Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

27.8.2015

„ … ein richtiges warmes Nest”

Filed under: Büchner,Genealogie,Georg Büchner,Geschichte,Zeitgen — Schlagwörter: , , , , — peter brunner @ 16:01

Gute Nachrichten berichtet heute das Darmstädter Echo aus Reinheim: dort hat Karl-Dieter Hessel das „Doktorhaus“ gekauft und wird es denkmalgerecht sanieren. Hessel hat bereits das nahe gelegene Kalb’sche Haus saniert und betreibt dort im „ältesten Fachwerkhaus Reinheims” ein „gemütliches Restaurant mit deutsch-spanischer Küche”. Im Büchnerhaus plant er „eine kleine Pension“.

Das Haus, in dem Georg Büchners Großvater Georg Philipp Büchner (1726 – 1794) und später sein Onkel Johann Jakob (1753 – 1835) praktizierte, war in den letzten Jahrzehnten unter einer hässlichen Verschindelung verborgen. Auch das Hinweisschild auf die bedeutenden Bewohner war in die Jahre gekommen.

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Das Reinheimer Doktorhäuschen 2012

 

 

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Gedenktafel am Reinheimer Doktorhäuschen. 2012

In dem Haus praktizierte dann noch Johann Karl Büchner (1791 – 1858). Dessen Tochter Rosalie (1830 – 1904) heiratete Ferdinand Welcker, und deren Sohn Wilhelm Welcker hat in einer großen Genealogie der Welckers  eine schöne Erinnerung an das Häuschen hinterlassen:

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Das Reinheimer Doktorhaus. Foto von Ernst Büchner, Wilhelm Büchners Sohn. Ca. 1900

Das Reinheimer Dok­torhäuschen erschien uns Kindern nach meiner Mutter und Tante Minchens Erzählungen als ein richtiges warmes Nest, das auch warmherzige Menschen beherbergte. Wohnten die Großeltern Welcker auf Schloß Lich­tenberg in riesigen Zimmern hinter dicken Mauern, so war das Doktorhäuschen in Reinheim ein richtiges Bau­ernhaus, leicht in Fachwerk gebaut mit einem Erdgeschoß und einem Obergeschoß, beide niedrig mit kleinen Fenstern, die Dachtraufe nach der Straße zu gekehrt. Bei dem Wohnhaus ein kleiner Oekonomiehof und dahin­ter der Hausgarten. Zu dieser kleinen Bauernwirtschaft gehörte einiges Feld, das die Familie mit Knecht und Magd bebaute. Pferd und Wagen mußten wegen der Besuche in den umliegenden Ortschaften gehalten werden. In diesem bäuerlichen Rahmen spielte sich die Jugend meines Vaters ab.

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„Büchnerhaus in Reinheim“ Fotograf und Quelle unbekannt

Es ist ziemlich sicher, dass die Darmstädter Büchnergeschwister zu Gast in diesem Haus bei ihrem Onkel gewesen sind und dort auch einen Einblick in die Odenwälder Bauernwirtschaft hatten. Wenn es auch keinen definitiven Beleg gibt, so ist doch nahezu sicher, dass jetzt nach dem Geburtshaus Georg Büchners in Goddelau-Riedstadt und der Hofapotheke in Zwingenberg ein weiterer Ort saniert und erhalten bleibt, an dem sich Georg Büchner aufgehalten hat. Mit einer Inflation von Hinweisschildern à la „Hier lebte/schrieb/malte/traf … Goethe … ” ist dennoch nicht zu rechnen.

SPeterBrunner

von Peter Brunner

27.6.2015

„Haben wir dich, Spitzbuben, Hallunken, jetzt muß das Geld heraus!“

Filed under: Georg Büchner,Geschichte,Rezension,Zeitgen — Schlagwörter: , , — peter brunner @ 20:00

1825 erschien in Giessen eine kleine Schrift des Criminalgerichtssekretärs Carl Franz, in der dieser mit Auszügen aus den Gerichtsakten und in freier Erzählung Hergang, Aufklärung und Ende eines Raubes im ärmsten und rückständigsten Teil des Großherzogtums berichtet: eine Gruppe von Bauern überfiel am 19. Mai 1822 das sogenannte „Geldkärrnchen” und machte große Beute. Bis auf einen Beteiligten, der  – wohl nach Amerika – fliehen konnte, wurden alle verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt.

