{"id":3068,"date":"2016-11-29T11:22:25","date_gmt":"2016-11-29T09:22:25","guid":{"rendered":"http:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=3068"},"modified":"2016-11-29T11:22:25","modified_gmt":"2016-11-29T09:22:25","slug":"dass-wir-die-geschlechterhierarchie-bestaerken-wenn-wir-die-herrschaftssprache-unkritisch-reproduzieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=3068","title":{"rendered":"\u201eDass wir die Geschlechterhierarchie best\u00e4rken, wenn wir die Herrschaftssprache unkritisch reproduzieren\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am 27. November erhielt <strong>Prof. Dr. Luise F. Pusch<\/strong> im voll besetzten Vortragssaal des Darmst\u00e4dter Literaturhauses den<strong> 5. Luise B\u00fcchner-Preis f\u00fcr Publizistik.<\/strong> Die Musikwissenschaftlerin <strong>Prof. Dr. Eva Rieger<\/strong> hielt ihr die Laudatio. Das fast unver\u00e4ndert vorgetragene Manuskript darf ich hier mit ihrer freundlichen Genehmigung wiedergeben.<\/p>\n<div id=\"attachment_3070\" style=\"width: 901px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3070\" class=\"wp-image-3070 size-full\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuGe_Preis2016_VorstandPuschRieger_spbrunner.jpg\" alt=\"20161127_lubuge_preis2016_vorstandpuschrieger_spbrunner\" width=\"891\" height=\"522\" srcset=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuGe_Preis2016_VorstandPuschRieger_spbrunner.jpg 891w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuGe_Preis2016_VorstandPuschRieger_spbrunner-300x176.jpg 300w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuGe_Preis2016_VorstandPuschRieger_spbrunner-768x450.jpg 768w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuGe_Preis2016_VorstandPuschRieger_spbrunner-600x352.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 891px) 100vw, 891px\" \/><p id=\"caption-attachment-3070\" class=\"wp-caption-text\">Preistr\u00e4gerin Luise Pusch, Laudatorin Eva Rieger und der Vorstand der Luise B\u00fcchner-Gesellschaft am 27.11. 2016<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><strong>Eva Rieger: Laudatio f\u00fcr Luise Pusch\u00a0\u00a0\u00a0 (Stand 21.11)<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>als ich gebeten wurde, eine Laudatio f\u00fcr Luise Pusch zu entwerfen, habe ich zuerst \u00fcberlegt, ob und wo es \u00dcberschneidungen zwischen Luise B\u00fcchner und der heutigen Preistr\u00e4gerin gibt. Zum einen haben sie denselben Vornamen. Zum anderen sind beide Vork\u00e4mpferinnen der Frauenbewegung, und beide haben mit ihren Schriften viel bewegt. Zum dritten liebten beide die Musik \u2013 Luise Puschs Sammlung an Radiomitschnitten ist mehr als riesig und die technisch ausgefeilte Medienecke in ihrer K\u00fcche ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt; Luise B\u00fcchner befasste sich einmal intensiv mit Richard Wagners <em>Ring des Nibelungen<\/em>. Hier kommt die vierte Gemeinsamkeit zum Tragen, n\u00e4mlich der Humor. Ich zitiere aus Luise B\u00fcchners Kritik der <em>G\u00f6tterd\u00e4mmerung<\/em>:<\/p>\n<p>\u201eUm Siegfried nur einigerma\u00dfen moralisch zu erretten, greift Herr Wagner abermals nach seinem geliebten, aber allgemach sehr langweilig werdenden Zaubertrank, welcher ihm Vergessenheit Brunhildens und Liebe zu Gutrun gibt. Nun, ein Mann, der seine Frau verl\u00e4sst, um gleich danach eine Andere zu heiraten, ist gewiss ein recht schlechter, erb\u00e4rmlicher Wicht, aber auf der B\u00fchne denn doch immer zehnmal ertr\u00e4glicher, als solch eine Marionette, die nur das Gesch\u00f6pf eines Fr\u00fchtrunks ist, und die dann, da es dem grimmen Hagen gutd\u00fcnkt die Flaschen zu wechseln, gleich<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3073 size-medium\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_063-300x225.jpg\" alt=\"20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_063\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_063-300x225.jpg 300w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_063-768x576.jpg 768w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_063-600x450.jpg 600w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_063.