{"id":2104,"date":"2014-08-21T11:37:03","date_gmt":"2014-08-21T09:37:03","guid":{"rendered":"http:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=2104"},"modified":"2014-09-09T16:14:29","modified_gmt":"2014-09-09T14:14:29","slug":"ein-maedchen-zum-kuessen-fuer-juengere-leute-als-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=2104","title":{"rendered":"\u201e &#8230; ein M\u00e4dchen zum K\u00fcssen \u2013 f\u00fcr j\u00fcngere Leute als mich.\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Am 31. August 1899 heiratete in Caen in der Normandie die 24-j\u00e4hrige Martha Bahlsen Alexander B\u00fcchner. B\u00fcchner war 72 Jahre alt und sich der Besonderheit des Altersunterschiedes durchaus bewusst. Die beiden f\u00fchrten, nach allem war wir wissen, eine gl\u00fcckliche Ehe und verlebten ein paar sch\u00f6ne Jahre zusammen. Sie reisten h\u00e4ufig, unter anderem f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit nach Nordafrika, und zogen schlie\u00dflich in Marthas Geburtsstadt, nach Hannover, wo Alexander am 3. Juli 1904 starb. Das Grab, in dem auch die viele Jahre sp\u00e4ter, am 26. 2. 1949, \u00a0in Goslar gestorbene Martha lag, gibt es leider nicht mehr. Alexanders j\u00fcngerem Freund Elissen, dem dieser mit der Nachricht von der Hochzeit im Spa\u00df angeboten hatte, er k\u00f6nne Martha ja nach seinem Tode heiraten, hat Martha deutlich zu verstehen gegeben, dass sie daran kein Interesse hatte. Sie hat nicht wieder geheiratet. Offenbar pflegten die Nachfahren in Darmstadt und Pfungstadt den Kontakt mit Martha, aus Pfungstadt ist \u00fcberliefert, dass sie nie ohne Kisten mit Pl\u00e4tzchen \u00a0anreiste.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/140622_Mathildenhoehe_FotoBahlsenKiosk_PBrunner_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2110 size-medium\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/140622_Mathildenhoehe_FotoBahlsenKiosk_PBrunner_01-300x225.jpg\" alt=\"140622_Mathildenhoehe_FotoBahlsenKiosk_PBrunner_01\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/140622_Mathildenhoehe_FotoBahlsenKiosk_PBrunner_01-300x225.jpg 300w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/140622_Mathildenhoehe_FotoBahlsenKiosk_PBrunner_01.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Schlecht abfotografiertes Foto (mit kleinem Selbstportrait&#8230;)<br \/>\n<\/em><em>des Bahlsen-Kiosks auf der <a href=\"http:\/\/www.mathildenhoehe.eu\/ausstellungen\/dem-licht-entgegen\/\" target=\"_blank\">Darmst\u00e4dter Jugendstilausstellung von 1914<\/a>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seinen hier schon \u00f6fter zitierten Memoiren hat Alexander B\u00fcchner mit dem Bericht \u00fcber seine zweite Ehe ein besonders sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr seine gro\u00dfe F\u00e4higkeit zur feuilletonistischen Formulierung abgeliefert.\u00a0Neben der Schilderung seiner Beziehung zu Martha findet sich hier \u00fcbrigens auch wieder einer der h\u00e4ufigen B\u00fcchnertexte, in dem Geschwister liebevoll beschrieben werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2105 size-medium\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Titel_ABuechner_TollesJahr_1900-205x300.jpg\" alt=\"Titel_ABuechner_TollesJahr_1900\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Titel_ABuechner_TollesJahr_1900-205x300.jpg 205w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Titel_ABuechner_TollesJahr_1900.jpg 516w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201e \u2026 ich bin zum H\u00e4doniker geworden, das hei\u00dft ich gewann die \u00dcberzeugung, das diesseitige