Peter Brunners Buechnerblog

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Friede den Hütten, Krieg den Palästen – Spurensuche im revolutionären Blätterwald

Manchmal beginnt historische Detektivarbeit an ganz unerwarteter Stelle. Diesmal war es ein digitaler Streifzug durch die Bildarchive der Revolutionszeit.

Bernard Umbrecht hatte im Januar 2022 bemerkenswerte Grafiken aus der Collection de Vinck der Bibliothèque nationale de France aufgespürt. Im Zentrum stand der revolutionäre Held Jean-Baptiste Poupart de Beaubourg. Auf seinem Trikolore-Gürtel prangte die Parole:

„Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“ – Friede den Hütten, Krieg den Palästen.

 

Für mich war das wie ein Funke im Heuhaufen. Denn auf dem Bild stand zugleich unübersehbar das Datum „14 juillet 1789“. Wenn die Parole tatsächlich schon auf einer mit dem Bastillesturm verbundenen Darstellung auftauchte, dann musste man sich fragen, ob sie womöglich deutlich älter war als die bisher in der Büchner-Forschung herangezogenen Nachweise aus dem Jahr 1792.

Um eine Debatte zu entfachen, veröffentlichte ich meine Überlegungen schließlich im August 2026 als „Work in Progress“ auf Academia.edu unter dem Titel Hat die Landboten-Parole ältere Ursprünge?

Doch: eine interessante Spur ist noch kein Beweis. Und ohne den kritischen Blick vorzugsweise besserer Kenner kommt man meist nicht weit.

Einspruch

Mit Bernard Umbrecht und Herbert Wender verbindet mich nicht nur eine jahrzehntelange Bekanntschaft, sondern auch ein regelmäßiger und bisweilen streitbarer Austausch .

Es dauerte deshalb nicht lange, bis Herbert Wenders E-Mails in meinem Posteingang landeten – und kurz danach gleich im Dutzend. Akribisch recherchiert, mit immer neuen Quellen und einer erstaunlichen Funddichte.

Wenders Kritik traf meine schöne Juli-1789-Hypothese an einer empfindlichen Stelle.

In seiner ersten Nachricht vom 10. August verwies er auf M.-J. Dusaulxs De l’insurrection parisienne, et de la prise de la Bastille von 1790. Auf den Seiten 258–261 wird dort ein Dekret vom 19. Juni 1790 dokumentiert. Es regelte anlässlich des ersten Jahrestags des Bastillesturms die offizielle Ehrung der Vainqueurs de la Bastille. Sie sollten unter anderem Waffen und Bekleidung auf Kosten des Staatsschatzes erhalten, ein brevet honorable bekommen und das Recht führen, sich „Vainqueur de la Bastille“ zu nennen.

Damit wurde die Sache komplizierter.

Denn wenn eine Darstellung den offiziell anerkannten Ehrentitel Vainqueur de la Bastille verwendet, kann man sie nicht ohne Weiteres als Bildzeugnis vom 14. Juli 1789 behandeln.

Das Datum „14 juillet 1789“ auf einem Bild ist eben nicht automatisch das Herstellungsdatum des Bildes.

Ein Datum auf einem Bild ist noch keine Datierung.

Ein Bild und seine Verwandlungen

Bei genauerem Hinsehen wird die Sache noch interessanter. In der von François-Louis Bruel bearbeiteten Collection de Vinck finden sich mehrere einschlägige Blätter.

Die Darstellungen De Vinck 1653/1654 zeigen Poupart de Beaubourg in Verbindung mit dem 14. Juli 1789. Auf dem Trikolore-Gürtel steht:

„Paix aux chaumières / Guerre aux Châteaux“.

Auf einer Lanze finden sich außerdem die Worte „Les tyrans sont Murs“ und das Datum „14 juillet 1789“.

Ein weiteres Blatt, De Vinck 1655, trägt die Bezeichnung Vainqueur de la Bastille. Hier kommt auf dem Helm die Devise „Vaincre ou mourir“ hinzu. Dieses Blatt wird von Rolf Reichardt als kolorierter Bonneville-Druck von 1792 beschrieben.

