Neues aus Buechnerland

Peter Brunners Buechnerblog

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Ölbilder und Aquarelle des Darmstädter Malers Fritz Büchner in der Kunstgalerie am Büchnerhaus

Fritz Büchner: Die evangelische Kirche von Eschollbrücken. Aquarell. Ca. 1925

Das Büchnerhaus präsentiert eine Sammlung von Öl- und Aquarellbildern mit Landschaften aus Odenwald, Bergstraße und Ried aus dem Besitz seiner Familie.

 

Vielleicht kann es den Besucher*innen gelingen, für einige der Motive den Ort zu erkennen, wie das vor einiger Zeit mit dem schönen Aquarell des Eschollbrücker Kirchturms gelang, das heute im Besitz der Stadt Pfungstadt ist.

 

Parallel dazu zeigt das Bücherhaus in Kopie ein kürzlich aufgefundenes Aquarell eines unbekannten Künstlers, das die Zürcher Landesbibliothek erworben und als Digitalisat veröffentlicht hat. Wir verdanken Reinhard Pabst und seiner unermüdlichen Spürnase diesen Hinweis. Es trägt die Beschreibung: „Georg Büchner im Odenwald“ und wird auf die Entstehungszeit um 1920 geschätzt. Ist Fritz Büchner der unbekannte Maler? In der Ausstellung können die Gäste im Vergleich mit den ausgestellten Originalen den Versuch unternehmen, das Rätsel zu lösen.

 

Während des Goddelauer Weihnachtsmarktes am 7. Dezember am Büchnerhaus, Weidstraße9, 14 bis 21 Uhr) und für weitere zwei Wochen bis zur Schließung des Museums zur Winterpause am 22. Dezember können die Bilder während der Öffnungszeiten des Museums Donnerstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr) besichtigt und erworben werden; die Übergabe der verkauften Bilder an die Erwerber wird so noch vor Weihnachten möglich. Dies ist voraussichtlich die letzte Gelegenheit, Originale günstig und direkt aus der Hand der Familie zu erwerben.

 

Fritz Büchner: Der Frankenstein von Osten. Aquarell. Ca. 1925

 

 

Der Maler Fritz Büchner (1. April 1880 – 22. Juni 1965)

 

Am 1. April 1880 wird in Pfungstadt der zweite Sohn von Ernst Büchner (1850 – 1925) und seiner Frau Mathilde (1852 – 1925) geboren. Sein Großvater ist der Pfungstädter Chemiefabrikant Wilhelm Büchner, ein Bruder des Dichters Georg Büchner. Vater Ernst Büchner ist promovierter Chemiker und Leiter der Pfungstädter „Blaufabrik“, der „technische Direktor“ der Wilhelm Büchner Actiengesellschaft. Mit seiner Frau (und Kusine) Mathilde Büchner (1852 – 1908) hat er bereits einen ersten Sohn, Carl (1877 – 1929). Die junge Familie lebt im „Schweizerhaus“, der „kleinen Villa“ auf dem Gelände des Büchnerparks, das der Vater Wilhelm Büchner für sie erbauen ließ. Die Ehe wird 1884 geschieden, Mathilde zieht mit den beiden Söhnen nach Darmstadt. Die beiden Brüder wachsen in wohlhabenden Verhältnissen auf, Carl Büchner wird Chemiker, Friedrich will als Maler leben. Am 1. April 1908 stirbt Mathilde Büchner in Darmstadt. Fritz lässt sich als Maler von dem Darmstädter Wilhelm Bader (1855 – 1920) anleiten. Bis heute befindet sich im Besitz der Nachfahren ein ausdrucksstarkes Portrait Fritz Büchners von Wilhelm Bader. Fritz ist befreundet mit Heinrich Zernin (1868 – 1951), der in Darmstadt und Umgebung der bekanntere Maler wird.