Leben sei sich Selbstzweck und bestehe aus einer ungleichen Mischung von Annehmlichkeiten und deren Gegenteil. Diese Mischung h\u00e4ngt von den pers\u00f6nlichen Anlagen und Verh\u00e4ltnissen eines jeden ab, und zwar erh\u00e4lt mit zunehmendem Alter das Unangenehme das \u00dcbergewicht. Von dem Augenblicke an, wo Letzteres eintritt, ist der Mensch bankerott und tut am besten die Bude selbst zuzumachen. So war die Lebensanschauungen im klassischen Altertum. Brutus st\u00fcrzte sich in sein Schwert, um seinen Feinden nicht in die H\u00e4nde zu fallen. Unsere grimmen germanischen Vorfahren, sobald sie f\u00fchlten, dass sie zu nichts mehr n\u00fctze seien, schnitten sich als bouches inutiles t\u00f6dliche Runen in die Brust. In der christlichen Welt dagegen pflegt man diese Art von Bankerott mit dem h\u00e4sslichen Namen des Selbstmordes zu bezeichnen und als schwere S\u00fcnde zu verbieten. Dennoch f\u00e4ngt dieselbe mehr und mehr an wieder in die Mode zu kommen und nicht als etwas \u00e4sthetisch Widerw\u00e4rtiges angesehen zu werden. Unsere seitherige Bekanntschaft mit den Religionen des Orients und namentlich dem Buddhismus hat in gleicher Weise gewirkt, und so gelangte auch ich mit zunehmendem Alter zu der \u00dcberzeugung von dem schlie\u00dflichen Sieg des B\u00f6sen \u00fcber das Gute, des Ahriman \u00fcber Ormuzd, desTyphon \u00fcber Osiris, der Schw\u00e4che \u00fcber die Kraft, des H\u00e4sslichen \u00fcber das Sch\u00f6ne, des Doit \u00fcber das Avoir, welcher mit dem Alter hereinbricht. Wenn ich mich umsehe, gewahre ich nur die L\u00fccken, welche das Todesgeschick in die Reihen der Mitlebenden gerissen hat.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>So sind zun\u00e4chst meine Geschwister dahingegangenen, vor mir, dem jetzt 72-j\u00e4hrigen Nesth\u00e4kchen, erst der apolloartige Denker und Dichter <strong>Georg<\/strong>, dessen ich mich nur noch aus dem Dunkel meiner fr\u00fchesten Kindheit erinnere; dann die intuitive <strong>Luise<\/strong>, mit dem idealsch\u00f6nen Gesicht, aber ihrem durch einen Unfall verkr\u00fcmmten K\u00f6rper; ferner der fidele, freiz\u00fcgige <strong>Wilhelm<\/strong>, der Kr\u00f6sus der Familie als Erfinder des k\u00fcnstlichen Ultramarins, der eines Tages unserer Mutter ein St\u00fcck blauen gebrannten Ton auf ihren Arbeitstisch legte mit den Worten: \u201eHier habe ich eine Million!\u201c Endlich die edle aufopfernde <strong>Mathilde<\/strong>, mit dem Felsencharakter, welche, wenn die Mutter bettl\u00e4gerig war, an uns j\u00fcngeren und zumal an mir Mutterstelle vertrat, und schlie\u00dflich <strong>der \u201eKraft und Stoff,\u201c<\/strong>\u00a0(Ludwig &#8211; pb) fast mein Altersgenoss mit dem weichen Gem\u00fct und dem spekulativen Kopf, der ideologische Materialist, in welchem christliche Menschenliebe und spr\u00f6deste Hinnahme der nacktesten Tatsachen so wunderlich zusammenflossen.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Nun komme ich selbst an die Reihe, und die schimmernde Salzflut hebt mir ihre durchsichtigen Wellen entgegen, indem sie zu sagen scheint \u201ewas tust du noch da oben auf dem Sand? Wie deine Geschwister, so sind auch deine teuersten Freunde verschwunden, der edle Franz Wirth, der redegewandte Rudolf Fendt, der sp\u00f6ttische Wilhelm Franck, der tiefsinnige \u00c4sthetiker Leon Dumont, der fuchsrote August Becker vom j\u00fcngsten Tag, der ungl\u00fcckselige Karl Ohly, der wackere Dr. Wilhelm Zimmermann. Du hast lange genug gelebt, geliebt und genossen und f\u00e4ngst an, nur noch zu leiden. Deine erste Frau ist seit 20 Jahren tot, Dein Sohn mit 35 Jahren versorgt, Du selbst hast die Altersschmerzen von Kopf bis zu den F\u00fc\u00dfen bei dir im Hause; schlag\u00b4 den Schmerz ein Schnippchen und komm!