Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Luise Büchner (Seite 19 von 24)

Sandor Petöfi – der Georg Büchner Ungarns?!

Noch einmal zurück zur Weimar-Exkursion der Luise Büchner-Gesellschaft :

Beim Spaziergang durch den Park an der Ilm kamen wir am Petöfi-Denkmal vorbei,

und Agnes Schmidt, die Vorsitzende, hatte sich darauf mit einem Gedicht vorbereitet.  Mit einiger Berechtigung hat sie Petöfi den Büchner Ungarns genannt,

und sie hat mir erlaubt, das kleine Video von ihrem schönen Vortrag zu veröffentlichen.

Hier habe ich eine andere Übersetzung des Gedichtes „Ende September“ online gefunden.

Zu Luise Büchners 191. Geburtstag am 12. Juni 2012

 

 

„ … Was können uns jene jungen Wesen nutzen, die aus der Schule heraus nicht eilig genug ins Leben treten können, ohne Ahnung eines höheren Berufes, eines ernsteren Strebens? Aus ihren Reihen wird nur selten die tüchtige Mutter, das ächte Weib hervorgehen. Trunken vom Glanze der Ball- und Gesellschftssäle, schweben sie, wie im Traume, durch ihre Jugend; aber wohl selten birgt sich unter dem flatternden Gewand das starke Herz, die hochbeschwingte Seele, deren die Frau doch so sehr, so nothwendig bedarf. Wie lieblich rauschen einige Jahre dahin, leichtbeschuht und voller Glanz; aber die Scene muß sich ändern, das wirkliche Leben klopft an die Pforten. Wie Viele wird es dann zum Kampfe bereit finden? Wie viele sind dann seinen gerechten Ansprüchen gewachsen? Ob die Ehe oder das Loos der Unverheirateten diese heiteren Gestalten erwartet, nur diejenige Frau kann ihren höheren Lebenszweck erfüllen, welcher die Erziehung die Mittel dazu an die Hand gegeben. Aber diejenige Erziehung kann weder Ernst noch Tüchtigkeit verleihen, der es selber daran fehlt, und wer den Lebensweg der meisten weiblichen Naturen verfolgt, wird finden, daß ihnen mit richtiger Bildung Alles gegeben wäre, während ihnen ohne dieselbe Alles genommen ist. O, ihr rosigen Kinder, euren Frohsinn und eure Heiterkeit möchten wir um keinen Preis der Welt euch rauben, ihr sollt Rosen in´s Haar flechten und das weiße Gewand tragen, aber darunter die Rüstung der Pallas Athene.“

 

Luise Büchner: Die Frauen und ihr Beruf. Leipzig: Thomas. 5. Aufl. 1884, S. 9/10

Exkursion der Luise Büchner-Gesellschaft nach Weimar im Spiegel eines Twit-Streams

Vom  7. bis 10. Juni war die Luise Büchner-Gesellschaft Darmstadt auf einer Exkursion nach Weimar.

Hier folgt die Wiedergabe der unkorrigierten und ungekürzten Kommentare via Twitter, die ich als Teilnehmer während dieser Fahrt zu den spontanen Eindrücken der Besichtigungen und Ereignisse verschickt habe. (Twitter-Unkundige müssen dazu hier eigentlich nur wissen, dass das eine Kommunikationsstruktur ist, die den Versand von Nachrichten in knapper Form möglich macht.) Lesen konnten das meine „Follower“, also diejenigen, die meine (eher seltenen) Twitter-Kommentare regelmäßig lesen, sowie alle, die dieses Thema, markiert durch den „Hashtag“ (das Stichwort) #LuiseWeimar verfolgen wollten.

Natürlich ist das hier ein Experiment, das ich nicht ständig wiederholen werde, keine Angst!

Die hier rot angezeigten „Links“ führen zu den Bildern, die ich ebenfalls unmittelbar aus dem Geschehen heraus gemacht und verschickt habe, sie sind daher auch nicht der Höhepunkt meiner fotografischen Möglichkeiten; hier sollen sie aber so „roh“ (und gelegentlich, wie ich feststellen musste, auch gekippt)  wiedergegeben werden.

 Ich freue mich über Kommentare und Fragen.

