Freundlicherweise hat der Hessische Rundfunk die Veranstaltung mit „Erben der Geschichte” (eine beeindruckte Besucherin), die ich für das Museum Büchnerhaus organisieren und moderieren durfte, aufgezeichnet, von meinen Hustern und Sprechfehlern weitestgehend befreit und letzte Woche ausgestrahlt.
Darüber hinaus steht die Sendung „Das aktuelle Kulturgespräch” der „Kulturszene Hessen” online zum Anhören bereit. Und wer das lieber auf dem eigenen Rechner speichern und jederzeit wieder hören möchte, kann die Datei dort (über den kleinen Abwärtspfeil rechts unter dem Bild) auch downloaden.
Wer also nachhören möchte, ob sich Rebellion oder absoluter Herrschaftsanspruch vererbt, ob Familienbande stärken oder belasten und ob hinter „Krieg den Pallästen” ein Ausrufe- oder doch eher ein Fragezeichen gehört, findet dort Anregungen zum Vertiefen gewonnener Erkenntnis.
Rainer von Hessen (links), Nachfahre von Ludwig II. von Hessen, der die Landboten-Verschwörer verfolgen ließ, mit Peter Soeder, Nachfahre von Georg Büchners Bruder Ludwig, der 1848 in Gießen „Revolution machte” und bis zu seinem Tod 1899 republikanisch dachte und schrieb.
In der zweiten Auflage von Ludwig Büchners „Fremdes und Eigenes aus dem geistigen Leben der Gegenwart” (übrigens ein Titel, der Ludwig Büchners Leben und Arbeit prägnant auf den Punkt bringt…), findet sich als Anhang ein Text von knapp zwanzig Seiten unter der Überschrift „Ein Besuch bei Darwin”.
Charles Darwin war für Ludwig Büchner „der Wiederbeleber der Entwicklungstheorie”. Mit einigem Selbstbewusstsein, an dem es ihm überhaupt nicht mangelte, stellt er auch sich selbst in die Reihe derjenigen, welche „die Ursachen der Umwandlung und Verwandlung der Lebewelt” erforscht und beschrieben haben.
1881 nutzte Büchner seine Teilnahme am Freidenkerkongreß in London dazu, dem großen Denker seine Aufwartung zu machen. Er bediente sich dazu einer Person als Vermittler und Übersetzer, die mit „umstritten” noch sehr freundlich beschrieben wird – Edward Aveling, dem Schwiegersohn von Karl Marx, der dessen Tochter Eleanor in Verzweiflung und Selbstmord trieb.
In der wunderbar erschlossenen Korrespondenz Charles Darwins findet sich ein Briefwechsel Büchners von 1862, in dem Darwin für die Zusendung seines Buches „Aus Natur und Wissenschaft“ dankt.
1864 veröffentlichte Büchner seine Übersetzung des bahnbrechenden Werks „Das Alter des Menschengeschlechts auf der Erde und der Ursprung der Arten durch Abänderung, nebst einer Beschreibung der Eis-Zeit in Europa und Amerika” von Charles Lyell. Das Buch des engen Freundes von Charles Darwin hatte in England schon beim Erscheinen Furore gemacht.
In zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen hat Ludwig Büchner immer wieder auf die weltbewegenden Erkenntnisse Darwins hingewiesen; heute wird ihm gerne vorgeworfen, er habe dabei zu Unrecht Darwins Theorien auch auf die Entwicklung der Menschheit bezogen und so einem unwissenschaftlichen „Sozialdarwinismus” Vorschub geleistet.
Die deutsche Autorin Ilona Jerger schrieb mir, dass sie Büchners Aufsatz nicht kannte, als sie ihren Roman über ein fiktives Treffen Darwins mit Karl Marx geschrieben hat, und Büchner, dessentwegen ich das Buch gelesen habe, kommt auch tatsächlich nur auf wenigen Seiten und eher blass in der Geschichte vor.