Wilhelm Bader: Der Maler Fritz Büchner

 

Der Malerfreund Friedrich Schlegel aquarelliert einen Stammbaum der Büchner-Famile, dessen Original verloren ist. Fritz Büchner heiratet 1911 in Darmstadt die Schweizerin Anna Julia Flückiger (* 1884). 1913 wird Karl Wilhelm, 1915 Anna Mathilde und 1918 Wilhelmine Henriette geboren. Er lässt sich in der Eberstädter Villenkolonie ein Haus bauen und zieht dort mit der Familie ein. Er malt Landschaften im Stil seiner Lehrer und Freunde, erreicht aber nicht deren Ansehen und Erfolg. Die Bilder werden bis heute für den „geschulten Blick für Landschaften und Motive“ (Albrecht Dexler) gelobt. Nach seinem Tod kommt es in den siebziger Jahren zu einer kleinen Ausstellung von Bildern in Pfungstadt. Seine drei Enkelinnen haben das Wohnhaus der Familie inzwischen verkauft.

Peter Brunner

von Peter Brunner

Auf ein Neues!

Der Förderverein Büchnerhaus e.V. hat wie schon im vergangenen Halbjahr sein Veranstaltungsprogramm vorgelegt; diesmal erstmals und als sichtbares Zeichen vom Zusammenwachsen im Büchnerland gemeinsam mit der Luise Büchner-Gesellschaft in Darmstadt. Mit unseren engen Freunden von der BüchnerBühne ist das diesmal nur deshalb nicht gelungen, weil dort einerseits zwangsläufig längerfristig voraus geplant (und dann eben auch veröffentlich) wird, und weil wir noch nicht wissen, ob und wie Sie, unser geschätztes Zielpublikum, die Termine und Angebote auf eine mindestens ähnlich gute Weise wie bisher präsentiert bekommen können. Letztlich ist das also also sowohl eine Koordinations- wie eine Gestaltungsfrage. Bleiben Sie gespannt – bis zum zweiten Halbjahr wollen wir das geschafft haben.

Hier finden Sie also das gemeinsame Veranstaltungsprogramm zum Download; lassen Sie sich nicht irritieren: das ist eigentlich zum Ausdruck auf einen DIN A 3 großen Bogen gestaltet, der dann zweimal gefaltet wird. So macht es Sinn, dass ein Teil des Textes der ersten Seite scheinbar verkehrtherum gesetzt wurde.

Wir bemühen uns, das Programm an möglichst vielen Stellen „analog” zur Verfügung, also zur Auslage für Sie, zu bringen. Selbstverständlich finden Sie es zum Mitnehmen bei all unseren Veranstaltungen.

So gesehen ist die einfachste Variante, wenn Sie einfach gleich am 24.1. ins Büchnerhaus zur ersten Veranstaltung des Jahres kommen.

Das kurze, aufregende Leben Georg Büchners hinterließ zahlreiche Fragen, die uns bis heute bewegen. Was wohl aus dem jungen Züricher Privatdozenten geworden wäre, wird immer wieder gefragt. 2018 hat das Büchnerhaus zusammen mit der Kreisvolkshochschule Antworten darauf gesucht, indem die Lebensläufe von Georg Büchners Geschwistern, der Familie, „die die Welt verändern wollte“, vorgestellt wurden.
Es wurde gefragt, wie weit sich seine Schwestern, Brüder und Nachfahren dem großen Vorbild verpflichtet sahen und ob und wie sie ihr eigenes Leben und Wirken als Fortsetzung oder Weiterentwicklung seiner Ideale und Vorstellungen verstanden. Gleichzeitig haben wir mit Unterstützung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung verfolgt, wie sich die Ideen der Republikaner an den Wendungen unserer Geschichte finden: anlässlich der Jubiläen im Jahr 2018 untersuchten wir 1793, 1848, 1918, 1948 und 1968. In diesen Jahren wurden politische Weichen gestellt, die die „langen Linien“ der republikanischen Ideen in unsere Gegenwart führen.


