Neues aus Buechnerland

28.7.2009

ISAAK MAUS Ein überrheiner Bauersmann

Abgelegt unter: Uncategorized — admin @ 13:20

Der folgende Text gehört wie Wilhelm Schulz´  (1797 – 1860)  Frag- und Antwortbüchlein an den deutschen Bürgers- und Bauersmann über allerlei, was im deutschen Vaterland besonders Not tut. Deutschland [d.i. Frankfurt am Main] 1819. (Anonym erschienene Flugschrift.) zu den Vorläufertexten des „Hessischen Landboten“. Zumindest scheinbar appelliert Isaak Maus   (1748 – 1833), der „Bauer mit dem Dichterspleen“  mit „Deine guten Untertanen seufzen herzlich darob und verlangen einmütiglich, Herr Kurfürst, Du wollest schleunigst die Gerechtigkeit aus den Ständen loser Buben retten, bei denen sie zur feilen Dirne wird.“  noch ganz aufrichtig an den eigentlich guten Kurfürsten. Allerdings fährt er später fort: „Was sollen wir Alten nun sagen, wenn der Mut unserer jungen Leute unsern Rat zu kühler Mäßigkeit übertäubt? Und obendrein bieten die braven Franken uns armen Gedrückten Freiheit und Schutz an.“ 

Der Text dokumentiert die Epoche des Übergangs zwischen dem Hoffen auf den „guten Fürsten“, der von seinen Beratern und Lakaien betrogen wird, zum schließlichen Bruch mit der ganzen feudalen Klasse und ihrer blutigen Bekämpfung.  Der hier wiedergegebene Text ist zuerst erschienen am 17. Mai 1793 in der „Mainzer Zeitung“. Die Zuschreibung zu Isaak Maus als Autor ist laut Claus Träger, der den Text 1963 bei Rütten und Loening., Berlin, in „Mainz zwischen Rot und Schwarz. Die Mainzer Revolution 1792 – 1793 in Schriften, Reden und Briefen“ herausgegeben hat, „nicht völlig sicher, aber sehr wahrscheinlich“.

 

ISAAK MAUS
Ein überrheiner Bauersmann
an seinen Kurfürsten zu München im Bayerland

 

