{"id":1710,"date":"2014-03-18T19:09:25","date_gmt":"2014-03-18T17:09:25","guid":{"rendered":"http:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=1710"},"modified":"2014-05-09T11:10:32","modified_gmt":"2014-05-09T09:10:32","slug":"wenn-nur-der-nagel-haelt-dass-die-fahne-nicht-herunterfaellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=1710","title":{"rendered":"\u201eWenn nur der Nagel h\u00e4lt, dass die Fahne nicht herunterf\u00e4llt!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Hier wie angek\u00fcndigt der zweite Teil von Luise B\u00fcchners Text \u00fcber die Revolution von 1848, entnommen ihrem Werk <strong>Luise B\u00fcchner: \u201eDeutsche Geschichte von 1815 \u2013 1870\u201d Leipzig, Thomas, 1875.\u00a0<\/strong>Seiten 360 &#8211; 383<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/2014\/03\/15\/der-geist-des-mittelalters-musste-sich-verfluechtigen-vor-dem-wehen-der-scharfen-luft-des-19-jahrhunderts\/\" target=\"_blank\">Teil 1 (SS: 337 &#8211; 360) findet sich hier<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/2014\/03\/15\/der-geist-des-mittelalters-musste-sich-verfluechtigen-vor-dem-wehen-der-scharfen-luft-des-19-jahrhunderts\/\" target=\"_blank\"><br \/>\n<\/a><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/2014\/03\/20\/es-war-als-ob-wirklich-mit-einem-zauberschlage-ein-goldenes-zeitalter-der-menschheit-angebrochen-waere\/\" target=\"_blank\">Teil III hier \u00a0<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deputationen aus anderen hessischen St\u00e4dten fanden sich gleichfalls in Darmstadt ein, aber man z\u00f6gerte dort,\u00a0irgendetwas zu bewilligen, stattdessen trat der Prinz Emil, ein Bruder des Gro\u00dfherzogs und entschiedener Freund \u00d6sterreichs, schnell eine h\u00f6chst verd\u00e4chtige Reise nach Wien an. In dieser Zwischenzeit war es, wo in Offenbach ein gefl\u00fcgeltes Wort, welches man nachher unz\u00e4hlige Male auf die M\u00e4rz Revolution angewendet hat, laut wurde. Bei Gelegenheit eines Festmahl alles lie\u00df man dort vor einiger Weise eine deutsche Fahne wehen, was die Polizei sehr \u00fcbel nahm, den Arbeiter, der die Fahne befestigt hatte, vorlud und durchaus von ihm wissen wollte, was er sich dabei gedacht habe, worauf jener die klassische Antwort gab, er habe gedacht: \u201ewenn nur der Nagel h\u00e4lt, dass die Fahne nicht herunterf\u00e4llt!\u201c \u2013 Der Nagel von 1848 hielt damals nicht, seitdem ist aber ein st\u00e4rkerer eingeschlagen worden. Als die Bewegung mit jeder Stunde wuchs \u2013 in Mainz hatte zieht&#8217;s am 4. M\u00e4rz in einer B\u00fcrgerversammlung erkl\u00e4rt: \u201eunser Wechsel l\u00e4uft schon 30 Jahre, dennoch wollen wir noch drei Tage gew\u00e4hren, dann aber ziehen wir nach Darmstadt\u201c, da berief man eiligst den damaligen Erb Gro\u00dfherzog von M\u00fcnchen zur\u00fcck, wo dieser bei seinem Schwiegervater weilte, und gerade den letzten Akt der Lola-Kom\u00f6die mit hatte abspielen sehen. Kaum wussten die Liberalen Kammermitglieder, und ihr damaliger F\u00fchrer ihnen voran, Heinrich von Gagern, der jetzt dort wieder seinen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(361)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Platz innehatte und in welchem das hessische Volk seinen Retter und Befreier erblickte, die Bewegung bis zur R\u00fcckkehr des F\u00fcrsten niederzuhalten. Gleich nach derselben wurde er zum Mitregenten seines alten Vaters ernannt, und erlie\u00df sodann das Edikt vom 6. M\u00e4rz, durch welches alles verhei\u00dfen und versprochen wart, was man forderte.Der Freiherr du Thil wurde entlassen und Gagern,<\/p>\n<p>der des h\u00f6chsten Ansehens genoss, dem man fast die Pferde aus spannte, als er am 6. M\u00e4rz von Heidelberg zur\u00fcckkehrend, durch die Stra\u00dfen fuhr, zum Minister ernannt. \u2013<\/p>\n<p>Weniger rasch verliefen die Dinge in Kurhessen; dort war der halsstarrige Sinn des F\u00fcrsten wie immer zum \u00e4u\u00dfersten Widerstand entschlossen und f\u00fcr den Fall, dass sein eigenes Milit\u00e4r sich unzuverl\u00e4ssig zeigen sollte \u2013 eine Bef\u00fcrchtung, zu der er allen Grund hatte \u2013 rechnete er auf preu\u00dfische Hilfe. Auch dort ging die erste Bewegung nicht von der Residen sondern von Hanau, der zweiten Stadt des Kurf\u00fcrstentums aus; auf h\u00f6heren Befehl von Kassel sollte dort schleunigst die B\u00fcrgerwehr, welche sich, wie dies aller Orten geschah, rasch gebildet hatte, entwaffnet werden, aber diese widersetzte sich diesem Vorhaben und eine Deputation begab sich nach Kassel um Ihre W\u00fcnsche vorzubringen. Doch gelang es derselben nicht, den Widerstand des F\u00fcrsten zu brechen. Als nun Tag um Tag verging und die Hanauer Deputation immer nicht zur\u00fcckkehrte, bereitete man in Hanau wie in der ganzen Umgegend einen gro\u00dfartigen bewaffneten Zug nach der Residenz vor; an der Spitze desselben standen die Hanauer Turner. Diese Turner, denn auch die Neubildung von lange verp\u00f6nt gewesenen Turngemeinden begleitete die deutsche Erhebung, organisierten den Widerstand ganz milit\u00e4risch. Sensen und Piken wurden geschmiedet, dreifarbige Fahnen und Schleifen durch die Frauen ausgeteilt, und an dem Jubel, die sich nun in dem Gro\u00dfherzogtum Hessen erhob, entz\u00fcndete sich der Widerwille gegen das Regiment des Kur-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(362)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>f\u00fcrsten noch heftiger.Schon sprach man laut davon, denselben zu verjagen, die beiden Hessen wieder unter einem F\u00fcrsten zu vereinigen, und schamrot blickten die begeisterten Kurhessen auf das gro\u00dfartige Fest, welches gerade in diesen Tagen die Mainzer vorbereiteten, um den Sieg der Freiheit zu feiern. Die ganze Stadt wurde gl\u00e4nzend beleuchtet, ein Fackelzug von tausenden bewegte sich durch die Stra\u00dfen mit dem B\u00fcrgermeister und Gemeinderat an der Spitze, vom Balkon des Theaters herab hielt Zitz eine begeisterte Ansprache an die Versammelten, in die er f\u00fcr die errungenen G\u00fcter dankte, und dann alle zum feierlichen Schwur aufforderte, mit Glut und Blut an ihnen festzuhalten. 1000 stimmig, mit erhobenen Armen, wurde dieser Schwur ihm nachgerufen zum Sternenhimmel empor, w\u00e4hrend die bengalischen Flammen, welche den alten, ehrw\u00fcrdigen Dom beleuchteten, die enthusiastischen Gruppen mit rot gl\u00fchendem Lichte umh\u00fcllten. \u2013 Von gleichem Enthusiasmus getragen, riefen jetzt auch die Hanauer, und alle die sich ihnen angeschlossen hatten: \u201eSieg oder Tod!