 

Luise Büchner-Gesellschaft Darmstadt auf Weimar-Exkursion:#LuiseWeimar

#LuiseWeimar Agnes Schmidt: grosse Landgräfin verbindet Darmstadt und Weimar: verheiratet Tochter Luise

#LuiseWeimar A. Schmidt über Goethe in Darmstadt; J H Merck. „Empfindsame“ einziger erwähnenswerter Literaturkreis Darmstadts

 #LuiseWeimar Johanna Schopenhauer über Goethes „Bettschatz“: wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr eine Tasse Tee geben

#LuiseWeimar J. Schopenhauer wunderte sich, dass die Darmstädter anstelle von Milch oder Limonade auch Frauen ein Glas Wein reichten

#LuiseWeimar Grenzübertritt: Gofforaum auf!

 #LuiseWeimar Im Schatten der Wartburg erinnert die ungarnstämmmige Agnes Schmidt an die gemeinsame Stammmutter Erszebet/Elisabeth

 #LuiseWeimar wurde genötigt, die Anreiseszene aus Lotte in Weimar vorzulesen. Sächsle mit Kammerdiene Mager. Jetzt sprachlos.

#LuiseWeimar angekommen http://via.me/-1t71kdk

#LuiseWeimar Hotel Elephant. Eingecheckt. Gattin verschwindet vorübergehend im begehbaren Kleiderschrank.

#LuiseWeimar Anna Amalia Bibliothek: wir hatten reserviert!http://via.me/-1tbwwlg

#LuiseWeimar Besuch am Grab von Goethes Christianehttp://via.me/-1tg17g2

#LuiseWeimar Aus dem reichhaltigen Frühstücksangebot im „Elephant“http://via.me/-1u5xn56

#LuiseWeimar Unvergesslicher Besuch im noch nicht eröffneten Goethe- und Schiller-Archiv. Und Buechnerhandschriften!http://via.me/-1u987x6

#LuiseWeimar Agnes Schmidt zitiert ein Gedicht von Petöfi, dem#Buechner Ungarns, vor seinem Denkmal http://via.me/-1ud8few

#LuiseWeimar Im Goethehaus. G. zum jungen Mendelssohn-Bartholdy: „Mache er mir ein wenig Lärm!“ http://via.me/-1uhkv94

#LuiseWeimar Darmstädter zur Sonne. … http://via.me/-1uo3lbc

#LuiseWeimar Annette Seemann zu Salons in W. J. Schopenhauer bietet Tee und Butterbrote, „aber sie kommen doch wieder“http://via.me/-1uo5yi8

#LuiseWeimar Frühstückstische sind gedeckt – und dann zum Wieland-Gut! http://via.me/-1v7tx42

#LuiseWeimar Kurzes Arno Schmidt Gedenken an Wielands Grabhttp://via.me/-1vapth2

#LuiseWeimar Scharfe Debatte über Fotoverbot in Tiefurt: Mißbrauch des Hausrechts! http://via.me/-1ve4khk

#LuiseWeimar #Buchenwald das KZ, das aus Pietätsgründen nicht Weimar heißen durfte http://via.me/-1vismsu .

#LuiseWeimar man muss Nietzsche nicht verehren, um für Van der Velde zu schwärmen http://via.me/-1vkcnri

#LuiseWeimar Kuchen bei Rose an der Herderkirche – seit vielen Jahren backt so in Darmstadt keiner mehr! http://via.me/-1vqpzuc

#LuiseWeimar Belvedere: Friede den Palästen? http://via.me/-1wm40fy

#LuiseWeimar Letzte Station Schloß Kochberg. Auf der Karte Georg#Buechner s Leibgericht? http://via.me/-1wyccd8

#LuiseWeimar Heimfahrt. Grenzübertritt nach Hessen komplikationslos.http://via.me/-1x133do

#LuiseWeimar Erfolgreich und erschöpft zurück; keine Verluste. Das war nicht die letzte Exkursion der Luise Büchner-Gesellschaft!

 


Zwei Schwestern und ein Todesfall – oder: Es ist nicht leicht, eine Darmstädterin zu sein

Zur Uraufführung von  „Luise & Mathilde”, Kammerspiel von Peter Schanz 

Samstag, 12. Mai 2012, Staatstheater Darmstadt, Kammerspiele

Hier die Besprechungen von Johannes Breckner im DARMSTÄDTER ECHO und von Leopold Schuwerak im Hessischen Rundfunk

 

Der Theaterautor und Dramaturg Peter Schanz hat zur „Büchnerbiennale“, dem unermüdlichen Feiern von wahlweise Georg Büchners Geburtstag oder Todestag, ein Theaterstück geschrieben und inszeniert. Für die Dramaturgie ist Caroline Zacheiß verantwortlich. Es ist den beiden Schwestern des großen Dichters gewidmet. Die Premiere fand am Samstag im Kammerspiel des Darmstädter Staatstheaters statt, das den Charme eines Lofts mit dem Chaos eines Kulissenlagers verbindet und übernormgroße Zuschauer auf Folterstühlen quält. Folgerichtig hat Schauspieldirektor Martin Apelt auch kein Bühnenbild eingerichtet, sondern in der Mitte der Bühne eine Art Umzugsdepot aus Küche, Tisch und Bank aufstapeln lassen, das zu Beginn der Aufführung von den beiden Schwestern erst einmal zur Theaterkulisse auseinandergezogen und als Wohnungseinrichtung platziert wird.