Wer aber auf eine angemessene Würdigung des Darmstädter Professors verzichten kann, kann „Und Marx stand still in Darwins Garten” als schönes Beispiel „kontrafaktischer Geschichtsschreibung” lesen. Davon hatten wir es hier ja schon einmal am Beispiel der politischen Optionen für ein Deutschland zwischen Preussen und Österreich. Es ist wirklich spannend, sich vorzustellen, was sich die beiden großen Denker zu sagen gehabt hätten, und dass sie eine ganze Weile räumlich nahe beieinander lebten, macht das Spiel noch realistischer.
Das Speisezimmer in Down House – eingedeckt mit Wedgewood, of course
Ilona Jerger gelingt es gut, die Atmosphäre in Down House lebendig werden zu lassen, sicher hat sie bei Ihren Vorarbeiten das schöne Museum in Darwins Haus besucht. (Über meinen Besuch dort habe ich hier 2009 berichtet.) Es schadet auch nicht, dass sie selbst deutlich Partei bezieht – der nachdenkliche und zögernde Darwin ist ihr als Person und mit seinem Forschungsgegenstand deutlich näher als der polternde Marx, und dass Darwin Marx‘ Kapital auf deutsch nur auf den ersten Seiten aufgeschnitten, also fast ungelesen, hinterlassen hat, kann sie offenbar gut verstehen. Tatsächlich fiel es Darwin schwer, deutsche Texte zu lesen, er erwähnt das ja auch in der oben zitierten Antwort an Ludwig Büchner. *1 Mit Vergnügen hat sie dagegen offenbar Darwins Texte gelesen, und ganz zu Recht beschreibt sie geradezu liebevoll seinen berühmten Beitrag über Regenwürmer (hier digitalisiert auf deutsch).
Wer also Lust hat, ein gut geschriebenes Buch mit einer gut erfundenen Story aus dem England des 19. Jahrhunderts zu lesen, wird mit „Und Marx stand still in Darwins Garten” bestens bedient. Für mich sind zahlreiche biografische und „pseudobiografische” Romane der Anlass gewesen, mehr über Leben und Werk der handelnden Personen erfahren zu wollen, und das kann ja neben reinem Lesevergnügen auch nicht schaden.
*1 Offensichtlich kam niemand auf die Idee, Charles Darwin (und wohl auch der Autorin nicht …) vorzuschlagen, als Einstieg in Marx‘ Denken und Schreiben das Kapital – in seinem Fall auf englisch – mittendrin aufzuschlagen und mit dem lesenswerten 24. Kapitel über die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation” (für die geneigten Leser*innen hier auf deutsch …) zu beginnen. Wie Marx dort den „historischen Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel” als „die Vorgeschichte des Kapitals” schildert, ist jedenfalls die vielleicht beste Einführung in sein Denken und eine ausgezeichnete Heranführung an seine Art des Argumentierens.
1982 hat das Franz Hodjak als „Variation auf ein Thema von Büchner” gedichtet, und dieser vielleicht knappstmögliche Kommentar zu Büchners Landbote, den ich zu Beginn des Gesprächs mit den Nachfahren der Landboten-Protagonisten zitierte, war, scheint mir, in der munteren und aufschlussreichen Runde konsensfähig.