\u201c Schon war die Hanauer Deputation nach langen, vergeblichen Bem\u00fchungen im Begriff Kassel wieder zu verlassen; dies sollte das Signal zum Angriff auf die Residenz, die sich selbst schon in wildester G\u00e4rung befand, geben; schon heulten die Sturmglocken, schon machte sich jedermann bereit, da \u2013 in der letzten Minute, kam Befehl von Wilhelmsh\u00f6he, die Hanauer zur\u00fcckzuhalten, man wolle mit Ihnen unterhandeln. So f\u00fcgte sich denn auch der Kurf\u00fcrst endlich in das unab\u00e4nderliche. Sein verachteter Minister Scheffer entfloh, vom Land Volke bis \u00fcber die Grenze verfolgt, nachdem er sich tagelang versteckt gehalten, alle dessen Kreaturen wurden entlassen, und der M\u00e4rtyrer Jordan, der so schwer gelitten, im Triumphe wieder in die Kammer geholt und ihm seine Professur zur\u00fcckgegeben. hier wie \u00fcberall traten dann in der an die Stelle des Widerstandes Illu-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(363)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>minationen, Fackelz\u00fcge, Feuerwerke, und die lautesten Ausbr\u00fcche der Freude. \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig mit Kurhessen hatte auch Nassau seine Revolution, seine Ministerwechsel, wie die Bewilligung seiner Forderungen und unaufhaltsam in die Bewegung auf Norddeutschland \u00fcber. In der Regel machte eine bedeutende Nachbarstadt der Residenz den Anfang, wie wir es schon einige Male gesehen, bis dann die Letzteren mit ergriffen worden. In Sachsen gegen Leipzig mit Biedermann, Robert Blum und Arnold Ruge an der Spitze voran. Auch dort versuchte man zuerst von Dresden aus Widerstand, dann folgte Ministerwechsel und Nachgeben. In Hannover, wo ein nicht minder halsstarriger F\u00fcrst als in Kurhessen regierte, wehrte man sich gleichfalls ein Weilchen, da zogen am 17. M\u00e4rz die G\u00f6ttinger Studenten gegen Hannover aus, am 18. wurde B\u00fcrgermeister St\u00fcve von Osnabr\u00fcck zu Minister ernannt, und am 19. war wie \u00fcberall alles voll Jubel und Freude, das siegende Volk ahnte freilich nicht, mit welch arger T\u00fccke man gerade in Hannover sich notgedrungen, nur f\u00fcr den Augenblick liberal und national gesinnt geb\u00e4rdete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das in den kleineren Staaten die Revolutionen nun auch einander Schlag um Schlag folgten, dass sie wie reife Birnen vom Baum fielen, konnte nicht fehlen; man stand des Morgens mit einer Revolution auf und legte sich mit einer andern nieder, und nur Toren, so meinte man, konnten noch zweifeln, dass nun Deutschland vollst\u00e4ndig und f\u00fcr immer den Absolutismus und den Partikularismus besiegt habe. Am entschiedensten mussten nat\u00fcrlich die Umw\u00e4lzungen in den drei gr\u00f6\u00dften deutschen Staaten werden, in Bayern, Preu\u00dfen und \u00d6sterreich. \u2013 Trotz der sch\u00f6nen Erfolge war alles verloren, wenn es dort ruhig blieb; aber<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(364)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von dem ersten Staate hatte man dies nicht zu f\u00fcrchten, denn schon im Februar waren ja dort, infolge des Lola-Regimente, neue Unruhen ausgebrochen. \u2013 Seit einem Jahre nun beherrschte die sch\u00f6ne Gr\u00e4fin Landsfeld den K\u00f6nig und mit ihm das ganze Land ihr Haus war der Sammelplatz junger M\u00e4nner, meist Studenten, welche eine neue Verbindung, die Alemannia, gegr\u00fcndet hatten, und sich f\u00fcr volks- und freisinnig, wie auch jesuitenfeindlich aus Sie durchschw\u00e4rmten und durchtranken die N\u00e4chte mit der sch\u00f6nen und originellen Dame, die sich nebenbei ganz ernstlich in die Regierungsgesch\u00e4fte einmischte, Bittschriften, Anstellungsgesuche und dergleichen entgegennahm, und nach Lust und Laune Gnaden und \u00c4mter austeilt Daraufhin erkl\u00e4rten die \u00fcbrigen Studenten die Alemannia, Lolas Garde,. in Verruf, wof\u00fcr sich die Regierung durch Bedr\u00fcckung der \u00fcbrigen Chors r\u00e4chte und es ihnen verbot am Grabe des alten G\u00f6rres, der den Tag von Deutschlands Wiedergeburt nicht mehr erleben sollte, sondern am 29. Januar 1848 gestorben war, zu singen. \u2013 Dar\u00fcber entr\u00fcstet kam es nun auf offener Stra\u00dfe zu Reibereien und T\u00e4tlichkeiten zwischen den verschiedenen Studierenden, die endlich einen Volksauflauf nach sich zogen. Die Gr\u00e4fin mischte sich in den Tumult und verlie\u00df, mit einer Pistole bewaffnet, ihren Wagen, der sie in die Mitte der Streitenden gebracht hatte, aber kaum wurde sie von der Menge erkannt, als sie sich schon umringt und verfolgt sah; die Pistole, mit der sie dagegen drohte, konnte ihr nicht viel n\u00fctzen und mit knapper Not fl\u00fcchtete sie sich in eine nahe Kirche. Nur durch eine starke Gendarmeriemacht konnte sie von da nach der Residenz, dem K\u00f6nigsschlosse, gebracht werden w\u00e4hrend ihr Haus, welches man niederzurei\u00dfen Anstalten machte, umstellt wurde. Erz\u00fcrnt \u00fcber diese Dinge und von seiner sch\u00f6nen Freundin aufgeheizt, ergriff der K\u00f6nig die verh\u00e4ngnisvolle Ma\u00dfregel, die Univer-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(365)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>sit\u00e4t \u2013 man befand sich erst im Februar \u2013 bis zum Oktober zu schlie\u00dfen. Alles geriet au\u00dfer sich dar\u00fcber, die B\u00fcrgerschaft sah sich ihres Broterwerbs beraubt, die Studenten waren in h\u00f6chster Aufregung, aber jede verst\u00e4ndige Bem\u00fchung den Sinn des K\u00f6nigs zu brechen, blieb vergeblich und als nun die Studenten sich in einem gro\u00dfen Zuge vor das Haus des F\u00fcrsten Wallerstein begraben, um, er war Vorstand des Unterrichtswesens und hatte sich in den letzten Tagen g\u00fctig und liberal gegen die jungen Leute gezeigt, Abschied von ihm zu nehmen \u2013 wurden sie ohne weiteres durch die Gendarmen auseinander gesprengt. Nun beschloss der Stadtrat noch einmal den K\u00f6nig pers\u00f6nlich Vorstellungen zu machen; sie verlangten die Wiederherstellung der Universit\u00e4t und \u2013 dies bildete freilich den Schwerpunkt ihres Verlangens \u2013 die Ausweisung der Gr\u00e4fin Landsfeld. Hinter ihnen standen der Adel und das Milit\u00e4r, welche Letzteren Lola Montez gleichfalls bitter hassten. Der K\u00f6nig war in Verzweiflung; er wollte