{"id":1697,"date":"2014-03-15T14:59:12","date_gmt":"2014-03-15T12:59:12","guid":{"rendered":"http:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=1697"},"modified":"2014-05-09T11:10:59","modified_gmt":"2014-05-09T09:10:59","slug":"der-geist-des-mittelalters-musste-sich-verfluechtigen-vor-dem-wehen-der-scharfen-luft-des-19-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/?p=1697","title":{"rendered":"Der Geist des Mittelalters musste sich verfl\u00fcchtigen vor dem Wehen der scharfen Luft des 19. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p>In den n\u00e4chsten Tagen wird es hoffentlich auch noch an anderer Stelle Informationen, Hinweise und Reminiszenzen zur Revolution von 1848 und ihren Jahrestagen im M\u00e4rz geben.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt <a href=\"http:\/\/theodoralthaus.blogspot.de\/\" target=\"_blank\">Renate Hupfeld, die sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr das Andenken Theodor Althaus<\/a> einsetzt, tr\u00e4gt dazu bei, dass in den Weiten des Netzes dieses wichtige Datum unserer Demokratiegeschichte wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>Hier habe ich mir vorgenommen, ausnahmsweise einen langen und nicht illustrierten Text einzustellen, der die Lekt\u00fcre lohnt und gleichzeitig einen guten Einblick in einen weniger bekannten Aspekt eines B\u00fcchner-Geschwisters liefert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/luise_oval.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1452\" src=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/luise_oval-199x300.jpg\" alt=\"luise_oval\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/luise_oval-199x300.jpg 199w, https:\/\/geschwisterbuechner.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/luise_oval.jpg 502w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Luise B\u00fcchner hat in ihren Vorlesungen zur deutschen Geschichte analytisches und literarisches Format gezeigt und sehr deutlich republikanische und antiklerikale Position bezogen. \u00a0Wegen der klaren Formulierungen haben Zeitgenossen sie gewarnt, damit gef\u00e4hrde sie ihre Freundschaft zum Darmst\u00e4dter Hof, besonders zur Erbgro\u00dfherzogin Alice, mit der sie in dieser Zeit eng zusammenarbeitete (in Darmstadt nannte man sie polemisch die \u201edie Hof-Demokratin&#8220;). Tats\u00e4chlich wurde der Band in Preu\u00dfen verboten; in Hessen-Darmstadt dagegen schadete er Luise B\u00fcchner nicht.<\/p>\n<p>Hier also der erste Teil \u00a0der 14. Vorlesung (Teil 2 folgt), der im Inhaltsverzeichnis so angek\u00fcndigt wird:<\/p>\n<h3 style=\"padding-left: 60px;\">Allgemeine Bewegung in Europa vor 1848.<br \/>\nBildung einer republikanischen Parthei in S\u00fcd-West-Deutschland.<br \/>\nDie M\u00e4rz-Revolution in S\u00fcd-Deutschland.<br \/>\nForderungen des Volkes.<br \/>\nDie Ereignisse in Baden, den beiden Hessen, W\u00fcrttemberg, Bayern u.f.f.<\/h3>\n<h3><\/h3>\n<h4>Luise B\u00fcchner:<\/h4>\n<h4>Deutsche Geschichte von 1815 \u2013 1870<\/h4>\n<h4>20 Vortr\u00e4ge, gehalten in dem Alice-Lyceum zu Darmstadt<\/h4>\n<h4>Leipzig, Thomas, 1875<\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/2014\/03\/18\/wenn-nur-der-nagel-haelt-dass-die-fahne-nicht-herunterfaellt\/\" target=\"_blank\">hier findet sich der zweite Teil<\/a><\/p>\n<p>und<\/p>\n<p><a href=\" https:\/\/geschwisterbuechner.de\/2014\/03\/20\/es-war-als-ob-wirklich-mit-einem-zauberschlage-ein-goldenes-zeitalter-der-menschheit-angebrochen-waere\/\" target=\"_blank\">hier Teil III<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>S. 337<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>14. Vorlesung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt wenige Momente in der Geschichte unseres deutschen Vaterlandes von solch hoher Bedeutung, so ungeheurer Tragweite, als jene M\u00e4rztage des Jahres 1848, da die erste deutsche Revolution siegreich durch unsere Gauen schritt. Sie kam unaufhaltsam, unwiderstehlich, wie ein Naturereignis. Von der ganzen Nation erwartet, aber nicht direkt vorbereitet, \u00fcberraschte sie niemanden als die Machthaber, die sich in ihrer unbegreiflichen Verblendung gerade damals sicherer w\u00e4hnten als lange zuvor, die glaubten, dass die wenigen Zugest\u00e4ndnisse, welche sie endlich zu machen sich bereit zeigten, hinreichen w\u00fcrden, das harmlose Volk wieder vollst\u00e4ndig zu beruhigen. Aber die Lage war gar sehr verschieden von jener der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre; unter schwerer Not und Drangsal hatte sich endlich eine Art von politischer Bildung durchgerungen, die gerade hinreichte, die ganze Masse der Nation von oben bis unten in die Bewegung mit hinein zu rei\u00dfen, und einmal in die Flut gesto\u00dfen, hat der noch unbeholfene Schwimmer zwar nach hier viele Misserfolge erlitten, viele vergebliche Anstrengung zu machen gehabt, aber er blieb im Strome drin, er lernte den Gebrauch seiner Glieder nach und nach kennen, und ein stolzer Schwan, der heute seine Kreise, auf jeden Fluten, die das Jahr 1848 zuerst erregte, und in deren Auf-und Niederwogen sich die Geschichte unserer Gegenwart bewegt. \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(338)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber diese allgemeine deutsche Revolution stand nicht vereinzelt und dies eben verhalf hiermit zum Siege; es hatte sich allgemach in den missvergn\u00fcgten europ\u00e4ischen Staaten eine dritte revolution\u00e4re Epoche vorbereitet, welche die deutschen Ereignisse beschleunigen half und an den wir nicht ganz teilnahmslos vor\u00fcbergehen d\u00fcrfen \u2013<br \/>\nMit ungeteilter Spannung hatte man schon lange vor 1848 auf den Kampf geblickt, die sich in der Schweiz zwischen den freieren Geist der protestantischen Kantonen und den bigott katholischen Landesteilen entwickelt hatte. Dessen schlimmste Folge bestand darin, dass in jeder Weise die Bestrebungen der Mehrheit, durch eine, auf den Prinzipien der neueren Zeit beruhende Bundesverfassung, die nationale Einheit und St\u00e4rke der Schweiz fest zu begr\u00fcnden, verhindert wurden. Wir haben bereits geh\u00f6rt, wie seiner Zeit die protestantische Unduldsamkeit die Berufung von David Strau\u00df nach Z\u00fcrich unm\u00f6glich gemacht hatte; nun zeigte sich durch die Aufhebung der Kl\u00f6ster im Kanton Aargau, um 1843, die streng katholische Partei ganz ebenso erbittert und in ihrem gegenseitigen Interessen sich jederzeit innig verwandt, st\u00e4rkte der protestantische Zelotismus den Ultramontanismus so lange, bis die Anh\u00e4nger des Letzteren ihr Haupt stets h\u00f6her und h\u00f6her erhoben.