Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Büchner (Seite 5 von 45)

Georg Büchners Geburtstag – „… warum schreibe ich noch, wenn andere solche Sätze schreiben?“

Der 17. Oktober 1813 ist einer der Tage, „die die Welt erschütterten“. Napoleons Truppen unterliegen in der „Schlacht bei Leipzig“, wie die „Völkerschlacht“ zunächst beschrieben wird, den vereinigten Truppen von Russen, Preußen, Österreich und Schweden. Die Geschichte dieses Frontwechsels der anderen deutschen Länder in den folgenden Monaten füllt Bände; das Großherzogtum Hessen von Napoleons Gnaden trat am 23. November aus dem Bündnis aus, nachdem sich am 30. Oktober die Bayern in der Schlacht bei Hanau noch eine blutige Nase geholt hatten – in der letzten Schlacht, die Napoleons Truppen auf deutschem Boden gewannen.

Im hessischen Ried wird es zwei, drei Tage gedauert haben, bis die weltgeschichtlichen  Nachrichten die Provinz erreichten, als im Haus des späteren Schultheissen in der Goddelauer Weidstraße dem Kreisschirurgus Ernst Büchner und seiner Frau Caroline das erste Kind geboren wird. Dr. Büchner wird die Nachrichten mit größtem Interesse verfolgt haben – war er doch bis 1810 napoleonischer Soldat und „chirurgien sous aide major“ der holländischen Armee; später Ober-Chirurgus am Spital der kaiserlichen alten Garde (das Jean Larray leitete, Napoleons Leibarzt). Seine Hochachtung des Empereurs, der ihn immerhin einst persönlich ansprach, ist gut dokumentiert; es ist wahrscheinlich, dass er den Ausgang der Leipziger Schlacht für eine Niederlage hielt.

 

 

Taufschale Georg Büchners in der evangelischen Kirchengemeinde Goddelau.

Bei der Taufe seines ersten Sohnes am 26. Oktober, der die Vornamen der beiden Großväter, Carl und Georg, erhielt, wurde als Pate auch ein Bruder der Mutter eingetragen, der abwesende Leutnant Georg Reuß. Spätestens an diesem Tag ist der Krieg für alle Beteiligten präsent gewesen; die folgende Einquartierung von „Kosaken“ während des französischen Rückzuges hat in Südhessen zahlreiche Berichte und Erinnerungen hinterlassen. Als dann Blücher in der Neujahrsnacht 1813/14 bei Kaub den Rhein überquerte, wird das manchen Südhessen an den legendären Übergang Gustav Adolfs im Dezember 1631 am „Hahnensand“ bei Erfelden erinnert haben.

 Kaum eine Biographie Georg Büchners verzichtet auf den Hinweis auf diese weltgeschichtlichen Ereignisse. Im hessischen Landboten kommt der Empereur eher schlecht weg: „Aber die Franzosen verkauften selbst ihre junge Freiheit für den Ruhm, den ihnen Napoleon darbot, und erhoben ihn auf den Kaiserthron.“

Büchner wird kaum einen Geburtstag haben feiern können, ohne dass irgendwer an die historischen Umstände während seiner Geburt erinnerte. Später schreibt seine Schwester Luise in­ ihrer ziemlich national besoffenen, dennoch  äußerst lesenswerten „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870“ (Leipzig 1875):  

 