es lieber aufs \u00e4u\u00dferste ankommen lassen, als sich von seiner Freundin trennen, aber bald musste er sich \u00fcberzeugen, dass im Falle eines Kampfes sich auf die Truppen nicht verlassen konnte. Als ihnen Lola, w\u00e4hrend sie in den Stra\u00dfen aufgestellt wurden, Erfrischungen heruntersandte, schlugen sie dieselben aus, und nahmen nur das an, was ihnen von den B\u00fcrgern gebracht wurde. Schon fing man an Barrikaden zu bauen, Sturm zu l\u00e4uten; und die Kunde kam, dass in Augsburg sich die B\u00fcrger breitmachten, nach M\u00fcnchen zu ziehen, um den dortigen B\u00fcrgern zu helfen \u2013 da endlich gab K\u00f6nig Ludwig nach. Aber Lola war so leicht nicht zu \u00fcberwinden; sie machte, ehe sie ihre Sache aufgab, erst noch einen Versuch in das Schloss zu dringen, doch die Tore desselben waren fest geschlossen, und unter dem Wutgeheul der Menge, verfolgt von Steinw\u00fcrfen und Schimpfreden entkam sie mit knapper Not, nur durch die Geschick-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(366)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>lichkeit ihres Kutscher noch gl\u00fccklich aus der Stadt. Der K\u00f6nig suchte zu scherzen, er sagte: \u201eh\u00e4tte sie nicht Lola Montez, sogar Loyola Montez gehei\u00dfen, sie w\u00e4re noch ruhig in M\u00fcnchen\u201c, aber im Herzen war er tief betr\u00fcbt und verletzt. In solcher Stimmung trafen ihn dann die M\u00e4rz Tage, die von dem ohnehin noch tief erregten Volke umso st\u00fcrmischer in Szene gesetzt wurde. Dem verhassten Minister Berks, einer Kreatur der Lola, wurden alle Fenster eingeschlagen, und als der K\u00f6nig den uns schon bekannten Forderungen Widerstand, und F\u00fcrst Wrede \u2013 jetzt bedurfte man ja des Volkes nicht mehr gegen die Lola \u2013 sich ernstlich anschickte, bewaffneten Widerstand zu leisten, wurde das Zeughaus gest\u00fcrmt, die M\u00fcnchner bewaffneten sich und zum zweiten Male sah sich Bayerns K\u00f6nig gen\u00f6tigt, sich der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t zu beugen, wenn er es nicht bis zum \u00c4u\u00dfersten wollte kommen lassen. Er f\u00fcgte sich, aber w\u00e4hrend ihn jetzt anstatt der Drohungen lauter Jubel umbrauste, das Milit\u00e4r den Eid auf die Verfassung leistete, und sein ganzes Land in Wonne schwamm, zehrte ihm der Gram am Herzen. Am 20. M\u00e4rz drang pl\u00f6tzlich die Nachricht in das Publikum, K\u00f6nig Ludwig I habe zu Gunsten seines Sohnes Max II, abgedankt. Niemand wollte daran glauben und doch war es wirklich so. Der K\u00f6nig lie\u00df \u00f6ffentlich erkl\u00e4ren, er habe seit 23 Jahren nach Grunds\u00e4tzen regiert, die er f\u00fcr die richtigen gehalten; nun sei er gezwungen geworden, Versprechungen zu machen, die er nicht zu halten im Stande sein werde, er sehe sich darum gen\u00f6tigt, seine Krone niederzulegen. Dies war ehrlich gesprochen und jedenfalls, m\u00f6gen auch die Beweggr\u00fcnde gewesen sein, welche Sie wollen, hat Ludwig von allen deutschen F\u00fcrsten am meisten seine Ehre gewahrt, indem er sich nicht in den Fall brachte, das wieder verleugnen zu m\u00fcssen, was er in der Stunde der Gefahr zugesagt und beschworen hatte. Er konnte nun wieder frei<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(367)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>der Kunst wie der Poesie leben, und die Bayern betrauerten in aufrichtig, trotz der gro\u00dfen M\u00e4ngel und Schw\u00e4chen seiner Regierung. Lange erhielt sich im Volkje die Vorstellung, man habe ihm von Seiten der Pfaffen zur Entsagung gezwungen, weil er ihnen nicht mehr gehorcht habe, aber von den M\u00fcnchner Ereignissen hinweg, richtete sich jetzt das Hauptinteresse Deutschlands auf die beiden wichtigsten Revolutionen, auf die von Wien und Berlin. \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(368)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>15. Vorlesung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welcher Art die Schwierigkeiten waren, die dem \u00f6sterreichischen Kaiserstaate schon vor dem Jahre 1848, durch die Aufregung in Ungarn, Galizien und der Lombardei bereitet wurden, habe ich bereits angedeutet; der Ausbruch der Pariser Februarrevolution traf mit schwerer Wucht das bereits zusammenbrechende Ministerium und bedrohte die Monarchie mit noch anderweitigen Verwicklungen in Deutschland. Man hatte \u00fcberhaupt seit dem preu\u00dfischen Thronwechsel um 1840 mit stets wachsendem Unbehagen dahin geblickt und sich bem\u00fcht, die schwachen Bem\u00fchungen Preu\u00dfens um eine Bundesreform stets m\u00f6glichst zu verschleppen, aber unverkennbar blieb es darum doch, dass die deutsch-\u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung mehr und mehr nach dem erwachenden Geiste im Reiche hinzuhorchen, und dort einen Halt, eine Anlehnung zu suchen begann. Mit gl\u00fccklichem Erfolge hatte man gegen solche Regungen, seinerzeit, den bekannten Trinkspruch des Erzherzog Johann improvisiert, den derselbe niemals so gedacht, noch gesprochen, dessen Verbreitung jedoch einen enthusiastischen Widerhall in ganz Deutschland fand und der lautete: \u201ekein \u00d6sterreich und kein Preu\u00dfen, sondern ein einiges freies Deutschland, fest wie seine Berge!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jahrelang schlug \u00d6sterreich Kapital aus diesem Worte, dass ihm, im Gegensatz zu Preu\u00dfen, die Popularit\u00e4t des<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(369)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00fcbrigen Deutschland eintrug, was sich namentlich f\u00fchlbar machte, als der Augenblick kam, der diese Popularit\u00e4t auf die Probe stellen sollte. \u2013 Noch fr\u00fcher jedoch, als das Verh\u00e4ltnis \u00d6sterreichs zu einem verj\u00fcngten Deutschland infrage kommen konnte, ereilte dessen langj\u00e4hrige Regierung dasselbe Verh\u00e4ngnis, dass jene Staaten betroffen, die im Vertrauen auf Metternichs Staatskunst, sich seiner F\u00fchrung so blindlings \u00fcberlassen hatten. Den ersten Ansto\u00df zur Unruhe gaben die gro\u00dfen finanziellen Schwierigkeiten, in denen die \u00f6sterreichische Regierung sich fortw\u00e4hrend befand und die sich zu Anfang des Jahres 1848 besonders kritisch gestaltet hatten. War doch dem Staatsb\u00fcrger seit Jahren jeder Einblick in das Budget versagt gewesen; eine Rechenschaftsablage gab es nicht, dagegen wurde immer nur Geld, immer nur neue Steuern verlangt, bis der Staats-Kredit