Peter Brunners Buechnerblog

Kategorie: Geschichte (Seite 20 von 30)

Was du gewollt, wofür du hast gelitten, hat Deutschlands Volk sich muthig jetzt erstritten

… das hofften die Demokraten der 1848-Revolution im September 1848 – es hat dann noch bis 1918 gedauert, bis endlich der Monarchismus beseitigt und freie, gleiche und geheime Wahlen in Deutschland durchgesetzt waren.

Wenige Tage nach Georg Büchner starb in Darmstädter Haft am 23. Februar 1837 der Butzbacher Pfarrrer Friedrich Ludwig Weidig, den seine Freunde Fritz nannten.

 

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Hier habe ich darüber schon im letzten Jahr berichtet. 

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Weidigs Grab auf dem Darmstädter Alten Friedhof (Februar 2013) 

Weidig gehört zu den wichtigsten frühen Demokraten Hessens, die Bedeutung seines unermüdlichen, tapferen  und konsequenten Einsatzes für Gleichheit und Gerechtigkeit kann kaum überschätzt werden. Lange vor der Verschwörung zum Hessischen Landboten hat Weidig schon 1814 einen Turnplatz eingerichtet und dort Turn- und Exerzierübungen organisiert – im Butzbacher Museum zeigt man bis heute hölzerne Gewehr und Säbel der ersten hessischen Turner. Die „Weidig-Stadt” Butzbach hat auf ihrer Homepage hier Weidigs „Predigt vom gemeinen Nutzen” von 1819 veröffentlicht. Er gehörte zu den Vorbereitern des Hambacher Festes von 1832, nahm aber selbst aus Angst vor Verfolgung nicht an dem Treffen teil. Auch in die Planungen des Frankfurter Wachensturms vom 3. April 1833 war Weidig eng eingebunden. Sein „Leuchter und Beleuchter für Hessen”, der als illegales Flugblatt 1834 in insgesamt vier Ausgaben erschien, ist ein wichtiges Dokument der Überlegungen und Planungen der frühen Demokraten. Ihre Unzufriedenheit kulminiert im Wunsch nach der Wiederherstellung alter, vorgeblich besserer Verhältnisse. Wahlkönigtum, Einheit der Nation und Gerechtigkeit sind die zentralen Stichworte. Georg Büchners dagegen aufsässige Forderungen nach radikaler Veränderung und Umsturz hat Weidig sicher nicht gänzlich geteilt, aber geduldet – der Hessische Landbote und das bis heute andauernde Rätsel, welche Textteile von welchem Autor sind und welchen gesellschaftlichen Intentionen entstammen, sind ein beredtes Zeugnis für die strategische Uneinheitlichkeit der Aufrührer. 

Wie Georg Büchner macht sich auch Weidig nach dem Verrat der Landboten-Aktion auf den Weg ins Exil, entscheidet sich aber zur Umkehr und verzichtet auf die prekäre Sicherheit in Frankreich oder der Schweiz. Gut möglich, dass er auf die Wirksamkeit eines öffentlichen Prozesses und die Möglichkeit, dort offen für seine Überzeugungen einzutreten, gesetzt hat. Das unmenschliche und autokratische System gab ihm diese Chance nicht – stattdessen wurde er in Darmstadt mit  skandalösen Verhörmethoden ohne Rechtsbeistand und unter Folter gequält.  Am 23. Februar 1837 wurde er in seiner Zelle schwer verletzt aufgefunden; der verbrecherische Richter Georgi ließ Stunden verstreichen, bis endlich ärztliche Hilfe gerufen wurde. In Deutschland und im Ausland kam es zu zahlreichen Veröffentlichungen, in denen der Darmstädter Justiz die alleinige Verantwortung für Weidigs Tod zugeschrieben wurde. Georgs Bruder Alexander Büchner hat 1848 eine Novelle veröffentlicht, in der er Georgi als Mörder Weidigs bezeichnet, im darauf folgenden Verleumdungsprozeß wurde er in einem der ersten hessischen Geschworenenprozesse freigesprochen. 

An der Zellenwand fand sich mit Weidigs Blut geschrieben der Satz:

Da mir der Feind jede Vertheidigung versagt, so wähle ich einen schimpfl. Tod aus freien Stücken 

 

Im September 1848 wurde in Darmstadt „Zur Inauguration seines Denkmals”, nachdem endlich auch der vorgesehene Text gezeigt werden durfte,  der folgende Text vorgetragen:

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Die beiden Plaketten auf der Vorder- und Rückseite des Grabkreuzes

 

An Dr. Friedrich Weidig,

am Tage

der Inauguration seines Denkmals.

 

Darmstadt, 17. Sept. 1848.

 

 

Verklärter Geist! Blick‘ Du aus Himmelshallen

Herab zu uns ins laute Erdenthal,

Sieh, wie hier freie deutsche Männer wallen

In Eintracht, in der Freiheit goldnem Strahl,

Vernimm der Freiheit Worte, die wir spenden,

die wir hinauf zu deinem Strahlensitze senden.