Die Beschäftigung mit historischen Ereignissen und mit dem Leben historischer Persönlichkeiten, insbesondere aus unserem eigenen lokalen Umfeld, vertieft die Erkenntnis darüber, „wie wir wurden, was wir sind“. Unsere Gegenwart ist vielfältig von ihren Persönlichkeiten und ihrem Einsatz für eine bessere Welt bestimmt.

2019 soll die Überlegung daher mit dem Blick auf einige von Büchners Freunden fortgesetzt werden.

Manche von Büchners Freunden haben viel länger als er gelebt und sind einflußreiche und bekannte Persönlichkeiten geworden, von anderen wissen wir kaum mehr als dass sie ihm begegnet sind. Im Büchnerhaus soll ihnen 2019 besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden: zum Beispiel
den klugen und einflußreichen Frauen wie Caroline Schulz und Minna Jaeglé, Wilhelm Schulz, dem „Mann, der Marx Ideen gab”, August Becker, der auch mit Alexander und Ludwig Büchner befreundet war und schließlich in die USA ging, den Darmstädter Schulfreunden wie Karl Minnigerode, den Elsässern um die Brüder Stoeber oder den Butzbachern um Fritz Weidig.

Die Referent*innen sind mit der Materie bestens vertraut und seit vielen Jahren in der Forschung um Georg Büchner tätig.



Donnerstag, 24. Januar 2019 |

VERANSTALTUNGSREIHE ZEITGENOSSEN: Georg Büchner

Peter Brunner, Leiter des Museums Büchnerhaus, erläutert das Konzept der Reihe.

Welchen Einfluss nehmen welthistorische Ereignisse auf die kleine Welt des Darmstädter Gymnasiasten? Was liest er? Was bedeutet ihm Freundschaft, was Liebe? Woher kommt die ungeheure Sprachgewalt, mit der er in kürzester Zeit ein Schauspiel über die Französische Revolution schreibt? Büchners kurzes, wildes, außergewöhnliches Leben bewegt uns bis heute. Diesmal nähern wir uns ihm und seiner Gedankenwelt über die Menschen, die ihn umgaben.

Die Veranstaltung bietet sich auch für diejenigen an, die im VHS-Kurs 2018 einen eigenen Abend für Georg Büchner vermisst haben.

| Kunstgalerie am Büchnerhaus | 18:30 Uhr | 8 €

von Peter Brunner

Peter Brunner

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„Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir eine Melodie summe…. ”*

„Der Büchnerschorsch, der Büchnerschorsch,

war nie in Golle Kerweborsch”

1607 wurde die Goddelauer Kirche geweiht, und das wird seit 410 Jahren als Kerb – Kirchweih – im Dorf gefeiert. Am 28. Oktober 1813 wurde hier Georg Büchner über dem bis heute erhaltenen Taufstein in der ebenfalls erhaltenen Taufschale getauft. Fremde, die sich auf den Weg machen, Büchners Geburtshaus zu besuchen, sind oft irritiert, weil sie entweder „Goddelau” auf der Landkarte nicht finden oder weil sie „Riedstadt“ angezeigt bekommen, wenn sie „Büchnerhaus” suchen. Das hat durchaus seine Ordnung und ist der hessischen Gebietsreform geschuldet, die aus fünf kleinen Riedgemeinden einen neuen Ort gemacht hat, der es seit einigen Jahren zum Attribut „Stadt” gebracht hat. Crumstadt, Erfelden, Leeheim, Goddelau, Wolfskehlen bilden seit 1977 die Gemeinde Riedstadt.

Regionalkundige wird es nicht wundern, dass das die traditionelle Eifersüchtelei zwischen nah beisamen gelegenen Ortschaften, insbesondere unter der jugendlich-männlichen Bevölkerung, durchaus nicht befriedet hat – die Stadtteile sind eifrig um die Wahrung ihrer je ganz eigenen Traditionen bemüht, während sich jahrhundertalte Uznamen, Kabbeleien und Eifersüchteleien erhalten.

