Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

30.11.2016

DER BÜCHNERPREIS DER DEUTSCHEN AKADEMIE FÜR MÄNNERSPRACHE UND MÄNNERDICHTUNG

Filed under: Uncategorized — peter brunner @ 12:16

Am 27. 11. 2016 erhielt Luise F. Pusch in Darmstadt den Luise Büchner-Preis für Publizistik.

Während zunächst „nur“ die Glosse zum Büchnerpreis hier wiedergegeben wurde, hat Luise F. Pusch uns nun ihr ergänztes Redemanuskript zur Verfügung gestellt, das gleich zu Beginn erläutert, warum wir darauf ein paar Tage warten mussten:

Dankesrede zur Verleihung des Luise-Büchner-Preises

Luise F. Pusch

 

Vorbemerkung: Die „echte“ Dankesrede am 27. November 2016 hielt ich aus dem Stegreif – warum, erkläre ich weiter unten. Sie lesen hier eine Rekonstruktion aus dem Gedächtnis, wobei ich noch dies und das ergänzt habe, was ich auch noch gern gesagt hätte.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder des Vorstands und andere Freundinnen und Freunde der Luise-Büchner-Gesellschaft,

ich freue mich sehr über den Luise-Büchner-Preis und über die gute Gesellschaft, der ich damit zugeordnet wurde. Da ist einmal Luise Büchner selbst, die ich als eine Pionierin der deutschen Frauenbewegung sehr verehre, und da sind die vorangegangenen Luise-Büchner-Preisträgerinnen: Bascha Mika, Julia Voss, Lisa Ortgies und Barbara Sichtermann, bedeutende Persönlichkeiten der noch viel zu dünn besiedelten feministischen Medienlandschaft.

Als feministische Sprachwissenschaftlerin kann ich es mir nicht verkneifen, ein paar Bemerkungen zu dem Umstand zu machen, dass in Darmstadt zwei Büchner-Preise verliehen werden. Der eine ist der angesehenste deutsche Literaturpreis, ist ziemlich hoch dotiert, wird fast ausschließlich an Männer vergeben und meist kurz Büchner-Preis genannt. Der andere heißt Luise-Büchner-Preis für Publizistik, ist geringer dotiert und weniger bekannt und wurde bisher nur an Frauen vergeben. Sie sehen, die beiden Preise bilden die Geschlechterhierarchie ziemlich akkurat ab.

Dazu passt auch die folgende Anekdote: Als im Mai der diesjährige Büchnerpreis dem Suhrkamp-Autor Marcel Beyer zugesprochen wurde, schrieb ich meinen beiden Verlagen, Suhrkamp und Wallstein, stolz eine Mail: „Den anderen Büchnerpreis habe ich bekommen!“ Suhrkamp hat bis heute nicht darauf reagiert, wohl aber meine Lektorin bei Wallstein, die sich sehr mit mir freute.

Nun möchte ich meinen Dank etwas persönlicher aussprechen. Herr Brunner vom Vorstand der Luise-Büchner-Gesellschaft hat mich seit der Ankündigung, dass ich den Preis bekommen sollte – das war im Frühsommer – besonders freundlich, aufmerksam, kompetent und charmant durch alle Orga-Angelegenheiten begleitet. Die Luise-Büchner-Gesellschaft pflegt nämlich eine ungewöhnlich aufwendige und empathische Willkommenskultur. Das empfanden wir als sehr wohltuend. Wir kamen mit einer Stunde Verspätung in Darmstadt an – macht nix, sagte Herr Brunner beruhigend, wir warten hier auf Sie. Es war ein feministischer Stadtrundgang geplant unter Leitung von Agnes Schmidt, der Vorstandsvorsitzenden. Dieser Stadtrundgang musste nun abgeändert und vor allem gekürzt werden, denn es war schon fast dunkel, als wir ihn endlich antreten konnten. Frau Schmidt ist eine sehr kundige Führerin – ihr profundes Wissen zur Frauengeschichte und ihr intensives Engagement für die Sache der Frauen haben mich fasziniert und beeindruckt. Dafür, und auch für Ihre Rede zur Einführung, in der all das zum Ausdruck kam, ganz herzlichen Dank!