„Der Großherzog von Hessen blieb noch hartnäckiger; er hatte sich bei dem Heranrücken der Verbündeten nach Mannheim geflüchtet, fast unter den Schutz der Franzosen, während sein Minister du Thil doch klugerweise bereits mit dem bayerischen General Wrede darüber unterhandelte, auf welche Weise sich der Herzog mit den Verbündeten werde vergleichen können. Die erste Bedingung war natürlich der Austritt aus dem Rheinbunde, aber der Großherzog zögerte solange, dass nun unter dem Drang der Verhältnisse du Thil dem General Wrede auf das Schlachtfeld von Hanau nach reisen musste, wo man eiligst auf einer Trommel eine Militärkonvention zwischen Hessen und den Verbündeten unterzeichnete, die den Bestand des Großherzogtums rettete.“ (S. 16) und weiter „So sah sich nun der größte Teil Deutschlands von der französischen Herrschaft befreit; die Centralverwaltung konnte endlich ihre Tätigkeit beginnen, aber mit der Sprengung des Königreichs Westphalen kehrten jetzt die alten Regierungen, aus deren Landesteile dieses „lustike royaume“ war zusammengewürfelt worden, zurück. Und wie kehrten sie zurück, diese Hannoveraner, Braunschweiger und Hessen-Kassler –  einzig und allein von dem Gedanken erfüllt, das Alte, das Ungerechte und Gestürzte, wieder neu aufzurichten, ganz ebenso wie es gleich nach ihnen die Bourbonen auf dem Boden Frankreichs versuchten. … (Napoleon) sollte den Kelch, den er selbst sich zubereitet, bis zur Neige leeren, sollte nun an sich selbst erfahren was es heißt, Treubruch üben und den Freund verraten. Alles fiel von ihm ab und wendete sich den neuen Sternen zu, während Marmont, der Herzog von Ragusa schon lange mit dem Feinde unterhandelt hatte. Ein Regiment nach dem anderen zug von Fontainebleau ab, nur seine Garden umringten noch den gefallenen Mann, und auch von diesen musste er einen letzten, ergreifenden Abschied nehmen, nachdem er am 12. April, durch die eiserne Notwendigkeit dazu gezwungen, seine Abdankung unterzeichnet und mit einem Federzug alles vernichtet hatte, was er in unersättlichen Ehrgeiz, mit Blut und Leichen und Menschenelend zusammen gekittet. Napoleon konnte der Wohltäter der ganzen zivilisierten Menschheit werden und er ward ihre Geissel, er kam im Namen eines neuen Geistes, einer neuen Weltanschauung und er benutzte seine Macht zur Wiederherstellung und Stütze des alten, des Verrotteten und Abgelegten. Darum wurde jetzt auch dem Gewaltigen, der die Fürsten Europeen`s zwar unter seine Füße getreten, sie aber zugleich, damit sie ihm wirksamer dienten, zu Satrapen und Despoten gemacht, ein verhältnismäßig mildes Los zuteil, bei dessen Bestimmungen die Klugheit nicht den Vorsitz führte. … Deutschland aber hatte damit die Aufgabe seiner Befreiung von der Fremdherrschaft gelöst, wieder stand es auf eigenen Füßen, nun galt es darum, sich auch innerlich frei zu machen, die geschlagenen Wunden zu heilen und neue Bahnen des Fortschritts aufzusuchen.“

 

Einer guten Tradition folgend hat der Förderverein Büchnerhaus auch 2020 an Georg Büchners Geburtstag einen Kranz niederlegen lassen. Unser Freund Daniel Rohr vom nebenan gelegenen, wunderbaren „Theater Rigiblick“ hat Bernhard Schlink gewonnen, ihn dieses Jahr zum Grab zu begleiten. Schlink, der am Abend eine Lesung im Theater hatte, beschrieb seine Verbindung laut dem Zürcher Tagesspiegel so: „Das erste Stück, das er sah, war Dantons Tod … Ich war zwölf und von dieser Sprache total begeistert … und dass er vor einem Jahr Büchners Lenz wiedergelesen habe – dort stehen Sätze, die sind zum Niederknien … warum schreibe ich noch, wenn andere solche Sätze schreiben?“

 

Bernhard Schlink am Büchnergrab
Foto: Theater Rigiblick
Gruß aus der Büchnerstadt
Foto: U.K., Zürich

… mit den schlagendsten Gründen behauptete, dass die persönliche Hudelei nie aufhöre

Ein Zufall brachte mich auf eine Neuerscheinung in den USA: David Dixon veröffentlichte soeben „Radical Warrior. August Willich’s Journey from German Revolutionary to Union General”

Ich schrieb ihn mit der Frage an, ob der Deutsch-Amerikaner in Cincinnati Kontakt mit August Becker gehabt habe, und binnen kürzester Zeit tat sich mir ein neuer Horizont der Recherche über Georgs Freund und Vertrauten auf.

