Neues aus Buechnerland

Peter Brunners Buechnerblog

Seite 80 von 95

Kraft und Stoff essen und trinken – der Monat Juli

Ich habe letzten Monat versprochen, einmal im Monat aus dem wunderbaren Kochbuch „Kraft und Stoff“ der Charlotte Böttcher (aus meiner, der sechsten, Ausgabe von 1882, die ich natürlich nur deshalb besitze, weil sie unglaublicherweise den gleichen Titel trägt wie Ludwigs Jahrhundertwerk) die Einkaufs- und Kochhinweise zu veröffentlichen. Dafür bin ich gelobt und gerügt worden.

 

 

Lob gab es für die Bandbreite dieser „Büchner Seiten“, Rügen für die kaum lesbaren Reproduktionen. Daher folgt der Text hier jetzt aus der Frakturschrift transkribiert und damit hoffentlich leichter les- und nutzbar. Die Gelegenheit der Transkriptionen und die weitere Einübung meiner Diktiersoftware führt dazu, dass ich hier und heute auch die beiden Einleitungstexte zu den Kapiteln „Speisezettel für alle Tage in Jahre“ und „Was bringt jeder Monat auf den Markt“ veröffentliche. Ich habe übrigens keinen Zweifel, dass diese Texte auch dazu dienen können, unsere Vorstellung vom täglichen Leben der Büchners zu präzisieren. Charlotte Böttchers „Zielgruppe“ waren ganz sicher die bürgerlichen Haushalte, wie sie Ludwig Büchners Frau Caroline Georgine Sophie in der Darmstädter Grafenstraße und Wilhelm Büchners Frau Elisabeth in seiner Pfungstädter Villa führten. In der Gaststube der Pfungstädter Villa hängen zwei Fotos, die uns die Zeit der Jahrhundertwende, als die Geschwister schon gestorben waren, dennoch nahe bringen: zwei Dienstmädchen in ihrer Pause auf einer Bank im Park und Mary Büchner, wie sie zusammen mit zwei Dienstboten zusammen im Garten Spargel schält.

 

 

Mary Büchner, Wilhelm Büchners Schwiegertochter,  beim Spargelschälen mit Personal im Park der Villa Büchner (Südseite, vor dem Wintergarten, da, wo heute der Kaffegarten eingerichtet ist). Foto ihres Sohnes Ernst Büchner. 1915.

 

 

Ich wünsche einen wunderbaren neuen Monat und

 

guten Appetit!

 

Speisezettel für alle Tage im Jahre.

 Der nachstehende Speisezettel für alle Tage im Jahre soll nur ein schneller Ratgeber sein, wenn, wie es doch oftmals in jedem Haus Stande vorkommt, die Hausfrau sich fragen muss, ja was essen wir den heute oder morgen? Eine Antwort auf diese Frage findet man hier für den größten wie kleinsten Hausstand. Man hat nicht nötig, jeden Tag speziell so einzurichten, wie er verzeichnet sind, nein, man nimmt sich den betreffenden Monat her und sucht nun dort nach. Passt das eine Gericht nicht, so passt das Andere des nächstfolgenden Tages vielleicht usw. Man binde sich auch ja nicht an die oft zu ausgedehnten Speisezettel, sondern es werde davon fortgelassen, was zu hohe Ausgaben erfordert. Dieser Speisezettel zählt aber in jedem Monat diejenigen Fische, Gemüse etc. auf, die der Markt bringt.

 

  1. Suppe mit Gries. Puffbohnen mit Bratwurst.

  1. Grimpelsuppe. Taubenfricassee.

  2. Krebssuppe mit Blumenkohl und Semmelklösschen. Grüne Erbsen mit Fleischfüllsel. Entenbraten mit Blumenkohlsalat.

  3. Suppe mit Semmel und zerfahrenem Ei. Puffbohnen mit Schweinskoteletts.

  4. Fadennudelsuppe. Kohlrabi mit Schöppsenfleisch.

  5. Kerbelsuppe. Zuckerschoten mit Bratwurst

  6. Suppe mit Sago und Eiergelee. Blumenkohl mit gebackenen Hühnern. Rindeschmorbraten mit Grießklößen.

  7. Hafergrützsuppe. Puffbohnen mit Schinken.

  8. Heidelbeerensuppe mit gerösteten Semmelschnitten. Grüne Erbsen mit Omelett.

  9. Suppe mit Klösschen und Blumenkohl. Schleien mit Buttersauce. Gänsebraten mit Preiselbeeren.

  10. Reissuppe. Rindfleisch mit Senf und Kohlrabi.

  11. Suppe mit eingesetztem Ei und Schwarzbrot. Puffbohnen mit frischem oder gesalzenem Schweinefleisch.

  12. Milchsuppe mit Mandelklösschen. Grüne Erbsen mit Kalbskoteletts.

  13. Suppe mit Wurzelkräutern und Weißbrot. Blumenkohl mit jungen Hühnern, Klösschen, Erbsen, Karotten und Krebsschwänzchen.