Die Blätter gehören damit offenbar zu einer kleinen ikonographischen Entwicklung. Das 1792 datierte Bonneville-Blatt kann nicht als Beleg dafür dienen, dass die Parole bereits 1789 entstanden ist. Zugleich zeigt die Poupart-Darstellung, dass die Formel in einer Bildwelt erscheint, die ausdrücklich mit dem 14. Juli 1789 verbunden wurde.

Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Das Bildmaterial beweist also nicht, dass „Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“ am 14. Juli 1789 entstanden ist. Es zeigt aber, dass die Formel früh in der revolutionären Bildwelt präsent war und mit der Erinnerung an den Bastillesturm verbunden wurde.

Und damit war meine ursprüngliche Frage keineswegs erledigt. Sie hatte sich nur verändert.

Vom Bild zur Sprache

Wenders Spurensuche führte nämlich weiter aus dem Bilderbestand hinaus in die revolutionäre Publizistik.

Dabei tauchen unterschiedliche, offenbar miteinander verwandte Formulierungen auf: „Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“, aber auch „paix aux cabanes“ und „Guerre aux châteaux, paix aux chaumières“.

Allerdings: eine verwandte politische Metapher ist noch nicht dieselbe Formel. Und eine spätere Rückschau auf die Revolution ist noch kein Beleg dafür, dass die entsprechende Formulierung bereits 1789 verwendet wurde.

Klar ist jetzt: Die Formel selbst gehört tatsächlich in die revolutionäre Sprachwelt der 1790er Jahre. Ein besonders deutlicher Beleg findet sich 1794 in einem Text der Sektion Maison Commune: Dort lautet die Devise ausdrücklich „Mort aux tyrans, guerre aux châteaux, paix aux chaumières.“ Auch in einer Adresse aus Bayonne vom März 1794 erscheint die Formel „guerre aux châteaux, paix aux chaumières“. (Persée)

Damit verschiebt sich die Frage erneut.

Nicht mehr: Ist die Formel erst 1792 entstanden?

Sondern: Wie weit lässt sich ihre Vorgeschichte zurückverfolgen – und wann wird aus einem politischen Motiv eine feste, zirkulierende Formel?

Paläste und Hütten – ein älteres revolutionäres Bildfeld?

Auch Thomas Paine gehört in dieses Umfeld – allerdings nicht als Beleg für die konkrete Parole.

In Common Sense von 1776 findet sich die bemerkenswerte Formulierung:

„the palaces of kings are built upon the ruins of the bowers of paradise.“

Paine stellt hier die Paläste der Könige einer ursprünglichen, paradiesischen Lebenswelt gegenüber. Von „Paix aux chaumières, Guerre aux Châteaux“ ist das sprachlich scheinbar weit entfernt. Semantisch berührt sich beides allerdings in der politischen Vorstellung, dass Herrschaft und Luxus auf Kosten einer einfachen und ursprünglichen Lebenswelt bestehen.

Die Frage wäre also nicht: Hat Paine die spätere Parole „erfunden“?

Dafür gibt es keinen Beleg.

Viel interessanter ist die Frage, ob solche Vorstellungen Teil eines größeren politischen Sprach- und Bildfeldes waren, aus dem sich später konkrete revolutionäre Formeln herausbildeten.

Vielleicht ist gerade diese Unterscheidung wichtig: Nicht jede frühe verwandte Formulierung ist ein Vorläufer der konkreten Parole – aber die konkrete Parole fällt auch nicht aus einem sprachlichen Nichts vom Himmel.

Eine Parole wird zur Chiffre

Noch aufschlussreicher wird die Spur, wenn man in die spätere Revolutionsgeschichtsschreibung blickt.

Walter Scotts Leben Napoleon Bonapartes, Kaiser der Franzosen von 1828 formuliert rückblickend:

„Die französische Revolution hatte Krieg den Palästen, Friede den Hütten verkündet.“

Scott belässt es nicht bei dieser Formel. Unmittelbar anschließend beschreibt er die politischen Folgen der Revolution als Kampf gegen die „bevorrechteten Stände“, die als „Tyrannen und Unterdrücker der Armen“ dargestellt werden. Die Formel erscheint damit bereits als zusammenfassende Chiffre für das politische Programm, das Scott der Französischen Revolution zuschreibt.

