Neues aus Buechnerland

Peter Brunners Buechnerblog

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Büchner200 in Darmstadt

Nachdem ich ja schon Berichte von Veranstaltungen hier veröffentlicht habe, jetzt endlich für diejenigen, die bisher noch nicht nach Darmstadt kommen konnten, wenigstens ein paar Bilder – ein Ausflug lohnt sich!

Ausführliche Informationen über Träger, Unterstützer, Intention und Programm ständig aktuell unter www.Buechner200.de 

 

Der Darmstädter Bahnhof und sein Vorplatz stehen im Sommer 2013 ganz im Zeichen Georg Büchners.

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Die Überschrift über dem Bahnhofs-Hauptportal 

 

BüchnerBox

Die BüchnerBox ist eine Weiterentwicklung des 2012 unter Leitung von Prof. Kerstin Schultz (liquid architekten) vom Fachbereich Architektur für das Festival Cage100 entworfenen Performance-Hauses StageCage, das gerade den Art Directors Club Nachwuchswettbewerb in der Kategorie „Räumliche Inszenierung“ gewonnen hat. Waren im vergangenen Jahr Akustik und Musik maßgebend für das gestalterische Konzept, steht in diesem Jahr alles im Zeichen der Literatur: Raumhohe Bücherregale zieren die Wände, Textzitate Büchners strukturieren den Ort und laden zur Spurensuche, zum Stöbern und Lesen in Büchners Werk und in Kontextliteratur sowie zum Verweilen, Nachdenken, Diskutieren und Träumen ein.

 

Öffnungszeiten

Samstag, 29. Juni, bis Samstag, 31. August 2013
Montag bis Freitag zwischen 12 und 15 Uhr und zu Veranstaltungen

 

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Die Box auf dem Darmstädter Bahnhofsvorplatz

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Veranstaltungstrubel

 

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Die Regalseite mit Werken der BüchnerpreisträgerInnen und einer Tauschbörse

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Blick in die unbestuhlte Box (bei Veranstaltungen stehen ca. 60 Sitzplätze auf Holzbänken mit und ohne Rückenlehne zur Verfügung)

 

Die Box steckt voller wunderbarere Gestaltungsideen – von Sitzkissen mit Büchnerzitaten über eine Ausstellung „gebrauchter“ Büchner-Reclam-Texte, einer Hörstation als „Erbsentelefon“, der großen Marburger Werkausgabe mit Imaginationen der zahlreichen Werke, die Büchner zitierte, der Präsentation von typographischen und grafischen Werken, die in der Auseinandsersetzung mit Büchers Werk entstanden, über eine ganze Wand voller Werke der Büchnerpreisträger bis zu einer Büchertauschbörse bietet selbst die „unbespielte“ Box stundenlange Beschäftigung mit dem großen Autor und seinem Werk. Und selbst im Bücherregal ist noch ein typographisches Büchner-Rätsel versteckt!

Königreich Popo

Neben der BüchnerBox wird auch die Festival-Bar – das im vergangenen Jahr von der Centralstation entdeckte und liebevoll gehegte Kleinod mitten im Darmstädter Bahnhofsviertel – zu neuem Leben erweckt. Avancierte der Pavillon Cage&Cola damals in kürzester Zeit zum wahren Geheimtipp, macht sich in diesem Jahr das nach der Heimat des Prinzen Leonce aus dem Büchnerschen Lustspiel „Leonce und Lena“ benannte „Königreich Popo“ daran, ein ebenso attraktiver Ort für FeierabendKultur zu werden. Inspiriert durch die Texte und das Leben Georg Büchners in Zeiten des Um- und Aufbruchs entwickelten StudentInnen des Fachbereichs Gestaltung der Darmstädter Hochschule einen „wilden“ Garten. Die Bepflanzung gleicht einer Ansammlung von Büchner-Zitaten. Pflanzen- und Materialcollagen, entwickelt aus Naturbeschreibungen und Szenenangaben in Büchners Werken: „Stein und Moos“, „eine Gebirgslandschaft“, „ein Tanzboden“, „die Erbsen“, „ein Kornfeld“, „der wilde Wein“, „Rosenbusch und Feigenbaum“, „die Laternen“.

 

Öffnungszeiten

Samstag, 29. Juni, bis Samstag, 31. August 2013
Bei schönem Wetter: Montag bis Samstag ab 17 Uhr und zu Veranstaltungen in der BüchnerBox.

