Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

25.10.2016

Und nach und nach ward’s allen klar, dass Michel doch betrogen war

Filed under: Alexander Büchner,Darmstadt,Genealogie,Geschichte,Texte — Schlagwörter: , , , — peter brunner @ 10:38

Vor 189 Jahren, am 25. Oktober 1827, wurde Alexander Büchner in Darmstadt im Haus der Familie in der Grafenstrasse, geboren.

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Das Haus der Büchners in der Darmstädter Grafenstrasse 39, 1944 zerstört. Fotografie, um 1900. Stadtarchiv Darmstadt

Als alte Männer haben Alexander und Wilhelm Büchner mit wehmütiger Distanz auf ihre Hoffnungen und Taten vergangener Zeiten zurückgeblickt. „Heute, als gereifter Mann, der während seines ganzen Lebens vielfach mit den politischen Verhältnissen in Deutschland vertraut geworden ist, kann es mir nicht einfallen, die fast kindlichen Bestrebungen jener Zeit als solche anzusehen, die jemals auf einen practischen Erfolg rechnen konnten, – aber als Vorläufer jugendlicher Hoffnungen, bei dem Mangel der gesetzlichen Möglichkeiten, Deutschlands Kräfte zu einigen, bleiben sie ein Zeichen der Zeit und ein Fingerzeig für Solche, die glauben mit Ausnahme Gesetzen, den sich regenden Geist in Banden schlagen zu können.” schreibt Wilhelm Büchner an Karl Emil Franzos am 9. September 1878.

 

1851 ließ Alexander Büchner eine Reihe von Gedichten drucken, die im Umfeld seiner Revolutionsaktivitäten 1848/49 entstanden waren.

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Darunter diese beiden, die von zweimal vergangener Hoffnung zeugten:

 

Zwei Geschichten vom Michel.

Erste Geschichte.

1813.

Zum deutschen Michel sprachen einst die Herren:
(Sie legten sich voll Angst zu seinen Füßen,
denn für sie leuchtete keine Rettung Stern)
„wir wollen einen neuen Bund beschließen!
Die Freiheit sei das Unterpfand
und Einheitsband.“

der Michel nahm das Neue Testament,
(das neueste und schlechteste von allen)
sein Schwert ergänzt, die Kriegesfackel brennt,
und Michel´s Kriegsruf hört man laut erschallen.
Bald fliehet aus dem Vaterlande
der Feinde Bande.

Und als der Michel wieder heimgekehrt,
da warf er seine blut´gen Waffen nieder
und legte sich, von seinem Sieg betört
vertrauensvoll auf seine Steine wieder
und träumte von der Preßfreiheit
und Einigkeit.

Da haben ihn die Herren zugedeckt,
mit Ketten und mit Kettchen, grob und fein,
das Testament ward aber nicht vollstreckt –
die Herren wollten wieder Herren sein;
und nach und nach ward’s allen klar,
dass Michel doch betrogen war.

 

Zweite Geschichte.

1848.
Jüngst aber hatte ich einen schönen Traum –
(dass er sich so erfüllte, hofft‘ ich kaum)
da war der liebe Michel aufgetaut
und hatte sich einmal rings umgeschaut.

Da sah er sich mit Ketten ausgeziert,
an Kopf und Magen jämmerlich geschnürt,
die Herren saßen breit auf seinem Bauch
und Tafel nach altem, deutschem Brauch.
Da sprach der Michel: „Liebe Herren, verzeiht,
ist das denn Freiheit, was man mir so beut?
Wie? Ketten um den Hals und um die Hand,
und um die Füße ein gewaltig Band?
Ist das die Preßfreiheit, dass ihr euch jetzt
also auf meinem alten Bauch ergötzt?“

Die Herren riefen: „Alter Michel, still!
Du siehst ja, dass man euer Bestes will,
denn kannst du Hals und Arm und Bein nicht regen,
so wirst auch Hals, Arm und Bein nicht brechen!“