Für unsere Büchner-Frage ist dieser Nachweis besonders interessant, weil es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Scotts Werk im Umfeld der Familie Büchner zugänglich gewesen sein könnte. Ob Georg Büchner oder ein anderes Familienmitglied den betreffenden Band tatsächlich gelesen hat, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.

Das ist also kein Nachweis einer Büchner-Lektüre. Aber es ist ein möglicher Baustein in der Frage nach dem kulturellen und sprachlichen Umfeld, in dem die Formel vor Büchners eigener Verwendung zirkulierte. Wir müssen auch nicht darüber schweigen, dass Büchners Großmutter aus dem damals noch hessen-darmstädtischen Pirmasens floh – vor der französischen Revolutionsarmee unter eben dieser Parole!

Noch bemerkenswerter ist die französische Revolutionsgeschichte von Jules Ferrand und J. de Lamarque aus dem Jahr 1853.

Im Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 1789 heißt es dort:

„Guerre aux châteaux, paix aux chaumières !“

Die Formel steht unmittelbar im Zusammenhang mit den Unruhen auf dem Land, den Forderungen nach der Abschaffung der Privilegien und der Diskussion über die Beschlüsse der Nacht des 4. August.

Aber auch hier ist die quellenkritische Unterscheidung wichtig: Ferrand liefert keinen Beleg dafür, dass dieser Wortlaut 1789 tatsächlich gerufen wurde. Er zeigt vielmehr, wie ein Autor des Jahres 1853 die Ereignisse von 1789 rückblickend mit dieser Formel zusammenfasst.

Auch die Eclectic Review von 1833 verwendet „paix aux cabanes“ als inzwischen verständliche revolutionäre Chiffre.

Damit lässt sich zumindest eine Entwicklung beobachten:

Aus einem revolutionären politischen Gegensatz wird eine Formel; aus der Formel wird eine Chiffre; und diese Chiffre kann schließlich rückblickend ganze Phasen der Revolution charakterisieren.

Und was bedeutet das für Büchner?

Damit kommen wir wieder zum Hessischen Landboten.

Die Marburger Büchner-Ausgabe verweist in ihrer Kommentierung auf eine französische Zeitschrift vom Januar 1792 und auf die Minerva vom Februar 1792. Diese Nachweise bleiben wichtig. Sie markieren den bislang herangezogenen textlichen Befund.

Die neuen Bild- und Rezeptionsspuren widerlegen diesen Befund nicht. Sie erweitern ihn.

Denn inzwischen stellt sich eine andere Frage: Geht es bei der Parole überhaupt nur um ihren ersten nachweisbaren Abdruck?

Oder hat sie schon vorher einen Weg durch die revolutionäre Öffentlichkeit genommen – durch Bilder, Zeitungen, politische Reden, Revolutionsgeschichten und später durch die Erinnerung an die Revolution?

Die inzwischen nachgewiesene Verwendung der Formel in der revolutionären Publizistik der 1790er Jahre macht jedenfalls deutlich, dass wir es nicht lediglich mit einer späteren Erfindung der Büchnerzeit zu tun haben. Zugleich bleibt die Frage nach der frühesten konkreten Verwendung der Formel offen.

Und genau diese offene Stelle ist interessant.

Denn wenn Georg Büchner die Formel im Hessischen Landboten verwendet, könnte es zu kurz greifen, nur nach einer einzigen und französischen Vorlage zu suchen.

Vielleicht greift Büchner auf einen politischen Sprachbestand zurück, der bereits verschiedene historische Stationen, Varianten und Bedeutungsverschiebungen durchlaufen hat.



