Peter Brunners Buechnerblog

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Ich weiß bestimmt, daß man mir in Darmstadt die abenteuerlichsten Dinge nachsagt

(Georg Büchner im Brief an die Eltern, Straßburg 2.11. 1835)

Zum zweiten Male, diesmal öffentlich, hat das Institut Mathildenhöhe als Veranstalter der künftigen Georg-Büchner-Ausstellung eingeladen, um den Fund eines Porträts zu diskutieren, das Georg Büchner zeigen soll.

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Georg Büchner im „Polen-Rock“ – Undatierte Bleistiftzeichnung von August Hoffmann. Reproduktion eines Fotoabzugs von 1875 (Schweizer Privatbesitz) aus der Sammlung Reinhard Pabst (www.literaturdetektiv.de), Bad Camberg. Die Original-Zeichnung wurde beim Bombardement Darmstadts 1944  zerstört.
R. Pabst überließ mir freundlicherweise dieses Foto vom Hoffmann-Bild, das 1875 von Ludwig Büchner bei Georgs Umbettung in Zürich an ausgewählte Gäste verteilt wurde. Es ist ein weiterer Beleg dafür, dass es einen halbwegs wiedererkennbaren Georg zeigt.
Das Rarissimum wurde zum ersten Mal in der „Literaturland Hessen“-Ausstellung: „Briefe an Hund und Kater und andere Handschriften Georg Büchners“ (7. bis 22. Juli 2005) in der Kreissparkasse Groß-Gerau in Riedstadt-Goddelau öffentlich gezeigt, einem Gemeinschaftsprojekt von Hessischer Rundfunk (hr), Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie der Sparkassen-Stiftung Groß-Gerau. Erstdruck in der FAZ vom 9. Juli 2005, S. 35.
Angefertigt hat es der Darmstädter Fotograf  Wilhelm Rudolph. 

 

 

Bereits Nachmittags hatten sich die Protagonisten, Frau Dr. Mechthid Haas und die  Herren Prof. Dr. Borgards, Prof. Dr. Dedner, Dr. Beil und Prof. Dr. Oesterle mit Reinhard Pabst, in diesem Kreis als Kritiker allein auf weiter Flur, in geschlossener Runde zur Vorab-Erörterung getroffen.

Der in bescheidener Zahl anwesenden Öffentlichkeit sollte dann in breiter Präsentation die Gelegenheit geboten werden, sich einen eigenen Eindruck zu machen. Leider verlief dieser Teil unkoordiniert und konnte wohl nur denjenigen nutzen, die sich bereits in Tiefen und Untiefen der bisherigen Diskussion eingelesen hatten. Der einsame Laie jedenfalls, dessen gelegentliche Frage von mehr Interesse als von Kenntnis zeugten, wird die Veranstaltung wohl ratloser verlassen als betreten haben.

Vorbereitet war eine Präsentation von Bildern, die Prof. Dedner in einem Einleitungsvortrag präsentieren wollte. Schon nach wenigen Sätzen kam es aber zu Einwürfen, Fragen und schließlich – mangels konsequent geführter Diskussion – einem Ko-Referat von Reinhard Pabst. Pabst, der die Rolle als einzig anwesender kompetenter Kritiker durchaus willig annahm, glänzte mit profunder Kenntnis scheinbar unwichtigster Details; aber auch die Befürworter der These, hier sei Georg Büchner neu zu sehen, haben inzwischen ihre Argumentationen vertieft.  In der Diskussion um den Notenjüngling, Pabst nennt ihn „Pseudo-Schorsch“, sind ja Vergleiche aus dem Kino üblich geworden.  Pabst erinnerte in der Diskussion vorübergehend an Henry Fondas Einsatz in „Die 12 Geschworenen“, wo ein einzelner Zweifler in dramatischer Auseinandersetzung schließlich die anderen elf auf seine Seite holt und das Todesurteil verhindert.

