Mit dem Band Picknick der Friseure (1986) brach die Schriftstellerin Felicitas Hoppe in ihr vielstimmiges Werk auf. Seither hat sie in Romanen, Erzählungen und Essays die Welt der Abenteurer und der Hochstapler, der Entdecker und der Taugenichtse erkundet. In einer lakonischen und lyrischen, eigensinnigen und uneitlen Prosa hat sie ein erzählerisches Universum erfunden, in dem Grundfragen eines postmodernen Daseins mit freier und befreiender Phantasie durchgespielt werden.
Das Reisebuch Pigafetta (1999), der pikareske Roman Paradiese, Übersee(2003), die Porträtgalerie Verbrecher und Versager (2004), die moderne Legende von der heiligen Johanna (2006), die Neuerzählung des Ritterromans von Iwein Löwenritter (2008) und jüngst die fiktive Biographie Hoppe (2012) unterlaufen virtuos die Grenzen von Wahrheit und Fiktion, Selbsterkenntnis und Rollenspiel. Felicitas Hoppe fragt nach Möglichkeiten der Ich-Werdung, nach den Wundern und Verstrickungen der Sehnsucht, und lässt unaufdringlich metaphysische Horizonte aufscheinen.
In einer Zeit, in der das Reden in eigener Sache die Literatur immer mehr dominiert, umkreist Felicitas Hoppes sensible und bei allem Sinn für Komik melancholische Erzählkunst das Geheimnis der Identität: Denn auf welchen Namen wir wirklich getauft sind, wer kann das schon wissen.
Bild, Biographie und Werkverzeichnis hier auf der website der Akademie.
Der Theaterautor und Dramaturg Peter Schanz hat zur Büchnerbiennale, dem unermüdlichen Feiern von wahlweise Georg Büchners Geburtstag oder Todestag, ein Theaterstück geschrieben und inszeniert. Für die Dramaturgie ist Caroline Zacheiß verantwortlich. Es ist den beiden Schwestern des großen Dichters gewidmet. Die Premiere fand am Samstag im Kammerspiel des Darmstädter Staatstheaters statt, das den Charme eines Lofts mit dem Chaos eines Kulissenlagers verbindet und übernormgroße Zuschauer auf Folterstühlen quält. Folgerichtig hat Schauspieldirektor Martin Apelt auch kein Bühnenbild eingerichtet, sondern in der Mitte der Bühne eine Art Umzugsdepot aus Küche, Tisch und Bank aufstapeln lassen, das zu Beginn der Aufführung von den beiden Schwestern erst einmal zur Theaterkulisse auseinandergezogen und als Wohnungseinrichtung platziert wird.
Schauspieldirektor Martin Apelt bei der öffentlichen Probe vor dem zukünftigen Bühnenbild
Margit Schulte-Tigges und Sonja Mustoff kommen als Frauen von heute auf die Bühne, und nach 90 Minuten werden sie die Verwandlung zu den zwei Büchnerschwestern vor dem Publikum rückgängig machen und sich zurück ins Heute begeben.
Zunächst verpuppen sich die beiden zu dem Duo, das Mitte des neunzehnten Jahrhunderts jahrzehntelang miteinander in Darmstadt lebte. Die schwesterliche Eintracht der äußerlich ganz verschiedenen Frauen zeigt sich schon beim gegenseitigen Ankleiden der zeitgemäßen schwarzen Kostüme voller Haken und Ösen, die ironische Distanz zur Rolle in der Bemerkung jetzt könnte mal jemand den Reissverschluss erfinden. Brav nimmt Mathilde ihren Part in der Küche an, während Luise sich mit Papier und Feder am Tisch niederlässt. Wie eine Imagination des toten Bruders Georg hat der Autor seinen Akteurinnen einen Spielmann erfunden, den sich Mathilde von dem da oben wünscht. Finn Henrik Hanssen, der auf der Riedstädter Büchnerbühne in Wenn es Rosen sind werden sie blühen, der Adaption von Kasimir Edschmidts Büchner-Roman, gerade einen großartigen Ludwig Weidig spielt, gibt mit frischer Jugendlichkeit einen Cicisbeo mit der Gitarre. Die Tagträume der Schwestern darf er mit den geliebten Volksliedern untermalen. Nicht als Geschichtsstunde, als biographischer Essay faltet sich im Trialog das Leben der beiden Frauen auf. Schanz lässt Luise ihren Raum als bedeutender Frauenrechtlerin, ohne die Schwester Mathilde als Hausmütterchen zu denunzieren. Im Gegenteil ist der ältesten Büchnerschwester, von der außer ihrem Namenszug kaum ein Stück schriftlicher Hinterlassenschaft übrig geblieben ist, selten so sehr Recht geschehen wie hier auf der Darmstädter Bühne. Mathilde kennt und kommentiert Luises Werk und präsentiert sich glaubwürdig als die Hüterin der Familienschätze, die unglücklicherweise dem Darmstädter Feuersturm vom 11. September 1944 zum Opfer gefallen seien. Schanz hat seine Hausaufgaben gemacht er zitiert damit eine sehr berechtigte Vermutung von Agnes Schmidt, der Vorsitzenden der Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft. Darüber hinaus schafft er es, Luise Büchners Denken und Arbeit mit gut gewählten Zitaten anschaulich zu machen. Auch Anspielungen auf Darmstädter Lokalkolorit in Sprache und Erzählung gelingen zur hörbaren Freude des Auditoriums, das darin übereinstimmt, dass Pralinen keinesfalls in der Vorort-Provinz Griesheim gekauft werden dürfen. Die Rückverwandlung der beiden in Frauen von heute geht einher mit Dialogen, die uns ganz die Aktualität auch dieser Büchners vermitteln; sei es in der RAF-Hysterie der siebziger Jahre oder in der für Darmstadt noch immer denkwürdigen Frauenaktion gegen einen Sexshop.