Nicht zu vergessen das Schicksal seiner Großeltern, die ja unmittelbar „vor dieser Parole“ als hessische Staatsbeamte aus Pirmasens vor den Truppen Custines nach Darmstadt flohen. Kaum zu glauben, dass Frau Hofrätin Reuß, die „Rokkoko-Großmutter“, sich daran nicht erinnert hätte.



Vom Forschungsstreit zur neuen Frage

Was bleibt?

Zunächst einmal eine spannende Recherchegeschichte: Bernard Umbrecht entdeckt die Bilder. Ich sehe darin zunächst einen möglichen Beleg für eine ältere Datierung. Herbert Wender beginnt nachzufragen – und bringt eine Quelle nach der anderen auf den Tisch. Aus einer scheinbar einfachen Entdeckung wird ein ganzer kleiner Quellenkosmos.

Die ursprüngliche Hypothese ist dadurch nicht einfach bestätigt worden. Aber vielleicht hat sie sich wenigstens als produktiv erwiesen.

Liegt der interessanteste Punkt inzwischen gar nicht mehr bei der Suche nach einem einzigen „Ursprung“ der Formel?

Peter Rühmkorff hat für überlieferte, von Generation zu Generation verfügbare sprachliche Bestände den schönen Begriff des „Volksvermögens“ geprägt.

Mir scheint, „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ ist in diesem Sinne ein Stück politisches Volksvermögen.

Eine Formel, die nicht mehr einem einzelnen Autor gehört, sondern in unterschiedlichen historischen Situationen aufgegriffen, verändert, übersetzt und neu aufgeladen werden kann?

Dann wäre die Frage nach dem „Ursprung“ vielleicht nur ein Teil der Geschichte. Ebenso interessant wäre die Frage nach dem Gebrauch: Wer nimmt die Formel wann auf? Welche Bedeutung gibt man ihr? Wird aus einem revolutionären Ruf eine historische Chiffre – und schließlich ein Teil des politischen Sprachbesitzes?

Und wenn das so ist: Was macht Georg Büchner mit diesem Volksvermögen?

Das wäre dann die nächste Spur, der wir nachgehen sollten.

Die Recherche ist also noch lange nicht abgeschlossen. Aber vielleicht ist genau das ihr schönstes Ergebnis: Du findest einen Beleg – und bekommst dafür eine bessere Frage.

Inzwischen halte ich es für die stärkere Variante, diese Ursprungsfrage als offen zu behandeln, statt eine unsichere Zuschreibung als geklärt auszugeben – gerade für das weitere Nachdenken über das politische ‚Volksvermögen‘.



Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Archivalische Quellen & Bildzeugnisse:

  • Bibliothèque nationale de France, Cabinet des estampes: Collection de Vinck. Un siècle d’histoire de France par l’estampe (1770-1827). Inventaire analytique par François-Louis Bruel, Paris 1914 (Nachdruck Paris 1970), darin speziell Nrn. 1653–1656 (Darstellungen des J. B. Poupart de Beaubourg sowie der kolorierte Kupferstich von François Bonneville, Paris 1792).

  • Rolf Reichardt: L’imagerie révolutionnaire de la Bastille: collections du Musée Carnavalet, Paris 2009, S. 27.

2. Zeitgenössische Druckschriften & Publizistik (18. & 19. Jahrhundert):

  • M.-J. Dusaulx: De l’insurrection parisienne, et de la prise de la Bastille; discours historique, prononcé par extrait dans l’assemblée nationale, Paris 1790, S. 258–261 (Dokumentation des Dekrets vom 19. Juni 1790 zur Verleihung des Ehrentitels und der Ausrüstung für die Vainqueurs de la Bastille).

  • Thomas Paine: Rights of Man sowie französische Gesetzessammlungen und Schriften (1816–1852) zur sozioökonomischen Kritik an Palästen und Luxus.

  • The Eclectic Review, Bd. 9/57, hg. von Samuel Greatheed u. a., London 1833, S. 57 (zeitgenössische/rückblickende Erwähnung des Motivs „paix aux cabanes“).

  • Anonymes Revolutionsgeschichtswerk (Paris 1828), S. 209f. (Nachweis der Formulierung „Die französische Revolution hatte Krieg den Palästen, Friede den Hütten verkündet“ unter Verwendung von „paix aux cabanes“).