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August Hoffmann: Der Jüngling mit dem Notenblatt. 1833 

Pabst nannte zahlreiche Bedenken aus der Diskussion der vergangenen Wochen, darunter:

  • das neu aufgefundene Blatt trägt eine Kugelschreiber-Beschriftung, höchst wahrscheinlich durch den Pfarrer und Familienforscher Clotz, wohl aus den 50er Jahren, mit dem Wortlaut „August Hofmann“ – obwohl der Maler unbestritten und sicher auch Clotz wohl vertraut „Hoffmann“ hieß. Hat er es als Selbstportrait oder gar als Portät eines uns unbekannten „Hofmann“ kennzeichnen wollen?
  • durch das Notenblatt mit dem Zampa-Motiv liegen andere Zuschreibungen nahe: es könnte einer der damaligen Bühnendarsteller sein oder auch August Hoffmanns Bruder, der sich 1833 nach einer neuen Beschäftigung als Schauspieler umsah. Ihm  könnte ein Porträt als Bewerbungsanlage gedient haben;
  • die Zuordnung eines derart plumpen Textes (offenbar auch noch in einer plumpen Übersetzung aus dem Georg Büchner ja ganz geläufigen Französisch) und einer musikalisch zu recht längst vergessenen Melodie findet an keiner Stelle des bekannten Lebens und Werks des Dichters einen Anknüpfungspunkt. Dagegen lassen sich zahlreiche Indizien dafür finden, dass das eben gerade nicht seiner Haltung und Vorliebe entsprach. So schreibt er der Braut: „Lernst Du bis Ostern die Volkslieder singen, wenn’s Dich nicht angreift? Man hört hier keine Stimme; das Volk singt nicht, und Du weißt, wie ich die Frauenzimmer lieb habe, die in einer Soiree oder einem Konzerte einige Töne totschreien oder winseln“

 

 

Schließlich konnten mit Hilfe der projizierten Abbildungen einige Fragen vertieft angegangen werden: die der Datierung des Bildes (1833 oder 1839?), die Aufenthalte Hoffmanns in Darmstadt und die der „Porträt-Kompetenz“ des Malers Hoffmann.

Unbestritten ist, dass das Bild von August Hoffmann gemalt wurde, und auch der Datierung auf 1833 widersprach niemand. Nach in Augenscheinnahme zahlreicher weiterer Datierungen Hoffmanns auf anderen Bildern, die seine 9 deutlich von seiner 3 unterscheiden lassen, darf das als halbwegs gesichert gelten. Auch Hoffmanns Aufenthalt in Darmstadt, mindestens von Mitte bis Ende 1833, ist wohl nicht mehr umstritten. Dr. Mechthild Haas konnte versichern, dass das Papier und der Zustand des Bildes an der Herkunft aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keinen Zweifel zulassen; eine Datierung auf ein Jahrzehnt oder noch genauer ist mit ihren Methoden allerdings nicht machbar. Ein Detail, das der Wahrheitsfindung deutlich dient, blieb ein wenig unterschätzt: das unbestrittene Georg-Büchner-Porträt ist ja nur mit „AH“ signiert und ließ deshalb letzte Zweifel an der Urheberschaft zu; aber jetzt ist diese Signatur August Hoffmanns durch viele weitere Belege gesichert.

Aufschlussreich erschienen dann die gezeigten weiteren Portraits aus Hoffmanns Hand, zwei en face gezeichnete Ansichten seiner Braut und ein aquarellierter männlicher Kopf von rechts. Dieser soll ein Selbstportrait des Malers sein. Was in der Diskussion um das unbestrittene Georg-Büchner-Bild, vielleicht aus Gründen der Pietät, selten ausgesprochen wurde, lässt sich jedenfalls jetzt nicht mehr bestreiten: Hoffmann war ein sehr mäßiger Portraitist. Die beidem Mädchenköpfe sind unübersehbar mehr aus standardisierten Versatzstücken zusammengesetzt als der Natur nach gemalt. Selbst die untere Gesichtspartie des „jungen Mann mit dem Notenblatt“ kann man in den beiden Mädchenbildern wiederfinden.

 

Bei diesem Stand der Erkenntnis muss jetzt jede, auch die kleinste, Spur, gründlich und vorurteilslos verfolgt werden. Ohne Frage muss der Nachlass von Pfarrer Clotz gesichtet werden, alle Bilder aller „Zampa“-Darsteller müssen auf Ähnlichkeit überprüft werden, gründliche Recherchen müssen weitere Werke und Informationen zu Leben und Aufenthalten August Hoffmanns suchen.