Sodann mit der drückendsten Armuth und Dürftigkeit kämpfend, nimmt er (der Wilddieb – pb), schon gewöhnt an Verbrechen und vertraut mit den Gefahren, die sie begleiten, zu den verzweifelten Mitteln, zu Diebstahl und Raub, seine Zuflucht, die ihn immer tiefer in den Pfuhl alles Verderbens ziehen und endlich an einen entsetzlichen Abgrund führen. (aus der Einleitung)

Das kleine Heft hat Karriere gemacht – hundert Jahre später, 1933, erschien ein Reprint in Marburg,  1971 machten es Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff zur Grundlage ihres Films „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“, 1978 wurde es, illustriert von Johannes Nawrath, zum ersten Titel des aufstrebenden Marburger Jonas Verlags, der den Text 1986, jetzt illustriert von Wilhelm M. Busch, ein erstes Mal und, gerade eben, als schlichte Textedition ein zweites Mal wieder auflegte.

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Carl Franz: Der Postraub in der Subach Begangen von acht Strassenräubern von denen fünf am siebenten October 1824 zu Giessen durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht worden sind. Marburg (Jonas) 2015. ISBN 978-3-89445-510-1. 64 S., Klappenbroschur. 8 €

Für den Herbst 2015 schließlich wurde der Text die Grundlage eines Freilicht-Musicals bei den diesjährigen Schlossfestspielen in Biedenkopf, dem kleinen Residenzstädtchen, das bei wikipedia unter wenig Anderem eine ausführliche Erwähnung des Kartoffelbratens verdient hat. Für das Musical, das am 21.8. vor bereits ausverkauftem „Haus” uraufgeführt werden soll,  schrieb Birgit Simmler das Libretto, die Musik ist von Paul Graham Brown ( „Eine Hetzjagd aus Verrat, Bestechung und Bedrohung bringt Liebe und Freundschaft ins Wanken. Wer gefasst wird, dem droht der Tod.” Quelle: website ).

Was soll das im Büchner-Blog?

Spätestens seit Trotta/Schlöndorffs Verfilmung ist klar, dass der schlichte Text des Gerichtssekretärs eine ganz hervorragende Schilderung der Verhältnisse unter den armen Bauern des hessischen „Hinterlandes“ bietet. Lebensverhältnisse, wie sie Friedrich Weidig und seinen Genossen tagtäglich  als das geplagte Leben der potentiellen Leser des Hessischen Landboten (und damit auch der Protagonisten des ersehnten Aufstandes) vor Augen standen. Der oben verlinkte wikipedia-Artikel erwähnt den Postraub leider ebensowenig wie den Mann, der später jahrelang Landtagsvertreter der Bauern in Darmstadt war: kein geringerer als der Büchner-Freund August Becker vertrat in der Hessen-Darmstädtischen Hauptstadt das Hinterland von 1849 bis zu seiner Auswanderung in die USA 1853 (12. – 14. Wahlperiode). Anders als Wilhelm Büchner, dessen Polit-Engagement mit der widerrechtlichen Auflösung des zweiten „Revolutions-Landtages“ von 1849 vorläufig endete, ist Becker auch für die beiden folgenden Landtage von „seinen” Bauern gewählt worden.

Hessisches_Hinterland_„Hessisches Hinterland“ von Ziegelbrenner - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - httpscommons.wikimedia.orgwikiFileHessisches_Hinterland.png#me

„Hessisches-Hinterland“ von-Ziegelbrenner. Eigenes-Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia-Commons httpscommons.wikimedia.org wikiFileHessisches_Hinterland.pngme

Wer also aus erster Hand wissen will, wie elend und unterdrückt die Hinterländer Bauern in den 1820er Jahren leben mussten, der schaffe sich dieses Büchlein an. Und besorge sich dann den Film. Und gehe schließlich, ausreichend vorbereitet, zu den Festspielen nach Biedenkopf.