Beim Stadtrundgang waren wir sieben Personen, drei aus Darmstadt, Frau Schmidt, Herr Brunner und Frau Brunner, sowie vier aus unserer alten Hannover-Clique, wie wir uns seit 30 Jahren nennen – inzwischen in alle Himmelsrichtungen zerstreut: Dr. Hiltrud Schroeder aus Berlin, Prof. Dr. Eva Rieger aus Liechtenstein und Prof. Dr. Joey Horsley aus Boston. Nur ich wohne noch immer in Hannover. Die Clique hat gemeinsam viel Feministisches ausgeheckt und gegen zig Widerstände durchgezogen: Den Kalender „Berühmte Frauen“ seit nunmehr 30 Jahren, etliche Bände Frauenbiographien und vor allem das frauenbiographische Web-Portal FemBio. Es ist schön, diese lieben Mitstreiterinnen heute um mich zu wissen. Ich danke Euch von Herzen! Meiner Freundin Eva auch für die schöne, einfühlsame Laudatio – da ich selbst gerade eine halten durfte, weiß ich, was das für eine schwierige Textsorte ist. Und meiner Lebensgefährtin Joey Horsley. Ihr verdanke ich, dass mein Leben, das während der ersten vier Jahrzehnte privat äußerst dunkel und schwierig war, sich wunderbar aufgehellt hat, per aspera ad astra.

Zurück zum Stadtrundgang: Leider bin ich beim schnellen Überqueren einer Straße gestolpert, der Länge nach hingeschlagen und auf den Kopf gefallen. Deshalb war ich nicht in der Lage, noch eine schöne Dankesrede im Hotelzimmer auszuarbeiten, in die meine Eindrücke „vor Ort“ doch „ganz frisch“ einfließen sollten. Stattdessen lag ich dösig auf meinem Hotelbett. Joey leistete erste Hilfe mit Unmengen von Eis, die sie aus der Bar holte und auf meinen dicken Beulen am Knie, auf beiden Händen und an der Stirn verteilte.

Am liebevoll geplanten und sehr opulenten Festessen konnte ich dann aber doch teilnehmen und sogar etliche Gläser von dem edlen Wein trinken. Der Vorstand war voller Mitgefühl – zusammen mit den Schmerztabletten war das die optimale Kur für meinen lädierten Zustand. Aber eine schöne Dankesrede konnte so natürlich nicht entstehen und entstand auch heute früh noch nicht. Zum Glück habe ich aber Ersatz dabei, nämlich eine meiner „ätzenden Glossen“. Da sie einen feministischen Blick auf „den anderen Büchnerpreis“ wirft, dachte ich, sie könnte heute gut passen und denen, die meine Texte nicht kennen, einen Einblick in das geben, wofür ich hier heute geehrt werde.

 

 

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Agnes Schmidt und Luise F. Pusch

Die Begründung der Jury lautete:

Als Wissenschaftlerin hat sie der Frauenbewegung mit der feministischen Linguistik grundlegende Erkenntnisse und unersetzliche Anregungen gegeben. Als Hüterin und Vermehrerin des Schatzes weiblicher Biografien ist sie zu einer Institution weiblichen Selbstverständnisses geworden. Als Publizistin trägt sie zu einer Welt bei, in der Vernunft und Gleichberechtigung die Grundlage menschlichen Zusammenlebens werden sollen. Damit steht sie in der Tradition Luise Büchners,  für die die weltbewegende Kraft von historischer Kompetenz und kritischer Publizistik Werkzeug des Fortschritts war.

In ihrem Dank hat sie die folgende Glosse vorgetragen.

Freundlicherweise hat sie mir einen Text überlassen, der mit Hyperlinks zu den Quellen versehen ist; diese habe ich auf Funktion, aber nicht auf Inhalt überprüft. Der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft ist übrigens nicht von dem Größenwahn befallen, den kleinen, jungen Preis in eine Reihe mit dem traditionsreichen und durchaus auch verdienstvollen Büchnerpreis der Akademie für Sprache und Dichtung zu stellen. Die Preisträgerinnen allerdings schon. Und die Satzung des Luise Büchner-Preises für Publizistik lässt sehr wohl auch die Prämierung eines Mannes zu. Bisher waren Frauen besser.