In den informellen Diskussionen der vergangenen Tage wurde wiederholt auf die Notwendigkeit einer kriminologischen Untersuchung der Abbildung hingewiesen. Es müsse doch möglich sein, mit modernen Methoden der Kriminalistik einen Gesichtsvergleich, unter anderem mit den unbestrittenen Fotografien der Eltern und Geschwister, die Identität des Abgebildeten zu prüfen (Reinhard Pabst kennt bereits nicht nur die Bezeichnung der Abteilung beim Bundeskriminalamt, sondern auch den Namen der kompetenten Mitarbeiter). Beim Stand der Dinge verbleibt hierfür allerdings wenig Hoffnung: so schlecht wie Hoffmann malte, kann jede Ähnlichkeit (oder Unnähnlichkeit) eben auch seiner Unfähigkeit geschuldet sein.

Insbesondere Professor Oesterle, der Finder des Bildes, hat sich weiteren gründlichen Recherchen im Gespräch zugeneigt und aufgeschlossen gezeigt. Ihm liegt offenbar an profunder, wissenschaftlich seriöser Recherche, auch wenn er verständlicherweise den Traum von der Authentizität nicht aufgibt. Professor Borgards dagegen verwahrte sich gegen Reinhard Pabst Forderung nach vollständiger Infragestellung: dann müsse man ja jederzeit jede Abbildung und jede Zuweisung aufs Neue prüfen. Wir dachten bisher, das genau sei die Aufgabe wissenschaftlicher Arbeit?!

Während sich in der öffentlichen Diskussion die Chance herauszukristallisieren schien, in der geplanten Ausstellung genau diese wissenschaftliche Recherche gründlich und als „work in progress“ zu präsentieren, widersprach Dr. Beil dem am Ende im informellen Gespräch deutlich: diesen Raum und diese Inszenierung lasse seine Vorstellung von der Ausstellung keinesfalls zu.

Es steht allerdings außer Frage, dass die Debatte um das Bild fortgesetzt werden muss und dass sie fortgesetzt werden wird – wenn nicht in der Ausstellung, dann an anderen Orten.

Für eine zuverlässige Zuordnung des Bildes ist es jedenfalls – und das war Konsens aller – noch viel zu früh.

 

 

Zwei schöne Büchner-Veranstaltungen am Tag der Literatur

Zum Sonntagsfrühstück im verregneten Zwingenberg kamen weit mehr Gäste als erwartet, und das Cafe musset schnell noch Stühle beischaffen, damit alle Platz fanden.

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Zusammen mit Angelika Graf von der Stadtbücherei habe ich ausführlich und mit vielen Zitaten aus Werk und Briefen über Georg Büchners Leben berichtet. Mehr als zwei Stunden später und abgefüllt mit Texten, Bildern, Weißwurst und Kaffee gingen die Gäste zufrieden nach Hause. Spätestens nächstes Jahr wollen wir in Zwingenberg über die vielen Märchen schreibenden Büchners sprechen.

 

Nachmittags kamen dann wieder unerwartet viele Gäste zum Angucken der Büchner-Originale in der Darmstädter Universitäts- und Landesbibliothek. Frau Dr. Uhlemann hatte auf einem großen Tisch zahlreiche Schätze ausgebreitet, die Agnes Schmidt und Dr. Thomas Lange vorab mit ihr zusammen ausgesucht hatten.

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Agnes Schmidt alias Mary Poppins

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Es ist angerichtet …

 

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Agnes Schmidt mit Luise Büchners Exzerptbüchlein

 

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Agnes Schmidt und Dr. Thomas Lange mit dem Exemplar von „Dantons Tod“, in das Georg Büchner eigenhändig Korrekturen eintrug

 

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Das berühmte Zitat; Büchner ergänzt das augelassene „hurt“

 

Thomas Lange hat neben dem schönen Alexander Büchner Briefwechsel mit seinem Freund Elissen auch noch ein unveröffentlichtes Theaterstück aufgetan; Alexander hat sich darin über Ludwig Büchners Experimente mit dem „Od“ lustig gemacht. Darüber habe ich hier schon einmal berichtet.

Im funkelnagelneuen Vortragssaal trugen dann noch unsere Freunde Sigrid Schütrumpf (Darmstadt) und Michael Kaiser (Kassel) von Agnes Schmidt und Thomas Lange ausgewählte Büchner-Texte vor.