<\/p>\n<p>Eine Verpflanzung der Jesuiten nach dem deutschen Teile der Schweiz, in dem ihre Berufung im Kanton Luzern durchgesetzt wurde, erregte die Gem\u00fcter aufs heftigste. W\u00e4hrend sie in Freiburg schon seit l\u00e4ngerer Zeit ein weiteres ber\u00fchmtes Kollegium besa\u00dfen, wohin man aus allen katholischen Teilen Europas und aus den angesehensten Familien, die Z\u00f6glinge entsendet, rief dieser weitere Fortschritt die Bef\u00fcrchtung wach, dass die gef\u00e4hrlichen V\u00e4ter der Gesellschaft Jesu sich nun bald \u00fcber die ganze katholische Schweiz verbreiten und dort festsetzen w\u00fcrden<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(339)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die F\u00fchrer der Jesuitenpartei in Luzern waren der bekannte Siegwart-M\u00fcller, ein Schwarzw\u00e4lder von Geburt, der haupts\u00e4chlich die St\u00e4dter beeinflusste, Leu von Ebersol, ein Bauer von gro\u00dfem Einfluss, der die Landleute anf\u00fchrte. An der Spitze der freisinnigen Partei des Kantons stand der Arzt Robert Steiger; sie st\u00fctzten sich auf eine Verbindung mit dem protestantischen Kantonen, allerdings ungesetzlicherweise, Freischarenz\u00fcge nach Luzern entsendeten, um im Verein mit den dortigen Radikalen die Festsetzung der Jesuiten gewaltsam zu verhindern. Hellauf loderte der Parteienhass von allen Seiten empor und wurde noch gesteigert, als B\u00fcrgermeister Leu, da er zuhause an seinem Tische sa\u00df, durch das Fenster meuchelm\u00f6rderischer Weise erschossen wurde. Lange blieb die Tat ungekl\u00e4rt, und der T\u00e4ter, der, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, haupts\u00e4chlich pers\u00f6nliche Beweggr\u00fcnde dazu gehabt, unentdeckt. Mit furchtbarer Heftigkeit jedoch schrieb man von Seiten der Ultranontanen diesem Mord den Radikalen zu, was wiederum neues \u00d6l ins Feuer goss.<br \/>\nDas Resultat dieser K\u00e4mpfe, die von au\u00dfen her, namentlich durch \u00d6sterreich gesch\u00fcrt wurden, war der Sonderbund der sieben katholischen Kantone; es verbanden sich Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Wallis, zu dem Zwecke, sich von der Eidgenossenschaft los zu rei\u00dfen; zu gleicher Zeit lie\u00dfen die Regierungen alle Frei gesinnten in ihren Kantonen aufs Grausamste und Rachs\u00fcchtigste verfolgen. Die Durchf\u00fchrung des Sonderbundes war naturgem\u00e4\u00df der Tod der Eidgenossenschaft und gab die Schweiz ihren m\u00e4chtigen Nachbarn Preis, denen es schon lange nach ihr gel\u00fcstet. Von beiden Seiten bildeten sich jetzt Freischarenz\u00fcge, die einander mit h\u00f6chster Erbitterung bek\u00e4mpften und das reaktion\u00e4re Europa sah mit Freuden, wie die kleine Republik sich selbst zerfleischte. Meister Metternich erwartete<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(340)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>bereits den Augenblick, wo man sich in die zerrissenen Fetzen werde teilen k\u00f6nnen. Da raffte in der letzten Stunde der alte Unabh\u00e4ngigkeitssinn der Schweizer sich auf; hatten die Konservativen der protestantischen Kantone gerne die V\u00e4ter Jesu und deren Sch\u00fctzer gew\u00e4hren lassen \u2013 so viel sahen Sie jetzt doch ein \u2013 der Sonderbund musste gesprengt werden oder sie waren alle miteinander verloren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte General Dufour f\u00fchrte mit rascher Entschlossenheit die Schweizer-Bundesarmee, die man schnell zusammen berufen, gegen die Scharen der Sonderb\u00fcndler; Freiburg wurde genommen, das Jesuitenkollegium aufgehoben, und alles, was ich in dem kostbaren Geb\u00e4ude befand, zerst\u00f6rt. In kurzer Frist war der Sonderbund zersprengt und damit zugleich der Sieg des liberalen Regiments erfochten. Die Gro\u00dfm\u00e4chte wagten es nicht den Sonderbedarf beizustehen, wenn sie es auch gerne gewollt h\u00e4tte. Die V\u00e4ter Jesu wurden in der Folge dieses Sieges ganz aus der Schweiz verwiesen, und man schritt nun ernstlich an die Bildung einer F\u00f6derativ-Verfassung, auf deren Grundlage die Schweiz gebaut und ihre heutige geachtete und auf einer gem\u00e4\u00dfigten Demokratie beruhende Stellung gewonnen hat. \u2013<br \/>\nNoch \u00e4ngstlicher aber wurde den Anh\u00e4ngern des alten Systems zu Mute bei den Neuerungen, welche der Graf Mastai-Ferretti, seit 1846 unter dem Namen Pius IX, Papst geworden, ins Werk zu setzen begann. Auch sein Ziel ging dahin, der appeninischen Halbinsel ihre nationale Unabh\u00e4ngigkeit zur\u00fcckzugeben, freilich unter der Bedingung, dass sein eigenes geistliches Regiment den Mittelpunkt dieses erneuten Italien bilden werde. Mazzini und dessen Anh\u00e4nger wirkten unabl\u00e4ssig, wie uns schon bekannt, f\u00fcr \u00e4hnliche Ideen, nur mit dem Unterschiede, dass sie Italien nicht als einen vergr\u00f6\u00dferten Kirchenstaat, sondern als eine einheitliche Republik wieder geboren sehen wollten, jedenfalls aber hatten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(341)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>sie Pio Nono gewaltig vorgearbeitet. Das Feuer, welches einst die Carbonari entz\u00fcndet, war noch nicht wieder erloschen, und Pius, als er die Funken wieder zur Flamme an blies, dachte nicht, dass dieselbe dereinst sein weltlich Regiment mit verzehren w\u00fcrden. Die Zust\u00e4nde und der Geist des Mittelalters lie\u00dfen sich eben nicht wiederherstellen, sie mussten sich verfl\u00fcchtigen vor dem Wehen der scharfen Luft des 19. Jahrhunderts. \u2013 Wir haben die fr\u00fcheren Verh\u00e4ltnisse Italiens gen\u00fcgend kennen gelernt, um die sich jetzt rasch folgenden Umw\u00e4lzungen ohne weiteren Kommentar zu verstehen. Sizilien, dass man gewaltsam zu Neapel gezwungen, riss sich los und k\u00e4mpfte todesmutig f\u00fcr seine Unabh\u00e4ngigkeit. Der Herzog von Toskana sah sich gen\u00f6tigt, eine Verfassung zu bewilligen, und Piemont zwang seinen F\u00fcrsten diesem Beispiel zu folgen. Die alten Geister schliefen nicht, und schien es auch, als h\u00e4tte Karl Albert von Sardinien es vergessen, dass er einst in den zwanziger Jahren, da er noch Prinz von Carignan war, zu den Liberalen geh\u00f6rte, so kam es doch bald zu Tage, die auch ihr seine Pl\u00e4ne n\u00e4hrte und dieselben nur f\u00fcr sp\u00e4tere Zeit hinausgeschoben hatte.