  • Illustrierte Revolutionsgeschichte (Paris 1853), Einordnung der Parole im Kontext der Aufhebung der Feudalrechte in der Nacht des 4. August 1789.

3. Moderne Forschungsliteratur & Arbeitsmanuskripte:

  • Peter Brunner: Hat die Landboten-Parole ältere Ursprünge?, Work in Progress auf Academia.edu, August 2026.

  • Historisch-Kritische Werkausgabe (MBA): Kommentierung zum Hessischen Landboten (mit Verweisen auf die französische Zeitschrift vom Januar 1792 sowie die Minerva vom Februar 1792).

  • Brieflicher und E-Mail-Diskurs zwischen Dr. Herbert Wender, Bernard Umbrecht und Peter Brunner



Neue Forschungsnotiz: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ bereits 1789/1790 nachgewiesen

Neue Forschungsnotiz: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ bereits 1789/1790 nachgewiesen

In der Büchner-Philologie gilt die Losung des Hessischen Landboten von 1834 bislang als Produkt der Revolutionspublizistik von 1792 (u. a. zugeschrieben Nicolas Chamfort). Ein bildgeschichtlicher Fund aus der Bibliothèque nationale de France (BnF) stellt diese Datierung auf die Probe: Eine anonyme Druckgrafik zeigt die Parole bereits auf der Schärpe eines Vainqueur de la Bastille aus den Jahren 1789/1790.

Das neue Working Paper von Peter Brunner dokumentiert den Befund, differenziert quellenkritisch zwischen gesicherten Fakten und Forschungshypothesen und ordnet die Konsequenzen für die Büchner-Forschung neu ein (entstanden unter freundlicher Mitwirkung von Dr. Herbert Wender).

📄 Zum vollständigen Working Paper auf Academia.edu:

https://www.academia.edu/171571630/Hat_die_Landboten_Parole_a_ltere_Urspru_nge

Luise-Büchner-Preis für Publizistik 2026 geht an Franziska Schutzbach !


Die Luise Büchner-Gesellschaft vergibt den diesjährigen Luise-Büchner-Preis für Publizistik an die Schweizer Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach . Mit ihren Büchern Die Erschöpfung der Frauen (2021) und zuletzt Revolution der Verbundenheit (2024) zählt sie zu den meistbeachteten feministischen Stimmen im deutschsprachigen Raum. Neben der weiblichen Perspektive richtet sie ihren Blick auch auf die männliche Seite: Schutzbach forscht zu Antifeminismus, Misogynie und den Kommunikationsstrategien rechtspopulistischer Bewegungen, etwa dazu, wie sich Männlichkeitsbilder radikalisieren und zum Einfallstor für rechtsnationales Denken werden.

Franziska Schutzbach, geboren 1978, promovierte an der Universität Basel und lehrt und forscht dort am Zentrum Gender Studies.

Der Preis ist mit vom Lions Club Louise Büchner bereitgestellten 3.000 Euro dotiert und erinnert seit 2012 an die Darmstädter Frauenrechtlerin und Publizistin Luise Büchner (1821–1877).

Die Preisverleihung findet am 29. November in Darmstadt statt.

„ … ich war immer geneigt, Herrn Becker in diesem Punkte Recht zu geben“

 

Es ist zwar April, aber ich möchte heute an August erinnern – August Becker …

Hören Sie mal: 

Auch wenn Ihnen die Interpretation durch Jimmy Hendrix näher ist – Sie glauben, Sie kennen den Text?

Weit gefehlt. Hier ist der originale Text
des Refrains:

Unser Landgraf, der soll leben, 
und die Landgräfin daneben! 
Hesse-Darmstädter sein mir, 
ja, Hesse-Darmstädter sein mir!


