Donnerstag, dem 5. März 2020 um 19 Uhr in der Kunstgalerie am Büchnerhaus
Elsbeth Wallnöfer (Wien):
Elsbeth Wallnöfer (c) privat
„Geziert mit
rother Jakobiner-Mütze, Im Polen-Rock, schritt stolz er durch die Strassen“
Kleidung als Programm – von Georg Büchner bis Carola Rackete
Kleidung ist viel mehr als nur den klimatischen Gegebenheiten angepasste Körperbedeckung. Vom Hermelin des Herrschers bis zur Parka der „68er“, vom „Polenrock“ als Ausdruck der Sympathie mit den polnischen Aufständischen von 1833 bis zum „Pali-Tuch“ der rebellischen europäischen Jugend hat sie stets Haltung vermittelt. Elsbeth Wallnöfer begibt sich auf die Spuren unserer Kostümierung und bietet Orientierung im Kleiderschrank der Widerspenstigen.
Elsbeth Wallnöfer (Jahrgang 1963) ist Volkskundlerin und Philosophin. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Heimat und forscht zum Phänomen der Tracht. Daraus ergaben sich zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt erschien „Heimat – Ein Vorschlag zur Güte“ (Haymon-Verlag).
Und auch 2020 kommt der vorjährige Büchnerpreisträger ins Büchnerhaus –
Lukas Bärfuss liest
vorerst nicht
auf der BüchnerBühne in Riedstadt-Leeheim –
wegen der Virusprophylxe mussten wir alle Veranstaltungen und die Museumsöffnung bis vorerst zum 30. April einstellen.
Lukas Bärfuss (c) Stefano di Marchi
Es ist zur guten Übung geworden, dass die Büchnerpreisträger*innen des Vorjahres auf Einladung der Büchnerstadt Riedstadt Georg Büchners Geburtshaus besuchen und dort eine Lesung abhalten.
2020 gibt es gleich zwei gute Gründe dafür, dass die Lesung nicht in der Kunstgalerie am Büchnerhaus, sondern auf der BüchnerBühne stattfindet: Haus und Bühne kooperieren künftig eng miteinander und koordinieren daher ihre Veranstaltungen systematisch. Daher wird Lukas Bärfuss am Nachmittag vor der Lesung das Büchnerhaus zu besuchen und die spätere Lesung dann in Leeheim zu halten. Darüber hinaus ist Lukas Bärfuss ein wichtiger Theaterautor, und wo sollte der auftreten, wenn nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten?
In seiner Rede zum Büchnerpreis hat Bärfuss Büchner an einem zentralen Punkt getroffen und abgeholt. Er sagte: „Und es ist diese Frage, die mich mit Georg Büchner verbindet. Was das denn sei, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet, fragt der Revolutionär Georges Danton, …Aber nein, so weit sollten wir seither gekommen sein seit Büchner, dieses »das« in jener Frage, es ist nicht in uns, es ist zwischen uns, vor uns, es ist da, man kann es lesen, man kann es hören, es ist in den Beschlüssen, den Anordnungen, den Dienstvorschriften, den Funktionszusammenhängen, den Einreiseformalitäten, den Fahrplänen, den Beförderungsbestimmungen.“
Kaum eine Stelle in Büchners Werk drückt so sicher auch seine eigene Haltung aus und führt uns so nahe in seine Werkstatt: bevor Danton die Frage stellt, stellt sie Büchner selbst, seine Lebensfrage, im Brief an die Geliebte. Er zitiert sich selbst, wenn er Danton das fragen lässt, und die Frage hat weder den Dichter noch den Naturwissenschaftler je losgelassen.
Lukas Bärfuss, 1971 in Thun in der Schweiz geboren,
ist Autor von 25 Stücken, drei Romanen und einigen Essays und Erzählungen. Der
Büchner-Preis-Juror Ernst Osterkamp sagte über ihn: „Er ist jemand, der mit
äußerster Sensibilität insbesondere die politischen Entwicklungen und das sind
vor allen Dingen auch mediale Entwicklungen in seinem Heimatland, in der
Schweiz, beobachtet und sie mit einer gewissen Fähigkeit zur stilistischen Rücksichtslosigkeit
zu kommentieren in der Lage ist.“
Nach all den Weihnachtswünschen und Rückblicken auf das vergangene
Jahr hier stattdessen zum Jahresbeginn ein kleiner Ausblick von mir
in Sachen Büchner – unvermeidlich beeinflusst vom Vergangenen.
Zum ersten Januar 2020 liegt ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm von BüchnerHaus und BüchnerBühne vor – dieser scheinbar kleine Schritt für die Gestaltung ist in Wirklichkeit ein großer Schritt vorwärts zu intensiver Kooperation. Tatsächlich listet das Leporello auf, wann wo welche Veranstaltungen von uns angeboten werden, Kooperation im wörtlichen Sinn ist (noch) kaum wahrzunehmen. Immerhin ist „Die Welt so alt“ (am 23.2. und am 14.3. auf der BüchnerBühne) in Zusammenarbeit von Christian Suhr mit mir entstanden, und wenn es die Termine zulassen, werde ich da auch wieder die Texte zur Biographie Georg Büchners als Moderation sprechen wie zur Erstaufführung an Georg Büchners Geburtstag im Oktober.
