Neues aus Buechnerland

Peter Brunners Buechnerblog

Seite 88 von 95

Stumpfer Spass

„Ich hab schon einmal gesagt, dass mich die vielen Darmstadt-Krimis eigentlich anöden und ich nicht verstehen kann, warum man scheinbar nur dann einen Roman über Darmstadt veröffentlichen kann, wenn man gleich am Anfang irgendwen abmurkst. … Jetzt ist aber mit „Scharfes Glas“ von Werner Münchow ein Darmstadt-Krimi erschienen, der zumindest auf den ersten Blick besser und interessanter erscheint. Das Echo schreibt hier darüber.“

So macht sich am 7.12. Jörg Heléne in seinem Blog Gedanken und fragt am Ende: „falls es irgendwer kauft bzw. gelesen hat, kann er/sie ja mal bescheid geben.“

Nach diesem nachdrücklichen Hinweis blieb mir ja gar nichts anderes mehr übrig, und während der Feiertage hab ich ´s dann gelesen. Ich bin kein besonders kenntnisreicher Krimileser, auch die gelobten historischen Kriminalromane von Marek Krajewski aus dem Breslau der zwanziger und dreißiger Jahre habe ich (noch) nicht gelesen. Krajewski, dessen Authentizität immer wieder gelobt wird, schreibt über eine Zeit, aus der noch Augenzeugen leben – und vor zwanzig Jahren konnte der 1966 in Wrocław geborene Autor sicher so viel von der Geschichte seiner Heimatstadt erfahren wie beispielsweise der Autor dieser Zeilen von seiner 1922 geborenen Mutter über das Darmstadt der dreißiger und vierziger Jahre. Münchow schreibt über Darmstadt 1833 – trotzdem war das meine erste Assoziation und zugleich Befürchtung: 1833 ist halt ein bisschen länger her…

Als wir in Pfungstadt begannen, „Eine Stadt schreibt ein Buch“ auf die Beine zu stellen, aus dem dann ja unser Krimi „Kirschen rot – Spargel tot“ entstand, hieß der erste Hinweis im workshop, den uns Heiner Boehncke als „Coach“ der Aktion gab: „versucht Euch nicht an historischen Stoffen – der Recherche-Aufwand wird Euch überrollen!“

So gewarnt habe ich weiter gelesen, als ein Kommissar aus Berlin als Ratgeber nach Darmstadt kommt (Münchow kommentiert das in den Anmerkungen als möglich, weil es ja verwandt­schaft­liche Beziehungen zwischen Preußen und Hessen-Darmstadt gab), auch, dass die Darmstädter Polizei zu dumm war, einen Tatort nachts mit mehr als einer Kerze zu beleuchten und dass der Kommissar im höchsten Biedermeier einer ihm bis dahin völlig unbekannten Schauspielerin überraschend nahe kommt, ja sie mehrfach alleine in deren Wohnung besucht, habe ich beim Lesen als nicht unmöglich akzeptiert.

In Wikipedia habe ich mich dann darüber informiert, dass das Cello bis etwa 1850 ohne „Stachel“ (so heißt der Spieß, auf dem das Instrument steht) „wie die Gambe mit den Beinen gehalten wurde“ (bei Münchow spielt dieser offenbar ultramoderne Stachel eine wichtige Rolle…). Dass in Darm­städt­er Gasthäusern vor der schrecklichen Reblauskatastrophe (1874 erstmals in Deutsch­land..) harmlosen Ausländern Apfelwein angeboten wurde, ist allerdings kaum zu glauben. Stattdessen hätte der Autor zum Beispiel den von Goethe so geliebten „Elfer“ unterbringen können, von dem sicher noch ein paar Flaschen in Darmstadt lagen. Einen Georg Büchner schließlich, der in der Bibliothek ausgerechnet einen preußischen Kommissar antimonarchisch agitiert, während dieser ihn später vor drohender Verfolgung warnt – den will ich mir weder vorstellen noch über ihn lesen.