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/> danach durch ein zweites Gl\u00e4schen die Erinnerung wieder zur\u00fcckerh\u00e4lt.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Hier offenbart sich eine Lust an schwarzem Humor \u2013 was auch ein elementarer Bestandteil von Luise Puschs Arbeit ist. Wir sehen also, es gibt mehrere Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Frauen.<\/p>\n<p>Nichts aus ihrer Kindheit weist auf diese F\u00e4higkeit, die Dinge zu ironisieren, hin. In G\u00fctersloh geboren, kannte Luise Pusch ihren Vater, der Gemeindepfarrer gewesen war, kaum, denn ihre Mutter lie\u00df sich von Luises Vater scheiden, als Luise 3 Jahre alt war. Die Lebenssituation der Mutter im Nachkriegsdeutschland, die mit einem bescheiden bezahlten Sekret\u00e4rinnenjob drei Kinder durchbringen musste, pr\u00e4gte Luises Kindheit. Die Sorgen ums \u00dcberleben beherrschten den Alltag, die Mutter war gezwungen, die Kinder weitgehend sich selbst zu \u00fcberlassen. Luise umgibt sich schon im fr\u00fchen Alter mit technischen Ger\u00e4ten. Zun\u00e4chst sitzt sie vor dem Radio, um w\u00e4hrend der Heimarbeit Musik- und Literatursendungen zu h\u00f6ren, dann vor dem Plattenspieler, schlie\u00dflich vor dem Tonbandger\u00e4t. Musik sowie geistige Interessen sind f\u00fcr sie Strategien zur Bew\u00e4ltigung des Alltags. Als Kind ungew\u00f6hnlich sch\u00fcchtern, kompensiert sie mit hohen intellektuellen Leistungen und verschafft sich so Anerkennung bei Mitsch\u00fclerInnen und LehrerInnen.<\/p>\n<p>Um der Mutter zu imponieren, erbringt Luise beste Zensuren und Leistungen in den sprachlichen F\u00e4chern. Nach dem Abitur studiert sie Anglistik, Latinistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Hamburg. Von 1966 bis 1972 ist sie Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Sie schlie\u00dft ihre Studien mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Ihre Dissertation ist dem Thema <em>Die Substantivierung von Verben mit Satzkomplementen im Englischen und im Deutschen<\/em> gewidmet (Pr\u00e4dikat: sehr gut). Nach einer vierj\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bekommt sie 1976 ein Habilstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3074 size-medium\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_020-225x300.jpg\" alt=\"20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_020\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_020-225x300.jpg 225w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_020-600x800.jpg 600w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_020.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>Alles deutet auf eine vielversprechende akademische Laufbahn hin, als sie 1979 \u2013 nach ihrer Habilitation zum Thema <em>Kontrastive Untersuchungen zum italienischen gerundio<\/em> f\u00fcr das Fach Sprachwissenschaft \u2013 f\u00fcr f\u00fcnf Jahre das in universit\u00e4ren Kreisen hochgeachtete Heisenberg-Stipendium erh\u00e4lt. 1985 ernennt die Universit\u00e4t Konstanz sie zur au\u00dferplanm\u00e4\u00dfigen Professorin. So schienen die T\u00fcren f\u00fcr eine gl\u00e4nzende Universit\u00e4tskarriere als Hochschullehrerin weit ge\u00f6ffnet, mit einem Lehrstuhl an einer traditionsreichen Universit\u00e4t, mit AssistentInnen, Drittmitteleinwerbung, Gremienarbeit, der Ausbildung von DoktorandInnen, der Organisation von Fachtagungen und freier Forschung. Luise h\u00e4tte sich dann vielleicht in die Sprachpartikeln des Russischen vertieft oder sich zum Stand der Sondersprachen in der friesischen Lexikographie auf linguistischen Tagungen Ruhm erworben. Doch es kam anders.