<br \/>\nDie Lombardei Konto unter diesen Verh\u00e4ltnissen und bei der Aufregung, welche die italienische Halbinsel beherrschte, unm\u00f6glich ruhig bleiben; bald erfuhr es \u00d6sterreich mit t\u00f6dlichem Entsetzen, wie wenig ihm dort seine fortgesetzte Schreckensregierung genutzt hat, jetzt schon wieder ein ganzes Volk gegen seine Herrschaft in Waffen stand und wie es seine Abneigung auf jede nur erdenkliche Weise kundzugeben trachtete. \u00dcberall wo nur \u00d6sterreicher sich zeigten, wurden sie als Tedeschi verh\u00f6hnt und verfolgt, und trotz der \u00e4u\u00dfersten Polizeieinsch\u00fcchterungen war man wahrhaft erfinderisch, die verfemten Landesfarben zur Schau zu stellen und an sich zu tragen. Besonders die Frauen zeichneten sich durch ihren Eifer darin aus. Verbot man ihnen die dreifarbige B\u00e4nder,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(342)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So zeigten sie ihr geliebtes wei\u00df, gr\u00fcn und rot in riesigen Bouquets, an ihren F\u00e4chern oder in der Zusammenstellung der Toilette. Nicht minder konsequent enthielten sich die M\u00e4nner des Tabakrauchens und des Lottospiels, weil die \u00f6sterreichische Regierung das Monopol auf beide hatte; indem man keinen Gebrauch davon machte, entgegen ihr dadurch bedeutende Einnahmequellen. Von Italien aus verpflanzte sich die Bewegung gegen \u00d6sterreich, nach Ungarn; auch dort machte man das Nationalit\u00e4tsprinzip zur Fahne, um welche alle unzufriedenen sich enger und enger Schaden. Auf die alten und nie vergessenen Forderungen des ungarischen Volkes zur\u00fcckgehend, verlangten die St\u00e4nde aufs Neue ihre selbstst\u00e4ndige Nationalregierung; au\u00dferdem Verfassungsreformen, Steuerverminderung und dergleichen. Ihr gro\u00dfer Sprecher und Agitator war Ludwig Kossuth ein Advokat von hoher Beredsamkeit, der ganz ebenso von einem selbstst\u00e4ndigen, ungarischen Staat, ohne \u00d6sterreichs Oberhoheit tr\u00e4umte, wie die Italiener von einem nationalen Einheitsstaat. Gen\u00e4hrt wurden noch Ihre W\u00fcnsche und Kundgebungen durch die stets g\u00e4rende Unruhe in den polnischen Provinzen, welche Russland f\u00fcr den Augenblick ganz im Schach hielten, denn schon hatten verschiedene Aufst\u00e4nde es klar an den Tag gelegt, wie die Polen wieder mehr denn je auf eine Wiederherstellung ihrer Nationalit\u00e4t hofften und pochten. \u2013 So grollte anderw\u00e4rts der Donner und verk\u00fcndete den herannahenden Sturm, der z\u00fcndende Blitz jedoch, der sollte wieder von dort her kommen, wo er schon so oft geleuchtet, und von wo man ihn gerade jetzt am wenigsten erwartet. Frankreich sollte seine driite, die Februarrevolution durchmachen, und schneller noch als er sich auferbaut, st\u00fcrzte der Thron der Juli-Dynastie wieder in sich zusammen.<br \/>\nNoch einmal am Ende seiner Tage, musste Ludwig Philipp das bittere Brot der Verbannung kosten. \u2013 Man hat seitdem und na-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(343)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>mentlich im Hinblick auf die folgende Geschichte Frankreichs oft behauptet, niemals sei eine Revolution leichtsinniger unternommen worden und unn\u00f6tiger gewesen, als die vom Februar 1848, und die Franzosen h\u00e4tten wie Toren gehandelt, als sie ihren \u201eguten, alten B\u00fcrgerk\u00f6nig\u201c fortgejagt. Dennoch wird man kaum daran zweifeln k\u00f6nnen, dass das Schicksal, welches ihn betraf, ein unvermeidliches war, wenn man bedenkt, in welchem Grade Ludwig Philipp nach und nach alle Sympathien der Nation eingeb\u00fc\u00dft hatte. Niemals hatten die Zentralisation, dass b\u00fcrokratische Kanzleiwesen, das ganze Land so schwer bedr\u00fcckt, als unter seinem n\u00fcchternen, schl\u00e4frigen Regiment. Es konnte sich niemand befriedigt dabei f\u00fchlen, als die Bourgeois, die kleinen Rentiers, die B\u00f6rsenm\u00e4nner, denen er das Beispiel des unk\u00f6niglichsten Geistes und der uners\u00e4ttlichen Spekulationssucht darbot. Musterhaft wie sein Familienleben sich zeigte, war es auch zugleich das langweiligste und einf\u00f6rmigste, welches man sich nur denken konnte, und so war keine Parteien mehr mit ihm zufrieden. Kein gl\u00e4nzender Hof am\u00fcsierte die Pariser und den Adel, kein gro\u00dfm\u00fcthiger Impuls, der den Sohn der Revolution verraten und ihn angetrieben h\u00e4tte, irgendwo der unterdr\u00fcckten Freiheit zu Hilfe zu eilen, befriedigte die zahlreichen Republikaner, keine Versuche den arbeitenden Klassen beizustehen, beschwichtigte die Sozialisten, und war man auch in den Tuilerien selbst von der pr\u00fcdesten Tugend, so dr\u00fcckte man doch beide Augen zu, wo es sich um Sittenlosigkeit des hohen Adels, um Bestechungen, F\u00e4lschungen und K\u00e4uflichkeit der h\u00f6chsten Richter handelte, und beleidigte dergestalt zuletzt auch noch das Gef\u00fchl der honetten Leute. Dieses K\u00f6nigtums voller Heuchelei, Langeweile und ohne jeglichen Ruhm nach au\u00dfen oder innen, wurden die Franzosen umso \u00fcberdr\u00fcssiger, als der einzige popul\u00e4rer Mann der Orleannistischen Familie, der k\u00fcnftige Thronerbe, Herzog von Orleans durch einen ungl\u00fccklichen Sturz aus<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(344)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>dem Wagen im Jahre 1846 gestorben war. Als nun wird der K\u00f6nig und sein doktrin\u00e4rer Minister Guizot so unklug waren, eine Wahlreform, welche das ganze Land w\u00fcnschte, wof\u00fcr es sich lebhaft ausgesprochen, abzulehnen, sowie auch Bankette, die man veranstaltet, um sich bei Gelegenheit derselben \u00fcber die gew\u00fcnschten Reformen zu beraten, auf ein veraltetes Gesetz hin, verbieten lie\u00df, brach das ganze K\u00f6nigsgeb\u00e4ude wie ein Kartenhaus zusammen und war auch dann nicht mehr zu halten, als nachtr\u00e4glich alles verwilligt wurde, was das Volk w\u00fcnschte. Der Sirenengesang der Franzosen: die \u201eMarseillaise\u201c ert\u00f6nte und gleichzeitig mit Ihr der Ruf Republik! Freiheit! Gleichheit! Br\u00fcderlichkeit! Der K\u00f6nig, altersschwach, ohne Mut und Entschlossenheit, machte kaum einen Versuch, seine Macht zu behaupten; er entsagte der Krone zu Gunsten seines Enkels, des Grafen von Paris, aber schon hatte die republikanische Partei die Oberhand gewonnen. Als die Herzogin Helene v. Orleans mit ihren kleinen S\u00f6hnen, w\u00e4hrend der K\u00f6nig und seine Gemahlin entflohen, in die Deputiertenkammer eingef\u00fchrt wurden, um die Regentschaft f\u00fcr Ihr Kind in Empfang zu nehmen, war es auch damit schon zu sp\u00e4t. Der K\u00f6nigstuhl wurde aus den Tuilerien herausgeholt und zum Symbol, dass es damit auf immer vorbei sei, \u00f6ffentlich verbrannt; die Herrschaft der Bourbonen wurde ein drittes Mal f\u00fcr erloschen erkl\u00e4rt und wenn nicht alle Anzeigen tr\u00fcgen, so wird die Geschichte auch tats\u00e4chlich \u00fcber diese alte franz\u00f6sische K\u00f6nigsfamilie hinweggegangen sein!<br \/>\nDer revolution\u00e4re Geist aber, der in Frankreich wiederum lebendig geworden war, sollte sich nun unmittelbar auf ganz Deutschland \u00fcbertragen.