Ich bin nur ein gerader schlichter Bauersmann mit einem kleinen Scherflein Hausverstand; aber die sechzig Jahre und drüber, die ich in der Welt mich plage, hab ich so manches gesehen und erfahren, bin von Deinen Verwesern, vom Büttel bis zum Landschreiber und weiter hinauf, so oft geschunden und geschoren worden, daß ich, in dem Stündlein der Trübsal, Dich und die Du gesetzt hast, manchesmal herzlich in den Schoß Abrahams wünschte. Doch sobald meine Peiniger den Rücken wandten, ermannt ich mich wieder, sah das glücklich gesegnete Land an und dachte: Sonderbar! — Worin mag‘s wohl liegen, daß wir armen Bauersleute, die dies fruchtbare Land pflügen, doch nicht glücklich sind? — Der Kurfürst soll selbst so ein gutmütiger Herr sein; wie kömmt es, daß die meisten, die ihm sein Kurfürstenamt verwalten helfen, so gar böse Menschen sind? — Ich fragte mich wohl selbst in meiner Einfalt: Will‘s denn unser Herr, der doch so gut sein soll, nicht sehen? Oder hat der im Himmel droben ihm die Augen seines Verstands nicht erleuchtet, weil er sich, zum Verderben seines Landes, so leiten und führen läßt wie ein Blinder? — Nun kamen noch obendrein die Franken, wie sie sich jetzt titulieren, zu uns herüber. Die setzten dann unserm jungen Volk gar hohe Sachen in den Kopf und bezichtigten unsere Landesväter solcher Dinge, die sich nun freilich gar nicht für einen Vater schicken; und wir alten Leute kommen dadurch oft in gewaltige Verlegenheit, können gegen manches doch so gar nichts einwenden und müssen uns vor unsere gnädigsten Herrn oft wacker schämen. — Nun kann ich Dir aber nicht genug sagen, guter Kurfürst, wie weh das einem alten Manne tue, der seinen Landsherrn wert hält, weil er unter ihm grau geworden ist. — Als heute nun gar unser jung Gesindel aus der Kirche kam und mich höhnisch fragte: Altvater, wir sollen jubilieren hier überm Rhein! Mein, sagt uns doch warum? — Sollen wir jubilieren, daß unser Herrgott ihm fünf zig Jahre die Gewalt verliehen hat, uns von denen, die in seinem Stuhl sitzen, ungestört schinden und türänglen zu lassen? — Sollen wir jubilieren, daß wir fünfzig Jahre lang im Schweiß unseres Angesichts unser Feld bauen durften, um die Schweine und Hasen seiner Exzellenzen zu füttern? — Oder sollen wir jubilieren, weil man uns oft mitten aus unserer nötigen Arbeit hinwegriß, um Landschreibern und Oberbeamten in der Fronde große Häuser bauen und nach ihren zusammengestohlnen Landgütern bequeme und kostbare Straßen führen zu müssen? — Oder gar, daß er uns und unser sauer erworbenes Eigentum einer Rotte von adeligen und unadeligen Dieben, Kammerdienern, Dirnen, Projektmachern preisgab? — Ei, nicht so schnippisch, junges Volk, sagt ich. Aber die Wahrheit fiel mir altem Manne schwer aufs Herz. Ich dachte, es ist nun hohe Zeit, ihm einmal zu sagen, wie es hergeht in den Städten und auf dem Land — wie der Untertan denkt von ihm und seinen Verwaltern; vielleicht zieht er sich‘s zu Gemüt und hilft freiwillig; und das wäre denn immer besser, als wenn man es dahin kommen ließe, daß die Leute sich selber Luft schaffen. — Und ich kann sagen, guter Kurfürst, es ist hohe Zeit, daß Du zusiehst, wenn Du anderst willst mit Ehre in die Grube fahren.
Sieh, ich bin nur ein unstudierter Landmann; ich kann Dir nur so überhaupt sagen, was hier und überall in jedermanns Munde ist. — Willst Du es aber genau wissen und kannst doch nicht mit eigenen Augen sehen, so frage nur die gelehrten Herren. Die könnten Dir das Wie und Warum wohl sagen, wenn sie wollten und ehrlich genug dazu wären. Aber das ist nun eine unserer Hauptklagen, daß fast alle, die Dich umgeben und in Gewalt stehen, sie seien groß oder klein, nichts taugen und Schurken sind und ihre Amtspatente für Freibriefe ansehen, den armen Untertan zu drücken und auszusaugen. — Daher