 

Dein Blut zu sühnen sind wir heut gekommen

Zu deines Grabes blutig düst’rem Rand;

Der Fluch ist nun vom Vaterland genommen,

Uns all‘ umschlingt der Einheit starkes Band.

Drum, hoher Geist, blick‘ segnend auf uns nieder,

Erkenne Deutschlands freie Söhne in uns wieder.

 

Du wolltest brechen Deutschlands Sklavenketten,

Du wolltest brechen Deutschlands tiefster Schmach,

Du wolltest uns von schwerem Druck erretten,

der, einem Alb gleich, rings auf Deutschland lag;

doch für der Freiheit heiligste Verfechtung

Traf dich des Polizeistaats allertiefste Knechtung.

 

Im Kerkernacht als argen Hochverräter

hat dich der Dunkelmänner Brut geführt,

und Dich verdammt als Mietern Missetäter,

weil Du der Wahrheit heiliges Schwert geführt,

weil du gekämpft für unsere höchsten Güter

D’rum würgte dich des Polizeistaats gift’ge Hyder

 

Aus dunkler Kerkernacht, von martervollen Qualen,

Hob sich dein Geist empor zum ew’gen Licht,

um dort in reiner Glorie zu strahlen,

bis einst ein neuer Morgen Bahn sich bricht.

Doch wie Dein heil’ger Streiter Leib gefallen?

Ist noch ein dunkel unauflösbar Räthsel Allen.

 

Dein Blut zu sühnen, sind wir heut gekommen,

die Eulenbrut ist nun durch’s Licht verjagt;

die Schmach ist nun vom Vaterland genommen,

der Freiheit sonnenheller Morgen tagt.

Und überall sieht man in deutschen Gauen

das Volk auf seine eigne Kraft vertrauen.

 

Der Freiheitshauch um schwebt die heil’ge Stätte,

wo deiner Seele ird’sche Hülle ruht;

so schlummre sanft im kühlen Erdenbette,

gesühnt ist jetzt dein heilig Märtyr’blut:

was du gewollt, wofür du hast gelitten,

hat Deutschlands Volk sich muthig jetzt erstritten.

 

Ph. Blüttel.

 

von Peter Brunner

Ein Gespenst ruft als Landbote zu Revolte: Empört Euch

In den letzten Monaten sind mit unterschiedlich großem Echo mehrere Flugschriften veröffentlicht worden, die je nach Standpunkt der Beobachter als Fanal, Aufschrei, Hilfestellung, Erläuterung, manchmal aber auch als Zeichen der Hilflosigkeit angesichts gesellschaftlicher Umbrüche interpretiert werden.

Nach Stephane Hessels „Empört Euch!“ (hier in Auszügen bei der FAZ) erschien Konstantin Weckers „Aufruf zur Revolte“ (hier als pdf) und ein Titel, der für dieses Weblog besondere Bedeutung hat:

 

Der Hessische Landbote 2013

Ich bin gebeten worden, die Vorstellung dieses Textes durch drei der sieben Autoren (6 Männer, eine Frau) zu moderieren.

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(ISBN 978-3-944137-64-3, 
Peter-Grohmann-Verlag, Stuttgart)

 

Neben der Gesprächsführung werde ich auch auf die Frage eingehen, ob und wie die gesellschaftlichen Verhältnisse der 1830er Jahre mit unseren heutigen vergleichbar sind und ob und wie sich der Rückgriff auf das große Vorbild rechtfertigt.

 

Lesung und Diskussion am 13. Februar 2014
im Stadtmuseum Groß-Gerau

Am Marktplatz 3, 64521 Groß-Gerau, 19:30 Uhr, Eintritt frei

 

 

Den 200. Geburtstag von Georg Büchner am 17. Oktober 2013 hat eine Autorengruppe mit Gewerkschaftern aus dem Kreis Groß-Gerau zum Anlass genommen, eine Broschüre unter dem Titel „Der Hessische Landbote 2013“ zu veröffentlichen: als „Ermutigung zum Denken und Handeln“. Die Autoren beschreiben darin ihre Sicht auf aktuelle gesellschaftliche und soziale Missstände und deren Ursachen. Die Schrift macht auf kritikwürdige Zustände und Verhältnisse aufmerksam und ist damit, wie es im Untertitel heißt, „ein Aufruf, der anstiften will zur Auflehnung“. In acht Kapiteln behandelt die Autorengruppe unter anderem Themen wie Armut und Reichtum, Arbeit, Bildung, Migration, Krankheit und Gesundheit. Der Initiatiator des Projekts, Edgar Weick, und die Mitverfasser Bernd Heyl und Martin van de Rakt werden in der Lesung am 13. Februar, die Veranstaltung ist in das Stadtmuseum verlegt worden, Passagen lesen, erläutern und zur Diskussion stellen. Moderation: Peter Brunner, Betreiber des Blogs „Neues aus Büchnerland“.