Das hat schon 1875 Eduard Leyh in der Gartenlaube (12/1875) mitgeteilt:


„ … Mein alter Freund und Mentor, der 1871 in Cincinnati verstorbene Journalist August Becker, … meinte, eine so herrliche Melodie könne gar kein Amerikaner erfinden, dieselbe sei entschieden deutsch. Als Beweis führte er den Endreim eines hessischen Soldatenliedes an, welcher lautet:

Unser Landgraf, der soll leben, und die Landgräfin daneben!
Hesse-Darmstädter sein mir, ja Hesse-Darmstädter sein mir.“

Becker argumentirte nun, daß die damals von ihren sauberen Fürsten an die Engländer verschacherten Hessen dieses Lied auf amerikanischem Boden häufig gesungen hätten und die Melodie hier von den Amerikanern aufgegriffen worden sei. Thatsächlich herrscht zwischen dem Liede der Darmstädter Patrioten und dem Endreime unserer Nationalhymne große Aehnlichkeit und ich war immer geneigt, Herrn Becker in diesem Punkte Recht zu geben … “

Der engste Freund und Vertraute Georg Büchners war bekanntlich nach Haft, Exil, 48er-Aktivitäten und Abgeordnetentätigkeit in die Vereinigten Staaten ausgewandert. August Beckers publizistische Tätigkeit in den USA ist noch längst nicht vollständig erfasst, geschweige denn ausgewertet, aber ich kann sicher sagen, dass seine oft amüsant-polemisch geschriebenen Berichte voller wertvoller Informationen stecken. Warum sollte das bei diesem Gespräch mit jemandem, der ihn seinen Mentor nannte, anders sein?

Becker war im Bürgerkrieg unter deutschen Freiwilligen, die allerdings wahrscheinlich nicht mehr einem Landgrafen huldigten. Dass zu später Stunde in rührseliger Heimatsehnsucht trotzdem alte deutsche Soldatenlieder gesungen wurden ist allerdings trotzdem so unwahrscheinlich nicht. Und wer sich ein Bild des „roten Becker“ macht,


(nach einer historischen Abbildung mit KI – Gemini – erstellt)

wird keine Sekunde lang daran zweifeln, dass zu seinen vielen Qualitäten ganz bestimmt auch der Vortrag zahlreicher deutscher Lieder gehörte.

Und so freuen wir uns in Zukunft beim Hören der US-Hymne, dass wir den richtigen Text darauf kennen, auch wenn der auch nicht besser ist als „O! say does that star-spangled banner yet wave, O’er the land of the free and the home of the brave?“.

 



Der podcast BüchnersWelt 2026

Nach 21 Folgen im letzten Jahr, die ich hier zum direkten download angeboten habe, stehen die Beiträge inzwischen so zahlreich zur Verfügung, dass ich künftig hier nur noch die Zugänge ankündige, sie aber nicht mehr  direkt zum Anhören anbiete. Stattdessen finden sie sich  – wie bisher schon – auf den bekannten Portalen:

Büchners Welt bei spotify

Büchners Welt bei Apple podcasts 

Büchners Welt bei Deezer 

Und hier unten durchgehend nummeriert, mit Sendedatum und „Teaser“, jeweils verlinkt direkt zu bei Radio Darmstadt:

Folge 22 (8. 1. 2026)

Wilhelm II

 

Folge 23 (22.1. 2026)

Leonce & Lena I

 

Folge 24 (12. 2. 2026)

Leonce & Lena II

 

Folge 25 (26.2. 2026)

Weidig: „Da mir der Feind jede Verteidigung versagt“

Folge 26 (12.3. 2026)

Demokratie Tag für Tag

 

Folge 27 (26.3. 2026)

Barrikaden, Bibel, Tannenbaum 

FOLGE 28 (9.4.2026) 

ALEXANDER I 

FOLGE 29 (23.4.2026) 

Weidig II mit Dieter Wolf

 

 

 

 

 

FOLGE 30 (14. 5. 2026) 

August Becker: „Leider trieb es´s dort zu bunt…“

 

FOLGE 31 (28. 5. 2026) 

Der Hessische Landbote: Krieg den Palästen?Büchners Welt

Notgedrungen diesmal eine Wiederholung – aber immerhin mit aktueller Einleitung:

“Wir fangen heute mal ohne Jingle an, das ist ganz ungewöhnlich

Schrecklich, einfach so rabums, hallo Papa.