Das „Panel” – vlnr: Ludwig Steinmetz, Manfred Büchner, Thomas Will, Magda Pillawa, Peter Brunner, Brita Flinner, Rainer von Hessen, Peter Soeder
Alle hatten nachgedacht und vorbereitet, ob und wie sie biographisch, politisch, gesellschaftlich auf besondere Weise mit den frühen hessischen Republikanern und/oder ihren Widersachern verbunden sind. Sei es, das Magda Pillawa kein Spur des Jähzorns bei sich findet, für den Ludwig Büchner bekannt war (es gibt da eine Geschichte von einem voller Wut aus dem Fenster geworfenen Schweinebraten …), sei es, dass Manfred Büchner über Wilhelm Büchners Neugier auf die Naturwissenschaften reflektierte. Beeindruckend, wie Rainer von Hessen schilderte, dass für ihn in der Auseinandersetzung mit den unsäglichen Verstrickungen seiner Vorfahren in die Verbrechen des Nationalsozialismus klar wurde, dass Herkunft und Geburt kein Privileg verschaffen darf und schon gar keine Garantie für überlegenes Verhalten verschaffen kann. Und berührend, wie Peter Soeder, Oberkirchenrat a.D., auf die Frage, wie er es mit der Religionskritik seines Urgroßvater Ludwig Büchner halte, diesen ganz direkt ansprach: „Hallo Urgroßvater …“. Ganz zu Recht habe er sich von der Amtskirche und ihren Verstrickungen mit der Macht, den Palästen, abgewandt. Und sein Engagement für gerechtere Erbschaftsbesteuerung, Reform der Grundbesitzverhältnisse und Versicherungsschutz sei bis heute gerade für Christen vorbildlich. Landrat Will, der als Repräsentant der aktuellen Macht eingeladen war, fand deutliche Worte zur Ungleichheit. Es dürfe nicht sein, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufspreize. Glücklicherweise seien die Verhältnisse, gegen die sich die Landboten-Verschwörer empörten, überwunden, aber es bedürfe aktiven politischen Einflusses für Chancengleichheit, insbesondere in Bildungsfragen. Auch zur Meinungsfreiheit gab er ein klares Bekenntnis ab: nicht ihre Einschränkung, sondern ihr Schutz sei gegen „Fake-News“ und Desinformation erforderlich, und auch hier spiele Bildung die zentrale Rolle. Brita Flinner hat mit ihren Erfahrungen aus Namibia, wo sie einen Teil ihres Lebens verbrachte, den wichtigen Hinweis darauf gemacht, dass die Hütten des 21. Jahrhunderts für uns im Ausland stehen und wie eng das Leben in unseren „Palästen” mit ihnen verbunden ist.
Schön, dass ich zum Schluss in das Exemplar von Edschmids Büchner-Roman „Wenn es Rosen sind … ” für Rainer von Hessen aufrichtig schreiben konnte: „Von Citoyen zu Citoyen“.
Und gut, dass sich das Büchnerhaus mit diesem „Familientreffen” wieder als „Ort der Freiheit” positionieren konnte.
Der Hessische Rundfunk hat das Gespräch aufgezeichnet
und wird es in „Kulturszene Hessen”
am Samstag, dem 25. November, von 18:04 bis 19 Uhr auf HR 2 senden.
Am Sonntag, dem 27. August, waren es sicher über 2.000 Menschen, die das Spektakel erleben wollten. Vorbild waren Berichte und Abbildungen vom Hergang des Ereignisses, unter anderem die bekannte Lithografie von C.G.H Geißler:
Von Christian Gottfried Heinrich Geißler (1770–1844) – Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv. Gei I/18bOriginally uploaded to German Wikipedia by de:User:Leonce49, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5078558
Am authentischen Platz stand das Holzgerüst, das das Schafott bedrohlich glaubwürdig zitierte, vom Rathaus zu den Leitern hin war ein Weg mit Stricken abgesperrt, auf dem Scharfrichter und Delinquent hätten schreiten können.
Hätten, denn der künstlerische Leiter, René Reinhardt, verzichtete auf jede weitere Präsenz. Allein die Toninstallation machte die Ereignisse erfahrbar – gegengeschnitten hörte das bemerkenswert aufmerksame Publikum einen als Reportage gesprochenen Bericht von den letzten Handlungen vor Gericht mit Szenen aus Büchners Woyzeck. Reinhardt war entschlossen, die Gier nach dem Skandal zu enttäuschen, und das gelang auf wirklich großartige Art und Weise.
Die Installation auf dem Marktplatz nach der Aufführung
Gespanntes Publikum
Kein Schauspiel war nötig, um das schreckliche Geschehen zu illustrieren – als der Ton das scharfe Zischen des Schwertes einspielte, fiel der Stuhl des Delinquenten, auf den alle gebannt schauten, wie von Geisterhand.
„Hoppla”, hätte Brecht gesagt.
Um zu zeigen, wie nah uns das Ereignis eigentlich ist und dass es sich bei der letzen öffentlichen Hinrichtung in Leipzig zwar um ein mittelalterliches Ritual, aber um ein neuzeitliches Ereignis handelt, trat dann im Biedermeierkostüm ein Mädchen als Clara Schumann auf, die tatsächlich wenige Tage nach der Hinrichtung am gleichen Ort zu Konzerten in Leipzig eintraf.