 

Schauspieldirektor Martin Apelt bei der öffentlichen Probe vor dem zukünftigen Bühnenbild  

 

Margit Schulte-Tigges und Sonja Mustoff kommen als Frauen von heute auf die Bühne, und nach 90 Minuten werden sie die Verwandlung zu den zwei Büchnerschwestern vor dem Publikum rückgängig machen und sich zurück ins Heute begeben.

Zunächst verpuppen sich die beiden zu dem Duo, das Mitte des neunzehnten Jahrhunderts jahrzehntelang miteinander in Darmstadt lebte. Die schwesterliche Eintracht der äußerlich ganz verschiedenen Frauen zeigt sich schon beim gegenseitigen Ankleiden der zeitgemäßen schwarzen Kostüme voller Haken und Ösen, die ironische Distanz zur Rolle in der Bemerkung „jetzt könnte mal jemand den Reissverschluss erfinden“. Brav nimmt Mathilde ihren Part in der Küche an, während Luise sich mit Papier und Feder am Tisch niederlässt. Wie eine Imagination des toten Bruders Georg hat der Autor seinen Akteurinnen einen Spielmann erfunden, den sich Mathilde „von dem da oben“ wünscht. Finn Henrik Hanssen, der auf der Riedstädter Büchnerbühne in „Wenn es Rosen sind werden sie blühen“, der Adaption von Kasimir Edschmidts Büchner-Roman, gerade einen großartigen Ludwig Weidig spielt, gibt mit frischer Jugendlichkeit einen Cicisbeo mit der Gitarre. Die Tagträume der Schwestern darf er mit den geliebten Volksliedern untermalen. Nicht als Geschichtsstunde, als biographischer Essay faltet sich im Trialog das Leben der beiden Frauen auf. Schanz lässt Luise ihren Raum als bedeutender Frauenrechtlerin, ohne die Schwester Mathilde als Hausmütterchen zu denunzieren. Im Gegenteil ist der ältesten Büchnerschwester, von der außer ihrem Namenszug kaum ein Stück schriftlicher Hinterlassenschaft übrig geblieben ist, selten so sehr Recht geschehen wie hier auf der Darmstädter Bühne. Mathilde kennt und kommentiert Luises Werk und präsentiert sich glaubwürdig als die Hüterin der Familienschätze, die unglücklicherweise dem Darmstädter Feuersturm vom 11. September 1944 zum Opfer gefallen seien. Schanz hat seine Hausaufgaben gemacht – er zitiert damit eine sehr berechtigte Vermutung von Agnes Schmidt, der Vorsitzenden der Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft. Darüber hinaus schafft er es, Luise Büchners Denken und Arbeit mit gut gewählten Zitaten anschaulich zu machen. Auch Anspielungen auf Darmstädter Lokalkolorit in Sprache und Erzählung gelingen zur hörbaren Freude des Auditoriums, das darin übereinstimmt, dass Pralinen keinesfalls in der Vorort-Provinz Griesheim gekauft werden dürfen. Die Rückverwandlung der beiden in Frauen von heute geht einher mit Dialogen, die uns ganz die Aktualität auch dieser Büchners vermitteln; sei es in der RAF-Hysterie der siebziger Jahre oder in der für Darmstadt noch immer denkwürdigen Frauenaktion gegen einen Sexshop.

 

Zum Ende der unterhaltsamen Aufführung findet das glücklicherweise lange nicht mehr im Theater erlebte Einbeziehen des Publikums, allerdings erfreulich unaufdringlich und durchaus der Stringenz des Stückes folgend, mittels Einladung zum Abendimbiss statt. Mathilde hat Fischsuppe für alle gekocht – aus Barben natürlich.

 

Mit reichlichem Beifall bedankte sich das Publikum bei dem glänzend aufgelegten Ensemble mit Autor und Schauspieldirektor.