Zum Ende der unterhaltsamen Aufführung findet das glücklicherweise lange nicht mehr im Theater erlebte Einbeziehen des Publikums, allerdings erfreulich unaufdringlich und durchaus der Stringenz des Stückes folgend, mittels Einladung zum Abendimbiss statt. Mathilde hat Fischsuppe für alle gekocht aus Barben natürlich.
Mit reichlichem Beifall bedankte sich das Publikum bei dem glänzend aufgelegten Ensemble mit Autor und Schauspieldirektor.
Als erfrischender Kommentar zum gelegentlich überintellektualisierten Georg Büchner-Gedenken ist dieser schönen Aufführung als Denkmal der Büchnerschwestern und als Memento der noch lange nicht am Ziel angekommenen Frauenbewegung viel Erfolg und eine lange Spielzeit zu wünschen!
Am Freitag konnten wir endlich Manfred Pennings freundliche Einladung annehmen, die spannende Schellack-Ausstellung auf der Mainzer Zitadelle anzusehen.
An die zwanzig Besucher aus dem Umkreis der Luise Büchner-Gesellschaft und des Pfungstädter Heimatvereins waren der Einladung zur geführten Besichtigung in das stadthistorische Museum auf der Mainzer Zitadelle gefolgt.
Erst auf den zweiten Blick erklärt sich die Verbindung zum Gegenstand dieses Blogs: vom 15. 9. bis zum 15.10. 1842 fand in Mainz die erste Allgemeine Deutsche Industrieausstellung statt. Zu den Ausstellern gehörte der Darmstädter Unternehmer Wilhelm Büchner, der hier aber noch kein Ultramarin, sondern gebleichten Schellack“ ausstellte und dafür prämiert wurde.
Manfred Penning vor der Schautafel zu Wilhelm Büchner; in der Vitrine der Bericht über Ausstellung und über ausgezeichnete Produkte
Büchner hatte ein Verfahren entwickelt, mit dem sich der eigentlich gelb bis rötlich gefärbte Lack farblos machen ließ – damit stiegen die Verwendungsmöglichkeiten natürlich erheblich. In Mainz traf er auf den Unternehmer Carl Ludwig Marx, der 1832 eine Materialwaarenhandlung gegründet hatte; 1834 begann er mit der Herstellung von Lack, Firnissen und Möbelpolitur.
Manfred Penning schreibt im Katalog:
Der Kontakt zwischen Marx und Büchner führte zu einer technischen Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Bleichens von Schellack und der Herstellung von Schellackpolituren. … Mit den von Büchner übernommenen Kenntnissen begann Ludwig Marx in seiner Fabrik in Mainz um 1845 mit dem Bleichen von Schellack in industriellem Maßstab.
Welche Form diese Zusammenarbeit und die Übergabe von Büchners Technik, den Schellack mit Chlor zu bleichen, im Einzelnen hatte, ist leider nicht bekannt. Fest steht, dass Marx damit einen bedeutenden Mainzer Industriezweig begründete; so viel wir wissen, arbeitete Wilhelm Büchner seit seiner Niederlassung in Pfungstadt (1845) nicht mehr mit Schellack.
Manfred Penning vor einem Grammophon mit Schellack-Platte, im Hintergrund Heide Hildebrandt aus dem Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft
In der Mainzer Ausstellung ist das naturgemäß nur eine Bemerkung wert; ein Besuch lohnt sich aber grundsätzlich für alle Interessierten an Industriegeschichte. Mit zahlreichen Schautafeln, Bildern und in Vitrinen präsentierten Produkten erschließt sich die Geschichte einer Warengruppe, die über 100 Jahre lang prägender Faktor der Mainzer Wirtschaft war.
Dass das bis auf die Jahre nach 1945 auch eine hessische Geschichte ist, sei nur am Rande vermerkt.
Die Ausstellung kann noch bis zum 15. April besichtigt werden.
Der schöne Katalog Schellack in Mainz. Die 150-jährige Ära der Schellack-Produktion in Mainz von Manfred Penning ist 2011 im Bodenheimer Verlag Bonewitz unter der ISBN 978-3-9813999-7-4 erschienen.