<br \/>\nAlles in allem genommen, war man in den 2-3 Jahren, die dem allgemeinen Ausbruche in Deutschland vorangingen, sich wohl bewusst, auf dem Wege ruhiger Re-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(345)<\/p>\n<p>formen angekommen zu sein, die man durchzuf\u00fchren entschlossen war. Man sprach von einer Revolution des Geistes, deren siegreichem Vorw\u00e4rts Dr\u00e4ngen nicht mehr zu widerstehen sein werde, und man mochte sich bei dieser Annahme auf mancherlei Tatsachen st\u00fctzen, namentlich auf die wachsenden Fortschritte der deutsch-katholischen und frei-christlichen Bewegung, die sich nicht mehr hemmen lie\u00df. Auch eine Reihe protestantischer Theologen hatten sich derselben angeschlossen; Wislicenius in Halle, Uhlich in Magdeburg, suchten den wachsenden Einfl\u00fcssen des Pietismus durch die Bildung von frei-religi\u00f6sen Gemeinden und der Verbreitung von Bl\u00e4ttern, die theologische Dinge im Sinne der Aufkl\u00e4rung besprachen, entgegenzuwirken. Von gro\u00dfem Einfluss auf die unteren Volksklassen waren auch die bildenden Vortr\u00e4ge, welcher au\u00dfer dem sonnt\u00e4glichen Gottesdienst, von den Leitern der deutsch-katholischen Gemeinden veranstaltet wurden; dorthin, sowie in die Sonntagsandacht dr\u00e4ngte sich bald alles, vornehm wie gering, Protestanten wie aufgekl\u00e4rte Katholiken, die, wenn sie auch nicht \u00fcbertraten, mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten der Redner und Prediger lauschten, in deren Vortr\u00e4gen sich Religi\u00f6ses, Politisches und Nationales in oft hinrei\u00dfender Weise mischte. Als Hauptredner gefeiert waren Ronge, Dowiat, Kerbler, Duller, Hieronimy, Weigelt, Kampe, Scholl und wie sie alle hei\u00dfen, die sich damals als Apostel der neuen Lehren auftaten. Dass verschiedene protestantische Theologen zu dem Deutsch-Katholizismus \u00fcbertraten, gab ihm eine gr\u00f6\u00dfere Vertiefung, einen gr\u00f6\u00dferen geistigen Gehalt, mehrte aber auch die Gefahren die ihn bald von allen Seiten umdrohten.<br \/>\nSo war die neue Religion trotz mancher Schw\u00e4chen, die er anhafteten, in jenen Tagen ein m\u00e4chtiges Ferment, ein Hebel f\u00fcr voran strebende Geister; dass sich bald das Politische weit mehr hineinmischte, als f\u00fcr eine religi\u00f6se Genossenschaft<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(346)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zweckdienlich sein konnte, lag zu sehr in der Natur der Sache, als dass man einzelne Pers\u00f6nlichkeiten daf\u00fcr verantwortlich machen d\u00fcrfte und wenn auch heute der Deutsch-Katholizismus wenig mehr bedeutet, so wird er doch als eine Phase unserer Fortentwicklung immer von gro\u00dfer historischer Wichtigkeit bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In S\u00fcddeutschland, wo man ihn \u00fcberhaupt am l\u00e4ngsten geduldet, wurden Rongeund sein Mitgenoos Dowiat, als sie im Sommer und Herbst 1846 eine Reise durch S\u00fcd- und West-Deutschland machten, mit der gro\u00dfartigsten Begeisterung empfangen. Der Zielpunkt ihrer Reise war damals das streng-katholische Mainz, und je n\u00e4her sie dahin kamen, je h\u00f6her steigerte sich der Enthusiasmus. \u00dcber alle von den angesehensten B\u00fcrgern der verschiedenen St\u00e4dte, die sie ber\u00fchrten, eingeholt und wieder fort geleitet, so zogen sie vom Neckar herunter durch die Bergstra\u00dfe nach dem Rhein. Ovationen jeder Art wurde ihnen bereitet, Fackelz\u00fcge, Serenaden, festlicher Empfang und Ronge sah sich f\u00f6rmlich erdr\u00fcckt durch die kostbarsten Ehrengeschenke, silberne Pokale, Lorbeerkr\u00e4nze, Schreibzeuge, goldene Federn und was dergleichen mehr ist, die ihm von allen Seiten zu flossen. Als die Reformatoren, wie man sie nannte, Darmstadt verlie\u00dfen, nachdem sie mehrere Tage dort verweilt und gepredigt hatten, folgte ihnen wieder ein langes Ehrengeleite von Wagen bis hinaus vor die Stadt. Die Aufregung war so gro\u00df, dass ein f\u00f6rmlicher Abschied war polizeilich verboten worden, wer aber konnte die Bev\u00f6lkerung daran hindern, sich nach dem nahen Fichtenwalde zu begeben, um hier die Gefeierten zu erwarten. Dort sammelte sich Alles auf einem gro\u00dfen freien von hohen Tannen umringten Platze, Jung und Alt, Vornehm und Gering \u2013 und als der Wagen mit den zwei jungen M\u00e4nnern erschien, die bis an die Schultern in Blumen sa\u00dfen, welche man ihnen w\u00e4hrend der Fahrt durch<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(347)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>die Stadt zugeworfen hatte, brach ein tausendstimmiger Jubel aus, und ein begeisterter Gesang trug die T\u00f6ne des alten Lutherliedes hinauf zum wolkenlosen Himmel und in das Gr\u00fcn der Tannen. Unter Lebehochs und T\u00fccherschwenken setzten dann die Reformatoren, auf die man die begeistertsten Hoffnungen baute, ihre Reise weiter fort. Dies eine Beispiel m\u00f6ge f\u00fcr hundert \u00e4hnliche gen\u00fcgen. Der gleiche Drang zu \u00f6ffentlichen Demonstrationen zeigte sich allerorten; dass die M\u00e4nner, welche man so \u00fcberm\u00e4\u00dfig feierte, weil man sich eben nicht anders Luft machen konnte, dadurch vielfach dem tragischen Schicksal der Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung verfiel, ist nat\u00fcrlich. Noch schlimmer war es f\u00fcr sie, dass sie schlie\u00dflich als Menschen erfunden werden mussten, nachdem man sie in \u00fcbertriebener Weise die Halbg\u00f6tter verehrt hatte.<br \/>\nNichtsdestoweniger wird Ronges Name immer der Brennpunkt einer Bewegung bleiben, innerhalb welcher sich das beleidigte Gef\u00fchl der Nation zuerst wieder einmal energisch ausgesprochen, auch d\u00fcrfen wir uns hier nicht die Wahrnehmung entgehen lassen wie nun, infolge der religi\u00f6sen Erregung, auch die Frauen vielfach anfingen sich an dem \u00f6ffentlichen Leben zu beteiligen, und ein erh\u00f6htes Interesse daf\u00fcr zu bet\u00e4tigen. Rogge hat das Verdienst, zuerst ein tief bedeutsames Wort dar\u00fcber ausgesprochen zu haben, indem er \u00f6fter betonte, die eine Umwandlung der Zeiten sich nicht vollziehen werde, ohne die Mithilfe Wirkung der Frau und des Arbeite durch ihn angeregt, bildeten sich an vielen Orten Frauen-Vereine, die zun\u00e4chst nur den Zweck hatten, die n\u00f6tigen Mittel aufzubringen, um die jungen Gemeinden lebensf\u00e4hig zu machen, durch selbst besoldete Prediger. Der junge Deutsch-Katholizismus hatte es in seinem Beginne vers\u00e4umt, mit Nachdruck den ihm geb\u00fchrenden Anteil an dem katholischen Kirchenverm\u00f6gen zu fordern. Er musste