SPeterBrunner

von Peter Brunner

12.12.2014

Das Frühjahrsprogramm 2015 der Luise Büchner-Gesellschaft

Donnerstag, 12. Februar um 19 Uhr
Literaturhaus (Kennedy-Haus, Kasinostr. 3), Vortragssaal

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Victoria Woodhull (1838-1927) – die erste Frau, die Präsidentin von Amerika werden wollte

Vortrag von Antje Schrupp (Frankfurt)

Sie war ein Mädchen aus der Unterschicht, das einen ungewöhnlichen Aufstieg schaffte: Victoria Woodhull, Zeitungsmacherin, Frauenrechtlerin und Sozialistin. Sie versammelte Teile der Frauenbewegung und der Arbeiterbewegung hinter sich und kandidierte 1872 in einer Aufsehen erregenden Kampagne bei den Präsidentschaftswahlen in den USA – fast 50 Jahre vor Einführung des Frauenwahlrechts. Ihre Aktivitäten waren ein Dorn im Auge auch von vielen fortschrittlichen Frauen und Männern: Der USA-Korrespondent der Gartenlaube, Otto von Corvin, ein alter 48er überschrieb seinen Bericht über die Kandidatur: Victoria Woodhull, der größte Humbug Amerika’s.

Antje Schrupp ist Philosophin, Publizistin und Bloggerin. 2007 gründete sie das Internetforum für Philosophie und Politik mit dem Titel „Beziehungsweise weiterdenken.“

Eintritt: 6 Euro, für Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft frei

 

 

Donnerstag, 19. Februar 18-20 Uhr
Luise-Büchner-Bibliothek, Literaturhaus (Kennedy-Haus), 2. Stock
(Nebeneingang, bitte klingeln!)

Bibliotheksgespräch: Luise Büchners Berichte über die ersten Ärztinnen in Amerika

In gemütlicher Runde bei Tee und Gebäck wollen wir einen Blick in Luise Büchners Schriften mit Thema Amerika werfen.

Eintritt frei, Spenden willkommen

 

 

Sonntag, 8. März Internationaler Frauentag
Von der Marktfrau zur Studentin
Treffpunkt 14 Uhr am Marktbrunnen

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Stadtrundgang auf Frauenspuren mit anschließendem Besuch der neuen Universitäts- und Landesbibliothek, wo wir im Sonderlesesaal alte Modezeitschriften und – bücher anschauen werden.

Anmeldung:

Email: luisebuechner@aol.com

Post: Luise-Büchner-Bibliothek, Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt

Eintritt frei

 

 

Mittwoch, 29. April 19 Uhr
Barbara Sichtermann (Berlin): Ich rauche Zigarren und glaube nicht an Gott – Ein Hommage an Louise Aston
Literaturhaus (Kennedy-Haus, Kasinostr. 3), Vortragssaal

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Sie war die deutsche George Sand, nicht nur wegen Zigarren und Hosen. Louise Aston ging mit Männern in Gastwirtschaften, mischte sich in die Politik ein, veröffentlichte unter eigenen Namen und wählte ihre Liebhaber selbst.

Barbara Sichtermann gehört zu den führenden Intellektuellen Deutschlands. Sie ist Autorin zahlreicher erfolgreicher Bücher. Ihre „Kurze Geschichte der Frauenemanzipation“, erschienen 2009, ist eines der besten Bücher über den langen Weg der Frauen zur Gleichstellung der Lebenschancen.