Ich habe noch nicht die geringste Ahnung, ob und wie weit diese Recherchen führen werden, aber schon eine allererste „advanced search“ in „chronicling america“ , auf die ich hingewiesen wurde, hat einen Aufsatz Beckers zu Tage gefördert, der seine Verbundenheit mit Georg Büchner und seine inhaltliche Auseinandersetzung mit dessen Haltung noch 30 Jahre nach seinem Tod belegt:

 

August Becker: „1848 in Kanne-Gießen“.

… Ehe ich indes dieselbe (eine ihm von Karl Vogt vermittelte Übersetzungsarbeit – pb) noch angefangen, hatte ich andere interessante Bekanntschaft in Gießen gemacht und erneuert. Da kamen zuerst die Brüder Louis und Alexander Büchner. Ich hatte die beiden als kleine Jungens in Darmstadt gesehen, wo sie mir ihr älterer, in Zürich verstorbener Bruder Georg, an jeder Hand einen, zugeführt und vorgestellt hatte. Jetzt waren sie groß und Studenten geworden, und kamen zu mir, mich nach ihrem Bruder auszufragen, dessen bester und einziger vertrauter Freund ich in Gießen gewesen war. Sie waren in der Politik Revolutionärs wie jener, aber mit ihrer Philosophie war es anders beschaffen. Während Georg´s großes Leidwesen darin bestand, dass er kein Materialist werden, dass er nicht glauben konnte an die Vernichtung des Individuums, während er den sterbenden Danton um sein Wort: „Ich kehre ins Nichts zurück!“ beneidet und sich über die verbohrten Schwachköpfe mokiert, welche ihn glauben machen wollten, das Ding was in ihm denke und fühle, sich freue und gräme, sei eine Combination von Phosphor, Kalk, Eiweiß, Gallerte, Sauerstoff und dergl., während er steif und fest glaubte und mit den schlagendsten Gründen behauptete, dass die persönliche Hudelei nie aufhören und dass wir nie und nimmer zu der ersehnten Ruhe und Vernichtung unseres Ichs gelangen könnten – lachte der Louis Buechner schon damals über alle diese Schrullen und Alexander vertheidigte sie wenigstens nicht.

 

(August Becker: „1848 in Kanne-Gießen“. Sonntagsblatt des Cincinnati Volksblatt. 23.6.1867. )

 

Ich habe die Hoffnung, dass die Verbindung zu David Dixon und weiteren, mit ihm verbundenen Forschern zu den „US-48ers“ zu weiteren Erkenntnissen über die US-Jahre Beckers und seine publizistische Tätigkeit führt. Alleine Beckers Verbundenheit zu Georg Büchner in Deutschland rechtfertigt jedes Interesse an seinem weiteren Ergehen; fänden sich noch weitere derart aufschlussreiche Hinweise auf seine Erinnerung an Büchners philosophische oder politische Haltung, wären echte Schätze zu heben.

 

 

Von Peter Brunner
Peter Brunner

 

 

 

 

Verbindung der Kunst mit dem republikanischen Volksstaat

Im neuesten „Gelurt“, Odenwälder Jahrbuch , hat Ludwig Fertig einen Aufsatz zum ersten Büchnerpreisträger Adam Karillon veröffentlicht.

