Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Geschichte (Seite 24 von 30)

Nicht alles Preußentum ist Schwarz-Weiß

Donnerstag, 21. Juni, 19.30 Uhr

Literaturhaus Darmstadt, Kasinostr. 3

Vortrag von Dr.Thomas Lange: Liebesbriefe als politische Provokation? –

Alexander Büchners Ausgabe der Korrespondenz

von Prinz Louis Ferdinand mit Pauline Wiesel

 

 

 

 

 

 

1865 erschien in Leipzig ein unzeitgemäßes Buch: „Briefe des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen an Pauline Wiesel. Herausgegeben von Alexander Büchner.“ Neben den 1804/5 geschriebenen Briefen des Prinzen enthielt das Buch auch Briefe anderer Männer an die von vielen begehrte Pauline.

                                               

Pauline Wiesel und Prinz Louis Ferdinand, „der preussische Apoll“

(Die beiden gemeinfreien Bilder entnahm ich den oben zitierten Wikipedia-Einträgen) 

Nicht nur die sprachliche Direktheit der prinzlichen Korrespondenz wurde als skandalös empfunden, sondern auch die Tatsache, dass mit diesen Briefen an ein Preußen erinnert wurde, das sich sehr von dem Staat unterschied, der sich in den 60er Jahren anschickte, ein neues Deutsches Reich erobernd zu gründen. Entstehungsbedingungen und politischer Kontext dieser Briefausgabe durch den jüngsten Bruder von Georg Büchner weisen das Buch als gezielte politische Provokation aus.

 

Exkursion der Luise Büchner-Gesellschaft nach Weimar im Spiegel eines Twit-Streams

Vom  7. bis 10. Juni war die Luise Büchner-Gesellschaft Darmstadt auf einer Exkursion nach Weimar.

Hier folgt die Wiedergabe der unkorrigierten und ungekürzten Kommentare via Twitter, die ich als Teilnehmer während dieser Fahrt zu den spontanen Eindrücken der Besichtigungen und Ereignisse verschickt habe. (Twitter-Unkundige müssen dazu hier eigentlich nur wissen, dass das eine Kommunikationsstruktur ist, die den Versand von Nachrichten in knapper Form möglich macht.) Lesen konnten das meine „Follower“, also diejenigen, die meine (eher seltenen) Twitter-Kommentare regelmäßig lesen, sowie alle, die dieses Thema, markiert durch den „Hashtag“ (das Stichwort) #LuiseWeimar verfolgen wollten.

Natürlich ist das hier ein Experiment, das ich nicht ständig wiederholen werde, keine Angst!

Die hier rot angezeigten „Links“ führen zu den Bildern, die ich ebenfalls unmittelbar aus dem Geschehen heraus gemacht und verschickt habe, sie sind daher auch nicht der Höhepunkt meiner fotografischen Möglichkeiten; hier sollen sie aber so „roh“ (und gelegentlich, wie ich feststellen musste, auch gekippt)  wiedergegeben werden.

 Ich freue mich über Kommentare und Fragen.

 

Luise Büchner-Gesellschaft Darmstadt auf Weimar-Exkursion:#LuiseWeimar

#LuiseWeimar Agnes Schmidt: grosse Landgräfin verbindet Darmstadt und Weimar: verheiratet Tochter Luise

#LuiseWeimar A. Schmidt über Goethe in Darmstadt; J H Merck. „Empfindsame“ einziger erwähnenswerter Literaturkreis Darmstadts

 #LuiseWeimar Johanna Schopenhauer über Goethes „Bettschatz“: wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr eine Tasse Tee geben

#LuiseWeimar J. Schopenhauer wunderte sich, dass die Darmstädter anstelle von Milch oder Limonade auch Frauen ein Glas Wein reichten

#LuiseWeimar Grenzübertritt: Gofforaum auf!

 #LuiseWeimar Im Schatten der Wartburg erinnert die ungarnstämmmige Agnes Schmidt an die gemeinsame Stammmutter Erszebet/Elisabeth

 #LuiseWeimar wurde genötigt, die Anreiseszene aus Lotte in Weimar vorzulesen. Sächsle mit Kammerdiene Mager. Jetzt sprachlos.

#LuiseWeimar angekommen http://via.me/-1t71kdk

#LuiseWeimar Hotel Elephant. Eingecheckt. Gattin verschwindet vorübergehend im begehbaren Kleiderschrank.