 

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26.5.: Der Tag für die Literatur als Tag für Georg Büchner – of course …

An dieser Stelle wird naheliegenderweise vorrangig für Veranstaltungen mit persönlich geschätzten und verbundenen AkteurInnen Reklame gemacht – wer sich also für eine vollständige Auflistung interessiert, wird hier bedient.

 

Für den Vormittag empfehlen wir daher:

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Mit tatkräftiger Unterstützung des Pfungstädters Peter Brunner ist es dem Verein zur Förderung von Kunst und Kultur in Zwingenberg in den letzten Jahren gelungen, die zahlreichen Verbindungen der kleinen Stadt zu vielen Angehörigen der Büchner-Familie zu dokumentieren und in Veranstaltungen zu präsentieren. Ausgerechnet der größte der Büchners, der Revolutionär, Dichter und Naturwissenschaftler Georg Büchner, ist dabei fast zu kurz gekommen, obwohl die ehemalige Hofapotheke ja ein ganz realer „Georg-Büchner-Ort“ ist – hier war er nachweislich zu Besuch bei seinem Bruder Wilhelm. In seinem Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag soll ihm jetzt die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt werden. In der ehemaligen Hofapotheke, dem heutigen Café Schoko und Wein, stellen die Leiterin der Stadtbücherei, Angelika Graf, zusammen mit Peter Brunner Leben und Werk des Dichters in einer sonntäglichen Matinee vor. Brunner stützt sich neben eigenen Recherchen auf das umfangreiche Schrifttum zu Georg Büchner, so auch auf gleich drei jüngst erschienene Biografien des jung verstorbenen Ausnahmedichters. Begleitet von Originaltexten aus Büchners Werken und Briefen soll den Gästen ein vergnüglich-informativer Sonntagvormittag geboten werden, der von Fürstenmord bis Schädelnerv ein Leben ausbreitet, das kaum 24 Jahre dauerte und doch ganze Bibliotheken voller Lesestoff füllt. Immerhin ist Georg Büchner seit Jahren trotz seines kleinen Werkes der am häufigsten aufgeführte Dichter deutscher Sprache weltweit. Die Veranstaltung wird von Literaturland Hessen freundlich unterstützt und versteht sich auch als Einführung und Vorbereitung zu den geplanten Darmstädter Aktivitäten „Büchner200“ im Sommer und der großen Landesausstellung über Georg Büchner im Darmstadtium (ab Oktober 2013).  

 

Und dann am Nachmittag nach Darmstadt:

 

Die Handschriften der Familie Büchner

Besuch in der neuen Universitäts- und Landesbibliothek
Wann 26.05.2013
von 15:00 bis 17:00
Wo Darmstadt
Name Agnes Schmidt

Am Tag der Literatur in Hessen laden wir Sie zu einem Besuch in der neuen Universitäts- und Landesbibliothek ein. Wir wollen dort

die Handschriften der Familie Büchner anschauen.

Treffpunkt: Eingangshalle der neuen Universitäts- und Landesbibliothek,

Magdalenenstr. 8 , Zeit: 15 Uhr

Programm:

Dr. Sylvia Uhlemann: Vorstellung der Handschriftenabteilung,

Dr. Thomas Lange: Der Briefwechsel zwischen Alexander Büchner und Otto Adolph Ellissen,

Agnes Schmidt: Luise Büchners Exzerptbüchlein

Sigrid Schütrumpf (Darmstadt) und Michael Kaiser (Kassel) lesen Briefe und andere Texte der Büchners.

Anmeldung erforderlich:

Post: Luise-Büchner-Bibliothek, Kasinostr. 3, 64292 Darmstadt, Email: luisebuechner@aol.com

 

Wie bestellt: Lenz? Reichlich im Angebot!

Es wird in den Sternen bleiben, ob die Verantwortlichen wirklich die Jahreszeit zum Anlass genommen haben, oder ob doch die allfälligen Büchnerjubiläen ihren Beitrag dazu geleistet haben: im Rhein-Main-Gebiet konnte ich in den letzten Wochen vier höchst unterschiedliche Interpretationen von Büchners Lenz sehen, zuletzt gestern Abend in Willy Pramls Theater in Frankfurt.