  14. Bierkaltschale mit kleinen Rosinen. Grüne Bohnen mit neuem Hering und Spiegeleiern mit Cervelatwurst.

  15. Wassersuppe mit Petersilie und Kerbel. Puffbohnen mit Bratwurst.

  16. Suppe mit Sago und Blumenkohl. Wirsing mit gebratenen Hühnern. Rindsfiletbraten mit Apfelkompott.

  17. Graupensuppe. Grüne Erbsen mit kaltem Rindspökelfleisch.

  18. Suppe mit Kräutern und gerösteten Semmel. Rindfleisch mit Blumenkohl und Kohlrabi.

  19. Reissuppe mit abquirltem Ei. Puffbohnen mit Schweinskarbonade oder gebratene Schweinsschulter.

  20. Suppe mit Sago. Gefüllter Wirsing mit Rindspökelfleisch. Kalbnierenbraten mit Blumenkohlsalat.

  21. Grießsuppe. Grüne Erbsen mit Klösschen und Bratwurst.

  22. Heidelbeersuppe mit geröstetem Weißbrot. Fricassee vom Wildbret.

  23. Krebssuppe mit Reis und Blumenkohl. Kohlrabi mit Schöpsenkarbonade. Gänsebraten mit Bohnensalat.

  24. Suppe von frischen Kirschen mit gerösteten Semmelschnitten. Möhren mit frischem Schweinefleisch.

  25. Sagosuppe mit Eiergelee. Rindfleisch mit Champignons.

  26. Braune Suppe. Gänseklein mit neuen Kartoffeln.

  27. Suppe mit Kräutern und Wurzeln und Klösschen. Grüne Bohnen mit Hering. Gebratene Hühner mit geschmorten Kirschen.

  28. Bierkaltschale mit kleinen Rosinen. Grüne Erbsen mit gebackenen Fleischklösschen.

  29. Wassersuppe mit gerösteten Semmelwürfeln und Petersilie. Puffbohnen mit Bratwurst.

  30. Braune Fleischbrühsuppe mit Kalbsniere und Blumenkohl. Wirsing mit Fleischpastetchen. Gebackener Karpfen mit Salat.

 

 

Was bringt jeden Monat auf den Markt?

 

Es hat etwas außerordentlich die Tischfreuden erhöhendes, wenn in dem Aufgetragenen Mannigfaltigkeit der Gaben aus allen den Naturreichen herrscht. Aus diesem Grunde des Ergötzens an Abwechslung wird es zur wichtigen Bedingung, dass nicht immer die nämlichen Speisen in zu kurzen Zwischenräumen wiederkehren, wenigstens nicht ohne veränderte Zubereitung an einem der folgenden Tage und mit neuen Beigaben aufgeschmückt. Eine zu baldige Folge irgend ein und desselben Gerichts kann überhaupt nur dann gerechtfertigt erscheinen, wenn es irgendein Gegenstand für die Kochkunst ist, mit welchem die Jahreszeit rasch vorüber geht. Abwechslung bei dem, dass die Küche auf den Tisch schickt, ist schon darum eine der größten Bedingungen, weil die Appetilichkeit zumeist darin beruht.

 

Eine vorzüglich zubereitete und dem Benutzer angenehme Speise, immer wieder oder doch wenigstens zu häufig auf den Tisch zu bringen, würde in zunehmender Steigerung den Widerwillen der Speisenden daran erwecken. Nur wenn wir etwas uns wahrhaft Anmutendes essen, vergnügen sich zuerst daran die Sinne, von welchen namentlich der Geruchssinn nicht lange ein und dieselbe Speise erträgt. Endlich aber wird stets und immer nur dasjenige der Gesundheit förderlich sein, was gerne mit hohem Behagen genossen wurde.

Es ist ein ganz besonders vornehmes Gesetz, mit den Jahreszeiten zu leben und womöglich nichts von den Reichtümern zu versäumen, die jeder Monat in seinem mehr oder minder wohl versehenen Füllhorn führt.