 

Als erfrischender Kommentar zum gelegentlich überintellektualisierten Georg Büchner-Gedenken ist dieser schönen Aufführung als Denkmal der Büchnerschwestern und als Memento der noch lange nicht am Ziel angekommenen Frauenbewegung viel Erfolg und eine lange Spielzeit zu wünschen!  

„Heiliger Rock, bitt´ für uns!“´was zuletzt selbst den Pfaffen zu stark wurde

Der katholische Klerus hat es sich nicht nehmen lassen, erneut ein Stück Stoff zur Anbetung auszustellen. Der sogenannte „Heilige Rock“ (hier der Wikipedia-Eintrag dazu) ist wieder einmal Wallfahrtsziel in Trier.  

Luise Büchner hielt in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in Darmstadt Vorträge zur Deutschen Geschichte, die 1875 als Buch erschienen.  

Hier der Auszug über die Heilig-Rock-Wallfahrt von 1844 – wieder einmal ein Büchnertext, dem man sein Alter kaum zumuten will! Der erwähnte „junge, freilich abgesetzte Priester“ war Johannes Ronge und seine Schrift Anlass zur Gründung der Deutschkatholiken

 

 

 

 

 

(294) Mit Staunen, Sport und Verwunderung las man eines Tages in den Blättern, dass der hoch würdige Bischof Arnoldi von Trier befohlen habe, eine der wundertätigst den Reliquien der katholischen Kirche, den Heiligen Rock Christi am 18. August 1844 öffentlich auszustellen.

 

Katholische Professoren und Kapläne setzten ihre Feder in Bewegung, um den Rock zu beschreiben und dessen wundertätige Kräfte anzupreisen; seine merkwürdigste Eigenschaft war wohl ohne Zweifel diese, dass der ungenähte Rock, den Maria ihrem Sohne als er ein Kind war, gesponnen und gewebt, mit ihm gewachsen sein sollte. „Führwar“, so sagte Arnoldi´s Kaplan, „ein Kleinod, das man kaum ohne Andachtszähren anschauen kann!“

 

Im zwölften Jahrhunderte war der wundertätige Rock zum ersten Mal ausgestellt gewesen, dann lange nicht mehr, bis es 1512 auf Verlangen von Papst Leo X. geschah, demselben, der ja bekanntlich auf jede Weise Geld für den Bau seiner Peterskirche in Rom zusammen suchte und der durch seinen, zu gleichen Zwecke organisierten Ablasshandel in Deutschland, Luthern zuerst veranlasste; sich gegen Rom zu empören. Schon damals war mit der Ausstellung des Rockes und der Wallfahrt dahin ein vollständiger Ablass der Sünden verbunden, und dies zeigte sich als so ergiebig, dass er von da an noch öfter erschien, wenn sich die Kirche in Geldverlegenheit befand. Zum letzten Male war er 1810 ausgestellt gewesen. Die Franzosen hatten ihn weggeraubt und nach Augsburg gebracht. Auf Befehl Napoleons jedoch kehrte er nach Trier zurück und zeigte sich bei dieser Gelegenheit noch einmal öffentlich, bis man dann, zum Wohle des Jahrhunderts, im Jahre 1844 eine neue Komödie mit ihm veranstaltet. Es war so glücklich vorgearbeitet, dass schon in den ersten acht Tagen 150.000 Wallfahrer nach Trier kamen, um den Rock zu sehen. Mit Tagesgrauen bildeten die frommen Neugierigen eine lange Reihe vor der Kirche, durch die sich dann täglich 12 Stunden lang unausgesetzt ein Menschenstrom ergoss. Vor dem Glasschrein angelangt, der das Heilige Kleidungsstück barg, murmelte der Andächtige ein kurzes Gebet, ein bereitstehen der Priester nahm die Gegenstände,(296) die der Beter zur Weihung mitgebracht, – Rosenkranz, Ablasszettel, Amulette, Wachskerzen und so weiter ab und rieb sie einen Moment an dem Glas des Schreines, dann ging es an der anderen Seite zu der Kirche wieder hinaus. Vom 18. August bis 7. Oktober waren ungefähr 12 Millionen Menschen nach Trier gekommen, freilich nicht alle Gläubige, sondern auch viele darunter, welche das Schauspiel mit ansehen und sich darüber spottend oder entrüstet äußern wollten. – Vor der Kirche standen reihenweise Buden mit Ablasszettel, Rosenkranz, abscheuliche Abbildungen des Rockes und ähnlichen Gegenständen, die rasend verkauft wurden und eine ungeheuere Einnahme bildeten. Ja, man liest diese wertlosen Gegenständen massenhaft auf die oben beschriebene Weise weihen und verkaufte sie dann an solche, die nicht selbst kommen konnten; bis nach Paris hin wurde ein lebhafter Handel damit getrieben. An Opfergeld allein gingen außerdem nahe an 100.000 Taler ein, und als nun gar der Rock noch anfing alle möglichen Wunder zu verrichten, Lahme heilte, Blinde sehen und Stumme sprechend machte, da erreichte der Wahnsinn den höchsten Grad. Auf den Knien lagen die Leute und flehten: „Heiliger Rock, bitt´ für uns!“´was zuletzt selbst den Pfaffen zu stark wurde; sie erklärten in den öffentlichen Blättern, nicht der Rock, sondern der heilige Rochus sei damit gemeint gewesen. Aber nicht das geringe Volk allein, auch die vornehmsten beteiligten sich an der Tollheit, namentlich als es hieß, der Rock habe eine wunderbare Heilung an der jungen Gräfin Droste-Vischering, aus einer der ersten Adelsfamilien Westfalens vollbracht. Sie sei auf Krücken zu dem Rocke gekommen, nach inbrünstigem Gebiet aber mit heilen Füßen wieder davon gegangen und, wie es in einem Spottlieder aus jener Zeit hieß: „die Gräfin Droste-Vischering noch selbigen Tags zum Tanze ging!“ Vollständig genesen. Leider blieben der Armen, die im Momente (297) der höchsten Aufregung, vielleicht für ein paar Minuten ihre Kraft wieder gewonnen hatte, die Krücken nach wie vor.

