Für die Volkshochschule Darmstadt-Dieburg biete ich in diesem Herbst einen Kurs über die berühmten südhessischen Geschwister an. Besonders schön finde ich dabei, dass das in den Räumen der Villa Büchner stattfinden kann, so dass sich die Teilnehmer/innen auch atmosphärisch am richtigen Ort fühlen können.
Ich freue mich über Ihre Anmeldung (begrenzte Teilnehmerzahl…) direkt bei der VHS;
Fragen dazu beantworte ich gerne (Post@EntwicklungUndKultur.De)
Die Büchners oder Der Wunsch, die Welt zu verändern“*)
Die Familie Büchner in Südhessen
Alle Büchner-Geschwister hatten eine aufklärerische Geisteshaltung, ihr großes gemeinsames Anliegen war die Veränderung der Gesellschaft, Gleichberechtigung ohne Ansehen von Geschlecht oder Herkunft, und ihr Weg dorthin war die Volksbildung. An sechs Abenden werden sie in passendem Ambiente auf kurzweilige Art vorgestellt.
Der große Georg
Von den sechs Kindern von Ernst und Caroline Büchner ist uns vor allem der Dichter Georg Büchner (1812 – 1837) bekannt. Die Überlieferung seines Werkes ist auch dem unermüdlichen Einsatz seiner Geschwister zu verdanken.
Arzt, Philosoph, Volksaufklärer – der Rangar Yogeshwar des 19. Jahrhunderts: Ludwig
Vor 100 Jahren aber war ein anderer Büchner weltberühmt: der Bruder Ludwig Büchner, 1848er“, Arzt, Philosoph, Publizist, Verfasser des ersten erfolgreichen Sachbuches in deutscher Sprache. Ludwig Büchner war der wichtigste Verbreiter der Thesen von Charles Darwin in Deutschland. In der Frühzeit der Deutschen Arbeiterbewegung war er 1866 Ehrenkorrespondent“ beim Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation in Genf.
Zwei Frauen im Umbruch des 19. Jahrhunderts: Luise und Mathilde.
Luise Büchner, der der Zugang zu höherer Schulbildung verwehrt wurde und die sich mit äußerster Kraft erarbeitete, was ihre Brüder lernen durften, veröffentlicht 1855 eines der ersten Sachbücher einer weiblichen Autorin in deutscher Sprache: sie fordert ein eigenes, weibliches Berufsleben und damit wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Mathilde Büchner schien bis vor kurzem ein vergleichsweise bescheidenes Leben gelebt zu haben, erst 2008 fand sich ein Bild von ihr. Inzwischen wissen wir, dass sie sich in Darmstadt auch aktiv an der öffentlichen Diskussion beteiligte, den Hausfrauenverein“, eine Art Konsumgesellschaft, hat sie mitgegründet.
Le pont sur le rhin: Alexander, Jurist und Sprachwissenschaftler
Der jüngste Bruder Alexander wurde Doktor beider Rechte“, erhielt Berufsverbot, machte eine zweite Karriere als Sprachwissenschaftler, wanderte nach Frankreich aus und erarbeitete wesentliche Grundlagen der vergleichenden Sprachwissenschaft. Wegen seiner Verdienste um die Kenntnis Deutscher und Franzosen voneinander nannte man ihn die Brücke über den Rhein“.
Unternehmer, Politiker, Erfinder: Wilhelm Büchner, der Blaufabrikant aus Pfungstadt.
Wilhelm Büchner scheiterte an der Schule, nach der sich seine Schwester Luise so sehnte, wurde Apotheker, studierte Chemie in Heidelberg und Gießen und erfand in seiner ersten kleinen Fabrik in Darmstadt eine Methode, künstlich blaue Farbe herzustellen (Ultramarin). Er wurde mit dieser Erfindung in Pfungstadt ein reicher und einflussreicher Unternehmer. Er war Gemeindevertreter und hat wesentlich zum Werden Pfungstadts beigetragen, im hessischen Landtag und im Berliner Reichstag arbeitete er als linksliberaler Abgeordneter. Seine Pfungstädter Villa Büchner“ ist eines der ganz wenigen erhaltenen baulichen Denkmäler der Familie Büchner.
*) Heiner Boehncke, Peter Brunner, Hans Sarkowicz: Die Büchners oder der Wunsch, die Welt zu verändern“. Societäts Verlag, Frankfurt am Main 2008. EAN 978-3-7973-1045-3. 168 Seiten, 24,90
Ludwig Büchner, der unermüdliche Volksaufklärer, hat sich häufig und deutlich zum Thema Naturheilkunde geäußert. Wir dürfen nicht vergessen, dass er seit 1855 ständig und regelmäßig als Arzt praktizierte, also sicher häufig Patientengespräche über moderne Heilmethoden geführt hat. Befreundete Ärzte haben mir versichert, dass die Verlockung scheinbar natürlicher Heilmethoden bis heute ungebrochen ist – vielleicht kann Ihnen ja Büchners Argumentation heute noch hilfreich sein.
In dem hier folgenden Gartenlaube-Aufsatz ist seine Haltung im letzten Lebensjahrzehnt gut zusammengefasst, in Erwägung der Ungeduld unserer Leser auch diesmal wieder deutlich gekürzt. Hier findet sich aber auch der vollständige Text.
Der Sinnspruch auf Ludwig Büchners Grab auf dem Darmstädter Alten Friedhof
Natur und Kunst beim Arzte.
Von Professor Dr. L. Büchner.
(Veröffentlicht in Die Gartenlaube 1893, S. 686/687)
Wenn es nach den Lobreden ginge, so müsste alles, was die medizinische Wissenschaft seit Jahrtausenden unter Mühen und Opfern aller Art zu Tage gebracht hat, gestrichen und die ganze Kunst des Heilens der Krankheiten von vorne an neu gelernt werden. … Was kann aber derjenige von der Natur wissen, der sie nicht gründlich studiert hat? … Die Naturheilkünstler hoffen alles von der Allmacht des kalten Wassers, weil sie dasselbe für ein Naturprodukt handeln, sie denken aber nicht daran, dass die Arzneien, welche sie mit so grimmigen Hass verfolgen, ebenfalls entweder selbst Naturprodukte oder aus solchen hergestellt sind.
Haben ja doch wir Menschen selbst uns nach und nach im Laufe langer Zeiten und zahlloser Geschlechter aus rohen, schmutzigen Wilden langsam und mühselig zu der Stufe des zivilisierten Menschen emporgearbeitet und sind auf diese Weise zu ganz anderen und anders gearteten Wesen geworden, als diejenigen waren, welche ursprünglich aus den Händen der Natur hervorgegangen sind! Daher haben wir auch unsere Lebensgewohnheiten und Lebensbedürfnisse ganz anders einzurichten als der rohe Naturmensch.
Wir sind nicht rückwärts, sondern vorwärts geschritten und müssen auf diesem Wege immer weiter schreiten, wenn wir nicht unserer eigentlichen Bestimmung auf Erden untreu werden wollen. Wenn daher die so genannte Naturheilkunde behauptet, dass sie den eigentlichen Fortschritt bedeute, während die wissenschaftliche Medizin konservativ und reaktionär sei, so liegt darin ebenso viele Falschheit wie ungerechtfertigte Überhebung. Ihre Anhänger berauben sich willkürlich und ohne jeden vernünftigen Grund einer großen Menge von erprobten Hilfsmitteln der medizinischen Kunst, während sie selbst mit der Dürftigkeit und Einförmigkeit ihres Heilapparates in den Augen des gebildeten Arztes ein therapeutisches Jammerbild darbietet.
Der traditionelle Arzt sucht die Natur nicht zu übermeistern oder zu zwingen, weil er weiß, dass sie sich nicht zwingen lässt, sondern er sucht sie einfach in ihren Heilbestrebungen zu stützen, zu lenken und zu leiten oder da, wo er dieses nicht vermag, den Kranken sein Leiden möglichst zu erleichtern. Ein wirklicher Gegensatz zwischen Naturarzt und Berufsarzt, oder, um es ganz allgemein auszudrücken, zwischen Natur und Kunst in ärztlicher Beziehung besteht daher gar nicht. Jeder Berufsarzt ist zugleich Naturarzt, und jeder Naturarzt sollte zugleich wissenschaftlich gebildeter Berufsarzt sein. Wer einem wissenschaftlich nicht gebildeten Laien oder Pfuscher, wie es deren leider jetzt so viele gibt, das kostbare Gut seiner Gesundheit anvertraut, wird es in der Regel nur zu seinem eigenen Schaden tun. Und wer mit nackten Füßen im nassen Gras oder in Schnee und Eis umherläuft, wird von Glück sagen können, wenn er ohne Erkältung oder sonstigen Schaden davonkommt. Die Natur hat die Tiere mit Pelz und Federn versehen, um sie gegen die Unbilden des Klimas und der Witterung zu schützen. Dem Menschen hat sie seinen Verstand gegeben, welcher ihn lehrt, Nützliches und Schädliches zu unterscheiden und mithilfe der Kunst in Klimaten und unter Verhältnissen auszudauern, welche ihm sonst durch die Ungunst der Natur verschlossen bleiben müssten. Wer sich nicht fügen und lieber wie ein Wilder leben will, begebe sich nach jenen tropischen Gegenden, in denen einstmals die Wiege des Menschengeschlechts gestanden haben mag, und lasse dort seinen natürlichen oder urgeschichtlichen Neigungen die Zügel schießen. Ob er sich dabei glücklicher oder wohler fühlen wird als im Schoße der Zivilisation und künstlich geregelter Lebensumstände, mag er an sich selbst erfahren!
In seinem verdienstvollen Facebook-Service Der Beobachter macht Herwig Bitsche von Wittwer in Stuttgart darauf aufmerksam, dass sich am 21. Juli Robert Burns´ Todestag zum 215. Mal jährt. Der große Schotte, den sich nicht nur viele bedeutende englische Autoren, sondern zum Beispiel auch unser Ferdinand Freiligrath zum Vorbild nahmen, wird gleich an zwei Stellen bei den Büchners erwähnt.
Alexander Büchner hat nach seinem kleinen Gedichtband 1850 in dem Jahr der großen Büchner-Veröffentlichungen 1855 (auch Ludwigs Kraft und Stoff und Luises Die Frauen und ihr Beruf erschienen in diesem Jahr) seine erste sprachwissenschaftliche Veröffentlichung vorgelegt: die Geschichte der englischen Poesie. Von der Mitte des vierzehnten bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Zwei Teile. Darmstadt, 1855, Verlag von Johann Philipp Diehl. Dieses umfangreiche Werk, von dem er in seiner Autobiografie Das tolle Jahr so lakonisch schreibt, dass man fast glauben kann, dass das Buch nur erschienen ist, weil ihm der Darmstädter Buchhändler Diehl ein kleines Einkommen ermöglichen wollte, ist, soviel ich weiß, nie wieder neu aufgelegt worden. Das Erscheinungsjahr 1858 jedenfalls, das die British Library für ihr einziges Exemplar nennt, ist wohl ein Erfassungsfehler.
Auf Seite 189 des zweiten Bandes schreibt er:
Ein durchaus originelles und vereinzelt stehendes Talent ist Robert Burns. Im Jahr 1759 in Alloway bei Ayr in Schottland als der Sohn eines unbemittelten Pächters geboren, erhielt er eine nur sehr dürftige Erziehung, war jedoch durch den Besitz von Pope´s Werken, des Spektator und einer altenglischen Liedersammlung in den Stand gesetzt, seiner früh erwachten, politische Neigung Nahrung und Bildung zu geben. Seine Jugend verfloß unter den drückenden Arbeiten des Landbaus, inmitten deren er seine ersten Lieder dichtete, welche sich schnell in dem kleinen Lebenskreise, in dem er sich bewegte, verbreiteten. Entschlossen, nach Westindien auszuwandern, wollte er vorher noch seine Dichtungen veröffentlichen, allein der große Erfolg, welchen diese Veröffentlichung fand, 1786, hielt ihn zurück und führte ihn nach Edinburgh, wo er einige Zeit lang der Held des Tages war und, wie von den literarischen Größen, so von den Leithämmeln der schönen und eleganten Welt aufs höchste gefeiert wurde. Freilich lag dieser Feier weniger Einverständnis seiner tiefen und sinnigen Naturdichtung unter, als ein vorübergehender Geschmack an der außerordentlichen Neuheit eines dichterisch begabten Bauern, und diese Neuheit erschöpfte sich binnen Jahresfrist. Er wurde, sagt Allan Cunningham, in seiner Geschichte der brittischen Litteratur in den letzten 50 Jahren, gelobt, geliebkost und gefeiert, bis der Geschmack für Ländliches abgestumpft war und man etwas Neues zu sehen wünschte; Lords und Ladies hörten auf ihn einzuladen, und, wenn sie ihm zufällig begegneten, grüßten sie kaum oder gingen mit abgewandtem Gesicht vorüber.
Die gerechten Hoffnungen, welche man ihm auf eine anständige Versorgung durch den Staat gemacht, erfüllten sich nicht, und so kehrte er enttäuscht nach Haus zurück, um eine Pachtung anzutreten. Da es jedoch mit derselben nicht vorangehen wollte, so trat er in Dumfries einen kleinen Posten als Steuerbeamter an, welchen ihm Freunde ausgemacht hatten. Allein zum Teil seine freisinnige politische, mit der französischen Revolution sympathisirende Tendenz, zum Teil aber auch ein gewisser, ihm von jeher eigner Hang zu Zerstreuungen und Ausschweifungen, welche ihn, wie zum Bauern so zum Beamten und Richter, ungeschickt machten, benahm ihm jede Aussicht auf eine Verbesserung seiner Lage. Er starb, von Armuth, Krankheit und Weltverachtung bedrängt, erst 37 Jahre alt im Jahre 1796.
Wie Cowper, so ist auch Burns von seinen Zeitgenossen und Späteren weit überschätzt worden. Man erklärte ihn für ein höchst bedeutendes Genie, welches, unter besseren Verhältnissen und bei geeigneter Anleitung den ersten Dichtern gleichgekommen wäre, während doch ein unbefangenes Auge in seinen Dichtungen sogleich bemerkt, dass nur die Natur und die Beschäftigung des Landmanns mit derselben das Gebiet war, für welches er ein, allerdings tiefes und inniges Verständniß, und einen hochpoetischen Ausdruck hatte. Wo er dagegen dasselbe verläßt, wo er der politischen Tendenz huldigt oder von dem gesellschaftlichen Leben angeregt wird, da bewegt er sich steif und unbeholfen, seine Originalität verschwindet und mit der Anschauungsweise der Kunstschule nimmt er auch deren conventionelle, bei ihm doppelt unwahre Ausdrucksweise an vom beißenden Boreus, von dem Phoebus, welcher den krystallen Strom ergötzt und den azurnen Himmel erfreut, und dergl. Innerhalb seiner Spähre aber und er hat Takt genug, sie nur selten zu verlassen ist er ein so vortrefflicher lyrischer Dichter, wie nur je einer gefunden werden dürfte, die volle Kraft und Naivität des alten Volkslied atmet in seinen Liedern, ein tiefes Verständnis für die Natur in ihrem Verhältnis zu der Unmittelbarkeit des ländlichen Lebens entfaltet sich dort, die wohlthuendste Liebe für den heimischen Boden erwärmt sie, und wo er sich von der bloßen Darstellung seiner Empfindungen zur Erzählung wendet, da tönt uns die ganze edle Einfachheit der alten Ballade entgegen, vermischt mit einem köstlichen Humor, wie wir ihn namentlich in den trefflichen Gedichten von Hans Gerstenkorn, John Barlycorn, und dem nächtlichen, von Gespenstern geplagten Effekt des ehrlichen Tom O´Shanter, finden. Wie in der Inspiration, so folgte Burns auch in der Form jenen alten, trefflichen Mustern, er wendet sich ganz von dem versteiften, heroischen Vers der Kunstschule ab und kehrt zu dem alten, vierfüssigen Jambus zurück, welchen er bald zweizeilig reimt, bald mit noch kürzeren Zeiten, in einfache Strophen zusammenstellt, oder er nimmt ganz die klangreiche Form der alten Ballade an.
Seine Gedichte sind durch mehrere, treffliche Übersetzung bei uns so bekannt und verbreitet, daß Mitteilungen aus denselben hier umgangen werden können.
So weit also Alexander Büchner über den großen Schotten. 1859 veröffentlicht Alexanders Darmstädter Schwester Luise Büchner ihre Sammlung Dichterstimmen aus Heimath und Fremde. Für Frauen und Jungfrauen ausgewählt von Luise Büchner.
In der Titelei (und auch in den bibliografischen Daten aller Bibliotheken, die ich online geprüft habe) gänzlich unerwähnt bleibt der Herausgeber von immerhin annähernd fünzig Prozent dieser Texte. In meiner fünften Auflage auf Seite 307 (und bis zur letzten Seite 593) steht die Sammlung französische und englische Poesie die der Bruder Alexander mit einem kleinen Vorwort einleitet und herausgibt. Alexander widmet Robert Burns Platz für die Gedichte Wackre Armuth, Das Gänseblümchen, Am Ufer meines schönen Doon, Lauschend auf des Meeres Brausend, Lebewohl an Nancy, und Empfindsamkeit. Seine Texte werden mit einer eigenen Illustrationen eingeleitet. Selbst der große Beronger, den Alexander sehr geschätzt hat, ist nur mit fünf Gedichten hier vertreten. Lord Byron, dessen Child Harold Alexander übersetzt hat und über dessen Leben er die Erzählung Lord Byrons letzte Liebe 1862 veröffentlichte, ist allerdings sogar mit neun Gedichten vertreten. Leider bleiben bei allen Gedichten die Übersetzer unerwähnt.Vielleicht hat Alexander einige selbst übersetzt.
Wegen der besonderen Betonung von Burns Begabung zur Naturschilderung hier also
Ob Kraft und Stoff heute ein schützenswerter oder doch eher ein schwacher, wegen mangelnder Originalität nicht schützenswerter, Titel wäre, weiß ich nicht so genau. Dass schon um 1860 Charlotte Böttchers Kochbuch Kraft und Stoff erschien, als Ludwig Büchners Welterklärung gerade mal seit 1855 auf dem Markt war, habe ich ja schon berichtet.
Schon länger weiß ich, dass der Klett-Verlag nach 1945 ein Physik- und ein Chemie-Arbeits- und Lernbuch für Volksschüler mit diesem Titel hearusgegeben hat, das bis in die siebziger Jahre in immer neuen Auflagen und Ausstattungen erschien. (Die Deutsche Bibliothek kennt nur die zweite bzw. dritte Auflage einer – Lizenz-? – Ausgabe, 1951 bzw. 1953 bei Kösel erschienen.) Heiner B. besitzt schon länger eine Ausgabe dieses Schulbuches, jetzt konnte ich die zwei Bände der Erstausgabe erstehen. Zuletzt erschien 1971 noch einmal ein Lehrerheft dazu. Der Autor Walter Nimmerrichter hat einige Lehrbücher verfasst, zuletzt erschien, soweit ich das aus dem Handgelenk nachweisen kann, 1982 im Selbstverlag Die Vorherrschaft der Felder im neuen physikalischen Weltbild. Ob er auch Autor einiger Heimatbücher eines Verfassers mit dem gleichen Namen ist, weiß ich nicht. Der Ko-Autor Erwin Baßler hat 1948 auch ein Rechenbuch bei Klett verlegt.
Ludwig Büchner jedenfalls als alter Volksbildner hätte mit den Lehrbüchern unter seinem Titel noch sicherer keine Probleme als mit dem Kochbuch gehabt – das ist ja ganz in seinem Sinne, was da im Vorwort des 2. Bandes – Chemie – von 1949 steht:
Liebe Schüler!
Kräfte und Stoffe liegen den Naturerscheinungen wie den Wundern der Technik zugrunde. Kräfte und Stoffe bestimmen den Alltag des Lebens. AufSchritt und Tritt begegnet auch ihr Kräften und Stoffen. Sie erregen euer Staunen und drängen euch Fragen auf, wie diese oder jene Erscheinung vor sich gehe, warum das so sei usw.
Das vorliegende Arbeits- und Lernbuch will euch bei dieser Auseinandersetzung mit der Natur und Technik helfen. Es macht euch mit den entscheidenden Fragen der Physik und Chemie bekannt. Es zeigt euch Mittel und Wege, um über die eigene Erfahrung, über selbständiges Nachdenken und Überlegen wie auch über Versuche aus eurer Hand zu Einsicht und Klarheit zu gelangen. Es ist gut, wenn ihr euch das Erkannte in einprägsamer Form festhaltet und durch wiederholende Übungen zum sicheren Wissen werden laßt.
Die geforderte Arbeit ist nicht immer leicht. Am besten schließt ihr euch zu Gruppen zusammen, je 2-5 Schüler zu einer Arbeitsgemeinschaft. Packt die Fragen gemeinsam an, klärt sie in gemeinsamer Besprechung und führt die aufgegebenen Versuche gemeinsam durch! Ihr werdet sehen, wieviel Versuche ihr mit einfachen Konservendosen, mit Arzneifläschchen, mit gewöhnlichen Drähten, Holzstäbchen durchführen könnt, wenn ihr vorausschauend alles Altmaterial sammelt und euch auch nur einigermaßen zu helfen versteht.
Oft wird euch der Lehrer einzelne oder mehrere Aufgaben zur Vorbereitung einer Naturlehrestunde auftragen. Arbeitet dann die gestellten Aufgaben gewissenhaft durch! Haltet das Ergebnis schriftlich in Schlagwörtern oder durch Zeichnungen fest! Gutgelungene Versuche mögt ihr in der Schule eueren Kameraden vorführen. Wo ihr im Zweifel bleibt oder die Aufgabe euere Kräfte übersteigt, das klärt in gemeinsamer Besprechung oder durch Befragen des Lehrers! Überarbeitet nach der unterrichtlichen Behandlung das Stoffgebiet mit Hilfe des Buches noch einmal. Besonders die Merksätze müssen euch völlig klar sein. Alle Behauptungen solltet ihr beweisen und durch Beispiele belegen können. Bearbeitet Abschnitte, Übungen und Aufgaben mit Sternchen erst in zweiter Linie, denn sie sind häufig nicht ohne Schwierigkeiten! Wer aber zu einer gründlichen Einsicht gelangen will und darnach strebt, die Zusammenhänge kennenzulernen, muß sich auch durch diese Gebiete hindurcharbeiten. Vielleicht ist es manchmal erst nach der Schule möglich.
Befolgt ihr unseren Rat, dann wird euch die Arbeit viel Freude bereiten.
Die Verfasser
Ich bin nicht vom Fach, und wenn ich mir die Texte zum Thema Chemie ansehe, kann ich nicht einschätzen, wie aktuell und verwendbar das alles heute wäre; manches würde vielleicht als zu riskant so nicht mehr ausgeführt werden dürfen. Auffällig ist die sehr praktische Herangehensweise mit den zeitgemäßen Hinweisen auf vorausschauendes Altmaterialsammeln, das fast schon sentimental werden läßt, und der überraschend distanzierte Schluß zum Thema Atomenergie im letzten Kapitel Aus der Wunderwelt der Atome:
… Die gewonnene Energie ist aber vorläufig nicht billiger als die aus Kohle und Wasserkraft gewonnene. Zu bedenken bleibt auch, daß bei der Atomzertrümmerung gefährliche radioaktive Rückstände bleiben, die die Gesundheit der Menschen in höchstem Grade gefährden. …
Ein kleiner Nachtrag am 12.7.:
Heute Morgen kam mit der Post die vermutlich letzte Auflage von Nimmerrichters Kraft und Stoff (auch bei Ernst Klett in Stuttgart, als Schulbuch wie üblich ohne die segensreichen Informationen eines Impressums, ja selbst ohne ISBN). Das Buch ist wohl etwa 1970 erschienen und verblüffenderweise mit dem kaum veränderten Vorwort der Erstauflage ausgestattet; auch das Altmaterial ist dort unverändert erwähnt. Unter Kernenergie fehlt nun allerdings plötzlich die bemerkenswerte Warnung von 1949 und die letzten Worte in diesem Kapitel lauten heute:
Heute gibt es bereits Kraftwerke und Schiffe mit Atomantrieb. Wenn im Reaktor die Kerne von 1 Kilo Uran gespalten werden, entsteht soviel Wärme wie beim Verbrennen von 1000 Tonnen Kohle.
Im Atomkern steckt Energie
Die Kernenergie ist die Energiequelle der Zukunft.
Daraus kann jetzt jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.
Ludwig Büchner hat regelmäßig in der Gartenlaube veröffentlicht – ein besonders guter Beleg für seine volkspädagogischen Absichten. 1894 erscheint ein Aufsatz zu Sonnenlicht und Sonnenkraft, den die geneigte Leserin wahlweise als Beitrag zum hoffentlich andauernden Sommer oder zur allfälligen Energiedebatte nehmen darf. Fast unglaublich auch hier wieder die Volte, diesmal im allerletzten Satz, doch noch eine Möglichkeit zu finden, die Familie zu erwähnen.
Aus den Provider-Daten weiß ich, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer hier auf den Geschwister-Büchner-Sites etwa 40 Sekunden (mit leicht steigender Tendenz) beträgt – daher also nur ein uns Heutigen überschaubarer Auszug des Textes aus einer Zeit, als man statt zu surfen oder fernzusehen stundenlang die Gartenlaube las; hier findet er sich für alle Interessierten in voller Länge.
Die Gartenlaube (1894)
Sonnenlicht und Sonnenkraft.
von Professor Dr. Ludwig Büchner.
(S. 699) Wenn wir heute lesen, dass so viele Völker des Altertums …die Sonne als einen Gott angesehen und ihr göttlicher Verehrung erwiesen haben, und dass dieses ganz oder teilweise bei manchen wilden oder halb wilden Völkern … bis auf den heutigen Tag der Fall ist, so lächeln wir wohl über solche Einfalt, da wir wissen, dass die Sonne kein Gott, sondern nichts anderes ist als dasjenige, als welche sie bereits der griechische Philosoph Anaxagoras im fünften Jahrhundert v. Chr. mit einer für seine Zeit bewunderungswerten Voraussicht bezeichnete, d.h. ein feuriger Klumpen.
Mag es nun Instinkt, Ahnung oder Zufall gewesen sein, was die Ursache für die so weit verbreitete Anbetung der Sonne als einer Gottheit geworden ist, man kann nicht leugnen, dass unter den verschiedenen religiösen Naturdiensten des Altertums keine eine so große innere Berechtigung gehabt hat wie gerade der Sonnendienst. Ist es doch heute keinem wissenschaftlichen Zweifel mehr unterworfen, dass nach Maßgabe des großen Gesetzes von der Haltung oder Unsterblichkeit der Kraft die Strahlen der Sonne in der That jenen unerschöpflichen Behälter bilden, aus welchem der gesamte Kraftvorrat der Erde sein Dasein herleitet. Wollte heute die Sonne aufhören zu leuchten, so würde auch ganz abgesehen davon, dass Leben ohne Licht überhaupt unmöglich ist sehr bald ein jeder Art von Leben unverträglicher Stillstand aller Kraftwirkungen oder Kraftumwandlungen eintreten. … Schwindet die Kraft in einer Form, so erscheint sie dafür sicher in einer anderen; und wo sie in neuer Form erscheint, da sind wir auch sicher, dass eine ihrer anderen Erscheinungsformen verbraucht ist.
…
Wenn auch die Erde nicht alle ihr auf diese Weise von der Sonne zuströmende Kraft zu ihren Zwecken verbraucht, sondern eine große Menge davon wieder als Wärme in den kalten Weltraum zurück strahlt, so findet doch der größte Teil eine sehr praktische Verwendung auf Speicherung, welche sich schon in den Vorbedingungen des Lebens in einer Weise geltend macht, dass ohne sie Leben überhaupt eine Unmöglichkeit wäre.
Wenn somit schon Leben überhaupt ohne diese von der Sonne abhängigen Vorbedingungen auf die Erdoberfläche undenkbar ist, so wird diese Abhängigkeit von ihrer mächtigen Herrschaft noch viel deutlicher, wenn wir das Leben selbst ins Auge fassen. Wir sind, gerade so wie die Quellen, Bäche und Flüsse, von denen die Rede war, Sonnenkinder oder lichtgeborene Wesen, und zwar nicht bloß in bildlichen, sondern in ganz wörtlichem oder mechanischem Sinne. Wenn wir hungrig sind, ist es die Sonne, welche uns speist. Wenn wir durstig sind, ist es die Sonne, welche uns tränkt. Wenn wir Arbeit verrichten, einerlei, ob körperlich oder geistig, ist es wiederum dieselbe Sonne, welche die dafür erforderliche Kraft liefert oder leiht.
Denn Licht und Wärme sind die Nahrung der Pflanze. Unter dem Einfluss dieser zwei mächtigen Naturkräfte, welche aber nur eine einzige Kraft bilden, da Licht nur eine besondere Form der Wärme darstellt, zersetzt die Pflanze bekanntlich die Kohlensäure der atmosphärischen Luft derart, dass der Sauerstoff frei und der Kohlenstoff in dem Gewebe der Pflanze, deren Hauptbestandteil er bildet, festgelegt wird. Oder mit anderen Worten die lebendigen Kraft der Sonnenstrahlen wird in die ruhende oder Spannkraft der von der Pflanze erzeugten Stoffe umgewandelt. Diese Stoffe nähren nun das Tier. Tier und Pflanze nähren den Menschen abgesehen davon, dass der durch den geschilderten Prozess des Pflanzenwachstum freigemachter Sauerstoff das unentbehrliche Lebenselement aller luftatmenden Wesen bildet.
Das Titelbild des Jahrgangsbandes der Gartenlaube von 1894
Also genießen wir in der Pflanze oder im Tier, das von ihr gelebt hat, ein Stück Sonnenwärme oder Sonnenlicht oder Sonnenkraft und erzeugen damit alle Kraft unseres Leibes und Lebens. Wir können daher mit vollem Recht sagen, dass die Sonne, in dem Sie unsere Speisen erzeugt, auch die einzige und letzte Quelle aller von unserem Körper entwickelten Kräfte, Bewegungen und Tätigkeiten ist. Wir sind um es zu wiederholen im wahren und vollen Sinne des Wortes Sonnenkinder.
Die Kraft, welche die Dampfmaschine treibt oder die schnaubende Lokomotive mit ihrer angehängten Last spielend über die Schienen dahin jagt, ist nichts anderes als ein Tropfen Sonnenwärme oder Sonnenlicht, der ehemals in eine Pflanze umgewandelt, alsdann in die Erde eingesammelt, mit Schutt, Steinen und Lehm bedeckt und heute wieder durch die Hand des Menschen dem dunkeln Schoß der Erde entrissen wurde, um von neuem in Licht und Wärme umgewandelt zu werden. Daher die Lokomotiven von den Gelehrten mit Recht den poetischen Namen der Sonnenrosse erhalten haben.
Ja, alles dieses stammt aus der nämlichen Quelle ebenso wie alle Erzeugnisse menschlicher Zivilisation. Sonnenkraft ist die Kraft, welche mir gestattet, mich zu bewegen und zu empfinden, ebenso wie die Bewegung des Blutes in meinen Adern oder die Bewegung meines Armes, welcher in diesem Augenblick meine Feder führt, oder der Gedanke, welchen ich wiederzugeben versuche, oder das Vergnügen, welches empfinde, indem ich diese Arbeit mit den Worten meines Vaters schließe: Überall Wandlung nirgendwo Vernichtung. In der organischen wie in der physischen Welt, in den lebendigen wie in den toten Körpern ist ununterbrochene Bewegung. Vollkommene Ruhe gibt es nicht. Alles verwandelt sich, und aus dem Schoß des Staubes erblüht ununterbrochen neues Leben.