Es ist fast in Vergessenheit geraten, dass der Büchnerpreis bereits seit 1923 vergeben wird, nicht zuletzt, weil er nach dem Faschismus eine andere Form und Trägerschaft bekam. Bis vor einigen Jahren hat die heute federführende Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung auf jeden Hinweis darauf verzichtet, heute schreibt sie immerhin „Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.“

Fertig schildert in „Politisierung der Erzählprosa“ die Geschichte der Einsetzung des Preises und des ersten Preisträgers als Kompromiss – war Karillon selbst zunächst sogar als Namensgeber des Preises vorgeschlagen, wurde er schließlich als eher konservativer Autor ein Preisträger, dem selbst der stramme Antisemit Ferdinand Werner, der für die Deutschnationalen im Hessischen Landtag saß, zustimmte.

Was die Familie Büchner angeht, so erwähnt Fertig, dass Ludwig Büchner einigen Anteil am literarische Erfolg Karillons hatte – er veröffentlichte 1897 eine Besprechung von Karillons Erstling „Eine moderne Kreuzfahrt“ und „verhalf ihm zum Durchbruch auf dem Literaturmarkt“ (Fertig).

Auch Anton Büchners Auftritt vor der ersten Aufführung des Woyzeck in Darmstadt am 24.9.1919 erwähnt er.

Ein dritter Büchnerverwandter, Sohn Ludwig Büchners und Cousin von Anton, hieß Georg wie sein bedeutender Onkel. Ihn erwähnt Fertig nicht, obwohl er zum Zeitpunkt der Einsetzung des Preises nicht nur „geschäftsführender Direktor“ in der Darmstädter Maschinenbaufabrik seines Schwiegervaters Schenk und „Vorsitzender des Verbandes der Metallindustriellen und des Bundes der Arbeitgeberverbände in Hessen und Hessen-Nassau. Auf Reichsebene war er Vorstandsmitglied des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller und des Deutschen Fördermittel- und Großwaagenverbandes“ war, sondern auch Abgeordneter der DDP im Hessischen Landtag, also der Partei, die den Antrag auf Einsetzung des Büchnerpreises stellte.

Grabstein Georg Büchners, seiner Frau und Tochter auf dem Grab seines Vaters Ludwig.
Die drei starben bei der Zerstörung Darmstadts

Die Rede im Landtag zur Einsetzung des Preises hielt am 8. August 1922 der DDP-Abgeordnete Julius Reiber. Er schloß „Die Bezeichnung des Preises als Georg-Büchner-Preis bedarf keiner weiteren Begründung“. Für Reiber ging es um „eine Verbindung der Kunst mit dem republikanischen Volksstaat“ .

Karillons Kunst und Bedeutung sind von den Zeiten überholt – dass ihn der Nazi Werner zum achtzigsten Geburtstag ehrte und Gratulationen einiger weiterer NS-Größen eingingen, stellt Fertig zu Recht in den Zusammenhang seiner geschwundenen literarischen Anerkennung: „Das Lesepublikum war andere Literatur als Heimatkunst gewohnt: … 1929 erschien z. B. Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und Döblins Berlin Alexanderplatz. Karillon war Geschichte“. Karillon starb 1938 in Wiesbaden.

Bedeutendere als er erhielten den hessischen Kulturpreis – so 1929 Carl Zuckmayer oder, nach der Befreiung noch einmal als Landespreis, 1947 Anna Seghers und 1950 Elisabeth Langgässer.

In Kürze wird die Bekanntgabe der diesjährigen Preisträgerin des Büchnerpreises erfolgen – die Verbindung der Kunst mit dem Republikanischen ist auch dem neuen Büchnerpreis nach 1950 mit einigen Verleihungen gelungen. Ich wünsche mir das auch für 2020.

Peter Brunner

von Peter Brunner

Büchnerstadt Riedstadt statt Riedstadt die Büchnerstadt

„Und das ist der Grund, warum Sie heute hier sind“

oft enden die Einführungsworte für Besucher in Georg Büchners Geburtshaus mit diesen Worten. In dem Fachwerkhaus in der Weidstraße wurde der Republikaner, Dichter und Naturforscher am 17. Oktober 1813 geboren.