Auf Einladung der
Büchnerstadt Riedstadt liest der Büchnerpreisträger von 2019,
Lukas Bärfuß, am Samstag, dem 21. März, aus seinem Werk. Wir haben
ihn eingeladen, am Nachmittag das Büchnerhaus zu besichtigen und
dabei unsere Vereinsmitglieder zu treffen, bevor wir dann gemeinsam
zur BücherBühne fahren, wo die Lesung stattfinden wird. Das soll
auch den Dramatiker Bärfuß würdigen – wo, wenn nicht auf der
Bühne …
Ins Büchnerhaus
kommt zum ersten Vortrag am 23. Januar 2020 der Frankfurter
Germanistikprofessor Roland Borgards, der zugleich designierter
Leiter der Forschungsstelle Georg Büchner und der neue Vorsitzende
der Georg Büchner Gesellschaft ist. Er wird über einen seiner
Forschungsschwerpukte sprechen: „Von Fledermäusen, Grasmücken
und Nachtigallen. Büchners Bestiarium und die Tiere der Romantik“,
und natürlich wird er vorher das BücherHaus besuchen. Wir setzen
darauf, dass das die von Anfang an bestehende enge Verbindung der
Büchnerstadt mit den beiden akademischen Einrichtungen weiter
festigt und verstärkt.
Die Kunstgalerie am Büchnerhaus, unser Vortragsraum im ehemaligen Kuhstall des Anwesens, zeigt in den nächsten Monaten zwei ganz unterschiedliche Werke: ab dem 19. Januar Skizzen, Vorzeichnungen und Originale des Gießener Künstlers Andreas Eikenroth zu dessen Woyzeck-Comic, der ganz zu Recht mit besten Kritiken besprochen wurde und den er bei einer sehr schönen Veranstaltung am 14.11. präsentiert hat. Er hat mir kürzlich mitgeteilt, dass er an einem weiteren Büchner-Werk arbeitet; mit einigem Glück dürfen wir auf einen Lenz-Comic von ihm hoffen!
Zu Ende März hat dann unser Freund Mario Derra, der Graphiker, Typograph und Bewahrer der Lithographie, zugesagt, seine neuen Lithographien zu Leonce und Lena zusammen mit neuen Bronzearbeiten zu präsentieren. Das wird unter anderem für diejenigen spannend, denen die wunderbaren Holzschnitte von Leo Leonhardt zu Leonce und Lena noch präsent sind, die wir bis zum Winter gezeigt haben.
Das Büchnerhaus ist schon lange in enger Kooperation mit „Geist der Freiheit“ , dem Zusammenschluss von Orten unserer Demokratiegeschichte in der „Kulturregion Frankfurt“. Es war leicht, zum diesjährigen Thema „Kleidung“ einen Anknüpfungspunkt zu finden: weil es immerhin ein paar Hinweise über Georg Büchners gelegentlich provokante Kleidung gibt, und weil wir schon lange gut mit einer Forscherin bekannt sind, die zu diesem Thema arbeitet: Elsbeth Wallnöfer aus Wien hat vor einiger Zeit vor der Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft über ihre Forschung zum „Dirndl“ gesprochen und kommt nun zum Thema „Kleidung als Programm“ am 5. März ins Büchnerhaus: „Geziert mit rother Jakobiner-Mütze im Polen-Rock, schritt stolz er durch die Strassen“ heißt ihr Vortrag, den sie so ankündigt: „Kleidung ist vielmehr als nur den klimatischen Gegebenheiten angepasste Körperbedeckung. Vom Hermelin des Herrschers bis zur Parka der „68er“, vom„Polenrock“ als Ausdruck der Sympathie mit den polnischen Aufständischen von 1833 bis zum „Pali-Tuch“ der rebellischen europäischen Jugend hat sie stets Haltung vermittelt.“ Wir warten gespannt auf den Vortrag (und hätten nichts dagegen, wenn an dem Abend unsere Gäste „programmatisch gekleidet“ kämen … ).