Außerdem haben diejenigen Produkte, welche jedesmaligen Jahreszeit mit sich bringen, ja schon von selbst den eminenten Reiz des Neuen, und indem dies nur ihr zugleich soviel Erfrischendes, Anmutendes, ja selbst Heilsames darbietet, lebt Derjenige, welcher mit der Jahreszeit lebt, nach dem Willen der Natur, nach dem schönen Gleichgewicht blühender Erhaltung, zu welchem abwechselnde Mannigfaltigkeit allein die Mittel geben.

Darum ist die Frage, welche wir voranstellten: „was bringt jeder Monat auf den Markt“ eine so wesentliche naturnotwendige, dass wir es unternehmen, die Erzeugnisse, welche alle zwölf Monate der Küche liefern, in systematischer Ordnung aufzureißen. Diese Ordnung in den nun angelegten Tabellen wird folgende sein: Kraut-und grüne Gemüse. – Wurzelarten. – Hülsenfrüchte. – Fruchtsorten. – (Da die Fleischarten der größeren Zucht-und Schlachttiere sich täglich ganz von selbst ergeben) Zahmes Geflügel. – Wild-Geflügel. – Wild. – Süßwasser-und See-Fische (einschließlich der Schaltiere oder auch Meerfrüchte genannt, wozu außer Krebs und Hummer, noch Muscheln und Austern gehören, welche Letztere in jedem Monate, dessen Namen ein „R“ führt, zu haben sind).

 

 

 

 

Monat Juli.

 

Kraut und grüne Gemüse.

Petersilie. Sauerampfer. Spinat. Frische Schnittbohnen. Türkische Erbsen. Blumenkohl. Savoyer Kohl. Kopfsalat.

 

Wurzelarten.

Neue Kartoffeln (billig). Junge Wurzeln. Mai Rüben. Karotten. Frische Gurken. Rettige. Frische Champignons (teuer)

 

Hülsenfrüchte.

Pahl-Erbsen. Zucker-Erbsen.

 

Fruchtsorten.

Erdbeeren. Stachelbeeren. Johannisbeeren. Himbeeren. Heidel-Bick-Beeren (anfänglich noch teuer). Kirschen (sehr billig). Eßbirnen. Aprikosen (noch teuer). Melonen. Zitronen (teuer).

 

Zahmes Geflügel.

Küken. Suppen-Hühner. Tauben. Enten. Junge Gänse (teuer). Poularden.

 

Wild.

Rehkeule. Rehrücken.

 

Süßwasser-und See Fische.

Schleie. Karpfen.Hecht. Frischer Aale.Geräucherte Aale.Lachsforelle. Elblachs.Seezungen. Südschollen. Große Schollen. Steinbutt. Elbbutt. Krebse. Hummer.

Alt Heidelberg, du Feine …

Zwei kleine Ausstellungen waren mir am 24. Juni Anlass genug für einen angenehmen Ausflug nach Heidelberg. Aus naheliegendem Interesse – Mädchenbildung ist ein zentrales Thema von Luise Büchner – habe ich gestern im kurpfälzischen Museum mal wieder in allerletzter Minute (die Ausstellung endet am 26. Juni) die kleine Kabinettausstellung über Caroline Rudolphi angesehen.

Das Museum schreibt dazu auf seiner Website:

„Kabinettausstellung
Caroline Rudolphi (1753 – 1811)
Eine Pionierin der Mädchenbildung in Heidelberg

 

 

Caroline Rudolphi, die Gründerin des ersten privaten Mädchenpensionates in Heidelberg, war eine anerkannte Pädagogin und Schriftstellerin ihrer Zeit. Ihre Forderung nach einer umfassenden Bildung für Mädchen stellte das damalige Erziehungsideal zwar nicht grundsätzlich in Frage, war um 1800 aber zweifellos eine Besonderheit. Caroline Rudolphi beanspruchte das Recht auf wissenschaftliche und künstlerische Bildung auch für Frauen und Mädchen. In diesem Sinne führten sie und ihre Nachfolgerinnen das Heidelberger Institut.

 

  Darüber hinaus war die Pädagogin als Dichterin hoch geschätzt und pflegte Kontakte zu berühmten Persönlichkeiten ihrer Zeit, wie z. Bsp. zu Klopstock und Goethe. Sie veröffentlichte im Laufe ihres Lebens mehrere Gedichtsammlungen und pädagogische Schriften. Die Einnahmen daraus trugen zum finanziellen Unterhalt des Instituts bei. … Zum 25. Jubiläum der Institution erhielten die Nachfolgerinnen von Caroline Rudolphi, Emilie Heins und Elise Bartholomay, eine Ehrenurkunde der Stadt. Über sie informiert ausführlicher das „Kunstwerk des Monats März 2011“.