Eintritt: 6 Euro, für Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft frei

 

Samstag, 25. April
Tagesausflug nach Gießen mit dem Busunternehmer Brückmann.
Abfahrt um 8 Uhr auf dem Parkplatz des Jugendstilbads (Merckplatz)

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Das Museum in Butzbach

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Gedenkstein für Friedrich Weidig auf dem von ihm errichteten ersten Sportplatz in Hessen

Führungen auf den Spuren der Büchnergeschwister und anderer Frauen und Männer in Gießen und Butzbach.

Teilnahmegebühr (Busfahrt+ Führungen): 32 Euro

Anmeldung bei Ilse Kuchemüller.

Email: ilse.kuchemueller@t-online.de

Tel.: 06151/44400

 

 

Donnerstag, 21. Mai um 19.30 Uhr

„Ich, die Verworfenste der Welt“
Vortrag von Dr. Jutta Schütz mit Bildern und musikalischer Begleitung durch den Gitarristen David Beyer
Literaturhaus (Kennedy-Haus), Kasinostr. 3


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Als „Zehnte Muse“, als „Phönix von Amerika“, wurde die mexikanische Nonne Sor Juana Inés de la Cruz im 17. Jahrhundert gefeiert. Für eine Frau des Kolonialreiches Neu-Spanien hat sie einen beispiellosen Ruhm erlangt – und das mit überwiegend weltlicher Lyrik. Sie stand im Briefwechsel mit herausragenden Gelehrten und stritt um das Recht der Frau, sich zu bilden. Im 20. Jahrhundert wurde Sor Juana wiederentdeckt. Octavio Paz, Mexikos Nobelpreisträger für Literatur, hat ihr einen Essay gewidmet. Maria Bemberg drehte einen Film über ihr Leben, ihre Hauptwerke wurden erneut ins Deutsche übersetzt.

Eintritt: 6 Euro, für Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft frei

 

Sonntag, 31. Mai: Tag für die Literatur in Hessen

Der Schwerpunkt des 5. hessischen Literaturtags liegt auf „Naturerlebnissen“, also auf Veranstaltungen, die entweder open air stattfinden, oder die Landschaftsbeschreibungen und Naturerlebnisse thematisch in den Mittelpunkt stellen. Unsere Veranstaltung erfüllt beide Kriterien: In dem wunderschönen Barockgarten des Prinzen Georg und seiner Gemahlin, Prinzessin Marie Luise Albertine wollen wir die Geschichte des Gärtnerinnenberufs anhand literarischer Texte kennenlernen und anschließend im ehemaligen Gartenhaus des Kavalleriegenerals Pretlack Gedichte und Texte von Luise Büchner zur Natur und Landschaft hören.

15 Uhr: Gärtnerin als Beruf – Rundgang mit Agnes Schmidt
Treffpunkt im Herrengarten am Eingangstor zum Prinz-Georg-Garten

Luise Büchner: Auf dem Lande, namentlich in der Nähe größerer Städte würde sich auch am schönsten ein Berufszweig entwickeln, den wir nicht gerade neu nennen können, weil er in Frauenklöstern schon im Mittelalter mit großem Geschick gepflegt wird, wir meinen die Gärtnerei, die Obst-, Gemüse- und Blumenkultur.

16 Uhr: „Wie bist du schön, o Rose!“ – Musikalische Lesung im Pretlackschen Gartenhaus
Lesung: Dr. Jutta Schütz und Sigrid Schütrumpf Musikbegleitung: Marcella Hagenauer

Luise Büchner (1821-1877) ist vor allem als Autorin von Schriften zur Frauenfrage bekannt. Die hochbegabte Tochter des Medizinalrats Ernst Büchner und seiner Frau Caroline schrieb jedoch auch Gedichte im Stil der romantischen Dichtung jener Zeit sowie Erzählungen und Reiseberichte. Die Luise-Büchner-Gesellschaft stellt eine Auswahl aus Luise Büchners Gedichtband „Frauenherz“ und Auszüge aus ihren Reiseberichten vor.

 

Eintritt frei, Spenden willkommen!

 

SPeterBrunner

von Peter Brunner

11.4.2014

„… davon verstehen Frauenzimmer nichts!”

