Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Georg Büchner (Seite 18 von 48)

Wer wollte noch Freiheitslieder singen, wo die Gegenwart nichts empfinden ließ als die hoffnungslose Erinnerung an eine große Enttäuschung

Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dazu Informationen hier vom UNHCR und hier von der UNO-Flüchtlingshilfe.  Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Der „Neue Landbote”, die Internet-Zeitung für Rhein-Main und Mittelhessen, hat daran hier mit einer Zusammenstellung von Zitaten Georg Büchners erinnert.

Der löbliche und angemessene Hinweis ist an dieser Stelle noch um Informationen auf weitere Büchner-Flüchtlingsschicksale zu ergänzen.

Weniger dramatisch und nur kurzfristig war Alexander Büchners Flucht vor Verfolgung ins Versteck bei seinem Pfungstädter Bruder Wilhelm. Ich schrieb dazu 2009:

„Komischerweise hat noch nie jemand darauf hingewiesen, wie aberwitzig dieser „Ausflug” am  Pfingstmontag, dem 28. Mai 1849, tatsächlich war. Alexander hatte sich nämlich in Pfungstadt in den weitläufigen Örtlichkeiten der Blaufabrik vor Verfolgung versteckt, und ausgerechnet in den durchaus absehbaren Geplänkeln der Revolutions-Niederschlagung  „spazierenzugehen”, darf man schon waghalsig nennen. Das „Gefecht bei Heppenheim” zwischen den badischen Revolutionstruppen und den Soldaten der hessischen Konterrevolution fand nur zwei Tage später, am 30. Mai, statt. Alexander riskierte im wörtlichen Sinn sein Leben, und vielleicht sollten wir ihm zugestehen, dass er sich vom Stand der Bedrohung überzeugen wollte und den „Spaziergang” in Zukunft besser „Erkundung” nennen.”

Später blieb ihm nichts anderes übrig, als Deutschland zu verlassen. Nachdem ihm der „Access ”, die Zulassung als Anwalt vor Gericht, entzogen worden war, hat er ein weiteres Studium absolviert. Auch als Sprachwissenschaftler gelang es ihm aber nicht, in Deutschland (und auch nicht in der Schweiz) angestellt zu werden. Seine bescheidene Karriere in Frankreich zum Professor für Deutsch an der Universätät von Caen entsprach durchaus nicht dem, was in einem liberalen Deutschland aus ihm hätte werden können. Er selbst schreibt in seinem Lebensbericht „Das tolle Jahr“

„Nun waren meine Aussichten als deutscher Schriftsteller zwar recht gut, andererseits aber reizte mich die Gelegenheit, das Französische grundmäßig kennen zu lernen sowie Land und Leute in nächster Nähe zu studieren, so daß ich mich schnell entschloss, das Angebotene zu ergreifen.” (a.a.O., S. 212)

Dies ist nun in mehr als einer Beziehung ein Alexander’scher Euphemismus: tatsächlich stand er trotz zweier Studien, doppelter Promotion und nachdem er ein durchaus vorzeigbares Werk vorgelegt hatte („Geschichte der englischen Poesie“, Darmstadt 1855), dem er 1858 „Französische Literaturbilder” (Frankfurt a.M., Herrmmann’scher Vlg.) folgen ließ, vor dem beruflichen Nichts. Seine Auswanderung nach Frankreich darf sehr wohl als Exil verstanden werden.