Ja, dieser Krimi aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Darmstadt hat wunderbare Motive, Merck und Büchner Vater und Sohn sind großartige Figuren (und für einen neuen Versuch wüsste ich kaum, welche/r Büchner weniger als die/der andere …), das Niebergall´sche Lokalkolorit lässt durchaus (Theater-)Bilder vor dem inneren Augen erstehen, „Glasharfe“ und „Strychnin“ sind schöne, ordentlich recherchierte Details, die Großherzöge hatten wirklich unterschiedliche Ambitionen, was das Geld ausgeben anging, – aber riechen, schmecken, klingen tut die Welt dieses Krimis leider nicht.

Heiner Boehncke hat recht: schon ein einziger historischer Patzer kann den ganzen Spaß verderben, und leider ist es bei Münchow nicht bei einem geblieben…

 

Werner Münchow: Scharfes Glas. Ein Krimi mit Datterich.
Frankfurt. Societäts-Verlag. 2010. EAN 978-3797312303.
215 S. 14,80 €

WORTKLANG am 18. 12. in der Villa Büchner

 

Die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen hat 2006 in Thüringen eine Veranstaltungsreihe unter dem Motto


„Wortklang –

 

Lyrik im Konzert“


 

initiiert. Dabei treten renommierte Lyrikerinnen und Lyriker an der Seite von hoch begabten jungen Dichtern auf. Begleitet werden ihre Lesungen von Musik.

Im Oktober hat nun der „Wortklang“ erstmals in Hessen stattgefunden. In Friedrichsdorf haben Franz Hodjak und Jan Volker Röhnert gelesen, Evert Groen hat sie an der Orgel begleitet.

In der Villa Büchner treten am 18. Dezember um 18 Uhr

 

Olga Martynowa

 

und

 

Daniela Danz auf.

Olga Martynowa (geb. 1962 in Dudinka, Russland) ist Lyrikerin, Erzählerin, Essayistin und Übersetzerin. Sie wuchs in Leningrad auf und studierte dort russische Sprache und Literatur. 1991 zog sie nach Deutschland. Mit ihrem Mann, dem Autor Oleg Jurjew, und ihrem Sohn Daniel lebt sie in Frankfurt am Main. Olga Martynowa schreibt auf Russisch (Gedichte, Essays) und deutsch (Essays, Prosa). Ihre zahlreichen Beiträge aus deutschsprachigen Periodika sind ins Englische, Polnische, Slowakische, Bulgarische, Dänische und neuerdings auch Russische übersetzt worden, ihre russischen Gedichte ins Deutsche, Englische, Italienische und Französische. Olga Martynowa ist als Essayistin und Rezensentin für Zeitungen wie die Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit, oder die Frankfurter Rundschau tätig. Im Jahr 2000 wurde sie mit dem Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik ausgezeichnet.

Daniela Danz (geb. 1976 in Eisenach) studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen, Prag, Berlin und Halle an der Saale. Sie bekleidet einen Lehrauftrag an der Universität Osnabrück und ist dort Teilnehmerin des Peter Szondi-Kollegs. Danz lebt als freie Autorin in Halle. Daniela Danz schreibt Lyrik und Prosa. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.


Die musikalische Begleitung in Pfungstadt übernimmt


Papa Legba ´s Blues Lounge

Am liebsten spielen „die Papas“ unverstärkt. So wie der Blues am Anfang des vergangenen Jahrhunderts im Mississippi-Delta gespielt wurde – von Robert Johnson, Fred McDowell, Son House oder Sony Boy Williamson. Und so kommt auch der Klang von Bluesharp, Blechgitarre (Dobro) und Kontrabass am besten zur Geltung, ohne elektronische Tricks und technische Spielereien. Dazu singen Jürgen Queissner, Reiner Lenz und Thomas Heldmann teilweise dreistimmig wie das legendäre Big Three Trio von Willie Dixon. Obwohl sich die drei Musiker bereits seit Jahrzehnten kennen und schätzen, beschlossen sie erst vor knapp drei Jahren ein rein akustische Bluestrio zu gründen. Seitdem hat Papa Legba’s Blues Lounge bereits Tausende begeistert beim Münchner Studentenfestival Stustaculum, bei den Ingolstädter und Schwetzinger Jazztagen, beim Tucher Jazz- und Bluesfestival in Bamberg, beim Laubacher Bluesfestival, beim Rosenfestival in Kronach oder beim Stoffel-Openair in Frankfurt, zusätzlich in ungezählten Kneipen, Clubs, bei Festen und auf Festivals.