2016 waren die Jurymitglieder für den Büchnerpreis: Präsident Heinrich Detering, Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner – 3:7.

Für den Luise Büchner-Preis für Publizistik entschieden neben den 6 Vorstandsmitgliedern – 4:2 – Vertreterinnen des Lions-Club Louise Büchner, des Magistrats der Stadt, des Darmstädter Echo und ein weiterer Publizist – 2:2, also insgesamt 6:4

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Schreiben Männer hierzulande wirklich neunmal besser als Frauen? In England samt ehemaligen Kolonien schreiben sie anscheinend nur doppelt so gut wie Frauen: Sie bekamen seit 1969 „nur“ doppelt so häufig den Man Booker Preis (15:30). In den USA schreiben Männer seit Bestehen des Pulitzerpreises für Fiction (1948) nur knapp zweieinhalbmal besser als Frauen (17:41). In Frankreich seit Bestehen des Prix Goncourt (1903) dafür sogar elfmal besser (9:99). Ob das an der Gleichsetzung von „égalité“ mit „fraternité“ liegt?20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_081

Dieser Tage  [Mai 2011] lasen wir in der Presse, dass der Büchnerpreis – wichtigster Preis für deutschsprachige Literatur – an F. C. Delius geht. Freut mich für ihn – aber eigentlich war ja Ilse Aichinger endlich mal dran, schließlich wird sie im November 90, allzu viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ihr Mann, Günter Eich, bekam den Preis schon vor 52 Jahren, 1959, mit 52 Jahren. Also nun mal los, meine Herren, worauf warten Sie denn noch? Delius ist erst 68, er schätzt Aichingers Werk und hätte ihr bestimmt gern den Vortritt gelassen.  [Aichinger starb am 10. November 2016; die Akademie hat ihre Chance ungenutzt verstreichen lassen.]

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die den Preis jährlich vergibt, lässt in den Jurys kaum mal eine Frau zu und hat infolgedessen in den vergangenen 60 Jahren kaum mal eine Frau ausgezeichnet. Nur sieben an der Zahl fand sie des Büchnerpreises würdig:

1955 Marie Luise Kaschnitz mit 54

folgen 9 Jahre Männerpreise

1964 Ingeborg Bachmann mit 38

folgen 16 Jahre Männerpreise

1980 Christa Wolf mit 51

folgen abermals 16 Jahre Männerpreise

Mitte der neunziger Jahre scheint die Frauenbewegung auch in der Darmstadter Akademie angekommen zu sein (ähnlich wie seit 1991 in der Stockholmer Nobel-Akademie, die zwischen 1991 und 2009 genau so viele Frauen auszeichnete wie in den 90 Jahren davor, nämlich sechs, macht zusammen zwölf). 1996 erhält Sarah Kirsch den Büchnerpreis mit 61 Jahren, und von da an werden die Pausen kürzer:

1998 Elfriede Jelinek mit 52
2001 Friederike Mayröcker mit 77; ihr Gefährte Ernst Jandl bekam den Preis schon 17 Jahre vor ihr mit 59 Jahren.
2005 Brigitte Kronauer mit 65

Folgen 7 Jahre Männerpreise

Nachtrag:
2012 Felicitas Hoppe mit 51,
2013 Sibylle Lewitscharoff mit 59.

Nach dem kurzen Frauenfrühling wurde es also gleich wieder männlich-herbstlich. Zwischen 2005 und 2012 kein einziger Büchnerpreis mehr für eine Frau, nichtmal an Nobelpreisträgerin Herta Müller! Böswillig verpasst hat die Akademie auch Hilde Domin; sie starb 2006 mit 96 Jahren, da wäre vorher ja wohl genug Zeit gewesen.

Die beiden neben Kafka berühmtesten deutschsprachigen Schriftsteller, Thomas Mann und Bert Brecht, bekamen den Büchnerpreis nicht. Sie starben vielleicht zu früh; die „geistige Führungsschicht“ Deutschlands schmollte in den fünfziger Jahren noch gegen die Emigranten. Aber die drei männlichen deutschsprachigen Nachkriegs-Nobelpreisträger für Literatur, Böll, Canetti und Grass, sind selbstverständlich auch Büchnerpreisträger. Von den drei NobelpreisträgerinnenNelly Sachs, Elfriede Jelinek und Herta Müller, bekam nur Jelinek den Büchnerpreis.