Das Geburtszimmer Georg Büchners

Die Gäste haben dann schon ein erstes Rätsel gelöst und Goddelau in Riedstadt gefunden – das ehemals kleine Bauerndorf im hessischen Ried ist Teil der Stadt Riedstadt, einer aufstrebenden Gemeinde im dynamischen Rhein-Main-Neckar-Gebiet.

Heute ist Büchners Geburtshaus in Riedstadt-Goddelau mit der weltweit ersten und bisher einzigen Dauerausstellung zu seinem Leben und Wirken und den Veranstaltungsmöglichkeiten in Galerie und Büchnerscheune zentraler Veranstaltungsort und kultureller Mittelpunkt für Riedstadt, die Region und darüber hinaus.

Die BüchnerBühne als professionelles Autorentheater mit eigenem Ensemble in Riedstadt-Leeheim hat sich mit ihrem Konzept Leben, Werk und Menschenbild ihres Namensgebers verpflichtet.

Reisegruppen und Schulklassen, Büchnerforschende und Republikaner*innen, Theaterenthusiast*innen, Autor*innen und Leser*innen besuchen Riedstadt, die Büchnerstadt.

Das „Büchnergedenken“ ist durchaus nicht unproblematisch oder eindeutig. In § 4.2 der Satzung der Georg Büchner Gesellschaft heißt es z.B.: „Die Georg Büchner Gesellschaft e. V. enthält sich dagegen jeglichen weihevollen Vereinslebens sowie aller Fest- und Feierveranstaltungen zu ihrem Gegenstand ebenso wie zu ihren eigenen Aktivitäten oder verdienten Mitgliedern.“.

Die Geschichte von Büchners Geburtshaus, höchst kontroverse Beiträge zum Büchnerpreis, die versuchte Kanonisierung ausgerechnet durch den Abdruck seines Steckbriefs auf der Gedenkbriefmarke durch die Bundesregierung, die Auseinandersetzungen um Gedenkausstellungen und Werkausgaben belegen, dass es dabei immer um kritische und strittige Aktualität geht.

Büchnerstadt Riedstadt – Georg Büchners Geburtshaus mit Museum, Kunstgalerie und „Büchnerscheune”

2006 war seitens der Stadt Riedstadt erstmals der Versuch unternommen worden, vom hessischen Innenministerium die Erlaubnis zu erhalten, „Büchnerstadt“ als offiziellen Bestandteil des Namens führen zu dürfen. Geregelt ist dieses Verfahren im § 13.2 der Hessischen Gemeindeordnung: „Die Gemeinden können auch andere Bezeichnungen, die auf der geschichtlichen Vergangenheit, der Eigenart oder der Bedeutung der Gemeinde beruhen, weiterführen. Der Minister des Innern kann nach Anhörung der Gemeinde derartige Bezeichnungen verleihen oder ändern.“ Schon damals geschah das mit der berechtigten Begründung, dass die Präsenz Georg Büchners in der Stadt und das ehrenamtliche und politische Engagement dies mehr als rechtfertigten. Das wurde mit der spaßigen Antwort abgelehnt, Riedstadt sei ja nicht Georg Büchners Geburtsort. Mit anderen Worten: „Hessen“ könnte eigentlich weder das Stammland Goethes noch der Grimms sein – die lebten ja in der freien Stadt Frankfurt bzw. in Hessen-Kassel …

Im Rahmen der Positionierung von Büchnerhaus und Büchnerbühne in Riedstadt wurden in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Besuche aus Politik und Kulturwesen organisiert. Ein Ergebnis der Bemühungen, das außergewöhnliche Engagement der Stadt zu würdigen und langfristig zu unterstützen, ist die jetzt erfolgte Namensgebung. Dabei gibt es Anlass zur Hoffnung, dass hiermit kein Grabstein gesetzt wird, unter dem ein für alle Mal alles Strittige zugunsten gelangweilter oder „weihevoller” Gedenkroutine versinkt, sondern

ein Wegweiser zu Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalischen Kehlen, klassischen Leibern und einer kommoden Religion

für all die, die wissen, dass dieses Ziel in der Unendlichkeit liegt und wir gerade deshalb stets danach streben müssen.