<\/p>\n<p>Aus der Besch\u00e4ftigung mit der Frauenbewegung, die sich in den siebziger Jahren aus den USA kommend rasch in Deutschland ausbreitete, wurde ihr deutlich, dass die Sprachwissenschaft gro\u00dfe Defizite aufwies. Wie in anderen geisteswissenschaftlichen F\u00e4chern auch, war es bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nicht \u00fcblich, das soziale, historische und kulturelle Umfeld in die Forschung mit einzubeziehen. Wer Sprache als ein soziales Zeichensystem sah und eine sozialwissenschaftliche Position einnahm, galt schon als AussenseiterIn. Die ersten Forschungen von Luise Pusch waren noch den traditionellen Themen ihres Faches gewidmet, nun aber entwickelte sie Ideen, wie man Sprache \u00e4ndern k\u00f6nne. 1979 schrieb sie ihren ersten feministisch-linguistischen Aufsatz. Wohlmeinende Kollegen rieten ihr, diesen als einen kleinen \u201eAusrutscher\u201c anzusehen und zur \u201erichtigen\u201c Linguistik zur\u00fcckzukehren. Ihr war die Brisanz ihrer Aussagen wohl bewusst, aber sie hatte nach ihrer bis dato so steilen Karriere nicht voraussehen k\u00f6nnen, wie kaltschn\u00e4uzig man sie ausgrenzen w\u00fcrde. Die Versuche, gemeinsam mit Senta Tr\u00f6mel-Pl\u00f6tz in der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Sprachwissenschaft eine Sektion f\u00fcr feministische Linguistik zu gr\u00fcnden scheiterten ebenso, wie zahlreiche Bewerbungen auf eine Professur an einer deutschen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb der Universit\u00e4t wird Luise zun\u00e4chst erst in der Frauenbewegung, sp\u00e4ter auch in anderen Institutionen des \u00f6ffentlichen Lebens zur profiliertesten und gefragtesten feministischen Linguistin. In zahllosen deutschsprachigen St\u00e4dten des In- und Auslandes wird sie zu Lesungen und Workshops eingeladen, und die S\u00e4le sind \u00fcberf\u00fcllt. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, in der Gesellschaft ein sensibilierteres Sprachbewusstsein durchzusetzen, und zwar nicht nur durch scharfsinnige Analysen und direkte Kritik, sondern auch durch das Mittel der intelligenten Ironie. Mit ihrer unersch\u00f6pflichen Phantasie, gekoppelt mit einem zum Teil schwarzen Humor, der sich in bei\u00dfende Ironie verwandeln kann, fordern ihre Glossen zum Lachen auf \u2013 aber der Subtext spricht von der Einsicht in eine Machtstruktur, die die Sprache pr\u00e4gt und die Frau als zweitrangig abstempelt.\u00a0 Viel hat sie damit erreicht. Zwar wird statt des generischen Maskulinums die Doppelform weitgehend benutzt, nicht, wie Luise es wollte, das umfassende (generische) Femininum. Doch erreichte sie einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch, der sich weiterhin verfeinert.<\/p>\n<p>Luise Pusch blieb bei ihrer \u00dcberzeugung, dass Sprache und Kultur in Beziehung stehen und sich wechselseitig bedingen. Ein Lexikon bringt es auf den Punkt: \u201ePusch hat aufgrund ihres kontinuierlichen sprachkritischen Engagements die allgemeine Wahrnehmung m\u00e4nnlich orientierter Sprachnormen sp\u00fcrbar differenziert.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Indem sie sich bewusst von dem herrschenden Diskurs absetzte und neue Wege ging, war es fast zwangsl\u00e4ufig, dass sie keine dauerhafte Aufnahme an den traditionsverhafteten linguistischen Fakult\u00e4ten deutscher Universit\u00e4ten fand. Ihre Radikalit\u00e4t, die so viele feministisch gesinnte Frauen begeisterte und f\u00fcr volle S\u00e4le sorgte, war manchem Akademiker ein Dorn im Auge<\/p>\n<p>Ich lernte Luise Pusch Anfang der 1980er Jahre kennen. Ihr autobiographischer Roman <em>Sonja<\/em> war gerade erschienen, in dem sie ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen aus den Hamburger Studienjahren verarbeitet. Er erlebte mehrere Auflagen und wurde 20 Jahre sp\u00e4ter noch einmal aufgelegt, diesmal mit einem bewegenden Foto der \u201eechten\u201c Sonja auf dem Titelblatt. Es ist die Geschichte des Zusammenlebens zweier Frauen, von denen die eine im Rollstuhl und suizidgef\u00e4hrdet ist, und frau erlebt eine ganz andere Seite der Autorin: die schonungslose Offenlegung einer schwierigen Liebesbeziehung mit allen Einzelheiten bis hin zum Tod. Sie ver\u00f6ffentlichte ihn zun\u00e4chst unter dem Pseudonym \u201eJudith Offenbach Ich fragte sie damals nach Judith Offenbach, die ich gerne kennengelernt h\u00e4tte, und erfuhr, dass es sich um Luise selbst handelte.\u201c. Sp\u00e4ter entschied sie sich, ihr Pseudonym zu l\u00fcften und half damit vielen lesbischen Frauen, sich ebenfalls nicht mehr zu verstecken.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es ein aufregendes Ereignis, als Pusch 1983 den Band \u201eFeminismus \u2013 Inspektion der Herrenkultur\u201c herausgab. In diesem Buch kritisierten verschiedene Fachvertreterinnen die Defizite ihres jeweiligen Faches aus weiblicher Sicht. Dass der renommierte Suhrkamp Verlag den Band herausbrachte, werteten wir als Hinweis, dass der Feminismus bei den klassischen Verlagen angekommen war. In ihrer Aufsatzsammlung <em>Deutsch als M\u00e4nnersprache<\/em> ein Jahr sp\u00e4ter analysierte Luise Pusch die genderbezogenen Asymmetrien unseres Sprachsystems. Dieses Buch ist heute mit 140 000 verkauften\u00a0Exemplaren das bestverkaufte sprachwissenschaftliche Werk der\u00a0Nachkriegsgeschichte.<\/p>\n<p>Inzwischen wurden Empfehlungen oder Richtlinien von staatlichen Beh\u00f6rden, Berufsorganisationen, Gewerkschaftsverb\u00e4nden, Universit\u00e4ten und anderen Institutionen zu einem beide Geschlechter ad\u00e4quat umfassenden Sprachgebrauch erlassen. Dieses ist ein Erfolg der feministischen Sprachwissenschaft und damit in hohem Ma\u00dfe auch derjenigen Person, der diese Veranstaltung gewidmet ist.<\/p>\n<p>1987, als die Herausgabe des Kalenders <em>Ber\u00fchmte Frauen<\/em> begann, gab es noch kaum Stra\u00dfen oder Pl\u00e4tze, die nach einer Frau benannt worden waren. Statt dessen erinnerten die Namen von Geb\u00e4uden, M\u00e4nnerk\u00f6pfe auf Geldscheinen und M\u00e4nner-Denkm\u00e4ler fl\u00e4chendeckend an die Leistungen von M\u00e4nnern. Dazu wollte Luise Pusch ein Gegengewicht, ebenfalls in der Alltagskultur, schaffen. Anstelle eines Lexikons \u00fcber bedeutende Frauen w\u00e4hlte sie einen Kalender. Mit ihm sollen beim t\u00e4glichen Gebrauch fortw\u00e4hrend Gesichter und Taten von Frauen vor Augen gef\u00fchrt werden, damit sich das weibliche Selbstwertgef\u00fchl erholt. Es galt, das bisher verborgene Wissen \u00fcber Frauen pr\u00e4sent zu machen, und das j\u00e4hrliche Erscheinen zeugt bis heute von dem Erfolg eines unersch\u00fctterlichen Beharrungsverm\u00f6gens, das Luises Arbeitsweise kennzeichnet. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang ihre Herausgabe biographischer Aufsatzsammlungen, die eine feministische Sichtweise vertraten und sie zu einer Pionierin auf diesem Gebiet\u00a0 machten: <em>Schwestern ber\u00fchmter M\u00e4nner<\/em>, <em>T\u00f6chter ber\u00fchmter M\u00e4nner<\/em> und <em>\u00a0M\u00fctter ber\u00fchmter M\u00e4nner<\/em>.\u00a0 Damit lenkte sie den Blick auf solche Frauen, die meist unbeachtet und ohne Anerkennung im Hintergrund agierten, w\u00e4hrend ihre Br\u00fcder, Ehem\u00e4nner, Liebhaber oder S\u00f6hne f\u00fcr ihr Schaffen das Lob der Allgemeinheit einheimsten. Diese Perspektive einzunehmen war f\u00fcr eine feministisch orientierte Forschung ein wichtiger Schritt, denn es zeigt sich, dass trotz der in den achtziger Jahren postulierten Kritik an gro\u00dfen Traditionen jede Gesellschaft solche ben\u00f6tigt \u2013 und Frauen ben\u00f6tigen sie mehr denn je.