Am 11. April 1825 wurde Ferdinand Lassalle in Breslau geboren.

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Lassalle 1860. Foto von Philipp Graff (wikipedia)

 

Im Programm der „Fabelhaften Büchnerbande“ zitieren wir:

Ludwig Büchner spielte eine wichtige Rolle bei der Auseinandersetzung um die Ausrichtung der deutschen Arbeiterbewegung. Er wollte mit einem breiten Volksbündnis die Gesellschaft verändern, die Sozialdemokraten wollten alleine die Arbeiter organisieren. In seiner Broschüre „Meine Begegnung mit Ferdinand Lasssalle” schreibt Ludwig 1894 im Rückblick:

„Nichts könne der Reaktion erwünschter sein und uns mehr schaden, als eine Entzweiung von Bürgertum und Arbeiterstand im gegenwärtigen Augenblick. … Auch solle man sich nicht durch die Schlagworte „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ ins Bockshorn jagen lassen, da diese Worte an und für sich gar keinen gefährlichen Sinn haben. Jeder Staat oder jede staatliche Gemeinschaft sei mehr oder weniger sozialistisch und kommunistisch, und es komme dabei nur auf das mehr oder weniger an. … In meinem Tagebuch vom fünfzehnten Mai 1863 finde ich folgende Aufzeichnung: „ … In der Unterhaltung selbst fiel es auf, dass Lassalle, der doch ein Apostel des „Volks“ sein wollte, sich sehr verächtlich über den „Mob“ äußerte und seinem Widerwillen darüber, dass er auf seinen Agitationsreisen mit jedem Arbeiter die schmutzige oder Schweißhand drücken müsse, sehr energischen Ausdruck gab. … Obgleich vollkommener Weltmann, ließ er sich doch hinreißen, die Regeln der Höflichkeit gegen Damen außer acht zu setzen, indem er meiner Schwester Luise, der Verfasserin von „Die Frauen und ihr Beruf“ , welche sich einmal in die Diskussion gemischt hatte, zurief: „davon verstehen Frauenzimmer nichts – ” und die vollständig eingeschüchterte Rednerin damit für den übrigen Teil des Tages mundtot machte. … ”

Lassalles Werke sind online hier zugänglich, sein „ehernes Lohngesetz“ ist längst wiederlegt. Und mindestens ein Fußnote ist es wert, dass es ein „Netzwerk der Korporierten in der SPD“  unter seinem Namen gibt, das sich u.a. so äußert: „Lassalles Herkunft ist bürgerliches Milieu, ein klares Bekenntnis dazu täte unserer Partei gut.“  Gemessen an Ludwig Büchners Erfahrungen bei der Bemühung um die Einheit der Opposition gegen Lassalle eine späte Einsicht.

 

von Peter Brunner

1.4.2014

Von der Realität eingeholt – früheste Handschrift Georg Büchners aufgefunden

Filed under: Ausstellungen,Büchner,Georg Büchner,Geschichte,Zeitgen — peter brunner @ 01:26

EDIT 2.4.2014:

Ich gestehe: das Tapetenrelikt gibt es nicht. Der Fund muss ein Aprilscherz bleiben und Gedanken über Tapetenschmierereien Büchners eine Imagination – wenn auch nicht die unwahrscheinlichste unter denen, die wir inzwischen zu ertragen hatten …

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Giovanni Francesco Caroto: Knabe mit Zeichnung 
1. Hälfte 16. Jhd., Museum Castelvecchio, Verona
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In der in Darmstadt kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung aus Anlass von Georg Büchners 200. Geburtstag war von Ausstellungsmacher Ralf Beil eine Anmutung des Familienzimmers der Büchners installiert worden, in dem zwar nicht die Familie vorkam, aber als Memento eine eigens angefertigte Tapete angebracht war. Beil hatte sie mit zwei ganz unterschiedlichen Motiven, dem „Blutschwamm” aus einer frühen medizinischen Veröffentlichung des Vaters Ernst Büchner, und der Reproduktion der Locke Georg Büchners, die auch im Original gezeigt wurde, bedrucken lassen.

