Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

20.5.2015

Die Büchners erobern die Bretter, die die Welt bedeuten

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Probenfoto (Copyright Tina Perisutti)

Nach der Uraufführung von „Die Nerven der Fische“ sind jetzt erste Besprechungen erschienen:

 

Die Kronenzeitung (wohl nicht online, hier der Ausriss beim Theater) schreibt:

„Lange schon hat es hierzulande kein Stück mehr gegeben, das die zügellose Lust am Experiment zur Kunstform erhebt“

 

und die „Kleine Zeitung Kärnten“

 

„ … mit Zitaten geizt sie nicht, die jüngste und … vorerst letzte Produktion des klagenfurer ensembles …”

 

Wer Lust und Gelegenheit hat, sich selbst ein Bild zu machen, fahre hin –
nach den Aufführungen in Klagenfurt gibt es noch ein Gastspiel in Graz:

Diese Aufführungen finden statt: 23., 24., 25., 26., 27. Juni 2015, jeweils 20.00 Uhr im Tanz&TheaterZentrum Graz

SPeterBrunner

 

von Peter Brunner

13.5.2015

Die Nerven der Fische

Eines der tiefsten Worte in der Deutschen Sprache ist „Familienbande”
soll Karl Kraus gesagt haben, und wohin sollte dieses Zitat passen, wenn nicht gerade ins Geschwisterblog zu einem Thema aus Österreich.

 

Nach der Geschwister-Revue über die „fabelhafte Büchnerbande”, Peter Schanz‘ Theaterstück über Luise und Mathilde und der Dramatisierung von Edschmids Rosen-Roman über Georg Büchner durch die Büchnerbühne hat sich jetzt ein österreichisches Theater, das Klagenfurter Ensemble, des Stoffes angenommen, den die Jahrhundertfamilie zweifelsohne bietet.

Die Nerven der Fische
FamilienLustSpiel à la Büchner
von Josef Maria Krasanovsky und Alexander Mitterer
Bühne und Regie: Josef Maria Krasanovsky

soll am 18. Mai in Klagenfurt uraufgeführt werden.

Im Text zur Inszenierung heißt es:

Nach der Koproduktion des Theater Kaendace (Graz) mit dem klagenfurter ensemble mit dem Titel „Wozzek oder das Leben liebt die Klinge“ im Jahr 2006, waren zwei Dinge klar: der Kosmos um Georg Büchner hat noch viel zu bieten und das soll wiederum in einer Koproduktion umgesetzt werden. „Die Nerven der Fische“ soll diesen vielschichtigen Kosmos theatral zeigen:

Der Titel des Stückes ist auch der Beginn des Titels von Georg Büchners Doktorarbeit an der Universität Straßburg, welche von den Sehnerven der Rheinbarbe handelt und aus einem naturwissenschaftlichen und einem philosophischen Teil besteht. Schließlich schnitt sich der 23jährige Georg Büchner mit dem Seziermesser und starb an dem darauffolgenden Wundfieber. 

Die Familie Büchner ohne den inzwischen berühmtesten Vertreter Georg wird dargestellt:von tatsächlichen Biographien ausgehend, geht die Geschichte über in Fiktion und thematisiert den aktuellen Gesellschaftszustand. Dabei steht die Familie als Sinnbild der Gesellschaft und wird somit zum Reflektor unserer Zeit. Bislang gibt es kein einziges Stück über diese Familie, welche damals Themen aufbrach, die heute wieder sehr aktuell ist.

Das verschwundene Stück mit dem Titel „Pietro Aretino“ schürt Mutmaßungen: – Warum ist das Drama verschwunden? – Wovon handelte das Drama? Der Namensgeber des Dramas „Pietro Aretino“ war bekannt für seine deftig-frivolen Sonnete. Vor allem Georg Büchners Verlobte Wilhemine (Minna) Jaeglé wurde für das Verschwinden des
Dramas verantwortlich gemacht.

Der Autor, Regisseur und Bühnenbildner Josef Maria Krasanovsky:
„Es ist ein poetischer Abend mit großem Hang zur Ehrlichkeit. Und er ist lustig.“

Der Mit-Autor und Schauspieler Alexander Mitterer:
„Das Wirken Georg Büchners auf seine damals so berühmte Familie soll dargestellt werden.“

Der künstlerische Leiter des klagenfurter ensemble Gerhard Lehner:
„Hier findet zeitgenössisches Theater statt, welches auch als Experiment bezeichnet werden kann.“

Dem ist zunächst nichts hinzuzufügen – außer der Wusch nach gutem Gelingen!

Gerade schreibt mir die Produktionsleiterin, Tina Perisutti, auf meine Bitte um den Text oder gar einen Mitschnitt der Aufführung:

„Bezüglich Textbuch bzw. Filmmitschnitt sind wir leider abhängig von den uns zur Verfügung gestellten Mitteln, und die sind im Land Kärnten gerade so bestellt, dass wir unser Theater zumindest für die nächsten drei Monate schließen werden müssen.”

 

SPeterBrunner

von Peter Brunner

13.2.2015

„Der Künstler und die Macht – vom Biß in die fütternde Hand“

 

„Büchners Aretino – Eine Fiktion“ am 21. 2. auf der BüchnerBühne

22. 2. Podiumsdiskussion mit dem Autor

 

Jan-Christoph Hauschildt hat über ein angeblich verschollenes Manuskript Georg Büchners geforscht und ein Theaterstück verfasst. Er geht der Frage nach, was Büchner an dem Renaissance-Dichter Pietro Aretino interessiert haben könnte. Hier wurde schon mit einigen Beiträgen über das Aretino-Gerücht berichtet.
Das Stück wurde am 17. Oktober 2014 auf der BüchnerBühne in Riedstadt-Leeheim uraufgeführt und erzielte bei Publikum und Kritik starke Beachtung. Nun kommt es am Samstag, 21. Februar um 19:30 Uhr zum vorläufig letzten Mal auf den Spielplan.

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Tizian: Aretino

Die Handlung führt ins Rom des Jahres 1522 und behandelt Aretinos Ringen um künstlerische Unabhängigkeit und geistige Freiheit in einer unfreien Welt. Der tägliche Kampf um die Grundbedürfnisse gebiert ein allgemeines Sündenbewusstsein. Die Menschen leben in Furcht und Schrecken vor den Strafen, die sie im Jenseits erwarten. Geschäftstüchtige Politiker und religiöse Fanatiker wissen dies in einträgliche Bahnen zu lenken, das Ablasswesen blüht. Die spitze Feder des Satirikers macht Aretino beim Volk und bis in die höchsten Kreise berühmt. Doch ein System, das davon lebt, den einzelnen in wirtschaftlicher, politischer und geistiger Abhängigkeit zu halten, kann dies nicht lange dulden.

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Hauschild und Suhr nach der Premiere

 

Der Autor wird sowohl an dem Theaterabend anwesend sein wie am darauffolgenden Sonntag, dem 22. Februar 2015, um 16 Uhr an gleicher Stelle zu einer Podiumsdiskussion:

 

 

 

 

 

Auf Einladung der Büchnerbühne und der Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft findet am Sonntag, dem 22. Februar, 16 Uhr im Theater eine Publikumsdiskussion statt unter der Überschrift:

„Der Künstler und die Macht – vom Biß in die fütternde Hand“

Jan-Christoph Hauschild wird die Arbeit an seinem Text und seine Überlegungen, sich Büchners Schreiben und Denken anzunähern, erläutern.

Im Gespräch mit Theaterchef und Regisseur Christian Suhr und meiner Wenigkeit (dem Publizisten und Berater Peter Brunner, Autor des weblogs geschwisterbuechner.de und Mitglied im Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft), soll eine der Fragen im Mittelpunkt stehen, die das Drama thematisiert:

 

wie der Konflikt zwischen Fressen und Moral Künstler und Publikum trennt.

 

Eintrittskarten gibt es entweder direkt im Theaterbüro (montags bis mittwochs von 12:00 bis 15:00 Uhr) oder im Online-Ticketshop auf der Internetseite . Neben der Buchhandlung Bornhofen in Gernsheim (Magdalenenstraße 55) sind Karten auch bei der Musikschule Tolkien in Riedstadt (Bahnhofsallee 6), Groß-Gerau (Darmstädter Straße 62) oder Weiterstadt (Kreisstraße 99) erhältlich. Außerdem hält der Darmstadt-Shop im Luisencenter Vorverkaufskarten bereit. Theaterkarten kosten einheitlich 18 Euro, ermäßigt 15 Euro. Der Eintritt zur Diskussion kostet an der Abendkasse sieben, im Vorverkauf fünf Euro. Ermäßigungen erhalten Mitglieder des Theatervereins, Schüler, Studenten, Sozialleistungsempfänger und Schwerbehinderte.

Das Theatercafé öffnet bereits ab 18:30 Uhr am Samstag und um 15:00 Uhr am Sonntag.

von Peter Brunner

 

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14.11.2014

Theater an Luises Todestag

Im Mai 2012 habe ich hier Peter Schanz‘ Theaterstück „Luise und Mathilde“ besprochen und geendet:  „Als erfrischender Kommentar zum gelegentlich überintellektualisierten Georg Büchner-Gedenken ist dieser schönen Aufführung als Denkmal der Büchnerschwestern und als Memento der noch lange nicht am Ziel angekommenen Frauenbewegung viel Erfolg und eine lange Spielzeit zu wünschen!”

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Mathilde Büchner (1815 – 1888)

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Luise Büchner (1821- 1887)

Leider ist das Stück nicht mehr auf dem Programm des Darmstädter Staatstheaters, aber inzwischen hat sich die Junge Bühne Schlangenbad unter der Regie von Michael Tarnowski seiner angenommen.

Zu den gesicherten Überlieferungen der Büchners in Darmstadt und Pfungstadt gehört, dass Festlichkeiten aller Art mit literarischen und musikalischen Aufführungen zu begangen wurden (zu Wilhelm und Elisabeths silberner Hochzeit 1870 in Pfungstadt musste die ganze Familie in die Rolle antiker Götter schlüpfen …), und so bietet es sich ja an, zu Luise Büchners Todestag am 28. November an diese Tradition anzuknüpfen.

Im Darmstädter Literaturhaus bietet die Luise Büchner-Gesellschaft jetzt die Gelegenheit, Hildrud Hauschke und Rita Rosen mit der szenischen Lesung des Stückes zu sehen, was ich nur empfehlen kann:

Freitag, 28. November um 19 Uhr
Literaturhaus (Kennedy-Haus), Kasinostr. 3
Luise und Mathilde – szenische Lesung mit Rita Rosen und Hiltrud Hauschke

Eintritt: 6 € 

 

SPeterBrunner

von Peter Brunner

20.10.2014

Der größte Dichter? Als Hurenbock ist er uns wohlbekannt!

Georg Büchner hat wahrscheinlich kein Drama über den Renaissance-Dichter Pietro Aretino geschrieben.

Hier war das gelegentlich Thema, Büchner-Biographien kommen selten ohne den Hinweis auf das angeblich verlorene Stück aus. Jan-Christoph Hauschild hat über Georg Büchner promoviert, wichtige Beiträge zur ersten großen Georg-Büchner-Ausstellung 1986 in Darmstadt geleistet, die bis heute verbindliche Büchner-Biographie geschrieben (bis heute hier lieferbar!)  und mit zahlreichen Forschungen und Publikationen bedeutende Erkenntnisse zu Leben und Werk des Dichters beigetragen.

An Georg Büchners 201. Geburtstag, dem 17. Oktober 2014, brachte die Goddelauer Büchner-Bühne erstmals sein Drama „Aretino – eine Fiktion” auf die Bretter.

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Spannung vor Beginn: Regisseur Suhr, Autor Hauschild und Verleger Guido Huller

Worum geht es?

Pietro Aretino (1492 – 1556) hat ein wahres Renaissance-Leben geführt, aus dem sich Hauschild – durchaus in Büchnerscher Manier – ungeniert bedient, ohne allzu große Rücksicht auf historisch Verbürgtes zu nehmen. Es ist auch nicht sein Ziel, die Lebensstationen des göttlichen Aretiners eins zu eins auf die Bühne zu bringen. Hauschild hat sich mehr vorgenommen.

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Das Ensemble: Melanie Suhr, Tanja Marcotte, Finn Hanssen, Walter Ullrich, Oliver Kai Mueller, Verena Specht-Ro, Ursula Stampfli und Alexander M. Valerius. (Foto Büchnerbühne )

Um reale Personen und verbürgte Ereignisse schreibt er eine Parabel über Intellektuelle und Macht, Korruption und Korrumpierbarkeit und über Not und Überfluß. Dieser Aretino, Liebling des gerade verstorbenen Papstes Leo, fällt beim neuen Papst Hadrian, den man in Rom seiner holländischen Herkunft wegen „den Deutschen” nannte, in Ungnade. Kein Wunder, denn der Neue hat das vatikanische Personal geschrumpft, mit nicht mehr als vier Bediensteten ist er eingetroffen, und sein Kardinal Enkevoirt versichert ihm, dass selbst größte Dichtung zu verwerfen ist, wenn sie den Prinzipien der heiligen Kirche spottet. (Die Parallele zu aktuellen vatikanischen Ereignissen ist frappierend, aber Zufall oder prophetischer Gabe zu verdanken.) Die vatikanische Kamarilla schmiedet eine Intrige: wer Schmutz schreibt, ist auch für den realen Schmutz verantwortlich. Die Pest ist über die Stadt gekommen, weil in ihren Mauern gesündigt wurde, und der Protagonist der Sünde ist ihr Dichter, der sterben soll. Aretino flieht in den sicheren Schutz der Herzogin von Mantua, Isabella d’Este, die sich an ihrem Hof mit dem Großen schmücken möchte. Kein Zufall ist die Anspielung Hauschilds auf den amerikanischen Atomwissenschaftler Edward Teller in Person Leonardo da Vincis in Aretinos Bericht vom päpstlichen Hof. Der habe einen Sprengstoff erfunden, der Menschen tötet und Häuser unverletzt lässt, und da darf Neutronenbombe assoziiert werden. Ursula Stampfli als Marchesa hat unverkennbar alles genossen, was das Leben einer Renaissancefürstin bieten kann, aber ihre Unzufriedenheit wäre nur durch die Gewissheit auf bedeutenden Nachruhm einzudämmen. Aretino wird in Mantua weder an den Fleischtöpfen des Hofes noch  unter dem gemeinen Volk heimisch: „Vor euch steht Messer Pietro Aretino. Der größte Dichter unsres Landes ist er.  – Als solchen kennen wir ihn leider nicht, Als Hurenbock ist er uns wohlbekannt.”  Er macht sich auf den Weg zurück nach Rom, wo ihn, kaum angekommen, die Häscher des Papstes meucheln.

Dass die Goddelauer Bühne mit bescheidener Ausstattung spielt, ist nicht nur der künstlerischen Ausrichtung geschuldet, aber diesem Stück ist das schlichte Bühnenbild und der von den Akteuren bediente Szenenvorhang mehr als zuträglich. Das großartige Ensemble lässt Drehbühne, Hängekulissen und Bühnenmöblierung keinen Augenblick vermissen. Die Entscheidung, den früheren Dorfpfarrer Walter Ullrich als Papst auf die Bühne zu bringen, ist ebenso folgerichtig wie Oliver Kai Mueller und Alexander M. Valerius erst wunderbare Aretino-Freunde und später großartige Mordgesellen abgeben. Ullrichs unleugnbar  südhessische Aussprache macht ihn im Lauf des Stückes immer glaubwürdiger, er personifiziert damit das zögerliche Abwägen zwischen Kunst und Sünde, das ihm Melanie Suhr als Kardinal schneidend verwehrt. Finn Hansen gibt einen Aretino, der büchnersche Melancholie zeigt und bei aller Lobpreisung der körperlichen Befriedigung stets auf der Suche nach der Einheit von Haltung und Leben, vom Richtigen im Falschen, zu sein scheint. Und wo Hauschild den Anschlag am Ende in aller Stille begehen lässt, hat sich Suhr für einen wilden Tanz aller Akteure zur Tarantella Napolitana (übrigens auch der Titelmelodie von Coppolas „Der Pate“… ) entschlossen, bei dem der Sterbende erst wahrgenommen wird, als die Bühne wieder frei ist.

Jan-Christoph Hauschild ist ein Drama gelungen, das mit büchnerschen Methoden einen büchnerschen Stoff auf die Bühne bringt, und der Büchnerbühne ist eine Inszenierung gelungen, die dem mehr als gerecht wird.

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Verdienter Beifall nach der Uraufführung am 17.10. – Ensemble mit Autor Hauschild und Regisseur Suhr (beide hinter Blumen).

Weitere Aufführungen der Büchner-Bühne: 31.10., 8.11., 23.11.

 

 

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von Peter Brunner

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