Die Installation wird jetzt bis zum 10. Oktober als kleines Museum zu den Ereignissen und – in Kooperation mit Amnesty International – gegen die Todesstrafe auf dem Marktplatz stehen bleiben. Später soll sie nach Straßburg und Zürich reisen, ein Abstecher nach Waldersbach, dem Ort des unglücklichen Lenz, ist geplant.
Und wir machen uns Gedanken, ob und wie ein Auftritt beim Büchnerhaus in Goddelau zu machen ist, und ob und was Büchnerhaus und Büchnerbühne zu den geplanten weiteren Aktivitäten beitragen können.
Fast 200 Jahre nach dem Erscheinen des Hessischen Landboten 1834 unter seiner berühmten Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ bietet das Motto des Denkmalstages 2017 Gelegenheit, über Macht und Pracht, also über Herrschaft und ihre Repräsentation, nachzudenken.
Ist es wirklich so einfach, dass die Paläste für Unterdrückung und Beharrung und die Mietwohnungen im Hinterhof für Freiheit und Aufbruch stehen?
Wolfgang Koeppen hat schon 1962 zu bedenken gegeben, dass es eine gefährliche Vereinfachung ist, Freiheit und Recht stets auf der Seite der Armen, Ausbeutung und Terror stets auf der der „Vornehmen“ zu verorten.
„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast, und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“
(W. Koeppen in seiner Büchnerpreisrede 1962)
Das Büchnerhaus hat persönliche und politische Nachfahren der Protagonisten von 1834 eingeladen.
Britta Flinner, Magda Pillawa, Peter Soeder und Ludwig Steinmetz sind Ur- bzw. Ur-Ur-Enkel Ludwig Büchners, Friedgard Wyporek und Manfred Büchner Ur-Ur-Enkel Wilhelm Büchners, alle sind Großnichten und -neffen Georg Büchners. Diese Verwandtschaft hat sie alle begleitet und geprägt.
Rainer Christoph Friedrich von Hessen ist ein Cousin des 2013 verstorbenen Moritz Landgraf von Hessen aus dem Hause Hessen-Kassel, der 1960 durch Adoption auch Erbe des Darmstädter Fürstenhauses wurde. Durch seine Mutter ist Rainer von Hessen zudem ein Nachkomme Großherzog Ludwigs II., unter dessen Regentschaft Georg Büchner seine revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“ verfasste und verbreiten ließ.
Rainer von Hessen beim Besuch im Büchnerhaus mit einem Faksimile des Hessischen Landboten
Thomas Will, Landrat des Landkreises Groß-Gerau und Aufsichtsratsvorsitzender der „KulturRegion FrankfurtRheinMain“ vertritt die die politische Verantwortung, die „Macht“ von heute.
Wir wollen mit ihnen über ihre Erfahrungen sprechen:
– Steckt in ihnen noch der alte Widerspruch zwischen Palast und Hütte?
– Spielt in ihrem Leben die Herkunft eine Rolle – und war das Fluch oder Segen?
– Auf welcher Seite hätten sie 1834 gestanden?
– Ist der Kampf um die Meinungsfreiheit gewonnen?Braucht sie heute Verteidigung oder Beschränkung?
Tatsächlich waren schon die Aktivisten des Hessischen Landboten um Friedrich Weidig keine „arme Leut“. Die Gegnerschaft zu den „Reichen“ strichen sie Georg Büchner aus dem Manuskript und ersetzten das Wort durch „die Vornehmen“. Über die Gegnerschaft zur herrschenden Aristokratie bestand Einigkeit, nicht aber über Georg Büchners Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Der Hessische Landbote gehört in das Programm der Kämpfe für Presse- und Meinungsfreiheit: das Treffen auf der Badenburg, wo der Druck beschlossen wurde, diente der Koordination des „Oberhessischen Pressvereins“.
Das Museum ist am Tag des offenen Denkmals 2017, Sonntag, dem 10. September 2017, ab 11 Uhr vormittags bei freiem Eintritt geöffnet.
Das Gespräch findet nach Schließung des Museums um 18 Uhr in der Galerie am Büchnerhaus statt.
Falls Sie teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte per E-Mail (buechnerhaus@riedstadt.de) oder telefonisch (06158/4621) an!