dergestalt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter an seiner finanziellen Misere zu Grunde<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(348)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gehen und ein gleiches Schicksal wird unfehlbar die heutigen altkatholischen Gemeinden treffen, wenn sie nicht praktischer zugreifen und in ihrem Verlangen von den Regierungen kr\u00e4ftig unterst\u00fctzt werden. \u2013 Blicken wir aber zur\u00fcck auf jenen vorhergehenden Kampf gegen Rom und die Hierarchie, so entrollt sich uns eine gl\u00e4nzende Kette von gegenseitiger Opfer Freudigkeit von uneigenn\u00fctziger Hingebung und von apostolischen Eifer seitens der jungen M\u00e4nner, die die Kalk besoldeten, unsicheren Predigerstellen bei den neuen Gemeinden annahmen und dagegen auf gl\u00e4nzende Karriere verzichteten, die ihnen bei ihren besonderen Geistes gaben gewiss waren, wenn sie sich der herrschenden Str\u00f6mung gef\u00fcgt h\u00e4tten. Waren die Gemeinden mit Predigern versorgt, so sammelt man weiter f\u00fcr Kirchenbauten, oder, und, dies wurde bald die Hauptaufgabe der deutschen Frauen-Vereine, welche unter sich in enger Verbindung stand, sie nahmen sich der Erziehung der Kinder, der Pflege und Sorge f\u00fcr Arme und Kranke der Gemeinden an. Es war ein erstes allgemeines Hervortreten eines gemeinn\u00fctzigen Sinnes in Deutschland, wie man ihn unter dem Druck der Verh\u00e4ltnisse und der unausstehliche Polizei\u00fcberwachung kaum jemals ge\u00fcbt hatte, welche sich hier kundgab.<br \/>\nEine weitere tiefe Kluft trennte damals noch Deutschland von England in allem was Gemeinsinn und Selbsth\u00fclfe betraf; man war bei uns, weil der Staat alles bevormundet, auch gew\u00f6hnt, alles vom Staate zu erwarten. Man legte tr\u00e4ge die H\u00e4nde in den Scho\u00df und beklagte sich oder schalt, aber man handelte nicht. Ein erstes Zeichen erwachen daselbst T\u00e4tigkeit boten nun diese Frauen-Vereine dar, und was haben wir nicht seitdem in dieser Beziehung alles gelernt und \u00fcberwunden, wenn auch die Philisterhaftigkeit und das Vorurteil gegen ein uneigenn\u00fctziges Wirken f\u00fcr das Allgemeine, namentlich wo es von Frauen ausgeht, stellenweise auch jetzt noch gro\u00df genug bei uns ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(349)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wohl am gro\u00dfartigsten entfaltete sich die T\u00e4tigkeit dieser Frauen-Vereine, deren Mitglieder durchaus nicht alle dem Deutsch-Katholizismus angeh\u00f6rten, in Breslau, Schweinfurt, Hanau und zumeist in Hamburg, wo eine Reihe von bedeutenden und zu jedem Opfer bereiten Frauen, denen es auch an den notwendigen Mitteln dazu nicht fehlte, mit vereinter Kraft nicht allein materiell, sondern auch ideell arbeiteten. Alle strebten nach einem lichtvollen, durch den Geist der Humanit\u00e4t gereinigten Christentum, und diesem Programm entsprechend, hat, w\u00e4hrend alle \u00fcbrigen Frauen-Vereine aus jener Zeit sich wieder aufl\u00f6sten, dieser Hamburger Kreis fortgewirkt, selbst dann noch, als \u00fcberall sp\u00e4ter nach der Reaktion von 1850, der Deutschkatholizismus verp\u00f6nt und verboten wurde. War auch seine T\u00e4tigkeit zuweilen momentan unterbrochen, so trat er immer wieder neu zusammen, um sp\u00e4ter einzig und allein sich neben der Armenpflege, der Erziehung, vornehmlich der der Frauen, anzunehmen, und er hat auf diesen Gebieten nach einer mehr als f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit, unter der Leitung der ausgezeichneten Frau Emilie W\u00fcstenfeld, in der Armenpflege sowohl, als f\u00fcr die geistige, wie gewerbliche Ausbildung der M\u00e4dchen, die vornehmsten und au\u00dferordentlichen Resultate erzielt, ein Vorbild f\u00fcr alle Frauen Vereine die sich f\u00fcr \u00e4hnliche Zwecke seit 1865 neu gebildet haben.<\/p>\n<p>Wenn wir jetzt nach diesem Umwege, die wir nicht wohl vermeiden konnten, um zu zeigen wie die Gem\u00fcter schon vor 1848 in allen St\u00e4nden und bei beiden Geschlechtern erregt und auf Neues gefasst waren, zu den ma\u00dfgebenden Kreisen, die sich bem\u00fchten, immer mehr eine kompakte politische Organisation zu Stande zu bringen, zur\u00fcckkehren, so begegnen uns als besonders einflussreich die immer h\u00e4ufiger wiederkehrenden Zusammenk\u00fcnfte und Verabredungen der Kammermitglieder<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(350)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>aus den verschiedenen deutschen Staaten. Ihren Hauptsammelpunkt fanden sie am Rheine, bei den ehrw\u00fcrdigen Itzstein, auf dessen Gute Hallgarten, w\u00e4hrend oft zur selben Zeit, nur wenige Stunden davon entfernt, sich auf den Johannisberg die Feinde des Vaterlandes um ihren Meister Metternich scharten. Aber wie schlau er auch seine Kreise zog, so sehen wir doch, wie auch Preu\u00dfen zu Ende des Jahres 1847, es nicht mehr ganz zu ignorieren vermochte, dass zwingende Pflichten gegen Deutschland und gegen das eigene Volk vor ihm lagen. Ein Freund des K\u00f6nigs, der sp\u00e4ter so bekannt gewordene General von Radowitz, bekam den Auftrag, eine Denkschrift \u00fcber eine vorzunehmende Bundesreform zu entwerfen. Mit der Sch\u00e4rfe, die jenen Mann charakterisierte, unterwarf er die Leistungen des Bundes einer Pr\u00fcfung und gab auf die Frage, was der Bund seit den zweiunddrei\u00dfig Jahren seines Bestehens getan, die vernichtende Antwort \u201edas aus seiner Mitte auch nicht ein einziges Lebenszeichen erschienen w\u00e4re, aus welchem die Nation entnehmen k\u00f6nnte, dass Ihre dringendsten Bed\u00fcrfnisse, ihre wohl begr\u00fcndeten Anspr\u00fcche und W\u00fcnsche, im Rate des Deutschen Bundes irgendeine Beachtung f\u00e4nden\u201c. \u2013 Den Vorschl\u00e4gen zu einer zweckentsprechenden \u00c4nderung der Bundesverfassung, die man n\u00f6tigenfalls auch ohne \u00d6sterreich Zustimmung, wenn dieselben nicht zu erlangen sein w\u00fcrde, durchsetzen wollte, kam die Volkspartei entgegen, indem der Abgeordnete Bassermann in der Badischen Kammer, am 12. Februar 1848, einen Antrag stellte, welche die politische Schw\u00e4che Deutschlands eindringlich schilderte, und die Regierung geradezu aufforderte, sie m\u00f6ge dahin wirken, dass eine Vertretung der St\u00e4ndekammer bei dem Bunde nun endlich erreicht werde. Dann sollten Beide vereint, eine gemeinsame Gesetzgebung, sowie auch einheitliche nationale Einrichtungen zu Stande bringen. Mit allen Stimmen gegen f\u00fcnf wurde der Antrag unter dem allge-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(351)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>meinen Beifall Deutschlands angenommen, wie sehr auch der Minister Dusch sich w\u00e4hrend der Verhandlungen bem\u00fchte, die Vorteile des Partikularismus hervorzuheben und Baden durch die Vorstellung zu schrecken, dass dasselbe bei solchen Einrichtungen von einem bl\u00fchenden Staate, zu einer verk\u00fcmmerten Grenzprovinz herab sinken werde.