Der oben zitierte Satz fiel während der Kerb in Erfelden, und wenn ich das richtig recherchiert habe, ist es eine Parodie auf einen Satz von Walter Renneisen, der in seinem Programm „Deutschland, Deine Hessen“ eben gerade behauptet hatte: „Der Büchnerschorsch, der Büchnerschorsch, der war in Golle Kerweborsch” (s.u.!) . Die Erfelder haben Recht: der Heranwachsende Georg Büchner, Gymnasiast des Pädagog zu Darmstadt, ist ganz bestimmt nicht mit den Goddelauer Bauernbuben zur Kerb um die Häuser gezogen. Allerdings sollten wir auch nicht ganz ausschließen, dass die Kirchweih für die Büchners Grund war, den Onkel, der als Arzt in Goddelau lebte, zu besuchen. Immerhin ist das das Datum, zu dem auch damals schon der traditionelle Quetschekuche  gegessen wurde, und der ist allemal ein guter Grund, zur Kerb ins hessische Ried zu kommen.

 

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:77.Geburtstag_2016_(4).jpg#

 

Schön und bemerkenswert an dem witzigen Spruch scheint mir, dass es Georg Büchner in seiner Heimat ins Volkstümliche geschafft hat: auch wenn er nur kurz hier gelebt hat, so ist er doch für immer mit seinem Heimatort verbunden, sei es auch mit einer Persiflage, mit der im Nachbarort davor gewarnt wird, sich darauf allzu viel einzubilden.

Zur Goddelauer Kerb am Sonntag, dem 8. Oktober 2017,  bleibt das Museum traditionell geschlossen.

* Georg Büchner am 20. Januar 1837, kurz vor seinem Tod, an die Geliebte Minna

Nachtrag am 26.9.:

Gerade schreibt mir Klaus Lohr vom legendären Mundart-Duo „Bees denäwe”:

„ … das Zitat ist auf meinem geistigen Misthaufen gewachsen. Das hat auch nix mit der Eweller Kerb zu tun.

 Ich hatte früher bei meinen Auftritten erzählt, dass ich im Büchnerhaus in Golle einen Job als Fremdenführer machen wollte und dass die Herren und Damen vom Förderverein Zweifel an meinem Wissensstand gehabt hätten.

Da ich aber schon in der Schule Büchners gesamten Lebenslauf in Gedichtform niedergeschrieben hätte, habe ich versucht sie mit diesem Gedicht zu überzeugen. 

 Das Gedicht fing mit diesem Reim an ….. und es geht aber dann auch nicht weiter ….. weil mich der Förderverein schon nach diesen Zeilen entrüstet des Hauses verwiesen hätte.

 Dabei hatte ich doch recht: Denn der Büchner-Schorsch konnte nie in Golle Kerweborsch sein  — weil er (nach meinem Wissensstand) schon mit 3 Jahren nach Darmstadt gezogen ist …. da war er für einen Kerweborsch viel zu Jung. Viel zu jung zum Autoscooterfahren und zum Saufen.

Ich weiß nicht, wer dem Renneisen den Vers hat zukommen lassen. 

Bees denäwe ist immer noch das Kokolores-Dichtkunst-Original.“

Freut mich, dass so zur historisch-kritischen Quellensicherung beigetragen werden kann. An meiner Bemerkung zum Übergang ins Volkstümliche ändert das ja nichts, denn der Spruch fiel tatsächlich auf der Erfelder Kerb.

Und: Im Büchnerhaus wird niemand wegen kritischer Bemerkungen „des Hauses verwiesen”!

 

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

DER BÜCHNERPREIS DER DEUTSCHEN AKADEMIE FÜR MÄNNERSPRACHE UND MÄNNERDICHTUNG

Am 27. 11. 2016 erhielt Luise F. Pusch in Darmstadt den Luise Büchner-Preis für Publizistik.