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Viele Freunde der Büchners mussten Deutschland zwischen 1837 und 1860 verlassen: zum Beispiel der arme Minnigerode, als Bote mit Exemplaren des Hessischen Landboten in Gießen verhaftet und im Gefängnis fast verückt geworden, und nur entlassen wurde, weil seine Familie zusagte, dass er nach Amerika auswandern werde (wo er ein neues Leben als Prediger begann); oder August Becker, der treueste Freund Georg Büchners, der nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt in die Schweiz gegangen war, von wo er zurück in die 48er Revolution kam und danach Landtagsabgeordneter wurde, bis ihm wegen angeblicher Gotteslästerung erneut Gefängnis drohte. Er könne nie wieder in ein deutsches Gefängnis gehen ohne zu sterben, soll er gesagt haben, bevor er 1853 in die USA floh. Oder Gustav Buß, der ebenfalls als 48er mit seiner Frau aus Karlsruhe in die USA floh und in den siebziger Jahren mit seinen Kindern zurück kam. Er hatte in Texas erleben müssen, dass die Südstaatler die Deutschen Exilanten mit Gewalt in die Armee pressen wollten und hatte sich dem, wie viele weitere Deutsche, widersetzt. Es kam zu Menschenjagden und Erschiessungen; Buss entkam nach Mexiko. In Darmstadt heiratete sein Sohn Karl („Don Carlos”) 1888 Ludwig Büchners Tochter Mathilde.

Luise Büchner schreibt über die Folgen der Niederlage von 1849:

„Strenge musste man sich hüten, das, was man dachte, nicht über die Lippen treten zu lassen, denn strafte das Gesetz schon jeden, den es erreichen durfte und konnte, mit voller Härte, so suchte man auch die bloße Gesinnung zu bestrafen, wo es im Bereiche der Möglichkeit lag. Diese Mißliebigen wurden dann zu keinem Amte mehr zugelassen, von den Staatsprüfungen zurückgewiesen, nicht befördert und sonst noch auf jede Weise bedrückt. So sahen sich auch noch in den folgenden Jahren viel strebsame, junge Männer genötigt, den Staatsdienst zu quittieren oder das Vaterland zu verlassen um ihre Kenntnisse um Auslande zu verwerten. Ein neuer Aufschwung der Literatur, welcher einigermaßen zu trösten vermocht hätte, war unter diesen Verhältnissen ebenso wenig zu erwarten: wer wollte noch Freiheitslieder singen und an die Herzen seiner Nation anpochen, wo die Gegenwart nichts empfinden ließ als die hoffnungslose Erinnerung an eine große Enttäuschung. Wo das Große nicht gedeihen konnte und nicht nehr ausgesprochen werden durfte, da kam das Kleine und Süßliche an die Reihe.” (Luise Büchner. Deutsche Geschichte, Lpzg. 1875, S. 570)

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Es ist bitter, das bis heute Menschen die schreckliche Erfahrung machen müssen zu fliehen. Und es ist unerträglich, das ausgerechnet in Deutschland, das so lange, so oft und so viele zu Flucht gezwungen hat, das Recht auf Asyl mit Worten und Taten in Frage gestellt wird.

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von Peter Brunner

Die Büchners erobern die Bretter, die die Welt bedeuten

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Probenfoto (Copyright Tina Perisutti)

Nach der Uraufführung von „Die Nerven der Fische“ sind jetzt erste Besprechungen erschienen:

 

Die Kronenzeitung (wohl nicht online, hier der Ausriss beim Theater) schreibt:

„Lange schon hat es hierzulande kein Stück mehr gegeben, das die zügellose Lust am Experiment zur Kunstform erhebt“

 

und die „Kleine Zeitung Kärnten“

 

„ … mit Zitaten geizt sie nicht, die jüngste und … vorerst letzte Produktion des klagenfurer ensembles …”

 

Wer Lust und Gelegenheit hat, sich selbst ein Bild zu machen, fahre hin –
nach den Aufführungen in Klagenfurt gibt es noch ein Gastspiel in Graz:

Diese Aufführungen finden statt: 23., 24., 25., 26., 27. Juni 2015, jeweils 20.00 Uhr im Tanz&TheaterZentrum Graz

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von Peter Brunner

Die Nerven der Fische

Eines der tiefsten Worte in der Deutschen Sprache ist „Familienbande”
soll Karl Kraus gesagt haben, und wohin sollte dieses Zitat passen, wenn nicht gerade ins Geschwisterblog zu einem Thema aus Österreich.