Für die kommenden Monate arbeiten wir intensiv an einer Veranstaltungsreihe zu einem Ereignis, das als Jubiläum bisher kaum Wellen schlug: 2020 jährt sich die Inkraftsetzung der ersten hessischen Verfassung zum zweihundertsten Male. Die Ambivalenz dieses Gesetzes wollen wir beleuchten. Es wurde einerseits vom Fürsten oktroyiert, bot aber andererseits so bemerkenswerte Garantien wie „Jeder Hesse ist vor dem Gesetz gleich“, es war sowohl die Verfassung, die Friedrich Weidig seinen Schülern zum Auswendiglernen aufgab, andererseits aber auch die, unter der er im Gefängnis ums Leben kam und die Büchner ins Exil zwang. Das wird überraschend aktuell, wenn Parallelen zu heutigen Volksbeglückern hergestellt werden. In China und in den USA, in Polen und in Ungarn stellt sich plötzlich wieder die Frage, ob nicht „ein guter König“ viel besser und effektiver Glück und Wohlstand fürs Volk schaffen kann als mühselige republikanische Anstrengungen um Konsens und Mehrheit. Wir wollen diese Frage Historiker*innen und Verfassungsrechtler*innen stellen und den Versuch unternehmen, ihre Erkenntnisse mit Schauspieler*innen, Autor*innen und bildenden Künstler*innen in künstlerische Ausdrucksformen zu vermitteln. Ganz getreu Georg Büchners Anspruch: “ … der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtschreiber, steht aber über Letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockne Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen.“ (Brief an die Eltern vom 28. 7. 1835)
BüchnerBühne und Büchnerhaus laden ein zu Georg Büchners Geburtstag am 17. Oktober
O
Valerio, ich bin so jung, und die Welt ist so alt
Anlässlich
seines 206. Geburtstags ehren wir unseren Namenspatron Georg Büchner
mit einer musikalischen Reise durch dessen Lebensstationen und Werk –
mit neuen Liedern und Songs im modernen Gewand auf Basis seiner
Briefe und poetisch zeitlosen Theatertexten.
Besetzung:
Oliver Kai Müller, Mélanie Linzer, Bastian Hahn, Vincent Hoff,
Hannah Bröder, Alexander Valerius Conference:
Peter Brunner
Leitung:
Christian
Suhr
Spieldauer: 85 Minuten
Sonntag,
27. Oktober, 18 Uhr, Kunstgalerie am Büchnerhaus, 8 €
Lucia
Bornhofen: Mit Mark Twain durch Europa
Benefiz
zugunsten des Fördervereins Büchnerhaus
Mark
Twain war Mitte Vierzig, als er sich zum zweiten Mal auf die lange
Reise zum „alten Kontinent“ begab. Mehr als ein Jahr verbrachte
er in Deutschland, der Schweiz, Italien und London und im Jahr
darauf, 1880, erschienen seine Reiseeindrücke „A Tramp abroad“
(zu Deutsch „Bummel durch Europa“). Darin schildert er, der die
Sitten und Gebräuche sehr genau beobachtet hatte, seine Erlebnisse
unvoreingenommen, voller Staunen und zum Teil hochkomisch. Lucia
Bornhofen hat die wunderlichsten, unterhaltsamsten Stücke aus diesen
Twainschen Reiseeindrücken zusammengestellt und bringt sie in
gewohnt gekonnter Art und Weise zu Gehör – und natürlich weiß
sie auch wieder viel über Herrn Twain selbst zu berichten.
Lucia Bornhofen ist Buchhändlerin in Gernsheim. Seit vielen Jahren unterstützt sie das Büchnerhaus mit einer Benefizpräsentation ihres literarischen Programms, das sie erfolgreich in der ganzen Bundesrepublik präsentiert.
Donnerstag, 14. November , 19 Uhr, Kunstgalerie am Bücherhaus, 8 €
Andreas
Eikenroth: Büchners Woyzeck als Comic
Pedro
Hafermann / Esra Schreier: „Bist Du’s, Franz?“
„Eine
graphische Inszenierung“ nennt der Gießener Bühnentechniker und
Comicautor Andreas Eikenroth seinen Comic. Stilistisch geschult und
orientiert an Jeanne Mammen und George Grosz hat er eine sehr eigene
Interpretation des berühmten Dramas vorgelegt. Seit dem Erscheinen
in der „Edition 52“ hat der Band große Aufmerksamkeit erzielt.
In der Galerie wird er Originale seiner Arbeit zeigen, seine
besondere Form der Auseinandersetzung mit Büchners „Woyzeck“
schildern und im Gespräch mit dem Museumsleiter Peter Brunner
darüber nachdenken, was Comic-Adaptionen für den Umgang mit
Literatur bedeuten.
„BIST
DU’S, FRANZ?“
„Dass
die Männer ein’n immer so stehe lasse, so ganz allein mit die
schlechte Gewissen.”
Dies
ist die Geschichte von Marie. Frei nach Büchner und mit seiner
Sprache wird die brüchige Liebe zwischen ihr und Franz Woyzeck in
kurzen, fast alltäglichen Dialogen neu ausgelotet. Text: Pedro
Hafermann. Es lesen Esra Schreier und Pedro Hafermann
Andreas Eikenroth kommt aus Gießen, hat dort in den 1990er Jahren das Comicmagazin „the Kainsmal“ mitbegründet. Darauf folgten einige Veröffentlichungen im Eigenverlag (u.a. „Tage wie Blei“ nach der Kurzgeschichtensammlung „Ohne Amok“ von Paul Hess). 2013 erschien „Die Schönheit des Scheiterns“ bei der Edition 52, wofür es im 2014 den ICOM Preis für das beste Szenario gab, gefolgt von der Graphic Novel „Hummel mit Wodka“. Die „Woyzeck“ Adaption nach dem Dramenfragment von Georg Büchner ist sein neuestes Werk.