Warum haben wir uns denn das jetzt überlegt, lieber Papa?

Liebe Tochter, wir waren sozusagen notgedrungen, genötigt eine Lösung zu finden, dafür, dass wir keine neue Aufnahme machen können.

Asche über unser Haupt. Genau, wir schaffen es leider nicht, eine ganze Folge noch aufzunehmen, für den 28. Mai.

Und deshalb haben wir entschieden, unsere Lieblingsfolge, darf man das sagen, eine unserer Lieblingsfolgen, als Wiederholung zu senden. Und zwar die Folge Nummer 8 zum hessischen Landboten. Und wir haben es uns aber nicht nehmen lassen, euch wenigstens ein paar Minuten vorher etwas Neues aufzunehmen.

Wenn schon Büchner, denn schon Landbote.

Genau. Ja, und ich finde es eigentlich ganz nett, auch in die älteren Folgen noch mal reinzuhören. Die achte Folge ist jetzt ziemlich genau ein Jahr alt, noch nicht ganz, ich glaube so zehn Monate.

Und man hört doch einen Unterschied. Wir haben uns schon ein bisschen entwickelt, auch, findest du nicht auch?

Ja, das würde ich schon wie oft in solchen Fragen dem PP-Publikum überlassen. Aber anders ist es tatsächlich, ja, das ist wahr.”

“Ja, also, hört rein, Urteil selbst. Und vielleicht vorher noch ein, zwei Anmerkungen zu unserer letzten Folge zu August Becker. Wir haben ja am Anfang von der letzten Folge ein bisschen gerätselt, wann denn jetzt tatsächlich sein Geburtstag war, also wann er tatsächlich geboren ist.

Und wir haben jetzt nicht nur Rückmeldungen von den KI’s, die wir befragt haben, sondern, Papa, du hast auch Antwort bekommen. Erzähl doch mal.

Die Situation ist so, dass die Wahrscheinlichkeit auch in meinem Kopf war schon relativ hoch, dass ich das selber hätte verifizieren können. Es gibt verschiedene gedruckte Quellen, aber wir saßen ja im Studio, als wir dieses Problem bemerkt haben. Und das Einzige, was ich hatte, darauf konnte ich online zugreifen, war die Kopie aus dem Kirchenbuch, also das Originaldokument in Kurent geschrieben, nicht ganz deutlich zu lesen.

Und ich war einfach unsicher. Ich bin kein besonders erfahrener Kurrent-Leser. Und habe deshalb online in der Zeit, während wir aufgezeichnet haben, zwei Freunde angeschrieben, von denen einer, Reinhard Papst, nämlich der Literaturdetektiv, wer, wenn nicht der Literaturdetektiv, prompt geantwortet hat, und zwar insgesamt mit vier Mails, in denen er mir sämtliche Quellen genannt hat, wie gesagt, die ich alle zu Hause vielleicht auch gefunden hätte, aber eben im Studio nicht zur Verfügung hatte.

Aber schließlich und darum war es gegangen, er hat bestätigt, 1812 ist das richtige Geburtsjahr.

Was machst du eigentlich? Wollen wir dem Büchnerportal eigentlich schreiben, dass es nicht richtig ist, oder?

Wir können ja mal abwarten, ob das Büchnerportal unseren Podcast-Hürden darauf reagiert.

Das wäre eigentlich auch ganz witzig. Und sonst können wir irgendwann im Juni oder im Juli mal eine E-Mail verfassen.”

 

FOLGE 32 (11. 6. 2026) 

Alter Text in neuen Bildern. Mit Andreas Eikenroth

Screenshot

Folge 33 (25.6.26)

 

„nur nicht, dass Sie nach Amerika gehen“ – Die Revue

Folge 34 (9.7.26):

 

Ludwig Büchner I 

 

„ …  ich weiß nicht, durch was meine Persönlichkeit die Aufmerksamkeit von Menschen erregt hat“ verteidigt sich Ludwig Büchner gegen Vorwürfe, ein 1848er-Aufrührer zu sein. Heute wissen wir, dass es Ausreden waren – die Rebellion wurde ihm wie seinen Geschwistern in die Wiege gelegt.