<\/p>\n<p>Sie ahnen sicherlich schon, wohin die Reise ging, denn diese vielen Frauenbiographien hat Luise Pusch in ihre Datenbank eingef\u00fcttert, die sie 1982 begr\u00fcndete. W\u00e4hrend Literaturwissenschaftlerinnen nach marginalisierten Autorinnen und Kunsthistorikerinnen nach K\u00fcnstlerinnen suchten, lag ihr daran, f\u00e4cher\u00fcbergreifend bedeutende Frauen aller Sparten und Fachrichtungen der Vergessenheit zu entrei\u00dfen und in das gesellschaftliche Bewusstsein zu verankern. Luise sammelte zun\u00e4chst aus dem f\u00fcnfundzwanzigb\u00e4ndigen Meyer-Lexikon in drei\u00dfig Ringb\u00fcchern die Daten von 2000 bedeutenden Frauen, denen \u201eder Meyer\u201c an der Seite der 100.000 M\u00e4nner ein Pl\u00e4tzchen geg\u00f6nnt hatte. Diese \u00fcbertrug sie ein Jahr sp\u00e4ter auf ihren ersten Computer, wo sie als FemBio-Datenbank mit inzwischen \u00fcber 32.000 biographischen Eintr\u00e4gen nach 250 \u00a0verschiedenen Parametern (z.B. Geburtstag, Berufszugeh\u00f6rigkeit, Ortsname) abgefragt werden k\u00f6nnen. Suchen Journalistinnen nach spezifischen Informationen zu einzelnen Frauen und vor allem Frauengruppen, wollen LehrerInnen mehr \u00fcber bedeutende Frauen im Mittelalter aus ihrer Region erfahren oder Frauenbeauftragte einen Stadtrundgang organisieren, ist die Datenbank ein unverzichtbares Hilfsmittel. Luise Pusch ist mit dieser systematischen Betrachtungsweise, die sie aus der Linguistik mitbrachte,\u00a0 die Begr\u00fcnderin der systematischen Frauenbiographieforschung. Die besten Beispiele f\u00fcr ihre Kunst der analytischen Zusammenschau sind ihre Nachworte in ihren frauenbiographischen Sammelb\u00e4nden. Forschungsreisende, Schriftstellerinnen, Frauenrechtlerinnen, Physikerinnen, Variet\u00e9k\u00fcnstlerinnen \u2013 entscheidend ist, dass sich die Erinnerung an sie lohnt. Die Leben und\u00a0 Taten dieser Frauen bilden einen gro\u00dfartigen Kanon weiblicher Leistungen.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Sibylle Duda gab Luise Pusch 1992 den ersten der insgesamt dreib\u00e4ndigen Ausgabe der <em>WahnsinnsFrauen<\/em> heraus. Wahnsinn wird darin einleitend weniger als ein psychiatrisches oder individuelles Problem denn vielmehr als ein gesellschaftliches gedeutet, n\u00e4mlich als Protest gegen die Zumutungen der weiblichen Rolle. Trotz des guten Verkaufserfolges waren kritische Untert\u00f6ne von feministischer Seite zu h\u00f6ren<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, auf die einzugehen sich lohnt, weil sich darin Argumente einer j\u00fcngeren feministischen Generation niederschlagen. So wurde bem\u00e4ngelt, dass die Frau im bin\u00e4r organisierten westlichen Denken die Rolle des Irrationalen zugesprochen bekommt, so dass \u201eder Wahnsinn zu einer Essenz des Weiblichen\u201c wird. Hierbei wird jedoch die bewusste Polemik in Puschs These \u00fcbersehen, n\u00e4mlich dass \u201eder Wahnsinn der Frauen &#8230; verschwinden wird, wenn das patriarchale Wahnsystem verschwindet\u201c und ebenso ihren siebenzeiligen \u201eMinimalkatalog f\u00fcr einen Neuanfang\u201c. Die bittere Ironie entging der Kritikerin ebenso wie die Tatsache, dass Pusch \u00a0einen Text zu verfassen hatte, der eine Anzahl von Biographien thematisierte und inhaltlich b\u00fcndeln sollte. Pusch verweist in ihrer Replik<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> auf die Naivit\u00e4t eines Glaubens, demzufolge Wissenschaft sich chronologisch entwickele und immer genauer oder besser werde.<\/p>\n<p>Im Lauf der Jahre hatte sich die Frauenbewegung von der Kritik am Mann verabschiedet und begriffen, dass die Geschlechterungleichheit ein Herrschaftsverh\u00e4ltnis ist, das auf allen B\u00fchnen des sozialen, kulturellen und politischen Lebens bedient werden kann \u2013 in der Wirtschaft, im Internet, durch die Kultur, und eben durch die Sprache. Luise Pusch nimmt hier einen wichtigen Platz ein, denn sie schafft eine Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis. Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse k\u00f6nnen durch die Sprache hergestellt werden, und genauso kann die Zerst\u00f6rung dieser Verh\u00e4ltnisse durch einen kritischen oder ironischen Sprachgebrauch angepeilt werden.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist eine Stellungnahme von Gudrun-Axeli Knapp n\u00fctzlich,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> die anregende Gedanken zu der immer wieder aufgegriffenen Behauptung entwickelt, wonach man Frauen nicht mehr unter dem Begriff \u201eFrau\u201c subsumieren k\u00f6nne und es heute nur noch wichtig sei, \u201eVielfalt und Widerspr\u00fcchlichkeit zuzulassen\u201c. Knapp lehnt die postmoderne Annahme ab, wonach man nicht \u00fcber Gruppen sprechen k\u00f6nne, da das ihrer Ansicht zufolge darauf hinauslaufen w\u00fcrde, die sozialen Strukturzusammenh\u00e4nge von Frauenunterdr\u00fcckung aus dem Blick zu verlieren. Sie h\u00e4lt an einer doppelten Aufgabe der feministischen Theoriebildung fest und fordert, dass man \u201edie Unterdr\u00fcckung von Frauen in ihrer endlosen Variet\u00e4t und monotonen \u00c4hnlichkeit&#8220; analysieren solle. Also: zum einen die Frau als Einzelperson mit ihren eigenen Erfahrungen, und zum anderen die Frau innerhalb einer Gruppe innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftszusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<div id=\"attachment_3076\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3076\" class=\"wp-image-3076 size-full\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_088.jpg\" alt=\"20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_088\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_088.jpg 1000w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_088-300x225.jpg 300w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_088-768x576.jpg 768w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/20161127_LuBuPreis_Pusch_spbrunner_088-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-3076\" class=\"wp-caption-text\">Erste Reihe v.l.n.r.: J. Breckner, E. Rieger, L. Pusch, A. Schmidt, J. Partsch, D. Wagner, B. Akdeniz<\/p><\/div>\n<p>Eine solche janusk\u00f6pfige erkenntnistheoretische Position scheint mir f\u00fcr die k\u00fcnftige Geschlechterforschung und \u2013publizistik sinnvoll, und Luise Pusch nimmt darin ihren wichtigen Platz ein. W\u00fcrde man das bin\u00e4re Denken abschaffen, h\u00e4tte das die Ignorierung der noch immer bin\u00e4r gespaltenen gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnisse zur Folge. Man sollte angesichts der noch immer erschreckenden Benachteiligung von Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch Frauen als Gruppe nicht aus dem Blickfeld verlieren. Es kann sonst passieren, dass die \u201eneue\u201c Richtung von der nachfolgenden Generation ebenso der Einseitigkeit geziehen wird, wie es die \u201ealte\u201c Generation heute erlebt. Das hei\u00dft nicht, dass feministisches Gedankengut sich nicht selbst hinterfragen darf. Jede lebendige Wissenschaft muss sich weiter entwickeln, und es bleibt den jungen nachfolgenden Wissenschaftlerinnen unbenommen, sich von \u201etraditioneller feministischer Argumentation\u201c abzusetzen und die feministischen \u201eM\u00fctter\u201c abzustrafen. Das ist der Gang der Geschichte. Zugleich muss aber die Leistung Luise Puschs gesehen werden, die darin bestand und besteht, feministisches Gedankengut mit bei\u00dfender Ironie und schwarzem Humor sprachlich so treffend \u201ean die Frau\u201c zu bringen, dass Ver\u00e4nderungen auf breiter gesellschaftlicher Ebene stattfanden. Ist das ein unhinterfragter Zirkelschluss? Nein, es ist ein St\u00fcck historischer Wirklichkeit.