\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Unter solchen Gedanken stand ich eines Morgens elf Uhr in der Sonne, Rue Bicoquet zu Caen vor meinem Hause und sah zu, wie der \u00fcbliche Kohlenvorrat abgeladen wurde; und wie ich mich herumdrehe, steht vor mir, vom Sonnengold umflossen, ein schlankes M\u00e4dchen, im einfachen hellen Kattunkleidchen, ein Strohh\u00fctchen auf den goldbraunen Wellen des Haares \u00fcber einer glatten Denkerstirn, Nixenaugen und einer geraden Nase \u00fcber einem etwas breiten schwellenden Mund und fragt mich, in etwas mangelhaftem Franz\u00f6sisch, ob ich der Professor so und so w\u00e4re. Es war keine idealsch\u00f6ne aber \u00fcber alle Begriffe anmutige und anziehende Erscheinung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eLeicht und frei wie aus dem Nichts gesprungen\u201c, kr\u00e4ftig und zierlich zugleich, mit einem Wort, ein M\u00e4dchen zum K\u00fcssen \u2013 f\u00fcr j\u00fcngere Leute als mich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eDer Professor, den Sie suchen, bin ich \u2013 leider,\u201c antwortete ich auf Deutsch; \u201ewomit kann ich Ihnen dienen?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eIch m\u00f6chte gern gut Franz\u00f6sisch lernen, und wie ich dies von einigen deutschen Damen h\u00f6hre, kann man das an ihrer Fakult\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eJe nachdem man sich danach anstellt,\u201c versetzte ich, \u201eund sie scheinen mir richtig dazu angelegt.\u201c Ein Wort gab das andere, und ich erkl\u00e4rte der Dame, dass ich schon mehreren anderen deutschen und englischen Studentinnen als onkelhafte Professor gedient und denselben zu vollgiltigen Diplomen verholfen habe.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ich gewann das herzige Kind schnell sehr lieb, und da ich keck genug war zu denken, dass sie diese Gef\u00fchle im stande sei zu teilen, so heirateten wir uns bald darauf, da ich gerade in Ruhestand versetzt worden war. Wir zogen ans Meer, und ich kann immer noch ins Wasser springen, welches jeden Tag, bald morgens, bald abends mit der Flut seine Aufwartung macht und, bald sanft lispelnd, bald mit Donnerstimme fragt: \u201eIst\u00b4s immer noch nicht gef\u00e4llig?\u201c Ich aber stehe mit Martha ruhig auf dem Balkon unserer Villa Bijou, drehe meine Zigarette und meinen Schnurrbart und versetzte: \u201eAbwarten! Nirwana!\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Alexander B\u00fcchner:\u00a0Das tolle Jahr.\u00a0von einem, der nicht mehr toll ist. Giessen. Emil Roth. 1900.\u00a0SS 373 \u2013 375<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/SPeterBrunner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2064 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/SPeterBrunner-150x150.jpg\" alt=\"SPeterBrunner\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>von Peter Brunner<\/p>\n<p><script>\/\/ < ![CDATA[\n\/\/ < ![CDATA[\n\/\/ < ![CDATA[   (function(i,s,o,g,r,a,m){i['GoogleAnalyticsObject']=r;i[r]=i[r]||function(){   (i[r].q=i[r].q||[]).push(arguments)},i[r].l=1*new Date();a=s.createElement(o),   m=s.getElementsByTagName(o)[0];a.async=1;a.src=g;m.parentNode.insertBefore(a,m)   })(window,document,'script','\/\/www.google-analytics.com\/analytics.js','ga');   ga('create', 'UA-50985103-1', 'geschwisterbuechner.de');   ga('send', 'pageview');\n\/\/ ]]><\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 31. 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