Drewitz und (unverzeihlich!) Haushofer haben sie verpasst, desgleichen Fleißer und Reinig, Wohmann – und nun auch noch Aichinger. Gabriele Wohmann, gebürtige Darmstädterin, Mitglied der Akademie und wohnhaft in Darmstadt, musste Jahr um Jahr erdulden, dass der Preis vor ihren Augen an andere verliehen wurde.

Der Büchnerpreis ist die Eintrittskarte für ein besseres Schriftstellerleben: Weitere lukrative Preise, höhere Auflagen, mehr Einladungen zu Lesungen mit höheren Honoraren, Gastprofessuren, Auslandsstipendien, undsoweiter. Schriftstellerinnen gebührt auch ein Stück von diesem Kuchen, und zwar genau jene Hälfte, die die Männer bisher brüderlich unter sich aufteilten. Leserinnen und Leser würden auch profitieren von einer weniger männerlastigen Literaturlandschaft.

Da unser angesehenster und höchstdotierter Literaturpreis ein Männerpreis ist, obwohl er zur Hälfte von weiblichen Steuergeldern finanziert wird, sollten wir nicht nur eine geschlechtergerechte Besetzung der Jury, sondern überdies die Preisvergabe nach dem Reißverschlussprinzip fordern. Rückwirkend! Bei insgesamt bisher 65 verliehenen Preisen hätten 33 an Frauen gehen müssen, es waren aber nur 9, die restlichen 56 gingen an Männer. Fehlen also noch 47 Frauen, bevor wieder ein Mann dran ist. Zunächst mal kommen Herta Müller, Monika Maron, Ulla Hahn, Marlene Streeruwitz, Julia Franck, Waltraud Anna Mitgutsch, Kathrin Schmidt, Terézia Mora, Katja Lange-Müller, Birgit Vanderbeke, Sigrid Damm. Postume Preise sollten gehen an die ErbInnen von Ilse Aichinger, Ruth Rehmann, Angelika Schrobsdorff, Gabriele Wohmann, Nelly SachsIrmgard KeunMarieluise Fleißer, Ingeborg DrewitzBrigitte ReimannMaxie Wander, Irmtraud MorgnerAnja LundholmCaroline MuhrChrista Reinig, Marlen Haushofer, Christine LavantChristine BustaAngelika MechtelLibuse Monikova. Undsoweiter, wir kriegen die Liste im Handumdrehen voll.

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Sie sehen, der Vorstand der Luise-Büchner-Gesellschaft hat das Unrecht erkannt und hält schon mal tapfer dagegen. Der Georg-Büchner-Preis ist ein Männerpreis, der Luise-Büchner-Preis ein Frauenpreis, jedenfalls ging er bisher ausschließlich an Frauen. Nur an der finanziellen Ausstattung muss noch nachgebessert werden, damit der „Gender Gap“, die Geschlechter-Kluft, nicht allzu weit klafft.

Sie haben vorhin in Eva Riegers Laudatio gehört, dass ich in jüngeren Jahren mal das Heisenberg-Stipendium bekommen habe. Es waren 300.000 DM, fünf Jahre absolute Forschungsfreiheit. Ich kam nicht dazu, den Geldsegen auszugeben, stattdessen habe ich rund um die Uhr für die feministische Linguistik gearbeitet. Aber nebenbei habe ich mit dem Pfunde gewuchert, nämlich erfolgreich an der Börse spekuliert. Und bald werde ich davon „etwas zurückzugeben“, wie es immer so nett heißt, und zwar u.a. der Luise-Büchner-Gesellschaft, als Dank für ihre Auszeichnung – und weil wir Frauen es einfach verdient haben!

 

Hannover, 12.12.2016

1.8.2016

„ … wo kein deutliches Bild ist, ist keine Vorstellung” *

Filed under: Uncategorized — peter brunner @ 23:40

Vor genau 200 Jahren, am 2. August 1816, wurde in Stockstadt Wilhelm Büchner als drittes Kind von Ernst und Caroline Büchner geboren.