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Die imaginierte Tapete aus der Ausstellung 

Tatsächlich hat Georg Büchner in der Darmstädter Grafenstrasse, die das Ausstellungszimmer imaginieren sollte, gelebt. 

Das es allerdings eine Original-Tapete, und sei es auch nur ein unscheinbarer Rest, aus Büchner’schen Häusern geben könnte, hatte niemand zu träumen gewagt. Schon lange ist bekannt, dass die Büchners in Darmstadt aus der bescheidenen Dienstwohnung im Hospital schon recht bald an den Marktplatz, von dort in die obere Baustraße (heute Elisabethenstraße), und erst dann ins eigene Haus in der Grafenstraße gezogen sind. Zu dem Haus in der Oberen Baustraße konnte ich vor einiger Zeit neue und bis dahin unbekannte Details ermitteln, weil mich eine Nachfahrin des Vermieters der Büchners, Ernst Emil Hoffmann, auf einige Hinterlassenschaften ihrer Familie aufmerksam machte. Dort sind zwei von Georgs Geschwistern, Luise (1821) und Ludwig (1824), geboren, Georg Büchner war zu der Zeit also zwischen sieben und zehn Jahre alt. Zu den mir überlassenen Materialien gehört ein lithographiertes Familienbild der Hoffmanns und eine mehrbändige genealogische Ausarbeitung, auf deren allerletzter Seite ich das lang gesuchte Hoffmann’sche Haus abgebildet fand:

 

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Ludwigsplatz, Haus Böttinger um 1935

Das gleiche Haus auf einer Photographie aus den 1930er Jahren
als „Haus Böttiger“. (Zur Orientierung: das Haus stand dort,
wo sich heute das „C&A”-Kaufhaus befindet) 
mit freundlicher Erlaubnis des Stadtarchiv Darmstadt 

Bei eben diesen Unterlagen fand sich auch ein unscheinbarer Abriss einer beigefarbenen  Papiertapete, dünn mit ungelenker Hand beschriftet. Bei einem weiteren Besuch bei den Hoffmann’schen Nachfahren bin ich auf dieses Blatt, das ich kaum beachtet hatte, mit der Frage angesprochen worden, warum ich denn den Namenszug Georg Büchners nicht in die Ausstellung gegeben hätte. Die Familie ist nämlich steif und fest davon überzeugt, dass das unscheinbare Stück Papier von der Familie von der Zimmerwand abgelöst und aufbewahrt wurde. In ihrer Überlieferung heißt das Blatt „der Georg-Krakel“ und soll nichts weniger sein als die allererste schriftliche Hinterlassenschaft des Dichters, eine ungelenke Schreibübung, unerlaubt auf die Tapete gekritzelt. Ich darf das Blatt mit freundlicher Genehmigung hier erstmals zeigen:

 

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Vielleicht die früheste schriftliche Hinterlassenschaft Georg Büchners?

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Zum Vergleich
Georg Büchner: eigenhändige Unterschrift des Schülers
hier in „französischer” Schreibschrift, der Text in Deutscher Schrift 

Klassik-Stiftung Weimar 

 

In der Tat ist dem geübten Leser alter deutscher Handschriften möglich, die Auf- und Abs der Deutschen Schrift zum Namen Georg in den gut sichtbaren Zeichen zu erkennen. Die Tapete kann gut beim Auszug der Büchners beseitigt worden sein, Hoffmann, der mit Georg Büchners Stief-Großmutter, der dritten Frau des Vaters von Ernst Büchner, verwandt war und den Kindern gegenüber vielleicht wie ein Onkel auftrat, mag sie aus Sentimentalität aufbewahrt haben.

In den nächsten Wochen werde ich versuchen, das Alter und womöglich die Handschriftzuordnung verifizieren zu lassen. Natürlich berichte ich hier.

von Peter Brunner

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