sich aufs tiefste ersch\u00fcttert zeigte, und die be\u00e4ngstigende Bev\u00f6lkerung nun immer lauter die Einberufung der alten St\u00e4nde, wie dies 1810 wo man sich in einer \u00e4hnlichen Krise befand auch geschehen war, forderten. Man hoffte in ihnen doch wenigstens eine Garantie der Regierung gegen\u00fcber zu haben, da sie entschlusslos hin und her schwankte und jetzt, als sie Revolution in Frankreich ausbrach, nichts besseres zu tun wusste, als das Schreckgespenst des Kommunismus heraufzubeschw\u00f6ren. Aber vergebens \u2013 die Angst, dass der Staatsbankrott, den man schon so lange gef\u00fcrchtet, nun wirklich ausbrechen werde, \u00fcberw\u00e4ltigte alle Gem\u00fcter; man dr\u00e4ngte sich an die Staatskassen, um seine Papiernoten in klingende M\u00fcnze umzusetzen, in Ungarn aber, wo die politische Reife die gr\u00f6\u00dfte, die Behandlung \u00f6ffentlicher Angelegenheiten die leichtere war, da man ja dort seine St\u00e4ndetafeln von alters her besa\u00df, kn\u00fcpfte sich unmittelbar an die eben geschilderte Aufregung die offene Revolution an. Am 3. M\u00e4rz, nachdem im Pressburger Reichstage die Not des Landes, der Druck der auf Handel und Wandel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(370)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>lastete, war lebhaft geschildert worden, beschloss man, von der Regierung in Wien Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Finanzlage Ungarns zu verlangen. W\u00e4hrend dieser Debatten erhob sich Ludwig Kossuth, der Agitator Ungarns, und hielt jene ber\u00fchmte Re welche man sp\u00e4ter als die Taufrede der ungarischen und Wiener Revolution bezeichnet hat, er verlangte vollst\u00e4ndige Beseitigung der absolutistischen Regierungsweise, er schilderte die Hohleit und den leeren Mechanismus ihres Wesens mit drastischen Worten, \u201eaus den beiden Kammern des Wiener Systems\u201c, so rief er aus, \u201eweht eine verpestete Luft uns an, die unsere Nerven l\u00e4hmt, unseren Geistesflug bannt\u201c der Schluss seiner Rede lautete: \u201ewir bitten daher den kaiserlichen Thron mit konstitutionellen Einrichtungen umgeben, allen L\u00e4ndern \u00d6sterreichs eine Verfassung verleihen zu wollen!\u201c Unter allgemeinem Jubel den seine folgenden Angriffe auf Anf\u00fchrungszeichen den alten Mann Metternich Anf\u00fchrungszeichen, zum st\u00fcrmischen Beifall gestalteten, trat die St\u00e4ndetafel Kossuths Antrag bei, und die Tafel der Magnaten wurde zu dem selben Entschluss mit fortgerissen. Wie man nun jetzt dort in Pressburg ein neues Ungarn verlangte, so erhob sich auch Prag, und forderte ein neues B\u00f6hmen; wenige Tage sp\u00e4ter rief man in Wien einem neuen \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Nachrichten, die nun Schlag auf Schlag aus Deutschland eintrafen, wirkten so \u00fcberw\u00e4ltigend in der Kaiserstadt, dass Zensur und Polizei sich wie gel\u00e4hmt f\u00fchlten; die Bev\u00f6lkerung fing an sich zu Adressen und Petitionen zusammen zu tun; allen anderen voran gingen die Buchh\u00e4ndler, welche R\u00fccknahme der neuen Zensurvorlage verlangten. Die Spitze der Regierung, die \u201eStaatskonferenz\u201c, welche schon seit l\u00e4ngerer Zeit die Stelle des unzurechnungsf\u00e4higen Monarchen vertrat, war v\u00f6llig ratlos und sah zitternd und bebend die Bewegung wachsen und steigen. Der wieder Gewerbeverein traten gleichfalls hervor und forderte in eine Adresse ein<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(371)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>festes Anschlie\u00dfen der Regierung an die gerade versammelten St\u00e4nde, denn es hatte sich zuf\u00e4llig so gef\u00fcgt, dass die Regierung nun doch die nieder\u00f6sterreichischen St\u00e4nde auf den 13. M\u00e4rz einberufen hatte. Die F\u00fchrer der Liberalen Partei entwarfen ihre Forderungen, und gleichzeitig sprach der juridisch-politische Leseverein, unter Anf\u00fchrung des Advokaten und sp\u00e4teren Ministers Alexander Bach, in einer Petition unverhohlen seine Ansicht \u00fcber die Notwendigkeit einer \u00f6sterreichischen Gesamtverfassung aus. Dieser Kundgebung folgte dann eine Adresse der Wiener Studentenschaft, die am tapfersten zu Werke ging und frische Wege Press-, Rede-, Lern-, Lehr-Freiheit verlangte, au\u00dfer der Volksvertretung und einer Bundesreform.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angesichts dieser sich mit gr\u00f6\u00dfter Schnelligkeit folgenden Schritte erschrak die Regierung doch ernstlich; die Professoren wurden aufgeboten, um die \u00dcberreichung der Studentenadresse zu verhindern, sie erreichten aber gar nichts, als das Zugest\u00e4ndnis der jungen Leute, Ihre Adresse nicht pers\u00f6nlich in die Hofburg bringen zu wollen, sondern dies Gesch\u00e4ft zwei einflussreichen Lehren, den Professoren Hye und Endlicher zu \u00fcberlassen. Diese beiden wurden dann auch von den Kaiser empfangen, und mit freundlichen aber leeren Worten abgespeist; als am Morgen des 13. M\u00e4rz die im dichten Scharen harrende studentische Jugend dies als Antwort erhielt, steigerte es nur die Aufregung, anstatt sie zu d\u00e4mpfen. bald gruppierte sich, ohne besonderes Zutun die ganze Aktion um die Aula und um die Studentenschaft; auf und nieder wogte es in den Stra\u00dfen, die St\u00e4nde traten zusammen, und rufe wurden laut, welche Metternich und Seldnitzky, den verhassten Polizeiminister, als Diebe und Verr\u00e4ter bezeichneten, und deren Verjagen verlangten. Man verlas unter lautem Enthusiasmus Kossuths Rede, die er in Pressburg gehalten, und eine Deputation von sechs Studenten und<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(372)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>sechs B\u00fcrgern verlangte, in die St\u00e4ndeversammlung eingef\u00fchrt zu werden, um dort die W\u00fcnsche des Volkes vorzutragen. Als diese Deputation sobald nicht wieder erschien, f\u00fcrchtete man drau\u00dfen Verrat, das Volk drang in der St\u00e4ndehaus ein, und so sahen sich die versammelten gen\u00f6tigt, sich der Bewegung anzuschlie\u00dfen, und den Versuch zu machen, bis zu dem Monarchen vorzudringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Augenblicke mochte man in Wien, wenn man alles genau gewusst, mit Wallenstein sprechen: \u201ein seiner Hofburg zitterte der Kaiser!