 

Es ist bekanntlich sehr schwierig, mit den Materialien, die uns normalerweise aus der Zeit vor 1850 als Lebenszeugnisse zur Verfügung stehen, eine Präsentation zu konzipieren, die anschaulich und spannend erzählt. Tatsächlich gibt es von Karoline Rudolphi wohl nur ganz wenige authentische Dokumente, aber immerhin eigene Veröffentlichungen, wenige Dokumente sowie einige Berichte von Zeitzeugen. Damit ist es den Ausstellungsmacherinnen gelungen, mein Interesse an ihr zu wecken, und Gudrun Perreys Biographie „Das Leben der Caroline Rudolphi (1753-1811): Erzieherin – Schriftstellerin – Zeitgenossin“, 2010 bei Winter in Heidelberg unter der ISBN 978-3825357139 zum Preis von 28 € über diese interessante Frau erschienen, werde ich lesen.

 Die Autorin informiert auf Ihrer website ausführlich über Caroline Rudolphi.

Ich erinnerte mich in der Ausstellung übrigens an das Institut in Weinheim, wenige Kilometer entfernt, das 50 Jahre später Ernst Büchner besuchte: das Bender´sche Institut, gegründet 1829, über das ich hier bereits kurz berichtete.

 

Nur ein paar Schritte weiter entlang der quirligen Hauptstraße steht auf der linken Seite die große Heiliggeistkirche, auf deren Emporen die Bände der „Palatina“ bis zur Eroberung Heidelbergs durch die Katholische Liga 1622 untergebracht war. Ihr Raub und der anschließende Transport auf Mauleseln über die Alpen gehören zu den unvergessenen Geschichten unter dem Motto „habent sua fata libelli“ (Bücher haben ihre Schicksale).

An diesem historischen Platz steht nun anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten der Heidelberger Universität eine Ausstellung zu Leben und Werk von Heinrich von Kleist, der in diesem Jahr seinen 200. Todestag hat. Auch diese Präsentation ist naturgemäß höchst textlastig, die schätzungsweise zwanzig Banner liefern eine knappe, aber aufschlussreiche Biografie des Autors, in den dabei gestellten Vitrinen liegen Faksimiles von Dokumenten, Erstausgaben und weitere Editionen Kleist´scher Texte. Während sich die Textbanner immerhin entspannt lesen lassen (die typografische Gestaltung ist sehr ordentlich) wirken die Werke in den Vitrinen ein bisschen wie „hineingeworfen“ – das hätte man publikumsfreundlicher und besser kommentiert präsentieren können.

 

Die halbe Stunde, die ich auf der Empore verbrachte, hat mich Kleist nicht näher gebracht (ist mir schon lange nahe), aber, da sie schlecht besucht war und ich eine ganze Weile ganz alleine dort oben stehen konnte, habe ich die Atmosphäre dieser schönen Kirche viel besser genießen können, als das unten im Kirchenschiff möglich gewesen wäre. So habe ich Heinrich von Kleist jetzt auch noch das zu verdanken.

 

 

 

 

 

1. Hauptversammlung der Luise Büchner-Gesellschaft

Am 20. Juni tagte die Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft zur ersten Jahreshauptversammlung im Darmstädter Literaturhaus.

 Der Vorstandstisch

von links hinten nach rechts: I. Kuchemüller, A. Schmidt, H. Dieckmann, P. Brunner
(H. Hildebrandt konnte leider nicht teilnehmen)

Naturgemäß gab es über das Gründungsjahr 2010 wenig zu berichten – die eigentliche Vereinsgründung mit der Anerkennung der vorläufigen Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt erfolgte erst im November. Agnes Schmidt als Vorsitzende berichtete daher zu diesem Thema nur kurz, erwähnte aber die hervorragende Unterstützung durch HR 2 mit der Benefizlesung für die Luise Büchner-Bibliothek von Nina Petri.

Auch der Bericht der Kassenprüfer blieb bei einstelligen Kontobewegungen knapp und  führte zur Beantragung der Entlastung des Vorstandes, welche bei Enthaltung des Vorstandes selbst einstimmig erfolgte.