Christian Wirmer reist mit seinem (jetzt im Vergleich) fast spröden Vortrag des Textes, der mir erstmals die Augen darüber öffnete, wie sehr er sich wirklich zum Hören eignet,

 Christian Suhr hat in Erfelden „seinen“ Lenz so auf die Bühne gebracht, dass er von den hier erwähnten am ehesten zu einem Schauspiel wurde (er hat mir kürzlich gesagt, dass er die heutigen Aufführungen gegenüber der Premiere, die ich sehen konnte, verknappt hat und selbst als reifer empfindet),

das Darmstädter Staatstheater führt Wolfgang Riehms Kammeroper Lenz von 1979 auf, und eben

das Frankfurter Theater Willy Praml präsentiert Bücher.Lenz & Schubert.Schöne Müllerin  fast wie die Brücke zwischen Wirmer und Suhr – mehr Schauspiel als Wirmer, weniger Bühne als Suhr. 

Arbeitsstätte 

Praml stellt neben den „Lenz“ (Michael Weber)  eine „Tänzer“ genannte Figur (Andreas Bach), der stumm, aber in sprechenden Gesten Lenzens Widerpart gibt und so die Gespaltenheit der Figur repräsentiert. Vassily Dück (Akkordeon) und Gregor Praml (Bass+ Gesang) übernehmen den Schubert-Part der Vorstellung. Gregor Pramls wunderbare Stimme, die sich jeder Melodiosität standhaft verweigert, macht das zu einem wirklichen Erlebnis. So einleuchtend Willy Pramls Begründung für die Parallelität der Lebensdaten von Büchner, Schubert und Müller (dem Verfasser der vertonten Gedichte)  ist, so sehr bewegt mich dabei die Frage, ob Schuberts „Kunstlieder“ nicht auf scharfe Ablehnung des volksliedliebenden Büchner gestoßen wären.

Weber, Bach im ebenfalls von Michael Weber gestaltetem Bühnenbild 

Auch Michael Weber beherrscht und präsentiert den Text: wo bei Wirmer die erzählende Distanz des Büchnertextes eingehalten wird und wo Suhr dies durch freies Spiel und zusätzlichen Text erweitert, steht Willy Pramls Aufführung zwischen Vortrag und Spiel.  

Verdienter Beifall am 2.3.: Dück, G. Praml, Weber, Bach  (v.l.n.r.)
(Freundlicherweise hat mir Willy Praml ausnahmsweise das Aufnehmen erlaubt, vielen Dank dafür!)

Ich werde nun als „Büchnerblogger“ den Teufel tun und mich hier tiefschürfend über Interpretationsansätze und Zugänglichkeiten der Stücke zu äußern; schon, weil ich viel zu gerne hätte, dass möglichst viele Interessenten ebenfalls alle vier Stücke sehen. Mich hat die Oper wirklich herausgefordert, aber das will ich gerne meinem musikalischen Kretinismus anlasten. 

Soviel aber schon:  alle haben mir etwas Neues gegeben, und ich bedaure keine Minute. Und: ich habe mich sehr gefreut, als mir Willy Praml gestern erzählte, dass er plant, eine Aufführung von Christian Wirmer zu sehen.

Ich wünsche mir jetzt eine Einladung an alle Beteiligten zu einem öffentlichen Gespräch!  Gerade nachdem wir erste Berichte über gründlich misslungene Auseinandersetzungen mit Büchners Werk zur Kenntnis nehmen (und erleiden) mussten, könnte hier eine ganz neue und fruchtbare Perspektive auch für den künstlerischen Austausch eröffnet werden. 

An allen Stellen auf Augenhöhe beharren!

 Erstmals vergibt die Luise-Büchner-Gesellschaft e. V. in diesem Jahr ihren

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Luise-Büchner-Preis für Publizistik.