\u201c Metternich wollte Gewalt anwenden, die anderen stimmten ihm jedoch nicht bei, doch lie\u00df man unklugerweise Soldaten ausr\u00fccken und schickte sie nach dem St\u00e4ndehause. Sie wurden vom Volke verh\u00f6hnt, hin und her geschoben und geneckt, bis sich der Tumulte so weit steigerte, dass ein Volkshaufe das St\u00e4ndehaus zu zerst\u00f6ren begann. Daraufhin gaben die Soldaten eine Salve,die mehrere der Tumultuanten zu Boden streck Nun legte sich, um weiteres Unheil zu verh\u00fcten, das B\u00fcrgertum ins Mittel; man uniformierte sich als Nationalgarde, und die angesehensten M\u00e4nnern st\u00fcrmten die \u201eStaatskonferenz\u201c zur Nachgiebigkeit. Als Metternich sich unbeugsam zeigte, fort und fort von einem \u201everf\u00fchrten P\u00f6bel\u201c sprach, wurden ihm die Worte entgegen geworfen: \u201edas ist kein Krawall, das ist eine Revolution!\u201c W\u00e4hrend man verhandelte, erschien auch noch der greise Jenull, der Rektor der Universit\u00e4t, in dem Schlosse und verlangte die Bewaffnung der Studenten, weil dieselben gedroht, sie w\u00fcrden sonst das Zeughaus st\u00fcrmen. Da, in der h\u00f6chsten Best\u00fcrzung, erinnerte man sich dass der Rektor das Recht hatte jederzeit unangemeldet vor dem Kaiser zu erscheinen. Er schickte sich an, davon Gebrauch zu machen, aber an Ferdinands Stelle empfingen ihn seine Br\u00fcder, die Erzherz\u00f6ge, und als der alte Mann nun aus der Unterredung mit Ihnen heraus h\u00f6rte, wie wenig Sie noch die<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(373)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ganze Sachlage begriffen, da warf er sich in seiner Angst auf die Knie nieder und schilderte flehend die schrecklichen Folgen, welche entstehen m\u00fcssten, wenn man sich nicht rasch zu Zugest\u00e4ndnissen entschlie\u00dfen w\u00fcrde. Das Resultat seiner Darstellung war, dass man nun doch zu dem Entschluss kam, die Zensur aufzuheben; \u00fcber solch geringe Zugest\u00e4ndnisse war man aber drau\u00dfen nun schon l\u00e4ngst hinaus. Als jetzt die Deputationen zu nochmaliger Beratung vor der \u201eStaatskonferenz\u201c empfangen wurden, erhoben sich bereits Stimmen, die ohne Scheu vor dem allm\u00e4chtigen Minister, Metternichs Entfernung verlangten, und er besa\u00df W\u00fcrde genug, dieselbe in diesem kritischen Augenblicke freiwillig anzubieten. Niemand widersprach, ein tiefes Schweigen ringsum verurteilte ihn zur Abdankung, bis ein alter B\u00fcrgeroffizier das Wort ergriff und ehrlich heraus sagte: \u201eDurchlaucht, wir haben nichts gegen Ihre Person, aber alles gegen ihr System; und darum m\u00fcssen wir wiederholen, nur durch ihre Abdankung retten Sie Thron und Monarchie!\u201c \u2013 So st\u00fcrzte der Mann mit einem schlage, der Europa so lange in Ketten und Banden gehalten hatte; nur ging leider so schnell nicht mit ihm auch das alte System zu Grabe, dazu war es zu tief eingewurzelt, und die Welt konnte nicht pl\u00f6tzlich \u00fcber Nacht eine andere werden. Nur der vornehmste Tr\u00e4ger des Systems war mit Metternich gest\u00fcrzt, und dennoch, als diese Kunde die Welt durchflog, da glaubte jeder sich wie von einem Alb befreit, der in t\u00f6dlicher Erstarrung auf ihm geleistet, und nicht minder gro\u00df war die Freude, dass sich noch eine Vergeltung innerhalb der gegenw\u00e4rtigen Geschichte vollzog, dass der Mann, der soviel Gro\u00dfes und Gutes zu Grunde gerichtet, aufbewahrt geblieben, um den totalen Sturz dessen mit anzusehen, was er so fest begr\u00fcndet w\u00e4hnte. \u2013<\/p>\n<p>Nun folgte rasch, w\u00e4hrend alles vom Gl\u00fcck strahlte, die Bewaffnung der Studenten und des Volkes, die Bildung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(374)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>einer Nationalgarde, und ganz zuletzt konnte sich die Regierung dann auch der Gew\u00e4hrung einer Konstitution nicht l\u00e4nger entziehen, wie m\u00fchsam sie sich auch dazu entschloss. Die Wiener Studenten waren die Helden des Tages, man erdr\u00fcckte sie fast mit Enthusiasmus und Anerkennung, und das \u00f6sterreichische Volk, dem so pl\u00f6tzlich die goldene Frucht der Freiheit zugefallen, erwartete sich nun eine herrliche Zeit, aber es sollte im Gegenteil sich schon nach wenigen Wochen in ein Gewirre, in eine Anarchie gest\u00fcrzt sehen, wie sie bei den sich widerstrebenden und widersprechenden Elementen dieses Staates ganz unausbleiblich war. Das alte \u00d6sterreich war durch die Wiener Revolution vollst\u00e4ndig und mit Recht von Grund aus zerst\u00f6rt, aber schwere Zeiten folgten dem Umsturz, bis sich das neue entwickelte und gestaltete. Bei uns im Reiche jubelte und jauchzte man nat\u00fcrlich den Wiener Ereignissen enthusiastisch zu, und tr\u00e4umte ganz ebenso leichtgl\u00e4ubig wie dort, von einem neuen deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg, der das schwarz-rot-goldene Banner wieder zu Ehren br\u00e4chte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unm\u00f6glich w\u00e4re diese Erf\u00fcllung dieser Vorstellungen auch nicht gewesen, wenn \u00d6sterreich, dass damals alle Sympathien f\u00fcr sich hatte, in jenen Tagen einen gro\u00dfen Staatsmann besessen, der mit weit schauenden Blicke die einzelnen Teile des Kaiserstaates sich h\u00e4tte zerbr\u00f6ckeln und losringen lassen, die kaum noch durch die \u00e4u\u00dferste Gewalt konnten zusammengehalten werden, und die mehr und mehr in fieberhaft revolution\u00e4rer Stimmung an ihrer gegenseitigen Trennung arbeiteten. Zuerst war es Ungarn, das jetzt st\u00fcrmisch seine Selbstst\u00e4ndigkeit verlangte und h\u00f6chstens noch eine Personalunion mit \u00d6sterreich dulden wollte; die Lombardei und Galizien verlangten eine vollst\u00e4ndige Losrei\u00dfung. \u00d6sterreich konnte jetzt ein rein deutscher Staat werden, und an die Spitze<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(375)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deutschlands treten \u2013 aber keiner hatte die Einsicht dies zu wollen, obwohl selbst die z\u00e4hesten Staatsm\u00e4nner daran verzweifelten, die widerwilligen Provinzen wieder in einen engen Zusammenhang mit dem Erzherzogtum zu bringen, die pragmatische Sanktion, die sie seit mehr als 100 Jahren aneinander fesselte, aufrechtzuerhalten. Dazu gesellte sich noch die Begeisterung der Liberalen in \u00d6sterreich selbst, die f\u00fcr den Aufstand in Mailand, die f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht der Lombarden und Venezianer schw\u00e4rmten. Kaum weniger lebhaft sprach sich eine Menge konservativer Stimmen f\u00fcr Freigeben der Lombardei, \u201edurch ein friedliches Scheiden, gegen \u00dcbernahme eines Teils der Staatsschuld und anderer Bedingungen\u201c aus. In \u00e4hnlichem Sinne \u00e4u\u00dferte man sich auch bez\u00fcglich der anderen Provinzen: \u201e\u00d6sterreich wird auch ohne Italiens, ohne Polens Besitz kr\u00e4ftiger, bl\u00fchender, gl\u00fccklicher sein, als durch die Knechtung dieser L\u00e4nder\u201c, so lie\u00df sich damals namentlich die Augsburger Zeitung vernehmen und dann wieder hie\u00df es an einer anderen Stelle: \u201eman lasse sich losl\u00f6sen, was nicht zusammen bleiben kann! Man lasse frei, was nicht mit uns zusammenh\u00e4ngen will! Man scheide die Nationen und lasse sie gew\u00e4hren, da es vergeblich ist, sie in der gegenw\u00e4rtigen Vereinigung zu lassen!