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Wilhelm Büchner, ca. 1865. Modern kolorierte Fassung einer Originalfotografie aus dem Besitz seiner Familie.

Zu seinem Geburtstag macht es hier im Geschwisterblog wenig Sinn, erneut eine Biographie des bedeutenden Unternehmers, der mit einiger Berechtigung Gründer der STADT Pfungstadt genannt werden könnte, einzustellen: knapp findet sie sich hier. Darüber hinaus finden Interessierte mit der rechts angeordneten Suchfunktion auch diese Zusammenstellung der zahlreichen Beiträge, in denen er erwähnt wird. Gleich zu Beginn steht dort ein Scan seiner Geburtsurkunde und Bilder vom vermutlichen Standort des Geburtshauses in Stockstadt.

Noch nie wurden allerdings alle Portraits, die es von ihm gibt, und das sind immerhin 8, ein Aquarell und sieben Photographien, an einer Stelle gemeinsam gezeigt, und das soll die Hommage zu seinem Geburtstag sein. Ich ergänze diese eindeutigen Portraits um ein weiteres, das so frappierend ähnlich ist und darüber hinaus in einem so gut dokumentierten zeitlichen Zusammenhang entstanden ist, dass ich hier die Zuordnung wage, die mir jedenfalls naheliegender erscheint als die vor einiger Zeit behauptete Zuordnung des neu aufgetauchten Hoffmann-Bildes zu seinem Bruder Georg Büchner.

Es handelt sich um den Ausschnitt aus dem Skizzenbuch von Alexis Muston, das heute im Frankfurter Freien Deutschen Hochstift aufbewahrt wird und bekanntlich eines der raren Georg Büchner-Bilder beinhaltet. Das Bild von Georg Büchner hat sein Freund Alexis Muston anlässlich seiner Abreise aus Darmstadt im Oktober 1833 gezeichnet, bei einer Wanderung, auf der die beiden in Zwingenberg Wilhelm Büchner besuchten. Im September 2013 habe ich hier darüber berichtet, dort findet sich auch der Scan des Blattes, aus dem der hier gezeigte Ausschnitt stammt.

 

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1833. Bleistiftzeichnung von A. Muston

 

 

 

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1838. Aquarell von L. Becker

 

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Im Darmstädter Echo konnte ich hier einen Beitrag zum Geburtstag veröffentlichen, und auf sein Grab habe ich einen Blumengruß gestellt.

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*G. C. Lichtenberg, Sudelbücher, 1777

 

Peter Brunner

Peter Brunner

von Peter Brunner

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11.12.2015

Die Cloud weiss, wo Deine Vorfahren wohnten

Kürzlich habe ich hier über Elisabeth Büchner, Wilhelm Büchners Frau, berichtet. Dort  veröffentlichte ich auch ein Foto, das sich in der Hinterlassenschaft der Familie erhalten hat und von Ernst Büchner, ihrem Sohn, beschriftet wurde mit: „Mamas Geburtshaus in Gouda”.

 

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Büchner-Wohnhaus in Gouda. Auf der Rückseite von Ernst Büchner hschr. beschriftet: „Mamas Geburtshaus in Gouda”

Auf Facebook fand ich über Vermittlung der Tourist-Information eine Gruppe, die „Gouda Vroeger & Nu” („Gouda einst und jetzt“) heißt. Dort fragten die freundlichen Goudaer Fremdenbetreuer für mich nach:

„Wie kan ons vertellen waar dit huis in Gouda staat? De Duitse familie van Wilhelm Büchner (1816* – 1893†, arts) is op zoek naar zijn voormalig woonhuis (rond 1845).
(„Wer weiß, wo diese Haus in Gouda steht? Die deusche Familie von Wilhelm Büchner ist auf der Suche nach seinem früheren Wohnhaus”)

Schon Minuten später kam die Antwort „Turfmarkt”, kurz danach die Hausnummer (54/56). Jetzt konnte ich selbst bei Google nachsehen und fand die aktuelle Ansicht des Hauses, die bei ausreichender Vergrößerung sogar die Aufschrift „W. F. Büchner Huis” zeigt (beim Klick auf das Foto öffnet sich Googles Streetview):