Am

Dienstag, dem 13. August 2019, ab 9 Uhr

veranstaltet die Stadt Riedstadt auf dem Gelände des Bücherhauses in Kooperation mit den beiden Büchervereinen Haus und Bühne ein

„Büchnerfrühstück“,

zu dem alle herzlich eingeladen sind.

Museum und Bühne werden dabei (und in Zukunft) dafür sorgen, dass Georg Büchners Geschichte und seiner Aktualität in Riedstadt ohne jedes Weihevolle gedacht wird.

Gegen 10:30 Uhr erfolgt dabei die offizielle Übergabe der Landesurkunde an den Bürgermeister und Vorsitzenden des Fördervereins Büchnerhaus, Marcus Kretschmann, durch den hessischen Innenminister Peter Beuth.

Und dann setzen Haus und Bühne in der Büchnerstadt Riedstadt fort, was Büchner angemessen ist: Vermitteln und Recherchieren, Suchen und Finden, Fragen und Antworten, Lachen und Weinen, Hoffen und Fürchten –

„Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr giebt und die uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestilliren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken.“

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

Es war eine rauschende Busfahrt

Zum Tag der Literatur am 26. Mai hatten drei Büchnervereine ein gemeinsames Programm geplant und Gäste eingeladen,

mit dem Bus durchs Büchnerland


zu fahren.
Stadt Land Fluss

war als Motto ausgegeben worden, und so nahm sich die städtische Luise-Büchner-Gesellschaft das Leben in der Stadt um 1830 zum Thema, die „ländliche” BüchnerBühne in Riedstadt-Leeheim Büchner und das Land. Für das Büchnerhaus in Goddelau blieb dann, durchaus passend, der Fluss – hier sollte es um die ständige Präsenz des Rheins und des Wassers in Bächen, Pfützen und Sümpfen gehen.

Sonntag früh um 10 waren an die 50 Gäste in der Klause am Darmstädter Hauptbahnhof. Adrian Jost begrüßte als Gastgeber für die Initiative Essbares Darmstadt, Heiner Dieckmann als zweiter Vorsitzender der Luise Büchner-Gesellschaft.

Papa Legbas Blues Lounge vertrieben die letzte Morgenmüdigkeit, bevor sich zwei Peters einem dritten widmeten: Peter Engels vom Stadtarchiv sprach mit Peter Brunner vom Büchnerhaus über König Peter von Poponien und seine Gefolgschaft.

Peter Engels legt Wert darauf, dass die Ähnlichkeiten zwischen Büchners Königreich Popo und dem Darmstadt der 1830er Jahre nur gering sind: Hessen-Darmstadt war kein Zwergstaat, sondern das sechstgrößte Land im Deutschen Bund und in der Hauptstadt Darmstadt wehte ein durchaus kritischer Geist. Auch der Terrorstaat, den der Hessische Landbote bekämpfe, sei Hessen-Darmstadt nicht gewesen. Das Darmstadt um 1820 war jedenfalls auch das Darmstadt, das der Architekt Moller in einer Dimension vergrößerte und erweiterte, die den Vergleich mit dem neuen Frankfurt einhundert Jahre später durchaus zulässt.

Brunner machte darauf aufmerksam, dass die Lage in Oberhessen, auf die sich der Landbote bezieht, sehr wohl dramatisch und unterdrückerisch war: Hungeraufstände wurden militärisch niedergeschlagen.