Erst Bildung, dann Freiheit

Am Wochenende 28./29. November war ich in Wuppertal.

Im historischen Zentrum wird die sehr lohnenswerte Ausstellung „Licht fangen“  über die Anfänge der Fotografie gezeigt, die ich gerne sehen wollte, weil wir ja auch zahlreiche historische Fotografien aus dem Besitz der Büchnerfamilien kennen und uns Gedanken über deren Präsentation machen. (Den schönen Katalog verramscht Frölich & Kaufmann hier).

 Friedrich Engels in Manchester, 1868

Gleichzeitig wurde am 28. 11. auch Friedrich Engels´ 190. Geburtstages gedacht. Dazu hörte ich eine Führung zu „Friedrich Engels auf historischen Fotografien“ und am Sonntag Vormittag Dr. Jürgen Herres von der Berliner MEGA-Edition zu „Friedrich Engels. Revolutionär, Unternehmer und Privatgelehrter“. Natürlich ist es spannend für mich, Details zu Leben und Arbeit eines der Großen des Neunzehnten Jahrhunderts zu hören, noch einmal eindrücklicher am historischen Ort. Und natürlich ergeben sich spannende Parallelen und Dissonanzen aus meinen Überlegungen zur Biografie der Büchners. Gegen Ende des Vortrages erwähnte Herres Engels´ jahrelange Arbeit an der Herausgabe von Marx´ „Kapital“ Band II und III. Der wesentliche Ansporn für Engels für diese Titanenarbeit sei die Notwendigkeit gewesen, der neuen Arbeiterpartei auch eine wissenschaftliche Grundlage zu verschaffen. Ohne Zweifle wäre Ludwig Büchners Herangehensweise gewesen, aus der wissenschaftlichen Erkenntnis auf die politische Notwendigkeit zu schließen, statt wie Engels das für richtig erkannte Politische „im nachhinein“ wissenschaftlich zu begründen.

 


 

 Alfred Hrdlickas „Starke Linie”, Denkmal für Friedrich Engels, das in Wuppertal „Denkmal im Engelsgarten” heißt

Der frühere DDR-Wissenschaftler Dieter Wittich hat in den „Sitzungsberichten der Leibniz-Sozietät. Bd. 53, Berlin 2002 “, einem insgesamt äußerst lesenswertem, selbstkritischen Text aus der Arbeit ehemaliger DDR-Wissenschaftler, über Ludwig Büchner geschrieben:

„Der Weg zur Macht könne allein durch Einsicht, Vernunft, Überzeugung und vor allem eine weit höhere Volksbildung geebnet werden. Für eine solche friedliche Überwindung des Kapitalismus lebte und wirkte er. Auch ein staatliches Eigentum an Produktionsmitteln im Unterschied zu einem gesellschaftlichen wollte er nicht, denn das, meinte Büchner schon 1863 gegenüber Ferdinand Lassalle, würde die Eigeninitiative hemmen, die staatliche Bürokratie und Bevormundung grandios vermehren. Ja, eine solche Nationalproduktion müsse an der Schwerfälligkeit ihrer Bürokratie ersticken. Das waren Einwände, über die auch ich mich in früheren Publikationen geringschätzig hinweggesetzt habe, die aber nach dem in den letzten Jahrzehnten Erlebten weit ernsthafter zu betrachten sind.“ (a.a.O., Ludwig Büchner 1824-1899. Sein Einfluß auf das philosophische, kulturelle und politische Leben Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. S. 66)

 

Dies scheint mir schon lange eine der wesentlichen Differenzen in der Auffassung der „Kommunisten“ des 19. Jahrhunderts einerseits und den „Volksbildnern“ wie Ludwig Büchner andererseits zu sein. Der erste Inhaber eines ordentlichen Lehrstuhls für Pädagogik (1912 in Jena), Wilhelm Rein (1847 – 1929) hat das 1897 in dem programmatischen Satz „erst Bildung, dann Freiheit“ ausgedrückt.