ist es bei uns einfältigen Landleuten beinahe eine Unehre, wenn man uns sagt, dieser oder jener sei in hohe Ehren gekommen. — Und so steht‘s halt, vom Geringsten bis zum Höchsten. — Kömmt man zu dem gnädigen Herrn: ja, da muß man erst dem Bedienten die Finger salben, daß er einem nur Audienz, wie man‘s nennt, verschafft; und haben wir die, so sind wir doch um nichts besser. — Sagt man in aller Höflichkeit, woran‘s dem guten Bauernstande gebreche, und klagt etwa diesen oder jenen Beamten vor einen Blutsauger an und hat seine guten Beweise dazu in Händen, so heißt es dennoch: Ihr Leute, wißt ihr, daß es noch Zuchthäuser im Lande gibt? Ihr seid aufrührerische Schurken! — Die Sprach der gnädigen Herren ist grade, als wenn sie ihren Blutpfennig vom Raube bekämen. — Kömmt man zu den Herren von der Regierung, so läßt man einen stundenlang wie ‘n Hund vor der Türe stehn; und gelingt es uns endlich, unsere Not vorbringen zu können, so ist Flegel und Schurke unser gewöhnlicher Ehrentitel. — Und dies geschieht oft von Leuten, die wohl wissen könnten, wie es dem armen Bauersmanne zumut ist, da manche unter ihnen selbst Bauernsöhne sind, die durch Geld, Kriegereien und andere honette Wege zu hohen Ehren kamen. Und so geht‘s mit allen bis hinunter. — Die Landsschreiber? Ja, die sind erst die rechten; über die könnten die Bauern auf ‘m Land ganze Bücher schreiben. — Zu ihnen kann man wohl noch kommen; aber nur dann wird man gehört, wenn sie dem Landmann es ansehen, daß sie ihn melken können wie ihre Schweizer Kühe. — Hiezu kömmt denn noch das leidige Dienstkaufen und Adjunetionswesen, das dem guten Untertan so manches Unheil bringt. — Was so die recht guten Stadt- und Landbedienungen, so die recht fetten Melkereien sind, die sind fast alle erblich, kommen von Vater auf Sohn, und oft ist solch ein freier Raubbrief der ganzen Familie verliehen, wo denn der alte Rabe unter der ganzen Brut sicher den auf seine Stelle bringt, der die schwärzesten Federn hat. Und er muß dieses tun, auf daß der würdige Sohn die Spitzbubenstreiche des seligen Herrn Vaters zudecke und ebenso fortfahre, wie‘s der Alte getrieben hat. — Wenn denn solch ein System von Schurkenverwaltung einmal in einer Familie fest sitzt, so geht es über vom Vater auf Sohn und so weiter und pflanzt sich fort wie der Erbgrind oder die Fr. . .n. Die junge Herrn, die so was wissen, die hausen drauflos, ohne Maß und Ziel, weil sie sich für geborne Freiräuber und Brandschatzer ansehen. — Nun darfst Du Dich gar nicht wundern, Herr Kurfürst, wenn der Bauersmann aufsteht und Dir frei unter die Augen sagt: Herr, die auf Deinem Stuhl sitzen und in Deinem Namen richten, sind heillose Diebe und Landverderber; die müssen wir hängen, wenn Du es nicht selber tuest!
Wie nun in solchen Ständen die arme Justiz sieh befinden müsse, das kannst Du Dir wohl denken, Herr Kurfürst, zumal die alte träge Einrichtung der Gerechtigkeitspflege den saubern Herrn zu ihren Räubereien gar sehr die Stände beut. Fürs erste die ungeheure Herde von Advokaten, die alle vom Bauern- und Bürgerschmalz sich nähren oder mästen. — Die meisten von ihnen lauren, wie die Spinnen in ihrem Winkel, auf die armen Landfliegen; und kömmt ihnen eine ins Netz, denn Gnade ihr Gott: Sie wird umsponnen mit unzerreißbaren Fäden und nach Gelüsten ausgesogen bis auf den letzten Tropfen. Wenige von diesen Herren wissen mehr als ihr beschieden Teil Schikane und Schlendrian; und noch wenigere unter ihnen sind ehrliche Leute. Wird aber hie und da einmal solch ein weißer Rabe unter ihnen gefunden, der seine Ehrlichkeit an den Mann zu bringen denkt, so steht ihm der Richter selbst im Wege und gibt beileibe nicht zu, daß etwas in der Güte abgetan oder mündlich verhandelt werde, weil der redliche Mann vorgibt, die liebe Justiz