#LuiseWeimar Anna Amalia Bibliothek: wir hatten reserviert!http://via.me/-1tbwwlg

#LuiseWeimar Besuch am Grab von Goethes Christianehttp://via.me/-1tg17g2

#LuiseWeimar Aus dem reichhaltigen Frühstücksangebot im „Elephant“http://via.me/-1u5xn56

#LuiseWeimar Unvergesslicher Besuch im noch nicht eröffneten Goethe- und Schiller-Archiv. Und Buechnerhandschriften!http://via.me/-1u987x6

#LuiseWeimar Agnes Schmidt zitiert ein Gedicht von Petöfi, dem#Buechner Ungarns, vor seinem Denkmal http://via.me/-1ud8few

#LuiseWeimar Im Goethehaus. G. zum jungen Mendelssohn-Bartholdy: „Mache er mir ein wenig Lärm!“ http://via.me/-1uhkv94

#LuiseWeimar Darmstädter zur Sonne. … http://via.me/-1uo3lbc

#LuiseWeimar Annette Seemann zu Salons in W. J. Schopenhauer bietet Tee und Butterbrote, „aber sie kommen doch wieder“http://via.me/-1uo5yi8

#LuiseWeimar Frühstückstische sind gedeckt – und dann zum Wieland-Gut! http://via.me/-1v7tx42

#LuiseWeimar Kurzes Arno Schmidt Gedenken an Wielands Grabhttp://via.me/-1vapth2

#LuiseWeimar Scharfe Debatte über Fotoverbot in Tiefurt: Mißbrauch des Hausrechts! http://via.me/-1ve4khk

#LuiseWeimar #Buchenwald das KZ, das aus Pietätsgründen nicht Weimar heißen durfte http://via.me/-1vismsu .

#LuiseWeimar man muss Nietzsche nicht verehren, um für Van der Velde zu schwärmen http://via.me/-1vkcnri

#LuiseWeimar Kuchen bei Rose an der Herderkirche – seit vielen Jahren backt so in Darmstadt keiner mehr! http://via.me/-1vqpzuc

#LuiseWeimar Belvedere: Friede den Palästen? http://via.me/-1wm40fy

#LuiseWeimar Letzte Station Schloß Kochberg. Auf der Karte Georg#Buechner s Leibgericht? http://via.me/-1wyccd8

#LuiseWeimar Heimfahrt. Grenzübertritt nach Hessen komplikationslos.http://via.me/-1x133do

#LuiseWeimar Erfolgreich und erschöpft zurück; keine Verluste. Das war nicht die letzte Exkursion der Luise Büchner-Gesellschaft!

 


Wirth und Sieben Pfeiffer Leben hoch!

Heute vor 180 Jahren wurde das Hambacher Fest begangen. Zu den Einzelheiten der Ereignisse in dieser Wiege unserer Demokratie hier nur der Hinweis auf den Wikipedia-Artikel; via Google fand ich gerade Hinweise auf immerhin an die 380 neue Ergebnisse aus den letzten 24 Stunden.

Die beiden großen Redner des Festes, Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth, wurden festgenommen, aber im Juni 1833 bei einem spektakulären Prozeß freigesprochen. Über  Wirth habe ich hier schon einmal mit einem Ausstellungshinweis geschrieben.  Beide wurden danach übrigens in skandalöser Rechtsbeugung wegen Beamtenbeleidigung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

In dem schönen Katalog zur Ausstellung aus Speyer (Kämpfer für Freiheit und Demokratie Johann Georg August Wirth / hrsg. von Armin Schlechter. – Neustadt an der Weinstraße, 2010. – (Stiftung zur Förderung der Pfälzischen Geschichtsforschung : Reihe B ; 12). – ISBN 978-3-942189-07-1. – S. 37-51, 2010. – ISBN 978-3-942189-07-1. 18 €) findet sich auf Seite 166 das folgende Blatt:

Karikatur Wirth Siebenpfeiffer

mit dem Kommentar:

… ein in zwei Varianten bezeugter, vorgeblicher Werbetext, der mit den Namen Wirth und Siebenpfeiffer spielt, … Das bekanntere Objekt, eine Lithographie, zeigt einen imaginären Wirtstisch zwischen Bäumen. Der vollständige, zweispaltige Text lautet:

Gast Wirth Weinschenk und Garküche zu den Sieben Eichen bey Eduard Pfeiffer. Die Gäste Leben hoch!

Die rechte Spalte allein ergibt den Text:

Wirth und Sieben Pfeiffer Leben hoch!