Während zunächst „nur“ die Glosse zum Büchnerpreis hier wiedergegeben wurde, hat Luise F. Pusch uns nun ihr ergänztes Redemanuskript zur Verfügung gestellt, das gleich zu Beginn erläutert, warum wir darauf ein paar Tage warten mussten:

Dankesrede zur Verleihung des Luise-Büchner-Preises

Luise F. Pusch

 

Vorbemerkung: Die „echte“ Dankesrede am 27. November 2016 hielt ich aus dem Stegreif – warum, erkläre ich weiter unten. Sie lesen hier eine Rekonstruktion aus dem Gedächtnis, wobei ich noch dies und das ergänzt habe, was ich auch noch gern gesagt hätte.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder des Vorstands und andere Freundinnen und Freunde der Luise-Büchner-Gesellschaft,

ich freue mich sehr über den Luise-Büchner-Preis und über die gute Gesellschaft, der ich damit zugeordnet wurde. Da ist einmal Luise Büchner selbst, die ich als eine Pionierin der deutschen Frauenbewegung sehr verehre, und da sind die vorangegangenen Luise-Büchner-Preisträgerinnen: Bascha Mika, Julia Voss, Lisa Ortgies und Barbara Sichtermann, bedeutende Persönlichkeiten der noch viel zu dünn besiedelten feministischen Medienlandschaft.

Als feministische Sprachwissenschaftlerin kann ich es mir nicht verkneifen, ein paar Bemerkungen zu dem Umstand zu machen, dass in Darmstadt zwei Büchner-Preise verliehen werden. Der eine ist der angesehenste deutsche Literaturpreis, ist ziemlich hoch dotiert, wird fast ausschließlich an Männer vergeben und meist kurz Büchner-Preis genannt. Der andere heißt Luise-Büchner-Preis für Publizistik, ist geringer dotiert und weniger bekannt und wurde bisher nur an Frauen vergeben. Sie sehen, die beiden Preise bilden die Geschlechterhierarchie ziemlich akkurat ab.

Dazu passt auch die folgende Anekdote: Als im Mai der diesjährige Büchnerpreis dem Suhrkamp-Autor Marcel Beyer zugesprochen wurde, schrieb ich meinen beiden Verlagen, Suhrkamp und Wallstein, stolz eine Mail: „Den anderen Büchnerpreis habe ich bekommen!“ Suhrkamp hat bis heute nicht darauf reagiert, wohl aber meine Lektorin bei Wallstein, die sich sehr mit mir freute.

Nun möchte ich meinen Dank etwas persönlicher aussprechen. Herr Brunner vom Vorstand der Luise-Büchner-Gesellschaft hat mich seit der Ankündigung, dass ich den Preis bekommen sollte – das war im Frühsommer – besonders freundlich, aufmerksam, kompetent und charmant durch alle Orga-Angelegenheiten begleitet. Die Luise-Büchner-Gesellschaft pflegt nämlich eine ungewöhnlich aufwendige und empathische Willkommenskultur. Das empfanden wir als sehr wohltuend. Wir kamen mit einer Stunde Verspätung in Darmstadt an – macht nix, sagte Herr Brunner beruhigend, wir warten hier auf Sie. Es war ein feministischer Stadtrundgang geplant unter Leitung von Agnes Schmidt, der Vorstandsvorsitzenden. Dieser Stadtrundgang musste nun abgeändert und vor allem gekürzt werden, denn es war schon fast dunkel, als wir ihn endlich antreten konnten. Frau Schmidt ist eine sehr kundige Führerin – ihr profundes Wissen zur Frauengeschichte und ihr intensives Engagement für die Sache der Frauen haben mich fasziniert und beeindruckt. Dafür, und auch für Ihre Rede zur Einführung, in der all das zum Ausdruck kam, ganz herzlichen Dank!