<br \/>\nMit diesem Popanz hat man seitdem ja noch oft genug \u00e4ngstliche Gem\u00fcter zu bannen versucht und auch wirklich gebannt, w\u00e4hrend die Gegenwart uns gen\u00fcgend dar\u00fcber belehrt, wie die Glieder des Reiches sich im Gegenteil nur umso wohler und besser dabei befinden, wenn das Ganze gesund und lebenskr\u00e4ftig ist. \u2013 Man muss dabei nun wohl bemerken, wie sie schon seit dem Jahr 1847 in Baden eine Partei gebildet hatte, welche die Opposition der Kammern heraus in das Volk zu tragen wusste; es hatte sich dergestalt einer Volksopposition gegen\u00fcber der liberalen Partei, die sich damit begn\u00fcgte, Ihre Vertretung innerhalb des St\u00e4ndesaales zu suchen, organisiert. Auf einer gro\u00dfartigen Volksversammlung zu Offenburg im Herbst 1847 hatte sich zuerst dieses Verh\u00e4ltnis herausgestellt; dieselbe wurde geleitet von dem Liebling des deutschen und namentlich des badischen Volkes, von Friedrich Hecker und von dem bekannten Gustav Struve. Der Letztere war ein Mann, den man bald infolge seiner Exzentrizit\u00e4ten als den blutd\u00fcrstigen Revolution\u00e4r betrachten musste, und dabei doch so sanftm\u00fctig, dass er keinen Bissen Fleisch essen mochte, weil er dies f\u00fcr roh und tierisch hielt. Das Programm, welches diese beiden M\u00e4nnern aufstellten, unterschied sich wesentlich kaum von demjenigen der liberalen Abgeordneten, welches wir sogleich werden kennen lernen, nur mischte leider Struve, der Sozialist geworden, die volle Unklarheit der damaligen sozialen und kommunistischen Theorien und Vorstellungen mit hinein. Abgesehen von diesen Abkl\u00e4rungen war man im Gro\u00dfen und Ganzen einig \u00fcber das,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(352)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>was man wollte und erstrebte, dagegen sehr uneinig \u00fcber das wie, \u00fcber die Art und Weise, das gew\u00fcnschte zu erlangen und festzuhalten.<br \/>\nHecker und seine Anh\u00e4nger verlangten die Mitwirkung des Volkes, wenn es nicht anders angehe; die Liberalen dagegen wollten nur auf gesetzlichem Wege zu ihrem Ziele gelangen, sie wollten vor den Thronen stehen bleiben, \u00fcberzeugt, dass ein Ministerwechsel, eine Vereidigung des Milit\u00e4rs auf die reformierten Verfassungen, ein Versprechen der F\u00fcrsten, dieselben zu respektieren, v\u00f6llig ausreichend sein w\u00fcrden, die neue Freiheit und Einheit zu begr\u00fcnden. Die anderen beanspruchten dagegen st\u00e4rkere Garantien, und indem sie erwogen, wie die freiwillige Einheit von sechsunddreissig F\u00fcrsten, die bis dahin vollst\u00e4ndig souver\u00e4n gewesen, ein Ding der Unm\u00f6glichkeit sein werde, gelangten sie zu der \u00dcberzeugung, dass nur ein Wegr\u00e4umen der Throne, eine Begr\u00fcndung der Republik, den deutschen Einheitsstaat erschaffen k\u00f6nne, selbst angenommen, diese Republik werde nur der notwendige Durchgangspunkt f\u00fcr eine wirklich konstitutionelle Monarchie sein. So erwuchs wie mit einem Schlage eine starke republikanische Partei in dem bis dahin so zahmen Deutschland, und die gro\u00dfe Menge f\u00fchlte sich davon angestarrt, wie von dem Haupte der Medusa; man vermochte es eben noch nicht, Republik und Terrorismus voneinander zu trennen. Ganz gewiss befanden sich unter den Republikanern viele, die an und f\u00fcr sich f\u00fcr diese Staatsform schw\u00e4rmten, \u2013 das Gros der Partei, so darf man wohl k\u00fchn behaupten, ging nicht einmal so weit, sie sahen darin nur den einzigen praktischen Weg aus der Zerrissenheit und Vielf\u00e4ltigkeit zur Einheit zu gelangen, und wie recht sie damit hatten, bewiesen uns die Ereignisse des Jahres 1866, wo die Revolution von oben in \u00e4hnlichem Sinne aufr\u00e4umte, wie es damals von unten her geschehen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(353)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist zu bedauern, dass ein Teil der damaligen Republikaner die ver\u00e4nderte Sachlage mit dem Starrsinn von solchen, die eine Sache nur dann anerkennen, wenn sie dieselbe eigenh\u00e4ndig zu Stande gebracht haben, fort und fort befeinden. Wer die Einheit tats\u00e4chlich liebte und erstrebte, musste zufrieden sein, wenn sie \u00fcberhaupt erlangt wurde und nicht die alte Zerrissenheit in der Form von F\u00f6derativ-Republiken, wof\u00fcr man nach dem Vorbild der Schweiz schw\u00e4rmte, verewigt sehen wollen. \u2013 Sie sehen aus dieser Darlegung, wie also bereits im Keim zwei gro\u00dfe Parteischattierungen in Deutschland existierten, ehe noch der glorreiche M\u00e4rz 1848 \u00fcber uns angebrochen war. H\u00e4tte Preu\u00dfen nur ein Jahr fr\u00fcher das Wehen seiner Zeit verstanden und ber\u00fccksichtigt, es w\u00e4ren uns und ihm und vor allem seinem K\u00f6nige selbst, schwere Jahre der Pr\u00fcfung erspart geblieben; jetzt, da es eben im Begriffe war, das Bessere zu wollen, sich aufzuraffen zu einer Tat, welche die ersehnte Einheit bringen sollte, da schmetterte ihm die Weltgeschichte ihr: zu sp\u00e4t! entgegen. \u2013<\/p>\n<p>Die ersten unmittelbaren Wirkungen der franz\u00f6sischen Revolution hatten sich in der preu\u00dfischen Rheinprovinz geltend gemacht, wo man nicht \u00fcbel Lust zeigte, sich mit dem republikanischen Nachbar aufs Neue zu vereinigen, um das zu retten, was dem Rheinl\u00e4nder arg bedroht schien, seine franz\u00f6sische Gesetzgebung. W\u00e4hrend sich in K\u00f6ln eine Deputation nach Berlin vorbereitete und in den anderen rheinischen St\u00e4dten \u00fcberall Volksversammlungen zusammenstr\u00f6mten, gab sich schon am 27. Februar 1848 eine gro\u00dfartige Manifestation in Mannheim kund. Unter dem Jubel von tausenden wurde eine Adresse an die Kammer entworfen, welche die Forderungen des Volkes enthielt, und in der besonders auf die Gefahren hingedeutet war, welche Deutschland von Frankreich wie von Russland aus bedrohten, insofern es sich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(354)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>jetzt nicht endlich aus seiner Ohnmacht aufraffe und seine F\u00fcrsten nicht versuchten, sich auf ihr Volk zu st\u00fctzen, indem sie unverz\u00fcglich dessen gerechte Forderungen erf\u00fcllten! \u2013<br \/>\nDiesem Sturme vermochten die badischen Minister nicht zu widerstehen, sie f\u00fcgten sich in das unvermeidliche, wurden \u00fcber Nacht auch liberal und antworteten mit freisinnigen Vorlagen in der Kammer, die einen Teil des Gew\u00fcnschten enthielten, auch wurden M\u00e4nner der Opposition, welche das Vertrauen des Landesgenossen, wie Welcker, in den Staatsrat und zu h\u00f6heren \u00c4mtern berufen. Aber so leichten Kaufes kann man dieses Mal nicht davon; die B\u00fcrger Mannheims und die der benachbarten Orte hielten es f\u00fcr notwendig, durch Ihr pers\u00f6nliches Erscheinen in Karlsruhe der Sache mehr Nachdruck zu geben. Man sagte sich folgendes: \u201ewir sind 1830 und 40 auch mit sch\u00f6nen Versprechungen hingehalten und dann bitter get\u00e4uscht worden; die Fr\u00fcchte der Julirevolution hat man uns ganz ebenso hinweg gestohlen, wie den Franzosen; jetzt ist es Zeit mit Nachdruck zu verlangen, was uns geb\u00fchrt!