Eine Variante hierzu lässt sich in den Akten der Regierung der Rheinpfalz fassen. Eine Anzeige vom 21. September 1833 berichtete von dem Plan, ein ähnliches Wirtshausschild auf dem Dürkheimer Wurstmarkt aufzustellen. Die Fahndung nach dem Schild, dessen Inhalt als Skizze beigefügt wurde, verlief erfolglos. Trotz dem wurde der Wurstmarkt am 29. September 1833 von zehn Soldaten beaufsichtigt

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Zwei Schwestern und ein Todesfall – oder: Es ist nicht leicht, eine Darmstädterin zu sein

Zur Uraufführung von  „Luise & Mathilde”, Kammerspiel von Peter Schanz 

Samstag, 12. Mai 2012, Staatstheater Darmstadt, Kammerspiele

Hier die Besprechungen von Johannes Breckner im DARMSTÄDTER ECHO und von Leopold Schuwerak im Hessischen Rundfunk

 

Der Theaterautor und Dramaturg Peter Schanz hat zur „Büchnerbiennale“, dem unermüdlichen Feiern von wahlweise Georg Büchners Geburtstag oder Todestag, ein Theaterstück geschrieben und inszeniert. Für die Dramaturgie ist Caroline Zacheiß verantwortlich. Es ist den beiden Schwestern des großen Dichters gewidmet. Die Premiere fand am Samstag im Kammerspiel des Darmstädter Staatstheaters statt, das den Charme eines Lofts mit dem Chaos eines Kulissenlagers verbindet und übernormgroße Zuschauer auf Folterstühlen quält. Folgerichtig hat Schauspieldirektor Martin Apelt auch kein Bühnenbild eingerichtet, sondern in der Mitte der Bühne eine Art Umzugsdepot aus Küche, Tisch und Bank aufstapeln lassen, das zu Beginn der Aufführung von den beiden Schwestern erst einmal zur Theaterkulisse auseinandergezogen und als Wohnungseinrichtung platziert wird.

 

Schauspieldirektor Martin Apelt bei der öffentlichen Probe vor dem zukünftigen Bühnenbild  

 

Margit Schulte-Tigges und Sonja Mustoff kommen als Frauen von heute auf die Bühne, und nach 90 Minuten werden sie die Verwandlung zu den zwei Büchnerschwestern vor dem Publikum rückgängig machen und sich zurück ins Heute begeben.

Zunächst verpuppen sich die beiden zu dem Duo, das Mitte des neunzehnten Jahrhunderts jahrzehntelang miteinander in Darmstadt lebte. Die schwesterliche Eintracht der äußerlich ganz verschiedenen Frauen zeigt sich schon beim gegenseitigen Ankleiden der zeitgemäßen schwarzen Kostüme voller Haken und Ösen, die ironische Distanz zur Rolle in der Bemerkung „jetzt könnte mal jemand den Reissverschluss erfinden“. Brav nimmt Mathilde ihren Part in der Küche an, während Luise sich mit Papier und Feder am Tisch niederlässt. Wie eine Imagination des toten Bruders Georg hat der Autor seinen Akteurinnen einen Spielmann erfunden, den sich Mathilde „von dem da oben“ wünscht. Finn Henrik Hanssen, der auf der Riedstädter Büchnerbühne in „Wenn es Rosen sind werden sie blühen“, der Adaption von Kasimir Edschmidts Büchner-Roman, gerade einen großartigen Ludwig Weidig spielt, gibt mit frischer Jugendlichkeit einen Cicisbeo mit der Gitarre. Die Tagträume der Schwestern darf er mit den geliebten Volksliedern untermalen. Nicht als Geschichtsstunde, als biographischer Essay faltet sich im Trialog das Leben der beiden Frauen auf. Schanz lässt Luise ihren Raum als bedeutender Frauenrechtlerin, ohne die Schwester Mathilde als Hausmütterchen zu denunzieren. Im Gegenteil ist der ältesten Büchnerschwester, von der außer ihrem Namenszug kaum ein Stück schriftlicher Hinterlassenschaft übrig geblieben ist, selten so sehr Recht geschehen wie hier auf der Darmstädter Bühne. Mathilde kennt und kommentiert Luises Werk und präsentiert sich glaubwürdig als die Hüterin der Familienschätze, die unglücklicherweise dem Darmstädter Feuersturm vom 11. September 1944 zum Opfer gefallen seien. Schanz hat seine Hausaufgaben gemacht – er zitiert damit eine sehr berechtigte Vermutung von Agnes Schmidt, der Vorsitzenden der Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft. Darüber hinaus schafft er es, Luise Büchners Denken und Arbeit mit gut gewählten Zitaten anschaulich zu machen. Auch Anspielungen auf Darmstädter Lokalkolorit in Sprache und Erzählung gelingen zur hörbaren Freude des Auditoriums, das darin übereinstimmt, dass Pralinen keinesfalls in der Vorort-Provinz Griesheim gekauft werden dürfen. Die Rückverwandlung der beiden in Frauen von heute geht einher mit Dialogen, die uns ganz die Aktualität auch dieser Büchners vermitteln; sei es in der RAF-Hysterie der siebziger Jahre oder in der für Darmstadt noch immer denkwürdigen Frauenaktion gegen einen Sexshop.