Donnerstag,
21. November, 19 Uhr, Kunstgalerie am Büchnerhaus, 8 €
Andel
Müller: Die Adepten. Aus der Reihe „Zeitgenossen“
Mit
freundlicher Unterstützung der Hessischen Landeszentrale für
politische Bildung
Vielleicht
ist die Wirkung auf aktuelle Literatur die wichtigste Form von
„literarischem Erbe“ überhaupt, und Georg Büchner, dessen
Zeitgenossen die Veranstaltungsreihe vorstellt, wurde für viele noch
lange nach seinem Tod „Zeitgenosse“ in dem Sinn, dass er als
aktueller Autor verstanden wurde.
Georg
Büchners großer Einfluss auf die deutsche Literatur zu Beginn des
20. Jahrhunderts ist unbestritten und offensichtlich: die Autor*innen
der Jahrhundertwende von Frank Wederkind über Franz Werfel bis zu
Stadler, Trakl und Toller haben ihren Blick auf den „gemeinen Mann“
an Büchner geschult. In der Gegenwart bietet das zeitlose Werk
Büchners Anknüpfungs- und Reibungspunkte. Bert Brecht und Heiner
Müller, Hans-Magnus Enzensberger und Alexander Kluge haben sich an
Büchner abgearbeitet, einige Büchnerpreisträger*innen haben
großartige Beiträge in ihrer Dankesrede geliefert.
In
Darmstadt sind es die Autoren der „Dachstube“, für die Büchner
prägend wird: Theo Haubach und Carlo Mierendorff, Kasimir Edschmid,
Hans Schiebelhuth und Fritz Usinger verstanden sich als Büchners
Enkel – Büchners Großneffe Anton ging mit ihnen zur Schule.
Andel
Müller war mehr als dreißig Jahre lang Deutschlehrer am
Max-Planck-Gymnasium in Gross-Umstadt, über 15 Jahre lang Leiter des
Darmstädter Literaturhauses. 2018 erschien sein autobiographischer
Roman „Rockin‘ Rausch“.
Zum Tag der Literatur am 26. Mai hatten drei Büchnervereine ein gemeinsames Programm geplant und Gäste eingeladen, mit dem Bus durchs Büchnerland
zu fahren. Stadt Land Fluss
war als Motto ausgegeben worden, und so nahm sich die städtische Luise-Büchner-Gesellschaft das Leben in der Stadt um 1830 zum Thema, die „ländliche” BüchnerBühne in Riedstadt-Leeheim Büchner und das Land. Für das Büchnerhaus in Goddelau blieb dann, durchaus passend, der Fluss – hier sollte es um die ständige Präsenz des Rheins und des Wassers in Bächen, Pfützen und Sümpfen gehen.
Papa Legbas Blues Lounge vertrieben die letzte Morgenmüdigkeit, bevor sich zwei Peters einem dritten widmeten: Peter Engels vom Stadtarchiv sprach mit Peter Brunner vom Büchnerhaus über König Peter von Poponien und seine Gefolgschaft.
Peter Engels legt Wert darauf, dass die Ähnlichkeiten zwischen Büchners Königreich Popo und dem Darmstadt der 1830er Jahre nur gering sind: Hessen-Darmstadt war kein Zwergstaat, sondern das sechstgrößte Land im Deutschen Bund und in der Hauptstadt Darmstadt wehte ein durchaus kritischer Geist. Auch der Terrorstaat, den der Hessische Landbote bekämpfe, sei Hessen-Darmstadt nicht gewesen. Das Darmstadt um 1820 war jedenfalls auch das Darmstadt, das der Architekt Moller in einer Dimension vergrößerte und erweiterte, die den Vergleich mit dem neuen Frankfurt einhundert Jahre später durchaus zulässt.
Brunner machte darauf aufmerksam, dass die Lage in Oberhessen, auf die sich der Landbote bezieht, sehr wohl dramatisch und unterdrückerisch war: Hungeraufstände wurden militärisch niedergeschlagen.
Pünktlich auf die Minute stand der Bus vor der Tür, und die fröhliche Gesellschaft machte sich auf den Weg zur nächsten Station, der Büchnerbühne.
Party im Bus: Die Papas spielen in jeder Lebenslage
Nur vorübergehend schläfrig: der Autor bei einer kreativen Pause
Der Weg vom Darmstädter Hauptbahnhof ins hessische Ried heißt ganz zu recht „Büchnerlinie“, der Bus fährt von Büchnerort zu Büchnerort. Wie gut sich ein Linienbus zum Musikmachen eignet, konnten die Papas auf dem Weg zur Stadtgrenze beweisen – der Bus schwebte förmlich auf einer Woge von Blues …
Brunner fasste dann kurz die vielen Darmstädter Bezüge der Familie zusammen, bevor der Bus die Pfungstädter Gemarkung bei Eschollbrücken erreichte. Das war Anlass, Wilhelm Büchners Biografie zu rekapitulieren: der Mann, der zwischen 1845 und 1892 aus dem Bauerndorf Pfungstadt eine moderne Stadt machte, hat mit seinem Ultramarinblau das erste Industrieprodukt geschaffen, das erfolgreich aus Hessen-Darmstadt exportiert wurde. Als politisch und sozial engagierter Unternehmer hat er eine ganze Gegend geprägt (und politisch in Land- und Reichstag als Liberaler vertreten). Vom Darmstädter Architekten Balthasar Harres ließ er 1863 die Villa Büchner bauen („nach außen bescheiden wirkend, im Innern an Mitteln nicht sparend“ hieß Büchners Auftrag). Als er 1892 an Cholera stirbt, ist Pfungstadt, das eine zeitlang „das südhessische Manchester“ hieß, nicht mehr wiederzuerkennen. Aus dem Dorf ist eine Stadt, aus Bauern sind Arbeiter und aus Landidylle ist städtische Geschäftigkeit geworden.