und Dein Ärarium, Herr Kurfürst, leide dabei von [wegen] des Papierstempels; im Grunde aber ist es der Abgang der Sporteln, der ihm auf dem Herzen drückt, denn von seiner Willkür und Raubgierde hängt ihre Bestimmung und Vervielfältigung ab. Daher kömmt es nun, daß gar oft und viel die Kosten des Prozesses dreimal mehr betragen als der Wert der strittigen Sache. Nun noch das Vermehren der Termine und alle die Justizkniffe bestechlicher Richter obendrein, ist es kein Wunder, wenn das ganze Pfälzer Land in Aufruhr und Flamme gerät. Die Sportelnsucht besonders, wie sie jetzt von unsern saubern Herrn getrieben wird, ist die schändlichste Brandschatzung, mit der man die edle Justiz nur besudlen und verunglimpfen kann. Deine guten Untertanen seufzen herzlich darob und verlangen einmütiglich, Herr Kurfürst, Du wollest schleunigst die Gerechtigkeit aus den Ständen loser Buben retten, bei denen sie zur feilen Dirne wird. Was haben wir armen Leute am Ende für all die Plackereien? — Etwa Sicherheit des Eigentums für uns und die unsrigen? Ei nein! — Ja, wenn die Schatzungbüchlein mit den vielen Rubriken nicht wären? — Was der Rentmeister uns nicht für Schatzung aus dem Säckel holt, das geht für alle die vielfältigen Nebenartikel, Landfundgelder, Rheinbaugelder, Oberamtsunkosten etc. etc. drauf; und den letzten Heller holen noch die Zentgrafen, die berüchtigten Speichellecker und Beitreiber ihrer Landvögte, für Zentunkosten uns aus der Tasche. — Niemand genießt ruhiger seinen Mammon als der Reiche, der Kapitalist, der von seinen in einem vorn Handel leeren Lande meist durch Raub gesammelten Schätzen keine Steuren gibt, wodurch doch der ärmere Untertan leicht aller obigen Diebsmantelrubriken entübrigt werden könnte. — Und hat denn unsereiner in diesem gesegneten Lande, aller Gaunereien ohngeachtet, etwas erworben und geht zu seinen Vätern — kann er sicher sein, daß Witwen und Waisen das Ihrige bleibt? 0 nein, guter Kurfürst, unter dem Vorwand der Pflege stehlen, die Du gesetzt hast, das Eigentum der Witwe und sehen mit Hohn die Tränen der Waisen, die laut gegen Deine gottlosen Verweser um Rache gen Himmel schreien. Siehe zu, Herr Kurfürst, würde unser Eigentum heiliggehalten — die Gerechtigkeit treu und redlich verwaltet — wären die Steuren einfach und bestimmt, und wir wüßten, wohin sie kämen — wir würden gerne zahlen und Dir als einem redlichen Fürsten treu und gewärtig sein. Wir bescheiden uns wohl, daß in einem Lande wie die Pfalz der öffentlichen Ausgaben viel sind. — Aber, daß Deine Minister und Räte, Deine Landsschreiber, Deine Ober- und Unterschultheißen, Zentgrafen, und wie alle das Raubgesindel heißen mag — unter Deiner Firma stehlen und den Untertan brandschatzen, das wollen nun einmal die Pfälzer hier überm Rhein nicht länger dulden. Können und wollen unsere Brüder drüben es ruhig leiden, Glück zu! Ihr Stündlein des Lichts ist vielleicht noch nicht vorhanden. — So, Herr Kurfürst, sieht es aus in unserem Lande. Öffne die Augen, und die Wahrheit, hell wie der Tag, wird Dir entgegenscheinen, Was sollen wir Alten nun sagen, wenn der Mut unserer jungen Leute unsern Rat zu kühler Mäßigkeit übertäubt? Und obendrein bieten die braven Franken uns armen Gedrückten Freiheit und Schutz an. Drum noch einmal, Herr Kurfürst, siehe schleunig zu und verschmähe nicht die Stimme des Alten, auf daß Dein Haupt mit Ehren in die Grube fahre.

2 Kommentare »

  1. […] und Wöllstein verbracht. Dies war einer der Gründe für mich, schon vor einiger Zeit auf Isaak Maus und sein „Ein überrheiner Bauersmann an seinen Kurfürsten zu München im Bayerland” […]

    Pingback von Neues aus Buechnerland » „Wie der hessische Löwe auf das linke Ufer des Rheins gelangte.“ — 7.11.2011 @ 15:13

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