<\/p>\n<p>In der Musikwissenschaft, die ich vertrete, sind neuerdings Versuche zu finden, Identit\u00e4tsentw\u00fcrfe und Konstruktionen des Geschlechterverh\u00e4ltnisses nicht nur ideengeschichtlich festzumachen, sondern auch die Materialit\u00e4ten und Auswirkungen auf K\u00f6rper und Gef\u00fchlsweisen zu erfassen. Hier wird klar, wie wichtig Luise Puschs Auseinandersetzung mit der Sprache ist. Man hat endlich gemerkt, dass die Geschlechterhierarchie nicht allein durch Quotenregelungen, Frauenbeauftragte oder Gesetzestexte angegangen werden kann, sondern dass sie unserer Kultur inh\u00e4rent ist und wir sie unbewusst best\u00e4rken, wenn wir die Herrschaftssprache, die Frauen ausblendet oder unterordnet, unkritisch reproduzieren..<\/p>\n<p>Es ist doch erstaunlich, wie der gute alte Feminismus durch die Grapschereien des designierten \u00a0US-Pr\u00e4sidenten Trump medial aufgewertet wurde und Tausende von Frauen begannen,\u00a0 sich Dem\u00fctigungen, die ihnen durch zynische Bemerkungen oder sprachliche Diffamierung von m\u00e4nnlicher Seite zugef\u00fcgt wurden, \u00f6ffentlich bekannt zu machen. Gleichzeitig m\u00fcssen wir mit der Tatsache umgehen, dass, um aus einem Blog von Luise Pusch zu zitieren, 42% von den wei\u00dfen Frauen f\u00fcr Trump stimmten, von den wei\u00dfen Frauen ohne Collegeausbildung waren es sogar 53%. Das zeigt uns wiederum, wie modern und wichtig der Ansatz von Luise Pusch ist, und wie viel noch zu leisten ist. Es geht hier nicht um einen Kampf Mann gegen Frau, da auch Frauen sexistische Grunds\u00e4tze vertreten k\u00f6nnen. Es geht darum, sich bewusst zu machen, wie viele Millionen Frauen auf unserem Erdball noch an ihrer gesellschaftlichen Zweitrangigkeit zu leiden haben. Mehr als 100.000 Frauen erleben Gewalt in Partnerschaften in Deutschland, so war Anfang der Woche in der Presse zu lesen, und das sind nur diejenigen, die sich bei der Polizei melden. Ich denke an Millionen genitalverst\u00fcmmelte M\u00e4dchen, an verheiratete Minderj\u00e4hrige und an Zwangsprostituierte. Jede einzelne erleidet einen psychischen Mord und kann kein normales Leben mehr f\u00fchren.\u00a0 Der Abbau des Sexismus ist genau wie der Abbau von Rassismus einzu\u00fcben, und da sind die Glossen unserer heutigen Preistr\u00e4gerin ein ideales Fundament, da sie auf leichtem Wege zu Verhaltens\u00e4nderungen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr und f\u00fcr ihre jahrzehntelange Hartn\u00e4ckigkeit geb\u00fchrt ihr Dank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Luise B\u00fcchner: Weibliche Betrachtungen \u00fcber den Ring des Nibelungen, in: Die Frau. Hinterlassene Aufs\u00e4tze, Abhandlungen und Berichte zur Frauenfrage. Halle 1878, 358-369. Nachgedruckt in: Frau und Musik, hg. von Eva Rieger, Frankfurt\/M. 1980, 218.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Stichwort Pusch, Luise F., in: <em>Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung<\/em>, hg. von Renate Kroll, Stuttgart\/Weimar 2002, S. 327.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Annette Schlichter: \u201eFrauen Wahnsinn WahnsinnsFrauen: \u00dcberlegungen zur Re\/Produktion einer Analogie\u201c, in: <em>Freiburger FrauenStudien<\/em> 1.(1). 1995, S. 7-22.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Luise Pusch: \u201eStreng, aber ungerecht. Antwort auf Annette Schlichter\u201c, in: <em>Freiburger FrauenStudien<\/em> 1.1. (1995), S. 23-24.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u201eMacht und Geschlecht. Neuere Entwicklungen in der feministischen Macht- und Herrschaftsdiskussion\u201c, in: Gudrun-Axeli Knapp, \/Angelika Wetterer (Hg.): <em>Traditionen Br\u00fcche. 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