Da ist im Michel ‚mal der Zorn erwacht,
die schweren Fesseln sprengte er mit Macht
und sprang auf seine eigenen Füße wieder –
die Herren fielen jämmerlich darnieder,
„gebt ihr mir nicht, was ihr gesollt,
so packt euch nun, wohin ihr wollt!
Ich nehme mir, was mir gehört,
will sehen, wer es mir verwehrt!“

 

 

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Alexander Büchner 25.10.1827 – 7.3.1904

von

Peter Brunner

Peter Brunner

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18.9.2016

Ein schönes Geburtstagsfest hatte Wilhelm Büchner

Um mit dem Wichtigsten anzufangen: das Tortenatelier hat seine Sache super gut gemacht, die leckeren frischen Kuchen und Torten waren ganz ausgezeichnet und der Service perfekt. Vielen Dank dafür!

Ein kleiner Teil der Gäste vor einem kleinen Teil der Kuchen
Aus Heidelberg war ein Gast gekommen, mit dem ich schon lange korrespondiere, den ich aber zum ersten Mal persönlich traf: Ludwig Steinmetz, Ludwig Büchners Ur-Enkel, der gerade erst aus München umgezogen ist.

Die Vereinsvorsitzende Agnes Schmidt mit Ludwig Steinmetz, Ludwig Büchners Urenkel
Die Freundinnen von der BüchnerBühne hatten im Vorfeld Teile Ihres „LenzMachtLiebe”-Musikprogramms mit unseren Texten abgestimmt, und so ist eine dichte und überzeugende Präsentation von Wilhelm Büchners Leben entstanden, die die Gäste beansprucht, aber nicht überfordert hat (sagte eine zufriedene Teilnehmerin).

Bastian Hahn, Alexander Valerius, Mélanie Linzer, Tanja Marcotte

Linzer, Marcotte

Hahn, Valerius

Christian Suhr
Von Heiner Dieckmann und mir habe ich keine Bilder.
Am meisten bedauert habe ich – bei ausverkauftem Haus – dass nicht nur Wirtschaft, Politik und Kultur Pfungstadts durch Fernbleiben glänzte, sondern dass außerdem dies die einzige Reminiszenz an den „Begründer des modernen Pfungstadts” bleibt.

Das Grab von Elisabeth und Wilhelm Büchner auf dem Pfungstädter Friedhof am 2. August 2016, Wilhelm Büchners 200. Geburtstag
Sowohl diese Veranstaltung wie weitere zu Themen um Georg Büchner, seine Geschwister und das Deutschland des 19. Jahrhunderts sind „auf Abruf zu haben” und Anfragen danach stets willkommen.
Peter Brunner

Peter Brunner

von Peter Brunner

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1.9.2016

„ … bei meinem Bruder Wilhelm, welcher in Pfungstadt, nah bei Darmstadt, eine große Ultramarinfabrik aufgetan hatte.”*

Die Luise Büchner-Gesellschaft veranstaltet ihr alljährliches Sommerfest 2016 anlässlich Wilhelm Büchners 200. Geburtstag in seiner Pfungstädter Villa und lädt mit der Bitte um Anmeldung bei Ilse Kuchemüller (mail: ilse.kuchemueller@t-online.de , tel: 06151 / 44 400) herzlich ein:

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  • aus Alexander Büchners Erinnerungen „Das tolle Jahr. Von einem, der nicht mehr toll ist“ (mehr dazu hier) 

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

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11.6.2016

„Auch hoffe ich daß Du Schmetterlinge einsammlen wirst”*

Filed under: Büchner,in eigener Sache,Publizistik,Rezension,Texte,Theater,Veranstaltung — Schlagwörter: , — peter brunner @ 13:56

Das Zitat im Titel stammt aus Wilhelm Büchners Brief vom 13.11.1831 an den Bruder Georg in Straßburg. Ich nehme es als Metapher für eine Möglichkeit, die ich gefunden habe, um dies und das für Sie aufzuspießen.