Wie wurde der kleine Bruder Georgs zu dem berühmten Büchner im 19. Jahrhundert, der zentralen Figur des Materialismus in Deutschland, dem vielleicht ersten deutschen Sachbuchautor und Mitbegründer der Kommunistischen Internationale?

Er trifft Georgs Freund August Becker und begründet eine lebenslange Verbindung zum Mitbegründer der Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht. Wir berichten von seiner Schul- und Studienzeit, von liebevoller Familie, Heimweh und Gießener Studienjahren. Wo tritt er in die Fußstapfen des Bruders und wo erkennen wir seinen eigenen Weg?

Folge 35 (23.7.26):

LUDWIG BÜCHNER II 

Als Arzt und Dozent in Tübingen begibt sich „das Haupt“, wie Ludwig Büchner genannt wurde, auf die Spur des Übersinnlichen und setzt zusammen mit Bruder Alexander Versuchspersonen in die Dunkelkammer: Was erkennen sie im Unsichtbaren? Im Jahr darauf erscheint sein Lebenswerk: das Welterklärungs-Sachbuch „Kraft und Stoff“. Das kostet ihn die Anstellung in Württemberg, macht ihn aber buchstäblich über Nacht berühmt. Die Widersprüchlichkeit zwischen der Ablehnung und Anziehung spiritueller Erklärungsansätze begleitet ihn sein Leben lang. Was bewegt diesen „Wanderprediger des Materialismus“, wie ihn Marx später abschätzig nennen wird?

Folge 36 (13.8.26):

Alexander II – mit Thomas Lange

Unser Gast ist diesmal Dr. Thomas Lange, der bei uns ist als ausgewiesener Kenner des Lebens von Georg Büchners jüngstem Bruder Alexander. Er schildert uns, wie es der radikale Republikaner vom „Dr. beider Rechte“ zum polyglotten Sprachwissenschaftler und der französischen Staatsbürgerschaft brachte.

In dieser zweiten Folge vertiefen wir insbesondere die Karriereschritte Alexanders in Frankreich: Dass er Sprachlehrer in Valenciennes und schließlich doch noch Professor in Caen wird war eigentlich nur der Plan B. Der Wahlfranzose publiziert auf deutsch und französisch; für den letzten Karriereschritt in Frankreich bleibt er trotz Staatsbürgerschaft „zu deutsch“. Alexander hat für eine scharfe Polemik jede Freundschaft riskiert, aber der elegante Lebemann unterhielt auch lebenslange Freundschaften und pflegte seine Familienbande. Ein Leben, zu lang, um es auch diesmal vollständig zu berichten –

Fortsetzung folgt.

Folge 37 (27.8.26):

Hat Büchners Welt Grenzen? 

Ernst Büchner (1855 – 1923)



Inzwischen haben wir 36-mal über Georg Büchner, seine Verwandten und Bekanntschaften gesprochen.

Noch viel zu kurz ist dabei die Schwester Luise gekommen, die Kinder der Geschwister haben wir kaum erwähnt und die vielen Fragen, die sich zu ihrem Leben und ihrer Zeit stellen, sind kaum berührt.

Heute sprechen wir darüber, wie verblüffend es ist, welche Funde dazu gemacht werden und wie überraschend sie sich wie fehlende Puzzleteile einfügen. Dabei kommt ein Fragezeichen vor, eine Schärpe, ein fürstliches Fotoalbum und die New York Public Library.

Wie immer live auf Radio Darmstadt und danach auf allen podcastkanälen!

Auf dem Bild Wilhelm Büchners Sohn Ernst (1850 – 1925), Chemiker, Unternehmer, Erfinder. Seinen „Büchner-Trichter“ nutzt bis heute jedes Chemielabor. Mehr dazu unter https://geschwisterbuechner.de/?p=89 

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