 

Durch die gesamte Presse aber tönte jetzt ein Schrei der Entrüstung, der umso mehr gerechtfertigt erschien, als die Wallfahrten nach Trier eine grenzenlose Unsittlichkeit in ihrem Gefolge hatten. Gleichzeitig trat ein französischer Bischof auf, und erklärte, der Trierer Rock sei unecht, in Argenteuil müsse man den echten Rock Christi suchen; inzwischen hatten zwei junge Marburger Professoren, Sybel und Gildemeister, eine Broschüre verfasst, in die sie mit anklagender Sicherheit nachgewiesen, dass alles, was man in Trier ausgedacht, Schwindel und Betrug sei, in dem zwanzig solcher Röcke Christi existierten, die alle den gleichen Anspruch auf ihren göttlichen Ursprung üben. Dabei wurde sehr nachdrücklich hervorgehoben, welch großes Unrecht sei, den Rock, wenn er wirklich Wunder wirke, wieder einschließen zu wollen, dass man ein solches Heilmittel der Welt nicht mehr vorenthalten dürfe – Mit höchster Spannung wurde diese Schrift gelesen und verbreitet, und voll Widerwillen wendeten sich alle verständigen Katholiken von dem Treiben in Trier ab; es konnte darum nicht fehlen, dass ein wahrer Sturm des Enthusiasmus ausbrach, als nun aus deren Mitte die Stimme eines jungen, freilich abgesetzten Priesters ertönte, der durch einen offenen Brief an den Bischof Arnoldi von Trier, welcher am 1. Oktober 1844 in den sächsischen Vaterlandsblättern erschien, der allgemeinen Stimmung Ausdruck gab Man muss es selbst erlebt haben, welche Wirkung die schneidende Sprache dieses Schreibens hervorrief, welches den Bischof Arnoldi offen des wesentlichen Betruges angeklagte und alle Folgen eines solchen Schrittes in die finstersten Zeiten des Mittelalters, auf dessen Seele und Verantwortung legte. Mit späteren Worten wird ihm vorgehalten, wie er die Armut und Not des Volkes nicht achtend, ihn durch solche (298) Täuschung den letzten Heller abpresse, wie er die Sittlichkeit nach jeder Richtung hin untergrabe. „Schon ergreift“, so ruft der Schreiber aus, „schon ergreift der Geschichtsschreiber den Griffel und übergibt ihren Namen, Bischof Arnoldi, der Verachtung der Mit-und Nachwelt und bezeichnet sie als den Tetzel des 19. Jahrhunderts!“ Am Schlusse wendet sich das Schreiben an die Brüder des Verfassers und mahnt sie, zu zeigen, dass sie Christi Geist und nicht seinen Rock geerbt haben.

 

Luise Büchner:

Deutsche Geschichte von 1815-1870.

20 Vorträge, gehalten in dem Alice-Lyceum zu Darmstadt.

Leipzig, Theodor Thomas. 1875

Zwölfte Vorlesung. Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier. S. 294 bis 298. 

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