Die Luise Büchner-Gesellschaft e.V. Darmstadt und der Heimatverein Pfungstadt 1948 e. V. laden zu einer außergewöhnlichen Präsentation in Mainz ein:
Nach einer Apothekerlehre und dem Chemiestudium in Heidelberg und Gießen ließ sich Georg Büchners Bruder in Darmstadt als Unternehmer nieder. Wilhelm Büchners frühe unternehmerische Tätigkeit in Darmstadt ist verbunden mit Schellack, einem Naturharz aus Indien, für das er ein besonderes Bleich-Verfahren entwickelte: Schon 1842 auf der Ersten Allgemeinen Deutschen Industrieausstellung“ des Gewerbevereins für das Großherzogtum Hessen im Mainzer Deutschhaus präsentierte er erfolgreich seinen gebleichten Schellack“. Der Mainzer Manfred Penning hat das ausführlich recheriert und dokumentiert, und hier im Geschwisterblog gab es dazu bereits einiges zu lesen. Das Bleichen von Schellack wurde, wie Manfred Penning erläutert, zur Grundlage der höchst erfolgreichen Mainzer Lack- und Farbenindustrie, und auch als Rohstoff für die frühen Schallplatten spielte Mainzer Schellack eine wichtige Rolle.
Jetzt gibt es kurz vor Abschluss der erfolgreichen Sonderausstellung Schellack in Mainz“ für alle Büchner-Interessierten die Gelegenheit, an einer persönlichen Führung mit Herrn Penning in Mainz teilzunehmen, und zwar
Die Vereine verzichten auf die Organisation einer Busfahrt und empfehlen private Anreise. Hier findet sich eine gute Anfahrtbeschreibung. Am Ziel stehen Parkplätze zur Verfügung. Im Navigationsprogramm ist das richtige Ziel Eisgrubweg 15; dort ist die Auffahrt zur Zitadelle.
Es wird dringend Anmeldung via E-Mail (Post@EntwicklungUndKultur.De) oder telefonisch (06157 / 9111595) bei Peter Brunner erbeten, damit Herr Penning sich auf die zu erwartende Besucherzahl vorbereiten kann. Auf Wunsch ist Peter Brunner bereit, Fahrgemeinschaften zu organisieren; dazu muss er erfahren, ob selbst mit einem Auto (und mit wie vielen freien Sitzplätzen) ab wann und wo gefahren werden bzw. von wo aus Mitnahme erbeten wird.
Anreise mit öffentlichen Verkehrsmittteln. Unter diesem
Am Freitagabend hat Christian Suhrs wunderbare Büchnerbühne sein neues Stück über Georg Büchner nach Kasimir Edschmids Roman uraufgeführt.
v.l.n.r.: Beate Krist (Minna Jaeglé), Ursula Stampfli (Caroline Schulz), Daniel Krasusky (August Becker), Harald Preis (Georg Büchner), Finn Hansen (Friedrich Ludwig Weidig), Autor und Regisseur Christian Suhr, Melanie Linzer (Tante Jules), Erich Schaffner (Großherzog Ludwig I. , Richter Georgi).
Ich hatte ja die Gelegenheit, schon die öffentliche Probe zu besuchen (daher stammt auch das Foto), und meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt: dies ist das erste Ereignis der Büchnerjubiläen, das wirklich einen neuen Aspekt präsentiert. Das wunderbare Ensemble agiert mit größtem Engagement, so dass die Betonung einer einzelnen Leistung den anderen nicht gerecht würde. Nur wegen der brillant beherrschten Doppelrolle von Großherzog und Richter Georgi will ich Erich Schaffner gesondert loben; das absolut authentische Großbürger-Hessisch, das er dem sadistischen Richter verpasst, ist die Sahnehaube für die Verkörperung der vielleicht schwierigsten Rolle im Stück. Und Daniel Krasusky spielt einen August Becker, dem man von Pferde stehlen bis Fürsten aufhängen alles zutrauen und alles verzeihen muss.
Christian Suhr hat aus dem verstaubten Büchnerroman ein Werk geschaffen, das mich fast milde werden lässt: man kann das Leben Georg Büchners auf der Bühne zeigen, ohne sich wie Gaston Salvatore in Büchners Tod“ in Spekulationen über Beweggründe und Verrat zu verlieren. Auch auf kurzlebiges Zeitkolorit kann man verzichten.
Johannes Breckner, der Feuilletonchef des Darmstädter Echo, hat kürzlich über die drohende Büchner-Inflation gesagt: Büchner hält das aus. Bei Suhr muss nichts ausgehalten werden, Suhr hat ein Stück geschaffen, dem man Bestand und Verbreitung herzlich wünschen kann.
Mehr Informationen zum Stück und die nächsten Termine finden sich hier.
EDIT am 27.2.2012:
Hier ist jetzt auch die Besprechung von Stefan Benz im DARMSTÄDTER ECHO online.