Beim Stadtrundgang waren wir sieben Personen, drei aus Darmstadt, Frau Schmidt, Herr Brunner und Frau Brunner, sowie vier aus unserer alten Hannover-Clique, wie wir uns seit 30 Jahren nennen – inzwischen in alle Himmelsrichtungen zerstreut: Dr. Hiltrud Schroeder aus Berlin, Prof. Dr. Eva Rieger aus Liechtenstein und Prof. Dr. Joey Horsley aus Boston. Nur ich wohne noch immer in Hannover. Die Clique hat gemeinsam viel Feministisches ausgeheckt und gegen zig Widerstände durchgezogen: Den Kalender „Berühmte Frauen“ seit nunmehr 30 Jahren, etliche Bände Frauenbiographien und vor allem das frauenbiographische Web-Portal FemBio. Es ist schön, diese lieben Mitstreiterinnen heute um mich zu wissen. Ich danke Euch von Herzen! Meiner Freundin Eva auch für die schöne, einfühlsame Laudatio – da ich selbst gerade eine halten durfte, weiß ich, was das für eine schwierige Textsorte ist. Und meiner Lebensgefährtin Joey Horsley. Ihr verdanke ich, dass mein Leben, das während der ersten vier Jahrzehnte privat äußerst dunkel und schwierig war, sich wunderbar aufgehellt hat, per aspera ad astra.

Zurück zum Stadtrundgang: Leider bin ich beim schnellen Überqueren einer Straße gestolpert, der Länge nach hingeschlagen und auf den Kopf gefallen. Deshalb war ich nicht in der Lage, noch eine schöne Dankesrede im Hotelzimmer auszuarbeiten, in die meine Eindrücke „vor Ort“ doch „ganz frisch“ einfließen sollten. Stattdessen lag ich dösig auf meinem Hotelbett. Joey leistete erste Hilfe mit Unmengen von Eis, die sie aus der Bar holte und auf meinen dicken Beulen am Knie, auf beiden Händen und an der Stirn verteilte.

Am liebevoll geplanten und sehr opulenten Festessen konnte ich dann aber doch teilnehmen und sogar etliche Gläser von dem edlen Wein trinken. Der Vorstand war voller Mitgefühl – zusammen mit den Schmerztabletten war das die optimale Kur für meinen lädierten Zustand. Aber eine schöne Dankesrede konnte so natürlich nicht entstehen und entstand auch heute früh noch nicht. Zum Glück habe ich aber Ersatz dabei, nämlich eine meiner „ätzenden Glossen“. Da sie einen feministischen Blick auf „den anderen Büchnerpreis“ wirft, dachte ich, sie könnte heute gut passen und denen, die meine Texte nicht kennen, einen Einblick in das geben, wofür ich hier heute geehrt werde.

 

 

20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_070

Agnes Schmidt und Luise F. Pusch

Die Begründung der Jury lautete:

Als Wissenschaftlerin hat sie der Frauenbewegung mit der feministischen Linguistik grundlegende Erkenntnisse und unersetzliche Anregungen gegeben. Als Hüterin und Vermehrerin des Schatzes weiblicher Biografien ist sie zu einer Institution weiblichen Selbstverständnisses geworden. Als Publizistin trägt sie zu einer Welt bei, in der Vernunft und Gleichberechtigung die Grundlage menschlichen Zusammenlebens werden sollen. Damit steht sie in der Tradition Luise Büchners,  für die die weltbewegende Kraft von historischer Kompetenz und kritischer Publizistik Werkzeug des Fortschritts war.

In ihrem Dank hat sie die folgende Glosse vorgetragen.

Freundlicherweise hat sie mir einen Text überlassen, der mit Hyperlinks zu den Quellen versehen ist; diese habe ich auf Funktion, aber nicht auf Inhalt überprüft. Der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft ist übrigens nicht von dem Größenwahn befallen, den kleinen, jungen Preis in eine Reihe mit dem traditionsreichen und durchaus auch verdienstvollen Büchnerpreis der Akademie für Sprache und Dichtung zu stellen. Die Preisträgerinnen allerdings schon. Und die Satzung des Luise Büchner-Preises für Publizistik lässt sehr wohl auch die Prämierung eines Mannes zu. Bisher waren Frauen besser.

2016 waren die Jurymitglieder für den Büchnerpreis: Präsident Heinrich Detering, Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner – 3:7.