Ich suche schon lange nach einer Form, mit der die zahlreichen kleinen „Büchner”-Nachrichten und Informationen, die mir über den Tag begegnen oder auf die ich hingewiesen werde, den Leserinnen hier zugänglich gemacht werden können.

Es steht ja außer Frage, dass nicht alles, was zum Stichwort „Büchner” in den Weiten des Web vagabundiert, einer ausführlicheren Kommentierung bedarf (oder sie verdient). Das wäre ohnehin schon aus Zeitgründen schon längst nicht mehr zu leisten, ganz abgesehen von der inhaltlichen Kompetenz, die dazu erforderlich wäre. Andererseits möchte ich immer wieder die eine oder andere Nachricht über eine Inszenierung, einen Aufsatz, eine Neuerscheinung, eine Website, eine neue Recherchemöglichkeit usw. usf.  nicht im weißen Rauschen untergehen lassen.

Daher gibt es seit wenigen Tagen eine Pinnwand „Büchners” bei Pinterest,

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die von nun an solche „Büchner-Marginalien”, meist unkommentiert, verzeichnet, wie sie mir unterkommen. Durch einen Klick kommen Sie auf die jeweilige Website, die mir „Pin”-wert erschien. Das kann durchaus auch ein „Memo” für mich sein, darauf – z.B. hier – noch einmal ausführlicher zurückzukommen. Bitte nehmen auch Sie das gerne zum Anlass, zu „Pins”, die Sie dort finden, nachzufragen oder mir Hinweise auf  „Pin”-wertes zu geben.

Eine Erläuterung, was Pinterest ist und wie die Nutzung funktioniert, finden Sie hier.

Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare dazu, besonders gerne natürlich über Ihre eigenen Erfahrungen mit Pinterest im allgemeinen oder mit „meiner” neuen Pinnwand.

Peter Brunner

von Peter Brunner

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24.2.2016

Ein Luxusbegräbnis

Zum letzten Beitrag über die verramschte Büchner-Werkausgabe schreibt mir erfreulicherweise Dr. Herbert Wender und gesteht meinen Thesen zur Bedeutung derselben immerhin „einen gewissen Wahrheitsgehalt” … :

 

„ … bietet die Edition auch ihren Kritikerinnen einen bisher nicht anders verfügbaren Werkzugriff.”
Als einer der mitgemeinten Kritiker der Marburger Büchner-Ausgabe möchte ich das so nicht unkommentiert stehen lassen, denn es kommt doch sehr darauf an, was man unter „Werkzugriff” versteht, um dieser Aussage einen gewissen Wahrheitsgehalt zuzubilligen. In trivialer Weise richtig (Danke! pb) ist sie etwa, wenn als Alleinstellungsmerkmal gelten soll, daß auf den Stummeltext, auf eine gewisse divinatorische Auffassung von Büchners Werk den „Lenz”-Text – gewissermaßen als ‚Fassung letzter Hand‘- verkürzt, so nur in dieser Ausgabe ‚zugegriffen‘ werden kann. (Aber gerade darauf hätten die Kritikerinnen gern verzichtet!)

Richtig ist aber zweifellos auch, daß die jeweiligen Faksimile-Teile den wissenschaftlichen ‚Werkzugriff‘ über die handschriftliche Überlieferung beträchtlich erleichtern, und gerade deshalb erscheint es als Glücksfall, daß das Vermarktungsziel der hoch subventionierten Ausgabe bereits jetzt erreicht ist. Da das Copyright bei der Mainzer Akademie liegt und überdies das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv bereits die Erlaubnis zur Web-Veröffentlichung der vom Archiv zur Verfügung gestellten Scans erteilt hat, darf man hoffen, daß das ebenfalls mit öffentlichen Mitteln geförderte Büchner-Portal diese Scans ‚zeitnah‘, wie es heißt, auch denjenigen zugänglich macht, die sich an der Ramsch-Aktion nicht beteiligen wollen.