\u201c \u2013<\/p>\n<p>Doch ehe wir solchen und \u00e4hnlichen Erw\u00e4gungen weiter Raum geben, die Ereignisse erz\u00e4hlen, die sich ferner daran kn\u00fcpften, wenden wir uns zur\u00fcck zu den rein deutschen Verh\u00e4ltnis Nachdem die glorreiche Revolution in Wien vom 13. M\u00e4rz die Trunkenheit bei uns noch gesteigert hatte, blickte alles jetzt gespannt auf Berlin, wo es unbegreiflich ruhig blieb. Man schm\u00e4hte, man h\u00f6hnte dar\u00fcber, man begriff es nicht, wie auch jetzt wieder das preu\u00dfische Volk, mit Ausnahme Rheinpreu\u00dfens, das letzte bleiben konnte, um sich an einer Bewegung zu beteiligen, welche die ganze \u00fcbrige Nation mit<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(376)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>sich fortgerissen: \u201ediese preu\u00dfische Politik\u201c, hie\u00df es in der damaligen Presse, \u201efr\u00f6stelt uns an, wie ein russischer Nachwinter, gegen\u00fcber dem Vorfr\u00fchling S\u00fcddeutschlands!\u201c In der Tat standen in Berlin Regierung und Volk eine Weile, wie zuwartend einander gegen\u00fcber. Wohl kamen an den K\u00f6nig Adressen von ausw\u00e4rtigen preu\u00dfischen St\u00e4dten, Breslau meldete man Ruhest\u00f6rungen, dazu gesellten sich die Nachrichten vom Rheine, und am 7. M\u00e4rz sah sich der K\u00f6nig bewogen Zensurfreiheit, wie er es nannte, zu bewilligen. Am selben Tage zeigten sich in Berlin die ersten Spuren einer Volksbewegung, veranlasst durch einige junge Schriftsteller. Die Doktoren Oppenheim und L\u00f6wenberg Juden zu einer Volksversammlung \u201eunter den Zelten\u201ceinem Vergn\u00fcgungspark in Tiergarten, ein. Etwa 600 junge M\u00e4nner aus allen St\u00e4nden der Gesellschaft kamen zur Besprechung zusammen, und obgleich milit\u00e4rische Vorrichtungen gegen die Versammlung getroffen worden waren, blieb doch alles ruhig. Man beschr\u00e4nkte sich darauf eine Adresse der Berliner Jugend an den K\u00f6nig zu beraten und zu unterzeichnen. Sie enthielt die Mannheimer Forderungen, welche auch hier als das Programm der Freiheit adoptiert wurden. Von diesem Tage an entwickelte es sich nun langsam weiter; die Stadtverordneten beschlossen gleichfalls eine Adresse, w\u00e4hrend man von anderer Seite her, zum Gegensatz, eine Loyalit\u00e4tsadresse an den K\u00f6nig vorbereitet. Dies gab Veranlassung zu Katzenmusiken f\u00fcr die Unterzeichner, und ganz gem\u00fctlich entwickelten sich alle die kleinen Reibereien, welche gr\u00f6\u00dferen Ereignissen voranzugehen pflegen, bis der 13. M\u00e4rz die Situation zu kl\u00e4ren begann. Die Volksversammlungen wurden jetzt verboten, das Milit\u00e4r bereitgehalten und einer Breslauer Deputation, die inzwischen angekommen war, erkl\u00e4rte der K\u00f6nig, die Zeit sei nicht danach angetan, besondere Zugest\u00e4ndnisse zu machen. Das goss \u00d6l ins<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(377)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Feuer, aber noch blieb man ruhig; bei einer zweiten gro\u00dfen Versammlung unter den Zelten, bestiegen Arbeiter die St\u00fchle und riefen: \u201ewir wollen Freiheit, aber ohne Exzesse!\u201c \u2013<\/p>\n<p>Man trieb darauf die Leute auseinander; dies \u00e4rgerte, man fing hie und da an Steine auszureisen und versuchte Barrikaden zu bauen; nun wurde mit ernsteren Ma\u00dfregeln gedroht und der K\u00f6nig erlie\u00df ein Reskript, dass den vereinigten Landtag auf den 25. April wieder einberief: \u201ek\u00fchn und bed\u00e4chtig!\u201c war das L\u00f6sungswort der Regierungspartei, die unter der Hand auf Kassel, Karlsruhe und die anderen H\u00f6fe einzuwirken und zu veranlassen suchte, dass man dort wieder die Z\u00fcgel sch\u00e4rfer anzog.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem k\u00f6niglichen Patent, das den Landtag einberief, war auch die Rede von einem \u201eKongresse\u201c der verb\u00fcndeten M\u00e4chte, welche die neuen Geschicke Deutschlands beraten m\u00f6ge \u2013 nun konnte aber kein Wort \u00fcbler gew\u00e4hlt sein, als dieses, denn die traurigsten politischen Erinnerungen kn\u00fcpften sich gerade an diese \u201eF\u00fcrstenkongresse\u201c an, und nicht weniger erbitterte eine andere Stelle, durch welche an den \u201ebesseren Geist\u201c der Nation appelliert wurde. Als ob nicht eben jetzt ihr guter, ihr besserer Genius endlich erwacht w\u00e4re. Die Zeit f\u00fcr solche f\u00fcrstliche Phrasen war vor\u00fcber, und die aufgepflanzten Kanonen, die Kart\u00e4tschen, die man gelegentlich hie und da unter die Volkshaufen schleuderte, waren schlechte Mittel, Ihnen einen neuen Glauben zu erwecken. Die schon vorhandene Aufregung steigerte sich durch die Nachrichten aus Wien; wie sch\u00e4mte man sich da auf einmal der tr\u00e4gen Haltung Berlins und lawinenartig wuchs die Bewegung jetzt heran. Die Studenten und die jungen Leute schm\u00fcckten sich ungescheut mit den deutschen Farben, man verlangte Volksbewaffnung, verh\u00f6hnte das Milit\u00e4r, wogegen dieses seiner &#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(378)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>seits es an \u00dcbermut gegen die Kanaille nicht fehlen lie\u00df. Je feindlicher das gro\u00dfe Publikum dem Milit\u00e4r wurde, je mehr betrachtete man den Prinzen von Preu\u00dfen, den Bruder des K\u00f6nigs, der vorzugsweise Milit\u00e4r war, als dessen Hauptst\u00fctzpunkt bei seinem Widerstand gegen die Volksw\u00fcnsche. Man mag sich auch darin nicht geirrt haben, denn der Prinz besa\u00df Entschlossenheit und Energie, und diese Eigenschaften waren im Augenblicke jedenfalls eher am Platze, als die Schw\u00e4che und Entschlusslosigkeit der Regierung, die w\u00e4hrend der drei nun folgenden Tage ein grausames Spiel zwischen sich und der stets steigenden Volksaufregung \u2013 selbst Kinder fingen an sich zu bewaffnen \u2013 veranlassteEntweder musste man nachgeben, oder die Gewalt im ersten Moment nachdr\u00fccklich gebrauchen..