 

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Gouda, Turfmarkt 56. Google Streetview-Ansicht vom 11. 12. 2015

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Gouda, Turfmarkt 56. Google Streetview-Ansicht vom 11. 12. 2015 (w.o.). Vergrößerte Ansicht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Später wurde auch noch ein Aufnahme veröffentlicht, die einen Zwischenstand des Hauszustandes zeigt:

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Ein nicht besonders bedeutendes Detail der Büchnerschen Familiengeschichte, das sich natürlich auch mit einer Archivsuche in Gouda hätte machen lassen (die hierdurch auch nicht zu ersetzen ist), aber sich auf diesem Wege die „Weisheit der Cloud” zu nutze machte und mir ein paar informelle Kontakte nach Gouda verschafft hat.

SPeterBrunner

von Peter Brunner

6.8.2015

Irgendwas mit Revolution

Filed under: Uncategorized — peter brunner @ 12:09

Noch bis zum 13. September können

Beitragsvorschläge vor allem zum Themenkomplex „Georg Büchner und die Revolution“.  
Auch andere das Werk Georg Büchners berührende Themenvorschläge sind herzlich willkommen.

zur Jahrestagung der Georg Büchner Gesellschaft (30./31. 10. in Marburg)  eingereicht werden, teilt diese hier und  hier (bei H-Net) mit.

Da wird sich ja wohl ‚was finden lassen. Google findet zu den beiden Stichworten z.B. 169.000 Einträge. Ob und wie das Motto

„Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen (…)“. Georg Büchner und die Revolution”

(aus der Saint Just Rede im Danton) Weichen stellen soll, wird sich wohl erst am Ende der Tagung erweisen.

20.6.2015

Wer wollte noch Freiheitslieder singen, wo die Gegenwart nichts empfinden ließ als die hoffnungslose Erinnerung an eine große Enttäuschung

Filed under: Georg Büchner,Geschichte,Luise Büchner,Uncategorized — Schlagwörter: , , , — peter brunner @ 12:56

Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dazu Informationen hier vom UNHCR und hier von der UNO-Flüchtlingshilfe.  Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Der „Neue Landbote”, die Internet-Zeitung für Rhein-Main und Mittelhessen, hat daran hier mit einer Zusammenstellung von Zitaten Georg Büchners erinnert.

Der löbliche und angemessene Hinweis ist an dieser Stelle noch um Informationen auf weitere Büchner-Flüchtlingsschicksale zu ergänzen.

Weniger dramatisch und nur kurzfristig war Alexander Büchners Flucht vor Verfolgung ins Versteck bei seinem Pfungstädter Bruder Wilhelm. Ich schrieb dazu 2009:

„Komischerweise hat noch nie jemand darauf hingewiesen, wie aberwitzig dieser „Ausflug” am  Pfingstmontag, dem 28. Mai 1849, tatsächlich war. Alexander hatte sich nämlich in Pfungstadt in den weitläufigen Örtlichkeiten der Blaufabrik vor Verfolgung versteckt, und ausgerechnet in den durchaus absehbaren Geplänkeln der Revolutions-Niederschlagung  „spazierenzugehen”, darf man schon waghalsig nennen. Das „Gefecht bei Heppenheim” zwischen den badischen Revolutionstruppen und den Soldaten der hessischen Konterrevolution fand nur zwei Tage später, am 30. Mai, statt. Alexander riskierte im wörtlichen Sinn sein Leben, und vielleicht sollten wir ihm zugestehen, dass er sich vom Stand der Bedrohung überzeugen wollte und den „Spaziergang” in Zukunft besser „Erkundung” nennen.”