Wilhelm Büchners „Blaufabrik“
Von Pfungstadt ging es weiter zum Hospital, dem „Irrenhaus“, dessen Verwalter Georg Büchners Großvater wurde. Ernst Büchner heiratete in der Hospitalkirche Caroline Reuß und holte sie zu sich in sein Untermietzimmer in der Goddelauer Weidstraße. Das Hospital wurde 1813 nicht ärztlich, sondern administrativ geleitet; erst 1821 wurde mit Carl C. G. Amelung ein Mediziner Hospitalleiter. Am Ort des großherzoglichen Hospitals betreibt heute das Unternehmen Vitos eine moderne psychiatrische Klinik; das Psychiatriemuseum dokumentiert seine Geschichte. Die Buslinie würde ab hier direkt nach Goddelau weiterfahren und dort an den beiden Büchnerhäusern Hospital- und Weidstraße vorbeikommen. Wegen einer langwierigen Baustelle ist dieser Weg aktuell verbaut; die Büchnertour fuhr daher direkt über Land nach Leeheim, einen anderen der fünf Stadtteile Riedstadts.
Leeheim ist der Standort der BüchnerBühne und bildet eigentlich den Endpunkt der Büchnerlinie.
Zum Thema Land hatte sich Theaterleiter Suhr mehr ausgedacht als einfach nur platte Landschaftszitate – er führte den Gästen Büchners Gedanken zur Provinz in den Köpfen vor.
Dies bot Gelegenheit zu einer Parforcetour durch Büchners Leben und das Repertoire der kleinen Bühne. Das blendend aufgelegte Ensemble zeigte Ausschnitte aus der Edschmid-Dramatisierung „Wenn es Rosen sind …“, dem Danton, aus Lenz, Leonce und Lena und dem Woyzeck.
Alexander Valerius, Oliver Kai Müller, Melanie Linzer, Christian Suhr
Quer durchs hessische Ried fuhr die bestens aufgelegte Reisegesellschaft schließlich nach Goddelau, in Georgs Geburtshaus, zur letzten Station der Reise – Fluss.
Das wunderbare Ehrenamtsteam des Fördervereins Büchnerhaus hatte Kaffe gekocht und Kuchen besorgt, bereits Stunden vorher erste Gäste im Museum begrüßt und eine sommerliche Bewirtung eingerichtet, und so konnte bei bestem Wetter zunächst im gastlichen Hof des Anwesens Rast gemacht werden.
Den Schluß machte Brunner mit einem Zitat des Büchner-Herausgebers Wilhelm Hausenstein, der in seiner Einleitung zur Werkausgabe (Leipzig, 1916) schrieb:
„An der Bahnlinie zwischen Mannheim und Frankfurt liegt nicht weit von Darmstadt – das hessische Dorf Goddelau. Der Ort ist kahl, und die umliegende Ebene ist dürftig. – Nur die Erhebungen des hessischen Odenwaldes im Osten und Südosten drüben geben diesem kümmerlichen Stück Welt einige Anziehung.
So muß es schon vor hundert Jahren gewesen sein. Es ist das seltsamste Gefühl, sich die Heimat eines Genies so vorstellen zu müssen. So viel unbestimmte Bedrücktheit, so wenig Profil, so wenig Horizont, so wenig Schwung: Das ist die Geburtsstätte des Dichters, der das Drama der Weltgeschichte umfaßte und im wonnigen Luxus des Märchens dionysisch umherging wie ein idealer Fürstensohn in einem morgenländischen Garten.“
Dem anwesenden Publikum konnte erfreulicherweise das Goddelau der Gegenwart durchaus dionysische Züge zeigen …
Versprochen musste versprochen bleiben: die BüchnerBande war angekündigt und die Büchnerbande trat auf. Das noch immer nicht erschöpfte Publikum freute sich über Wilhelm Büchners Bedenken, einen Orden anzunehmen, ebenso wie über Luise Büchners Spott über die Verehrung des „heiligen“ Rocks und schließlich über Ludwig Büchners Haschischexpertise.
Die fabelafte Büchnerbande – Reiner Lenz, Peter Brunner, Heiner Dieckmann, Petra Bassus, Jürgen Queißner, Thomas Heldmann
Durch den höchst komfortablen Service der Lokalen Nahverkehrsgesellschaft Gross-Gerau und ihren hervorragenden Fahrer endete der Tag mit einer kurzweiligen Heimfahrt wie geplant am Darmstädter Hauptbahnhof.