 Anfang der 1880er Jahre wollte Büchner das freie Deutsche Hochstift in Frankfurt neu gestalten.

In das „Stift“ sollte eine von Staat und Kirche unabhängige,also alternative Hochschule eingehen. Es sollte auf diese Weise auch einen „Mittelpunkt für das unabhängige Privatgelehrtentum… bilden“, da ohnehin die Zahl der freischaffenden Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller ständig wachse. Das „Stift“ solle sich dabei besonders auf allgemeinbildende Lehrveranstaltungen orientieren, schon weil die staatlichen Universitäten immer mehr zu bloßen „Fachschulen“ mutierten. Ein reges Interesse für solche Veranstaltungen erwartete Büchner insbesondere von Journalisten, Theaterleuten und Schriftstellern. Darüber hinaus sollte das „Stift“ eine „Zufluchtsstätte für nicht-offizielle oder nicht-akademische Wissenschaft und Lehre“ sein, denn „geistige Großthaten“, meinte Büchner, könnten häufig nur außerhalb der akademischen Philosophie und im Widerstand gegen den „mächtigen Druck autoritärer, durch Stellung, Macht und Gewohnheit geschützter geistiger Gewalten“ gedeihen. Büchner verwies u.a. auf die Entdeckung des Energieerhaltungssatzes durch Robert Mayer. Büchners Ideen zur Neugestaltung des „Freien Deutschen Hochstifts“ scheiterten am Konservatismus seiner führenden Mitglieder. Es gewann die lokalpatriotische Ansicht die Oberhand, dass „dasjenige, was ein Frankfurter Bürger geschenkt habe, auch allein der Stadt Frankfurt zu Gute kommen solle.“ (Wittich, Büchner, a.a.O., S. 84)

Ludwig Büchner hat diesen Anspruch auf Volksbildung so ernst genommen, dass er aus dem (von ihm mitbegründeten) Hochstift 1883 austrat und in Darmstadt zusammen mit Otto Rocquette den „Verein für Wissenschaft, Kunst und Literatur“ gründete, der eine Art „alternative Hochschule“ werden sollte.

 

 

Märchenmuhme mit rosaroter Brille

Kürzlich habe ich angekündigt, weitere Recherchen zu Martha Frohwein-Büchner, der Großkusine „unserer“ Büchners, anzustellen.

 Das Ehepaar Frohwein-Büchner mit den beiden Söhnen Friedrich und Ernst-Armin 1918

Marthas Vater Friedrich Büchner (1826 – 1909) ist der erwähnte Autor von „Coligny“, er lebte von 1858 bis 1869 als „Mitprediger“ in Zwingenberg. Martha wurde als viertes und letztes Kind von seiner Frau Marie Hirsch, geb. 1833 in Bingen, in Horrweiler geboren, wo er 1869 Pfarrer war.

Im „Deutschen Literaturlexikon“ (Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert. Band X. Hg. v. Konrad Feilchenfeldt. Zürich und München: K. G. Saur 2007) ist sie wie folgt verzeichnet:

Frohwein-Büchner, Martha (geb. Büchner, verh., Frohwein), * 24. 4. 1872 Horrweiler/Rheinhessen, + 25. 4. 1935 Ebsdorf bei Marburg/L; enstammte d. hess. Dichterfamilie Büchner u. lebte ab 1897 in Ebsdorf, verh. m. e. Arzt. Mundartdg., Erzählung.