Kooperationspartner der KVHS sind: DGB Ortsverband Groß-Gerau im Rahmen der AG „Arbeit und Leben“ (DGB/VHS) Südhessen.
Der Eintritt ist frei.

von Peter Brunner

von wegen Odenwaldhölle …

edit: Mitschnitt einer Zugabe mit Georg Büchners Bemerkungen über „sein“ Darmstadt, als illustrierender Beitrag zur Haltung Jugendlicher zur Stätte ihres Erwachsenwerdens.

edit: so war’s am Samstag in Klein-Umstadt:

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Die ganze Bande auf der Bühne.
Beim Anklicken wechseln die handelnden Personen – wie im richtigen Leben! 

Über den witzigen Beitrag von Antonia Baum in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über ihre Erfahrungen als Heranwachsende im Odenwald ist in den letzten Wochen ja viel geschrieben und geredet worden. Zuletzt hat das Darmstädter Echo berichtet, dass der clevere Erbacher Unternehmer Koziol das wahrscheinlich einzig Richtige mit dieser Heimatbeschimpfung gemacht hat: er hat sie aufgegriffen und ihr öffentlich Referenz erwiesen: „Ich liebe die Odenwaldhölle“ könnte ein selbstironischer Slogan werden, der näher an den täglichen Erfahrungen der Einwohner ist als all der bemühte Tourismusslang mit Schäfchen und grünen Wiesen.

 

Am Rand der „Hölle“ trägt jedenfalls am Samstag, dem 25.1., um 20 Uhr im Alten Rathaus Klein-Umstadt, die fabelhafte Büchner-Bande schon mal zur kulturellen Vielfalt bei. 

 

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Weihnachten 2013 in der Villa Büchner

Der Georg Büchner-Brief zu Weihnachten, den ich schon 2011 hier zitierte, ist ja wieder in aller Munde und tatsächlich nicht der schlechteste Text zu Weihnachten im Büchnerjahr. Mit wenig Mühe findet sich dann noch das eine oder andere Zitat zu Familie, Feste feiern und Festtagsbraten.
Den Lesern dieses Blogs viel Vergnügen, wenn sie diesen Sitten frönen –
und wenn nicht, dann eine angenehme Zeit auf ihre Weise!
 

 

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Vor genau 100 Jahren hat Ernst Büchner die Bescherung im „gelben Salon”
der Villa Büchner in Pfungstadt fotografiert.

 

„Gelber Salon“ hieß das Kaminzimmer in der Beletage, weil die Vorhänge und die Möbelbezüge gelb waren. Nachdem 1908 Wilhelm Büchners Witwe Elisabeth gestorben war, zog ihr Sohn Ernst mit seiner zweiten Frau Mary von Ferber mit dem erwachsenen Sohn Anton in die Villa ein. Bis dahin lebten sie in einem eigenen Haus, der sogenannten kleinen Villa, die die Pfungstädter wegen der Holzverzierungen an Fenstern und Veranda das Schweizerhaus nannten.

 

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Villa Büchner, Pfungstadt, ca. 1890. Ganz rechts im Bild die „große Villa“,
links (östlich) daneben, vor der historischen Mühle, in der Bildmitte das Schweizerhaus,
in dem Ernst Büchner mit Familie lebte und wo Anton Büchner aufwuchs

 

In den Familienalben folgen noch einige Fotos aus den späteren Kriegsjahren. 1918 wurde die Villa verkauft und die Büchners zogen endgültig aus Pfungstadt weg nach Darmstadt.

 

 

 

Finissage mit der Büchnerbande!

Für die Geschwister Büchner hat es auch im Rahmen der Büchner-Biennale nur zu einer bescheidenen Präsenz gereicht.

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Publikum bei der Vernissage

 

Luise und Mathilde, Wilhelm, Ludwig und Alexander Büchner sind sowohl als Zeitzeugen für Georg Büchner, als prägende Persönlichkeiten seines jungen Lebens wie als je für sich stehende Figuren bedeutend. Einen kleine Eindruck davon vermittelt die Zusammenstellung von Lebens- und Arbeitszeugnissen der fünf, „die die Welt verändern wollten“, im Foyer des Darmstädter Liebighauses. Schon am 14.12. muss diese Präsentation wieder abgebaut werden.

 

  • Für alle, die die Gelegenheit zur Besichtigung noch nicht hatten,
  • und für alle, denen eine Besichtigung alleine noch nicht genug ist,
  • und für alle, die Agnes Schmidt und die Fabelhafte Büchner-Bande sehen, hören und erleben wollen,

 

gibt es dort eine letzte Gelegenheit:

Finissage der Ausstellung am 14. Dezember um 14 Uhr
Liebighaus Darmstadt. Foyer, Bachgasse 2
Eintritt frei!

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Wahrhaft multimedial – im lebhaften Vortrag, mit Verweis auf die Ausstellungstafeln und unterstützt von Musik und Gesang – können sich die Gäste ein eindrucksvolles Bild von dieser Darmstädter Familie machen, die Karl Gutzkow „als von demselben göttliche Feuer ergriffen“ nannte.

 

 

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