 

Nach der Geschwister-Revue über die „fabelhafte Büchnerbande”, Peter Schanz‘ Theaterstück über Luise und Mathilde und der Dramatisierung von Edschmids Rosen-Roman über Georg Büchner durch die Büchnerbühne hat sich jetzt ein österreichisches Theater, das Klagenfurter Ensemble, des Stoffes angenommen, den die Jahrhundertfamilie zweifelsohne bietet.

Die Nerven der Fische
FamilienLustSpiel à la Büchner
von Josef Maria Krasanovsky und Alexander Mitterer
Bühne und Regie: Josef Maria Krasanovsky

soll am 18. Mai in Klagenfurt uraufgeführt werden.

Im Text zur Inszenierung heißt es:

Nach der Koproduktion des Theater Kaendace (Graz) mit dem klagenfurter ensemble mit dem Titel „Wozzek oder das Leben liebt die Klinge“ im Jahr 2006, waren zwei Dinge klar: der Kosmos um Georg Büchner hat noch viel zu bieten und das soll wiederum in einer Koproduktion umgesetzt werden. „Die Nerven der Fische“ soll diesen vielschichtigen Kosmos theatral zeigen:

Der Titel des Stückes ist auch der Beginn des Titels von Georg Büchners Doktorarbeit an der Universität Straßburg, welche von den Sehnerven der Rheinbarbe handelt und aus einem naturwissenschaftlichen und einem philosophischen Teil besteht. Schließlich schnitt sich der 23jährige Georg Büchner mit dem Seziermesser und starb an dem darauffolgenden Wundfieber. 

Die Familie Büchner ohne den inzwischen berühmtesten Vertreter Georg wird dargestellt:von tatsächlichen Biographien ausgehend, geht die Geschichte über in Fiktion und thematisiert den aktuellen Gesellschaftszustand. Dabei steht die Familie als Sinnbild der Gesellschaft und wird somit zum Reflektor unserer Zeit. Bislang gibt es kein einziges Stück über diese Familie, welche damals Themen aufbrach, die heute wieder sehr aktuell ist.

Das verschwundene Stück mit dem Titel „Pietro Aretino“ schürt Mutmaßungen: – Warum ist das Drama verschwunden? – Wovon handelte das Drama? Der Namensgeber des Dramas „Pietro Aretino“ war bekannt für seine deftig-frivolen Sonnete. Vor allem Georg Büchners Verlobte Wilhemine (Minna) Jaeglé wurde für das Verschwinden des
Dramas verantwortlich gemacht.

Der Autor, Regisseur und Bühnenbildner Josef Maria Krasanovsky:
„Es ist ein poetischer Abend mit großem Hang zur Ehrlichkeit. Und er ist lustig.“

Der Mit-Autor und Schauspieler Alexander Mitterer:
„Das Wirken Georg Büchners auf seine damals so berühmte Familie soll dargestellt werden.“

Der künstlerische Leiter des klagenfurter ensemble Gerhard Lehner:
„Hier findet zeitgenössisches Theater statt, welches auch als Experiment bezeichnet werden kann.“

Dem ist zunächst nichts hinzuzufügen – außer der Wusch nach gutem Gelingen!

Gerade schreibt mir die Produktionsleiterin, Tina Perisutti, auf meine Bitte um den Text oder gar einen Mitschnitt der Aufführung:

„Bezüglich Textbuch bzw. Filmmitschnitt sind wir leider abhängig von den uns zur Verfügung gestellten Mitteln, und die sind im Land Kärnten gerade so bestellt, dass wir unser Theater zumindest für die nächsten drei Monate schließen werden müssen.”

 

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von Peter Brunner

Seh’n wir uns in Köln?