Mit großer Zustimmung wurde dann der Ausblick auf die Veranstaltungen 2011, der für das erste Halbjahr 2011 schon wieder ein Rückblick war, aufgenommen. Viele der Anwesenden hatten einige unserer Veranstaltungen besucht und ermutigten den Vorstand, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Hier findet sich auf den Seiten der Luise Büchner-Bibliothek unter „Aktuelles” das Programm für die zweite Jahreshälfte.

Die beiden großen Jubiläen Georg Büchners, sein 175. Todestag 2012 und sein 200. Geburtstag 2013, werfen mittlerweile erhebliche Schatten voraus. Peter Brunner berichtete von den Treffen im hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, an denen zahlreiche Akteure des kulturellen Lebens in Hessen – Universitäten, Akademien, Theater, Literaturinitiativen und so weiter – teilnehmen. Eine „Machbarkeitsstudie” ist in Arbeit. Voraussichtlich nach den Sommerferien 2011 werden die wesentlichen Veranstaltungspläne – natürlich auch hier – bekannt gegeben werden können.

Agnes Schmidt hatte Sigrid Schütrump, die schon zahlreiche Aktivitäten des Vereines mit ihrer Vortragskunst unterstützt hat, gebeten, Luise Büchners als Fragment veröffentlichten Text „Ein Wort an die Väter” vorzulesen. Der Text beginnt so:

„Es werden über die Erziehung des Mädchens seit Jahren so viele Bücher geschrieben, so viele Worte an die Mütter gerichtet; es gibt kaum eine Form, unter der man ihnen nicht die große, herrliche Aufgabe, die ihnen gestellt ist, ans Herz gelegt und für deren Erfüllung Tausende der weitesten Ratschläge erteilt hat. … Ist denn aber dafür die Tochter auch ausschließlich und allein auf die Mutter angewiesen?”

(Luise Büchner: Die Frau. Hinterlassene Aufsätze. Halle.Gesenius. 1878. S. 163-191)

S. Schütrump liest Luise Büchners „An die Väter”
(Die Fotoausstellung über junge Mütter mit ihren Kindern hing nur zufällig,
passte aber gut zu Luises Überlegungen zur Selbständigleit der Frau)

Mit guten Gesprächen bei einem Glas Wein  endete die Versammlung.

Luise Büchner (12. Juni 1821 – 28. November 1877)

Anlässlich Luise Büchners Geburtstag am 12. Juni habe ich einen Text gesucht, der ein bisschen über ihr Leben informiert, und in der Aufsatzsammlung „Die Frau“, die nach ihrem Tod (am 28. November 1877) 1878 bei Gesenius in Halle erschien, noch einmal die schönen Nachrufe als Vorwort gelesen.

 

 

Tielbild und Widmung an Alice Maud Mary „von Großbrittanien und Irland”,
der Tochter von Queen Victoria, in der posthum erschienenen Aufsatzsammlung

 

Vergessen hatte ich das ebenfalls dort abgedruckte, hier folgende Gedicht, das uns erneut illustriert, wie die Büchners aufeinander bezogen lebten und dachten. Wie schon Wilhelms Gedicht an Georgs Grab zeichnet sich auch dieses mehr durch Wollen als durch Können aus, aber Ludwig und Wilhelm wurden ja auch nicht als Dichter berühmt…

 

Ludwig und Wilhelm Büchner:

Der toten Schwester an ihrem Totenlager.

 

Seht sie liegen unter Blumenkränzen,

ganz bedeckt mit Blüten bis zum Haupt,

um die edle Stirne darf sich winden

wohl verdienter Lorbeer, dicht belaubt.

 

Seht die Wimpern, welche nun verschließen

jene Augen, seelenvoll und hell,

draus so oft uns mocht´ entgegenleuchten

ihres Feuergeistes frischer Quell.

 

Seht die Brauen fest und scharf geschnitten

auf der schönen Stirne voll und breit,

sie bezeugen jenen festen Willen,

der sie wirken ließ in Lust und Leid.

 

Seht die Lippen, welche stets nur taten

ihres Herzens wahre Meinung kund.

Wer sie kannte, konnte leicht erschauen

ihrer reinen Seele tiefsten Grund.

 

Wie dein Leben einst vor aller Augen

offen lag, so rein und fein von Schuld,

liegst du jetzt so da und das Gemeine

floh hinweg vor wahrer Liebe Huld.

 

Wie ein Märchen, dass du selbst gedichtet,

so umschließt dich heut der Freundschaft Band;

wie ein Märchen ward´st du heut gebettet

von der Liebe und Verehrung Hand.