 

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Der Eingang zum Königreich Popo 

 

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Eine Installation zum „Sich-auf-den Kopf-schauen“

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Abendstimmung in Poponien

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Im großen Beet vor dem Bahnhof stecken keine botanischen Pflanzenbeschreibungen, sondern ausgewählte Büchner-Zitate. 

Buchmarkt

Nach ihrem Vortrag in der Büchnerbox. über den ich unten berichtete, hat mir Frau Martin gerade mitgeteilt, wo und wie ihr Aufsatz über die Lieder in Georg Büchners Werk erscheinen wird (und, um das dritte „W“ zu ergänzen, wann: „voraussichtlich September/Oktober 2013″) :

 

Ariane Martin / Bodo Morawe

Dichter der Immanenz

Vier Studien zu Georg Büchner
Bielefeld, Aisthesis, 2013,

ISBN 978-3-89528-950-7,

ca. 190 Seiten, kart. EUR 28,00

Inhalt:

  • Vorwort
  • Ariane Martin
    „Unzucht mit den Würmern“. Sexualität und Tod bei Georg Büchner
  • Bodo Morawe
    „Die Revolution ist eine und dieselbe“. Geschichtsschreibung der Gegenwart und hybride Poetik in Danton’s Tod 
  • Ariane Martin
    Geschlecht, Gewalt, soziale Frage. Die Volkslieder in Büchners Dramen
  • Bodo Morawe
    Philosophische Autopsie. Büchners Spinoza
  • Personenregister

 

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir das in Darmstadt vorstellen könnten.

Besser hangen in der Luft, als verfaulen in der Gruft

In der zweiten Szene von Büchners Danton heißt es:

 

Einige schleppen einen jungen Menschen herbei.

EINIGE STIMMEN. Er hat ein Schnupftuch! ein Aristokrat! an die Laterne! an die Laterne!

ZWEITER BÜRGER. Was? er schneuzt sich die Nase nicht mit den Fingern? An die Laterne!

Eine Laterne wird heruntergelassen.

JUNGER MENSCH. Ach, meine Herren!

ZWEITER BÜRGER. Es gibt hier keine Herren! An die Laterne!

EINIGE singen.

Die da liegen in der Erden,

Von de Würm gefresse werden;

Besser hangen in der Luft,

Als verfaulen in der Gruft!

JUNGER MENSCH. Erbarmen!

DRITTER BÜRGER. Nur ein Spielen mit einer Hanflocke um den Hals! ’s ist nur ein Augenblick, wir sind barmherziger als ihr. Unser Leben ist der Mord durch Arbeit; wir hängen sechzig Jahre lang am Strick und zapplen, aber wir werden uns losschneiden. – An die Laterne!

JUNGER MENSCH. Meinetwegen, ihr werdet deswegen nicht heller sehen.

DIE UMSTEHENDEN. Bravo! Bravo!

EINIGE STIMMEN. Laßt ihn laufen! Er entwischt.

Frau Prof. Dr. Ariane Martin aus Mainz war auf Einladung des Bessunger Buchladens in die Büchner-Box gekommen, um über Lieder in Büchners Werk anhand dieses Beispiels zu sprechen.

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Schlauerweise war dazu Petra Bassus mit Roland Erben eingeladen worden, um auch gleich hörbar zu machen, worum es ging. Hier ein winziger Film- und Ton-Schnipsel. 

Das „Schinderhanneslied“ hat Georg Bücher wohl von August Becker gehört, und der soll es noch von Teilnehmern an dem berühmten Postraub in der  Subach am 19. Mai 1822, Hans Jakob Geiz und seine Familie,  gehört haben. Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorf haben die Geschichte in den wunderbaren Film „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“ umgesetzt.

Frau Martin hat nicht nur anschaulich erläutert, welche Überlieferungsgeschichte dieses Lied hat, sondern auch gründlich gezeigt, wie Georg Büchner Lieder in seinem Werk einsetzt. Die „verschluckten Endungen“ bei „Würm“ und „gefresse“ sind gewollt; im Manuskript hat Büchner das zunächst hochdeutsch geschrieben und dann absichtlich verändert. Hier wird Dialekt gleichzeitig Soziolekt, also als Sprache einer Gesellschaftsschicht – es singt das Volk.