Tatsächlich parodiert Büchners Komödie die Lage zur Karikatur. So treffend immerhin, dass die erste Aufführung von 1923 (!) in Darmstadt noch zu einem veritablen Theaterskandal führte, der schließlich sogar den Landtag befasste.

Pünktlich auf die Minute stand der Bus vor der Tür, und die fröhliche Gesellschaft machte sich auf den Weg zur nächsten Station, der Büchnerbühne.

Party im Bus: Die Papas spielen in jeder Lebenslage
Nur vorübergehend schläfrig: der Autor bei einer kreativen Pause

Der Weg vom Darmstädter Hauptbahnhof ins hessische Ried heißt ganz zu recht „Büchnerlinie“, der Bus fährt von Büchnerort zu Büchnerort. Wie gut sich ein Linienbus zum Musikmachen eignet, konnten die Papas auf dem Weg zur Stadtgrenze beweisen – der Bus schwebte förmlich auf einer Woge von Blues …

Brunner fasste dann kurz die vielen Darmstädter Bezüge der Familie zusammen, bevor der Bus die Pfungstädter Gemarkung bei Eschollbrücken erreichte.
Das war Anlass, Wilhelm Büchners Biografie zu rekapitulieren: der Mann, der zwischen 1845 und 1892 aus dem Bauerndorf Pfungstadt eine moderne Stadt machte, hat mit seinem Ultramarinblau das erste Industrieprodukt geschaffen, das erfolgreich aus Hessen-Darmstadt exportiert wurde. Als politisch und sozial engagierter Unternehmer hat er eine ganze Gegend geprägt (und politisch in Land- und Reichstag als Liberaler vertreten). Vom Darmstädter Architekten Balthasar Harres ließ er 1863 die Villa Büchner bauen („nach außen bescheiden wirkend, im Innern an Mitteln nicht sparend“ hieß Büchners Auftrag). Als er 1892 an Cholera stirbt, ist Pfungstadt, das eine zeitlang „das südhessische Manchester“ hieß, nicht mehr wiederzuerkennen. Aus dem Dorf ist eine Stadt, aus Bauern sind Arbeiter und aus Landidylle ist städtische Geschäftigkeit geworden.

Wilhelm Büchners „Blaufabrik“

Von Pfungstadt ging es weiter zum Hospital, dem „Irrenhaus“, dessen Verwalter Georg Büchners Großvater wurde. Ernst Büchner heiratete in der Hospitalkirche Caroline Reuß und holte sie zu sich in sein Untermietzimmer in der Goddelauer Weidstraße. Das Hospital wurde 1813 nicht ärztlich, sondern administrativ geleitet; erst 1821 wurde mit Carl C. G. Amelung ein Mediziner Hospitalleiter. Am Ort des großherzoglichen Hospitals betreibt heute das Unternehmen Vitos eine moderne psychiatrische Klinik; das Psychiatriemuseum dokumentiert seine Geschichte.
Die Buslinie würde ab hier direkt nach Goddelau weiterfahren und dort an den beiden Büchnerhäusern Hospital- und Weidstraße vorbeikommen. Wegen einer langwierigen Baustelle ist dieser Weg aktuell verbaut; die Büchnertour fuhr daher direkt über Land nach Leeheim, einen anderen der fünf Stadtteile Riedstadts.

Leeheim ist der Standort der BüchnerBühne und bildet eigentlich den Endpunkt der Büchnerlinie.

Zum Thema Land hatte sich Theaterleiter Suhr mehr ausgedacht als einfach nur platte Landschaftszitate – er führte den Gästen Büchners Gedanken zur Provinz in den Köpfen vor.

Dies bot Gelegenheit zu einer Parforcetour durch Büchners Leben und das Repertoire der kleinen Bühne. Das blendend aufgelegte Ensemble zeigte Ausschnitte aus der Edschmid-Dramatisierung „Wenn es Rosen sind …“, dem Danton, aus Lenz, Leonce und Lena und dem Woyzeck.

Alexander Valerius, Oliver Kai Müller,
Melanie Linzer, Christian Suhr

Quer durchs hessische Ried fuhr die bestens aufgelegte Reisegesellschaft schließlich nach Goddelau, in Georgs Geburtshaus, zur letzten Station der Reise – Fluss.

Das wunderbare Ehrenamtsteam des Fördervereins Büchnerhaus hatte Kaffe gekocht und Kuchen besorgt, bereits Stunden vorher erste Gäste im Museum begrüßt und eine sommerliche Bewirtung eingerichtet, und so konnte bei bestem Wetter zunächst im gastlichen Hof des Anwesens Rast gemacht werden.

Aber es stand ja noch „Fluss“ auf dem Programm, und Peter Brunner schilderte anschaulich, wie viel feuchter und „fließender” die ganze Geged vor 200 Jahren war. Mit Wolfgang Roth aus Eschollbrücken, der kurz vorher einen Vortrag über die Modau im hessischen Ried für seinen Heimatverein gehalten hatte, und Markus Zwittmeier aus Trebur, der sein Wissen zum Thema inzwischen wunderbarerweise auch noch im eigenen Blog aufgeschrieben hat, waren zwei Ko-Referenten anwesend, die Gegend und Geschichte bestens kennen und hervorragend präsentieren können.


Den Schluß machte Brunner mit einem Zitat des Büchner-Herausgebers Wilhelm Hausenstein, der in seiner Einleitung zur Werkausgabe (Leipzig, 1916) schrieb:

„An der Bahnlinie zwischen Mannheim und Frankfurt liegt nicht weit von Darmstadt – das hessische Dorf Goddelau. Der Ort ist kahl, und die umliegende Ebene ist dürftig. – Nur die Erhebungen des hessischen Odenwaldes im Osten und Südosten drüben geben diesem kümmerlichen Stück Welt einige Anziehung.

So muß es schon vor hundert Jahren gewesen sein. Es ist das seltsamste Gefühl, sich die Heimat eines Genies so vorstellen zu müssen. So viel unbestimmte Bedrücktheit, so wenig Profil, so wenig Horizont, so wenig Schwung: Das ist die Geburtsstätte des Dichters, der das Drama der Weltgeschichte umfaßte und im wonnigen Luxus des Märchens dionysisch umherging wie ein idealer Fürstensohn in einem morgenländischen Garten.“

Dem anwesenden Publikum konnte erfreulicherweise das Goddelau der Gegenwart durchaus dionysische Züge zeigen …

Versprochen musste versprochen bleiben: die BüchnerBande war angekündigt und die Büchnerbande trat auf. Das noch immer nicht erschöpfte Publikum freute sich über Wilhelm Büchners Bedenken, einen Orden anzunehmen, ebenso wie über Luise Büchners Spott über die Verehrung des „heiligen“ Rocks und schließlich über Ludwig Büchners Haschischexpertise.

Die fabelafte Büchnerbande –
Reiner Lenz, Peter Brunner, Heiner Dieckmann,
Petra Bassus, Jürgen Queißner, Thomas Heldmann

Durch den höchst komfortablen Service der Lokalen Nahverkehrsgesellschaft Gross-Gerau und ihren hervorragenden Fahrer endete der Tag mit einer kurzweiligen Heimfahrt wie geplant am Darmstädter Hauptbahnhof.

Zweierlei steht fest: das Büchnerland hat viel zu bieten, und die südhessischen Büchnerstätten liegen nah beieinander und sind bestens verbunden durch die Büchnerlinie – Büchnerhaus und Büchnerbühne liegen nah der Stadt im Land am Fluss, aber da sind sie leicht zu finden und schnell zu erreichen!

Peter Brunner

von Peter Brunner

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