 

Lange werden deiner noch gedenken

Alle, die dich kannten treu und wahr,

auferstehen wirst Du im Gedächtnis

deiner Freunde von der Totenbahr.

 

Wenn es wahr ist, was die Weisen sagen:

„ihre Werke folgen ihnen nach“,

wird man auch von dir, du Gute, reden

und erzählen manchen künft´gen Tag.

 

Weiter leben wird, was Du geschaffen,

fortgepflegt von edler Frauen Hand,

wenn in Staub und Moder längst zerfallen,

was dich hier an diese Erde band.

 

W. & L. B.

 

 

(Die Frau. Hinterlassenen Aufsätze, Abhandlungen und Berichte zur Frauenfrage von Luise Büchner, Vize-Präsidentin des Alice-Vereins für Frauen-Bildung und Erwerb, Verfasserin von „Die Frauen und ihr Beruf“ etc. etc. Halle. Hermann Gesenius. 1878. S. 33/34)

Pfingsten 1849 an der Bergstraße -Allons enfants de la patrie!

Den berühmten „Pfingstausflug“ Alexander Bühners habe ich hier ja schon einmal erwähnt. In seiner ersten Buchveröffentlichung („Gedichte”, Kuhl, Butzbach, 1851) sind dazu die folgenden beiden Gedichte abgedruckt. Ganz anders als in der abgeklärten Rückschau seiner Autobiographie „Das tolle Jahr – Von einem, der nicht mehr toll ist” klingt hier noch die Empathie des jugendlichen Revoutionäres duch jeden Vers. Am 24. Mai 1849 fand im Rahmen der „Reichsverfassungskampagne”  das „Ober Laudenbacher Gefecht” bei Heppenheim statt, und mitten in diesen revolutionären Kriegstrubel hat sich Alexander zusammen mit seiner Schwester Matilde, wohl auch noch mit weiteren Familienmitgliedern, an Pfingsten (27./28. Mai 1849) begeben. Er wird verhaftet, weil man ihn für den Attentäter des erschossenen hessischen Provinzialkommissär Prinz hält und bewacht nach Darmstadt geführt, wo sich das Missverständnis aufklärt – es erging ihm sehr viel besser als mindestens 15 Teilnehmern des Aufstandes, die nach ihrer Verhaftung erst im August 1851 zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

 

Alexander Büchner:

Pfingstreminiszenzen

 

1849.

 

1.

 

Die schönste Mainacht lau und mild

Liegt träumend über den Gefild,

Und auf die Höhlen und ins Tal

Gießt sich des Mondes Silberstrahl.

 

 

Wachtfeuer lodern hin in Reihn

Am Waldessaum mit düstrem Schein,

Soldaten liegen in tiefer Ruh,

Die Schildwacht schreitet ab und zu.

 

 

Dort naht ein Zug, der Hahn ist auf,

Das Bajonett gepflanzt am Lauf,

So geht es hin, mit raschem Tritt:

Der Zug führt zwei Gefangne mit.

 

 

Zwei Männer, die den Waffentot

Verlachen, der sie oft bedroht,

Und Arm in Arm und fest und kühn

Mit ihren Wächtern weiter ziehn.

 

 

Und durch der Waffen rauhen Klang

Tönt laut und lauter ihr Gesang:

Wer kennt sie nicht, die Melodie?

Allons enfants de la patrie!

 

 

 

2.

 

 

Ich weiß ´ne Stunde, da beim Wein

Ich auf dem Stroh gesessen hab´,

In einer Zelle eng und klein

Und leer und dumpfig, wie das Grab.

 

 

Und neben mir ein andrer saß,

wir wusste manchen lust´gen Sang,

Dieweil das kühle, goldne Naß

Erfrischte seiner Stimme Klang.

 

 

Vor´m Fenster und der Türe stand

Gewehr im Arm der Waechter Schaar

Und staunte, dass in ihrer Hand

Jemand noch froh und lustig war.

 

 

Dir schenk´ ich, armer Söldner, ein,

Wie bist du durstig, müd, verbleicht,

Dort sitzt der Führer Schaar beim Wein,

Die niemals dir ein Glas gereicht!

 

 

Für deiner Herren Übermuth,

Wächst dort die Rebe, reift die Saat,

Du düngst vielleicht mit deinem Blut,

Was niemals dein gehöret hat.

 

 

Die eigne Freiheit sperrst Du ein

Im Kerker, den ihr eng bewacht:

Trink, armer Söldner, trink den Wein,

Den der Gefangne dir gebracht!

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »