Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

14.9.2017

ist friede in den hütten ist friede in den palästen amen

1982 hat das Franz Hodjak als „Variation auf ein Thema von Büchner” gedichtet, und dieser vielleicht knappstmögliche Kommentar zu Büchners Landbote, den ich zu Beginn des Gesprächs mit den Nachfahren der Landboten-Protagonisten zitierte, war, scheint mir, in der munteren und aufschlussreichen Runde konsensfähig.

 

Das „Panel” – vlnr: Ludwig Steinmetz, Manfred Büchner, Thomas Will, Magda Pillawa, Peter Brunner, Brita Flinner, Rainer von Hessen, Peter Soeder

 

Alle hatten nachgedacht und vorbereitet, ob und wie sie biographisch, politisch, gesellschaftlich auf besondere Weise mit den frühen hessischen Republikanern und/oder ihren Widersachern verbunden sind. Sei es, das Magda Pillawa kein Spur des Jähzorns bei sich findet, für den Ludwig Büchner bekannt war (es gibt da eine Geschichte von einem voller Wut aus dem Fenster geworfenen Schweinebraten …), sei es, dass Manfred Büchner über Wilhelm Büchners Neugier auf die Naturwissenschaften reflektierte. Beeindruckend, wie Rainer von Hessen schilderte, dass für ihn in der Auseinandersetzung mit den unsäglichen Verstrickungen seiner Vorfahren in die Verbrechen des Nationalsozialismus klar wurde, dass Herkunft und Geburt kein Privileg verschaffen darf und schon gar keine Garantie für überlegenes Verhalten verschaffen kann. Und berührend, wie Peter Soeder, Oberkirchenrat a.D.,  auf die Frage, wie er es mit der Religionskritik seines Urgroßvater Ludwig Büchner halte, diesen ganz direkt ansprach: „Hallo Urgroßvater …“.  Ganz zu Recht habe er sich von der Amtskirche und ihren Verstrickungen mit der Macht, den Palästen, abgewandt. Und sein Engagement für gerechtere Erbschaftsbesteuerung, Reform der Grundbesitzverhältnisse und Versicherungsschutz sei bis heute gerade für Christen vorbildlich.  Landrat Will, der als Repräsentant der  aktuellen Macht eingeladen war, fand deutliche Worte zur Ungleichheit. Es dürfe nicht sein, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufspreize. Glücklicherweise seien die Verhältnisse, gegen die sich die Landboten-Verschwörer empörten, überwunden, aber es bedürfe aktiven politischen Einflusses für Chancengleichheit, insbesondere in Bildungsfragen. Auch zur Meinungsfreiheit gab er ein klares Bekenntnis ab: nicht ihre Einschränkung, sondern ihr Schutz sei  gegen „Fake-News“ und Desinformation erforderlich, und auch hier spiele Bildung die zentrale Rolle. Brita Flinner hat mit ihren Erfahrungen aus Namibia, wo sie einen Teil ihres Lebens verbrachte, den wichtigen Hinweis darauf gemacht, dass die Hütten des 21. Jahrhunderts für uns im Ausland stehen und wie eng das Leben in unseren „Palästen” mit ihnen verbunden ist.

Schön, dass ich zum Schluss in das Exemplar von Edschmids Büchner-Roman „Wenn es Rosen sind … ” für Rainer von Hessen aufrichtig schreiben konnte: „Von Citoyen zu Citoyen“.

Und gut, dass sich das Büchnerhaus mit diesem „Familientreffen” wieder als „Ort der Freiheit” positionieren konnte.

Der Hessische Rundfunk hat das Gespräch aufgezeichnet
und wird es in  „Kulturszene Hessen”
am Samstag, dem 25. November, von 18:04 bis 19 Uhr auf HR 2 senden.

 

Mehr Fotos von der Veranstaltung hat Werner Höfler vom Vorstand des Vereins Büchnerhaus hier eingestellt. 

von Peter Brunner

 

 

 

 

 

 

Peter Brunner

Peter Brunner

18.8.2017

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast, und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“*

 

Fast 200 Jahre nach dem Erscheinen des Hessischen Landboten 1834 unter seiner berühmten Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ bietet das Motto des Denkmalstages 2017 Gelegenheit, über Macht und Pracht, also über Herrschaft und ihre Repräsentation, nachzudenken.

Ist es wirklich so einfach, dass die Paläste für Unterdrückung und Beharrung und die Mietwohnungen im Hinterhof für Freiheit und Aufbruch stehen?

Wolfgang Koeppen hat schon 1962 zu bedenken gegeben, dass es eine gefährliche Vereinfachung ist, Freiheit und Recht stets auf der Seite der Armen, Ausbeutung und Terror stets auf der der „Vornehmen“ zu verorten.

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast,
und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“
(W. Koeppen in seiner Büchnerpreisrede 1962)

 

Das Büchnerhaus hat persönliche und politische Nachfahren der Protagonisten von 1834 eingeladen.

Britta Flinner, Magda Pillawa, Peter Soeder und Ludwig Steinmetz sind Ur- bzw. Ur-Ur-Enkel Ludwig Büchners, Friedgard Wyporek und Manfred Büchner Ur-Ur-Enkel Wilhelm Büchners, alle sind Großnichten und -neffen Georg Büchners. Diese Verwandtschaft hat sie alle begleitet und geprägt.

Rainer Christoph Friedrich von Hessen ist ein Cousin des 2013 verstorbenen Moritz Landgraf von Hessen aus dem Hause Hessen-Kassel, der 1960 durch Adoption auch Erbe des Darmstädter Fürstenhauses wurde. Durch seine Mutter ist Rainer von Hessen zudem ein Nachkomme Großherzog Ludwigs II., unter dessen Regentschaft Georg Büchner seine revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“ verfasste und verbreiten ließ.

Rainer von Hessen beim Besuch im Büchnerhaus mit einem Faksimile des Hessischen Landboten

Thomas Will, Landrat des Landkreises Groß-Gerau und Aufsichtsratsvorsitzender der „KulturRegion FrankfurtRheinMain“ vertritt die die politische Verantwortung, die „Macht“ von heute.

Wir wollen mit ihnen über ihre Erfahrungen sprechen:

–          Steckt in ihnen noch der alte Widerspruch zwischen Palast und Hütte?

–          Spielt in ihrem Leben die Herkunft eine Rolle – und war das Fluch oder Segen?

–          Auf welcher Seite hätten sie 1834 gestanden?

–          Ist der Kampf um die Meinungsfreiheit gewonnen?Braucht sie heute Verteidigung oder Beschränkung?

Tatsächlich waren schon die Aktivisten des Hessischen Landboten um Friedrich Weidig keine „arme Leut“. Die Gegnerschaft zu den „Reichen“ strichen sie Georg Büchner aus dem Manuskript und ersetzten das Wort durch „die Vornehmen“. Über die Gegnerschaft zur herrschenden Aristokratie bestand Einigkeit, nicht aber über Georg Büchners Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Der Hessische Landbote gehört in das Programm der Kämpfe für Presse- und Meinungsfreiheit: das Treffen auf der Badenburg, wo der Druck beschlossen wurde, diente der Koordination des „Oberhessischen Pressvereins“.

Das Museum ist am Tag des offenen Denkmals 2017, Sonntag, dem 10. September 2017, ab 11 Uhr vormittags bei freiem Eintritt geöffnet.

Das Gespräch findet nach Schließung des Museums um 18 Uhr in der Galerie am Büchnerhaus statt.

Falls Sie teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte
per E-Mail (buechnerhaus@riedstadt.de) oder telefonisch (06158/4621) an!

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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