Zweierlei steht fest: das Büchnerland hat viel zu bieten, und die südhessischen Büchnerstätten liegen nah beieinander und sind bestens verbunden durch die Büchnerlinie – Büchnerhaus und Büchnerbühne liegen nah der Stadt im Land am Fluss, aber da sind sie leicht zu finden und schnell zu erreichen!
Ich gestehe: der Fund ist ein Fake – mein Beitrag zum 1. April 2019. Aber alle Umstände darum herum sind so genau wie möglich geschildert, und: es hätte so sein können! Insofern ist es auch nicht ausgeschlossen, dass sich eines Tages wirklich noch Reste des illegalen Drucks finden.
Am heikelsten bei der Rekonstruktion war übrigens die Frage, warum sich der Strick, mit dem der Druckstock zusammengebunden war, nicht längst aufgelöst und das Puzzle in tausend einzelne Teile zerlegt hat. Daher der Stahldraht …
Die Reingelegten bitte ich um Verzeihung, den Besserwissenden gratuliere ich. Und jetzt folgen wieder 12 Monate garantiert wahre Originalberichte aus dem Büchnerland – bleiben Sie verbunden!
Mario Derra, Freund, Künstler, Lithograph, Typograph … aus Gernsheim, ohne dessen Kompetenz und Hilfe das hier nicht möglich gewesen wäre
Das „Vinyl“, eine fototechnisch hergestellte Druckplatte von einem Original des „Landboten”, die wir mit Farbe und Photoshop zum Originaldruckstock gemacht haben
Ein Anruf aus Fechenheim hat mich kürzlich ans Mainufer geführt. Ob ich mich mit Büchner, dem hessischen Landboten und Offenbach auskenne, hier liege ein merkwürdiger Fund, den ich mir ansehen solle.
Kurz darauf stand ich dort am Ende der Starkenburger Straße mit Blick aufs gegenüber liegende Offenbacher Ufer. Dort steht seit dem späten 16. Jahrhundert das Isenburger Schloss .
Im 19. Jahrhundert, genau von 1819 – 1887, überquerte an dieser Stelle eine Schiffbrücke den Main und verband das Großherzogtum Hessen mit Kurhessen, der Landgrafschaft Hessen-Kassel.
Das Isenburger Schloss am Offenbacher Mainufer mit der Schiffbrücke. Postkarte von 1887.
Auf kurhessischer
Seite, also am nördlichen Mainufer, nahe bei der Schiffsanlegestelle
und dem Restaurant „Schloßblick“, hat eine aufmerksame
Spaziergängerin, die (noch?) unbekannt bleiben möchte, einen
außergewöhnlichen Fund gemacht. Am Rande der dort eingerichteten
Baustelle, im aufgewühlten Boden, lag ein Objekt, das ihr Interesse
erregte.
Blick vom Mainufer nach Norden Richtung Fechenheim. Die Starkenburger Straße, die früher schnurstracks zur Schiffsbrücke führteBlick nach Süden von Fechenheim nach Offenbach. Gegenüber das Isenburger Schloss.
Leider hat sie es nicht nur freigelegt, sondern auch nach Hause getragen und dort gründlich abgeduscht und abgebürstet. Nun lässt sich daraus schwerlich im Nachhinein ein Vorwurf machen – an Fundsachen steht halt selten ein Hinweis über ihre außerordentliche Bedeutung …
Die Verlängerung der Starkenburger Straße nach Süden auf den Main zu Bauarbeiten am Rande des „Fechenheimer Leinpfades”, die möglicherweise den Boden aufgewühlt und so den Fund zugänglich gemacht haben
Das Fundstück, und deshalb gehört die Nachricht hierher, ist ein „Büchnerianum“ erster Güte:
es ist der erhaltene Druckstock der ersten Seite des hessischen Landboten von 1834.
Der Druckstock zur Seite 1 des Hessischen Landboten von 1834
Zur Erläuterung
bedarf es drucktechnischer und historischer Erläuterungen:
Die hessischen
republikanischen Verschwörer um den Butzbacher Friedrich Weidig
entschieden am 3. Juli 1834 bei einem Treffen auf der Badenburg bei
Gießen, Georg Büchners aufrührerisches Flugblatt „Der Hessische
Landbote“ drucken und verteilen zu lassen. Am 5. Juli hat Büchner
das Manuskript zusammen mit dem Mitverschworenen Jakob Friedrich
Schütz nach Offenbach zu Karl Preller getragen. Preller war auch der
Drucker der bis dahin von den Demokraten herausgegebenen illegalen
Flugschrift „Leuchter und Beleuchter für Hessen“.
Preller druckte bis zum 31. Juli, am 1. August holten die Gießener Studenten Minnigerode, Schütz und Zeuner die Exemplare ab. Hier wird die Überlieferung ungenau, sicher scheint, dass sie in Offenbach zunächst abgewiesen wurden, vielleicht, weil unliebsame Zeugen anwesend waren, und sich auf den Mönchshof, nördlich von Offenbach, zwischen den kurhessischen Orten Enkheim und Bergen, begaben, wo sie übernachteten. Am nächsten Morgen, so Hauschild, wurden die gedruckten Exemplare, die „ … wahrscheinlich als Lederpacken deklariert bzw. in solchen versteckt, aus Offenbach herausgeschmuggelt“ waren (Hauschild, aaO, S. 364), auf die beiden Kuriere verteilt. Der Schmuggel aus der Stadt und damit aus Hessen-Darmstadt heraus war also offenbar schon geschehen.
A: der Fundort auf damals kurhessischem Gebiet, am nördlichen Ende der damaligen Schiffbrücke B: Das Isenburger Schloss C: Prellers Werkstatt in der Frankfurter Straße 17 (heute Nr. 40) („Karte der Umgegend von Frankfurt. Originaltitel: Karte der Umgegend von Frankfurt / in das trigonometrische Netz der allgemeinen Landesvermessung von dem Grossherz. Hessischen Generalquartiermeisterstab aufgenommen …“ Darmstadt 1865. Ausschnitt)
Der Rest der Geschichte ist bekannt. Minnigerode wird am 1. 8. gegen 18:30 am Stadttor von Gießen verhaftet, er ist verraten worden. Büchner, ebenfalls verdächtigt (in seiner Abwesenheit wird seine Wohnung aufgebrochen und durchsucht), macht sich Hals über Kopf (und zu Fuß …) auf den Weg, den Drucker in Offenbach zu warnen. (Für die gut 60 km lange Strecke gibt übrigens Google Maps heute 12:30 Stunden „Fußweg” an.) Gegen Mittag des 2. Augusts trifft er ein, Preller lässt Beweismaterial verschwinden. Die unmittelbar folgenden Durchsuchungen am Nachmittag des gleichen Tages in der Offenbacher Druckerei und in Prellers Wohnung außerhalb auf dem Weg nach Frankfurt bleiben erfolglos.
Wo und mit welcher
Technik Preller druckte, ist bis heute ungeklärt. Hauschild, der die
Umstände von Auftrag, Druck und Verteilung der „1.500 – 2.000“
gedruckten Exemplare des Landboten in seiner Büchner-Biographie
ausführlich schildert (Hauschild, Georg Büchner. Biographie.
Stuttgart. Metzler. 1993, SS 361 ff), erwähnt das nur in einem
Nebensatz, in dem es um die erfolgreiche Vertuschung des Drucks vor
der Durchsuchung geht. Danach habe Weidig später berichtet, „ ..
.sie sind auf dem Versteck herumgegangen, in dem sie sich befand, und
wenn sie nur eine Diele aufgehoben hätte, so hätten sie die Presse
gefunden“.
Ralf Beil hat in der Darmstädter Büchner-Ausstellung von 2013 eine Druckerpresse (Modell Stanhope) aufstellen lassen, die zwar ziemlich sicher das falsche Modell war, aber immerhin anschaulich machen konnte, dass sich ein solches Trumm jedenfalls nicht unter Dielen hätte verstecken lassen.
Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung „Georg Büchner – Revolutionär mit Feder und Skalpell“ in Darmstadt am 9. Oktober 2013. Kurator Ralf Beil vor der nicht authentischen Druckpresse.
Das gilt sicher für
jede denkbare Drucktechnik der Zeit, mit der sich 2.000 Exemplare des
Flugblattes in vier Wochen herstellen ließen (auch wenn dieser
wichtige Hinweis in der Ausstellung unterblieb).
Clark’sche Presse. Abb. und Erläuterung aus „Der Hessische Landbote. Die Entstehung und die Folgen“. Offenbach. Grafische Werkstätten für Technik & Kunst. Hg. von Klaus Kroner. Die Jahreszahl in der letzten Zeile muss natürlich „1826“ heissen.
Wenn nun also nicht die Druckerpresse unter den Dielen steckte, was war es dann? Tatsächlich ist es unter den Gesellen der schwarzen Kunst gar nicht unüblich, „Presse“ als Synonym für mindestens dreierlei zu benutzen: so kann eine Presse natürlich die Druckmaschine sein, wie das Zitat bisher immer verstanden wurde, aber ebenso kann auch das Zeitungswesen oder eine Zeitung gemeint sein; und schließlich kann Presse auch der Druckstock sein, von dem gedruckt wird. Ein solcher Druckstock besteht aus den von Hand gesetzten bleiernen Lettern, zu Zeilen und Absätzen angeordnet, mit Füllmaterial auf Seitengröße gebracht und mit einem festen Band so stabil umschlossen, dass das bis dahin ganz filigrane Objekt aus tausenden von Einzelteilen dann wie eine einzige Metalltafel wirkt. Dieser Druckstock, das erhabene Spiegelbild des späteren Drucks, wurde zu Prellers wie zu Gutenbergs Zeiten in der Druckerpresse eingespannt und mit Farbe versehen. Unter Druck (daher der Name) wird dann ein Bogen Papier darübergelegt und – abgedruckt. Ist der Druck beendet, wird der Druckstock gereinigt, das Band gelöst und das Setzmaterial – Buchstaben und Füllmaterial – zurück in den Setzkasten sortiert. Ist allerdings absehbar, dass bald der gleiche Text erneut gedruckt wird, und steht dem Drucker eine ausreichende Menge an Bleibuchstaben zur Verfügung, so wird der ganze Druckstock, der „Stehsatz“ aufbewahrt. Das macht natürlich weitere Auflagen erheblich schneller und billiger möglich. Die Tatsache, dass der gefundene Druckstock ungewöhnlicher Weise mit einem Stahldraht statt mit einem gewöhnlichen Strick umbunden war (und so überhaupt erst ermöglichte, dass das Stück in Ganzen erhalten und geborgen werden konnte!), lässt vermuten, dass an eine Wiederverwendung gedacht wart. Solche „Tafeln“ könnten in der Tat unter Fußbodendielen versteckt worden sein.
Der Fechenheimer Fund erklärt sich also so, dass Preller tatsächlich den Stehsatz des Landboten noch zur Hand hatte, sei es, weil er weiter drucken wollte, sei es, weil er keine Zeit gefunden hatte, die Druckstöcke aufzulösen. Büchners Besuch muss ihn aufs höchste alarmiert haben. Es ging um Minuten – und ums Leben. Die Druckstöcke mussten schleunigst verschwinden, und der Main bot sich als verschwiegenes Grab dafür an. Für alle Seiten des Landbotendrucks zusammen brachten die Druckstöcke an die 100 kg auf die Waage, ein Gewicht, das sich so einfach und von einer Person alleine nicht transportieren lässt. So wurden vielleicht einige wirklich unter die Dielen gesteckt, andere außer Haus geschafft.
Büchner übernachtete anschließend, vom 2. auf den 3. August, bei einem Cousin seines Vaters, bei Carl Christian Becker in der Frankfurter Döngesgasse. Er reiste über das großherzoglich-hessische Offenbach nach Frankfurt ein. Am 3. 8. schreibt er an die Eltern „ … weil es von dieser Seite leichter ist, in die Stadt zu kommen, ohne angehalten zu werden. Die Zeit erlaubte mir nicht, mich mit den nötigen Papieren zu versehen”. Offen ließ er dabei, wie er die „Anreise” ohne Papiere bewerkstelligt hatte; es war unmöglich, von Gießen nach Offenbach, beide Hessen-Darmstädtisch – zu kommen, ohne Landesgrenzen zu überschreiten. Ob nun die Druckplatten bis dahin noch in Prellers Druckerei in der Frankfurter Straße in Offenbach oder – was jetzt wahrscheinlicher erscheint – im Fechenheimer Mönchshof lagen, ist heute nicht sicher zu sagen. Offenbar ist jedenfalls „unsere“ Druckplatte für die erste Seite genau in diesem Zusammenhang im Main gelandet. Möglich erscheint, dass das wertvolle Material von Fechenheim zurück gebracht werden sollte, um zurück in Offenbach aufgelöst zu werden, und dass die Grenze an der Schiffbrücke wider Erwarten stark bewacht war. Dann musste die Konterbande schnell verschwinden. Vielleicht waren aber auch mehrere Druckplatten erfolgreich aus Offenbach „ins Ausland“ geschafft worden, aber die Träger waren zu erschöpft, um alle weiter zu tragen, und ließen stattdessen eine oder mehrere unterwegs im Fluss verschwinden.
Ausschnitt aus der Karte w.o.
Immerhin verfügt die Büchnerforschung jetzt über einen bedeutenden Schatz: das Original der Seite eins des Landboten, anhand dessen nun unter anderem die von Klaus Kroner aufgeworfene Frage geklärt werden kann, ob das Satzmaterial, die Bleilettern der „Lutherfraktur“, mit den Typen beim Verleger Sauerländer identisch sind, mit denen später Büchners „Danton“ gedruckt wurde. Das hätte dann also zur Voraussetzung, dass andere (Seiten-)Druckstöcke des Landboten auf irgend einem Weg nach Frankfurt und dort in Sauerländers Drckerei geraten und dort dann fachmännisch zur Wiederverwendung aufgelöst worden wären.
Nachdem die
naheliegenden drucktechnischen Untersuchungen zur Typographie der
beiden Schriften, des Landboten und des Danton, immer noch nicht
erfolgt sind, obwohl Kroner mit seinem Nachweis der Druckvariante des
Landboten mit einem Fragezeichen hinter der Parole „Krieg den
Palästen“ dafür wahrlich schon Anlass genug gegeben hat, wird das
jetzt hoffentlich endlich und gründlich erfolgen.
Das Landesdenkmalamt im Wiesbaden, das ich selbstverständlich bereits über den sensationellen Fund unterrichtet habe und das den Druckstock zunächst in Verwahrung nehmen wird, wird sich mit weiteren Untersuchungen des Fundortes beschäftigen, der inzwischen abgesperrt ist und polizeilich überwacht wird. Großartig wäre natürlich, wenn sich dort noch mehr fände.
Inzwischen erreicht uns die Nachricht, dass sich im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut die wohl früheste Handschrift Heinrich Heines gefunden habe – solche Überraschungen sind stets willkommen!