Schriften: Hesse-Späss, I Heimatgruß an unsere lieben Feldgrauen, II Vom Fritzche un annere neue Hessespäss, 1915/16 (zahlr. Aufl. u. Ausg: 1920 erhebl. Verm. Gesamt-Ausg.; 8., verm. Aufl. u. d. T.: Gereimte Hesse-Späss, 1927); Nebelreich und Rosenland. Bunte Seidenfäden der Märchenmuhme M. F.-W., 1920; Das Mäuschen und anderes Gereimtes und Ungereimtes. o. J. (1927); Die uhleidliche Ellemutter. E hessisch Stickche, o. J. (1930).

Literatur: B. Sowinski, Lex. dt.sprachiger Mundartautoren, 1997

Die meisten dieser Texte sind über die bekannten antiquarischen Anbieter leicht und günstig zu bekommen; aus „Nebelreich und Rosenland“ stelle ich hier einen Text online. Mit dem Autor der „Sprachecke“ des DARMSTÄDTER ECHO, Heinrich Tischner, habe ich über diesen Text korrespondiert – vielleicht ist dies die erste Erwähnung der „rosaroten Brille“, die wir so selbstverständlich als Metapher für einen schönend-unkritischen Blick verwenden.

 Er schreibt:

„Zuerst hat mich ja die altertümelnde Redeweise mit den vielen „-leins“ gestört, die alles verniedlicht und putzig aussehen lässt. Und die völlig unrealistische Pracht des Palastes mit elfenbeinernen Säulen. Und die längst ausgestorbene Gattung der Muhme ‚Tante, Schwester der Mutter‘. Ob die kindlichen Leser diese Sprache verstanden haben?

Dann aber hat mich die Geschichte fasziniert. Das ist ja eigentlich kein Märchen, das in verfremdeter Form Begebenheiten aus dem wirklichen Leben erzählt, sondern eine Allegorie, die abstrakte Zusammenhänge verdeutlicht: die Phantasie als Mädchen mit einer rosenroten Brille, die verschiedenen Menschen, denen sie begegnet: Der erdverbundene Bauer, der dafür keinen Sinn hat – der Schulmeister, der nur bedauern kann, dass er dem Kind keinen Respekt beibringen durfte – der hochnäsige Junker mit seinem affektierten Gehabe – und schließlich die drei Künstler, die ganz begeistert sind.

So ist es ja immer gewesen und auch heute noch: Es gibt Leute, die können Phantasie anderer verstehen – andere sind so „nüchtern“, dass sie nichts erkennen können. Nur die Lehrer gehen heute anders mit diesem Thema um. Mindestens im Prinzip versuchen sie zu begreifen, dass phantasievolle Kinder keine Spinner sind.“

 In Ebsdorfergrund, einem Dorf in der Nähe von Marburg, hat der Arzt Ulrich Freitag, der 1991 das dortige „Doktorhaus“ und die Arztpraxis übernahm, 2004 im Selbstverlag eine kleine Schrift unter dem Titel „100 Jahre Doktorhaus Ebsdorf 1904 – 2004“ veröffentlicht, die mir freundlicherweise der dortige Ortsvorsteher Heinrich Kutsch zur Verfügung stellte. Daher stammt auch das oben stehende Foto. Ulrich Freitag schreibt über Martha Büchner:

Eine außergewöhnliche Frau

Martha Frohwein-Büchner (geboren am 24. April 1872, gestorben am 25. April 1935) wirkte fast vier Jahrzehnte als Ehefrau des ersten Ebsdorfer Arztes, Dr. med. Carl Frohwein, im Dorf. In dieser Zeit widmete Martha Frohwein-Büchner sich intensiv der Brauchtumspflege. So zeichnete sie für regelmäßige Theater- und Volkstanzdarbietungen in Ebsdorf verantwortlich und war bei zahlreichen festlichen Veranstaltungen mit mundartlichen Gedichtvorträgen und Spinnstubendarstellungen in der Umgebung zu Gast. Noch heute steht in vielen Ebsdorfer Bücherregalen eine in der „Elwert´schen Verlagsanstalt“erschienene Ausgabe der „Hesse-Späߓ … Über dieses kulturelle Engagement hinaus wurde ihr eine vorbildliche liberale Einstellung nachgesagt. Beispielhaft hierfür … ist auch der Kontakt, den sie über Jahre zu der in den Sommermonaten in Ebsdorf lagernden Sinti- und Romasippe aufrechterhielt. … Martha Frohwein-Büchners Engagement und Gesinnung müssen wohl auch über die Dorfgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt haben, immerhin wurde ihr die Kandidatur zum Hessischen Landtag auf der Liste der Stresemann´schen Liberalen angetragen, deren Parteibuch sie auch besaß. Mit Rücksicht auf den Familienfrieden lehnte sie jedoch dankend ab. Carl Frohwein übrigens war eingeschriebenes Mitglied der Hugenberg´schen Deutschnationalen Volkspartei.

Die Einsicht, dass die Erinnerung an eine solche außergewöhnliche Frau nicht einschlafen dürfe, führte im Jahr 2001 auf Initiative des Verfassers zur Umbenennung der Grünfläche … zwischen Bortshäuser Straße und Waldweg in „Frohwein-Büchner-Platz“.

Der ältere Sohn Friedrich wurde Jurist und war zuletzt Landgerichtsrat in Marburg, der jüngere Sohn Ernst-Armin wurde Arzt und übernahm zunächst 1936 die Praxis des Vaters. Bald darauf verließ er Ebsdorf nach Dresden, 1938 wurde das Ebsdorfer Haus an die Nachfolgerin Augusta Weber geb. Löber übergeben.

Marthas Bruder Alexander, (*1868 in Zwingenberg, + 1935 in Gießen) war auch Arzt geworden; er lebte fast nebenan im „Schottener Doktorhaus“, das er 1902 – 1904 nach den Plänen des Ebsdorfer Hauses errichten ließ.

 

 

Wilhelm Büchner und die „Seeschlacht zu Pferde”

 

Postkarte zur Erinnerung an das große Ereignis
(gefunden bei http://www.mein-wilster.de/Postkarten/Schleswig-Holstein%20Erhebung%201848/)

 

Im gerade beendeten Herbsturlaub in Norddeutschland konnte ich einer Büchner-Anekdote nachgehen, die Alexander in seiner biographischen Skizze „Der Dumme Bub – Mein Bruder Wilhelm“ so schildert:

Nun war es endlich für Wilhelm Zeit, auch an seine persönliche Bequemlichkeit zu denken, nachdem er, wie er sagte, jahrelang in dem Dunst & Russ seiner Schornsteine und seiner Öfen herumgekrochen war. Er schuf sein ausgedehntes Gelände, insoweit es nicht von der Fabrik beansprucht wurde, zu einem reizenden Park um & erbaute in dessen Mitte ein mit allem erdenklichen Comfort ausgestattetes grosses Wohnhaus oder – wie die Franzosen sagen würden, Château, dessen Veranda eine prachtvolle Aussicht auf die gegenüberliegende Bergstrasse, den Frankenstein und den Melibokus bietet. Der „dumme Bub“ erwies sich hiermit auch als kunstgerechter Baumeister freilich ohne eine polytechnische Schule besucht zu haben. Als sich später sein einziger Sohn verheiratete, schuf der Vater auch eine geschmackvolle Villa für das junge Ehepaar. Vor den Gebäuden erhoben sich zwei gewaltige Flaggenstangen, die eine mit den hessischen Farben, weiss & rot die andere für das Deutsche schwarz-rot-gold welches seither durch schwarz-weiß-rot ersetzt worden ist. Unter allen feierlichen Gelegenheiten wurden diese Fahnen aufgezogen, wie z. B. am Tage, an welchem die Nachricht von dem Seesiege bei Eckernförde eintraf.

(Alexander Büchner: Mein Bruder Wilhelm „Der dumme Bub“. Nach dem handschriftlichen Original im „Depositum Wilhelm Büchner“ herausgegeben und transkribiert von Peter Brunner. Mai 2010. Herausgegeben vom Magistrat der Stadt Pfungstadt.)

 Wie so oft ist Alexander Büchner auch hier mindestens unpräzise: der Zusammenhang mit dem Bau der beiden Villen besteht überhaupt nur insofern, als es wohl schon 1849 vor der Blaufabrik, also bei der Frankensteiner Mühle, dem „Herrenhaus“, Fahnenmasten gab. Die Villa Büchner wurde ja erst 1864, das „Schweizerhaus“ ca. 1875 errichtet.

 

Die „Seeschlacht zu Pferde“ am 5. April 1849, einem Gründonnerstag, war eine Episode im Schleswig-Holsteinischen Krieg.

Dänischer Marine, die einen Angriff von See auf Eckernförde plante, stand eine deutsche Truppe zu Land gegenüber. Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha als Kommandeur befehligte u.a. nassauische Artillerie unter dem Hauptmann Julius Jungmann. Während sich die dänische Marine in der Bucht sammelte, gelang dem Kanonier Ludwig Theodor Preußer die artilleristische Meisterleitung, seine sechspfündige Kanone so auszurichten, dass sie eine Ankertrosse zwischen den beiden Segelschiffen „Christian VIII“ und „Gefion“ zerschoss. Manövrierunfähig trieben die Schiffe auf den Beschuss der Batterie zu. Die „Christian VIII“ geriet in Brand und sank, die „Gefion“ wurde erobert und später als „Eckernförde“ in den Dienst der neuen Marine des Deutschen Bundes gestellt.

 

 Das Denkmal zur Erinnerung an die „Seeschlacht zu Pferde“ in der Eckernförder Bucht.

Dieser strategisch völlig unbedeutende Sieg wurde in Deutschland überall als Signal für die Verteidigungskraft eines geeinten Deutschlands interpretiert und gefeiert, in Pfungstadt eben durch das Hissen der beiden Flaggen vor der Blaufabrik. Die provisorische Schleswig-Holsteinische Regierung trat dem deutschen Verfassungsgebiet bei und ernannte ihren Präsidenten Wilhelm Beseler zum Statthalter der provisorischen Reichsregierung in Frankfurt. Im Juli 1849 trat dann Preußen über einen Sonderfrieden aus dem Krieg mit Dänemark aus, die Schleswig-Holsteiner blieben sich alleine überlassen. Im „Londoner Protokoll“ vom 8. Mai 1852 wurde der Fortbestand der dänischen Herrschaft über die Herzogtümer garantiert. Unterzeichner waren Großbritannien, Frankreich, Russland, Preußen und Österreich.

 

Dankenswerterweise hat die Deutsche Marine mir für das Foto eines ihrer größten Schiffe,
die A 1411 „Berlin“, einen „Einsatzgruppenversorger“, vor Kimme und Korn der Denkmalkanone geschickt.

 Mit dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864, dem sogenannten ersten deutschen Einigungskrieg, wurde die schleswig-holsteinische Frage erneut Gegenstand kriegerischer Auseinandersetzung mit der Folge, dass Dänemark die Herrschaft zugunsten Preußens und Österreichs verlor. Im zweiten deutschen Einheitskrieg nahm Preußen dann Österreich 1866/67 Holstein ab und besiegelte diesen Schritt mit der Gründung Schleswig-Holsteins im Jahr 1867.

Ohne Frage haben Wilhelm Büchner und seine Geschwister diese bedeutenden Ereignisse der deutschen Einigungsgeschichte mit großer Aufmerksamkeit und stets auf der Seite der deutschen Einheit verfolgt.

 Luise Büchner schreibt in „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870. Zwanzig Vorträge, gehalten in dem Alice-Lyceum zu Darmstadt.“ (1875 bei Thomas in Leipzig erschienen):

 

 

 

 

 

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