Für eine ganze Reihe anderer Aspekte indessen, die im Wissenschaftsbetrieb mit dem Begriff ‚Werkzugriff‘ verbunden werden können, ist die zitierte Aussage schlicht falsch, weil mit Poschmanns Studienausgabe (Klassikerverlag, mittlerweile auch als Taschenbuch-Kassette) immer schon eine zuverlässige Alternative zur Verfügung stand.
Dr. Herbert Wender

Ich bin ganz einverstanden mit diesen Formulierungen und gestehe gerne, dass da bei mir der Bibliomane mit dem Kritiker durchgegangen ist. Und Poschmanns Editionsverdienste wollte ich nicht im Geringsten schmälern – spätestens, seitdem ich dieser 2005 das Büchnersche Schülergedicht auf Schillers Graf Eberhardt verdanke, ist sie mir unersetzlich geworden (Poschmann hat daran offenbar Gefallen gefunden, er zitiert unsere „Welturaufführung” jedenfalls hier auf seinen websites, die zu Text und Textkritik, leider nur bis ca. 2007, ohnehin eine wichtige Quelle sind).

Gleichzeitig werde ich an ein Interview erinnert, das Jan-Christoph Hauschild zum Erscheinen der „Danton-Bände” Radio Bremen gegeben hat (und das hier vollständige Wiedergabe verdient hätte). Dort sagte er u.a. :

 

Ein Luxusbegräbnis ist es. Der Versuch, sich mit diesem elfpfündigen Monument selbst als endgültige Definitionsmacht zu inthronisieren.

Frage: Was stört Sie denn so ungemein an dieser – ich bleibe dabei – opulenten Ausgabe.

Unter anderem die Opulenz. Mit der gleichen Emsigkeit Heine zu edieren, hieße aus den 23 Bänden der Düsseldorfer Heine-Ausgabe 75 zu machen.


Frage: Ich hatte bisweilen den Eindruck, daß man mit diesem Festungsbau – wie Sie sagen – einen Schlußstein setzen wollte.

Einen Schlußstein, der gleichzeitig ein Epitaph fremder Unwissenheit sein sollte. Haben Sie das auch bemerkt?

Frage: Sie meinen die Kritik an Forscherkollegen? Die ist in der Tat augenfällig. Über Dantons vierfachem Guillotinentod wölbt sich ja ein ganzer ein Stammbaum der Irrtümer und Fehldeutungen aus der Pionierzeit der Büchner-Philologie, den die Marburger bis in die feinsten Verästelungen verfolgen.

Wobei ernsthafte Philologen hier Seite an Seite stehen mit Feuilletonisten. Freilich wuchert der Stammbaum nicht überall, sondern nur dort, wo es ziemlich erscheint. Es ziemt zum Beispiel bis heute nicht, daran zu erinnern, daß die Marburger Entdeckung von Heine-Spuren in „Danton’s Tod“ nur eine Wiederentdeckung war, sie hatte zwei Vorgänger. Und lasen wir vor 20 Jahren noch, Büchners Briefe an die Familie seien eigentlich an die Mutter gerichtet, erscheint heute der Vater als der eigentliche Adressat. Doch nach dem Motto: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, werden die eigenen Dummheiten unter den Teppich gekehrt. So wird verschleiert, daß Wissenschaft prinzipiell ein offener Erkenntnisprozeß ist, in dem die vergangenen Irrtümer unter Umständen nützlicher sind als die eigene Besserwisserei.

Es müssen also alle die, die schon kritisiert haben, wie spät mir dieses Begräbnis der Luxusklasse aufgefallen war, weil sie nichts mehr vom Leichenschmaus abbekamen (es sind nur noch ein paar Einzelbände zu haben …) nicht so arg trauern. Und wenn sie sie immer noch nicht haben, endlich die Poschmann-Ausgabe kaufen!

 

von Peter Brunner

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