor Hinzugedichteten bei der literarischen Gestaltung historischer Stoffe flie\u00dfend sind, ist in der Tat nichts Besonderes.<br \/><br \/>Wer sich in solchem Zusammenhang auf Georg B\u00fcchner beruft, hat recht: In den drei B\u00fcchner-Texten, die einen historischen Stoff verarbeiten, also im Revolutionsdrama, in der K\u00fcnstlernovelle und im Sozialdrama, fingiert B\u00fcchner Reden von Figuren, die historische Namen tragen, und verzichtet gleichzeitig nicht darauf, auch historisch bezeugten Wortlaut in seine Texte zu integrieren. Im &#8222;Woyzeck&#8220; zum Beispiel sind die tragenden S\u00e4ulen einer Argumentation, die den T\u00e4ter als Opfer sehen, frei erfunden; der historische Woyzeck hatte zum Zeitpunkt der Tat weder eine milit\u00e4rische Besch\u00e4ftigung noch den Nebenjob im medizinischen Experiment. Und der historische T\u00e4ter war von der ermordeten Witwe ausgehalten worden, w\u00e4hrend die literarische Figur r\u00fchrend bem\u00fcht ist, f\u00fcr Frau und Kind zu sorgen. Man m\u00fc\u00dfte B\u00fcchner f\u00fcr tollk\u00fchn halten, wollte man ihm unterstellen, er h\u00e4tte mit offensichtlichen Fakes zu einem realen Geschichtsverfahren kritisch Stellung nehmen wollen.<br \/><br \/>Hinzu kommt ein weiteres Problem, wenn wir die literarischen Handwerker vergleichen wollen, n\u00e4mlich da\u00df wir das Verh\u00e4ltnis der Dichter zu den ermittelten Quellen in der Regel nur indirekt erschlie\u00dfen k\u00f6nnen, aus dem Ergebnis ihrer Arbeit, aus dem Werk. Man kann sich durchaus fragen, warum B\u00fcchner die Titelfigur des Revolutionsdramas und zwei weitere Dantonisten im Bordell auftreten l\u00e4\u00dft. Glaubte er einfach entsprechenden historischen Quellen oder wollte er uns die &#8218;Liederlichkeit&#8216; dieser historischen Akteure nur glauben machen, um den dramatischen Konflikt zu steigern?<br \/><br \/>Ich verweise an dieser Stelle auf meine Dissertation (Wender 1988, insbesondere das Kapitel &#8220; &#8218;Huren&#8216; oder &#8218;Hoden&#8216; ?&#8220;). Ohnehin w\u00fcrde es zu weit f\u00fchren, die verschiedenen Techniken der Quellenverarbeitung in B\u00fcchner-Texten n\u00e4her zu erl\u00e4utern. Ich schlie\u00dfe also etwas abrupt, will aber nicht ausschlie\u00dfen, die Diskussion fortzusetzen. Anregungen dazu sind immer willkommen!<br \/><br \/>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>Ihr Herbert Wender<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stelle das hier zur Diskussion und freue mich zusammen mit Herbert Wender \u00fcber jeden Kommentar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter Brunner<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/PB_Portrait-150x150.jpg\" alt=\"Peter Brunner\" class=\"wp-image-2829\"\/><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>  Wie so oft wird die Debatte lieber in privaten Mails als hier gef\u00fchrt; ich darf das aber mit \u201eanonym\u201d zitieren: <\/p><p><br \/>\u201eDie Causa Menasse ist &#8211; f\u00fcr mich &#8211; aus einem anderen Grunde bemerkenswert: Was man so h\u00f6rt und liest, ist es ein Roman von  eher mittelm\u00e4\u00dfiger Qualit\u00e4t. Gleichwohl hat er gegen bessere Werke den  Buchpreis bekommen. Also merke: Du mu\u00dft mit dem \u201eNarrativ\u201c \u00a0der  M\u00e4chtigen denken, um zu re\u00fcssieren. Da schaden auch Fakes nicht. Und  schon \u00a0das macht M. mit B\u00fcchner unvergleichbar. Ihn \u00a0mit Shakespeare und  B\u00fcchner in einem Atemzug zu nennen, hei\u00dft alle im eigentlichen Sinne  literarischen Ma\u00dfst\u00e4be hintanstellen.\u201d <\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petra Morsbach: \u201eK\u00f6nnen die Inbegriffe des historischen Wissens und des \u00f6ffentlichen moralischen Bewusstseins f\u00fcr die literarische Fiktion verbindlich sein?\u201c <\/p>\n","protected":false},"author":379,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,18,320,25],"tags":[332,333,331],"class_list":["post-3821","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchner-jubilaen","category-georg-buchner","category-politik","category-publizistik","tag-buechner-als-zeuge","tag-fake-fiction","tag-menasse","post-preview"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Causa Menasse&quot; - Inwiefern kann, was die fiktionalen Texte betrifft, Menasse mit B\u00fcchner verglichen werden? 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