<\/p>\n<p>T\u00e4glich gab es Tote bei den verschiedenen Aufl\u00e4ufen, schon lagen 80 Verwundete in der Charit\u00e9, da ermannte sich endlich die Stadtverordneten-Versammlung und Nauwerk, der schon so manchmal f\u00fcr sein Volk gesprochen, drang darauf, dass man nochmals volle Pressfreiheit von der Regierung verlange, damit der K\u00f6nig die Stimme seines Landes in Wahrheit zu h\u00f6ren be Die Versammlung beschloss denn auch diesen Schritt zu tun,komme. Und fast gleichzeitig lief die Nachricht durch die immer mehr aufgeregte Stadt, dass die K\u00f6lner Deputation mit dem gefeierten Franz Raveaux an der Spitze am n\u00e4chsten Tag, dem 16. nach Berlin kommen werde, um die W\u00fcnsche der Rheinlande auszusprechen.<\/p>\n<p>\u201eSie kommen,\u201c so hie\u00df es \u00fcberall, \u201emit bestimmten Forderungen; werden diese nicht erf\u00fcllt, so drohen sie mit Abfall!\u201c Jetzt verlangte Nauwerk nochmals entschieden in der Stadtverordnetenversammlung die Bildung einer B\u00fcrgergarde, denn mit den wei\u00dfen Binden und St\u00e4ben, mit denen bewaffnet sich ein B\u00fcrgerausschuss m\u00fchte, den Frieden zu erhalten, war die Unordnung nicht l\u00e4nger zu bezwingen, und<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(379)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>immer blutiger wurden die Zusammenst\u00f6\u00dfe zwischen Milit\u00e4r und Volk. Aber die Versammlung lehnte mit Stimmenmehrheit Naufwerks Antrag ab, und auch das Anerbieten der Studenten, man m\u00f6ge sie bewaffnen, sie verpflichteten sich alsdann keinen Exzess zu dulden, wurde verworfen. Aber im K\u00f6nigsschlosse begann jetzt eine gewisse Beunruhigung Platz zu greifen. Man hatte aus Wien die sichere Kunde vom Sturz Metternichs empfangen, und wenige Stunden sp\u00e4ter langte die F\u00fcrstin Metternich selbst, fl\u00fcchtigen Fu\u00dfes und von allem entbl\u00f6\u00dft, in Berlin an. \u2013<\/p>\n<p>Unter diesen Eindr\u00fccken wurde endlich am 17. M\u00e4rz die Beseitigung der Zensur bewilligt, und nun kam auch in die Berliner B\u00fcrgerschaft etwas von politischem Geist; 6000 B\u00fcrger beschlossen am n\u00e4chsten Tage vor das Schloss zu ziehen, um die Freigebung der Presse, Berufung des Landtages und Volksbewaffnung zu fordern. Aus den Rheinlanden kamen Nachrichten, die den Verlust der Provinzen bef\u00fcrchten lie\u00dfen, wenn der K\u00f6nig nicht nachgab und auch die \u00fcbrigen Landesteile befanden sich in der h\u00f6chsten Aufregung. Da vernahm man endlich der K\u00f6nig habe der rheinischen Deputation in einer zweiten Audienz ihre W\u00fcnsche gew\u00e4hrleistet und am n\u00e4chsten Morgen, am 18. M\u00e4rz, erschien eine Proklamation des K\u00f6nigs, welche sich in deutschnationalen Sinne aussprach. Er versprach dahin zu wirken, dass die Bundesverfassung revidiert und ihr eine Volksvertretung beigegeben werden; desgleichen wurde eine deutsche Wehrverfassung, ein Bundesgericht, Freiz\u00fcgigkeit, eine deutsche Flotte und Bundesflagge in Aussicht gestellt. Am Schluss er versprach die Proklamation die alsbaldige Einberufung des vereinigten Landtags. \u2013 Ehe diese frohe Nachrichten sich jedoch allgemein verbreiten konnten, hatte sich schon, da die Stadtverordneten auf mittags zwei Uhr eine B\u00fcrgerversammlung auf dem Schlossplatz anberaumt hatten, eine ungeheure Volksmenge vor dem Schlosse angesammelt, die,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(380)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>als man ihr das eben erw\u00e4hnte mitteilte, in so st\u00fcrmische Hochrufe f\u00fcr den K\u00f6nig ausbrach, dass derselbe sich auf dem Balkon zeigte und wiederum laut begr\u00fc\u00dft wurde. \u2013<\/p>\n<p>Dieser verfr\u00fchte Jubel bewies die geringe, politische Bildung der Menge; f\u00fcr Preu\u00dfen selbst weiter in der Proklamation sehr wenig gesagt. Man musste jetzt die Entfernung des Ministeriums und augenblickliche Volksbewaffnung verlangen, denn immer gr\u00f6\u00dfere Milit\u00e4rmassen waren in die Stadt gezogen worden, alle Schlossh\u00f6fe sah man mit Kanonen und Soldaten gespickt, und doch h\u00e4tte eine kluge Regierung jetzt jeden Zusammensto\u00df zwischen jenen und der erregten Bev\u00f6lkerung zu vermeiden suchen sollen; die tiefer blickenden waren sich wohl bewusst, dass diese Sache noch nicht zu Ende sei, am Hofe selbst aber war man fest \u00fcberzeugt, der Sturm, dem man sich momentan beugte, werde schnell vor\u00fcberziehen.Man w\u00fcnschte sehnlich,dass die Menge sich nun entfernen m\u00f6ge, aber als jetzt der verhassten Minister Bodelschwingh auf den Balkon trat und die Leute aufforderte, wieder ruhig nach Hause zu gehen, als Offiziere des am Schlosse aufgestellten Regimenter die Forderungen dringender wiederholten, in oft roher und grober Weise, da schlug die Stimmung pl\u00f6tzlich wieder um und es brach sich mit einem Male in der Menge der Gedanke Bahn: der Minister muss entfernt werden, und mit ihm das Milit\u00e4r! Man rief laut, der K\u00f6nig solle die Truppen wegschicken und sich seinen B\u00fcrgern anvertrauen, sie w\u00fcrden dies als das Pfand seiner Versprechungen betrachten. W\u00e4hrend Graf Arnim im Namen der B\u00fcrger dar\u00fcber mit dem K\u00f6nige verhandelt, fielen die zwei bekannten und verh\u00e4ngnisvollen Sch\u00fcsse aus dem Inneren des Schlosshofs, die sp\u00e4ter von keiner Seite aus wollten gefallen sein. Unter dem Ruf: wir sind verraten! stob die Menge auseinander, doch gelang es noch umsichtigen Leuten sie wieder zu beruhigen und die Sache als ein Missverst\u00e4nd-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(381)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>nis darzustellen. Als aber nun die entschiedene Weigerung des K\u00f6nigs, die Truppen weg zu schicken, bekannt, als gleich darauf von den Dragonern scharf eingehauen wurde, auch eine gleichzeitige Salve, ohne jegliche vorherige Aufforderung in die dichten Volkshaufen einschlug und mehrere Leute zu Boden streckte, da brach jener blutige, entsetzliche Stra\u00dfenkampf aus, welcher der deutschen Freiheitsg\u00f6ttin, die bis dahin ihr Gewand fleckenlos getragen, den