Später blieb ihm nichts anderes übrig, als Deutschland zu verlassen. Nachdem ihm der „Access ”, die Zulassung als Anwalt vor Gericht, entzogen worden war, hat er ein weiteres Studium absolviert. Auch als Sprachwissenschaftler gelang es ihm aber nicht, in Deutschland (und auch nicht in der Schweiz) angestellt zu werden. Seine bescheidene Karriere in Frankreich zum Professor für Deutsch an der Universätät von Caen entsprach durchaus nicht dem, was in einem liberalen Deutschland aus ihm hätte werden können. Er selbst schreibt in seinem Lebensbericht „Das tolle Jahr“

„Nun waren meine Aussichten als deutscher Schriftsteller zwar recht gut, andererseits aber reizte mich die Gelegenheit, das Französische grundmäßig kennen zu lernen sowie Land und Leute in nächster Nähe zu studieren, so daß ich mich schnell entschloss, das Angebotene zu ergreifen.” (a.a.O., S. 212)

Dies ist nun in mehr als einer Beziehung ein Alexander’scher Euphemismus: tatsächlich stand er trotz zweier Studien, doppelter Promotion und nachdem er ein durchaus vorzeigbares Werk vorgelegt hatte („Geschichte der englischen Poesie“, Darmstadt 1855), dem er 1858 „Französische Literaturbilder” (Frankfurt a.M., Herrmmann’scher Vlg.) folgen ließ, vor dem beruflichen Nichts. Seine Auswanderung nach Frankreich darf sehr wohl als Exil verstanden werden.

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Viele Freunde der Büchners mussten Deutschland zwischen 1837 und 1860 verlassen: zum Beispiel der arme Minnigerode, als Bote mit Exemplaren des Hessischen Landboten in Gießen verhaftet und im Gefängnis fast verückt geworden, und nur entlassen wurde, weil seine Familie zusagte, dass er nach Amerika auswandern werde (wo er ein neues Leben als Prediger begann); oder August Becker, der treueste Freund Georg Büchners, der nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt in die Schweiz gegangen war, von wo er zurück in die 48er Revolution kam und danach Landtagsabgeordneter wurde, bis ihm wegen angeblicher Gotteslästerung erneut Gefängnis drohte. Er könne nie wieder in ein deutsches Gefängnis gehen ohne zu sterben, soll er gesagt haben, bevor er 1853 in die USA floh. Oder Gustav Buß, der ebenfalls als 48er mit seiner Frau aus Karlsruhe in die USA floh und in den siebziger Jahren mit seinen Kindern zurück kam. Er hatte in Texas erleben müssen, dass die Südstaatler die Deutschen Exilanten mit Gewalt in die Armee pressen wollten und hatte sich dem, wie viele weitere Deutsche, widersetzt. Es kam zu Menschenjagden und Erschiessungen; Buss entkam nach Mexiko. In Darmstadt heiratete sein Sohn Karl („Don Carlos”) 1888 Ludwig Büchners Tochter Mathilde.

Luise Büchner schreibt über die Folgen der Niederlage von 1849:

„Strenge musste man sich hüten, das, was man dachte, nicht über die Lippen treten zu lassen, denn strafte das Gesetz schon jeden, den es erreichen durfte und konnte, mit voller Härte, so suchte man auch die bloße Gesinnung zu bestrafen, wo es im Bereiche der Möglichkeit lag. Diese Mißliebigen wurden dann zu keinem Amte mehr zugelassen, von den Staatsprüfungen zurückgewiesen, nicht befördert und sonst noch auf jede Weise bedrückt. So sahen sich auch noch in den folgenden Jahren viel strebsame, junge Männer genötigt, den Staatsdienst zu quittieren oder das Vaterland zu verlassen um ihre Kenntnisse um Auslande zu verwerten. Ein neuer Aufschwung der Literatur, welcher einigermaßen zu trösten vermocht hätte, war unter diesen Verhältnissen ebenso wenig zu erwarten: wer wollte noch Freiheitslieder singen und an die Herzen seiner Nation anpochen, wo die Gegenwart nichts empfinden ließ als die hoffnungslose Erinnerung an eine große Enttäuschung. Wo das Große nicht gedeihen konnte und nicht nehr ausgesprochen werden durfte, da kam das Kleine und Süßliche an die Reihe.” (Luise Büchner. Deutsche Geschichte, Lpzg. 1875, S. 570)

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Es ist bitter, das bis heute Menschen die schreckliche Erfahrung machen müssen zu fliehen. Und es ist unerträglich, das ausgerechnet in Deutschland, das so lange, so oft und so viele zu Flucht gezwungen hat, das Recht auf Asyl mit Worten und Taten in Frage gestellt wird.

SPeterBrunner

von Peter Brunner

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