Die fabelhafte Büchnerbande stellt ihr Geschwisterprogramm auf Einladung des Bildungsbüro Köln im „Udmurtischen Blockhaus” des Georg-Simon-Ohm Berufskolleg vor:

 

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Samstag, 9. Mai, 18:30 Uhr
Udmurtisches Blockhaus im Georg-Simon-Ohm Berufskolleg
Westerwaldstr. 92

51105 Köln

Eintritt 15 €

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von Peter Brunner

Sieg! – Ausrufezeichen. Sieg? – Fragezeichen. Sieg: – Doppelpunkt.

Aus naheliegenden Gründen habe ich grade mal über Günter Grass‘ Büchnerpreis 1965 (!) nachgelesen.

Sein Laudator Kasimir Edschmid sagte, angesichts dessen, was seit der Todesnachricht zu lesen und zu hören ist, mit erschreckender Aktualität:

„… ich gehöre zu den Bewunderern dessen, was die Meute Ihnen gemeinhin vorwirft – bis fast ins Detail, auch wenn ich diese Details der Harmonie des Ganzen oft nicht entsprechend finde. Ich verwechsele dabei nicht Ihre Popularität mit der Qualität des Geschriebenen. Das sind verschiedene Aspekte und haben nichts miteinander zu tun. Aber ich möchte betonen, daß ich die Angriffe auf Ihre Bücher zum Teil beschämend niedrig fixiert und die Gestalten Ihrer Feinde und deren Taktik erbärmlich finde. Andererseits distanziere ich mich gern von gewissen Hymnen, die Ihnen dargebracht werden und die ich für Automatenmusik halte.”

Grass spricht, unmittelbar nach dem erneuten Scheitern der Sozialdemokratie unter Willy Brandt, die Mehrheit im Bundestag zu erobern, mit Verve über sein Engagement und schließt:

„Meine Damen und Herren! Anfangs versprach ich, Bilanz zu ziehen. Der Anlaß dieser Rede gab mir die Möglichkeit, mit Georg Büchner die deutsche Emigration zu ehren. Wenn unsere Jugend nicht lernt, sie als gewichtigen und oft besseren Teil unserer Geistesgeschichte zu werten, wenn, wie heute, abermals zu befürchten ist, daß uns der Geist und die Künste, zum wievielten Male, emigrieren, dann wird es an der Zeit sein, unsere Nachbarn zu warnen: Gebt acht, ihr Tschechen, Polen, Holländer und Franzosen: die Deutschen sind wieder zum Fürchten! – Soll so die Bilanz schließen? Es wollen noch einige Zahlen für sich sprechen. Doch wenn es in Georg Büchners »Hessischem Landboten« darum geht, den getretenen Bauern vorzurechnen, wie im Großherzogtum Hessen mit ihren Steuergulden umgegangen wird, wenn Büchner die über sechs Millionen Gulden den »Blutzehnten« nennt, »der vom Leib des Volkes genommen wird«, dann fällt es mir schwer, die bemessenen Erfolge meiner zwei Wahlreisen auf Heller und Pfennig abzurechnen. Wir konnten nur Akzente setzen und – alles in allem – das Selbstverständliche tun. Ich danke den Schriftstellern Siegfried Lenz, Paul Schallück, Max von der Grün und dem Komponisten Hans Werner Henze, die »selbstverständlich!« sagten, als ich sie bat, zur Wahl zu sprechen. Wenn also diese Rede einen Titel haben soll, dann mag sie heißen: Rede über das Selbstverständliche. Den Mund aufmachen – der Vernunft das Wort reden – die Verleumder beim Namen nennen. Wird es morgen schon selbstverständlich werden, das Selbstverständliche und seinen Sieg vorbereiten? Sieg! – Ausrufezeichen. Sieg? – Fragezeichen. Sieg: – Doppelpunkt.”

Die vollständigen Texte zum Büchnerpreis 1965 (und zu allen anderen Preisträgerinnen seit 1951!) finden sich auf der sehr schön neu gestalteten Site der Akademie für Sprache und Dichtung.

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von Peter Brunner

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