 

Luise Büchner (12. Juni 1821 – 28. November 1877) war eine bedeutende Schriftstellerin, Publizistin und Frauenrechtlerin des neunzehnten Jahrhunderts. In ihren Veröffentlichungen zur Frauenfrage forderte sie eine gleichwertige Schulbildung für Mädchen und Jungen sowie die Zulassung von Frauen zu qualifizierten Berufen. Die Luise Büchner-Gesellschaft e.V., die sich zur Bewahrung und Fortsetzung ihrer Arbeit verpflichtet hat, verleiht zum ersten Mal 2012 den

Luise-Büchner-Preis für Publizistik

Mit dem Preis sollen Autorinnen und Autoren ausgezeichnet werden, die in Artikeln oder Büchern die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in der Gegenwart aufdecken und Wege zu einer geschlechtsgerechten Gesellschaft aufzeigen. Durch die Unterstützung des DARMSTÄDTER ECHO, der Stadt Darmstadt, der Sparkasse Darmstadt und weiterer Unterstützer ist der Preis dotiert mit der Gestaltung

einer ganze Zeitungsseite des DARMSTÄDTER ECHO

in Abstimmung mit dessen Redaktion sowie

mit einer Geldsumme von 2.500 Euro

Damit soll der Preisträgerin oder dem Preisträger die Möglichkeit eröffnet werden, sich der Öffentlichkeit unabhängig von einem redaktionellen Auftrag vorzustellen.

Über die Vergabe des Preises entscheidet eine mindestens siebenköpfige Jury, die der Vorstand der Gesellschaft beruft. Neben drei Beauftragten des Vorstandes gehören ihr eine Vertreterin des DE und der Stadt Darmstadt an, daneben mindestens eine weitere publizistisch tätige Person. Die PreisträgerInnen vergangener Jahre werden eingeladen, die Jury mit Hinweisen und Vorschlägen zu unterstützen.

Der Preis wird in Darmstadt vergeben.

 2012 ist die Preisträgerin die Publizistin Bascha Mika, sie nimmt den Preis am Sonntag, dem 2. Dezember in Darmstadt entgegen.

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Hier die Würdigung der Jury:

Frau Mika beobachtet mit präzisem und scharfem Blick die Widersprüche der Geschlechterverhältnisse unserer Zeit. In ihren Artikeln, Büchern und Vorträgen weist sie nicht nur auf die strukturelle Hindernisse der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern hin, sondern macht auch auf die unbequeme Wahrheit aufmerksam, dass Frauen oft selbst der Faszination traditioneller Rollen erliegen und ihrer eigenen Selbstbestimmung im Wege stehen.

Mit kritischem, nicht zuletzt selbstkritischem, Blick auf die Stellung der Frau in der Gesellschaft steht sie in der Tradition gesellschaftlich relevanter Publizistik, wie sie in ihrer Zeit vorbildlich von Luise Büchner verkörpert wurde.

 

Bei der Pressekonferenz am Freitag, dem 16. November, im Darmstädter Literaturhaus stellte die Gesellschaft ihre Preisträgerin vor.

Bascha Mika war erst durch die Preisverleihung auf Luise Büchner und ihr Werk aufmerksam geworden, aber inzwischen hat sie sie als geistesverwandt entdeckt: „Über allem steht die Selbstbestimmung von Frauen, es geht neben ökonomischer Unabhängigkeit im Beruf auch um Selbstfindung, Verankerung in der Welt und selbstbestimmt organisiertes Privatleben“ sagte sie. Ihr Werk „Die Feigheit der Frauen“ nannte sie eine Streitschrift, die sich der Tatsache stelle, dass die öffentliche Debatte jahrzehntelang die Strukturen diskutierte, in denen sich das Geschlechterverhältnis bewegt. Ihr sei es um die Haltung der Frauen, den subjektiven Faktor, gegangen; nicht um die Bedeutung der Strukturen zu relativieren, sondern um die Betrachtung um diesen wichtigen Aspekt zu ergänzen. Gerade darin sehe sie ein wichtige Parallele zu Luise Büchner, die ja auch immer wieder an die Frauen selbst appellierte. Ihr Rat an junge Frauen von heute:

 

„An allen Stellen auf Augenhöhe beharren!“

 

Bascha Mika hat sich schon jetzt als hervorragende Wahl zur ersten Preisträgerin  erwiesen, und frau darf gespannt auf ihren Beitrag zur Verleihung am 2. Dezember warten.

 Das Darmstädter ECHO berichtet hier, Die FAZ Rhein Main ebenfalls am 19.11., der Artikel ist (noch?) nicht online. 

Die feierliche Preisverleihung erfolgt am Sonntag, dem 2. Dezember, um 11 Uhr im Literaturhaus Darmstadt vor geladenen Gästen. Interessentinnen können per E-Mail um Eintrittskarten bitten (Vorstand@Luise-Buechner-Gesellschaft.de). 

 

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