\u201c \u2013 So zogen denn wirklich am 1. M\u00e4rz von allen Seiten die Badener nach Karlsruhe heran und wo man von ihrem Erscheinen wusste, empfing man sie im Bahnhofe mit jubelnder Begeisterung, w\u00e4hrend Frauenh\u00e4nde die angekommenen mit schwarz-rot-goldenen Schleifen schm\u00fcckten. Ein Zug von etwa 20.000 Menschen begab sich von da vor das St\u00e4ndehaus, wo sie durch Hecker, Itzstein, Brentano und anderen empfangen wurden. W\u00e4hrend die gr\u00f6\u00dfere Menge drau\u00dfen blieb, wurden von Ihnen gew\u00e4hlte Deputierte, geleitet von den Volksvertretern, herein gef\u00fchrt und hinauf in den St\u00e4ndesaal gebracht, wo sie ein gleicher Jubel wie am Bahnhof begr\u00fc\u00dfte. Aber ehe nun noch die Vorstellungen, die sie mitbrachten, verlesen werden konnten, verk\u00fcndete bereits der Minister Beck, dass das freiere Pressgesetz von 1831, welches man auf Anf\u00e4ngen \u00d6sterreichs aufgehoben<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(355)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hatte, wieder in Kraft treten solle. Der Enthusiasmus, der nun losbrach, verbreitete sich nach au\u00dfen, setzte sich auf der Stra\u00dfe fort und im St\u00e4ndesaal selber rief der Pr\u00e4sident Mittermaier, mit Tr\u00e4nen im Auge, aus: \u201ein solch heiligem Augenblick d\u00fcrfe man dem Ausbruch des Gef\u00fchls nicht wehren!\u201c Als man sich wieder beruhigt, verlas Hecker die Petitionen, welche die Deputierte \u00fcberbracht hatte. Die Forderungen, die sie enthielten, wurden, mit geringen Unterscheidungen, dass Freiheitsprogramm f\u00fcr das ganze \u00fcbrige Deutschland, und indem ich dieselben an dieser Stelle mitteile, m\u00f6gen sie zugleich den Stand-und Zielpunkt aller Aufst\u00e4nde und Revolutionen bezeichnen, die von jenem Tage an ihre Runde durch alle 36 deutsche Staaten machten. Eine Forderung von h\u00f6chster Wichtigkeit war vorerst diejenige, welche dem Milit\u00e4r, dem St\u00fctzpunkt des absolutistischen Regiments, seine Ausnahmestellung zu nehmen, den Soldaten zum B\u00fcrger zu machen versuchte. Man hoffte dies durch die Beeidigung des Heeres auf die Verfassung wirksam zu erreichen. Weiter verlangte man ein Gesetz \u00fcber Ministerverantwortlichkeit und Schwurgericht, eine gerechtere Steuerverteilung nach Ma\u00dfgabe des Eigentums (Verm\u00f6gensteuer), Abschaffung des bevorrechtigten Gerichtsstandes f\u00fcr Milit\u00e4r und Adel, Vertretung des deutschen Volkes durch ein Parlament, Unabh\u00e4ngigkeit des Richterstandes, und endlich, was sich eigentlich von selbst verstand, ein neues Ministerium, dem das Vertrauen des Volkes und der Kammer entgegenzukommen verm\u00f6ge. W\u00e4hrend nun im St\u00e4ndesaal beschlossen wurde diese Forderungen augenblicklich zu beraten, tagte auf den Stra\u00dfen ein Volksparlament unter Leitung von Hecker und Struve, dieses f\u00fcgte dann dem Genannten noch seine weitergehenden Forderungen hinzu, die sogleich gedruckt und in tausenden von Exemplaren verbreitet wurden.Diees<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(356)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>zweite, viel weitergehende Programm verlangte \u00fcberdies, das Volk solle das Parlament selbst erw\u00e4hlen, und zwar nach dem denkbar freisinnigen Wahlgesetz; jeder Deutsche von 21 Jahren w\u00fcrde demnach wahlberechtigt, jeder von 25 Jahren zur Wahl bef\u00e4higt gewesen sein. Ferner forderte man vollst\u00e4ndige Lehrfreiheit allgemeines deutsches Staatsb\u00fcrgerrecht, folglich: Freiz\u00fcgigkeit, Abschaffung aller Vorrechte, Z\u00fcnfte, Feudallasten usw. und endlich eine gerechte Ausgleichung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Kapital und Arbeit, womit die soziale Frage schon vollst\u00e4ndig in die Bewegung mit hineingezogen war. \u2013 Wir sehen, dass es an Klarheit \u00fcber das Gewollte nicht fehlte, w\u00e4re man sich nur auch ebenso klar dar\u00fcber gewesen, wie das Geforderte dauernd zu erringen sei!<br \/>\nVom den eben erz\u00e4hlten Ereignissen in Baden an, war nun der Strom der Revolution nicht mehr zur\u00fcckzuhalten und schon nach f\u00fcnf bis sechs Tagen hatte er im ganzen S\u00fcdwesten Deutschlands alles weggeschwemmt, was man jahrelang so k\u00fcnstlich dagegen aufgebaut hatte, und wie einst die Franzosen die Trikolore, so pflanzte man allerorten die schwarz-rot-goldene Fahne auf, um sich unter dem alten Reichsbanner zu einem freiheitlichen Leben zu einigen. Von Baden verpflanzte sich die Bewegung zuerst nach auch dort wurde das Ministerium gewechselt und Volksm\u00e4nner wie P. Pfister, Duvernoy und der Liebling der Schwaben, R\u00f6mer, traten an die Spitze der Regierung. In das Entz\u00fccken und die Freude mischten sich indessen jetzt schon Bef\u00fcrchtungen; unruhig bewegt erhoben sich die Bauern und Fabrikarbeiter des badischen und w\u00fcrttembergischen Schwarzwaldes, und vom ersten Beginn an zeigte es sich, wie dicht hinter der politischen, das Schreckgespenst der sozialen Umw\u00e4lzung sich erhob, welche die Gem\u00fcter der gro\u00dfen Masse in ganz anderer Weise bewegte, als alles was man jetzt in<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(357)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>den Kammern zu erringen strebte. Sehr richtig hob es ein Sprecher der Menge, der Fabrikant Rau von Gaildorf hervor, wie ein deutsches Parlament, so w\u00fcnschenswert er es auch erachte, dem Volke kein Brot geben, eine noch so gute Gesetzgebung nicht den Hunger zu stillen verm\u00f6ge. Was hatte man nicht alles zu tun vers\u00e4umt, w\u00e4hrend der langen Ruhe-und Friedenszeit; wie dr\u00fcckten den Bauern noch an vielen Orten die Feudallasten, wie lagen Ackerbau und Gewerbe hilflos darniede Nun aber lief die allgemeine Aufregung auch diese unzufriedenen Elemente mit auf den Kampfplatz, und alles arbeitsscheue Gesindel hing sich daran. Ganz \u00e4hnlich wie in den drei\u00dfiger Jahren, nur in weit