Für den Luise Büchner-Preis für Publizistik entschieden neben den 6 Vorstandsmitgliedern – 4:2 – Vertreterinnen des Lions-Club Louise Büchner, des Magistrats der Stadt, des Darmstädter Echo und ein weiterer Publizist – 2:2, also insgesamt 6:4

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Schreiben Männer hierzulande wirklich neunmal besser als Frauen? In England samt ehemaligen Kolonien schreiben sie anscheinend nur doppelt so gut wie Frauen: Sie bekamen seit 1969 „nur“ doppelt so häufig den Man Booker Preis (15:30). In den USA schreiben Männer seit Bestehen des Pulitzerpreises für Fiction (1948) nur knapp zweieinhalbmal besser als Frauen (17:41). In Frankreich seit Bestehen des Prix Goncourt (1903) dafür sogar elfmal besser (9:99). Ob das an der Gleichsetzung von „égalité“ mit „fraternité“ liegt?20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_081

Dieser Tage  [Mai 2011] lasen wir in der Presse, dass der Büchnerpreis – wichtigster Preis für deutschsprachige Literatur – an F. C. Delius geht. Freut mich für ihn – aber eigentlich war ja Ilse Aichinger endlich mal dran, schließlich wird sie im November 90, allzu viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ihr Mann, Günter Eich, bekam den Preis schon vor 52 Jahren, 1959, mit 52 Jahren. Also nun mal los, meine Herren, worauf warten Sie denn noch? Delius ist erst 68, er schätzt Aichingers Werk und hätte ihr bestimmt gern den Vortritt gelassen.  [Aichinger starb am 10. November 2016; die Akademie hat ihre Chance ungenutzt verstreichen lassen.]

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die den Preis jährlich vergibt, lässt in den Jurys kaum mal eine Frau zu und hat infolgedessen in den vergangenen 60 Jahren kaum mal eine Frau ausgezeichnet. Nur sieben an der Zahl fand sie des Büchnerpreises würdig:

1955 Marie Luise Kaschnitz mit 54

folgen 9 Jahre Männerpreise

1964 Ingeborg Bachmann mit 38

folgen 16 Jahre Männerpreise

1980 Christa Wolf mit 51

folgen abermals 16 Jahre Männerpreise

Mitte der neunziger Jahre scheint die Frauenbewegung auch in der Darmstadter Akademie angekommen zu sein (ähnlich wie seit 1991 in der Stockholmer Nobel-Akademie, die zwischen 1991 und 2009 genau so viele Frauen auszeichnete wie in den 90 Jahren davor, nämlich sechs, macht zusammen zwölf). 1996 erhält Sarah Kirsch den Büchnerpreis mit 61 Jahren, und von da an werden die Pausen kürzer:

1998 Elfriede Jelinek mit 52
2001 Friederike Mayröcker mit 77; ihr Gefährte Ernst Jandl bekam den Preis schon 17 Jahre vor ihr mit 59 Jahren.
2005 Brigitte Kronauer mit 65

Folgen 7 Jahre Männerpreise

Nachtrag:
2012 Felicitas Hoppe mit 51,
2013 Sibylle Lewitscharoff mit 59.

Nach dem kurzen Frauenfrühling wurde es also gleich wieder männlich-herbstlich. Zwischen 2005 und 2012 kein einziger Büchnerpreis mehr für eine Frau, nichtmal an Nobelpreisträgerin Herta Müller! Böswillig verpasst hat die Akademie auch Hilde Domin; sie starb 2006 mit 96 Jahren, da wäre vorher ja wohl genug Zeit gewesen.

Die beiden neben Kafka berühmtesten deutschsprachigen Schriftsteller, Thomas Mann und Bert Brecht, bekamen den Büchnerpreis nicht. Sie starben vielleicht zu früh; die „geistige Führungsschicht“ Deutschlands schmollte in den fünfziger Jahren noch gegen die Emigranten. Aber die drei männlichen deutschsprachigen Nachkriegs-Nobelpreisträger für Literatur, Böll, Canetti und Grass, sind selbstverständlich auch Büchnerpreisträger. Von den drei NobelpreisträgerinnenNelly Sachs, Elfriede Jelinek und Herta Müller, bekam nur Jelinek den Büchnerpreis.

Drewitz und (unverzeihlich!) Haushofer haben sie verpasst, desgleichen Fleißer und Reinig, Wohmann – und nun auch noch Aichinger. Gabriele Wohmann, gebürtige Darmstädterin, Mitglied der Akademie und wohnhaft in Darmstadt, musste Jahr um Jahr erdulden, dass der Preis vor ihren Augen an andere verliehen wurde.

Der Büchnerpreis ist die Eintrittskarte für ein besseres Schriftstellerleben: Weitere lukrative Preise, höhere Auflagen, mehr Einladungen zu Lesungen mit höheren Honoraren, Gastprofessuren, Auslandsstipendien, undsoweiter. Schriftstellerinnen gebührt auch ein Stück von diesem Kuchen, und zwar genau jene Hälfte, die die Männer bisher brüderlich unter sich aufteilten. Leserinnen und Leser würden auch profitieren von einer weniger männerlastigen Literaturlandschaft.

Da unser angesehenster und höchstdotierter Literaturpreis ein Männerpreis ist, obwohl er zur Hälfte von weiblichen Steuergeldern finanziert wird, sollten wir nicht nur eine geschlechtergerechte Besetzung der Jury, sondern überdies die Preisvergabe nach dem Reißverschlussprinzip fordern. Rückwirkend! Bei insgesamt bisher 65 verliehenen Preisen hätten 33 an Frauen gehen müssen, es waren aber nur 9, die restlichen 56 gingen an Männer. Fehlen also noch 47 Frauen, bevor wieder ein Mann dran ist. Zunächst mal kommen Herta Müller, Monika Maron, Ulla Hahn, Marlene Streeruwitz, Julia Franck, Waltraud Anna Mitgutsch, Kathrin Schmidt, Terézia Mora, Katja Lange-Müller, Birgit Vanderbeke, Sigrid Damm. Postume Preise sollten gehen an die ErbInnen von Ilse Aichinger, Ruth Rehmann, Angelika Schrobsdorff, Gabriele Wohmann, Nelly SachsIrmgard KeunMarieluise Fleißer, Ingeborg DrewitzBrigitte ReimannMaxie Wander, Irmtraud MorgnerAnja LundholmCaroline MuhrChrista Reinig, Marlen Haushofer, Christine LavantChristine BustaAngelika MechtelLibuse Monikova. Undsoweiter, wir kriegen die Liste im Handumdrehen voll.

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Sie sehen, der Vorstand der Luise-Büchner-Gesellschaft hat das Unrecht erkannt und hält schon mal tapfer dagegen. Der Georg-Büchner-Preis ist ein Männerpreis, der Luise-Büchner-Preis ein Frauenpreis, jedenfalls ging er bisher ausschließlich an Frauen. Nur an der finanziellen Ausstattung muss noch nachgebessert werden, damit der „Gender Gap“, die Geschlechter-Kluft, nicht allzu weit klafft.

Sie haben vorhin in Eva Riegers Laudatio gehört, dass ich in jüngeren Jahren mal das Heisenberg-Stipendium bekommen habe. Es waren 300.000 DM, fünf Jahre absolute Forschungsfreiheit. Ich kam nicht dazu, den Geldsegen auszugeben, stattdessen habe ich rund um die Uhr für die feministische Linguistik gearbeitet. Aber nebenbei habe ich mit dem Pfunde gewuchert, nämlich erfolgreich an der Börse spekuliert. Und bald werde ich davon „etwas zurückzugeben“, wie es immer so nett heißt, und zwar u.a. der Luise-Büchner-Gesellschaft, als Dank für ihre Auszeichnung – und weil wir Frauen es einfach verdient haben!

 

Hannover, 12.12.2016

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