 

Zum Ende der unterhaltsamen Aufführung findet das glücklicherweise lange nicht mehr im Theater erlebte Einbeziehen des Publikums, allerdings erfreulich unaufdringlich und durchaus der Stringenz des Stückes folgend, mittels Einladung zum Abendimbiss statt. Mathilde hat Fischsuppe für alle gekocht – aus Barben natürlich.

 

Mit reichlichem Beifall bedankte sich das Publikum bei dem glänzend aufgelegten Ensemble mit Autor und Schauspieldirektor.

 

Als erfrischender Kommentar zum gelegentlich überintellektualisierten Georg Büchner-Gedenken ist dieser schönen Aufführung als Denkmal der Büchnerschwestern und als Memento der noch lange nicht am Ziel angekommenen Frauenbewegung viel Erfolg und eine lange Spielzeit zu wünschen!  

„Christ und Bürger, deine Pflicht, heißt dich suchen Recht und Licht!“*

Im Rahmen der Bildungsarbeit hat das evangelische Dekanat Darmstadt-Land zu einer Exkursion auf den Spuren von Friedrich Ludwig Weidig nach Butzbach und Umgebung eingeladen.

 

Eine Stadtführung durch die schöne Fachwerkinnenstadt (mit den üblichen Problemen Sanierungsstau und Konflikt mit Eigentümerinteressen), eine Führung durch das außergewöhnlich gut ausgestattete Museum und schließlich noch die Besichtigung zweier Stätten außerhalb der Stadt waren auf dem Programm.

 

In Butzbach ist die Scheune verschwunden, in der Weidig das Manuskript und später die gedruckten Exemplare des Hessischen Landboten versteckte; die Kirche, sein Elternhaus, das Haus des Konrektors und auch die damalige Lateinschule sind erhalten.

Butzbach: rechts das Haus, in dem Weidig als Konrektor lebte, links die ehemalige Lateinschule, wo er unterrichtete 

 

Im Museum gibt es einen Gedächtnisraum an Weidig und die Zeit von 1800 – 1850; dabei Hinweise auf die Sammlung des Weidig-Forschungsarchives, besonders auch die dort untergebrachte bedeutende Sammlung Heil.

 

Am Stadtrand liegt der „Schrenzer“, die Gegend an der historischen „Schranke“, dem Limes, der dort verlief (das Kastell war größer als die Saalburg!). Dort errichtete Weidig den ersten hessischen Turnplatz, an den ausgerechnet die Nazis mit einem Gedenkstein erinnerten. Schon 1848 haben die Butzbacher dort einen „Weidig-Hain“ angepflanzt, dessen Bäume den Schriftzug seines Namens bildeten. Zwei der großen Eichen aus dieser Zeit stehen noch vor Ort. Auch eine großer Gedenkstein, den kurz nach Weidigs 175. Todestag noch der Gedenkkranz der Stadt schmückte, ist dort aufgestellt.

 Weidig Gedenkstein

 

 Der Weidig-Gedenkstein  und der historische Turnplatz auf dem „Schrenzer“ oberhalb von Butzbach

 

Schließlich führte die Fahrt noch nach Wölfersheim, wo der Ort des „Blutbads von Södel“, wo die enthemmten Truppen des Darmstädter Prinzen Emil am 1. Oktober 1830 eine wehrlose Bauerngruppe zusammenschossen, aufgesucht werden sollte. Leider gibt es vor Ort kaum Erinnerung an diese Schandtat, die Büchner und Weidig im „Hessischen Landboten“ erwähnen, und auch den Gedenkstein, den man aufsuchen wollte, gibt es nicht.

 

Der Dorfplatz von Södel, heute einem Stadtteil von Wölfersheim, Schauplatz des „Blutbades“ 

 

Allerdings hat eine örtliche Laienspielgruppe vor einiger Zeit am historischen Ort ein Theaterstück zu diesem wichtigen Teil der Ortsgeschichte aufgeführt.

 

* Aus Weidigs Predigt „Vom gemeinen Nutzen“, gehalten um 1819 in Butzbach.

Zit. nach „Weickhardt, Ludwig. Dr. Friedrich Ludwig Weidig. Das Lebensbild eines aufrechten deutschen Mannes“. Butzbach. luwei. 1969

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