ausgedehnterem Ma\u00dfe, wurden auch jetzt wieder die Grundb\u00fccher zerst\u00f6rt, die Amtsh\u00e4user und die Standesherrschaften mit dem kleinen Krieg bedroht, und die Juden auf dem Land, leider nur zu oft die Aussage des Bauern, verfolgt. Gestohlen wurde nur selten bei diesen Exzessen, umso mehr aber zerst\u00f6rt. In den Gegenden, wo einst der Bauernkrieg gew\u00fctet, der Bundschuh war aufgepflanzt worden, brachte der Aufruhr zuerst los, um sich von da \u00fcber ganz Deutschland zu verbreiten; oft war es nur sehr geringes, was die Leute verlangten, weil eben ihre politische Unbildung sie nur das allern\u00e4chster als dr\u00fcckend empfinden lie\u00df. So waren an vielen Orten: Laub und Streusel! die Signatur und das Losungswort der l\u00e4ndlichen Revolutionen, weil es nach dem Notjahr von 1847 an Stroh f\u00fcr das Vieh fehlte, welches man durch Moos und d\u00fcrre Bl\u00e4tter ersetzen wollte, ohne die Erlaubnis der Beh\u00f6rden daf\u00fcr erlangen zu k\u00f6nnen. Charakteristisch genug f\u00fcr den politischen Bildungsstandpunkt des Volkes war dieses Begehren, und doch wieder einen tiefen Einblick in dessen Notstand gew\u00e4hrend, dass man sich mit so wenigen schon zufrieden gab. Einige Monate sp\u00e4ter, da hie\u00df es freilich schon: es wird geteilt! und vor den Augen der Gebil-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(358)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>deten und besitzenden erhob sich das Schreckgespenst des Kommunismus und schreckte sie zur\u00fcck in die Reihen der Reaktion, die ihr nur zu gerne mit diesem Schreckbild drohte. Man wurde dann im Handumdrehen ebenso kleinm\u00fctig und zaghaft, wie man zuvor gro\u00dfm\u00e4ulig gewesen und vergeblich blieben die Bem\u00fchungen einer kleinen Minorit\u00e4t, den Erschrockenen begreiflich zu machen, dass man die t\u00f6richten Ausschreitungen nicht \u00fcberw\u00e4ltige, indem man sie gewaltsam niederschlage und ihren Ursprung ignoriere, sondern nur, wenn man sich bem\u00fche, das \u00dcbel zu untersuchen und wom\u00f6glich zu heilen Heute fehlt es uns freilich nicht an \u00c4rzten aller Art daf\u00fcr, und hoffen wir, dass sie den rechten Ausweg finden,. Nur wird es immer zu beklagen sein, dass man sich viel zu sp\u00e4t mit den W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen des vierten Standes besch\u00e4ftigte, und es namentlich vers\u00e4umt hat, dem Volke jene Einsicht und Bildung zu geben, welche es bef\u00e4higt, zwischen falschen und wahren Lehren zu unterscheiden. \u2013<br \/>\nDoch wenden wir uns von dieser Aufz\u00e4hlung der Schattenseite unserer gro\u00dfen Bewegung, zur\u00fcck zu der leuchtenden Freiheit somit jeder herrlichen M\u00e4rztag jedem unvergesslich sein werden, die sie mit vollem Bewusstsein erlebt und durchgemacht hat. Wie im Badischen die Stadt Mannheim, so gab in Hessen Mainz den ersten Ansto\u00df zu einer Bewegung des Gro\u00dfherzogtums. Dort schloss die Generalversammlung des Narrenvereins mit dem Rufe ab: \u201ekein Karneval, sondern Pressfreiheit und Volksbewaffnung!\u201c Die Gesellschaft wandelte sich in eine gro\u00dfartige B\u00fcrgerversammlung um, welche beschloss, in einem Zuge nach Darmstadt zu ziehen und der Kammer eine Adresse zu \u00fcberreichen, die sich zun\u00e4chst an einen der Vertreter von Mainz, den Advokaten Zitz richtete, und es d\u00fcrfte sich wohl hier am besten verlohnen, eine kleine Probe von der Sprechweise der Adressen aus jenen Tagen zu geben, da ge-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(359)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>rade diese Mainzer Adresse eine der charakteristischsten, durch die Entschiedenheit ihres Ausdrucks ist. Sie begann folgenderma\u00dfen:<br \/>\n\u201eDer m\u00e4chtige Atem der Zeit hat den Dunst verweht, welchen Hofdiener und kurzsichtige Regierungsbeamte dem geistigen Auge der F\u00fcrsten vorzumachen bem\u00fcht waren. \u00dcberall ist die Stimme des Volkes laut geworden, und wo sie missachtet wurde, hat der bewaffnete Arm die Rechte des Menschen zu fassen gewusst, die ihm eine verabscheuenswerte Politik nur zu lange vorenthalten hat. Auch in Hessen ist mit den Zugest\u00e4ndnissen gegeizt worden und eine verblendete Regierung hat die Liebe des Volkes zu Ihrem F\u00fcrsten in hohem Grade beeintr\u00e4chtigt. In solchen Zeiten aber bew\u00e4hrt sie sich, und Rheinhessens B\u00fcrger werden die Treue bewahren, wovon sie schon so oft Zeugnis abgelegt. Aber sie verlangen dagegen mit allem Nachdruck alles, was ihnen die Verfassungsurkunde zugestellt. Sie verlangen die L\u00f6sung der Presse von allen ihren Fesseln; sie verlangen, dass ihre Gesetzgebung, die B\u00fcrgschaft ihrer b\u00fcrgerlichen Freiheit unangetastet bleibe. Sie verlangen, dass das stehende Heer, dieser fressende Krebs am Staatseinkommen, aufgehoben und Volksbewaffnung an dessen Stelle gesetzt werde, sie verlangen volle Freiheit des Gemeinde-und Volkslebens, ohne Polizeigewalt und Beamtenbevormundung; sie verlangen das Recht ihren St\u00e4nden die W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse ihres Landes offen auszusprechen und sich zu diesem Zwecke zu versammeln. Sie verlangen endlich eine Verfassungsurkunde in zeitgem\u00e4\u00dfem Geist, ein besseres Wahlgesetz, Gleichstellung und Freiheit des religi\u00f6sen Kultus, eine wahrhafte Vertretung des deutschen Volkes durch ein Parlament. \u2013 Die Zeit dr\u00e4ngt. Soll den Ereignissen vorgebeugt werden, so m\u00fcssen Taten an die Stelle des leeren Wortschwalls treten. Die Kammer hat eine hohe Ver-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(360)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>antwortlichkeit gegen F\u00fcrst und Vaterland: m\u00f6ge sie sich ihres Berufs w\u00fcrdig erweisen!\u201c \u2013<br \/>\nDas war klar und b\u00fcndig gesprochen; die Spitze richtete sich nicht gegen den F\u00fcrsten sondern gegen den Minister du Thil, einen echten Metternichdiener, und so wie hier, geschah es \u00fcberall, dass man die obersten Beamten der F\u00fcrsten, nicht aber den Monarchen selber, anklagte. \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/geschwisterbuechner.de\/2014\/03\/18\/wenn-nur-der-nagel-haelt-dass-die-fahne-nicht-herunterfaellt\/\" target=\"_blank\">Hier geht es zu Teil II des Revolutionsberichtes\u00a0<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>von Peter Brunner<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den n\u00e4chsten Tagen wird es hoffentlich auch noch an anderer Stelle Informationen, Hinweise und Reminiszenzen zur Revolution von 1848 und ihren Jahrestagen im M\u00e4rz geben. 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