Saum desselben in blutiges Rot tauchte. Im Nu waren eine Menge von Barrikaden errichtet, man st\u00fcrzte Droschken und Wagen um, versperrte damit die Ausg\u00e4nge der Stra\u00dfen, st\u00fcrmte Waffenl\u00e4den und griff zu jedem Verteidigungsmittel, welches sich darbot. Der Kampf war ungleich schrecklicher, als jener der Pariser Julirevolution; hier donnerten Kanonen und Kartellchen in ein fast wertloses Volk, welches zu Anfang oft nur Dachziegel, Pflastersteine und Handwerksger\u00e4te zu k\u00e4mpfen hatte. Erst nach und nach konnten die K\u00e4mpfe sich notd\u00fcrftig bewaffnen, und vielfach schossen sie nur mit gehacktem Blei, Marmork\u00fcgelchen, Kn\u00fc\u00f6fen und dergleichen Dingen. Ihr Schutz waren die Barrikaden, deren zuletzt an 400 errichtet waren, und die namentlich die Anstrengungen der Reiterei nutzlos machten. \u2013<\/p>\n<p>Die ganze Nacht vom 18. auf den 19. M\u00e4rz hindurch dauerte dieses entsetzliche K\u00e4mpfen; die Studenten, verbunden mit den Arbeitern der Borsig&#8217;schen Fabrik, bildeten einen besonderen Trupp und k\u00e4mpften wie die L\u00f6wen auf und hinter den BarrikadenH\u00e4ufige wurden die einzelnen Abteilungen von fr\u00fcheren polnischen Offizieren dirigiert,.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und \u00fcber dem kann dem Volke seine milit\u00e4rische Zucht zugute \u2013 Knaben trugen die Kugeln herbei, Frauen und M\u00e4dchen halfen beide Barrikadenbau, auf die man \u00fcber all die deutschen Reichsfarben aufpflanzte und aus den H\u00e4usern wurde den K\u00e4mpfenden fortw\u00e4hrend Speisen und Erfrischungen gereicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(382)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch am Abend entschlossen sich mutige M\u00e4nner, unter ihnen der bekannte Doktor L\u00f6we, der heutige Reichstagsabgeordnete, der Stadtrat Rainer und Andere, \u2013 auf dem Wege schloss sich ihnen noch der Bischof Neander im vollem Ornate an, \u2013 sich nach dem Schlosse zu begeben.In feierlicher Haltung, das Haupt entbl\u00f6\u00dft, so schritten sie durch die Truppen und das aufgeregte Volk, das ihnen zurief: \u201ebrav, ihr Friedensstifter, bringt uns den Frieden!\u201c Sie brachten ihn nicht, der K\u00f6nig wollte das Milit\u00e4r nicht zur\u00fcckziehen, er blieb dabei: \u201enur der Bitte, nicht der Gewalt weiche ich!\u201c und so nahm das Verh\u00e4ngnis weiter seinen Gang!<\/p>\n<p>Eine mond-und sternenhelle Nacht sah nieder auf die Hunderte von Wachtfeuern, auf die beleuchtete Stadt, die eine Feuersbrunst, welche in der k\u00f6niglichen Eisengie\u00dferei ausgebrochen war, bald mit noch grellerem Lichte \u00fcberstrahlte; an die stille Himmelsdecke schlug das Knattern der Gewehre, das Geschrei der K\u00e4mpfenden, das Donnern der Kanonen, das Geheul der Sturmglocken, die das Wimmern der Sterbenden \u00fcbert\u00f6nten. Erbarmungs &#8211; und schonungslos w\u00fctete das Milit\u00e4r gegen alle, die ihm in die H\u00e4nde fielen, sowie auch gegen die Einwohner der H\u00e4user, die es in wilden Kampfe er st\u00fcrmte. Am schrecklichsten tobt er in der Breitenstra\u00dfe, deren Verteidigung B\u00fcrger, Studenten und Schriftsteller \u00fcbernommen hatten, und welche eine m\u00e4chtige Barrikade schloss, die vom Schlossportale aus 4 Stunden lang beschossen wurde. An den Schlossfenstern standen unterdessen der K\u00f6nig und seine Generale, hinausschauend in die Schrecken dieser Nacht, aber sie blieben taub f\u00fcr jede Warnung und Vorstellung, die dem Schlosse von den verschiedensten Seiten hinzukamen. Mitten in der Nacht erschien im Schlosse eine zweite Deputation von Stadtr\u00e4ten, und diese sprachen ungescheut das Wort aus:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(383)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEs ist keine Emeute, es ist eine Revolution!\u201c Der K\u00f6nig und seine Umgebung blieben immer noch unbeweglich, sie wusste nicht, dass die Truppen \u00fcberall zu weichen begannen; gegen Morgen nahmen die Volksk\u00e4mpfer das Landwehr-Zeughaus, gewannen damit einen ungeheuren Waffenvorrat und General M\u00f6llendorf, der die Truppen f\u00fchrte, wurde von ihnen gefangen genommen. Jetzt ging eine neue Mahnung in das Schloss: \u201edas Milit\u00e4r binnen einer Stunde zur\u00fcck, oder der General wird erschossen!\u201c \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterdessen hatte in diesen entsetzliche Stunden der K\u00f6nig die bekannte Proklamation: \u201ean meine lieben Berliner!\u201c verfasst. Deren Inhalt bewies klar die Verblendung des ungl\u00fccklichen Monarchen, der in diesem Schriftst\u00fcck die Wahrheit ganz ebenso entstellte, wie sie ihm selbst durch seine reaktion\u00e4re Umgebung entstellt gezeigt wurde, und mit lautem Hohne wurden die Versicherungen v\u00e4terlicher Liebe aufgenommen, sowie auch die Versprechungen, welche die Proklamation enthielt, am Schlusse gab der F\u00fcrst sein k\u00f6nigliches Wort, das Milit\u00e4r alsobald zu entlassen, wenn das Volk sich entwaffnen werde. \u2013 Am Abend des Kampfes war den Truppen der Befehl erteilt worden, bis 5:00 Uhr morgens m\u00fcssten Sie Herren der Stadt sein, und man hatte ihren Mut durch den reichlichen Genuss geistiger Getr\u00e4nke aufrechtzuerhalten gesucht, aber als jetzt der Morgen graut, lagen sie kampfunf\u00e4hig, Tod, verwundet und berauscht auf ihren Standorten, w\u00e4hrend das Volk die Leichen seiner Gefallenen sammelte und sich zu neuem Kampfe vorbereitete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>von Peter Brunner<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier wie angek\u00fcndigt der zweite Teil von Luise B\u00fcchners Text \u00fcber die Revolution von 1848, entnommen ihrem Werk Luise B\u00fcchner: \u201eDeutsche Geschichte von 1815 \u2013 1870\u201d Leipzig, Thomas, 1875.\u00a0Seiten 360 &#8211; 383 Teil 1 (SS: 337 &#8211; 360) findet sich hier Teil III hier \u00a0 &nbsp; Deputationen aus anderen hessischen St\u00e4dten fanden sich gleichfalls in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":379,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,26,14,5,13],"tags":[],"class_list":["post-1710","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchner-jubilaen","category-feminismus","category-geschichte","category-luise-buchner","category-texte","post-preview"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - 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