Dialekt im Werk Büchners weckt natürlich in Darmstadt den lokalpatriotischen Stolz auf „Schorsch“ Büchner.  Höchstwahrscheinlich haben die Büchners zuhause „dialektal gefärbt“ gesprochen, aber die Dialektfetzen in Büchners Werk, einige davon auch typisch oberhessisch, lassen eine sicheren Schluss auf seine eigene Sprache, die jedenfalls am Gymnasium sicher „elaboriert“ hochdeutsch sein musste, nicht zu.

Frau Dr. Martin kündigte eine Veröffentlichung zu Liedern in Georg Büchners Werk an (die es verblüffenderweise wohl noch nicht gibt?) – wir sind gespannt!

Am 21. Juli spricht sie im Goddelauer Büchnerhaus:

 

„Büchners Goethe"
Ariane Martin ist Professorin für neuere deutsche Literaturgeschichte 
an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit kulturwissenschaftlicher 
Ausrichtung und Forschungsschwerpunkten vom Sturm und Drang bis zur klassischen Moderne.
Referentin: Prof. Dr. Ariane Martin
Um 18:00 Uhr, Kunstgalerie am Büchnerhaus
€ 7,00 zugunsten des Büchnerhauses 
Info und Anmeldung unter: 06158 930 841 oder 842 
oder E-Mail: kultur@kein spamriedstadt.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Schüler Büchner

Gestern Abend in der BüchnerBox trug István Vincze bei einem „HörBar Spezial“ des Darmstädter Staatstheaters mit angemessener Emphase ein paar der frühen Texte Georg Büchners vor.

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Die „Schülerschriften“ sind ja komischerweise das umfangreichste Textkonvolut Büchners, der erhalten ist. Das erklärt sich aus der Überlieferungsgeschichte: als seine Geschwister Luise und Ludwig Büchner 1850 eine erste Werkausgabe ihres Bruders Georg veröffentlichten, sortierten sie die im Haus vorhandenen und die von Minna Jaeglè erhaltenen Materialien. Die, die sie verwerten wollten, verwahrten sie in einem Raum im Haus, die anderen wohl im Keller oder auf dem Dachboden. Die scheinbar „wertvolleren“ sind dann zu einem großen Teil bei einem Brand im Haus in der Darmstädter  Grafenstraße verloren gegangen. Viel später hat Georg Büchners Neffe, der Sohn Georg seines Bruders Ludwig, Material an Anton Kippenberg vom Insel-Verlag gegeben, der das wiederum nach Auswertung und Veröffentlichung durch Fritz Bergemann, der 1922 eine ziemlich gründliche Werkausgabe veröffentlichte, ans Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar gab. Dort liegen sie bis heute, und als die Luise-Büchner-Gesellschaft letztes Jahr kurz vor der Neueröffnung des Archives schon mal gucken durfte, sahen wir ein paar der schönen Handschriften. Georg Büchner hätte es der Forschung sehr viel leichter gemacht, wenn er seine späteren Texte auch nur halb so ordentlich geschrieben hätte wie diese …

 

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Einer der bekanntesten dieser Schülertexte,  „Rede zur Verteidigung des Kato von Utica“ ist Gegenstand in Luise Büchners Fragment „Ein Dichter“, wo nach dem Vortrag eine begeisterte Freundin zu Georgs Mutter sagt: „Sie sind eine glückliche, glückliche Mutter!“ und diese antwortet: „Glücklich ja, aber auch sorgenvoller als viele andere Mütter, der Feuerkopf wird uns noch viel zu schaffen machen!

 

 

 

Das fängt ja gut an – Büchner200 in Darmstadt am 29. 6. 2013

Meist nutze ich die „sozialen Netzweke“ im Zusammenhang mit den Geschwistern Büchner, um dort auf diesen Blog hinzuweisen.

Nach den Nutzerstatistiken bewährt sich das – die Zugriffe nach der Mitteilung, dass es hier Neuigkeiten gibt, steigen signifikant.

Heute nutze ich die Möglichkeit, eine größere Anzahl von Bildern online zu stellen, die mir Google bietet, und verlinke ausnahmsweise einmal von hier nach dort:

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Mit Mausklick auf das Bild kommen Sie zu einem kleinen Bilderalbum mit ersten Eindrücken vom Darmstädter Festival Büchner 200,
das am 29.6. mit einem Maskenzug vom Theater an den Bahnhof und einem anschließenden wunderbaren Fest eröffnet wurde.

 

 

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